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Rotationsdruck u. Verlag der S#lbaer Ae» tiendruckerei in Znlda. Fernsprecher Nr. 9.

33, Jahrgang.

Fulda, Samstag den 28. IM 1906.

M 171,

Krstes Mlcüt.

Line neue Sletteirooriage?

Die nie ganz zu Ruhe gekommenen Gerüchte, daß eine neue Flottenvorlage geplant sei, haben in den letzten Tagen eine Auffrischung erfahren durch einen in der Preffe viel besprochenen Ar- ttkel der ,Germania', der einige nähere Angaben über die Pläne der Flottenschwärmer enthält. Das Blatt meinte, es scheine zweifelhaft, ob das Reichsmarineamt auch heute noch wie vor 14 Tagen die ganz bestimmte Erklärung abgeben könne, daß im Herbst eine neue Flotten- Vorlage nicht erscheinen werde, aber selbst wenn diese Erklärung abgegeben werde, sei man nicht vor Ueberraschungen sicher, da gewisse Kreise mit Hochdruck daran arbeiteten, für eine solche neue Vorlage Stimmung zu machen und die Zustim­mung zu erhalten.

Daß die Tätigkeit der Flottenmthustasten nur äußerlich etwas zurückgetreten ist, wird niemand leugnen können. Hinter den Kulissen sind die Drahtzieher um so eifriger an der Arbeit, und es ist ein offenes Geheimnis, daß in der Umgebung des Kaisers auf dessen Nordlandfahrt sich einige eingeschworene Freunde einer Flotten- veimehrung befinden, die — aus welchen Grün­den, wollen wir nicht erörtern — sich die größte Mühe geben, den Monarchen zu ihren extremen Ansichten zu bekehren. Der Tanz kann also wieder losgehen und zwar nach der alten Melo­die: Wir haben überhaupt keine Flotte, sondern höchstens ein paar alte Kähne, die den Namen schwimmende Särge verdienen, 12 Milliarden Deutschen Eigentums schwimmen auf dem Wasser, das Volk ist reich genug usw., in bekannter Tonart.

Auf diese Leute macht es anscheinend gar feinen Eindruck, daß Admiral von Tirpitz in öffentlicher Reichstagssitzung erklärt hat, wir besäßen schon -jetzt dank dem Flottengesetz eine Marine, die der französischen gleichwertig sei. Allerdings, was verstand auch Admiral von Tirpitz von den „weitschauenden" Ideen der Flottenvereinler? Er ist ja jetzt auch Gott sei Dank kaltgestellt, und die Versprechen, die er über die Bauzeit und die Vermehrung der Flotte gegeben hat, braucht er nicht mehr persönlich im Reichstage zu vertreten.

Daß hinter den Kulissen etwas vorgeht, daß unverantwortliche Kräfte an der Arbeit sind, diese Tatsache wird auch nicht aus der Welt ge­schafft durch die Behauptung der Deutschen Tageszeitung', sie habe allen Grund anzu­nehmen, daß weder im Herbste, noch überhaupt während der nächsten Tagung des Reichstags eine neue Flottenvorlage eingebracht werde. Ganz besonders aus dem Häuschen geraten ist anläßlich des Artikels der ,Germania' der konser­vative ,R e i ch s b o t e'. Er zerbricht sich zunächst einmal wieder den Kopf des Zentrums und stellt fest, daß dieses sich nicht ganz wohl fühle in seiner politischen Haut; es gelinge ihm nicht mehr alles so glatt wie bisher und bei seiner Arbeit stellten sich sichtliche Rechenfehler ein. Inhaltlich geht das Blatt auf den Artikel eigent­lich überhaupt nicht ein. Es begnügt sich, an der äußeren Form Kritik zu üben und zwar in einer Weise, die lebhaft an den Schimpfjargon recht mit linksstehender Organe erinnert.

Ein Wille, ein Weg.

Frei nach dem Englischen von I. Nemo.

2] (Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung aus dem dritten Blatt.)

