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»chriMelter: X. wetzler

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M 190.

Fulda, Dimstag den 2L August 1906»

33, Jahrgang.

ghrßtes WLcrlt.

53. Generalversammt««- der Katholiken Deutschlands

I« Wen a. tz. Mr.

(Nachdruck nicht gestattet.)

Cpc. Esse« (Ruhr), 20. Aug. 1906. (Fortsetzung ans dem zweiten Blatte.)

Zweiter Tag (Montag).

Am Morgen fand zu Ehren der allerseligsten Hungfrau in der St. Gertrudiskirche ein Pon- .'tifikalamt statt. Wie am gestrigen Tage, wogen auch heute dichte Menschenmaffen durch die festlich geschmückten Straßen der Stadt. Um 9V* Uhr begann im großen Saale des Städtischen Saalbaues die

erste geschloffene Bersammlnttg.

Prof. Prill verlas nach einer kurzen Be­grüßungsansprache des Prästdenten des Lokal- komttees,OberlandesgerichtsratDr. Laarmann, das Huldigungsschreiben an den hl. Vater, auf welches folgende Antwort ein» gegangen ist:

„Mit Freuden haben Wir gelesen, welchen Eifer du und deine Mitarbeiter auf die Vorberei­tung der in Essen abzuhaltenden Generalversamm­lung der Katholiken Deutschlands verwenden. Und da man tneist schon aus dem Beginn auf den Er­folg einer Sache schließen kann, so schöpfen Wir aus beitter und deiner Mitarbeiter Glaubenstreue und Umsicht die begründete Hoffnung, es werde die nächstens in Essen stattfindende Versammlung den übrigen, durch Stand, Bedeutung und Zahl der Teilnehmer, wie durch Gewicht und Wirksam­keit der gefaßten Beschlüsse denkwürdigen Katho­likenversammlungen sich würdig anreihen. Un­sere Söhne in Deutschlattd sind — Wir wissen es .— zu solcher Glaubensfestigkeit und Tattraft her- angebildet, daß Wir nicht zweifeln, es werde von ihnen fortschreitend Gutes für die Religion ge­wirkt werden. Einen steten Fortschritt weisen da die bisher, seit mehr als 50 Jahren, von euch ge­feierten Versammlungen auf: in diesem schon ziemlich langen Zeiträume hat Deutschlattd die Völker belehrt, daß die Katholiken nicht so sehr durch Worte als vielmehr durch Taten wetteifern müßen, und daß diejenigen, die mutig für das Wohl der Kirche kämpfen, auch dem Staate die höchsten Vorteile verschaffen. Mögen Wir also an eure Borfahren, mögen Wir an eure eigene Tüchtigkeit denken, Wir dürfen Glänzendes von euch und von der abzuhaltenden Versammlung er­warten, und Wir vertrauen, daß euer Beispiel in alle Länder hinausgehe und so der Glaube, wo er etwa schwach ist oder darniederliegt — und das müssen Wir mit Schmerz sehen — wieder angeregt werde und neu auflebe. Es freut uns, daß die Stadt Eßen zum Sih der Versammlung ausersehen wurde, da ihr Name in zweifacher Beziehung einen,guten Klang hat, wegen des werttätigen Leben nämlich sowohl in religiöser Hinsicht als auch in den bürgerlichen Dingen. Wenn die Stadt im Erwerb vergängli­cher und hinfälliger Güter Großes leistet — und Wir wünschen daß sie auch hierin ohne Unter­brechung fröhlichen Erfolg habe, — so wird sie ge­wiß ebenso Großes leisten zum Schutz und zur Förderung der unvergänglichen Güter, was ja der Zweck der Generalversammlung ist. Darum spre­chen Wir den wärmsten Segenswunsch aus für einträchtige und erfolgreiche Beratungen auf der Versammlung und ermuntern die Teilnehmer, fie

mögen für eine reiche Frucht derselbe« so arbei- ten, daß Eßen gewißernmßen einen neuen Ehren- titel aus ihrer Arbeit erlange. — Um den gött­lichen Beistand zu erflchen und als Unterpfand Unsres Wohlwollens erteilen Wir dir und deine« Mitarbeitern und allen denen, die zur Teilnahme an den Verhandlungen zusammenkommen, von Herzen im Herrn den apostolischen Segen.

