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Sotationrdrna u. Verlag der Mdaer Ar» ttendructerei in Knlda. Kernsprecher Nr. 9.

M 154.

Fulda, Montag den 9. Juli 1906.

33, Jahrgang.

Ende gut, aller gut!

Der preußische Landtag ist am SamS- jtag geschlossen worden. Am lchtm Tage seiner Beratung hat er das Volks sch ul gesetz 'verabschiedet. Wie wir vermutet Haven, hat daS Herrenhaus keine Aenderungen mehr an benBe- schlüffen des Abgeordnetenhauses vorgenommen, oowohl sowohl von der Linken, w« von der Rechten noch in letzter Stunde AbSnderungsan- träge eingebracht wurden. Di« Annahme deS Gesetzentwurfes in der Gesamtabstimmung ge­schah mit einer viel größeren Mehrheit, als man eigentlich erwartet hatte. Nur wenige Herren blieben bei der Abstimmung auf ihren Plätzen sitzen. Wenn nach Annahme des Gesetz­entwurfs die anwesenden Mitglieder der Staats- regierung und zahlreiche Mitglieder deS Hauses dem Kultusminister Dr. Studt ihren Glück­wunsch aussprachen, so war dieser Glückwunsch wahrlich am Platze, denn selten hat eine Vor­lage solche Fährnisse durchmachen müssen, wie es beim Volksschulgesetz der Fall gewesen ist, und ivenn das Volksschulgesetz zustande gekommen ist, so ist es nicht in letzter Linie ein Verdienst des Kultusministers Studt.

Seitdem der Zedlitz'sche Entwurf im Abgeordnetenhause gescheitert ist, ist die Frage der Volksschule von der Tagesordnung des Ab­geordnetenhauses nicht mehr geschwunden. Ende der 90er Jahre wurde verschiedentlich in An­trägen die Regierung aufgefordert, die Frage der Schulunterhaltung neu zu regeln und gleichzeitig einige andere Punkte, wie die Frage der Kon- sessionalität der Volksschule, in den Gesetzentwurf aufzunehmen. Während man sich damals der Hoffnung hingab, daß die Regierung eine dementsprechende Vorlage baldigst einbringen werde, hat sich diese Erwartung von Jahr zu Jahr getäuscht gesehen, und als dann endlich die Kompromißparteien sich über die Grund­bestimmungen des Gesetzes einigten, da erhob sich sm liberalen Lager wieder der übliche Ent- xüstungsrum>nel, und selbst die Nationalliberalen, welche an dem Kompromiß beteiligt warm, waren den schärfsten Angriffen aus dem eigenen Lager ausgesetzt.

Eine Zeit lang mochte es scheinen, als ob die Opposition mit Erfolg die Einbringung der beabsichtigten Vorlage vereiteln würde. Ob­wohl uns das Volksschulgeseh nicht in vollem Umfange das bringt, was wir von ihm er­wartet haben und obwohl zahlreiche Wünsche des Zentrums unberücksichtigt geblieben sind, so muß doch anerkannt werden, daß dem Festhalten der beteiligten Parteien an dem Kompromisse das Zustandekommen der Vor­lage zu danken ist.

Den wichtigsten Vorteil des Gesetzes erblicken wir darin, daß der konfessionelle Charakter der Volksschule gesetzlich festgelegt worden ist. Simultanschulen können in Zukunst nur noch dort errichtet werden, wo besondere Gründe vorhanden sind. Ein weiterer Vorteil besteht darin, daß bei der Zusammensetzung der Lehrerschaft an Simultanschulen auf die Konfessionalität der Kinder Rücksicht ge­nommen werden muß. Weiter liegt ein erheb­licher Vorteil darin, daß die Vorlage das Rom« mun alprinzip zur Durchführung bringt. Dies hat zur Folge, daß die Katholiken in Dias­poragemeinden für katholische Schulen nicht wehr selbst auszukommen brauchen.

Die hexe von veringen.

Eine kulturgeschichtliche Erzählung auS den hohen» zollerischen Landen.

Von Ern st Hetlinger.

11] (Nachdruck verboten.)

„Erzähle er, was sie ihm getan."

Nachdeni der Jörgbauer geendet, fragte der Richter:

„Und er glaubt, daß die Angeklagte seinen Fuß nicht mit unredlichen Mitteln, oder gar mit Hilfe des Gottseibeiuns geheilt hat?"

