83, Jahrgang.
Fulda, Donnerstag den 2. August 1906.
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verantwortlicher rchriftleiter:I. Baum
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ver «aiser und die Prelle.
Auf seiner diesjährigen Nordlandreise hat der K a i s e r im Hafen von Bergen mehrere Mitglieder einer französischen Reisegesellschaft zu einem Diner an Bord der „Hamburg" geladerr. Der Pariser „Matin" veröffentlicht nunmehr Einzel- heiten über die Tischgespräche, die sich u. a. auch um die deutschen Preßverhältnisse drehten. Vorausgesetzt, daß die Mitteilungen des „Matin" richtig sind, hat sich der Kaiser über dieses Thema wie folgt ausgelassen: „Man hat meine Absichten bei der Marokkoaffäre mißverstanden und meine Gedanken entstellt. Wenn ich jemand beschuldigen wollte, wäre es die Presse., Sie ist an viel Schlechtem schuld. Die Un- Verantwortlichkeit, die im Journalismus herrscht, ist sehr sonderbar. In allen anderen Berufszwer- gen muß jemand genaue Bedingungen erfüllen, nur der Journalist braucht weder Examina noch Studien. Ein junger Mann von 22 Jahren kann in dem größten, geachtetften Blatte der Welt einen Artikel schreiben, der den stärksten Widerhall finden und den mächtigsten Eindruck auf die Zeitgenossen machen kann."
Der Kaiser spricht davon, daß der Journalist weder Examina noch Studien zu machen brauche. Jeder Einsichtige wird über diesen Einwurf den Kopf schütteln. Wer unsere Prüfungsverhältnisse kennt, der weiß, daß ein abgelegtes Examen n och langenicht das Stigma des Könnens und Wissens verleiht. Ein junger Mann von 22 Jahren soll in dem größten, geachtetften Blatte der Welt einen Artikel schreiben können, der den mächtigsten Eindruck auf die Zeitgenossen macht. Jawohl, das kann der junge Mann, wenn er ein ganz hervor- ravender Geist ist und originelle Gedanken zu produzieren versteht. Für gewöhnlich wird das freilich nicht der Fall sein, und nicht bloß in, unseren großen Redaktionen, sondern auch bei den besser gestellten mittleren Blättern aller Parteien sitzen heutzutage meistens Leute, die ganz abge° sehen von dem Fonds an Wissen, der durch das offizielle Studium erworben wird, in der Schule des Lebens und in einem Berufe, der naturgemäß sich mit allen Wissensgebieten zu beschäftigen hat, mehr gelernt haben, als die offiziellen Kreife anzunehmen geruhen . Es gibt kaum einen andern Beruf, in welchem das. Wissen und Können Tag für Tag so scharf auf die Probe gestellt und einer so allgemeinen Kritik unterworfen wird, wie gerade bei der Presse; und wer die Probe nicht besteht, der hat in der Presse bald ausgewirtschaftet, kann dann aber, wie ein Berliner Blatt hervorhebt, immer noch RegierungSrat werden und hohe Posten ausfüllen.
Der Kaiser behauptet, daß er in seinen Absichten bei der Marokkoaffäre mißverstanden worden fei. Der ernste Teil der deutschen Presse kann für sich in Anspruch nehmen, daß er während der ganzen Affäre, bei noch so entschiedenem Eintreten für die deutschen Interessen, zur Ruhe und zum Frieden gemahnt hat. Diese Haltung deckt sich hoffentlich mit den Intentionen des Kaisers. Welche Stellung die sogenannte Hofpartei in jener kritischen Zeit eingenommen hat, entzieht sich unserer Kenntnis.
