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Rotation,druck u. Verlag der Fuldaer Ar» tiendruckerei in 8ulb u Fernsprecher Nr. 9.
Fulda, Montag den 6. August 1906.
JV2 178.
»/ Noch einmal die letzten Ersatz« wählen.
Die letzten Ersatzwahlen zuin Reichstage haben weit über die beteiligten Wahlkreise hinaus eine !fo große Bedeutung gewonnen, daß die Preßerör- 'terungen über die Wahlkampagnen noch immer nicht zur Ruhe kommen wollen. Eine recht bemerkenswerte Auslassung über dieses Thema finden wir in den „Rückblicken" der „Nordd. Allg. Ztg. , die wir inhaltlich kurz wiedergeben wollen, nicht aus Eigenliebe, noch viel weniger um die Wahltaktik des Zentrums zu erklären, die nur in den Köpfen einiger unlieb Enttäuschter „unklar" war, sondern in der Hoffnung, daß die Kreise, dre eS angeht, in ihrem eigenen Interesse zu einem nochmaligen intensiven Nachdenken und eventuellen Schlußfolgerungen veranlaßt werden.
Die „Nordd. Allg. Ztg." weist darauf hm, daß in den Auslassungen des Organs der Frersrnnrgen Volkspartei über den Ausfall der Hagen-Schwelmer Stichwahl es befremden mußte, daß die ausschlaggebende Bedeutung, die dem unter besonders erschwerenden Bedingungen erfolgten Eintritt der ineisten Zentrumswähler für den freisinnigen Kan- didaten unwiderleglich zukommt, völlig in den Nebel leicht vergeßlichen Undanks zurücktrat. Das Blatt konstatiert weiter, daß ein Beweis für die Annahme, es hätte eine Anzahl von Zentrumsleu- tcnten in der Stichwahl in Hagen-Schwelm für den sozialdemokratischen Kandidaten gestimmt, unter allen Umständen fehle. Deshalb sei es verständlich, wenn die Heraushebung dieses für den Wahlausfall ohnehin gleichgiltigen Umstandes im Verein mit der allgemeinen Haltung des freisinnigen Organs für das Zentrum etwas Kränkendes haben mußte. Dann aber fährt die „Nordd. Allg. Ztg." grobes Geschütz auf und kritisiert die Haltung der Liberalen in folgender Weise: „Daß das Zentrum in Hagen-Schwelm weit liberaler, weit toleranter und weit politischer gehandelt hat, als die freisinnigen Wähler in Altena-Iserlohn, leuchtet diesen hinter ihrer Zeit zurückgebliebenen Geistern natürlich nicht ein, die selber Religion von Parteipolitik nicht zu trennen verstehen und deshalb wahrlich am wenigsten berufen erscheinen, die Vorkämpfer gegen die konfessionellen und kirchenpolitischen Bestrebungen des Zentrums, zu agieren. Für die neueren Wahlkämpfe ist es immerhin bezeichnend, daß gerade Leute, die sich Anhänger Eugen Richters nennen, der sich immer be- miiht hat, mit dem Zentrum Fühlung zu halten, in vorderster Reihe bemüht sind, den konfessionellen Hader in der Politik zu verewigen und eine taktische Verständigung des Liberalismus mit dem Zentrum, die ein dringendes Gebot der Selbsterhaltung in erster Linie für den Liberalismus fel- bcr geworden ist, zu hintertreiben."
In den weiteren Auslassungen kommt das offiziöse Blatt auf die „beachtenswerte" Darlegung her „Köln. Volksztg." zu sprechen, die ganz ohne blinden Eifer einfach die Sachlage vollkommen zutreffend so schildert, wie sie sei und zitiert dann bereit Wort: „Noch ein Altena-Iserlohn, und es wird kein Hagen-Schwelm für den Liberalismus geben." Das Zentrum präsentiere feine Gegenrechnung und verlange Gegenseitigkeit, ohne die es keine Vereinbarung, keine Verständigung gebe.