„Ich habe alleweil gehört und vom Pfarrer Mernt, daß es gegen den Teufel kein besseres Mittel gebe als Beten. Wie sollte die Köhlerin 'es demnach mit dem Gottseibeiuns halten können, iwenn sie zugleich aufgibt, zu beten, so sie einem sein Gebreste heilt?" fragte der Bauer nicht ohne Spott. x

„Er ist eben ein unerfahrener Mann und kennt nicht die boshaften Schleichwege dse Teufels", entgegnete der Vizekanzler scharf. „Weiß er toei- bring^'?^ °*)er gegen die Angeklagte vorzu- , "Doch, Herr Vizekanzler", antwortete der Jörg- ?Er, streckte sich und warf dem Vogt einen schar» fen Blick zu. „Bevor ich jedoch rede, sollten alle, die hier nichts zu tun haben, fortgeschickt werden

Nicht meinetwegen, auch nicht der Baderann wegen, sondern des Vogts wegen", fügte der Jörg­bauer mit Betonung bei.

„Hat das, was er Vorbringen will, mit der Jnkulpatin zu tun?

„Wenn Ihr die Baderann meinet, ja — dann sogar sehr viel."

Nachdem auf Geheiß des Vizekanzlers alle Zeu­gen, selbst der Schließknecht und sogar Benzinger, ■r Kanzleiknecht, sich entfernt hatten, nicht ohne

sondern, daß diese Schulen auf den Kommunal­etat übernommen werden, während bis jetzt viel­fach die Katholiken in Diasporagemeinden nicht nur für die eigenen Schulen zu sorgen hatten, sondern, wenn andere Schulen auf den Kommu­naletat übernommen waren, an den Aufwen­dungen für diese mitbeteiligt waren. Daß nicht alle unsere Wünsche befriedigt sind, soll uns die Freude an dem Zustandekommen deS Gesetzes nicht verderben, denn bei einer so heiß um­strittenen Vorlage muß schließlich, wenn eine Ver­ständigung erzielt werden soll, ein jeder der Be­teiligten sich hinsichtlich seiner Forderungen eine Mäßigung auf erlegen.

Das Volksschulgesetz hat die ganze gegen­wärtige Session beherrscht, da es die wichtigste der Regierungsvorlagen war. Im ganzen waren von Seiten der Regierung 73 Vorlagen dem Abgeordnetenhause gemacht worden. Die wich­tigsten hiervon sind das Einkommensteuer­gesetz, das Kreis- und Provinzialab­gabengesetz, das Gesetz über die Knapp­schaftsvereine, über den Wohnungsgeld­zuschuß an die unmittelbaren Staatsbeamten, über die Befähigung zum höheren Ver­waltungsdienst, über die Erhebung von Ab­gaben für kirchliche Bedürfnisse der Diözesen der katholischen Kirche, über die Ver­mehrung der Zahl der Mitglieder des Abgeord­netenhauses undAenderung der Landtags­wahlbezirke, über die Aenderung des Verfahrens der Wahlen zum Abgeord­netenhause, über den Erwerb der Kalisalz­bergwerke der Gewerkschaft Hercynia, das ländliche Verschuldungsgesetz, das Sekun­därbahngesetz, das Gesetz über die Woh­

nungsverhältnisse der Arbeiter und unteren Beamten der Staatsverwaltung und das Gesetz betreffend Regelung der Deich- und Vor- flutverhältniffe an der oberen und mittleren Oder. Nicht erledigt wurden u. a. das Sparkassen­gesetz, das Wanderarbeitsstättengesetz, das Gesetz betreffend die Verunstaltung von Ortschaften und landschaftlich hervorragenden Gegenden.

Was die Initiativanträge anbetrifft, so stellt sich ihre Za fl auf 27. Einer der wich­tigsten von denjenigen, die zur Erledigung kamen, ist der Antrag auf Einrichtung eines Volkswohl­fahrtsamtes. Unerledigt blieben u. a. 2 Zentrums- anträge und zwar der Antrag des Abgeordneten Dr. König aus Einführung des Wiederauf­nahmeverfahrens im Disziplinar­verfahren, sowie der Antrag des Prinzen Arenberg betreffend Neuregelung der Land­gemeindeordnung für die Rheinprovinz. Ferner blieb unerledigt ein Antrag auf Maß­regeln gegen die Feuersgefährlichkeit der Waren­häuser und betreffend Regelung der Verant­wortlichkeit der Minister. Interpellationen wurden im ganzen zehn eingebracht. Die meisten davon hatten Zentrumsabgeordnete zum Urheber. So interpellierte der Abgeordnete v. Saviguy über das Altenbeckener Eisen­bahnunglück, der Abgeordnete Rören über die Ueberwachung katholischer Geistlichen, Abge­ordneter Brust über das Unglück auf der Kohlengrube Borussia bei Dortmund und die Abgeordneten Müller-Wellstein über den Erdrutsch in Mühlheim (Koblenz). Andere Interpellationen betrafen das Spremberger Un­glück und die Ausweisung russischer Staats­angehöriger. Von Staatsverträgen seien erwähnt die Lotterieverträge mit der Hessen-