Ich bekam also jetzt eine Gouvernannte. Sie war eine Witwe und wohnte im nächsten Dorfe. Eine Freundin gewann ich nicht in ihr. Sie wid­mete mir täglich eine gewisse Anzahl Stunden, weil sie dafür bezahlt wurde, aber ich glaube, daß sie jedesmal aufatmete, wenn die Uhr das Zeichen zum Schluß des Unterrichts gab und sie wieder nach Hause und zu ihren eigenen Kindren zurück­kehren durfte. Ich erinnere mich nicht, daß sie je auch nur eine Minute freiwillig gezögert oder mir den geringsten Beweis von Zuneigung oder Sym­pathie gegeben hätte. Den Religionsunterricht er­teilte mir der Geistliche unserer Pfarre. Er war ein alter, wohlwollender Herr, den ich bald von Herzen lieb gewann. Die Stunden,, welche ich in seinem etwas kahlen Zimmer zubringen durfte, Erschienen mir bald als wahre Oasen in der Wüste tneiues Daseins.

Als ich sechzehn Jahre alt war, wurde meine Gouvernannte entlassen und erklärte mein Onkel meine Erziehung für beendet. Es waren haupt­sächlich Sparsamkeitsrücksichten, welche ihn zu die­sem Schritte veranlaßten. Mein Vetter Ralph, ein etwa sechsundzwanzigjähriger junger Mann, war. Wie es schien, in schlechte Gesellschaft geraten, und die sehr bedeutenden Summen, welche er verspielte oder sonst verschwendete, hatten das Vermögen sei­nes Vaters stark in Anspruch genommen. So wurden denn nun außer meiner Erzieherin auch noch verschiedene Dienstboten entlassen und von den fünf Pferden, die im Salle standen, drei ver­kauft, überhaupt das Budget des Haushaltes in verschiedener Weise stark beschnitten.

macht werden.

Wegen des Durchschnittssatzes des Wohnungsgeldzuschusses bei Pensionsberech­nungen haben der Finanzminister und der Minister des Innern an die Ober- und Re­gierungspräsidenten einen Erlaß gerichtet, in welchem sie diese ersuchen, in Zukunft nach dem am 1. April ds. Js. in Kraft getretenen Gesetz zu verfahren, sowie wegen anderweitiger Fest­setzung der Pensionen der in den Ruhestand ver­setzten bezw. wegen anderweitiger Festsetzung der angewiesenen Hinterbliebenenbezüge und wegen Nachzahlung der erhöhten Beträge das erforder­liche zu veranlassen. Die eventuell in Frage kommenden Nachweisungen der festgesetzten Pen­sionen bezw. Witwen- und Waisengelder seien behufs anderweitiger Festsetzung der Beträge so­bald als möglich einzureichen. Bei der Be­messung der Pensionen und der davon abhän­gigen Hinterbliebenenbezüge beträgt der anzu­rechnende Durchschniltssah des Wohnungeldzu- schuffes also vom 1. April ab für die Unter­beamten 189 Mk. (früher 126 Mk.).

* Der Zentralverband deutscher Industrieller hat dem Minister der öffentlichen Arbeiten ein Gesuch um Aufhebung der sogenannten An s ch luß fr a ch t (Ueberführunasgebühr,Anrücke- gebühr), welche die Inhaber von Privatanschlüssen zu entrichten haben, sowie einen Antrag auf Herabsetzung der Abfertigungsgebühren für alle Massengüter, die auf Geleisanlagen der Abnehmer oder Empfänger verladen oder entladen werden, unterbreitet.

* Die ersten deutschen Postkarten mit zwei Wertstempeln werden in Bälde in Verkehr ge­langen. Wie wir bereits mitteilten, hat sich die Reichspoftverwaltung entschlossen, die in einer Anzahl von über 20 Millionen noch vorhandenen Zweipfennigpostkarten, die nach Aufhebung der Ortstaxe unbrauchbar geworden sind, , durch Auf­druck eines Wertstempels zu 3 Pfennig auf An­trag von Interessenten vollwertig zu machen. Solche Karten werden zur Zeit in der Reichs­druckerei für einen Auftraggeber hergestellt.

