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»«tationedrnck n. Verlag der Zuldaer Ht» Nendruckerei in Zulda. Lernsprecher Ur. 9.

33, Jahrgang.

Fulda, Samstag den 14. Juli 1906.

M 159.

Zweites WLatt.

Wochen-Rundschau.

X Fulda, den 14. Juli 1906.

Mit dem Schluß des preußischen Landtages ist eine der wichtigsten Sesswnen der letzten Jahr­zehnte zu Ende gegangen. Nach mehr als fünf- iigjähriger Arbeit ist es gelungen, ein Gesetz über ie Unterhaltung der Volksschule zu schaffen. Daß der Kaiser bei seiner tiefen Reli­giosität einer Vorlage voll und ganz zustimmt, welche der Schule den christlich-konfessionellen Cha- ratter aufdrücken will, bewies er dadurch, daß er dem Kultusminister die höchste preußische Aus­zeichnung, den Orden vom Schwarzen Adler ver­lieh. Daneben wurde selbstverständlich auch Mi­nisterialdirektor Althoff nicht vergessen, die rechte Hand des Ministers, der die Einzelheiten der Vor­lage in äußerst geschickter Weise rm Abgeordneten­hause vertreten hatte.

Die Reichstags st ichwahl im dritten lvestfälischen Kreise Altena-Iserlohn hat mit dem Siege des Sozialdemokraten über den Zentrums­kandidaten geendet. Ueberraschen konnte dieses Resultat nicht mehr, wenn man sich die Auslas­sungen der liberalen Organe in den Tagen kurz vor der Wahl vor Augen hielt. Wohl hatten die in Betracht kommenden Parteien der National­liberalen, der Christlich-Sozialen und der Frei­sinnigen Volkspartei offiziell für die Stichwahl die Parole ausgegeben: auf alle Fälle gegen den Sozialdemokraten, aber ein Teil der Wählermassen hat den Parteileitungen einfach die Gefolgschaft versagt und dem „Genossen" zum Sieg verholfen. Die Schuld an diesem Ausgange trifft in elfter Linie die liberalen Blätter, welche die Parteiauf­forderung zum Eintreten für das Zentrum mit so vielen Wenn und Aber und Entschuldigungsgrün­den für eine eventuelle andere Stellungnahme ver­zierten, das die Wahlparole schließlich nur als bloßes Aushängeschild angesehen werden mußte. So ist also von bürgerlichen Parteien dem Sozial­demokraten gegen eine andere bürgerliche Partei zum Siege verholfen worden. Vielleicht wird dem Liberalismus in nächster Zeit in einem anderen Wahlkreise die Quittung hierfür geschrieben werden.

Auf feiner Nordlandsreise, die voriges Jahr wegen der Unstimmigkeiten zwischen der bei­den Brudervölkern diesseits und jenseits des Skjö- len ausfiel, besuchte der Kaiser den neuen König von Norwegen. Es ist der erste offizielle Besuch eines gekrönten Hauptes, den König Haakon empfing, und dies hat wohl verur­sacht, daß dem Kaiser im allgemeinen sowohl wie namentlich bei den Tagen in Drontheim ein außergewöhnlich warmer Empfang zuteil wurde. Von der besonderen Sympathie des Kaisers für Norwegen und seine Bewohner zeugte der Trink­spruch bei der Prunktafel, der deshalb auch in dem nordischen Reiche sehr angenehm berührte.

Das Eintreffen des jüngstenHohenzol- l e r n s p r o s s e s hat natürlich den Eltern und Großeltern eine große Anzahl Glückwünsche von Privaten, Vereinigungen und Behörden des Jn- uud Auslandes gebracht. Obwohl vorläufig eine ^ganz passive Rolle spielend wie alle Säuglinge, chot das junge Menschenkind eine wichtige politische Frage der Zeit wieder zur Erörterung gebracht: unser Verhältnis zu England. Sei­ber ist ja das Band zwischen Onkel und Neffe feit Jahren zerschnitten. Kaiser Wilhelm geht seinem ^Oheim konsequent aus dem Wege, und dieser ver­meidet ebenso hartnäckig, wenn er die Kurreise nach Marienbad unternimmt, den Weg über Deutschland. Die Ursache des Zerwürfnisses kennt man nicht. Nun wird von verschiedenen Seiten gemeldet, daß König Eduard die Taufpatenschaft bei dem Sohne des Kronprinzen übernehmen werde. Ob die Nachricht einen ernsten Hinter­grund hat, läßt sich zur Zeit noch nicht übersehen. Sollte sie sich bewahrheiten, so würde in dem Zu­sammentreffen der beiden Herrscher ein Vorgang bon großer politischer Tragweite zu erblicken sein, das auch auf die diplomatischen und sonstigen Be­ziehungen der beiden Völker von heilsamem Ein­fluß fein könnte.

