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Zuldaer W Zeitung

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Rotationsdruck Verlag der Zuldaer Ar. tiendrnckerei in Zulda. Zernsprecher Nr. 9.

M 174.

33, Jahrgang.

Fulda, Mittwoch den 1. August 1906.

Kxstes Wlatt.

* Lin Decken auf der deutschen Beamtenehre.

Vor ungefähr zwölf Tagen wurde Major Fischer, Vorstand bei der Bekleidungsabteilung der Schutztruppen, verhaftet, daS amtliche Verfahren wegen Verdachts der Bestechung gegen ihn eingeleitet und der Beschuldigte in Unter­suchungshaft genommen. Diese Tatsache erfuhr man nicht etwa sofort durch die Regierungs­blätter, sondern neun Tage nach der vollzogenen Verhaftung durch die Indiskretion eines Berliner Lokalblattes, das allerdings gute Beziehnngen zu den maßgebenden Stellen besitzt. Bis heute hat jie Regierung sich nicht veranlaßt gesehen, trotzdeni die Erörterungen über den Fall Fischer in der Presse aller Parteien einen ungewöhnlich großen Raum einnehmen, ihrerseits zu der Sache Stellung zu nehmen.

Wenn im .Vorwärts' irgend ein Blödsinn u scheint, über dessen Unwahrscheinlichkeit sich jeder vernünftige Mensch von vornherein Üar ist, so arbeitet die halbamtliche Berichtigungs- mcischine mit außergewöhnlicher Schnelle. Wenn es sich aber um eine Angelegenheit handelt, welche die wichtigsten Interessen des Staates berührt, dann hält es die Regierung nicht für notwendig, die getreuen Untertanen durch eine authentische Erklärung genau aufzuklären. Man erfährt aus Zeitungsstimmen, daß der Kaiser befohlen habe, die Untersuchung mit aller Entschiedenheit zu führen, und es wird behauptet, daß auch gegen den Vorgesetzten des verhafteten Fischer, den Obersten Ohnesorg, eventuell wegen schlechter Orientierung über seinen Untergebenen einqeschritten werden würde. Diese Erklärung er­scheint uns vollständig überflüssig, weil wir ein scharfes Eingreifen in diesem Falle für ganz selbst­verständlich halten. Wir wollen auch zugeben, daß es durchaus noch nicht an der Zeit ist, wie manche Blätter es tun, von einem Kolonial- Panama zu sprechen; aber an und für sich wol­len ivir den Fall als eine Warnung betrachten und uns nicht nur durch die schöne Versprechung, „die Untersuchung werde ja alles an's Licht brin­gen", beruhst en lassen.

Die preußische und die deutsche Beamtenehre stand bisher unangetastet vor aller Welt da. Unsere Beamten galten als das Sinnbild der Ehrenhaftigkeit und Unbestechlichkeit. Mit Ver- achrung wies man auf den russischen Beamten hin, der für Geld jedem feil ist. Dieser Ruhm der deutschen Beamtenschaft hat durch den Fall Fischer ein Loch bekommen. Alle Vertuschungs- Kunststücke helfen nicht über die Tatsache hin­weg, daß der Mann gegen pekuniäre Vorteile einer privaten Firma Dienste geleistet hat, die er als Beamter und als Offizier vor seinem Ge­wissen und vor dem Staats nicht verantworten kann. Ein gewisses Mißtrauen gegen seine über­scharfe Verteidigung der Lieferungsoerträge mit der Firma Tippelskirch u. Cie. während der letzten Reichstagssession war schon vorhanden. Daß dieses Mißtrauen aber eine so reale Grund­lage haben würde, hätte man doch nicht gedacht.

