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Erscheint täglich, mit krunahm« Oer Sonn* »n-Heieiiage. Viertel* jä^ri. Bezugspreis tone Bringeriohn und Bestellgeld in zulda und auswärts 1M. 50 pfg.

Verantwortlicher Schriftleiter:I. Baum für die Anzeigen I. Parzeller in Hulda.

Maer W Stitung

w«ch-nbeiiage:„Illustrierte8omitagszeitung" Monakbeiiage: „Hulda« GeschlchtsblAttt".

Rotationsdruck n. Verlag der Huldaer Ae» ftendruckerei in Hulda. Hernfprecher Nr. 9.

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JV3 159.

Fulda, Samstag den 14. Juli 1906.

33, Jahrgang.

Krstes Wlcrtt.

Deutsche und stemde Auleiheu.

Dor zehn Jahren mußte sich I t a l i e n wegen einer zwangsweisen Zinsreduktion an seine Gläu­biger wenden. Heute hat dasselbe Land eine Ren­tenkonversion zustande gebracht, wie sie in solchem Umfange Wohl noch nicht dagewesen ist. Es han­delt sich um ein Kapital von über 8 Milliarden Lire 4 bezw. 5 prozentiger Renten, die den In­habern bis zum 1. Januar 1912 nur mehr 8,75 und von da ab bis 1920 3,50 Proz. bringen wer­den. Für den italienischen Staatsschatz bedeute- das jährlich eine Ersparnis von 20 und von 1920 ab von 40 Millionen Lire. Obgleich Italien ja in den letzten Jahrzehnten wirtschaftlich erstarkt ist — nicht zuletzt übrigens infolge seiner Zuge­hörigkeit zum Dreibunde — wäre es natürlich der italienischen Finanz allein unmöglich gewesen, ein Geschäft in derartigen Grenzen zumachen. Das Ausland ist helfend eingesprungen und nament­lich Frankreich hat seine hilfreiche Hand bei der Konversion geboten.

In den letzten Tagen ist der italienische Mini­ster des Auswärtigen nach Paris gereist, um dort seinen offiziellen Dank für die Finanzhilfe abzustatten. Auch deutsche Großbanken haben sich zum Teil an dem italienischen Geschäft betei­ligt, allerdings nur in geringem Umfange, und auch diesen ist durch den italienischen Botschafter unter Vermittelung des deutschen Auswärtigen Amtes der Dank der italienischen Regierung aus­gesprochen worden. Die Einzelheiten der Konvertierung haben nicht überall Beifall gefun­den. Es ist vor allen Dingen bemängelt worden, daß die den Rentenbesitzern gestellte Frist für die Entscheidung, ob sie event. Rückzahlung des Kapitals verlangen, z u k u r z ist. Demgegenüber kann aber schließlich mit Recht eingewendet wer­den, daß ein längerer Termin der Spekulation Tor und Tür geöffnet haben würde. Alles in allem kann Italien mit seinem finanziellen Erfolge zu­frieden sein.

Demgegenüber muß sich das Befremden darüber wieder stärker regen, daß die deutschen Reichs- und Staatsanlehen einen so niedrigen Kursstand haben und so schwer unter­zubringen sind. Eine ganze Reihe gut fundierter deutscher Großstädte war in der letzten Zeft ge­zwungen, Anleihen zu 4 Proz. aufzunehmen, und die reiche Stadt Frankfurt a. M. verdankt es nur ihren guten Beziehungen zur Pariser Finanz, daß sie daselbst eine Anleihe zum Satze von 3% Proz. erhielt. Unvergessen ist ja auch noch der unbe­streitbare Mißerfolg, den die letzten deutschen Emis- sionen gehabt haben.

Man hat ja alles mögliche versucht, um den Kursstand unserer inneren Anleihen zu er- höbeu. Man wollte die Sparkassen zwingen, einen .T ihrer Bestände in deutschen Werten anzule- geu. Die Idee hat nach den Verhandlungen der letzten Session im preußischen Abgeordnetenhaus kaum noch Aussicht, verwirklicht zu werden. Neu- rrdings erhofft man viel von der soeben in Kraft getretenen Stempelbefreiung in Umsätzen von deutschen Reichs- bezw. Staatsanleihen . Das Mittet erscheint uns aber seiner Art nach nicht ge­eignet zu sein, eine irgendwie bemerkenswerte Aen- derung im Kurse herbeizuführen.