. Obwohl die fragliche Nachricht noch gar nicht offiziell ist, verursacht sie unseren Nachbarn, den Franzosen, doch schon Kopfzerbrechen. Der „Figaro" ist bemüht, die Tragweite einer eventu­ellen Begegnung zwischen den beiden Herrschern von vornherein abzuschwächen, indem er einen zu­künftigen Besuch König Eduards in Berlin ober Potsdam als höfliche Pflicht darstellt, der sich der König Eduard jetzt nach Abschluß der Marokko- ronserenz, nachdem die allgemeine politische Lage friedlicher geworden sei, nicht gut entziehen könne. Die Franzosen bewachen eben ihr Verhältnis zu England mit der Eifersucht eines Verliebten.

, Als eine Frucht dieses Verhältnisses ist der -Vertrag zwischen den beiden Staaten über Dlbef fi nien zu betrachten, in dem auch Jta- I i e n mit einbezogen wurde. Es handelt sich um Erschließung Abessiniens durch Eisenbahnen.

x e mr<?0e' toer die Eisenbahnen bauen soll, ist in vor Weise gelöst worden, daß die Konzession an yte Franzosen gefallen ist, jedoch wird der Leitung Ke ern englischer und italienischer Direktor zuerteilt ’W. bekanntlich den Vertrag nach unJ> hier ist offiziell erklärt St se ben Interessen Deutschlands

^^"^pncht, da er das Prinzip der offenen Tur gewährleistet.

Sollen bedrücken das Jnselreich Amlaßlich der Nachrichten aus den Kolonien Ein Bucken geht durch fast alle Völker des Islam Namentlich in dem kulturell fortgeschrittenen Megypten mehren sich die Anzeichen für das Ern- ‘--■■fnmrnen einer eiaennofionoTen Strömung, die

ben Engländern nichts weniger als freundlich ge­sinnt ist. Ein Zwischenfall, wobei ein englischer Offizier getötet wurde, dessen Tod die Behörden mit dem Hängen der vier beteiligten Personen be­straften, hat besonders böses Blut gemacht. Die englische Regierung hat sich daher veranlaßt ge­sehen die Garnisonen von Malta und Gibraltar zu senden, um beim Ausbruch von Unruhen über zuverlässige Streitkräfte zu verfügen, denn auch in der ägyptischen Armee kriselt es, und namentlich deren Offiziere sollen unzuverlästig sein. Hierzu kommt, daß die Bewegung unter'den Eingeborenen Südafrikas trotz einiger Erfolge der Engländer noch lange nicht abgeflaut ist. Der Zulukönig Bambata ist trotz des auf feinen Kopf gesetzten Preises von 10 000 noch nicht gefangen. Man ersieht übrigens hieraus, daß das Preisausschrei­ben auf Rebellenführer nicht nur bei uns Mode ist.

Von Rußland kann man wirklich sagen: nichts Neues, denn die Nachrichten aus dem Zaren- reiche sind seit Wochen auf dasselbe Thema ge­stimmt: Raub, Mord, Plünderung, Straßenun- ruhen, Meutereien unter den Soldaten. Solche sind in letzter Zeit sogar unter den treuesten Söh­nen des Zaren, den Kosaken zum Ausbruch gekom­men, die wiederholt mit demonstrierenden Arbei­tern gemeinsame Sache machten. Die Reichsduma faßt ihre Arbeiten vorläufig nur in negierendem Sinne, in einer unerhört fcharfen Kritik der herr- fchenden Zustände auf. Als Rückschlag auf das absolute System ist die Haltung der Duma be­greiflich, nur wird sie nicht imstande fein, die für das Land fo notwendige positive Arbeit zu leisten. Wenig erfreuliches bot der Prozeß vor dem Ma- rinekriegsgericht in Angelegenheit der Uebergabe eines Torpedobootes an die Japaner im letzten Kriege. Vier Offiziere wurden zum Tode ver­urteilt, unter Empfehlung an die Gnade des Za­ren, während der bekannte Admiral Roschdjest- wensky, der das Boot erst als Verwundeter bestie­gen hatte, freigesprochen wurde.