Wie alljährlich war der Kaiser auch auf seiner diesjährigen Nordlandsreise von einer Anzahl Persönlichkeiten begleitet, die sich seines besonderen Vertrguens erfreuen und ganz verschiedenen Lebensberufen angehören. Der Pariser „Matin" weiß leider nichts davon zu melden, daß eine dieser Persönlichkeiten aufgetreten ist und mit aller schuldigen Ehrfurcht dem Kaiser erwiderte: „Maje- fät irren; derartige Zustände sind n der deutschen Presse einfach un - kn ö glich." — Die hier wiedergegebenen Ansichten des Kaisers sind ja, wie wir schon einmal aus- (ährten, allgemein bekannt. Zur Erklärung bereden macht jetzt in den Blättern eine Erzählung
die Runde, wonach der Kaiser frittier einmal der- sucht habe, mit der Presse Fühlung zu gewinnen und daß in seinem Auftrage Ermittelungen über die Verhältnisse der Presse angestellt worden seien. Diese Ermittelungen, die im Jahre 1898 und 1899 stattfanden, erstreckten sich auf allgemeines Wissen, Vergangenheit, Ver- kehr, Sachverständigkeit und ähnliche Dinge. Das Ergebnis, so wird hinzugefügt, mußte befremden. Uns befremdet dieses Ergebnis durchaus nicht. Wir sind neugierig zu erfahren, durch welche Personen diese Ermittelungen über die „Verhältnisse der Presse" angestellt worden sind. In der gewöhnlichen Umgebung des Kaisers, unter seinen Vertrauensleuten finden wir keinen,, dem wir ein sachverständiges Urterl und die Fähigkeit zu folgerichtigen Nachforschun- gen zuzuerkennen vermögen. Die Untersuchung erstreckte sich u. a. auch über den Verkehr der beobachteten Preßmenschen. Was hat der Verkehr mit der Beurteilung der betreffenden Persönlichkeiten als Fachleuten überhaupt zu tun? Wir vermuten wohl nicht mit Unrecht, daß die vom Kaiser angeordneten Untersuchungen sich etwa in derselben Weise betätigt haben, wie sie etwa bei einem Kandidaten für den Reserveoffizier veranstaltet werden.
Deutsches Reich.
Berlin, den 1. August 1906.
** Der Eisenbahnminister Breitenbach hat am Dienstag die Vertreter von 50 preußi- fchen Vorortgemeinden empfangen, die eine Einrichtung des Vorortsverkehrs nach Berliner Muster anstreben. Der Unterredung wohnte der Direktor der Verkehrsabteilung Oberregierungsrat Stieger bei. Der Minister gab der Abordnung eine förmliche ungeschminkte Absage. Die Ausdehnung des Berliner Vorortsverkehrs auf andere Gemeinden müsse er aus allgemeinen wie wirtschaftlichen Gründen ablehnen. Jede Tarifherabsetzung im Vorortsverkehr lehne er zur Zeit glattweg ab.
* Recht hohe Töne stimmt Dr. Karl Peters in einer Polemik gegen die ,Köln. Ztg.' an, indem er sich in einer Zuschrift an die «Post' wie folgt ausläßt: „Die ,Köln. Zeitung' tischt ihren Lesern auf, es befinde sich bei den Peters-Akten ein Brief von mir an den „Bischof Wood wo od aus Manila", der einen ganz ähnlichen Inhalt mit dem gefälschten Tuckerbrief habe; es handele sich bei dem Streite um den Tuckerbrief also nur um eine Namensverwechselung. Ich bemerke zu dieser Meldung, daß sie auf einer unverschämten Erfindung beruht und daß ich meinen Rechtsanwalt Herrn Dr. Sello ersucht habe, gegen die ,Köln. Ztg.' sofort die Beleidigungs-Klage zu erheben."
Der in dem Disziplinarverfahren gegen Herrn von Puttkamer bestellte Untersuchungs- nchter Straehler wird sich in nächster Woche nach Kamerun begeben, um persönlich an Ott und Stelle die zur Aufklärung des Sachverhaltes erforderlichen Feststellungen zu treffen. — Die in Zusammenhang mit der Affäre Puttkamer vielfach genannten Esser'schen Gesellschaften stellen in einer Zuschrift an den,Bett. Lokal-Anz.' fest, daß Herr v. Puttkamer feine Anteilscheine erhalten hat und daß sie dem Gouverneur für den Fall seines Dienstausscheidens keine Stellung angeboten haben. Auf Wunsch der genannten Gesellschaft wird die Kolonialabteilung die Geschäftsbücher der Gesellschaften durch einen vereidigten Revisor einsehen lassen.
