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Sotation,druck u. Verlag der Fuldaer Se- tiendruckeret ht Zulda. Zeruiprechrr Nr. 9. ;
JV0 160.
Fulda, Montag den 16. Juli 1906.
83, Jahrgang.
* Austritte aus der evangelische« Landeskirche.
Die Berliner Sozialdemokratie hatte ihre drei letzten Kundgebungen am sogenannten »roten Sonntag", am 18. März und am I. Mai gleichzeitig dazu benutzt, die Massen zum Austritt ans der evangelischen Landeskirche aufzufordern. Der sattsam bekannte „Zehngebote-Hoffmann" war der Leiter dieser Bewegung. In ausgesprochen protestantischen Blättern der Neichshauptstadt wird jetzt darauf hingewiesen (wir haben von dieser Mitteilung schon Notiz genommen), daß die Bewegung zum Austritte aus der Landeskirche nur einen ganz geringen Erfolg gehabt habe. Die genannten Blätter stellen fest, daß die Genossen trotz Dutzenden von Versammlungen, Hunderten von giftigen Artikeln, ununterbrochener Wühlerei in Werkstätten und Fabriken, in Destillen und Budiken nicht den Zweck erreicht haben, größere Scharen aus der Landeskirche herauszuekeln.
Diese Mitteilungen stimmen nicht ganz mit den Tatsachen überein. Im Kirchenkreise Berlin I haben nach Angaben der maßgebenden Faktoren „einige Hundert" von Personm ihren Austritt angemeldet bezw. vollzogen; in Berlin II sind 650 Austrittserklärungen angemeldet, dagegen 300 Austritte vollzogen; für Berlin III lauten die entsprechenden Zahlen vom I. Januar bis 31. März 1905 662 und 415, in dem Bezirk Berlin-Köln Stadt wurden im Jahre 1905 254 Austritte gezählt, von Anfang Januar bis Ende April lagen 458 Abmeldungen vor. Für die übrigen Berliner evangelischen Synoden sind die Zahlen geringer. Aber immerhin meinen wir, daß man nicht berechtigt ist, davon zu sprechen, daß der Erfolg der Sozialdemokraten sehr kläglich sei. Wenn die Bewegung auch nicht Zehntausende, wie die Sozialdemokraten beabsichtigten, aus der evangelischen Landeskirche herausgeführt hat, so zeigen die Zahlen, namentlich wenn man sie mit denen des vorhergehenden Jahres vergleicht, immerhin ein erhebliches Anwachsen der Aus- trittsbeivegung an.
Die evangelischen Kirchenbehörden in Berlin sind sich der Gefahr, die in der Entfremdung der Massen von der Kirche liegt, schon seü langem bewußt. Rein äußerlich haben verschiedene Kreise der Reichshauptstadt den Grund darin gesucht, daß Berlin nicht über die nötige Zahl von Gotteshäusern verfügt. Der evangelisch-kirchliche Hilfsverein hat an diesem Punkte seit langen Jahren eingesetzt, und, soviel wir uns erinnern, in den letzten beiden Jahrzehnten über 60 neue evangelische Gotteshäuser entstehen kaffen. Rach seiner neuesten Veröffentlichung geht die Meinung in jenen Kreisen dahin, daß noch mindestens 25 bis 30 neue Kirchen gebaut werden müssen, um daS kirchliche Bedürfnis der Evangelischen Berlins zu befriedigen. Wir können nicht einsehen, daß mir dem rein äußerlichen Kirchenmangel die Ursache der Entfremdung der Maffen von der evangelischen Landeskirche gefunden ist. Der ,Vorwärls' hat sich vor einigen Monaten den Scherz geleistet, Vertrauensleute in evangelische Kirchen während des Gottesdienstes zu schicken und hatte unwidersprochen festgestellt, daß die Zahl der Kirchenbesucher nur sehr gering war.
Man hat von evangelischer Seite dann versucht, den Massen entgegenzukommen und richtete
Die hexe von veringen.
Eine kulturgeschichtliche Erzählung au8 den hohen- zollerischen Landen.
Von Ernst Settinget.