Oesterreich-Ungarn hat einen frischen fröhlichen Zollkrieg mit Serbien. Da Serbien 90 % feiner Gesamtausfuhr nach der Donau­monarchie expordiert, erscheint die Forderung Oesterreich-Ungarns nicht unberechtigt, daß Ser­bien bei Gestaltung seines Zolltarifs auf die Wünsche des Nachbarlandes mehr Rücksicht nehmen möge.

Unpolitische Seifläufe.

T Berlin, 12. Juli 1906.

(Nachdruck verboten.)

Ein guter Freund gab mir ein Broschürchen mit dem Bemerken, das ginge den „unpolitischen Onkel" in seiner Eigenschaft als Dettelsackträger an. Es ist eine kleine Hetzschrift für den Evangc- gelifchen Bund, die sich mit der angeblichen „römi­schen Propaganda" in Großberlin befaßt. Ich kann nicht sagen, daß ich besagtem Freunde dank­bar bin; denn bas Ding ist über bie Maßen ein­fältig unb langweilig. Aber ba ich mich durch ben Quatsch durchgelesen habe, will ich ihn auch aus­schlachten. Vielleicht macht es den Lesern doch et­was Spaß, die Angst der Bündler vor der katho­lischen Minderheit in der Provinz Brandenburg zu beobachten.

„Zurück nach Rom in der Mark Brandenburg" lautet nämlich der Titel, und Hans Bahr, der Verfasser, soll nach Angabe des Verlegers Gym­nasialoberlehrer in Berlin sein. Hoffentlich hat der Mann ein recht schönes Fachexamen abgelegt; aber warum bleibt er nicht bei seinem Schulleisten? In den Dingen, über bie er hier schreibt, ist er (höflich gesagt) verblüffend naiv. Selbiger Jugendbilbner behauptet nämlich schwarz auf weiß, wir Katholiken hätten „ben Zuzug aus ben östlichen Provinzen (nach der Mark Brandenburg) planmäßig organifiert." Hat der angeblich akademisch gebildete Mann sich auch nur oberflächlich klar gemacht, was bas heißt; einen Massenzug von Provinzbewohnern nach Groß-Berlin planmäßig zu organisieren? Wieviel Geld und wieviel Einrichtungen und welche große, andauernde Arbeit dazu gehören würde? Ist es ihm nicht aufgefallen, daß er und seine mit Luchs­augen spähenden Genossen von diesem ganzen Ap­parat der ultramontanen Völkerverschiebung kein Tüpfelchen zu sehen bekommen haben? Ist ihnen ferner nichts davon bekannt geworden, daß alle ka­tholischen Seelsorger sich auf das eifrigste bemühen, ihre Leute von der Abwendung in bie gefährliche Stabt, ja sogar von dem zeitweiligen Aufenthalt in ber Fremde, und namentlich der fogenannten Sachfengängerei, möglichst abzuhalten und sie seß- hast zu machen in der Heimat. Weiß er ferner nichts davon, daß nicht bloß bie Geistlichkeit, fon- bern das ganze katholische Deutschland es als eine Quelle schwerer Sorge und Last betrachtet, daß die moderne Freizügigkeit immer mehr Katholiken aus ihrem wohlgeordneten Stammlande in die Diaspora wirst, wo Tausende und Abertausende von Seelen der Kirche verloren gehen, bis es mit unsäglichen Mühen gelingt, dort bie notdürftige Seelsorge zu begründen? Ach nein, Hans Bahr weiß nichts unb will auch nichts wissen. Er hat eine fixe Jbee unb die genügt ihm: „Der Ultra- montanisnius mödjte in ber Provinz Brandenburg ausschlaggebend werden, um dem Zentrum ben bis jetzt vermißten Rückhalt auch ber Bevölkerung zu geben; von hier aus hofft man bann im Reiche immer mehr an Boden zu gewinnen." Aber, Hans Bahr, dein Evangelischer Bund hat dem Ultramon- tanisrnus und dem Zentrum schon alles mögliche böse nachgesagt, nur das eine nicht, daß sie dumm seien. Wie kommst du Grünling in allen Staats- unb Gesellschaftswissenschaften nun dazu, dem Zentrum eine solche riesenhafte Torheit auzudich- ten, daß es in der Berliner B e völkerung die Wurzel feiner Kraft und ben Stützpunkt feiner Operationen suchen wolle! Kann überhaupt ein vernünftiger Mensch an bie Möglichkeit

