Einzelbild herunterladen
 

Ursch««täglich, «it L»rmch«e Oer -So*» md -ieieUage. Viertel« iMrt. Vezugspret» ohne BrmgerfoN w* Bei: eügelö in Zulda und auswärts! Ml. 50 psg.

verantworUicher Schriftleiter:Z. Baum für äie Anzetaen 3- Parzeüer in Salb«.

Mdaer M Zeitung

w«chendeilag«:„ZlIustrierteSonntag;zeitung" monatsMiagc „Zllldaer Geschichtsblätter"

8a3 eigen: tne ei» lpattige Petitzeile oder deren Saum 15 psg. HeHamen 6k petitzeÜe 25 pfg.; bei wieder» holnngen wird ewtfpe.

Rabatt gewährt.

Sotatt»nrdrack n. Verlag der Fuldaer Le» tienOruderei in Znldo. Kernsprecher Ur. 9.

M 171.

Fulda, Samstag den 28. IM 1906.

33, Jahrgang.

Watt.

Auf nach Essen!

Die herrlichen Tage der 53. Generalver- "|x.aunlung der Katholiken Deutschlands nahen eiligen Schrittes heran, Präsidium und Vor­stand sowie die einzelenen Kommissionen sind in edlem Wetteifer bestrebt, die Vorbereitung zu einem wiirdigen, ja glänzenden Verlauf der dies­jährigen Tagung zu treffen. Die katholische .Bevölkerung Essens, welche in der Lebendigkeit ihres religösen Bewußtseins und im dem uner- mündlichen, zielbewußten Bestreben, die katholische xleberzeugung auch im bürgerlichen Leben zum Ausdruck zu bringen, eines hochehreuden Rufes sich erfreut, zeigt auch bei dieser Gelegenheit ein besonders reiches Maß von Arbeitsfreundlich- keit und Opserwilligkeit. In Stabt und Land gibt sich herzliche Freude und Genugtuung kund, daß die Metropole des rhein-westf. Jndustriebe- zirks Zeuge und Teilnehmerin jener erhebenden Kundgebung katholischer Einheit sein darf, die au-5 der Wurzel katholischen Glaubens empor­schießend, alljährlich neue Blüten und Früchte trägt.

Lange Jahre haben die Katholiken der Industriestadt schüchtern bei Seite gestanden, ehe sie sich zu dem großen Schritte entschließen konnten, für sich die Auszeichnung in Anspruch zu nehmen, den Katholikentag in den Mauern ihrer Vaterstadt zu beherbergen. Andern Städten, deren geschichtliche Bedeutung und gewerbliche Entwicklung weit hinter Essen zurücksteht, ist allzu bescheiden der Vortritt gelaffen worden. Noch im Jahre 1901 ist die angebotene Ehre dankend abgelehnt worden, weil die Saalfragen noch nicht gelöst waren. Seitdem aber wurde der Gedanke wach gehalten. Auf der Jubel- oersammlung 1903 in Köln wurde zuerst der Antrag gestellt, die Tagung in Essen für das > chr 1905 zu beschließen. Höhere Gesichts- ...kte veranlaßten, daß man Straßburg den Vortritt ließ; in Straßburg wurde dann die endgültige Bestimmung getroffen, daß Effen das Heim der 53. Generalversammlung werden solle.

lieber unsere Industriestadt ist man lange naserümpfend hinweggegangen. Lewin Schücking sagt in der zweiten Auflage des im Jahre 1872 erschienenen, von ihm und Freiligrath heraus­gegebenen hochberühmten Werkes: „Das malerische und romantische Westfalen" noch wörtlich:

„Essen selbst ist eine häßliche Stadt, der die vor ihren Toren liegenden villenartigen Häuser einigen Schmuck geben. Sie ist so schwarz vom Kohlenstaub, wie London von seinem Nebel­qualm."