um festzustellen, daß der Gouverneur von Putt- arnrr an diesen Gesellschaften weder beteiligt st, noch Zuwendungen irgendwelcher Att erhalten hat. , ,
Die Untersuchung in der Angelegenheit des Majors Fischer ist der Mationalztg.' zu- olge auch auf den Chef des Stabes beim Oberkommando der Schutztruppe, Oberst Ohne- org, ausgedehnt worden. Es soll ihm mangelnde Kontrolle seines Untergebenen zum Vorwurf gemacht werden. Oberst Ohnesorg hat zurzeit ein Sanatorium aufgesucht. Der Kaiser oll über ihn einen besonderen Bericht eingefor- lert haben.
* Neber daS Verhältnis des Ministers v. Podbielski zur Firma v. Tippelskirch äußert ich die ,Germania': Herr v. Podbielski soll be- änntlich einem Abgeordneten gegenüber ausge- prochen haben, daß er an der Firma Tippels- irch nicht mehr mit Kapital beteiligt, wohl aber an deren Gewinn in irgend einer Form interessiert ei. „Unseres Wissens", so schreibt die,Germania', „kommen hier zwei verschiedene Beteiligungen in Frage, diejenige an der Firma v. Tippelskirch elbst und diejenige am sogenannten Jrnmobilien- yndikat, welches den Fabrikbau in der Lehrter Straße in Berlin bewirkt hat, und dessen Mitglieder sich im wesentlichen mit den früheren Jn- ;abern der Firma v. Tippelskirch decken." Die Germania' bespricht im Anschluß daran den „Fall Fischer" und kommt zu dem Schluß, daß Dem Major Fischer mildernde Umstände zugebilligt werden müßten, weil das System, welches in der Kolonialverwaltung herrsche, gewissermaßen zu Begünstigungen hindränge., Die hunderte von Millionen, welche die Kolonialwirtschaft seit sechs Jahren verschlungen habe, seien größtenteils auf Grund von Monopolverträgen für Lieferungen ausgegeben worden; die Unternehmer hätten dabei enorme Summen verdient and seien dadurch leicht in die Lage gekommen, Vergünstigungen jeder Art zu gewähren; es wäre gewiß kein Wunder, wenn einzelne Personen, die geschäftlich mit diesen privilegierten Personen zu tun gehabt hätten, der Versuchung unterlegen seien.
* Der preußische Bergfiskus ist neuerdings bestrebt, seinen Kohlenbesitz durch Niederbringung neuer Schächte auf seinen westfälischen Gruben zu vermehren. Die ,Köln. Volksztg.' hatte daran die Mitteilung geknüpft, der Fiskus treffe Vorbereitungen zum Eintritt in das Kohlensyndikat. Dieser Nachricht gegenüber stellt eine Berliner Korrespondenz fest, daß sich an der Stellungnahme des Berzfiskus zum Kohlensyndikat seit Schluß des Landtags nichts geändert habe und daß mit dem Syndikat seit über vier Monaten keine Verhandlungen gepflogen seien.
.-. Der /Reichs- und Staatsanzeiger' veröffentlicht den Erlaß betreffend Abänderungen der Verordnung vom 13. Juli 1898 zur Ausführung des Gesetzes über die Naturalleistungen für die bewaffnete _ Macht im Frieden, sowie das Gesetz betreffend Ergänzung des Gesetzes vom 1. Juni 1882 betreffend die Einsetzung von Bezirkseisenbahnräten und eines Landeseisenbahnrates für die Staatseisenbahnverwaltung.
* Das erste deutsche Unterseeboot wird, wie dem ,Berliner Tageblatt' gemeldet wird, am Dienstag auf der Germania-Werft in Kiel zu Wasser gelassen. Die Probefahrten sollen Anfang September beginnen; sie werden ausschließlich von Vertretern des Reichsmarineamts geleite' werden.