Angesichts dieser Tatsache, muß es jeder vernünftige Mensch, der noch nicht vom Kolonial- kalter angesteckt ist, eigentlich mit Freuden be­

grüßen, daß durch bett Abgeordneten Etztzerger die Frage der Mißbräuche in unserem Kolonial- fystem zum Rollen gebracht worden ist. Der Herr Abgeordnete hat sich unstreitig, mag er in einzelnen unwichtigen Punkten auch nicht die Geschicklichkeit des alterprobten Parlamentariers bewiesen haben, mit feinen eifrigen Studien über unsere Kolonialverhültnifse den Dank aller Einsichtigen veMent. Um so widerlicher berührt es, daß einzelne Blätter immer noch ver­suchen, die verlorene Sache dadurch zu retten, daß sie an dem Abgeordneten Erzberger per­sönliche Kritik üben und diesen mtt Schmutz bewerfen.

Die Regierung hat bis zum Zusammentritt des Reichstags noch einige Monate Zeit Sie wird sich hoffentlich angelegen sein lassen, den „eisernen Besen" des Herrn Reichskanzlers energisch zur Anwendung zu bringen, um bis zum Wiederzufammentritt der Abgeordneten mit möglichst reiner Wäsche vor dem Reichstag er­scheinen zu können. Wenn sich die Regierung der süßen Hoffnung hingibt, daß der Reichstag im schlimmsten Falle einige Tage über die „Fälle" reden und dann doch gute Miene zum bösen Spiel machen werde, dürfte sie sich vielleicht arg getäuscht haben.

Deutscher Reich.

Berlin, den 31. Juli 1906.

* Die Untersuchung gegen den früheren Gouverneur v. Puttkamer geht ihrem Ende entgegen. Das bisher geführte Verfahren hat, wie der ,Berl. Lokalanz/ wissen will, zunächst ergeben, daß Herr v. Puttkamer seiner „Cousine" einen falschen Reisepaß unter dem Rauten einer Freiin v. Eckardstein ausgestellt hat. Seine Be­hauptung, daß er im Irrtum über ihre Persön­lichkeit sich befunden habe, ist widerlegt. Es ist festgestellt worden, daß Herr v. Puttkamer jene Dame, die jetzt mit einem Herrn v. Germar ver­heiratet ist, im Jahre 1896 als ein Fräulein Ecke in einem Berliner Pensionat kennen gelernt hat. Diesen falschen Reifepaß besaß die jetzige Frau v. Germar längere Zett, bis er plötzlich aus ihrem Schreibtisch verschwunden war; er fand sich aber später in der Rocktasche des Herrn Jesko v. Puttkamer wieder. Auch dieser Umstand dürfte ein Beweis seiner mala fides sein. Was den zweiten Teil der gegen Puttkamer geführten Disziplinaruntersuchung betrifft, so ist bewiesen, daß er sich im Besitze von Ehrenanteilsscheinen verschiedener Kameruner Gesellschaften befunden hat. Diese Ehrenanteilsscheine haben gegenüber anderen nur den einen Vorzug, daß sie dem Eigentümer nichts kosten. Daß Herr v. Putt­kamer als Gouverneur solche Anteilsscheine nicht annehmen durfte, darüber kann kein Zweifel be­stehen. Für das weitere Fortkommen Herrn Jeskos ist übrigens, wie der ,Berliner Lokalanzeiger' hört, für den Fall seiner Amtsentsetzung bereits gesorgt. Diejenigen afrikanischen Gesellschaften, die ihm als Gouverneur von Kamerun nahe ge­standen haben, haben ihm eine hochdotierte leitende Stellung angeboten.

** In den zollpolitischen Differenzen mit den Bereinigten Staaten hat die deutsche Re­gierung endlich eine schärfere Tonart angeschlagen. Deutschland hat bekanntlich durch das bis zum 30. Juni 1907 in Kraft bleibende Abkommen vom Februar d. I. den Vereinigten Staaten den

Mttgemrß jener Zollsätze gewährt, welche den Staaten, mit benen Deutschland Handelsverträge abgeschlossen hat, zugebilligt worden sind. Es entstand batd eine Strettfrage darüber, ob den Vereinigten Staaten auch die in diesen Verträgen nicht enthaltmen Zollvergünstigungen zustehen, welche Griechenland, Bulgarien und Schwülen bewilligt worden sind. Die deutsche Regierung hat diese Streitfrage jetzt dahin entschieden, daß den Vereinigten Staaten ein Meistbegünstigunas- recht nicht zusteht. Eine Reihe amerikanischer Waren hat also bei der Einfuhr nach Deutfch- land höhere Zölle zu entrichten, als die ent­sprechenden jener Staaten, welche mit Deutsch­land einen Handelsvertrag abgeschlossen haben. Amerikanische Holzwaren, Gummischuhe, Preißel- beeren usw. genießen also ni<Ht jene Zollermäßi­gungen, welche Schweden eingeräumt worden sind. Diesen Wink mit dem Zaunpfahl werden die Amerikaner jedenfalls verstehen.

