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MIdaer W Zeitung

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Kotationsdruck n. Verlag der 5ulda«r Ar» ttendruckerei in liulda. Fernsprecher Nr. 9.

JVS 157.

Fulda, Donnerstag den 12. Juli 1906.

33, Jahrganst.

veichstagzftichwahl Altena-Iserlohn.

Das amtliche Ergebnis der Stichwahl in Altena-Iserlohn liegt nunmehr vor. Der so» »ialdemokratische Kandidat Haberland '«hielt 15 884 Stimmen, sein Gegner, der Zen- rrumskandidat RegierungSrat Klocke, 14 068 Stimmen. Der Sozialdemokrat ist so» ßnit mit einer Mehrheit von ungefähr 1800 Stimmen gewählt worden. Bei der Hauptwahl ain 27. Juni erhielt der Sozialdemokrat 10 547, der Zentrumskandidat 7774, der Kandidat der Freisinnigen Volkspartei 7673, der Kandidat der Nationalliberalen 6552 und der Christlich- Soziale 1637 Stimmen. Die Zahl der ab» gegebenen Stimmen betrug am 27. Juni 34188, bei der vorgestrigen Stichwahl nur 29962. ES haben somit bei der Stichwahl 4000 Wahl- männer weniger gestimmt. Auf wessen Konto diese 4000 Stimmen zu verbuchen sind, ist ja nicht zweifelhaft, das Manko fällt den libe­ralen Parteien zur Last.

Dieser Wahlsieg bedeutet den ersten großen Erfolg der Sozialdemokratie seit den allgemeinen Wahlen von 1903. In den bisher seit 1903 notwendig gewordenen Ersatzwahlen hatte die Sozialdemokratie drei Mandate an die vürgerlichen Parteien verloren. Der 10. Juli iwird den Genossen wieder genügend Material kiefern zu schönen Redensarten über den nicht aufzuh.iltenden Vorwärtsmarsch des Proletariats. Unerwartet ist uns das Wahlresultat, wenn man sich die Auslassungen der liberalen Blätter na­mentlich in den letzten Tagen vor der Wahl ver­gegenwärtigt, nicht gekommen. Zwar hatten die liberalen Fraktionen offiziell die Parole abgegeben: unter allen Umständen gegen den Sozialdemokraten, aber diese offizielle Erklärung fand innerhalb der betreffenden Parteien so viel Widerspruch, daß man von vornherein annehmen mußte, die Wählermaffen würden nicht geschlossen der Parole folgen. Wir haben au dieser Stelle vor ein paar Tagen besprochen, !' welch' zweideutiger Weise die.Nationalztg/ z. Z. ein eventuelles Umfallen der national« Überaten Wähler aus Gründen des „Ge­fühls" zu rechtfertigen suchte. Ein wei­tstes Moment zu ungunsten des Zentrumskandi- baten war die konfessionelle Verhetzung, die im Wahlkreise Altena-Iserlohn platzgegriffen hatte und die soweit ging, daß in einem Jser- Lohner Blatte im Namen evangelischer Christen ein Aufruf zugunsten der So­zialdemokratie erlaffen worden ist. „Lieber rot als schwarz!" lautet die Parole des Evan- geljschen Bundes.

Der Wahlausfall ist allen Berliner Blättern, so wenigstens behaupten fie jetzt, überraschend gekommen. Die .Nationalz-'itung' sieht den Grund für den Ausgang der Wahl darin, daß offenbar einige Tausend, wahrscheinlich meist liberale Wähler, sich nicht für den Schützling des ßerrn Erzberger habe begeistern können, son­dern zu Hause geblieben sind, während ein großer Prozentsatz der freisinnigen Mannen trotz her vom Zentrum angedrohten Rache in Hagen- Schwelm direkt für den Sozialdemokraten zur Urne gegangen sind. Das kann schon stimmen. Aber konfus wie immer schreibt das genannte Blatt über die Gründe zu dem Abschwenken, indem sie den Regierungsrat Klocke als Schütz­ling des Abgeordneten Erzberger bezeichnet: „sPer die unter nationales Ansehen vor dem

Vie hexe von veringen.

|ine kulturgeschichtliche Erzählung au8 den hohen- zollerischen Landen.