* Die strengste Ueberwachung der Eisen« iahnzüge auf den Stationen hat der Minister er öffentlichen Arbeiten dem Zugpersonal jur s Mcht gemacht, um daS verbotene Ein- und AuS- leigen auf bet den Bahnsteigen abgewendeten, Zugseite zu verhindern. Hauptsächlich während der Nachtzeit sollen die Züge vom Stations- und, Zugpersonal streng Überwacht werden. Ferner ollen diejenigen Personen ausS sorgfältigste beob- lchtet werden, die etwa bei oder nach dem An- ahren der Züge noch ausspringen oder ihre Abeile verlaffen oder durch ihr sonstiges Verhalten auffallen. Auf den Wagen befindliche unbesetzt« Bremserhäuschen sind, wie es verschiedenen Blättern zufolge in der Verfügung heißt, unter Ver- chluß zu halten.
Die „Apologetische Rundschau", das Organ der „Zentral-Auskunstsstelle" (Koblenz), bringt in chrer Augustnummer wieder eine Reihe sehr In» eressanter Artikel. Man begegnet häufig der Frage: „Wie kann es angesichts des vielen phy» ischen und moralischen Elends in der Welt einen ;uten und gerechten Gott geben?" Diese oft geteilte Frage beantwortet Dr. Uhlmann-Murg am Rhein in der „Apologetischen Rundschau" mit einer Gründlichkeit und Klariert, wie wir sie selten gefunden haben. In einem Artikel „Das Neueste über den Scheintot und die sich daraus ergebenden praktischen Folgerungen" teilt Pfarrer Pietkin-Sourbrodt die überraschenden Resultate moderner Forschung über den Scheintod mit. Danach können die Sakramente der Buße und der letzten Oelung mit größter Wahrscheinlichkeit noch nach dem scheinbar eingetretenen Tode giltig gespendet werden. Aus dem Aufsatz werden Geist- liche und Laien ebenso interessante als wichtige Lehren entnehmen. Auch die anderen Artikel „Moderne Religion" von M. Canus, „Apologetische Monatsschau", „Die vergleichende Sprachwissenschaft in ihrer Beziehung zur Einheit deS Menschengeschlechtes" von Universitätsprofeffor Dr. Pohle, das Wort Moltkes „katholisch müssen wir doch alle einmal werden", kirchenfeindlich« Verleumdungen — bieten eine anregende und gehaltvolle Lektüre. Wir können die bei aller Gediegenheit des Inhalts billige Zeitschrift (jährlich 3 -M nur bestens empfehlen. '
* Aus dem liberalen Musterländle Baden., In der «Pfälzer Presse' lesen wir: Beim, Karnmerausfluge am Donnerstag fiel es auf, daß kein Minister oder sonstiger Würdenträger des Landesherrn gedachte.' Der Theologieprofessor Tröltsch schien einen An-, lauf zu einem Toast auf den Großherzog zu nehmen, allein feine Rede klang schließlich doch in ein Hoch auf das badische Volk aus. . Die- anwesenden Herren von der sozialdemokratischen Fraktion mußten geschont werden und diesem Schonungsbedürfniffe paßten sich di« Minister, sowie der Protektor Professor Tröltsch an. Das kommt davon I
Ausland.
* Die französische Budgetkommiffion hat nach Anhörung der Minister Clernencau und Poincarö den Beschluß gefaßt, in das Budget des Ministeriums des Jnnem für 1907 diejenigen Kredite aufzunehmen, die notwendig sind, um die vollständige Durchführung des Altersversorgungsgesetzes zu ermöglichen.
* Zur Lage in Rußland. Schon über eine Woche ist seit der Auflösung der Duma verflossen und an Stelle der befürchteten revolutionären Bewegung herrscht eine merkwürdige Ruhe. Petersburg selbst ist ruhiger als zur Zeit der
Frei nach dem Englischen von I. Nemo.
6] (Nachdruck verboten.)