/. Haussuchungen bei Anarchisten haben in letzter Zeit in Berlin stattgefunden. Die Polizei hat in Erfahrung gebracht, daß eine geheime Verbindung, die ihren Sitz in Zürich hat, auch auf Berlin ausgedehnt ist. In Zürich sollen bei einem bekannten Anarchisten bet einer Haus­suchung Sprengstoffe vorgefunden sein, ebenso Adressen, die ein Einschreiten der Polizeiorgane an anderen Orten erforderlich machten. Einige Personen, bei denen man Haussuchungen vor­nahm, wurden auf dem Polizeipräsidium photo­graphiert.

* Im Anschluß an den Parteitag der Sozial­demokratie in Mannheim findet die erste General­versammlung des Verbandes junger Arbeiter Deutschlands statt. Als provisorische Tagesord- nung tft festgesetzt: 1) Geschäftsbericht. 2) der deutsche Parteitag und die Jugendbewegung. 3) Die kapitalisttsche Ausbeutung der Jugend. 4) Jugend und Alkohol, ö) Militarismus. 6) Be­ratung der Anträge. 7) Wahl des Vorstandes und des Ortes, an dem die nächste Generalver­sammlung stattfinden soll.

** Berlin, 81. Juli 1906. Der Kais er hat seine Nordlandreise glücklich beendigt und ist heute wohlbehalten in Swinemünde eingetroffen. — Dem Vizepräsidenten des Reichsbankdirektoriums, Wirklichen Geheimen Rat Dr. jur. Gallen- kamp, ist der Königliche Kronenorden 1. Klasse verliehen worden. — Der Staatssekretär des Aus­wärtigen Amts v. Tschirschky hat sich zum Vortrag beim Reichskanzler nach Norderney be­geben. — Dem Präsidenten des Kaiserlichen Auf­sichtsamts für Privatversicherung Ernst Gru­ner ist der Charakter als Wirklicher Geheimer Oberregierungsrat mit dem Range 1. Klasse ver­liehen worden. — Die Anzeige gegen den behaf­teten Major Fischer hat nicht ,wie der „Berl. Lokalanz." irrig mitteilte, die Frau des Verhaf­teten, sondern die Frau von Tippelskirch erstattet. — An der Berliner Börse verlautete am Dienstag, daß die als russische Ministerkandidaten genannten Persönlichkeiten ihren Eintritt in das Kabinett davon abhängig gemacht hätten, daß unter Auf­hebung des jüngsten Zarenmanifestes eine neue Duma noch im Laufe dieses Jahres einberufen werde.__

Ausland.

* Der französische Ministerrat sprach sich am Montag in Rambouillet unter dem Vorsitz des Präsidenten Fallieres grundsätzlich für die Abschaffung der Todesstrafe aus; der Justizminister Barrien wird Untersuchungen über ein neues Sttafsystem anstellen. — Marine­

minister Thomson schlug eine Herabsetzung bew Dienstzeit der Marine auf zwei Jahre und be­sondere Vergünstigungen für Kapitulanten vor und führte aus, daß dieser Plan eine Mehraus­gabe von möglicherweise 1700000 Francs mit sich bringen werde.

* Im englischen Unterhause gab Unterstaats, sekretär Runciman die Erklärung ab, daß die künftige Stärke der englischen Garnison in Aegyten rund 5700 Mann betragen werde.