Gegeben zu Rom bei St. Peter, am 2. Aug. 1906.

im 3. Jahre Unseres Oberhirtenamtes.

Pius X., Papst."

Ein dreimaliges begeistertes Hoch dankte dem Papste für die Spendung des Segens.

Es folgt die Wahl des Präsidiums deren Ergebnis wir bereits gestern telegraphisch gemeldet haben. Der Vorsitzende des Lokalkomi­tees, Landgerichtsdirettor Dr. Laarmann, em­pfahl namens des Lokalkomitees als Präsidenten einer. Herrn, der schon in Dortmund die General­versammlung geleitet und seine Sache sehr gut gemacht habe: den Reichstags- und Landtagsab­geordneten Landgerichtsrat Gröber (Heilbronn). (Stürmischer Beifall.)

Landgerichtsrat Gröber: Die zehn Jahre seit der Dortmunder Generalversammlung, eine Zeit schwerer politischer Kämpfe, sind nicht spur­los an mir vorübergegangen, aber mich tröstet der Gedanke, daß das Lokalkomitee so gut vor­gearbeitet hat (Bravo), und daß ich mich auf zwei kräftige Vizepräsidenten stützen kann. (Heiter­keit.) Ich denke aber auch, daß der Rest von Kraft, den ich noch besitze, eingesetzt werden muß für unsere hl. Sache. (Beifall.) Dortmund und Essen sind Städte der Arbeit und der Arbeiter; und wenn man sich erinnett, wie sich die katho­lische Arbeiterschaft an der General-Ver­sammlung beteiligt und wer, wie ich, eine große Anzahl von glänzenden Festzügen gesehen hat, welche die Arbeiter zu Ehren des Katholiken­tages veranstaltet haben, von denen der gewal­tigste gestern vor uns aufmarschierte, muß man gerührt werden, diese Veranstaltung muß die härtesten Herzen rühren, selbst wenn sie aus Effener Gußstahl wären. (Heiterkeit und Zustimmung.) Wer das gesehen hat und weiß, wie wir dieses Juwel in der Festeskrone unserer Katholikentage dem Dortmunder Tage verdanken und deren Feld­herrn Len sing, der mit scharfem Blicke die Be­deutung erkannte und die richtige Organisation fand, der wird noch besonders über den Dort­munder Tag denken — das ist der Anfang der großen Arbeiter-Festzüge. Wer den Zug gestern hat an sich vorübergehen. sehen, der wird sich sagen, daß solche Männer des Arbeiterstandes es wert sind, daß alle Kräfte daran gesetzt werden, die noch zur Verfügung stehen. Wer die leuch­tenden Augen der Arbeiter gesehen, wer die Be­geisterung dieser Scharen benmnbert hat, welche aufmarschierten wie ein ganzes Armeekorps und zahlreicher denn ein solches, wird mit Freuden sich bemühen, für diese Männer etwas zu tun, und in diesen: Sinne nehme ich mit Dank für das Vertrauen, das Sie mir schenken, die Wahl an. (Bravo!) Ich bitte Gott, uns Kraft zu ver­leihen, dieses Werk auszuführen. Ich bitte, mir in der Geschäftsführung zu helfen und mich durch ihr Gebet und. ihre Mitarbeit zu unterstützen. (Beifall.)

Landgerichtsdir. Dr. Laarmann: Auf dem Boden, auf dem wir stehen, verträgt sich ganz vorzüglich Adel und Bürgerschaft, wie sich in dieser Stadt Industrie und Landwirtschaft ver­tragen. Ich gestattete mir deshalb, als ersten

Vizepräsidenten vorzuschlagen de« zweiten Dor- sitzenden des Wests. Bauernvereins Frhrn. von Twickel. (Lebhafter, allseitiger Beifall und Zu­stimmung.)