Von Ern st Hettinger.

<4] (Nachdruck verboten.)

Der Vogt vermochte es nicht, ein freudiges, zu­friedenes „Ah!" zurückzuhalten. Er hatte sich schon Sorge gemacht über den Ausgang des Pro- zesses.

'■ Kirsinger fuhr werter, ab und zu in das er- bärmliche Machwerk des hochweisen Rates Dr. v. Holziirgen blickend:

- „Es sei ohn all Bedenken, daß die Baderann nach ihrer Bekenntnis der Hexerei, der Buhlschaft mit dem Teufel, der Tanzbesuchung, der Derleug- Itung Gottes und seiner Heiligen und nach den hieraus von selbsten sich ergebenden Effekten und Spezialitäten, für die auch die mtt einem Eide Erhärteten wohl glaublichen Aussagen der Zeugen lebe beschwerend reden, sodann nach den an ihrem Auge, sowie am Leibe vorgefundenen Teufels- Reichen und endlich nach den bei der Tortur einge- retenen verschiedenen merkwürdigen Umständen, Die das Erscheinen der Maus und andere Dinge, tanz offenbar eine echte, rechte, wohlgesetzte und , «rstockte und verhärtete Hexe sei und das sie einzig And allein infolge von ganz besonderen Pakten jgnd Zusagen, die ihr der Teufel gemacht, die bis­herige Tortur immer wieder überwunden, andern Tages schier verachtet und deshalb die Einzelheiten jhres Verbrechens noch immer nicht sattsam be- prnnt habe. (Dieses Gutachten ist im Original hoch vorhanden.)

, Er war etwas lang, dieser hochgelehrte Exkurs Kes Dr. von Holzingen, aber Kirsinger trug ihn init Würde und Ueberzeugung vor und Nestle «uschte ihm mit Behagen. Das eröffnete feinem

AuSlande unleugbar schwer schädigende „Ent- hüllungS "-Tätigkeit der diesem Herrn nahe- stehenden Preffe in den letzten Monaten verfolgt hat, der mußte in nationaler Empörung gegen jene klerikal -demokrattsche Hetzerklike des Zen­trums stimmen, ganz gleichgillig, ob er den Profit davon hatte, wenn eS eben nur kein revoluttonärer Gegner war."

Unheimlich ist die Angst der liberalen Organe vor der „Rache des Zentrums" im Wahlkreise Hagen-Schwelm. Wir wollen die Frage der Wiedervergeltung hier vorläufig ganz beiseite lassen und nur die Lehre aus dm Vor­gängen vor und bei der Wahl in Altena-Jser- lohn ziehen: „Baue nicht auf Herren Gunst, übe deine eigne Kunst!"

Deutscher Reich.

Berlin, den 11. Juli 1906.

* Kein Amnestieerlaß. Wie der ,Köl. Ztg/ aus Berlin, also offiziös gemeldet wird, ist hier an maßgebender Stelle von einem Amnestieerlaß noch nichts bekannt. Wie gelegentlich der Feier der silbernen Hochzeit in unserem Herrscher­hause, sei auch jetzt wieder zu berücksichtigen, daß es an sich als Grundsatz gilt, bei Festen, die als reine Familienfeste des Herrscher­hauses anzusehen sind, keine Amnestie zu ge­währen. Wir hatten also Recht, als wir die Amnestieankündigung von vornherein bezweifelten.

* Der Staatssekretär des Reichspostamts hat die Postanstalten angewiesen, auch diejmigen Sendungen in Militärangelegenheiten, die anstatt des Vermerks „Militaria" den Vermerk „Militär­sache" oder „Heeressache" tragen, portofrei zu befördern, sofern die sonstigen Voraussetzungen für die Gewährung der Portofreiheit erfüllt sind.