17] (Rachdruck verboten. >
Wenn es nun doch einen leibhaftigen Teufel gab, kdnnte der nicht — der Vogt stieß einen häßlichen Fluch aus. Er schalt sich selbst wegen seiner Feigheit. Da erscholl von der Straße das Horn des Nachtwächters, der sein eintöniges Sprüchlein tonlos herleierte: „Lost ihr Leut und laßt Euch sagen, die Glock hat eis (ein) geschlagen. Behüt'» Feuer!
Und jetzt was noch? Was brachte der Mann noch vor? Den Stundenspruch de» Nachtwächters Kannte der Vogt bester als das Vaterunser, aber was hatte jener heute hinzuzusetzen? Er verstand es nicht und doch drängte es ihn mit unwidersteh- , kicher Neugierde, zu hören, waS der Mann gesagt. Er eilte in das Hintere Zimmer und öffnete vorsichtig das Fenster. In dieser Richtung kam der 'Nachtwächter. Nestte wartete. Am Himmel zogen die Wolken in krausem Gewirr durcheinander, bald die fahle Sichel des Mondes verhüllend, bald sie für einige Augenblicke hervorleuchten lastend. Da erschien der Schein der Laterne des Nachtwächter», bas Horn ertönte und seinem Schalle schloffen sich ldre Worte an: „Lost ihr Leute und laßt Euch sagen, dre Glocke hat eis geschlagen. Behüt's Feuer I Wolhm em Uhr!" Und nun mußte es kommen. i«Is der Vogt die weiteren Worte hörte, schmetterte !er mit einer Verwünschung das Fenster zu, sodaß sein starker Luftsttom entstand und das Licht er- :losch- Der Nachtwächter brummte," als er das iRlirren des Fensters vernahm, tadelnd vor sich hin: „Da hat mal wieder eins ein Fenster nicht Löschkosten, bis es hin ist. Auf die Weibsleut ist 'rein Verlaß.'
sogenannte Zeltkirch«n, Schisiferkirchen und Waldgottesdienste ein, Ideen, denen wir bei aller Anerkennung des guten Willen» keinen Geschmack abgewinnen können. In letzter Zeit war sogar davon die Rede, in den Lauben- kolonien einfache Gotteshäuser zu errichten, um der Arbeiterbevölkerung, die meist den ganzm Sonntag in den Lauben zuzubringen pflegt, die Möglichkeit zu geben, einen Gottesdienst zu besuchen. Der.Vorwärts' hat bereits billige Witze über diese Idee aemacht und, soviel wir die Berliner kennen, wird sie unter den „Kolonisten" wenig Anklang finden.
Angesichts der Abfallbewegung im eigenen Lager ist die Frage angebracht, ob die evangelische Kirche recht daran tut, ihre Kräfte mit der Unterstützung der Los von Rom-Bewegung zu verzetteln. Wir sind der unmaßgeblichen Meinung, daß man im eigenen Lager Arbeit genug und allen Anlaß hätte, im eigenen Hause nach dem Rechten zu sehen, anstatt immerfort an „Rom" und den „Römischen" herumzunörgeln. Vom Evangelischen Bunde und seinen Gesinnungs- genofsen erwarten wir allerdings nicht, daß sie zu dieser vernünftigen Einsicht kommen, aber die gläubigen Protestanten sollten doch allmählich erkennen, daß die Feindschaft gegen die Katholiken diesen weniger Schaden zufügt als ihnen selber.
Deutscher Reich.
Berlin, den 14. Juli 1906.
* Kurhessische Staatsanleihen. Der,Reichs- anzeigert macht darauf aufmerksam, daß die sämtlichen vormals Kurhessischen Staatsan. leihen zur Rückzahlung gekündigt worden sind.