Frhr. v. Twickel: Durch die Wahl zum ersten Vizepräsidenten dieser überaus glänzenden Versammlung haben Sie mir ganz unverdienter­weise eine große Ehre erwiesen. Sie haben aber dabei wohl weniger an meine Person gedacht, als an meine engere Heimat und an den land- wirtschaftichen Berufsstand, dem doch auch recht viele brave Katholiken angehören. (Beifall.)' Sie sind als loyale Staatsbürger und gute Katholiken durchdrungen von der Wahrheit, daß Industrie und Landwirtschaft in unserem Vaterlande keine gegensätzlichen, sondern auf ein­ander angewiesene, gleichberechtigte Er­werbs stände sind und daß von dem Wohl­ergehen des einen auch das Gedeihen des an­deren abhängt. (Lebhafter Beifall.) In diesem Sinne nehme ich die auf mich gefallene Wahl mit großem Danke an. (Beifall.)

LandgerichtsdirektorLaarmann: Ich glaube. Sie würden es alle merkwürdig empfinden, wenn wir hier in der Arbeiterstadt nicht daran gedacht hätten, einen Arbeiter in das Präsi­dium zu wählen. (Beifall.) Wir schlagen Ihnen vor, einen Herrn in das Präsidium zu wählen, der zu unferer Stadt Essen in engster Beziehung steht: den Reichstagsabgeordneten Giesberts. (Stürm, langanhaltender Beifall.)

Reichstagsabg. G i e s b e r t s: Ich danke Ihnen zunächst persönlich für das Vertrauen, das ttt diesem Vorschläge liegt. Vor allem aber danke ich im Namen meiner engeren Freunde. Wir, die wir an der Spitze der christlichen Arbeiterbewegung stehen, speziell hier im Industriegebiet, wir wißen es wohl zu schätzen, wenn das Komitee einen der Unfern ins Präsi­dium beruft. (Lebhafter Beifall.) Unsere Gegner lieben es, angesichts unserer imposanten Festzüge zu behaupten, die ganze Sache sei Staffage, die katholischen Arbeiter seien gewissermaßen das Herdenvieh, das auf Kommando ausmarschiere usw. Was unsere katholischen Arbeitervereine geleistet haben, beweist allein schon das Gegen­teil. Vor allem aber haben Sie dadurch, daß Sie heute einen Arbeiter ins Präsidium berufen haben, dokumentiert, daß Sie zur Verwirklichung unserer katholischen Ideale Mitarbeiter aller Stände und Berufe wünschen. (Lebh. Beifall.)

Hierauf fand die Wahl der Schriftführer und der vier Ausschüße statt. Weiter beschloß die Versammlung, Huldigungstelegramme an P apst und Kaiser abzusenden.

Das Telegramm an den Papst lautet: „An Se. Eminenz den Kardinalsekretär Merry bei Val: Die 53. Generalversammlung der Katholiken Deutschlands, zu der sich in Eßen, der berühmtesten Fabrikstadt Deutschlands, tau­sende treuergebener Söhne der heiligen katho­lischen Kirche, namentlich auch aus dem Ar­beiterstande, zusammengesunden haben, legt dem hl. Vater die Gefühle der kindlichen Liebe und des ehrfurchtvollsten Gehorsams untertänigst zu Füßen und bittet als Unterpfand der väter­lichen Zuneigung Sr. Helligkeit und zur Erlan­gung der göttlichen Hilfe zur glücklichen Vol­lendung der Arbeiten inständigst um den apo­stolischen Segen."