* Der neue serbische Gesandte in Berlin ist immer noch nicht ernannt. Wie noch erinnerlich sein wird, hatte die serbische Regierung für den Gesandtenposten in Berlin den Herrn Ren ad o- witsch, einen Vetter des Königs Peter, vorge­schlagen, aber die deutsche Regierung hatte in Ansehung der Umstände, denen die Dynastie Karageorgewiffch den serbischen Thron verdankt, der Person des Herrn Nenadowitsch die erbetene Genehmigung nicht erteilt. Wie jetzt verlautet, dürfte der frühere Minister Professor Dr. Giga Gerschitsch die meiste Aussicht haben, zum Ge­sandten in Berlin ernannt zu werden. Obwohl der radikalen Partei angehörend, hat Dr. Ger­schitsch stets einen gemäßigten Standpunkt ver­treten. Dr. Gerschitsch hat 'seine Rechtsstudien in Deutschland absolviert und steht in einem Alter von 63 Jahren.

* Die erste internationale Konferenz der drei mitteleuropäischen Wirtschaftsvereinc in Deutsch­land, Oesterreich und Ungarn findet am 26. und 27. Oktober in Wien statt. Auf der Tagesord­nung stehen u. a.: „Zollschiedsgerichte", „Ver­einfachung der Formalitäten bei der Waffenein- und Ausfuhr", sowie „Ausbau des Postvertrages zwischen Oesterreich-Ungarn und dem deutschen Reiche". Außerdem werden die Beziehungen und gemeinsamen Jntereffen Deutschlands und Oester- reich-UngarnS zu den Vereinigten Staaten von Nordamerika einen Gegenstand der Beratungen bilden.

* In der gegen Beamte der Kolonialab­teilung schwebenden Nntersuchungssache ist der -Freis. Zig/ zufolge jetzt auch der Zentrumsab-

noch lange nicht gesättigten Rachegefühle vortreff­liche Aussichten.

„Es wäre raffam, wenn dieses Gutachten im Städtle allgemein bekannt würde", meinte der Bogt."

„Warum?"

„Weil es schon törichte Leute gibt, die der An­sicht sind, man ginge zu hart mit der Baderann vor."

„Wer hat die Frechheit, so etwas zu behaup­ten?" brauste der Vizekanzler auf.

Der Vogt zuckte die Schulter.

„So sind halt die Menschen. Erst haf's ganze Städtle Vogt und Magistrat belästigt und be­stürmt mit der Anklage gegen die Baderann, daß fie eine gottverlassene Hexe sei, und nun beginnen ie schon wieder Partei für die Malefikantin zu nehmen. Aber so etwas vermag oft ein einziger unvernünftiger ober boshafter Mensch zuwege zu bringen", fügte Nestle salbungsvoll hinzu.

„Hat er jemand in bestimmten Verdacht?" Vielleicht diesen losmauligen Iörgbauer?" fragte Kirsinger und seine Augen glühten.

„Der wird schon genug zusammen schimpfen und schwätzen. Aber den meinte ich nicht, der wohnt ja nicht hier. Es sind alle unvernünftigen Menschen im Städtle selbst."

„Es ist seine Pflicht, mir zu sagen, wen er meint."

„Nun, das ist unser Herr Pfarrer. Ich möchte nichts schlechtes über ihn sagen, aber seine abson­derlichen Ansichten hat er schon."

„Da gebe ich ihm vollständig recht, Vogt. Es wird gut fein, dem auf die Finger zu sehen."

„Und er hat doch gar kein Recht mitzureden, st er doch gar nicht gebürtig aus dem Fürstentum, ja nicht einmal ein Schwabe."

„Ja, woher denn?" fragte Kirsinger forschend.