„Noch ein Altena-Iserlohn, und es wird kein Hagen-Schwelm mehr für den Liberalismus geben". Wir können wohl hinzufügen: „und es wird auch in manchen anderen, bisher liberal vertretenen Wahlkreisen das liberale Fähnlein, das ja überhaupt nur locker an der Stange sitzt, heruntergeholt werden." Die Parole: lieber rot als schwarz, dürfte den Anfang vom Ende des politischen Liberalismus überhaupt bedeuten.
wären. Von der Absicht, durch eine durch die Umstände gebotene Zurückhaltung irgend etwas zu vertuschen", könne doch wohl nicht die Rede sein, nachdem in allen zur Kenntnis der Regierung gekommenen Fällen der vorgeschriebene Instanzen« weg beschritten worden sei.
* Mit dem Rücktritt des Ministers v. Pod- bielski rechnet die Berliner ,N. G. K.' Die Korrespondenz begründet ihre Mutmaßung mit der Stellung des Ministers v. Podbielski zu der Finna Tippelskirch. Seine stille Teilhaberschaft, die unter dem Namen der Gattin des Ministers bestände, sei von unterrichteter Seite niemals bestritten worden. Es sei zwar sehr wahrscheinlich, daß Herr v. Podbielski von dem Abhängigkeitsverhältnis des Majors Fischer von Herrn von Tippelskirch nichts gewußt habe, es sei aber peinlich und für die Staatsautorität in hohem Maße schädlich, wenn der Name eines Ministers auch nur mit dem Schein deS Rechtes mit so unliebsamen Vorgängen wie den vorliegenden in Zusammenhang gebracht werden könne. Da der Kaiser in Sachen, die die Armee kompromittierten, keinen Spaß verstände, so sei man der Meinung, daß der Minister sich nun doch wohl werde entschließen müffen — vielleicht erst im Herbst — sein Portefeuille in die Hände des Königs zurückzugeben. Die ,Deutsche Tageszeitung' hält diese Annahme für durchaus unbegründet. Die indirekte Beteiligung des Ministers an der Firma Tippelskirch sei den maßgebenden Stellen längst bekannt gewesen; sie sei kein Hindernis bei der Berufung gewesen und könne also auch kein Anlaß zu seiner Verabschiedung sein.
* Zum Präsidenten des Reichsversicherungsamts anstelle des kürzlich verstorbenen Präsidenten Gaebel ist, wie der Reichsanzeiger meldet, der vortragende Nat im Reichsamt des Innern, Geheimer Ober-Regierungsrat Dr.Jßa ulKauf- mann ernannt. Der neue Präsident ist ein Rheinländer, Sohn des verstorbenen früheren Oberbürgermeisters von Bonn, Dr. Kaufmann.
Gegen die Art, wie die Schulaufsicht in Preußen jetzt ausgeübt wird, hat sich der Vorstand des preußischen Landlehrervereins in einer Petition an den Unterrichtsminister gewandt. Die Petition fordert Abschaffung der Ortsschulinspektion, Durchführung der Kreisschulinfpektion im Hauptamt und Besetzung dieser Stellen durch Männer, welche sich im Volksschuldienst bewährt haben. Die Petition wird mit der bekannten, stets widerlegten Behauptung begründet, daß eine geeignete Schulaufsicht nur von Fachleuten ausgeübt werden könne.
* Verband der katholisch - kaufmännischen Bereinigungen. Der Vorstand des katholischen kaufmännischen Vereins „Merknria" hat an den Vorsitzenden der Zentrumsfraktion des deutschen Reichstages, Grafen v. Hompesch, ein Schreiben gerichtet, worin die Reichstagsfraktion eingeladen wird, der Generalversammlung des Verbandes der katholischen kaufmännischen Vereinigungen Deutschlands beizuwohnen. Dieselbe findet bekanntlich in den Tagen vom 10. bis 12. August in Barmen statt.
* Die Zulassung der Ober-Realschüler zum medizinischen Studium ist dem ,Deutschen Boten' zufolge im Prinzip beschlossene Sache. Der Bundesrat hat ihr vor feinen Sommerferien seine Zustimmung gegeben, nachdem die süddeutschen Staaten ihr lange widerstrebt haben. Entsprechende Vorlagen werden im kommenden Winter die Par-
Deutscher Reich.