* Zur Lage in Rußland. Das neue Mini­sterium ist noch immer nicht zu Stande ge­kommen. Rach dem ,Fränk. Kur/ haben sich einige Führer der Partei „Friedliche Reformen" zum Eintritt in das Koalitionsministerium unter folgenden Bedingungen bereit erklärt: Einbe­rufung der Reichsduma mindestens im September, keineswegs aber erst am 5. März, Erweiterung der Befugnisse bet Reichsduma und Einschränkung der Befugnisse des Reichsrats. Umgestaltung bet Gerichte, Aufhebung des Kriegszustandes und des außerordentlichen verstärkten Schutzes, W schaffung der Todesstrafe durch einen kaiserlichen Erlaß, Reform der Semstwoeinrichtung, Gleich- stellung der Juden, Zulassung der nichtrussischen Sprachen in den Grenzländern zum Gebrauch bei den untersten Behörden, Ausarbeitung von Gesetzentwürfen betreffend bürgerliche Freiheiten behufs Einbringung in der nächsten Dumatagung, Amnestie, wenn auch keine vollständige, Agrar­reformen auf Grund des Kutlerschen Planes. Diese Bedingungen soll Ministerpräsident Stoly­pin angenommen haben. Er soll auch den Ka­detten Kutler ins Kabinett berufen wollen. — Rach der,Rowoje SBrentja' sieht die Sachlage noch bedeutend günstiger für das Kabinett Stolypin aus. Die Verhandlungen, welche durch Vermittlung des Ministers des Aeußeren Jt- w olski mit den gemäßigten Fortschrittsparteien über den Eintritt von Mitgliedern derselben in das Kabinett geführt worden sind, sind der ,Rowoye SBremjo' zufolge erfolgreich beendet. Die Portefeuilles des Handels, der Justiz, der Volksbildung, des Ackerbaues und der Staats- konttolle gehen in die Hände von Nichtbureau- traten über. Das Blatt nennt vorläufig fol­gende Namen: Gutschkow Handel, Brow- Saratow Ackerbau, Graf Heyden Staats­kontrolle. Der Oberprokurator des Synods soll nicht mehr dem Kabinett angehören. — In der Stadt Sochatschew (Gouvernement Warschau) wurde der Kreishauptmann Burago er­schossen; der Täter entkam.

* Antigriechische Kundgebungen sollen sich nach einer Meldung des Wiener „K. K. Telegr.- Bureau" aus Sofia auch in Burgas und Stanimaka ereignet haben. In Burgas soll die griechische Kirche samt der Schule und Bibliothek zerstört fein. In Stanimaka kam es angeblich zu blutigen Ausschreitungen, wobei mehrere Person en getötet fein sollen.

* DaS Kriegsgericht in Tokio hat nach dem ,Fränk. Kur/ zwei Kapitäne, einen Komman­danten, zwei Leutnants und einen Unteroffizier eines japanischen Transportschiffes zur Ver­bannungverurteilt. Die Mannschaft deS Schiffes hatte sich während des russisch-japani­schen Krieges gerettet, ehe das Schiff von den russischen Kriegsschiffen zum Sinken gebracht worden war, und den Verurteilten lag zur Saft, daß sie die Mannschaft nicht daran zu hindern gesucht hätten.

Ei« Wille, ei« Weg.

Frei nach dem Englischen von I. Nemo.

5] (Nachdruck verboten.)

„Ohne Fehler ist niemand", fuhr mein Onkel nach einem kurzen Schweigen fort. „Ralphs schwache Seite ist sein Mangel an Selbständigkett, an Energie. Und gerade hierin liegt der Grund, der mich mit so großer Sorge in die Zukunft blicken läßt. — Hilda, wenn Du willst, so kannst Du ein guter Engel werden. Ein Zusammen­brechen seiner teuersten Hoffnungen würde ihn unfehlbar dem Verderben in die Arme treiben. Du allein kannst ihn vor dem zeitlichen und ewigen Untergänge retten. Willst Du es tun? In Deinen Händen liegt unser aller Glück."