Ich sah beschämt vor mich hin und widmete Mich meiner Häkelarbeit mit einem Eifer, als hinge Europas Wohl und Wehe von der kleinen Decke ab, die ich fabrizierte, doch trotz meines Fleißes fand ich Gelegenheit, hin und wieder einen forschenden Blick aus meinen neuen Bekannten zu werfen. Dieser war, genau besehen, bei toettem nicht so häßlich, wie ich erst gemeint hatte Auf Schönheit konnte er allerdings nicht mehr Anspruch machen, als ich selbst, aber er hatte etwas Gewinnendes an sich, etwas, was mich anzog und mir Vertrauen einflößte. „Nein, Ralph muß sich irren; der Mann ist weder dünkelhaft, noch ein Hohlkopf", dachte ich im Stillen. „Er sieht intelligent aus, mnd was mehr ist, ich bin überzeugt, daß er einen 'offenen, ehrenhaften Charakter hat."
„Hilda, willst Du nachher Frau Wynn sagen, daß Herr Lawrence diese Nacht bei uns bleiben wird?" unterbrach mein Onkel meinen Gedanken- tzang.
Unser Gast machte einige höfliche Einwendun- gen, doch gab er sich endlich zufrieden. Aus einer Bemerkung meines Onkels schloß ich, daß Herr pawrence zeitweilig die Leitung der Geschäfte fibernommen hatte und während der nächsten Wochen noch oft zu uns herüberkommen würde, um feinem Prinzipale Bericht zu erstatten und Verhaltungsmaßregeln einzuholen. Ich fühlte, wie mir das Blut zu Kopfe stieg, während eine geheime mir selbst unerklärliche Freiibe mein Herz rascher klopfen ließ. War es die Aussicht, einmal ein anderes Gesicht zu sehen, andere, neue Gedanken aussprechen zu hören, welche mich mit einer solchen Befriedigung erfüllten?
Bald darauf trat Ralph ein, und wir gingen zu Tische. Dann folgte ein gemütlicher Abend. Mein Onkel war liebenswürdig; Ralph machte zwar hin und wieder eine sarkastische Bemerkung, im Ganzen jedoch behandelte er Herrn Lawrence freundlicher, als ich es zu bofen gewagt hatte, und letzterer erwies sich als der unterhaltendste Gesellschafter, den man sich nur denken konnte. Ich brachte bald heraus, daß er musikalisch sei, und forderte ihn auf, ein Lied zum Besten zu geben. Mit der größten Bereitwilligkeit ging er darauf ein. Ich weiß nicht, ob sein Spiel und sein Vortrag in den Augen eines berufsmäßigen Kritikers Gnade gefunden haben würde; ich kann nur sagen, daß ich jetzt zum ersten Male in meinem Leben mir der Macht bewußt wurde, welche die Musik auf den Menschen auszuüben imstande ist: ich war hingerissen, bezaubert und — unersättlich.
Endlich trennten wir uns, um uns zur Ruhe zu begeben. Doch der Schlaf floh meine Augen. Warum? Weshalb war mir gerade heute das Herz noch einmal so schwer, als sonst? War es, weil ich unwillkürlich während des ganzen Abends Vergleiche zwischen Ralph und Herrn Lawrence ange- stellt und immer und immer wieder erkannt hatte, wie weit ersterer hinter unserem Gaste zurückstand? Ich nahm mir vor, in der Folge solchen gefährlichen Gedanken den Zugang zu meinem Herzen ver- schließen zu wollen, doch wer hat es nicht bereits erfahren, wie schwer, ja wie unmöglich es manchmal ist, einem derartigen Vorsätze getreu zu bleiben! Je weniger ich an Lawrence denken wollte, desto beharrlicher verfolgte mich fein Bild, und desto unbedeutender erschien mir neben ihm mein künftiger Gemahl. Aber stand es denn wirklich schon unumstößlich fest, daß Ralph mein Gemahl werden würde? ...
Vierzehn Tage vergingen. Lawrence kam be - nahe täglich zu uns. Zuweilen brachte er die Nacht bei uns zu; meist kehrte er jedoch noch am selben Abend zur Stadt zurück. Ralph hatte mir noch
immer keinen Antrag gemacht; dies war jedoch weniger seine Schuld, als die meinige: ich schnitt ihm jede Gelegenheit zu einer Erklärung ab. Wie sollte aber schließlich dies alles enden? Ich fand keine Antwort auf diese Frage.