„Man weiß es nicht recht", log der Vogt. „Aber man munkelt, er sei nicht recht fest im Glauben gewesen, drum habe man ihn fortge­schickt."

geordnete DaSbach vernommen worden, natür­lich, wie die .Freis. Ztg/ ihrer Mitteilung hinzu- fügt, mit durchaus negativem Resultat; denn erstens ist Herr Dasbach an der Sache selbst ganz unbeteiligt, und zweitens braucht er als Reichstagsabgeordneter während der Dauer der Session überhaupt nichts auszusagen. Auch der Abg. Erzberger soll vernommen werden. Ebenso werden die Haussuchungen mit großem Eifer fortgesetzt. So ist am Montag in einem großen Berliner Lokal, wo die angeschuldigten Beamten zu verkehren pflegen, eine gründliche Haussuchung abgehalten worden, ohne daß etwas belangreiches gefunden wurde.

* Alphabetische Anordnung der Wähler­listen. Der Minister des Innern von Beth- mann-Hollweg hat infolge mehrfacher Beschwerden die Behörden angewiesen, daß bei der Veröffent­lichung der Verzeichnisse von Wahlberech- tigten in Zukunft die Namen nicht mehr nach der Höhe der Steuersätze, sondern im Interesse größerer Geheimhaltung der Ergebniffe auch der Realsteuerveranlagung der Grundbesitzer alphabetisch geordnet aufzuführen sind. Hinter dem Namen sind in entsprechender Weise anzu­geben: „Zur Grund- und Gebäudesteuer mit dem Betrage von mindestens 300 Mk. rc. veranlagt", oder: „Zur Gewerbesteuer mit mindestens 300 Mark veranlagt." Diese Anweisung bezieht sich nur auf eine Abänderung der Instruktion hin­sichtlich der Veröffentlichung, nicht auch hin­sichtlich der Führung der Listen der Wahlberech­tigten.

** Die scharfe Kritik gegen das Volksschul­unterhaltungsgesetz will in den Blättern der Linken immer noch nicht zur Ruhe kommen. Demgegenüber schreibt die ,Kreuzztg/ über die voraussichtlichen Wirkungen des Gesetzes in der Praxis: „Wenn das Gesetz in der Fassung, die ihm der Landtag gegeben hat, erst im Lande ge­nauer bekannt werden wird und wenn es erst zur Ausführung gebracht sein wird, dann erst wird fein Wert und feine Bedeutung für die Schulen und für die Gemeinden anerkannt werden. Die von ihm für den ganzen Staat gleichmäßig ge­ordnete Unterhaltungspflicht bildet eine Grund­lage für eine weitere gleichmäßige Ausgestaltung des Schulwesens im Staate und ermöglicht es, die vom Staate zur Unterstützung leistungsfähiger Gemeinden bestimmten, durch das Gesetz wesent­lich erhöhten Staatsmittel richtig zu verteilen. Die Gemeinden werden durch das Gesetz in keiner Weise mehr belastet, im Gegenteil, den kleinen leistungsschwachen Gemeinden werden Lasten ab­genommen. Dies wird sicher dazu beitragen, dem Gesetze Freunde zu erwerben. Und da daS Gesetz in den inneren Schulbetrieb in keiner Weise eingreift, wird feine Durchführung sich weniger fühlbar in den Gemeinden machen und den Agitatoren wenig Handhabe zur Erregung der Mengen bieten." Auch wir sind der Mei­nung, daß in der Praxis das Gesetz sich gut be­währen und allmählich auch die extremen An­griffe der Linksliberalen verstummen machen wird.

* Der Reichstag wird in seiner am 13. No­vember beginnenden neuen Session ein großes Arbeitspensum zu bewältigen haben. Offiziös wird mitgeteilt, daß dem Reichstage beim Beginne seiner Sitzung am 13. November eine Reihe von Ge­setzen vorgelegt werden wird, die bereits zum Teile vorliegen, zum andern Teile baldigst fertiggestellt fein werden. Als bereits fertiggestellt werden ge­nannt: Die Entwürfe betr. bie Verleihung der

„Ei, schau einer an! Also fo ein Mensch wie der Medikus Wiere. Bogt, horche er genau zu und falls er etwas hört, was gegen den Respekt verstößt, fo jeder unserem gnädigen Herrn oder Gerichte schuldet, dann teile er es mir mit. Der Pfarrer dürfte, so er Partei für Hexen nehmen will, die längste Zeit hier gewesen fein."