denken, daß auf dem Weg der Zuwanderung in Groß-Berlin eine katholische Mehrheü herbeige­führt werden könnte? Nein, denn wenn die Mrsch- ung der Volksmassen durch die Freizügigkeit bis zum Aeußersten getrieben würde, so würde In Groß-Berlin wie überall im Reiche ein gutes Drit­tel katholisch fein. Das heißt: Der katholische Volksteil hätte dann die alten Stammburgen ver­loren und wäre überall in die Minderheit gedrängt und in allen Zentrumswahlkreisen würde es dann ähnlich gehen, wie jetzt in Altena-Iserlohn ober in Hagen-Schwelm. So sähe bie „ultramontane Machtpolitik" aus, die ihr in euerer Verbohrtheit uns andichtet I Dabei wollen wir noch gar nicht davon reden, daß Berlin und seine Umgebung par­teipolitisch sich in ben Händen der Sozialdemokra­tie befindet und nach den obwaltenden Verhält­nissen sich leider auf absehbare Zeit befinden wird. Wie klug wäre es vom Zentrum, feine Stammburg in dieses rote Gebiet zu verpflanzen? Aber alles das geniert Hans Bahr und Genossen nicht. Sie verfallen in Verfolgungswahn, wenn sie sehen, daß hier und ba für die zugewanberten Katholiken ein „ultramontanes" Kirchlein gebaut wird. Die ge­waltigen Erfolge der gottlosen und revolutionären Sozialdemokratie lassen sie ruhig sich entwickeln. Ja, in anderen Orten tun sogar bie protestanti­schen Hetzer Treiberdienste für bie sozialdemokra­tischen Jäger, z. B. in Altena-Iserlohn.

Natürlich bringt Hans Bahr wieder einen alten Ladenhüter auf die Theke, nämlich den angeblichen Ausspruch des badischen Professors von Buß über die Einschnürung des altprotestantischen Herdes in Preußen vom Jahre 1851. Ja freilich 1851. Drei Jahre nach dem tollen Jahr, 15 Jahre vor dem Gewitter von 1866,19 Jahre vor der Begrün­dung des Deutschen Reiches! Was damals ein „Großdeutscher", südlich des Mains gegen feine politischen Antipoden im Norden an kühnen Wor­ten verbraucht hat, das ist nach der Logik des Evangelischen Bundes vollständig beweiskräftig für die An- und Absichten ber preußischen Zen­trumsleute im Jahre 1906.

Doch halt, Hans Bahr beruft sich auch auf meine Wenigkeit. Im Jahre 1904, zum Silberjubiläum der Unbefleckten Empfängnis, habe ich in einem meiner Bettelartikel geschrieben: „Wieviel Marien­kirchen werden in Berlin unb Umgebung stehen, wenn wir das Hundertjahrfest ber Immaculata feiern? Dann fitzen hier gewiß nicht mehr Bettler, sondern Geber." Hans Bahr scheint keine Fakul­tät in Deutsch zu haben, beim sonst müßte er doch diesen klaren Satz verstehen. Ich hoffe, daß wir bis zum Jahre 1954 ber kirchlichen Not in Groß- Berlin abgeholfen haben unb bann die hiesigen katholischen Gemeinben so weit erstarkt seien, daß sie nicht weiter die Milbtätigkeit ihrer Glaubens­genossen im Reiche in Anspruch zu nehmen brau­chen, sondern selbst sogar etwas besteuern können für die Gegenden, in denen die Kirchennot herr­schen wird.

Im übrigen habe ich gar nichts dagegen, wenn Herr Bahr mir nachsagt, ich hätte den Wunsch, daß ganz Berlin katholisch werden möchte. Gewiß, ich möchte das, ebenso wie Hans Bahr und Genosien den Wunsch haben, daß ganz Deutschland protestan­tisch werden möchte. Aber der Unterschied ist der: meine Glaubensgenossen und ich wissen ganz ge­nau, daß die Wiedervereinigung im alten Glauben nicht durch Menschenkraft oder -fünft, sondern nur durch die allmächtige Vorsehung zu erwarten ist. Deshalb richten wir unsere Bemühungen dahin, unseren eigenen Besitzstand zu hegen und zu pfle­gen, insbesondere für bie religiösen Bebürsnisse unserer Glaubensgenossen in ber Dias­pora zu sorgen. Der Evangelifche Bunb kümmert sich nicht im mindesten um bie Evangelischen, bie massenhaft an den Unglauben und den Umsturz abfallen, sondern betreibt die Hetze gegen die Ka­tholiken und die systematische ©eelenfängerei im katholischen Revier. Es ist sehr bezeichnend, daß das stümperhafte Schriftchen von Hans Vahr als Nr. 6 in einer Broschürensammlung „Gut evan­gelisch alleweg" erschienen ist. In dieser Nummer 6 wird gegen eine eingebildete katholische Propa­ganda in Berlin zu Felde gezogen, während die vorhergehenden Nummern sich alle fünf der Los von Rombewegung, also ber wirklichen protestanti­schen Propaganda widmen. Auch ein Beitrag zur Fabel vom Wolf unb Lamm.