Man hat der deutschen Hochfinanz den Vor­wurf gemacht, daß sie die inneren Anleihen zu Gunsten ausländischer Spekulationspapiere vernachlässige. Vielleicht trifft auch das jWm Teil zu. Man sollte bei der Beurteilung der Frage aber unseres Erachtens nach einen Gesichts­punkt nicht außer Acht lassen: die Beurteilung Deutschlands im Auslande. Trotz aller Friedens­beteuerungen gilt Deutschland in Europa wie in der übrigen Welt als Störenfried, als

Die hexe von Vertagen.

.Eine kulturgeschichtliche Erzählung aus den hohen- zollerischen Landen.

Von Ern st Hettinger.

(Nachdruck verboten.)

gerade in dem Augenblicke ,als Liese zagend llm sich schaute und nicht wußte, wohin und an wen ine sich wenden sollte, rasselten die Schlüssel, eiy ^schweres Schloß klappte und knarrend öffnete sich eine der Türen. In dem eindringenden Licht- scheme erkannte Liese die beiden Männer, welche nn den Vorraum traten und sich ihr, ohne mitein- puder zu sprechen, näherten. Der eine war Pfar­rer Sterns, der andere der Schließknecht.

L "8ch. vernahm es schon", stöhnte das Mädchen, ^ann richtete sie sich energisch auf und setzte hin­zu: „Und in der letzten Stunde ist auch mein Platz vet der Mutter, das ist meine Pflicht. Wenn sie jß'tdj daran hindern wollen, müssen sie mich mit ^Gewalt hinwegreißen."

L Traurig und erschüttert schüttelte Hiems den Kopf und verließ schweigend das Rathaus. Als pr auf die Straße trat, erblickte er den Jörgbauer bei seinen Pferden stehend.

i, . .'Grüß Gott, Herr Pfarrer. Ihr kommt ge- stviß von der Baderann?"

k „Jawohl, Jörg", erwiderte Hiems und reichte lue Hand hm, die der Bauer mit festem Griff faßte und dabei fragend auffchaute. Der andere verstand Die stumme Frage und fuhr weiter:

L,, uiit der Armeft umgegangen'

Mr wurdet sie nimmer wiedererkennen. Nun aber W sie in ihr Schicksal ergeben und stirbt gerne. Mott gebe ihr Kraft in der letzten Stunde. Was ne gefehlt hat, Jörg, das wird ihr unser Herrgott “r all das, was sie gelitten, gerne verzeihen." |

kriegslustig und eroberungssüchtig. Bei der heutigen Weltwirtschaft wird der Kurs­stand nicht nur im Jnlande gemacht, er ist abhän­gig von der politischen Beurteilung des betteffen- den Landes in der übrigen Welt.

Die so oft geforderte Aufklärungsarbeit seitens der deutschen Regierung in prompterer und um­fangreicherer Weise als bisher würde das Ver­trauen des Auslandes zur Friedensliebe Deutsch­lands und damit sicher auch das Vertrauen zu den deutschen Renten festigen.

Deutsches Reich.

Berlin, den 13. Juli 1906.

** Die Nachricht von einer Zusammenkunft Kaiser Wilhelms und König Eduards von England bestätigt sich nun doch. Einem Berliner Lokalblatt zufolge, das gute Beziehungen zur Regierung unterhält, beabsichtigt König Eduard bei seiner Reise nach Marienbad im kommenden Monat mit Kaiser Wilhelm zusammenzutreffen, der um diese Zeit in Wilhelmshöhe bei Kassel wellen wird. König Eduard habe den Vorschlag gemacht, den Besuch auf Schloß Friedrichskron bei Homburg stattfinden zu lassen. Sollte sich diese Nachricht als zutteffend erweisen, so wären alle int Umlauf befindlichen Gerüchte über eine Pathenschaft König Eduards beim Sohn des Kronprinzen hinfällig.