Üeber das Gesicht des Vogtes huschte ein zu­friedenes Lächeln. Der Mann war ihm schon lange lästig. Jetzt ließ sich helfen.

„Was gedenken der Herr Vizekanzler nunmehr gegen die Baderann vorzunehmen?" fragte er gespannt.

Kirsinger blätterte in dem Holzingen'schen Gutachten und antwortete:

„Der gelehrte Herr Kollege ist der richtigen Ansicht, daß nach der allgemeinen Praxis bei ihr noch schärfere Torturen anzuwenden seien. Da­mit diese Torturen aber nicht durch Gegenmittel des Teufels wirkungslos würden, solle man ihr Dreftönigwasser, auch Weihrauch mit Malifiz- wachs vermischt eingeben, sodann ihr eine Teufels­geißel oder ein Agnusdei anhängen. Ermahnte man sich recht ernstlich vorher schon dem Teufel zu Widersachen, dann wäre Wohl Hoffnung, daß ie ohne Tortur bekenne; denn dergleichen Trank und Prozeduren hätten seines Wiffens manche ganz erhärtete Hexe bereits vor der Tortur zum Bekenntnis gebracht."

„Wenn sie aber weder vorher noch nachher gründlich bekennt, was dann?" fragte der Vogt.

„Auch für diesen Fall hat mein gelehrter Kol­lege feine Ansicht ausgesprochen. Er schreibt: Sollte sie aber auch nach dreimaliger Anwendung olcher Tortura wieder nur im allgemeinen be­kennen, daß sie eine Hexe fei, aber alle schändlichen Untaten wie andere Hexen sich zu Schulden kom­men lassen, sich mit dem bösen Feind öfters abge­geben, einen Pakt mit demselben geschlossen, Gott und die Heiligen verleugnet, die Hexentänze be­sucht und was dergleichen Schändlichkeiten mehr sind, leugnen, fo fei ihr, ungeachtet der nicht be-

Rechtsfähigkeit an die Berufsvereine und betr. die Sicherung der Forderungen der Bauhandwerker, sowie die Novelle zum Börsengesetze. In Vor­bereitung sind die Novellen zum Viehseuchen-Ge- setze und zu den Gesetzen über die Untersuchung von Seeunfällen, sowie über die Bekämpfung des unlauteren Wettbewerbs, ferner die Entwürfe betr. die Regelung deS Geheimmittelwesens, betr. den Schutz der Heimarbeit im Tabakgewerbe, betr. die Regelung der Maischbottig-VergÜtung, sowie mehrere Versicherungs-Entwürfe.

Ausland.

* DaS österreichische Abgeordnetenhaus nahm nach längerer Debatte einen DrinalichkeitS- antrag an, durch den die Regierung ausgefordert wird, dir Verhandlungen mit Ungarn Über die Feststellung des Verhältnisses beider Staatsgebiete zueinander zu beschleunigen und in die Verhandlungen auch die Frage der Austeilung bet aus Finanzzöllen fließenden Ein­künfte Oesterreich-Ungarns nach Maßgabe deS Verbrauches einzubeziehen. Im Laufe der De­batte versicherte der Ministerpräsident Freiherr von Beck, die Aufforderung an die Regierung zu einer Beschleunigung der Verhandlungen sei überflüssig, da die Vorbereitungen zu den Ver­handlungen bereits in vollem Gange seien. Das Haus möge jedoch die Regierung die Vor­bereitungen zu diesen Verhandlungen in aller Ruhe treffen und ohne Erteilung von Direktiven in die Verhandlungen eintreten lassen; es könne versickert fein, daß die gesetzmäßige Zuständig­keit des Hauses bei den Verhandlungen nicht weniger nachdrücklich werde gewahrt werden.