•* Berlin, 27. Juli 1904. Der „Reichsanzei­ger" meldet die Verleihung des Roten AdlerordenS IV. Klasse an den Domkapitular Wiecker zu Hildesheim. — Dem niederländi­schen Generalleutnant Berganfius ist das Großkreuz des Roten Adleror­dens verliehen worden. Außerdem meldet der „Reichsanzeiger" Ordensverleihungen an eine Reihe niederländischer, französischer und rumäni­scher Offiziere. — Zum deutschen Minist er- residenten in Bolivien ist, wie offiziös gemeldet wird, an Stelle des zum Generalkonsul in Warschau ernannten Freiherrn von Brück der LegationsratvonHaxthausen ernannt worden. — Der Unterrichtsminister Dr. v. S t u d t ist von seinem Urlaub in Berlin wieder eingetroffen. — Der Abteilungsvorsteher bei der Staatsanwaltschaft des Landgerichts I in Berlin, Erster Staatsanwalt Dr. Schulz und Oberlan- bezeichnen könnte, ausgenommen meine Hunde, welche ich mir von unserem Gärtner erbettelte. Als Kind hatte ich mir mein Spielzeug selbst gemacht; eine wirkliche Puppe zum Beispiel habe ich nie besessen.

In einer recht gedrückten und hoffnungslosen Stimmung stieg ich am Morgen meines achtzehn­ten Geburtstages die Treppe hinunter, um mich zum Frühstückszimmer zu begeben. Vor der Tür desselben blieb ich einen Moment stehen, um meine Augen zu trocknen. Mein Onkel und Ralph wa­ren vor einigen Tagen plötzlich nach Edinburg ab­gereist, trotzdem hörte ich aber drinnen im Spiese- zimmer jemand mit schweren Tritten aus und ab gehen: beide Herren oder wenigstens einer von ihnen, vermutlich mein Onkel, mußte also spät am Abend oder im Laufe der Nacht wieder nach Hause gekommen sein, und für nichts in der Welt hätte ich mit einem verweinten Gesicht vor ihm erscheinen mögen.

Mit klopfendem Herzen legte ich endlich die Hand auf die Klinke und trat ein. Ralph lehnte in der Fensterbrüstung; sein Vater stand vor ihm und sprach augenscheinlich mit großem Eifer auf ihn ein. Bei meinem Eintritt brach er jedoch mit­ten im Satze ab und eilte zu meinem grenzenlosen Erstaunen mit ausgestreckter Hand auf mich zu. „Guten Morgen Hilda! Ich gratuliere! Ich gra­tuliere! Mögest Du noch oft diesen Tag gesund und glücklich erleben! Gott segne Dich, mein lie­bes Kind!"

„Hätte die bronzene Figur auf dem Kamin ihre Last, die Uhr, abgeworfen und mir glückwünschend die Hand geschüttelt, ich würde kaum mehr über­rascht und erstaunt gewesen fein, als in diesem Au­genblicke. War das mein Onkel, der in diesem un­erhört herzlichen Tone mit mir sprach, der mir einen Kuß auf die Stirne drückte — wahrhaftig ein Kuß! Oder äffte mich ein Traum?

Noch hatte ich mich nicht von meiner Verwir- .rung wieder erholt, als Ralph auf mich zutrat, nicht mit hochmütiger Geringschätzung in Blick und

So schreibt der .Reichsbote': „Der Artikel ist Überwiegend im demagogischen Stile ge­schrieben, wie er in der Aera Erzberger jetzt ultramontane Mode zu werden scheint. Von Achtung vor Allar und Thron spürt man darin nichts, sondern er wimmelt von persönlichen Spitzen gegen den Kaiser und sein» Autorüät. Er ist sicher auf gewisse Jnstintte der Massen berechnet und soll zugleich wohl nach oben hin einschüchtern.....DaS Zentrum muß sich in

einer ve^weifelten Stimmung befinden, wenn es bereits, um seine Macht zu behaupten, zu solchem bedenklichen und unreinlichem Vorstoße selbst gegen den Monarchen greift."