* Der nationalliberale Abg. Dr. Sattler ist in der Nacht von Freitag auf Samstag in Berlin gestorben. Der Verstorbene vertrat im Reichstage von 1884—1888 den Wahlkreis Melle- Diepholz und seit 1898 den Wahlkreis Stade; dem preußischen Abgeordnetenhause gehötte der Verstorbene feit 1885 als Vertreter für die Stadt Hannover an. Der Verstorbene trat namentlich in den Vordergrund bei der Beratung des Etat» und im Kampfe gegen die Polen. Er gehörte zu den Führern der nationalliberalen Partei im Reichs« tage wie im Abgeordnetenhause und zu den begabtesten Rednem dieser Pattei. Abg. Sattler verfügte als Historiker, dessen Spezialfach das Archiv war, zugleich über eine parlamentarische Beredtsamkeit, die ihre Eigenart in ironischen und sarkastischen Bemerkungen fand. Dadurch gewannen seine Reden bei kirchenpolitischen Fragen immer einen sehr ausgeprägten kulturkämpse- rischen Charakter, während er persönlich keine feindselige Natur hatte und auch mit den Zen- trums-Abgeordneten und mit Katholiken in entgegenkommenden Beziehungen stand. Eine Kampfnatur auf politischem Gebiete, eine friedliebende Natur in persönlichem Verkehr. Dr. Sattler hat nur ein Alter von 56 Jahren erreicht. Geboren am 26. Januar 1850 zu Varel im Kreise Sulingen, besuchte er das Gymnasium zu Celle und studierte von 1869—1873 in Göttingen Philologie und Geschichte. Die Studienzeit wurde nur unterbrochen zur Teilnahme an dem Feldzuge gegen Frankreich. Von 1873—1874 absolvierte Sattler sein Probe-Semester am Gymnasium zu Göttingen, trat dann in die Archiv-Verwaltung
Was der Wächter hinzugesetzt hatte, lautete: Und gedenket auch der Baderann und betet ein Vaterunser für ihre arme Seele!"
Der Vogt knirschte mit den Zähnen. Wer hatte hierzu dem Wächter den Auftrag gegeben? Baderann und kein Ende. Und wieder fröstelte es den Vogt. Die Nacht grauste chrn. Der Sturm begann zu heulen. Er tobte dort oben in den Ruinen der alten Burg. Unheimlich, unheimlich! Da plötzlich ein dumpfer, halblauter Schall. Was war das? Der Vogt lauschte mit angehaltenem Atem. Und wiederum: Bim, bim, bim! „Das Hexen- glockle", murrte er ärgerlich. Baderann und kein Ende.
Vielleicht kam jetzt der Schlaf. Bi» über Ohren und Augen zog er die Decke. Aber der Schlaf kam nicht. Da, ein neuer Gedankengang. Was wollte der Jörgbauer und die Liese zu Sigmaringen? Diese Frage krallte sich ein und ließ den Gemarterten nicht wieder los. Als endlich, endlich da» Licht des kommenden Tages das fahle übernachtete Gesicht des Vogtes beleuchtete, sprang er auf, ohne Ruhe gefunden zu haben. Aber er hatte einen Entschluß gefaßt. Auch er mußte in die Residenzstadt, koste es, waS es wolle. Dort drohte ihm Gefahr, das fühlte, das empfand er. Der mußte er zuvor kommen. Der Jörgbauer und die Liese und die Baderann. Statt des Morgengebetes zischte er eine Verwünschung aus. Wem sie galt? Baderann und kein Ende.
Was an dem einen Tore der Stadt sich als besonderes Ereignis zutrug, das wußte man flugs auch am anderen Store; denn dafür war Sigmaringen damals noch klein genug, und unsere Voreltern waren viel neugieriger als wir, weil sie noch so glücklich waren, viel weniger zu wissen und zu erfahren als heutigen Tages die Schulkinder. Nun war allerdings das Ereignis, das gerade an dem Tage die Sigmaringer beschäftigte, wo der Jörgbauer und die Liese eintrafen, ein nicht alltägliches, wiewohl es weder durch „Geschützdonner", noch durch Beflaggen der hohen, spitzgiebeligen Häuser gefeiert wurde.
ein und war nacheinander an den Staatsarchiven in Magdeburg, Düffeldorf, Königsberg, Posen, Hannover und Berlin beschäftigt. Sest 1896 wirkte er in Berlin als zweiter Direktor der Staatsarchive.