.'. An den Staatsminister Freiherrn von Rheinbaben ist ans Drontheim folgendes könig­liches Handschreiben ergangen: „Mein lieber Staatsminister! Die Verabschiedung der Gesetze über die Reform der Steuern im Reiche, sowie über die Abänderung des Einkommen­steuer- und des Ergänzungssteuer-Gesetzes in Preußen gibt Mir willkommenen Anlaß, Ihnen Diemen wärmsten Dank auszusprechen. Sie haben sich um das Gelingen dieser Gesetzes­werke, welche für die Sicherung einer geord­neten , segensreichen Weiterentwickelung des Reiches und des Staates von größter Bedeu­tung sind, hervorragende Verdienste erworben. In Anerkennung derselben und um Ihnen einen neuen Beweis Meines Vertrauens und Meines Wohlwollens zu geben, habe Ich Ihnen das Kreuz und den Stern der Komture des König­lichen Hausordens von Hohenzollern verliehen. Es gereicht Mir zur Freude, Sie hiervon unter Beifügung der Ordensabzeichen in Kenntnis zu setzen."

* lieber die Veränderungen in dem Be­amtenkörper der Kolonialabteilung wird der Deutschen Tageszeitung' von kolonialer Seite geschrieben: Jetzt kann man sich schon ein Bild machen, wie sich die Kolonialverwaltung dem­nächst gestalten wird. Von den neun Vor­tragenden Räten sind ansgeschieden die Geheim­räte Helwig, Schmidt und Dr. Helfferich; noch austreten wird der Geh. Rat von König, der in eine andere Verwaltung übernommen wird, ferner der Geheimrat Rose, der wahrscheinlich wieder ein Generalkonsulat erhalten wird und 3er Geh. Oberbamat Wiskow. Dr. Seits wird in kurzer Zeit das Gouvernement von Kamerun erhalten, sodaß nur die beiden Geheimräte Dr. Golinelli und Dr. Gleim zurückbleiben. Neu eingetreten sind die Räte von Jakobs und Dr. Schnee. Hinzukommen werden noch Geh. Oberfinanzrat Dr. Kontze und Polizeipräsident von der Gröben. Dann werden wahrscheinlich noch einige ständige Hilfsarbeiter zu vortragen­den Räten ernannt, sodaß die erforderliche Zahl

„Die Baderann ist keine Hexe!" rief der Jörg­bauer, den Pfarrer mißverstehend, zornig aus.

„Beruhigt Euch; die Ansicht habe ich dem Herrn Vizekanzler schon vor mehreren Tagen, be­vor noch das arme Weib bekannte, ausgesprochen."

„Und ich werde sie noch heute in Sigmaringen o laut hinausschreien, daß unser Fürst sie auf dem Schlosse hören soll. Und hört er sie nicht, dann gehe, ich mit der Liese hinauf und lasse nicht nach zu betteln, bis er uns vorläßt."

„Und verlängert damit die Qual der armen Frau, denn ein anderes Urteil könnt ihr ja doch nicht erringen. Das Gericht hat gesprochen, der Fürst hat das Urteil bestätigt, da ist alles in Ord­nung."

„Der Jörgbauer schwieg; als er aber nach einigen Augenblicken den Bachgayer aus der Türe des Rathauses heraus sich ducken und winden sah, griff er mit einem Fluche die Peitsche. Der Hor­cher aber huschte behende davon.

Der Schließknecht hafte sich, während Hiems mit dem Mädchen gesprochen, in einiger Entfer­nung gehalten. Als jener dann das Rathaus ver­fassen, trat er näher und fragte, nicht ohne Rüh­rung und Erbarmen in der Stimme:

„Liesel, was schaffst du hier?"

Das Mädchen hielt ihm schweigend ein Blatt Papier hin. Der Schließknecht studierte die Schrift und las mühsam:

„Der Liese Köhlerin ist der Zutritt zu ihrer Mutter zu gestatten. Dr. Kirsinger, Vizekanzler."

„Komm Mädel, es ist ein schwerer Gang, den Du da machst. Du bist brav. Du hast besseres ver­dient."

Das Mädchen achtete nicht auf den Sinn der Worte, der ebenso gut ein Lob für sie, wie eine Be- chuldigung der Mutter enthielt.

Die Baderann hatte das dunkle, finstere Gelaß i)e§ Turmes, in' welchem sie so unsagbar traurige Tage und Rächte zugebracht, mit einem wesentlich freundlicheren Gemach im Rathause vertauschen 1

wieder herauskommt. Diese Nachricht bestätigt die von uns bereits gemachte Mitteilung, daß von den neun vortragenden Räten der Kolonial­abteilung nur zwei im Amte verbleiben würden.