* Die italienische Regierung hat den übrigen drei S chu tzmächten Kretas den Wunsch kund­gegeben, bei Gelegenheit der gewünschten Reformen durch geeignete Maßnahmen es zu er­möglichen, die italienischen Offiziere, Unteroffi­ziere und Mannschaften zurückzuziehen, die gegen­wärtig in der kretischen Gendarmerie Dienst tun. — Daß es keine Annehmlichkeit fein mag, für die kretischen „faulen Bäuche" Schutzmacht zu spielen, glauben wir gerne.

* Der russische Reichsrat beriet am Dienstag den von der Duma angenommenen Gesetzentwurf über die Abschaffung der Todesstrafe. Mehrere Redner befürworteten die Annahme deS Gesetzentwurfes. Timirjasew führte aus, die ein­stimmige Annahme des Entwurfes, zum mindesten des ersten Artikels, würde für das Land eine be­ruhigende Bedeutung haben. — Kein Tag ver­geht ohne Raub und Mord. Auster Eisen­bahnlinie Jaroslawl-Moskau drangen zwei be­waffnete Unbekannte in ein Abteil 3. Klasse, in dem sich der Kassierer einer Waggonfabrik befand, und riefen den Paffagieren zu: Hände hoch! Sie töteten einen Schaffner und verwundeten den Kassierer, dem sie 27,000 Rubel raubten. Daraus brachten sie den Zug durch Ziehen der Notbremse zum Stehen und verschwanden unbehelligt im Walde. Als heute mittag in Warschau zwei Be­amte der Direktion der Weichselbahnen in Be­gleitung zweier Soldaten in zwei Droschken Geld zum Finanzamt bringen wollten, wurden sie von einer Bande überfallen und beschaffen. Der eine Soldat wurde erschossen, der zweite verwundet. Der eine von den Beamten, der für 60,000 Rubel Banknoten bei sich trug, konnte sich retten. Die Verbrecher, denen drei Säcke mit Silbergeld

kannten Einzelumstände, unbedenklich der Prozeß zu machen."

„Also gehupft wie gesprungen," entfuhr eS freudig dem Munde des Vogtes.

„Wie meint er?" fragte Kirsinger.

„Ich meine der Teufel kann also machen waS er will —"

„Die Gerechtigkeit siegt über ihn, will er sagen? Ganz recht. So, nun gehe er und halte er auch die Ohren auf."

Drei Tage später kehrte Kirsinger mit dem be­friedigenden Bewußtsein, endlich doch zum Ziele gelangt zu fein und dem Teufel ein Schnippchen geschlagen zu haben, von der letzten Gerichtsver­handlung zurück. Die Baderann hatte alles ein- und zugestanden, alles, was der Vizekanzler nur gewollt, allerdings noch nicht nach Einnahme der verschiedenen Tränke und den sonstigen Maß­regeln, sondern erst nach furchtbar verschärfter Folter. Aber der Teufel war besiegt.

Als die Einzelheiten der Qualen, der man di« Baderann unterworfen, im Städtle bekannt wur­den, legte es sich auf viele Gemüter wie ein Alb­druck. Es regte sich Mitgefühl, und häufig und häufiger ward die Ansicht ausgesprochen, daß sol­chen Schmerzen und Torturen gegenüber jeder­mann bekennen würde, was der Richter nur im­mer wolle.

Es war Dienstag in der Psingstwoche. Sams­tag vor dem Feste sollte die Baderann auf dem Galgenbühl verbrannt werden. — Nachdem die Donau das enge Tal mit dem gewaltigen, schros- en, wildzerkliisteten, weißgrauen Gebirge zu ihren beiden Seiten, das ihren oberen, Lauf, einenqt, verlassen hat, betritt sie oberhalb Sigmaringen ein weites, freundliches Gelände. Es scheint ihr wohl au tun, daß sie aus der bedrückenden Enge heraus ist, und um die Freiheit recht zu genießen, macht sie einen ganz unnütz großen Bogen von der einen Seite des werten Tales bis zur anderen. Da tritt ihr noch einmal, gleichsam warnend, nicht allzu leidjtfertig inS Leben bereinzuspringen, ein Hin-