Ein geharnischter Protest aus der Mitte der Bürgerschaft hat veranlaßt, daß diese wahrheits­widrige Charakteristik in der folgenden Auflage ansaewerzt wurde. Denn im Jahre 1872 war schon sehr vieles geschehen, um die Stadt selbst und ihre nähere Umgebung zu verschönern. Und jetzt! So zahlreich auch die rauchschwangeren Schloten des Kruppschen Riesenwerkes gegen Himmel streben — Essen bietet das Vollgepräge einer modernen Großstadt, mit allen ihren An­nehmlichkeiten. Die Genialität ihres eben ver­storbenen Oberbürgermeisters Zweigert hat, gestützt von einer verständnisinnigen städtischen Vertretung, unter außerordentlich schwierigen 93er» hältnissen für die Verschönerung des Stadtbildes Hervorragendes geleistet. Ein reiches sozial­politisches Empfinden war dabei vielfach das treibende Element. Wie ein zukünftiges Wahr­zeichen präsentiert sich der monumentale Saalbau inmitten des prächtig gepflegten städtischen Gartens. Noch vor kurzem ist innerhalb der Kölner Stadt­verordnetenversammlung davon bewundernd die Rede gewesen. Es handelt sich um eine allge­meine Erholungsstätte, wie sie in einer derartigen Vollendung kaum eine andere Großstadt aufzu­weisen haben dürfte. Daneben ist jetzt auch noch der Stadtwald erworben worden, um der Bürger­schaft eine weitausgedehnte Stätte der Erfrischung zu bieten.

Ist unsere Stadt auch modern, ein ehrwür­diges Erinnerungszeichen kirchlich-frommen Sin­nes und hochentwickelten Kunstfleißes aus grauer Vorzest ist ihr doch geblieben in der aus Der ottonischen Zeit stammenden Münsterkirche «it ihrem kostbaren Schatze an Kirchengeräten. Der letztere wird für die Besucher der Katho­likentages zur Besichtigung ausgestellt sein. Gleich- zeüig wird, um gewiffermaßen ein Vergleichs- Objekt zu haben, int städtischen Museum eine Ausstellung moderner kirchlicher Kunstgeräte ver­anstaltet werden.

Ein Hauptpunkt des Jntereffes dürfte für die Besucher vor allem die weltberühmte Krupp'sche Gußstahl-Fabrik bieten. Wenn auch das Innere dieser Stätte großgewerblichen Lebens verschloffen dleiben wird, das äußere Bild ist schon von einer Imponierenden Größe. Wie keine andere unter hen großartigen Schöpfungen moderne« Geistes des rheinisch-westfälischen Industrie-Bezirkes spie­gelt sie die kraftvolle Entwickelung des deutschen Gewerbefleißes in den letzten 50 Jahren wieder, der Deutschland ebenbürtig an die Seite der übri- r»n arosiindustriellen Seite gesetzt hat. Die nie

rastende Tatkraft und das Genie des Unterneh­mertums haben hier wetteifernd mit dem uner­müdlichen Fleisie und der Intelligenz der Arbeiter­schaft fruchtbringend gewaltet.

Die nähere Umgebung entbehrt auch nicht des landschaftlichen Reizes. Das malerische Ruhrtal mit der Villa Hügel übt allsommerlich seine Anziehungskraft auf die Bewohner in meilenweiter Entfernung aus. Dori liegt das friedliche Werden mit seiner altehrwürdigen Abteikirche »nd dem Grabe des Friesenapostels Ludgerus, das Ziel der Wallfahrt der Versamm­lung, dahinter das gewerbfleißige Kettwig, alles umrahmt von Fluß, Wald und Hügel.

So vereinigt sich in Esten alles, was Herz und Sinn gefangen nehmen und allgemeines Jntereste erwecken kann. Die Hauptsache wird aber für die Besucher sein, teilzunehmen an der Lösung der bedeutungsvollen Aufgaben, welche der 53. Generalversammlung nicht zuletzt nach der sozialpolitischen Seite gestellt find. Nicht irdische, vergängliche Vorteile sind es, welche er­jagt werden sollen, sondern es ist der Dienst des Kreuzes, der uns zusammenruft und der allein die Völker zur vollen Wahrheit und zu unver­gänglichem Glücke führt. In diesem Sinne rufen wir den katholischen Glaubensbrüdern aus allen deutschen Gauen und soweit die deutsche Zunge klingt, heute schon entgegen:

Herzlich willkommen!

Vochn-Run-schau.

X Fulda, den 21. Juli 1906.