* Der preußische Handelsminister hat dem deutschen Landwittschaftsrat auf feine Beschlüsse in der diesjähriben Plenarversammlung über die Kalilager mttgeteilt, daß der Anteil des Staates an der Förderung des Kalisalzes durch den Erwerb der „Hercyma" in letzter Zeit eine erhebliche Verstärkung erfahren habe, und hoffentlich demnächst durch Anlage einiger neuer Kaliwerke auf eigenen Gerechtsamen de» Fiskus noch weiter werde vermehrt werden können. Die Frage der Einführung eines Kaliausfuhrzolles habe durch den ablehnenden Beschluß der Steuerkommission deS Reichstages Erledigung gefunden.
* Während der Zeit der Gerichtsferien wird die Spruchtätigkeit des Reichsversicherungsamts, wie in den früheren Jahren eine Einschränkung erfahren. Vom 15. Juli bis zum 15. September werden zur Erledigung der besonders eilbe- dürftigen Sachen sowohl in Unfall« wie Jnva- lidenversicherungsstreitigkeiten wöchentlich mehrere Sitzungen stattfinden. Auf die griffen zur Einlegung des Rechtsmittels des Rekurses und der Revision (ein Monat, vom Tage der Zustellung des Schiedsgerichtsurteils an gerechnet) hat diese Ferienordnung keinen Einfluß.
* „Studentenhumor für eine Bismarckfäule" Unter dieser Spitzmarke berichtet die Köln. Ztg. in Nr. 747 über ein in Jena gefeiertes akademisches Fest, an welchem die Lehrer der Universität mit ihren Damen sich „vollzählig" beteiligten. Danach scheint man eS in den Kreisen der Jenenser Studentenschaft für besonder» takt- und humorvoll gefunden zu haben, auf dem Festplatze einen Kapuziner mit „Nummern der ,Jugend' ,Simplizissimus' ,Meggendorfer Blättert und dergleichen zu ihm paffenden Dingen" hausieren zu laffen. Es genügt, solche Auswüchse festzunageln; sie charakterisieren die Bildungsstufe ihrer Urheber von selbst. Was würde man jedoch in diesen Kreisen sagen, wenn in katholischen Studentenkreisen mit der Amtstracht eines protestantischen Predigers solcher Mißbrauch getrieben würde? „Humor" in solcher Gestalt ist Gott sei Dank bei uns unbenfbar, weil wir über das n ö- tigeTaktgesÜhlAnbersdenkend en gege trübe r verfügen.
*Zu Ehren des neu ernannten Gouverneurs von Deutsch-Ostafrika Freiherrn von Rechenberg fand am Freitag abend im Palasthotel zu Berlin ein Festessen statt. Unter den Anwesenden befanden sich u. a. bet Erbprinz zu Hohen- lohe-Langenburg, der Gesandte für Marokko Dr. Rosen, bte Gouverneure Dr. Solff und Graf Zech. Der Erbprinz zu Hohenlohe brachte ein Hoch auf den Gouverneur aus und wies im Laufe seiner Rede darauf hin, wie sehr einen Beamten das Bewußtsein stärken müffe, daß er des Vertrauens seiner Behörden und auch weiterer Kreise sicher sei.
* Mit der Ausführung des Schulunter- Haltungsgesetzes soll bereits in der nächsten Zeit begonnen werden. In Anbetracht der Mannigfaltigkeit und Schwierigkeit der Materie wird es in den interessierten Kreisen begrüßt werden, daß der Abg. Schiffer es unternommen hat, einen kurzgefaßten Handkommentar des Gesetzes zu schreiben, in welchem die gesamte Materie
Als der Jörgbauer mit feinem Wagen am Tore hielt und dem Wächter, der den Straßenzoll erhob, seine zwei Heller zahlte, begann dieser nach guter, schwäbischer Sitte mit dem Bauer einen Diskurs: denn eigentlich war es sein Recht, von jedem, der bei seinem Tore in die Stadt einfuhr, zu wiffen, was ihn gen Simmeringe führe. Aber der Mann riß den breiten Mund soweit auf, als müsse er ihn, wie seinen Schlagbaum, für einen Heuwagen öffnen, als er auf seine zutrauliche Frage: „Nun, Bauer, was hast Du zu schaffen im Stabile, mit Deinem Mädle, das aber nicht ausschaut, als ging sie zur Kirbe", die sofortige Antwort erhielt: „Zu unserem Landesherrn will ich, zum Fürsten."