Berlin, den 6. August 1906.
* Die Zusammenkunft Kaiser Wilhelms mit König Eduard wird, wie nunmehr feststeht, auf SchloßFriedrtchshof bei Cronberg erfolgen. König Eduard trifft am 15. August, vormittags 9V« Uhr, auf Bahnhof Cronberg ein und wird bis zum 16. August mittags Gast auf Schloß FrtedrichShof fein. Kaiser Wilhelm wird seinen Oheim bei beffen Ankunft auf dem Bahnhofe empfangen.
* Neber ein verlustreiches Gefecht deutscher Schutztruppen in Südwestafrika gegen Hottentotten wird Londoner Blättern aus Kapstadt gemeldet, drei deutsche Kolonnen hätten bei Molsdrift vergeblich eine Abteilung Hottentotten einzuschließen versucht und dabei an Toten 3 Offiziere und 5 Mann zu zu verzeichnen gehabt. — So lange amtlich von deutscher Seite nichts bekannt gegeben wird, möchten wir uns doch erlauben, die Richtigkeit dieser Nachricht zu bezweifeln.
* In der Angelegenheit Fischer bezeichnet die ,Ml. Pol. Korr.' mehrere in der Presse verbreitete Behauptungen als unrichtig. So sei u. a. die Nachricht über ein persönliches Eingreifen des Kaisers gänzlich unzutreffend. Der Kaiser habe erst nach der erfolgten Verhaftung Kenntnis von dem Vorfall erhalten. Auch dem Reichskanzler sei erst vier Tage nach der Verhaftung die Meldung zugegangen. Irgend welche Aeußerungen der Art, daß die „volle Strenge des Gesetzes" walten solle, seien weder vom Monarchen, noch von Nordemey aus erfolgt. Unrichtig sei auch, daß die Verhaftung infolge einer Anzeige der Frau von Tippelskirch erfolgt sei. Das Verfahren sei vielmehr aufgrund der Meldung eines Offiziers und der Anzeige eines früheren Angestellten der Firma Tippelskirch eingeleitet worden. Die ,Post' bemüht sich, den Fall Fischer als ziemlich harmlos hinzustellen. Zu einem großen Kolonialskandal die Sache aufzubauschen, liege kein Grund vor. Eine Persönlichkeit der Kolonialverwaltung habe die Lieferanten angeborgt. Nun stelle man sich vielfach so, als ob es sich um Millionenunterschleife handele, als ob das Reich jahraus jahrein um Millionen betrogen worden sei. Das fei natürlich wieder eine Hetzarbeit der militärfeindlichen Demokratie. Von einem Panama der Kolonialverwaltung zu reden fei ein Nonsens. — Die ,Post' scheint uns doch hier recht schönfärberisch zu verfahren. — Die Brüder der Frau Major Fischer haben gegen die Blätter, welche die Meldung brachten, die Anzeige gegen den Major Fischer fei von feiner eigenen Frau ausgegangen, Strafantrag gestellt. Auch erklären sie, die Schulden des Major Fischer, die nur noch 6400 Mk. betragen haben sollen, gedeckt zu haben. — In ihren „Rückblicken" befaßt sich die ,Nordd. Allg. Zig.' u. a. mit dem Fall Fischer. Auf die einzelnen Vorkommnisse hier einzugehen sei in dem Stadium, in dem sie sich gegenwärtig befänden, kem Anlaß. Es jei bekannt, daß in den einzelnen Fällen eine Untersuchung veranlaßt worden fei. Das Ergebnis dieser zur gründlichen Klärung des Vorgefallenen eingeleiteten amtlichen Schritte werde abgewartet werben müffen. Gegenüber dem Verlangen, schon jetzt der Oeffentlichkeit daS einschlägige Material zu unterbreiten, betont das Blatt, daß amtliche Veröffentlichungen zur Zeit durchaus unangebracht
33, Jahrgams.
lamente beschäftigen. Man wird in der Annahme nicht fehlgehen, daß dieser Beschluß mit durch den Umstand herbeigeführt worden ist, daß der Kaiser nach wie vor dem Ausbau der Schulreform fein lebhaftes Interesse zuwendet und Berliner ärztliche Autoritäten ihn in dem Streben nach dieser erweiterten Zulassung unterstützt haben.