Das Telegramm an den Kaiser erntet: „An Se. Majestät Kaiser Wilhelm II. Die 53. Generalversammlung der Katholiken Deutschlands, zu welcher aus allen Gauen des großen deutschen Vaterlandes die Mttglieder im Mittelpunkte des rheinisch-westfälischen Jndustrie- bezirks, dem gewerbefleißigen Eßen, sich zu- fammengefunben haben, bittet Eure Majestät den einmütigen Ausdruck ihrer vollkommensten Er« zebenhell und unerschütterlichen Treue entgegen­nehmen zu wollen. Ausschließlich geleitet vom . Geiste der Liebe und der Gerechtigkeit, wird die Generalversammlung im Sinne und nach dem Vorbilde Sr. Majestät der Versöhnung »et Konfessionen und der sozialen Gegensätze zu dienen bestrebt sein zum Heile des lieben deutschen Vaterlandes."

Zu Ehrenpräsidenten der 53. General-Ver­sammlung der Katholiken Deutschlands wurden durch Zuruf unter lebhaftem Beifall gewählt: Prälat Hülskamp-Münster, der sein 50- jähriges Priesterjubiläum heuer begeht, und so­dann Matthias Wiese aus Werden.

Der Vorsitzende, Abg. Gröber, widersprach einem aus Anlaß des Regensburger Tages ge­machten Vorwurf. Man spricht uns als poli- tische Parteiversammlung an. Das sind wir nicht, wollen wir nicht sein und sind wir nie gewesen. Wenn wir als Zentrums­partei politisch zusammenkommen wollen, tun wir das, wir brauchen dazu nicht den Katholikentag. Dessen Hauptaufgabe ist es vor allem, die Einig­keit der Katholiken, ihre Glaubensfestigkeit zu er- höhen und daraus folgt, daß wir alle Kontro­versen von den Gegenständen der Tagesordnung ausscheiden.

Sodann wurden eine Resolution zur römischen Frage, sowie Anträge zur Unterstützung deS Bonifatiusvereins, des Raphaelver- eins und des Deutschen Vereins vom hl. Lande angenommen.

Erste öffentliche Bersammlung.

Die ungeheure Festhalle erwies sich für die erste öffentliche Versammlung, über deren »er­lauf wir morgen berichten werden, als zu klein. Alle Plätze waren schon eine Stunde vor Beginn besetzt. In den Zwischengängen und auf den Tribünen standen die Maßen in beängstigender Enge und draußen drängten noch Hunderte nach den Eingängen, durch die niemand mehr in die Halle hineingelangen konnte. Es sprachen: Justizrat Dr. Porsch über die Schulfrage und Kaufmann Nikola Racks-Mainz über das Familienleben und das gesellschaftliche Leben nach christlicher Auffassung.

Die Antwort des Kaisers.

Das Antworttelegramm des Kaisers, da- während der Rede des Herrn Racks eintraf, und sofort der Versammlung vorgelesen wurde, hat folgenden Wortlaut:

Wilhelms höhe 20. August 1906.

Ich habe den freundlichen Gruß der dort ver­sammelten deutschen Katholiken gern entgegen- genommen und mich aufrichtig über die Ver­sicherung gefreut, daß die Generalversammlung der Versöhnung der Konfessionen und der sozialen Gegensätze zu dienen bestrebt sein will. Für diese Kundgebung treuer Ergeben­heit spreche ich der Generalversammlung meinen wärmsten Dank aus. Wilhelm I. R.

Die Versammlung brach in nicht enden­wollende Beifall- und Hochrufe auf den Kaiser aus.

Ei«

ille, ei«

Frei nach dem Englischen von I. Nemo.

26] (Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung aus dem zweiten Blatt.)

„Nein, nein", rief ich daher abwehrend.

Doch Karoline ließ meine Weigerung nicht gelten; als ich endlich einsah, daß fie ärgerlich wurde, nahm ich den Schein an, als hätten ihre Gründe mich überzeugt, und ich duldete es, daß sie sich meines kleinen Schatzes bemächtigte.

„Das ist recht, Fräulein Hilda!" rief sie er­freut. — „Vier, fünf, sechs Schillinge! Nicht übel für den Anfang, aber es muß noch besser Werdern .— Sehen Sie", fuhr sie fort, eine umfangreiche, die Spuren eines langjährigen Gebrauches auf­weifende Börse hervorziehend, „da fft jetzt Ihr Geld — in diesem Täschchen. Niemand weiß da­von, nur Sie und ich. Und wenn Sie es später -einmal sehen wollen, so kommen Sie nur zu mir, -dann zeige ich es Ihnen."