Murren, Schimpfen und Drohungen gegen den Jörgbauer, Hub dieser an. Freimütig, offen und derb, wie es seiner knorrigen, aber wahrheits­liebenden Gesinnung entsprach, erzählte er von dem Hasse des Vogts und den Ursachen, von dem Landsknechte und abgewiesenen Freier Füllehans und dem Vogt Nestle, wie er der Tochter der Bader­ann nachgestellt habe. Das Gesicht des Vogts färbte sich bald bleich, bald wieder dunkelrot vor Zorn. In seinen Augen glühte ein unstätes Feuer und halb frech, halb ängstlich flirrten seine Blicke bald auf den schlimmen Ankläger, bald zu dem Vizekanzler hin.

Wurmb hatte schon lange die Feder hingelegt, beide Arme auf den Tisch gestülpt und lauschte in steigender Spannung der Erzählung des furcht­losen Bauern zu. So vertrocknet und abgehärtet er auch in seinem langjährigen, oft mitleidlosen Dienste geworden, er hatte sich Gutmütigkeit be­wahrt und offenen Blick für Recht und Unrecht. Hier, in diesem malefizischen Prozesse dünkte ihm etwas Verdächtiges unterzulaufen, Verdächtig hin­sichtlich der Wahrheit der Anklage und der Zeugen­aussagen.

Auf den Richter dagegen schienen die schweren Beschuldigungen aus dem Munde des Jörgbauern gegen den Vogt geringe Wirkung auszuüben.

„Woher weiß er das alles, was er da vorge­bracht?" fragte Kirsinger, als der andere geendet.

„Don der Köhlerin selber, die es mir in ihrer Not geklagt, allerdings mit der Bitte, es für mich zu behalten."

Da lächelte der Rat überlegen und gering- schäitzg auf:

„Von Jnkulpatin selbst hat er das? So! Und das will er einem Weibe glauben, die hier rnalefi- zisch angeklagt ist und gegen die so schwere Grava- mina vorliegen? Hätte gedacht, er wäre gescheiter als so. Und daß Jnkulpatin ihn angelogen hat, das kann er doch daraus entnehmen, daß sie selbst Ibn gebeten, ihr nichtsnutzig, ehrabschneidendes

Wahrheit sage, so soll mich der, mit dem sie einen

Et hat, bei lebendigem Leibe holen." । „Ja, Liefe!, es ist wahr. Und wissen mußt

Kirsinger schlug ein Kreuz und sagte mahnend: I Du es doch, das Gericht von Sigmaringen ist ge»

Paki hat, bei lebendigem Leibe holen.

Märlein für Sich zu behalten, so auch besser ge­wesen, als hier Vorbringen, unnützer Weise."

Wurmb schien von der Logik und Unparteilich­keit seines Vorgesetzten nicht sehr erbaut. Verlegen, gedankenvoll und ärgerlicy zugleich kaute er an der Fahne seines Gänsekiels. Heber das Gesicht des Vogtes jedoch glitt ein aufheiterndes Lächeln und erleichtert atmete er auf. In den grauen Augen des Jörgbauern aber blitzte es auf. Er trat einen Schrstt näher und entgegnete:

„Ich habe die Köhlerin alleweil für ein braves, unbescholtenes Weib gehalten. Warum soll ich ihr nicht glauben I Köhlerin, habt Ihr mir die Wahr­heit gesagt?"

„So wahr Gott im Himmel lebt!" rief die ge­quälte Frau aus und hob die Hand in die Höhe.

„Da hört es der Vizekanzler. Wenn ihr aber der Köhlerin dennoch nicht glauben wollet, so lasset ihre Tochter, die Liese, kommen. Eine bravere Dirne gibt es in Veringenstadt nicht."