Ausland.
* In Frankreich sallenin diesem Jahre die großen Manöver aus. An ihre Stelle treten Brigade- und Divisionsmanöver, die aber gerade infolge ihres eigenartigen Charakters ein technisch weit höheres Interesse beanspruchen als die jedjährliche große Truppenparade. Die Fe- siungsmanöver, die unter dem Oberbefehl deS früheren Generalstabschefs General Pendezec vom 20. August bis 6. September in der Nähe von Langers statfinden, kommen dabei in erster Linie in Betracht. Eine Spezialkommission wird dies« Uebungen überwachen, die gemachten Erfahrungen bezüglich der Angriffs- und Verteidigungstaktik, sowie der Widerstandsfähigkeit gewisser Fortt zum Gegenstand eines eingehenden Studiums ma- chen und eventuell Aenderungen Vorschlägen Ungefähr 30 000 Mann beteiligen sich an diesen Manöver», darunter zwei Luftschifferkompagnien, auf die man bekanntlich in Frankreich ein beson deres Augenmerk lenkt. Um das riesige Mate- rial zu befördern, sind etwa 1700 Eisenbahnwagen nötig. In den letzten Tagen werden zwei Forts mit grobem Belagerungsgeschütz beschossen. Die Manöver des zweiten Armeekorps wickeln sich bei Soissons, Chsteau-Thierry und Clermont ab (81. August bis 8. September). Es wird dabei eine Division — ein seit 1886 nicht mehr gemachter Versuch — völlig kriegsgerecht ausgerüstet erscheinen. Das Parlament hat sodann für die diesjährigen Spezialmanöver des Geniekorps und des Trains (8. August bis 9. September) 300 000 Francs bewilligt. Es soll u. a. eine 4 km lange, normalspurige Schienenstrecke unter erschwerten Umständen gebaut werden. Schließlich sei noch auf die Erprobung der Pferdeaushebungen hingewiesen, wobei drei Feldbatterien und eine Eskadron einzig mit den in letzter Stunde ausgehobenen Pferden manövrieren. In Fachkreisen sieht man all diesen Uebungen mit großem Interesse entgegen.
* Zugunsten der französischen Schulbrüder, welche demnächst gleichfalls den Weg in die Verbannung antreten müffen, haben sich dieser Tage aus Anlaß der Schülerpreisverteilungen in den Anstalten der Brüder Msgr. Ger- main, Erzbischof von Tonlose, und Msgr. Dadolle, Bischof von Dijon, ausgesprochen. Msgr. Germain äußerte sich u. a. wie folgt: „Keine Spur von Freiheit und Gleichheit für die ehrlichen Leute, und Brüderlichkeit nur für Freimaurer. Jede Beweisführung ist unnötig. Di« Preisverteilung schloß mit einer einstimmig angenommenen Tagesordnung, die sich gegen dis „infamen Gesetze" richtete, welche die besten Mitbürger und die ersten Apostel der Volkserziehung aus Frankreich verstoßen." In Dijon leitete Bischof Dadolle seine Ansprache mit den Worten ein: „Die Euch davonjagen, wissen sehr gut, dad olles, was sie heute an Pädagogik besitzen, Eua zu verdanken ist. Sie wissen, daß mit der Geburt der glorreichen Schulbrüderinstitute und mit dem genialen Vorgehen Eures hl. Gründers, zum ersten Mal in Frankreich der Kampf gegen die Unwissenheit ausgenommen wurde. Und trotzdem sie das wissen, jagen sie Euch davon."
* Zur Lage in Rußland. Die Auflösung der Duma kann, das muh immer wieder hervorgehoben werden, bei der Eigenart des russischen Volkscharakters keine andere Wirkung haben, als
Ein Wille, ein Weg.
Frei nach dem Englischen von I. Nemo.
9] (Nachdruck verboten.)