Der .Reichsbote' muß das Zentrum durch eine ganz besondere Brille ansehen, um zu der­artigen Torheiten kommen zu können. Wie ver­tragen sich übrigens diese Auslassungen mit dem von ihm selbst befürworteten Gedanken eines Zusammengehens der bürgerlichen Parteien gegen die Sozialdemokratie.

desgerichtsrat V e r s e n auS Frankfurt a. M. sind zu Geheimen Justizräten und Vortragenden Räten im Justizministerium ernannt worden.

gelegenheit der Neubesetzung befinde sich aber noch durchaus int Stadium der Vorerwägungen.

* Der .Reichsanzeiger' bringt (natürlich in seinem nichtamtlichen Teil) einen Artikel von y. Lessing: Die Seidenstoffe aus dem Reliquien­schrein Karls des Großen in Aachen. Nach ofefem ist an die Erlaubnis des Kollegtats-Stifts- Kapitels von Aachm, den Reliquirnschrein zu öffnen, die ausdrückliche Bestimmung geknüpft worden, daß die sakrierten Stoffe nicht Gegen­stand öffentlicher Ausstellung werden dürfen, son­dern lediglich der Fachwissenschaft zugänglich ge-

Ausland.

* Der hl. Vater hat für den Wiederauf­bau der bei der letzten Vesuvkatastrophe zerstörten Ortschaften 30000 Lire zur Ver­fügung gestellt.

* Der Battkan und das französische Tren- nungsgesetz. Der ,Pol. Korr.' zufolge will man in Pans Anhaltspunkte für die Annahme haben, daß die vorbereitenden Studien und Unter­suchungen für den Beschluß des Vatikans betreffend das Trennungsgesetz sich dem Ende nähern. Die französischen Geistlichen, welche nach Rom berufen worden waren, um Aufklärungen und ergänzende Informationen zu bringen, seien in ihre Diözesen zurückgekehrt. Man wisse ferner, daß die päpstliche Kommission die Prüfung dieser Frage abgeschlossen und dem Papste ihre Schlußfolgerungen oder vielmehr ihr Gutachten übermittelt habe. Man sehe daher voraus, daß in näher Zeit in Form eines Briefes des Papstes an den Kardinalerzbischof von Paris ein neuer Protest gegen den Bruch des Konkordates und den Charakter des Tren­nungsgesetzes erhoben werde. Es sei jedoch sehr wahrscheinlich, daß, sobald einmal der Protest um der Prinzipien willen kundgegeben sei, die Kirchensprengel die Ermächtigung erhalten wür» den, die gegenwärtige Organisation der Kirchen­fabriken im Sinne der vom Gesetze vorgesehenen Kultusvereinigungen abzuändern. Falls die An­ordnungen des Papstes in diesem Sinne lauten würden, könne man als sicher annehmen, daß sie nahezu in allen Sprengeln Frankreichs gehorsam» Folgeleistung erfahren würden. Selbstverständ­lich entsprechen diese Darlegungen den Wünschen der Regierung, die mit ängstlicherSpan- nung den Beschlüssen des hl. Stuhles entgegen* steht.

* Die österreichische Wahlreform wurde noch kurz vor den Ferien im Reichsrat zu End» gebracht, v. Gautsch hatte in seiner Vorlage den Deutschen 205 Mandate angeboten, nach dem neuesten Beschluß haben sie jedoch 2 8 Sitze mehr errungen, zählen also nunmehr 233. Im Verhältnis zur Gautschschen Vorlage ist die Zahl der deusschen Mandate gestiegen und zwar von 45,05 auf 45,17 Proz. Das will, meint die ,Bresl. Ztg.' mit Recht, zwar wenig bedeu­ten und verliert um so mehr an Wert, wenn man bedenkt, daß vor Gautsch die deusschen Man­date 48,3 Prozent einnahmen. Da aber eine allgemeine Vermehrung der Mandate auch der anderen Parteien eingetreten ist, so haben die Deutschen erfreulicherweise doch keine Ursache zu klagen. Da Oesterreich mit 36 Prozent von Deusschen bevölkert ist, die Deutschen aber infolge des neuen allgemeinen Wahlrechts im Parla­mente 45 Proz. Mandate inne haben, ist die Beteiligung der Deusschen am osfiziell-polittschen Leben der Monarchie immer noch starker, als der Nattonalitätenverteilung der Bevölkerung entspricht.