Kaiser Wilhelm weilt noch immer in den nordischen Gewässern, von wo er in den ersten Tagen des August zurückerwartet wird. Die Taufe seines Enkels wird Ende August stattfinden. Die Feier soll im engsten Familienkreise begangen werden. Fremde Fürstlichkeiten find nicht einge­laden; auch die fürstlichen Personen, welchen die Patenschaft zugedacht ist, werden nicht persönlich anwesend sein, sondern sich vertreten lassen. Die vielbesprochene Nachricht von einer Zusammen­kunft Kaiser Wilhelms mit König Eduard von England scheint sich nun doch zu bestätigen. Wie es heißt, wird König Eduard auf seiner diesjährigen Reise nach Marienbad auf Schloß Friedrichshof bei Homburg mit Kaiser Wil­helm zusammentreffen. Im Vordergrund des Interesses steht die Reichstagsstichwahl in Hagen- Schwelm. Das Zentrum hat, auf alle Rache für Altena-Iserlohn verzichtend, die Parole ausge­geben, unter keinen Umständen dem sozialdemo­kratischen Kandidaten die Stimme zu geben; im übrigen hat das Zentrum es dem freien Ermessen feiner Wähler überlassen, ob sie für den Freisin­nigen eintreten wollen oder nicht.

Die Hetze gegen Deutschland treibt immer wieder neue Blüten. Wiederholt war von deutschfeindlicher Seite behaupte worden, Deutsch­land beabsichigte, mit bewaffneter Hand in die Ereignisse in Rußland einzugreifen. Die „Nordd. Allg. Ztg." hat sich veranlaßt gesehen, diese Ge­rüchte, wie nicht anders zu erwarten war, als „tendenziöse Erfindung" festzustellen. In der Kolonialabteilung ist der angekündigte Personenwechsel vollzogen. An Stelle der aus- geschiedenen Räte sind die Räte Ebermaier, Dr. v. d. Groeben, Dr. Schnee und Dr. v. Jacobs in die Kolonialabteilung berufen worden. Die Un­tersuchung gegen die Beamten Götz und Schneider ist auf den früheren Beamten Pöplau und den Sekretär Wistuba ausgedehnt, lieber beide ist die Briefsperre verhängt. Die Reichsgesetzgebungs­maschine arbeitet ihren stetigen Gang. So ist ein Gesetzentwurf betreffend die Erleichterung des Wechselverkehrs in Vorbereitung; einen „vorläufigen" Entwurf hat der „Reichsan­zeiger" bereits veröffentlicht. Eine Novelle zum Vereinszollgesetz, zu der die Vor­arbeiten bereits seit längerer Zeit im Gange wa­ren, soll dem Reichstag wahrscheinlich bereits in seiner nächsten Tagung zugehen. In Bayern und Württemberg ist der Ortsportotarif nunmehr ebenfalls aufgehoben.

In Rußland hat die plötzliche Auflösung der Reichsduma allgemein überrascht. Gleichzeitig ist der von der Duma aufs erbiterste bekämpfte Ministerpräsident Goremykin seines Postens ent­hoben und zu seinem Nachfolger der Minister des Innern Stolypin ernannt worden. Der Zar hat seinen Entschluß in einem Manifest an sein Volk damit begründet, daß die Duma die in sie gesetzten Erwartungen aufs bitterste enttäuscht habe; an­statt auf dem Gebiete der Gesetzgebung zu schaffen, habe sie „wahrhaft ungesetzliche" Handlungen un- ternommen. Die Wiedereinberufung der Duma ist auf den 5. März 1907 festgesetzt. Die Mehr­zahl der Dumamitglieder hat sich nach dem Be­kanntwerden der Auflösung nach Wiborg in Finn­land begeben, von wo sie einen Aufruf an das Volk gerichtet haben, der Regierung Rekruten und Steuern zu verweigern. Vorläufig ist es infolge der Auflösung der Duma zu Revolten nicht ge­kommen. Doch bieten die revoluionären Elemente Rußlands alles auf, um die Unzufriedenheit der Massen zu hellen Flammen zu entfachen und das Volk zum Aufruhr zu hetzen. Daß die Regierung sich auf das schlimmste gefaßt macht, beweist, daß sie in den Hauptstädten gewaltige Truppenaufge­bote konzentriert. Petersburg ist von 22 ÖOO Mann besetz. Auch die fremden Gesandschafien haben starke Militärposten erhalten. Ob die Regierung im Notfall auf die Treue des Militärs zählen kann, scheint angesichts, der zahlreichen Meutereien immerhin zweifelhaft. ' Selbst unter der Garnison von Peterhof, dem Aufenthalt des Zaren, ist es au schweren Meutereien aekommen. die mir mit

Mühe unterdrück werden konnten. Auch die Ko­saken, die „treuesten Söhne des Zaren" sind nicht mehr zuverlässig.