„So darf ich die Dinge nicht länger weiter gehen lassen," sagte ich mir eines Morgens, als ich mich nach einer ruhelos zugebrachten Nacht müde und abgespannt erhob. Entweder oder: wenn ich einsehe, daß ich den Wunsch meines On- kels unmöglich erfüllen kann, so muß ich es ihiu offen und ehrlich sagen. Heute nachmittag totfl ich zum Wäldchen gehen. Dorthin kommt kein Mensch: ich kann dort ungestört denken und einen festen unumstößlichen Entschluß fassen."
Es kostete mich einige Mühe, Ralph zur Einsicht zu bringen, daß seine Begleitung mir nicht erwünscht sei, doch endlich ergab er sich in sein Schicksal, und bald darauf wanderte ich durch, die An- lagen dem Wäldchen zu. Hier suchte ich ein stilles, abgelegenes Plätzchen auf und ließ mich dort am Fuße einer mächtigen Eiche nieder.
Den Kopf gegen den Stamm des altehrwürdigen Baumes gelehnt, saß ich dort eine lange, lange Zeit. Es waren schwere Stunden, die ich so zu- brachte. Ich nahm Abschied von aller Hoffnung auf ein Erdenglück, von allen Herzensträumen. Ich mußte einem ungeliebten Manne meine Hand reichen, während einem anderen — klar erkannte ich es jetzt — mein Herz gehörte. Würde ich die Kraft haben, diese unselige pflichtwidrige Neigung in mir zu ertöten und Ralph nicht nur äußerlich, sondern auch in Gedanken treu zu sein?
„Mit Gottes Hilfe werde ich es können," murmelte ich. „Im Lichte der Ewigkeit besehen, ist selbst das längste Leben nur ein flüchtiger Augenblick. Was kommt es also darauf an, ob ich hier auf Erden glücklich oder unglücklich bin! Die Pflicht ruft, und ich gehorche."
V.
Entschlossen schritt ich dem Hause zu, diesmal den Weg durch den Gemüsegarten nehmend. So gelangte ich zuerst zu den Ställen, wo ich meinem Pferdchen einen kurzen Besuch abstattete. Als ich dann, hart an der Seitenmauer des eigentlichen Wohnhauses entlang gehend, mich den weit offen- stehenden Fenstern des Salons näherte, hörte ich drinnen sprechen. Der weiche Rasen machte meinen Schritt unhörbar. Nichts tag mir in jenem Mo- ment ferner, als die Absicht, lauschen zu wollen; was kümmerte es mich, worüber mein Onkel sich mit Ralph oder mit wem immer unterhielt, was fümmc te es mich besonders jetzt, wo meine Angelegenheiten mich ganz in Anspruch nahmen! Noch eine Sekunde und die Sprechenden würden mich gesehen haben, doch in diesem Momente drang plötzlich mein eigener Name an mein Ohr, und zwar wurde dieser Name ausgesprochen in einem Tone, so voll des ingrimmigen Hasses, daß es mich kalt durchschauerte.
Wie gebannt blieb ich stehen.
„Ralph, Du bist ein Tor", hörte ich jetzt meinen Onkel sagen. „Das Mädchen ist wahrhaftig zu
gut für Dich." ,
„Dor drei Monaten dachtest Du anders", warf Ralph ein. . .,
„Das leugne ich nicht. Aber damals kannte ich das Kind kaum. Jetzt ..." . „
„Jetzt hast Du eingesehen, daß Dein liebes Hildchen ein leibhaftiger Engel ist", bahnte Ralph.
„Sie ist auf alle Fälle ein gutes Mädchen, fügsam, pflichttreu und obendrein gescheit. Wa» willst Du mehr?" , . . „ „
Du hast gut reden", knurrte mein Vetter. „Warum heiratest Du sie selbst nicht, wenn Du sie so bewunderst?"
Ich wagte kaum zu atmen. Der Gedanke, daß es unrecht und unehrenhaft sei, zu lauschen, stieg gar nicht in mir auf: ich dachte nichts, ich übersäte nichts, ich hörte nur.