* Das englische Unterhaus setzte am Freitag die Beratung des Marinebudget beim Kapitel Neubauten fort. Unterstaatsfekretär Robert­son macht Mitteilung von den Absichten der Regierung hinsichtlich des neuen Flottenbau­programms. Er erinnert daran, daß das ur- Miene ober boshaft grinsend, sondern mit brüder­licher Herzlichkeit.

„So, Papa, jetzt ist aber die Reche an mir. — Teuere Kusine, ich bin kein Redner, aber wenn ich auch nicht in feinen, wohlgedrechselten Phrasen ausdrücken kann, was ich fühle, so meine ich es nichts destoweniger aufrichtig. Meinen allerherz­lichsten Glückwunsch, Hilda!"

„Unser Hildchen soll leben — hoch!" rief mein Onkel lustig.

„Hoch — dreimal hoch!" stimmte Ralph ein.

Ich wollte sprechen ,doch meine Rührung meine Freude übermannte mich, und ich brach in leiden­schaftliches Schluchzen aus. Eine Weile ließ mau mich gewähren, bann legte mein Onkel freundlich bte Hanb auf meinen Kopf.

„Komm, Hilda, trockne Deine Tränen. Ein Fest, wie dieses, mutz fröhlich begangen werben."

„Bist Du nicht verwundert, uns beide hier zu fehen?" fiel Ralph ein. „Wir sind die ganze Nacht auf den Rädern gewesen, Papa und ich."

„Jawohl; wir mutzten doch unferm lieben Ge- burtstagskinde persönlich gratulieren", warf der Onkel dazwischen.

„Vessteht sich", meinte Ralph. ,

Das Frühstück stand bereit, und ich beeilte mich, die Tassen zu füllen und sie den beiden Herren zu präsentieren. Dasselbe hatte ich im Laufe der letzten Jahre unzählige Male getan, ohne meine Dienste je anders, als höchstens durch ein unver­ständliches Knurren anerkannt zu sehen. Heute wetteiferten Vater und Sohn in Liebenswürdig­keit.

„Danke, mein teures Kind! Der Kaffee wird doppelt munden, nun Du ihn mir reichst."

Ralph drückte sich ähnlich, nur mit noch mehr Feuer und Enthusiasmus aus. Er beklagte die Notwendigkeit, worin er sich befand, wie er sagte, so oft abwesend zu sein, und beneidete den Vater, der täglich meine Gesellschaft genießen konnte.

Ich fragte nicht nach dem Grunde dieser Not­wendigkeit: wie im Traume folgte ick dem G»

Deutsches Reich.

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Berlin, den 27. Juli 1906.

* Das Befinden des Reichskanzlers sollte I Blättermeldungen zufolge keineswegs günstig < sein. Die ,Deutsche Tageszeitung' stellt demgegen- 1 über „auf Grund bester und unzweifelhafter In- 1 sormation" fest, daß der Reichskanzler sich frischer 1 und wohler fühle, als es feit Jahren je der । Fall war. •