In England hat die grausame Kriegfiih- fiihrung gegen die aufftändischen Kaffem große Entrüstung bei der Bevölkerung hervorgerufen. Trotz aller Ableugnung seitens der Regierung von Natal scheinen sich die Angaben über die ver­übten Grausamkeiten zu bestätigen. Uebrigeus ist der Aufstand trotz aller Anstrengungen noch immer nicht niedergeworfen. Im Gegenteil greift die England feindliche Bewegung in Afrika immer weiter um sich. Vor einigen Tagen ist in London die 14. interparlamentarische Friedenskonferenz zusammengetreten. Ministerpräsident Campbell Bannermann drückte den anwesenden Mitgliedern der Duma seine Sympathien aus.

In Holland sind die Hoffnungen des Vol­kes auf eine in absehbarer Zeit zu erwartende Sicherung der Thronfolge des angestammten Herrscherhauses abermals zu uichte geworden. Königin Wilhelmine ist abermals frühzeitig ent­bunden. Das schwere Mißgeschick der jugendlichen Königin hat weit über die Grenzen ihres Landes hinaus herzliche Teilnahme erweckt.

In Oesterreich ist die Wahlreform nach vielen Fährnissen endlich unter Dach und Fach ge­bracht. Der strittige Punkt, die Mandatsvertei­lung in Böhmen, ist durch die Annahme eines Kompromißantrags beseitigt. Nach dem Kom­promißantrag stellt sich die nationale Verteilung der Reichsrats-Mandate folgendermaßen dar: Von den 516 Mandaten entfallen 233 auf die Deutschen, 259 auf die slawischen Völker und 24 auf die Romanen.

In der Schweiz war Zürich der Schauplatz einer Revolte, welche durch Militär unterdrückt werden mußte, lieber der Stadt Zürich schwebt eine Art Belagerungszustand. Die Revolte resul­tiert aus einem Streik, anläßlich dessen die Ar­beitswilligen mit Gewalt verhindert wurden, an ihren Arbeitsstellen zu arbeiten. Da die Polizei nicht imstande war, die Arbeitswilligen zu schützen, mutzte Militär requiriert werden. Die Verhand­lungen über einen Handelsvertrag der Schweiz mit Frankreich drohen zu scheitern, da eine Eini­gung über die streitigen Punkte zwischen den bei­den Regierungen nicht erzielt werden konnte. Ein Zollkrieg zwischen beiden Staaten erscheint un­vermeidlich.

Auf dem Balkan rumort es nach wie vor. Der Konflikt zwischen Rumänien und Griechen­land hgt sich wesentlich verschärft. Das Buka­rester Amtsblatt hat ein Dekret veröffentlicht, durch welches jede Einfuhr aus Griechenland ver­boten wird und die griechischen Untertanen einer doppelten Grundsteuer und einer dreifachen Gewerbesteuer unterworfen werden.

In Amerika ist der Frieden wieder her- gestellt. Unter der Vermittlung der Vereinigten Staaten haben die kriegführenden Republiken San Salvador, Honduras und Guatemala Frieden ge­schlossen. In Rio de Janeiro ist der panamerika­nische Kongreß eröffnet, auf welchem mit Aus­nahme von Venezuela, Haiti und San Domingo alle füdamerikanischen Republiken vertreten sind.-

Unpolitische Zeitläuse.

E) Berlin, ° i. Juli 1906.

(Nachdruck .acht gestattet.)

Was machen wir nun vom 1. August ab, wenn die Fahrkartensteuer in Kraft tritt? Wollen wir allzumal in die Salons 4. Klasse gehen, um dem Reichstag und dem Schatzsekretär ein Schnippchen zu schlagen? Es gibt in der Tat Leute, die so eine Art Massenstreik oder Boykott gegen die höhe­ren Eisenbahnklassen ins Wrek setzen möchten. Ich lese soeben in der Zeitung, „Hunderttausend" aus allen möglichen Ständen, vom höhnen Staatsbe­amten bis zum Artisten, hätten sich schon dem Hannoverschen Verbände angeschlossen, der zum Protest gegen die Fahrkartensteuer seine Mitglie­der verpflichten will, immer eine Klasse niedriger zu fahren, als wie sie bisher gewohnt waren. Da­bei — so heißt es in der Reklame — machten sie auch noch Ersparnisse.