Ich nickte und der Beutel verschwand wieder; dann schob sie ihren Arm in den meinigen.

„Kommen Sie jetzt mit; ich will Ihnen das Gesicht und die Hände waschen, und dann gebe ich Ihnen Ihr FrüWiick."

Ich folgte gehorsam, und im nächsten Mo­ment überschritt ich die Schwelle des anstoßenden Zimmers.

XII.

Es war ein großer, luftiger Raum; ein dicker Teppich bedeckte den Fußboden; an Möbeln jedoch war nur das Allernotwendigste vorhanden. Fen­stergardinen fehlten ganz, nirgends sah man ein Gemälde oder eine sonstige Zierrat, es gab nichts, absolut nichts, worauf das Auge mit Wohlgefallen hätte ruhen, was den Geist der unglücklichen Be­iwohner dieses Gemaches hätte sefftt« oder cmre- hea können.

Ich hatte dies alles mit einem raschen Blick wahrgenommen, während Karoline, mir den Rü­cken zuwendend, die Türe wieder abschloß. Jetzt nahm sie mich bei der Hand und führte mich an zwei ältlichen, stumm neben einander sitzenden Frauen vorbei in das angrenzende Schlafzimmer. Sechs Betten, einige Schränke, eine Badewanne und ein riesiger Waschtisch bildeten nebst einigen Stühlen die Einrichtung, alles war jedoch sehr ordentlich und sauber, wie überhaupt im ganzen Hause, soweit ich es wenigstens gesehen hatte, die größte Reinlichkeit herrschte.

„So, jetzt wollen wir Toilette machen."

Ich hatte nie den Luxus eines Kammermäd­chens gekannt, und es kostete mich keine geringe Selbstüberwindung, wie eine Puppe dazustehen, während Karolinens toißige, aber überaus lin­kische Finger mich meiner Oberkleider entledigten. Zwei-, dreimal war ich auf dem Punkte, ihrer Ungeschicklichkeit zu Hilfe zu kommen, besonders als sie an meiner kleinen, noch von meiner ver­storbenen Mutter herrührenden Busennadel zerrte und zog; doch die Furcht, zu vernünftig zu er­scheinen, ließ mich diese Absicht stets wieder auf­geben. Jetzt seifte sie den Zipfel eines Hand- luchs ein, tauchte ihn dann ins Wasser und trat mit unternehmender Miene auf mich zu, um mir das Gesicht zu waschen.

Unwillkürlich wich ich einen Schritt zurück.

„Was nun?" lachte sie gutmütig. „Fürchten Sie sich vor dem kalten Wasser? Kommen Sie, Fräulein Humphries, es ist im Nu geschehen."

Doch ich schüttelte energisch mtt dem Kopfe. „Nicht Du — nicht Du!" rief ich, mich ihren Hän­den entziehend. „Nein, nein, nein, — nicht Du!"

„Wer denn? Madame vielleicht? Kommen Sie, Fräulein Humphries l Pfui, Sie wollen doch nicht den gangen Tag mit ungewaschenem Gesichte herumlaufen?"

Es mag unbegreiflich erscheinen, daß ich eine verhättnismäßig so geringfügige Unannehmlich­keit, wie dieser Waschprozeß es gewesen sein würde, nicht ruhig über mich ergehen liefe, anftott durch

meinen Widerstand mich der Gefahr auszusetzen, Karolinens Unwillen zu erregen. Doch ich konnte nicht anders. Der Gedanke, daß dieser wider­wärtige Auftritt sich Tag für Tag abspielen würde, erschreckte mich; ich fühlte, daß er meine Selbstbeherrschung auf eine zu harte Probe stellen und mich schließlich in einem schwachen Augen­blick zu einer nicht wieder gut zu machenden Un­vorsichtigkeit verleiten würde. Es war also un­endlich besser, wenn ich trachtete, Karoline zu der Einsicht zu bringen, daß ihre Dienste überflüffig waren.