* Der Abgeordnete Erzberger hat bekannt- 1 lich vor kurzem der Hoffnung Ausdruck gegeben, 1 als Zeuge vor Gericht alles aussagen zu dürfen, was er über die Kolonialaffären wisse und er» I fahren habe. Die,Deiltfche Tageszeitung' „glaubt । zu wissen", daß man an maßgebender Stelle ‘ entschlossen fei, diese Hoffnung zu erfüllen. — । In der Untersuchung gegen „Götz und Schneider" ■ hatte der Abg. Erzberger dem Untersuchungsrichter , das ihm zur Verfügung stehende Material über ' den Kolonialprozeß zur Durchsicht übergeben, nachdem er da- Versprechen erhalten hatte, er werde das Material in einigen Tagen zurücker­halten. Auf fein Ersuchen, ihm das Material, 1 wie versprochen, zurückzugeben, erhielt Abg. Erz­berger von der Staatsanwaltschaft den Bescheid, daß das Material noch weiter in den Händen ' der Staatsanwaltschaft verbleiben müsse, weil es wichtige Angaben zu dem Prozeß gegen Götz und Schneider enthalte; die Staatsanwaltschaft behalte ' sich vor, die formelle Beschlagnahme über das Material zu verfügen. Daraufhin hat der Abg. Erzberger, wie er in einer Zuschrift an den .Ber­liner Lokalanzeiger' bemerkt, dem Untersuchungs­richter in einer erneuten Verhandlung erklärt, daß er nunmehr alle seine bisher gemachten Aussagen auf Grund seiner Eigenschaft als Reichstagsabgeordneter zurückziehe, weil durch die angedrohte formelle Beschlagnahme die ihm auf Grund der Reichsverfassung gewährte Immunität verletzt werde. Gegen die Beschlag­nahme des Materials hat der Abg. Erzberger Beschwerde eingelegt.

* Als Nachfolger für den Präsidenten des Reichsversicherungsamts Gäbel werden vom ,Reich' der Geheimrat im Reichsamt des Innern Kauffmann und der badische Ministerialdirektor Freiherr von Bodmann genannt. Die ,Deussche Tageszeitung' gibt zu, daß die beiden genannten Herren in Betracht kommen möchten. Die An-

Mein Leben war jetzt eintöniger als je. Ich hatte buchstäblich nichts zu tun. Um den Haushalt durste ich mich nicht kümmern. Als ich einmal einen Anlauf dazu nahm, legten sowohl Frau Wynn wie auch mein Onkel ein so nachdrückliches Veto ein gegen meine Einmischung in Dinge, die mich nichts angingen, daß ich nie wieder einen ähnlichen Versuch zur Verbesserung meiner Lage machte. Ich verkehrte mit niemandem, Taschen­geld erhiel ich nicht, und so war mit die Gelegen­heit abgeschnitten, mich der Armen des Dorfes an­zunehmen. Mir blieben also nur meine Bücher und meine Hunde, Fick und Myra — Tom war leider an den Folgen eines wütenden Kampfes mit dem Bullenbeißer des Metzgers zugrunde gegan­gen und vo» mir an einer abgelegenen Stelle der Anlagen begraben worden.

Das Gefühl meiner Abhängigkeit von der Gnade eines Verwandten, der mich nicht liebte, war ein so niederdrückendes, mein Leben ein so leeres, nutzloses, daß ich meinen Onkel mehr als einmal gebeten hatte, mir zur Erlangung einer Stelle als Gouvernante ober Gesellschafterin be­hilflich zu fein, doch davon wollte er nichts wissen. Ein ärgerliches: „Sprich keinen Unsinn, Hilda", war die einzige Antwort, die ich erhielt. Vermut­lich fürchtete er, daß es feinem Kredit schaden würde, wenn seine Nichte das Haus verließe, um sich ihr eigenes Brot zu verdienen. So folgte ein Tag dem anderen: Woche reihte sich an Woche, und endlich kam mein achtzehnter Geburstag heran.

II.

Die meisten jungen Mädchen sehen ihrem Ge­burtstage mit freudiger Ungeduld entgegen: er bringt ihnen ja Glückwünsche, Geschenke, Ueber­raschungen aller Art. Für mich war er ein Tag wie alle anderen. Kein Händedruck, kein freund­liches, herzliches Wort war mir jemals bei einer solchen Gelegenheft zuteil geworden, und was Ge- schenke betrifft, ich glaube nicht, daß ich zwischen meinem vierten und meinem achtzenhten Jahre L je etwas erhalten habe, was ich mit diesem Namen I