Erbost über die vermeintliche Unverschämtheit des Bauern rief der Zollwächter: „He, bildest Dir wohl ein, da ging man nur so ein, tote in einem Wirtshaus. Wirst schon sehen. Und heut erst recht."
„Warum heut erst recht?" fragte der Jörgbauer.
„Weil heute früh unser gnädiger Herr, der Herr Graf mit den jungen Grafen und, Gräfinnen eingezogen sind. Kannst es Dir einbilden, daß da unser Herr Fürst Zett hat für jeden Bauer von der Alb da oben."
„Der Herr Erbprinz ist gekommen? Gott im Himmel sei Dank, dann ist auch mein Bruder der Georg da!" rief Liese und faßte den Arm ihres Gefährten krampfhaft.
„Ja, was, das saubere Mädel ist die Schwester von dem Georg Kohler, also auch die Tochter von der — von der Deringer He--"
„Hex", wollte er sagen, aber der Jörgbauer schnitt ihm das Wort am Munde ab, indem er ihn anfuhr: „Jawohl, sie ist die Schwester von Georg Kohler und Du bist ein Esel."
Bevor noch der Wächter sich von seiner Heber- raschung zu erboten vermochte und überlegen konnte, ob ihm oa nicht eine schwere Beleidigung im Dienst angetan worden, rollte der Wagen schon die Straße hmanf in die Stadt hinein. Er begnügte sich, dem Gefährt einen zornigen Blick nach
übersichtlich aeorbnet ist. Das Buch wirb bereit#- in allernächster Zeit im Druck erscheinen.
* Turnunterricht durch Sozialdemokraten untersagt. Auf Veranlassung ber Provinzialregierung von SchleSwig-Holstein hat bet Kultusminister, bet .Köln. Ztg.' zufolge. Über bie Erteilung von Turnunterricht durch Sozialbemokraten an jugenbliche Personen eine Beifügung erlassen. Der Mmister betont zunächst, baß ein solches Recht nicht ben Bestimmungen ber Reichsgewerbeordnung sondern, soweit e» sich um Privatunterricht handle, ber Äabinettotber von 1834 und ber Ministerial- instruttion von 1839 unterliegt, einerlei, ob ein Unterricht gegen ober ohne Entgelt in Frage komme. Danach bebarf es zu ber Erteilung beS Turnunterrichts an jugenbliche Personen in jebem Falle ber Erlaubnis ber Ortsschulbehörde. Diese Erlaubnis könne aber nur dann erteilt werden, wenn der Bewerber feine sittliche Tüchtigkeit für Unterricht und Erziehung genügend nachweist. In dem Einzelfalle, ber biefe Entscheidung herbeiführte, war ber Bewerber ein anerkanntet Anhänger ber Sozialdemokratie. Der Minister erklärte nun: Das Vorhandensein der sittlichen Tüchtigkeit für Unterricht und Erziehung ist bei allen Mitgliedern der sozialdemokratischen Partei zu verneinen, da die Ziele und Bestrebungen dieser Partei im geraden Gegensatz stehen zu den Grundlagen des Staatswesens und zu den Aufgaben des Schulunterrichts, bie Kinber zur Achtung unb Ehrfurcht vor ben bestehenden Gesetzen, zur Gottesfurcht, Vaterlandsliebe unb Königstreue zu erziehen. Es fei daher keinem Mitgliede der fozialdemokrattschen Partei bie Erlaubnis zur Erteilung von Turnunterricht an jugenbliche Personen zu gewähren, vielmehr sei ihnen bie Abhaltung solchen Unterricht- wegen mangelnder Tüchtigkeit für Unterricht unb Erziehung überall zu versagen.