Seil' ernster, bittender Ton rührte mich tief. „Lieber Onkel, ich würde gewiß das undankbarst- Geschöpf auf der ganzen Welt sein, wenn ich für Dich und Ralph nicht gerne und mit Freuden alles täte, was ich tun kann und tun darf", sagte ich, mit Mühe meine Bewegung unterdrückend. „Aber ich liebe Ralph nicht — — nicht in der Weift, wie eine Frau ihren Mann lieben sollte. Wäre es also recht, wenn ich ihn heiratete? Und würde eine solche Heirat sein Glück sichern?"

„Ja, Hilda, und nicht nur sein Glück, sondern auch das Deinige", entgegnete mein Onkel mit Nachdruck. „Ist es keine große, keine edle Auf­gabe, einen Menschen auf dem rechten Wege zu er­halte», ihn zu leiten, zu stützen, ihm alles in allem zu fein?"

„O Onkel, tote könnte ich eine solche Verant- wortllchkeit auf mich nehmen!" rief ich.

„Mein liebes Kind, ich kenne Dich durch und durch, und eben deshalb weiß ich, daß Ralph in Deiner Hand wohl aufgehoben fein würde. Soll ich Dir alles sagen? Höre denn: ich kann meine Angst nicht länger in meinem Herzen verschließen.

Kind, es handelt sich hier um Leben und Tod, um Rettung und Untergang für meinen Sohn, ja für uns alle. Ralph steht am Rande des Ver- derbens. Bist Du grausam genug, ihn von Dir zu weisen, so wird er untergehen und mich mit sich in den Abgrund ziehen. Du hast mehr als einmal davon gesprochen, daß Du mir Dank schuldig seiest: ich könnte Dir sagen, daß sich Dir jetzt Gelegenheit darböte, Deine Erkenntnis durch die Tat zu be­weisen, aber dadurch würde ich gewissermaßen einen Zwang auf Dich ausüben, und das will ich nicht; ich ziehe es vor, mich an Dein Herz, an Deine Großmut zu wenden. — Nein, Kind, weine nicht. Wäre ich nicht vollständig davon überzeugt, daß Ralph Dich glücklich machen würde, fo hätte ich die Sache gar nicht berührt. Wie ich schon sagte, bin ich weit davon entfernt, Dich zwingen oder auch nur überreden zu wollen. Ueberlege Dir alles, was ich gesagt habe, und dann entscheide. Aber laß mich nicht lange auf Antwort warten, Kind. Wie diese auch lauten möge, sie verpflichtet Dich natürlich zu nichts — Ralph muß selbst seine Sache bei Dir führen. — Bis nachher, meine Liebel Ich werde Dich in der Bibliothek erwarten."

IV.

Sangfanj, mit schleppenden Schritten und einem Herzen, das plötzlich in einen Bleiklumpen verwandelt schien, schlug ich den Weg nach Hause ein. Der Himmel war noch so glänzend blau, wie vor einer Stunde; die Blumen badeten im golde­nen Sonnenschein; die Vögel sangen und zwit­scherten — doch ich freute mich nicht mehr über das geheimnisvolle Leben und Weben in der Na­tur; in mir selbst war es Nacht geworden, finstere Nacht. „Ueberlege es Dir," hatte mein Onkel ge­sagt. Aber was nützte alles Ueberlegen! Ich konnte ja doch meinem Schicksale nicht entrinnen.

Meine Ideen über Liebe und Heirat waren un­gemein überspannt und romantisch, hatte ich sie doch einzig und allein aus Romanen, nicht aus der Beobachtung des wirklichen Lebens geschöpft. Wie eine Fata Morgana zogen jetzt die Helden und

Heldinnen, deren Abenteuer ich mit soviel Inter­esse verfolgt hatte, an mir vorüber. Mehr als eine von den letzteren hatte sich mit einem Manne ver­bunden, dessen Charakter nicht gerade achtenswert genannt werden konnte, dessen Grundsätze ober Ge­wohnheiten mehr ober weniger mit ben Vorschrif­ten ber Moral ober ben Forderungen der Ehre in Widerspruch standen. Trotzdem waren diese Ehen durchgängig sehr glücklich gewesen; aber — in je­dem einzelnen dieser Fälle liebten die Gatten ein­ander mit glühender, leidenschaftlicher Liebe und hatte eben diese gegenseitige Hingebung ber jun­gen Frau ben Einfluß verschafft, dessen sie be­durfte, um die schwache Natur ihres Mannes zu veredeln und zu stählen.