Selbst die stärkste Gesundheit mußte auf die Dauer einem solchen Druck unterliegen. Ich wurde nervös und reizbar; halbe Nächte versuchte ich vergebens den Schlaf; mein Appetit schwand; kurz, ich befand mich bald in einer Verfassung, in welcher es, allem Anschein nach, nur mehr eines Stoßes bedurfte, um mich völlig niederzuwerfen. Dieser Stoß kam, doch seine Wirkung war eine andere, als man vielleicht erwartet hatte; ich brach nicht zusammen unter diesem neuen Schlage, im Gegenteil, dieser rüttelte mich auf aus dem Zustande dumpfer Mutlosigkeit, welcher sich meiner bemächtigt zu haben schien; er flößte mir neue Hoffnung und mit dieser auch neue Tatkraft ein.
Das Diner war eingenommen. Ich hatte kaum einen Bissen genießen können. Jetzt spielte ich mechanisch mit meinem Dessertmesserchen; mein Onkel schälte sich eine saftige Birne, während Ralph die Trauben musterte.
„Appropos", sagte letzterer Plötzlich, „wann segelt Lawrence ab?"
Eine Sekunde lang schien mein Herzschlag zu stocken. Beide Herren sahen mich an; in den Augen meines Vetters blitzte es boshaft auf; mein Onkel lächelte.
„Wann?" wiederholte er. „Warte einmal — heute haben wir Montag, nicht wahr? Uebermor- aen, also Mittwoch, geht er nach Liverpool, um sich Dort am nächsten Tage einzuschiffen."
„Geht seine Schwester mit ihm?"
„Allerdings. Er konnte das Mädchen doch nicht Mein zurücklassen. — Du wußtest am Ende noch gar nicht, daß Herr Lawrence nach Amerika geht?" fügte er zu mir gewendet hinzu.
„Nein", stieß ich mühsam hervor.
Wieder blickten vier Augen mich forschend an, doch ich beachtete es nicht, ich hatte nur einen Gedanken, Gerald verließ mich, er ging und ließ mich schutzlos zurück.
„Ich habe ihn mit der Errichtung einer Filiale dort beauftragt", fuhr mein Onkel anscheinend gleichgiltig fort. „Hier würde er es schwerlich zu etwas gebracht haben; in Amerika sind die Aussichten für einen strebsamen jungen Mann günstiger und so nahm er selbstverständlich meinen Vor- schlag dankbar an. Er läßt Dir durch mich Adieu sagen, Hilda. Seine Zeit ist zu beschränkt, als daß er persönlich herüberkommen könnte, um sich von Dir zu verabschieden."
Das Messer, welches ich noch stets in der Hand gehalten hatte, entglitt mir; schwer atmend sank ich in meinen Stuhl zurück.
„Was fehlt Dir? Fühlst Du Dich nicht wohl?" fragte Ralph mit unverkennbarem Spott.
„Ich habe Kopffchmerzen", stammelte ich, die erste Entschuldigung vorbringend, die mir einfiel.
„Schon wieder?" entgegnete mein Onkel in besorgtem Tone. „Armes Kindl"
„O, es ist nichts, es wird schon Vorbeigehen. Darf ich mich zurückziehen?"
„Gewiß," sagte er freundlich. „Gute Nacht, liebe Hilda l"
Endlich war ich allein! Jane, das Stubenmädchen, hatte das Zimmer bereits geordnet, die Fenstergardinen fallen lasten und Licht angezündet; sie würde mich also wohl nicht mehr stören. Ich schloß die Tür sorgfältig hinter mir ab und sank bann, wie gebrochen, auf den nächsten Sitz nieder.
Gerald stand auf dem Punkte, England auf Jahre, vielleicht auf immer zu verlassen. Mein Onkel schickte ihn nach Amerika! Weshalb? War es Zufall, daß dies gerade jetzt geschah, oder Berechnung — wollte man uns trennen?