Allerdings werden sie dabei was ersparen, so­gar einen recht erklecklichen Batzen. Denn der Preisunterschied zwischen den verschiedenen Wa­genklassen ist zehn- bis zwanzigmal so groß, wie der Steuerzuschlag. Also, wer es aufs Sparen ab» gefehen hatte, der brauchte nicht bis zum 1. August zu warten.

Aber vom letzten Tropfen fließt daS Glas über, und dieser letzte Tropfen soll die Fahrkartensteuer sein? Der Vergleich mit dem Tropfen ist nicht schlecht; in der Tat ist es eine Kleinigkeit, was das Reich von den Reisenden fordert, ein winziger Zuschlag, der im Verhältnis zu den ganzen Reise­kosten federleicht wiegt. Durch das große Geschrei in gewissen Zeitungen sind die Leute in den Glau­ben versetzt, daß eine kolossale Verteuerung der Fahrkarten um so und so viel Mark bevorstehe; sie werden bald erfahren, daß dabei mit bescheide­nen Pfennigsümmchen gerechnet wird und nur bei weiten Reisen ein Markstück ins Rollen kommt. Also gilt das elfte Gebot: Laß dich nicht ver­blüffen !

Im übrigen sehe jeder, wie er's treibe. Glaubst du etwas sparen zu können, so tue deinen Gefühlen keinen Zwang an, lieber Leser. Warum solltest du nicht einmal ohne Polstersitz fahren können? Namentlich im Sommer hat die 3. Klaffe gewisse Vorzüge vor der 2. Empfindliche Leute können sogar ein gestopftes oder aufzublasendes Kissen mitnehmen, um sich die „Sitzung" zu erleichtern. Meinestesis bermiffe ich in der 3. Klaffe nur eins, nämlich die Armstützen, die bei längerer Fahrt einem Menschen mit einem großen Oberkörper sehr angenehm sind; man kann ja auch ein kleines Köfferchen als Armlehne benutzen, aber nur bei

unvollständiger Besetzung des Abteils. Auch un­sere 4. Klasse ist gar nicht so schlecht, wie die baye- rischen Brüder glauben; nur muß man etwas Standhaftigkeit mitbringen, da man nicht immer auf einen Sitzplatz rechnen kann, und man muß den Tabak und die urwüchsigen Manieren von weniger zivilisierten Mstreisenden vertragen kön­nen. Prüfet alles und behaltet, was euch am be­sten paßt. Aber bildet euch bloß nickst ein, daß ihr dem Reichstage oder dem Fiskus einen fürchter­lichen Schabernack antun könntet, wenn ihr euch selbst um eine Wagenklaffe erniedrigt. Daraus machen sich die hohen Herren nichts. Arn aller- törichfften ist die Einbildung, daß man durch eine solche Flucht aus der höheren Klasse den Reichstag zwingen könne, die Fahrkartensteuer wieder auf­zuheben. Fällt ihm gar nicht ein. Und der Reichs­schatzsekretär könnte bei andauerndem Streik viel­leicht sagen: Nun, wenn die Reisenden durch Be­nutzung der niedrigeren Klassen soviel Geld spa­ren, so ließe sich am Ende die Fahrkartensteuer noch erhöhen.

Aber der „große Ausfall", wenn „Hundert- tausende" in die niedrigere Klasse übergehen! Er- stens würde der Ausfall nicht das Reich treffen, sondern die Einzelstaaten, welche die Bahnen be­sitzen, und zweitens kommt es nicht zu einem an­dauernden Massenstreik. Was da an Trutzver­einen austaucht, das sind Seifenblasen, die bald platzen werden. Da sollen sich z. B. Vereine zur Bevölkerung der vierten Klaess gebildet haben. Aber in den Schnellzügen gibt es keine vierte Klaffe, und auf weiten Strecken die Bummelzüge zu benutzen, das wird einem bald satt. Zudem werden viele, die etwas zart gebaut sind, von einer einzigen Probefahrt in der vierten Klasse genug haben. Die Hannoversche Vereinigung, für die so viel Reklame gemacht wird, begnügt sich mit der weitmaschigen Satzung, daß jeder eine Klasse nied­riger fahren solle, als bisher. Da können also die „feineren" Mitglieder immer noch zweiter Klaffe fahren unter dem Vorgeben, daß eigentlich die erste Klasse ihre Heimat fei. Und wer aus der 2. in die 3. Klasse übergeht, ist der angeblich so schrecklichen Fahrkartensteuer doch nicht entronnen. Bei Tagesfahrten im Sommer findet er es auf den kühleren Bänken der 3. Klasse vielleicht recht hübsch. Aber wenn es kälter wird, fo sehnt er sich nach den wärmeren Polstern, und nun gar bei Nachtfahrten ist es doch hübsch, wenn man in der gepolsterten Ecke schlummern kann. So wer­den deren viele das Abzeichen des Trutzbundes in die Westentasche stecken und zu ihrer gewohnten Bequemlichkeit zurückkehren.