* Die Nachricht, daß die Abänderungs-Ge­setze zum preußischen Landtags-Wahlrechte be­reits zum 1. Oftober d. I. in Kraft treten sollen, bestätigt sich nicht ganz; denn nur das Gesetz betr. Aenderung des Wahlverfahrens soll am 1. Oktober in Kraft treten, das Gesetz betr. die Wahlkreis - Einteilung soll dagegen erst bei den nächsten allgemeinen Wahlen in Kraft heten. Dieses Gesetz wird also voraussichtlich erst 1908 zum ersten Male zur Anwendung gelangen.

* Der Kultusminister und die Lehrergehälter. Heber die Regelung der Lehrerbesoldungsfrage hat Kultusminister Dr. vonStudt folgende Ver­fügung an die Bezirksregierungen erlassen: „Durch den Staafshaushalfsetat für das laufende Etatsjahr sind unter Kapitel 121 Titel 34 neue Mittel zu laufenden widerruflichen Staatsbeihil­fen für leistungsschwache Schulverbände zu dem Zwecke bereitgestellt worden, tunlichst eine E r - Höhung des Mindestgrundgehalts der ersten und alleinstehenden Lehrer auf 1100 =41, der übrigen Lehrer auf 1000 =41, der Lehrerinnen auf 800 M und des Mindestsatzes der Alterszu­lagen für sämtliche Lehrer auf 120 =41 und der Lehrerinnen auf 100 =41 herbeizuführen." Die Maßnahme zielt darauf ab, auf dem Gebiete des Besoldungswesens der Volksschullehrer und -Lehre­rinnen eine größere Gleichmäßigkeit und Stetigkeit herzustellen und der Landflucht derVolks- fchullehr er entgegen zu wirken. Dar­aus folgt, daß die königl. Regierungen und die ihnen unterstellten Organe in der Besoldungssrage keine Schritte unternehmen dürfen, die dieses Ziel in Frage stellen könnten. Wenn demnächst Schul­verbände, insbesondere Stadfgemeinden, eine weitere Erhöhung des Grundgehaltes und der Alterszulagen ihrer Volksschullehrer und -Lehre­rinnen beschließen sollten, so ist von der königlichen Regierung vor der Bestätigung des Erhöhungs­beschlusses sorgfältig zu prüfen, ob dadurch das von der Staatsregierung verfolgte Ziel gefährdet werden würde. Gelangt die königliche Regierung zu der Ueberzeugung, daß der Beschluß in dieser Beziehung erheblichen Bedenken unterliege, so ist der Fall dem Minister vorzutragen.

* Die mit so großer Lebhaftigkeit in Szene gesetzte Agitation für den Austritt aus der Landeskirche hat eine verhältnismäßig sehr ge­ringe Wirkung gehabt; dies gilt besonders für Berlin. Von den anfänglich angemeldeten Aus­tritten aus der Kirche sind nur wenige vollzogen worden, mehrere sind sogar rückgängig gemacht worden. Es ist z. B. kaum ein einziger Fall vorgekommen, daß ein steuerzahlendes Mitglied der Kirche ausgetreten ist. Massenaustritte sind garnicht zu verzeichnen.

** Im deutschen Steuergebiet wurden im Juni 1906 101,242 Hektoliter Alkohol erzeugt. Davon sind zur steuerfreien Verwendung abge­lassen im ganzen 109,208 Hektoliter Alkohol, vollständig denaturiert 72,124 Hektoliter. Nach Versteuerung in den freien Verkehr gesetzt sind 181,321 Hektoliter.

* Der nationalliberale Parteitag wird in )et Zeit vom 5. bis 8. Oktober in Goslar statt- inden. Auf der Tagesordnung stehen: „Poli- ische Rückblicke und Ausblicke" (Referent Abg. Dr. Hieber), „die Reichsfinanzreform" (Referent Abg. Dr. Paasche), sowie „nationalliberale Partei und Mittelstandspolitik" (Referent Abg. Patzig).