Wenn mein Onkel wußte oder vermutete, daß ich Gerald liebte, so war es, von feinem Stcmd- vunkte betrachtet, nur natürlich und selbstverständ
lich, daß er alles tat. was :n feiner Macht lag, um mir jeden Verkehr mit ihm unmöglich zu machen. Aber Gerald? Wie konnte er mich verlassen, ohne Abschied, ohne ein einziges Wort! Hatte ich mich auch in ihm getäuscht? War seine Liebe nur eine momentane Gefühlsaufwallung gewesen, ein Produkt des Augenblicks, in einer Stunde erfeimt und in der nächsten erstorben und vergessen?
Doch nein, nein, sein treues Auge konnte nicht lügen, es war unmöglich! Wenn auch die ganze Welt sich als falsch erwies, mein Glaube an ihn würde niemals wanken!
Ich war aufgesprungen und schritt jetzt, von einer inneren Unruhe getrieben, im Zimmer auf und ab.
Gerald ging! Wie hilflos, wie verlassen würde ich sein!
„Gerald!" flüsterte ich händeringend. „O, wenn ich Dich nur noch ein einziges Mal sehen könnte! Gerald, Geliebter, komm' zu mir, oder mein Herz wird brechen!"
Was war das?
Ein namenloser Schrecken durchzuckte mich. War ich denn wahnsinnig? Gerald war meilenweit entfernt, und doch hatte ich deutlich feine Stimme vernommen, welche meinen Namen flüsterte.
„Hilda, ich bin hier!"
All meinen Mut zusammennehmend, sah ich mich um; das Zimmer war leer, entweder täuschten mich meine Sinne ober . . .
„Hilba!" flüsterte es auf'S neue unb bringen- ber, als vorhin. „Ich bin es! Aber ich barf nicht lange hier bleiben. — Hilda!"
„Ah!"
Mein Blut strömte freier; ich holte tief Atem. Keine Sinnestäuschung äffte mich: die Stimme drang durchs Fenster, welches, wie ich erst jetzt bemerkte, weit offen stand. Gerald war draußen!
Mit vor Eile und Aufregung und Entzücken zitternden Fingern schraubte ich die Lampe herab,
denn selbst in diesem Moment war ich besonnen genug, um einzusehen, daß ich sonst Gefahr laufen würde, bemerkt zu werden, falls sich zufälligerweise noch jemand in den Anlagen befinden sollte. Dann schlug ich die Gardine zurück und beugte mich aus dem Fenster. Gerald stand unten am Fuße bet Mauer.
„Hilda, sprich leise", flüsterte er, „Du weißt daß ich übermorgen nach Amerika abreife?"
„Ich erfuhr es heute abend", entgegnete ich mit vor Tränen erstickter Stimme. O, Gerald, wo warst Du während all dieser Zeit? Wenn Du wüßtest, wie ich mich geängstigt, was ich gelitten habe!"
„Ich wagte es nicht, Dir zu schreiben, und Dir die Sache zu erklären, Herz. Dein Onkel richtete es so ein, daß meine Besuche hier überflüssig wurden, und außerdem gab er mir sehr deutlich zu verstehen, daß er dieselben fernerhin nicht wünsche. Du siehst ein, daß ich mich unter diesen Umständen nicht ausdrängen konnte."
„Würde es nicht besser sein, wenn wir ihm offen die Wahrheit sagten?" sagte ich seufzend. „Ich hasse diese Heimlichkeit."
„Hilda, Geliebte, bertraue mir und verlange nichts Unmögliches," flüsterte Gerald mit leisem Vorwurf. „Glaubst Du, daß ich nicht längst offen und ehrlich um Deine Hand angehalten haben würde, wenn ich nicht klar einsähe, daß ein solcher Schritt den Ruin all meiner Hoffnungen bedeuten würde? Ich habe diese Stellung in «mertta nur deshalb angenommen, weil ich dort drüben eher zum Ziele kommen werde. In etwa zwet Jahren hoffe ich die größten Schwierrgketten über- Wunden zu haben. Dann komme rch, um Dich zu holen, Hilda." „
„Gerald, Du weißt, daß ich rerch btn," entgegnete ich leise. „Bleibe h,er. Ist mein Vermögen nicht auch das Deinige?"
„Du vergißt, daß Du erst nach dem Eintritte Deiner Mündigkeit über dieses Vermögen verfügen kannst. Und überdies — wie könnte ich mich