Das Abzeichen — gesetzlich geschützt! — spielt in den Reklamen für den Trutzbund eine große Nolle. Bei Lichte besehen ist es ein Feigenblatt der Eitelkeit, das seinen Zweck verfehlen wird. Wenn es fein müßte, würde ich ganz ruhig in die 4. Klasse steigen, aber nicht mit diesem gesetzlich ge­schützten Abzeichen. Denn da könnte sich folgender Dialog entwickeln:

„Wenn man fragen darf, was haben Sie denn für einen Orden?"

„Das ist kein Orden, sondern unser Vereins­abzeichen."

„Ach so, das ist wohl der Verein von den Leu­ten, die eigentlich in den feineren Klassen fahren wollten, aber nun zu uns kommen wegen der Fahr­kartensteuer. So, so. Und die hängen sich das Ding an, damit wir alle sehen sollen, daß sie eigent­lich nicht zu uns gehören. Das wäre ja auch schrecklich, wenn Sie in den Verdacht kämen, daß Sie einer von den gewöhnlichen Menschen wären, die hier herumhocken. Nun, da haben Sie recht; wenn einer unter den Pöbel geht, dann mutz er für eine besondere Marke sorgen, daß er ja nicht mit dem Pöbel verwechselt wird. Ich werde mir nächstens auch meine Steuerquittung an den Rock­knopf hängen, daß alle Leute sehen können, daß ich eigentlich auch so viel Groschen hätte, um die 3. Klasse bezahlen zu können, oder wenn ich gerade Namenstag habe, auch die 2. Klasse. Bis jetzt habe ich das nicht getan, weil ich dachte, es wäre nicht fein, wenn man armen Leuten unter die Nase riebe, daß man mehr wäre, als wie sie. Aber wenn das nun Mode wird, daß jeder sich in der Eisenbahn so'n Abzeichen von seiner Wohlhaben­heit und Noblesse anhängt, dann machen wir daS auch."

Ich fürchte, in der dritten Klaffe könnte es auch ähnliche spöttische Bemerkungen setzen über einen Demonstranten, der dort durch sein Abzeichen sich als einen Uebermenschen aus der höheren Klasse aufspielen wollte. Daher rate ich allen Vereinsbrüdern: Reist in Zivil und nicht als Pfingstochsen des Trutzvereins.

Das Abzeichen wird auch schon wegen der Er­folglosigkeit der Demonsttation bald verschwinden. Selbst wenn in diesem Herbst und Winter eine merkbare Verschiebung in den Wagenklassen ein­treten sollte, so würden sich die Verwaltungen doch nichts daraus machen. Zum Frühjahr soll nämlich die allgemeine Reform des Personen-Tariss ein­geführt werden, die wirklich beträchtliche Umwäl­zungen in den Preisverhältnissen, namentlich für die einfachen Fahrten enthalten wird. Unter dem neuen Tarif wird sich das reisende Publikum auf die Wagenklaffen vielleicht erheblich anders ver­teilen, wie bisher. Man braucht dann keine Rück­fahrkarten mehr zu kaufen und kann also die Hin­fahrt in einer anderen Klasse machen, wie bte Rückfahrt, wenn die Tageszeit ober die gesell» schastlichen Verhältnisse einen Wechsel anregen. Da die einfache Fahrt bedeutend billiger fein wird, als bisher, fo wird dann mancher, der bisher der bedeutenden Ersparnis wegen eine Klaffe her­untergestiegen war, dann wieder die seinen 93er- hältnissen angepaßte Klaffe benutzen. Jedenfalls wird vom nächsten Jahre ab eine neue Statistik der Frequenz in den einzelnen Klaffen ausgenom­men, und für die Betriebseinrichtungen nutzbar aemadrt werden. Die ettoaiaen Erfolge der letzt-