Spaßhaft wirb Hans Bahr, wenn er über ul­tramontane Gehässigkeit unb protestantische Fein­fühligkeit redet. Da hat z. B. ein Prediger in einem westlichen Vorort feine Kirche dazu ge­braucht, um eine Reihe von Vorträgen zu halten, nicht etwa gegen die Gottesleugner und Umstürz­ler, sondern gegen die Jesuiten. Einige Katho­liken haben ihm nun in gemeinverständlichen Zu­schriften ihre Entrüstung über diese Hetzereien gegen die katholischen Orden ausgebrückt. Ob bies nun klug unb schön war, ist Nebensache. Herr Bahr aber wirft bie Pharisäerbrust heraus unb ägt: „Wir Protestanten in der Mark Branden­burg sind frei von ber oben erwähnten Belästigung durch Briefe ober Postkarten." (Ist bas gutes Deutsch, Herr Oberlehrer!) O, du naiver Ten- denzschriststeller, du hast ja keine Ahnung, wie viele unb wie gemeine Schmähbriefe Sie katholi- chen Geistlichen in Groß-Berlin erhalten. Pfarrer Deitmer-Steglitz hat z. B. eine recht nette Samm­lung. Dabei hat er die „protestantische Ent­rüstung" nicht etwa durch Hetzvorträge erregt, son­dern einzig und allein durch seine Bittgesuche für einen katholischen Kirchenbau. Was Herr Bahr aus den Briesen an den protestantischen Pfarrer anführt, ist nur ein sanftes Geflüster im Vergleich mit den schmutzigen Schmähungen, die unfern Geistlichen zugehen. Aber bie sind nicht so weibisch, daß sie darob in einer Broschüre Lamento schlagen lassen. „Protestantische Feinfühligkeit", i)a§ ist eine großartige Entdeckung. Herr Bahr wird gewiß die Bachstein, Thümmel, Hoensbroech, Schwarz 2c. als Muster-Protestanten gelten lassen.

Hans Bahr hat nun noch einen Haupttrumpf im Köcher. Ein Affe fand einst eine Taschenuhr.

t?rrn Bahr fiel ein statistisches Jahrbuch der tabt Berlin in die Hände, in dem auch die Kon­fession der Verurteilten nachgewiesen wird. Ha, sagt Herr Bahr, darnach ist in den Jahren 1900 bis 1903 der Anteil der Katholiken an den Ver­gehen und Verbrechen etwas stärker gewachsen, als der Anteil der Protestanten; also sind die Katho­liken moralisch minderwertig! Es fällt mir gar nicht ein, die subtile Prozentrechnung des Herrn Bahr nachzuprüfen; der Mann hat ja keine Ah­nung von ben Grundsätzen der Moralstatistik. Ich wundere mich eigentlich, daß et nicht noch größere Unterschiede herausrechnen konnte. Die Krimina­lität hängt nicht allein oder nicht einmal haupt­sächlich von der Konfession ab, sondern in erster Linie von der wirtschaftlich-sozialen Lage. In dieser Beziehung steht die katholische Minderheit in Berlin dem altangesessenen Pro­testantismus und dem reichen Judentum bedeutend nach. Es kommt hinzu, daß die neu zuwan« beruhen Personen einen viel größeren Prozentsatz der katholischen, als der evangelischen Bevölkerung ausmachen. Die fluktuieren­den Elemente sind aber überall „moralisch min­derwertig" im Vergleich zu ben seßhaften. Be­kanntlich übt die Weltstadt eine besondere An­ziehungskraft aus auf Leute, denen es in der Zucht ber Heimat zu enge wird, insbesondere auch auf Mädchen, die ihrem Leichtsinn ober ber Verfüh­rung zum Opfer gefallen sind. Wenn nun ge­fallene Mädchen sich nach Berlin flüchten, fo wird allgemein ein Drittel derselben katholisch sein ge­mäß der Konfessionsmischung im Reiche. In Ber­lin selbst ober ist noch nicht ein Zehntel katholisch; daraus folgt mit mathematischer Sicherheit, baß die Zahl der katholischen unehelichen Mütter in Berlin etwas mehr als den Prozentsatz der Ge- samtzahl betragen muß. Herr Bahr aber schreibt einfach die Zahlen hin und folgert aus ben Schick­salen ber unglücklichen Mädchen, die sich nach Ber­lin flüchteten, daß bie katholische Sittlichkeit min­derwertig sei. Die Frage, ob nicht die schlimmste Unsittlichkeit sich schließlich in ber Unfruchtbarkeit äußere, wird seinem Begriffsvermögen wohl zu hoch liegen..