* Verluste in Deutsch-Südwestafrika. Ein amtliches Telegramm aus Windhuk meldet: Reiter Anton Läufer, geb. zu Dauchingen, früher Feldartillerie-Regiment Nr. 65, am 3. Juli bei Schlangenkopf schwer verwundet (Schuß in bie rechte Hüfte), am 8. Juli im Lazarett Keet- manshoop an Blutvergiftung gestorben; Reiter Otto Steinborn, geb. zu Rudnik, früher Infanterie-Regiment Nr. 150, am 8. Juli beim Werftüberfall bei Masamurib oerrounbet (Schuß in ben linken Unterschenkel).
* Münster i. 83., 14. Juli 1906. Die er- neute Verhandlung im Prozeß Bach stein vor dem hiesigen Oberkriegsgericht wurde auf ben 15. August anbetaumt.
V Berlin, 14. Juli 1906. Der Kaiser hat gestern vormittag von Hammerfest aus bei aufklärendem Wetter die Fahrt nach dem Nordkap fortgesetzt. — Die Großherzogin-Mutter Anastasia von Mecklenburg-Schwerin, die Mutter der Kronprinzessin, wird voraussichtlich bei der Taufe ihre» Enkels in Potsdam nicht zugegen. — Ueber den Studiengang des Prinzen August Wilh elm, deS vierten Sohnes des Kaisers, macht eine Berliner Korrespondenz nähere Angaben. Danach ist für den Prinzen ein Studienaufenthalt von drei Semestern in B o n ninAussicht genommen, demsichweitereStudienjahre in S t r a ß b u r g oder München anschließen sollen. Auch eine Studienfahrt nach den BereinigtenStaaten von Nordamerika sollinden Lehrplan aufgenommen werden. Für da» Studium kommen in erster Linie Staatswissenschaften in Betracht. Zum Zivilbegleiler des Prinzen ist der Privatdozent an der Universität Halle Graf zu Dohna ernannt. — Admiral Freiherr von Senden« Bibran, der Generaladjutant des Kaisers und Chef äutoerfen, die Faust zu ballen, und zu murmeln:, „Wart Bauer, elendiger, 'anus mutzt Du doch wieder, und da schwätzen wir zwei noch ein Wörtl« miteinander."
Unterdessen fuhr der Jörgbauer weiter.
„Schau, Liesel, da ist der Hirsch, aber der ist zu vornehm für uns, da steigen die Herrenleute ab. Ich denke, wir kehren im Ochsen ein. Sehr höflich ist der Wirt gerade nicht, aber gut ist's bei chm, und das ist die Hauptsach."
In seiner Stube saß oder mehr noch lag Georg Kohler. Wer Liese kannte, hatte nicht nötig, nach dem Namen des jungen Mannes zu fragen, dessen frisches Aeußere Zug um Zug der Schwester glich. Heute aber schaute der sonst stets heitere und zufriedene Bursche verdrießlich drein und das hatte seinen guten Grund. Er war mit dem Pferds gestürzt und hatte sich den rechten Fuß verstaucht. Und das mußte ihm nun gerade zustotzen, wo er nach langer Abwesenheit in die Heimat zurückkehrte. Wie hatte er zu sehen!
Bei ihm saß Friedrich Endritz, der ^Bereiter des Erbprinzen. „Mußt Dich halt noch ein bisle, gedulden, Georg. Nächste Woche wirst wohl so, wett sein, daß wir miteinander nach Beringen, können. Mutzt halt denken, wir feien acht Tage später heimgekehrt. " t
Georg sah den treuen Kameraden halb verdrießlich, halb belustigt an und entgegnete: >, „Hast Du so viel Geduld, Fritz, daß Du mir noch davon abgeben kannst? Ich dachte, £oge es gerade so fest nach Beringen, tote mich <
„Kannst recht haben", lachte der Bererter und wurde rot wie ein verschämtes Mädchen Bevor er aber noch weiter sprechen konnte, pochte es alt die Stubentüre: ,
„Ja, da schau einer her! Liesel!" rief Georg und hätte beinahe seinen kranken Futz vergessen. Beide Hände streckte er der Schwester entgegen. Doch kaum, daß er einen Blick auf sie geworfen, fuhr er erschrocken zusammen und fragte:
„Ja, Mädel, wie schaust Du aus? Bist krank gewesen oder ist der Mutter gar etwas zugesto-