* lieber die Tagesordnung des sozialdemo­kratischen Parteitags, welcher am 23. September in Mannheim tagen wird, werden ebenfalls nähere

bürfen. Hier sollte sie, wohl vorbereitet durch die Töstungen des Pfarrers, bis zum Gange zur Richt­stätte bleiben. Angekleidet saß did Baderann, in den zitterndell Händen einen Rosenkranz haltend, auf dem Bette, die zerschlagenen Glieder au das Kopfende des Lagers stützend. Als die Gefäng- nistüre sich öffnete und sie ihr Kind eintreten sah, stieß sie einen freudigen Ruf aus und ihre tot­bleichen, kaum noch erkennbaren Züge überflog ein glückliches Lächeln.

Mit dem lauten Schrei: „Mutter, liebes, armes Mutterlel" stürzte Liese auf sie zu und umschlang die Bebende mit ihren Armen.

„Gott mag es ihnen vergelten, daß sie mir doch das Glück noch vergönnt haben. Dich zu sehen", lispelte die Baderann und streichelte die von Tränen überströmten Wangen ihrer Tochter.

„O Mutter, Mutter, was haben die schrecklichen Menschen aus Dir gemacht! Und wenn ich gar denken muß, daß ich Dir all das Furchtbare hätte ersparen können, wenn ich den Vogt geheiratet hätte, dann drückt es mir vollends das Herz ab."

„Aber Liefet, Kind, wie kannst Du so törichte Sachen sprechen", entgegnete die Baderann und versuchte zu lächeln. „Schau, Mädel, schlimm war es, gar arg schlimm; aber wenn ich es nochmals durchmachen müßte, in Gottes Namen würde ich sagen, lieber als daß Du das Weib dieses Mannes werden solltest. Aber nun sei gescheit. Das ist nun alles aus und fertig. Davon wollen wir nimmer reden. Schau Kind, ich freue mich auf den Tod und ich meine und hoffe, daß meine Un­schuld doch noch an den Tag kommt für Dich und Deinen Bruder, meinen armen Bub."

Liese ließ den Kopf sinken; sie war mutloser als die Mutter.

Eine Stunde später rollte das Gefährt des Jörgbauern Sigmaringen zu. Auf dem Kutscher­sitz saß der Bauer; sein knochiges Gesicht war hart und steinern. Wie es in seinem Innern wühlte, das sahen ihm die Leute nicht an, die dem Wagen

Details bekannt. Danach werden über die „gj?ai‘ feier" Richard Fischer, über den „Massenstreik" Bebel und über „Sozialdemokratie und Volks­erziehung Schulz und „Genossin" Zettin sprechen.

* Ein neues Beispiel sozialdemokratischer Bruderliebe enthält der heutige ,Vorwätts'. Die Frankfurter ,VolkSstimme' veröffentlichte vor kurzem eine Zuschrift, in welcher der Berliner Arbeiterbewegung „überspannte Zentralisation" und unter Bezugnahme auf gewerkschaftliche Vor­gänge „Zerplitterung und Disziplinlosigkeit" vor­geworfen und die Pattei zur Abhilfe gegen geistige und physische Schwächung der Arbeiter­bewegung aufgerufen wurde. Auf diese Anzapfung erwidert der,Vorwärts' in einem „Quertreibereien" übertriebenen Artikel in folgender liebens­würdiger Weise: „Was kann der Zweck des Arttkels der Frankfurter ,Volksstimme' fein? Der Artikelschreiber spielt mit den Tatsachen Taschenspielerkunststückchen, um vor den Berlinern graulich zu machen. Es kann nicht Zufall sein, daß solche Anwürfe gegen die Berliner Genossen seit mehreren Monaten, einige Zeit vor dem Parteitag, in die Welt gesetzt werden. Es kann hinter diesem Artikel nur jemand stecken, der sein« Aufgabe in der Verhetzung der Parteigenossen erblickt." Wenn die gegenseitigen Erklärungen, Entgegnungen und Berichtigungen der Genossen in der Weise weiter gehen, kann man sich ja auf eine erneute Auflagedes Dresdener Gesundbrunnens anläßlich des diesjährigen Parteitages gefaßt machen.