Doch ich liebte Ralph nicht. Was sollte ich also tun, wofür mich entscheiden?

Ich schuldete meinem Onkel so viel! War es nicht meine heilige Pflicht, feiner Ruhe, feinem Glücke dies schwere Opfer zu bringen?

„Ralph ist nicht schlecht", sagte ich mir, meines Onkels Versicherung wiederholend. „Mit Gottes Hilfe wird es mir gelingen, ihn vor sich selbst, vor seinem eigenen Leichtsinn zu schützen. Er liebt mich, daran kann ich nicht zweifeln. Ich bin nicht schön; ich habe nichts Anziehendes, nichts Beste­chendes, und ich Bin arm; seine Zuneigung zu mir beruht also nicht auf Aeußerlichkeiten; er liebt mich um meiner selbst willen. Wie kommt es doch, daß ich dies alles einsehe und doch kalt und gleich- gütig bleibe? Kann ich überhaupt nicht lieben? Wie aber, wenn ich später einen anderen kennen lernte, ber meinem Ideale näher tarne?

Der letzte Gedanke brachte meinen bereits halb gefaßten Entschluß wieder zum Wanken. War es nicht eine schwere Sünde, sich einer solchen Gefahr auszufetzeu, doch anderfeits lag sie so fern, war es so unwahrscheinlich, daß sie je an mich heran­treten würde.

Als ich eine Stm.ide später in die Bibliothek trat, wartete mein Onkel dort bereits auf mich. Er faß pm Fenster, ben Kopf in die Hand gestützt

Schwere Wolken lagen auf feiner Stirn. Ich em­pfand beinahe etwas wie Gewissensbisse, als ich ihn so gebeugt und sorgenvoll dasitzen sah.

„Nun, Hilda?" fragte er mtt einem melancholi­schen Lächeln zu mir auffehend.

„Ich habe nachgedacht über das, was Du mir vorhin sagtest . . ."

„Und?" fiel er ein, da ich zögerte.

„Lieber Onkel, verzeihe mir, aber ich kann Dir noch keine bestimmte Antwort geben," stammelte ich. „Du mußt mir Zeit gönnen. Das Ja, wel­ches Du von mir hören möchtest, ist ein fo folgen­schweres Wort; es würde mich, wenn ich es aus- spräche, für immer binden. Ich kann mich fo rasch nicht entschließen."

„Nein, Kind, nein; ich verlange das auch nicht von Dir. Es genügt mir, zu wissen, daß Ralph hoffen darf. Gott fei Dank, daß diese Sorge von mir genommen ist! Wie glücklich werden wir zu­sammen sein, mein Töchterchen. — Du bist dann meine wirkliche Tochter, Hilda. Gefalle ich Dir als Schwiegervater?"

Ich erschrak. Hatte ich, ohne es zu wissen, etwas gesagt, was einem Versprechen gleichsah?

„Onkel, verstehe mich nicht falsch!" rief ich hastig. „Ich kann mich jetzt noch zu nichts ver­pflichten. Ich muß erst über mich selbst, über meine eigenen Gefühle im Klaren fein."

„Gewiß, Kind, gewiß", fiel mein Onkel ein. „Beruhige Dich; was Du gesagt hast, bleibt unter uns. Ich verspreche Dir, daß Ralph fern Won davon erfahren soll. Aber nicht wahr,. Du wrrst freundlich und herzlich ihm gegenüber fern; woher soll er sonst den Mut nehmen, Dir fern Herz auß« zuschütten? — Nein, sage nichts mehr," fuhr er rasch fort, da er sah, daß ich sprechen wollte. „Vor- läufig wollen wir dieses Thema nicht mehr be­rühren. Mein liebes, gutes Kind, Du hast gar keine Ahnung, wie froh Du mich gemacht hast und wie dankbar ich Dir Bin!"

Ich antwortete nicht, ich hatte nicht den Mut, als ich in feine feuchtglänzenden Augen blickte.