Köstlich ist aber bie Nutzanwendung, bie Han- Bahr feiner statistischen Stümpelei anhängt: Der katholische Klerus Berlins täte sehr gut daran, wenn er seine ganze Kraft derSeelforge wid­mete; der katholische Klerus und die katholischen Ordensleute sollten sich um ihre eigenen An­gelegenheiten kümmern. Bravo; das tun sie ja gerade.. Um den nach Berlin wandernden Katholiken die dringend notwendige Seelsorge bieten zu können, brauchen wir neue Pfarreien und neue Kirchen. Möge die naive Kampffchrist des Herrn Bahr dazu dienen, daß die Opferwillig­keit der deutschen Katholiken sich neu belebt; bann wird auch aus diesem Gänseblümchen Honig her­vorgehen.

Römischer Wochenbrief.

V Rom, ben 9. Juli 1906.

Die letzten Tage, als letzte Parlamentstage, fingen recht aufregend an, aber endeten sehr ruhig, denn auf den Tagesordnungen sowohl der Deputiertenkammer, wie des Senats stand die Verhandlung über den Bericht der Marine- Untersuchungskommission. Letztere hatte bekanntlich eine lange Reihe von Mißständen in der Flottenverwaltung aufgedeckt und der be­treffende Bericht war ein ziemlich scharfes Sün­denregister der verschiedenen Marmeminister. Die Kommission hatte indessen ihre Rechnung ohne die Minister und die Mehrheit der Volksvertreter gemacht, welche nichts auf die Marine kommen lassen und die ganze Angelegenheit einfach — be­graben wollten. Das betreffende Votum in bet Kammer trug ganz und gar den Charakter einer Ueberraschung, was die sozi stiftische und repu­blikanische Opposition zu großen Lärmszenen ver­anlaßte, welche indes in der nächsten Sitzung — wieder gut gemacht wurden. — Das meridionale Eisenbahngesetz wurde bann schleunigst an­genommen, benn bie Abgeordneten hatten große Eile, nach Hause zu kommen. Auch der sonst so strenge Senat zeigte sich diesmal sehr milde. Das Parlament hat also seine Sommerserien begonnen, welche sich voraussichtlich bis in den November hinein erstrecken werden.

Die Römer fangen an, sich über die Tram­bahnbediensteten zu ärgern, welche bereits 7 Tage streiken und den Verkehr dadurch in un­angenehmster Weise schädigen. Die wenigen Wagen, welche auf ben Hauptlinien verkehren, werben von ben Municipalgarden geführt und von Gendarmen eskortiert.

Das italienische Königspaar stattete den unter seiner neuangekauften Villa vor der Porta Salaria gelegenen Katakomben der Pris­cilla, unter Führung des Mitglieds der päpst­lichen archäologischen Kommission, Professor Marucchi, einen zweistündigen Besuch ab. Bei dieser Gelegenheit erteilte der König der Kom­mission die weitgehendsten Vollmachten wegen der im Bereiche seiner Villa vorzunehmenden Aus­grabungen und sonstigen Arbeiten.

Ter Präsidentschaftsrat des italienischen katholischen „Wahlvereins" hat an Stelle )es demissionierenden Präsidenten Meda in Mai­land ben hiesigen Präsidenten der italienischen Antisklavereigesellschaft Comm. Tolli gewählt. Für den geplanten katholischen „Volksverein" hat sich noch immer kein Präsibentschastskanbibat inben lassen. — Gestern war bas fünfzig» ährige Jubiläum ber ersten Eisenbahn im alten Kirchenstaate, derjenigen von