„Nein, nein, nein," wiederholte ich daher mit allen Zeichen des Abscheus. „Nicht Du — ich, ich!"

„Herr Du meines Lebens sieh mir mal einer an! Was wird sie morgen sagen, wenn sie ins Bad soll!" rief Karoline erstaunt. „Fräulein Hum­phries, seien Sie doch verständig", fügte sie in überredendem Tone hinzu. „Geschehen mutz es ja doch, ob Sie nun wollen ober nicht. Nun?"

„Nicht Du — ich, ich!" rief ich, ihre naße Hand zurückstoßend. „Ich selbst — ich selbst!"

„Wie? Können Sie es beim? — Wahrhaftig es geht!"

Ich hatte ihr das Handtuch entrissen und war damit zum Waschtisch geeilt, wo ich jetzt in dem kühlen, erfrischenden Naß plätscherte in einer Weise, welche Karoline die Augen weit aufreißen ließ.

„So was lebt nicht mehr", murmelte sie mit verwundertem Kopfschütteln. „Na, um so besser, hoffentlich ist Fräulein Furber auch so gescheit. — Sind Sie fertig?" fügte sie lauter hinzu, als sie sah, daß ich das Handtuch nieberlegte und meine frühere apathische Haltung wieder einnahm. „Jetzt müssen Ihre Haare noch gebürstet werden. Ich würde mich ober gar nicht wundern, wenn Sie auch damit zurecht kämen."

Ich sah sie mit einem leeren Ausdruck an, doch sobald sie eine reine Bürste und einen ebensolchen

1 Kamm aus einer Schublade hervorgeholt hatte,

bemächtigte ich mich ohne Weiteres dieser Gegen­stände und fing an, sie energisch zu handhaben.

„Das geht ja prächtig!" rief Karoline befrie­digt. „Sie sind eine reinliche junge Dame. Mit Ihnen werde ich wenig Mühe haben, das sehe ich schon."

Ein Spiegel war nicht da, doch ich hatte nie­mals Vergnügen daran gefunden, meine von Na­tur so stiefmütterlich behandelte Physiognomie zu betrachten, und jetzt, mit meinem geschorenen Kopfe, mußte ich geradezu scheußlich aussehen. Das Fehlen dieses sonst für unentbehrlich gehaltenen Toilettengerätes machte mir also durchaus keinen Kummer. Ich zog mein Kleid wieder an und ent­deckte zu gleicher Zeit, daß meine Uhr verschwun­den war. Frau Blair mußte mir sie am vorigen Abend genommen haben, ohne daß ich solches in meiner Aufregung bemerkt hatte. Der Verlust war mir sehr unangenehm, hauptsächlich weil ich ihren Goldeswett in Anschlag gebracht hatte, als ich überlegte, auf welche Weise ich später das zur Reise nach Amerika nötige Geld zusammenbringen wolle. Doch die Sache war natürlich nicht zu än­dern. Ich sah das ein und beschloß, nicht weiter daran zu denken.

Im Wohnzimmer stand das Frühstücksgeschirr noch auf dem Tisch. Karoline legte mir ein großes Butterbrot vor, schentte mir eine Taffe Kaffee ein und forderte mich auf, zuzulangen. Ich gehorcht^ Sett beinahe vierundzwanzig Stunden hatte ich nichts mel)r zu mir genommen, und ich fühlte, daß ich der Stärkung bedurfte. Der Kaffee war wässerig und geschmacklos, das Brot dagegen von ausgezächneter Qualität, und im Ganzen mundete mein Frühstück bei weitem besser, als ich es er­mattet hatte.

Gott sei Dank", murmelte Karoline, „sie kann den Weg zum Munde finden. Die Futterei — brr! Das Herz kehrt sich mir dabei tm Leibe um."

Sie wartete, bis ich mein Butterbrot verzehrt hatte, und bot mir dann ein zweites an, doch ich