.'. „Parteigrüße" tauschten nach einem im ,Vorwärts' veröffentlichten Schriftwechsel der so­zialdemokratische Parteivorstand und die General­kommission der Gewerkschaften aus. Es handelt sich um die Freigabe des den Punkt „Partei und Gewerkschaften" behandelnden Teiles des Proto­kolls der Gewerkschaftskonferenz. Das Ersuchen des Patteivorstandes um Ueberlaffung eines Exemplares des Protokolls an den .Vorwärts" ist von der Generalkommission mit ausgesuchten Gründen in liebenswürdigster Form abgelehnt worden. Nunmehr hat der Parteivorstand be­schlossen, die Generalkommission zu ersuchen, die Freigabe dieses Protokollteiles durch Befragung der Teilnehmer an der Konferenz zu bewirken, wodurch feiner Ansicht nach die von der General­kommission geltend gemachten Hinderungsgründe für die Erfüllung des Ersuchens des Parteivor­standes beseitigt werden würden. Recht zutref­fend bemerkt dazu die ,Nordd. Allg. Ztg.": „Der Schriftwechsel ist sympathisch für die höfliche Bosheit, mit der die Gewerkschaftskommission den Patteivorstand zu behandeln beliebt."

Ausland.

* In der französischen Depntiertenkammer wurde am Donnerstag im weiteren Verlaufe der Nachmittagssitzung über die vier direkten Steuern beraten. Finanzminister Poincard teilt mit, das Budget für 1907 enthalte 91 Millio­nen neue Ausgaben, während die Einnahme 80 Millionen weniger als bisher aufweise; es müß­ten also neue Einnahmequellen erschlossen wer­den. Der Minister legt daun das Projekt der Re­gierung betr. die E i n k o m m e n st e n e r dar und erklärt, wenn die Kammer diesem Projekte nicht zustimme, werde er zurücktreten. Der Augen­blick sei gekommen, wo die bisherigen vier direkten Steuern durch eine Steuer zu ersetzen seien, die alle Einkommen treffe. Fernerhin nahm das Haus mit 448 gegen 43 Stimmen eine Ta­gesordnung an, welche die Erklärung des Finanz-

und seinem Insassen neugierig nachgafften. Im Innern hockte Liese, das Gesicht in die Hände ver­bergend. Vom Fenster des Hauses, in welchem Nestle wohnte, folgten dem Wagen, so lange er sichtbar blieb, ein paar glühende Augen. Das Antlitz, in welchem sie brannten, war aschfahl.

Längst war die Nacht hereingebrochen. Nir- gendwo im Städtle blinkte mehr ein Licht. Sanft, traumlos und fest, wie seit Wochen nicht mehr, schlief die zum Tode Verurteilte. Ihr heißester Wunsch war erfüllt worden; sie hatte ihr Kind noch einmal wiedergesehen, und nun war alles gut. Den Tod fürchtete sie nicht. Das Leben war ihr zum Ekel geworden. Auch wenn ihre Unschuld an den Tag gekommen, hätte sie keine Freude mehr daran gewinnen können. Jetzt hegte sie nur noch einen einzigen Wunsch, und den werde man ihr nicht versagen, hatte der Pfarrer gemeint, als et sie im Laufe des Nachmittags wieder besuchte. Das erfüllte sie mit Beruhigung. Ihr Kind, ihre Liesel, durste nicht dabei sein, wenn der Henker sein trauriges Geschäft zu vollbringen hatte. Das zu verhindern, war ihr wahrscheinlich schon gelum gen. Was lag denn daran, ob sie vierundzwanzft Stunden früher den Gang antrat? Im Gegen, teil! Der Tod konnte ihr nur Gewinn bringen Wenn dann Liesel im Laufe des Freitags nach Beringen zurückkam, um die letzte Nacht bei ihr zuzubringen, die letzten Stunden mit ihr zu ver­leben, dann hatte sie schon ausgelitten, den Kamps vollendet. Und dieser Gedanke hatte ein zufrie- denes Lächeln auf die welken Züge der Baderann hervorgerufen, und mit diesem Lächeln war sie eingeschlafen.

Hätte der finstere Mann, der da schlaflos sich auf seinem Bette wälzte, auffprang und ruheloj in seinem Zimmer auf und ablief, in das ruhige, gottergebene Gesicht der Verurteilten schauen ton­nen, er würde sie hassend beneidet haben. In dem Vogt war eine tiefgehende Veränderung vor sich gegangen. Von Reue keine Spur. Das Gemüt des