Der Vizekanzler zuckte geringschätzend die Schultern und sagte:

„Nun, er mag es ja gut meinen mit der Jn­kulpatin, wiewohlen es etwas sonderbarlich, daß er gar so eifrig für die ins Feuer geht, aber klug ist er nicht. Ich soll der Tochter Zeugnis abneh­men? Ist er denn gescheit? Daß die alles be­stätigt, was die Mutter sagt, das brauche ich nicht erst zu erfragen. Aber ich will ein übriges tun. Vogt, was sagt er zu der Anklage des Jörg­bauern?"

Der Vogt hatte seine ganze Selbstbeherrschung wieder erlangt. Er erhob sich würdevoll, ernst und antwortete:

„Was die Baderann dem Jörgbauern erzählt, ist alles verlogen. Nun glaube ich auch, daß sie sich dem leidigen Gottseibeiuns ergeben hat; denn so lügen, ist nimmer natürlich. Wenn aber das wahr wäre, was sie sagt, und wenn ich jetzt die Un-

Deutsches Reich.

Berlin, den 7. Juli 1906.

* Das Befinden der Kronprinzessin und des jungen Prinzen ist andauernd gut. Die Kaiserin findet sich täglich mehreremale im Mar­morpalais ein. Von allen Souveränen sind herz­liche Glückwunschtelegramme am kronprinzlichen Hose etngegangen. Während neulich gemeldet wurde, daß die Taufe auf Anordnung des Kaisers auf den 12. August festgesetzt sei und während man gleichzeitig bereits über die Namen zu be­richten wußte, welche der junge Prinz erhalten sollte, wird jetzt gemeldet, daß weder über den Tag der Taufe noch über die Namen des Prinzen Bestimmungen getroffen seien. Ebenso seien zur Taufe noch keine Einladungen beziehungsweise Ansagen ergangen. Auch über die Taufpaten ist, wie die ,Postt meldet, zur Stunde noch nichts bestimmt. Die Meldung eines Londoner Blattes, daß König Eduard die ihm an getragene Patenschaft angenommen habe, muß daher mindestens als verfrüht erscheinen. Bekanntlich pflegt die Zahl der Taufpaten bei fürstlichen Personen sehr groß zu fein, und von Interesse ist die Erinnerung der .Post', daß der Kronprinz bei seiner Taufe deren nicht weniger als 31 hatte. Die Freude über das frohe Ereignis im Herrf cher- hause wird sich noch dadurch steigern, daß tat­sächlich eine Amnestie und zwar in allge­meinem Umfange erlösten werden wird. Die Fiattonalzeitung' erfährt aus zuverlässiger Quelle, daß die Amnestie die Vollstreckung von Strafen, bei denen nicht auch gleichzeitig auf Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte erkannt ist und bei welchen der Verurteilte der Begnadigung würdig erscheint, in weitestem Maße umfassen wird, auch wenn die Strafe von längerer Dauer war. Die Amnestie war bereits für die silberne Hochzeit des Herrscherpaares in Aussicht genommen, wurde jedoch in Rücksicht auf das zu erwartende frohe Ereignis zurückgestellt. Wenn diesmal wirklich eine Amnestie erfolgt, so wird dadurch zweifellos die Bande, welche das deutsche Volk und sein Herrscherhaus umschlingen, noch enger geknüpft werden.

* Reichstags-AbgeordneterErzberger veröffent­licht in der ,Germ.' eine Erklärung, in welcher er mitteilt, daß er, nachdem der Reichskanzler die Erneuerung des Beamtenkörpers der Kolonial- Abteilung angekündigt und teilweise durchgeführt habe, jede weitere Erörterung über koloniale Miß­griffe der Vergangenheit vorläufig einstelle, um der Verwaltung Zeit zu geben, diese Absicht durch­zuführen. Gleichzeitig stellt er gegenüber einer Erklärung des gegenwärtig in Konstantinopel weilenden Dr. Helfferich, des früheren Mit­gliedes der Kolonial-Abteilung, in derFiaticnal- itg/ vom Samstag fest, daß der Fall der Unter­schleife in Südwestafrika nicht, wie Herr Helfferich

thüringischen Gemeinschaft, Reuß j. L., Olden­burg, Braunschweig und Bremen, ferner der Vertrag mit Bayern, Baden und Hessen betreffend Kanalisierung des Main.

Man steht also, daß die Arbeiten welche daS Abgeordnetenhaus in seinen 81 Plenarsitzungen in der Zeit vom 5. Dezember v. Js. bis zum Schluß der Session geleistet hat, keineswegs gering anzuschlagen sind und daß, wenn die Volksvertreter sich nach der sommerlichen Ruhe sehnen, diese Ruhe wohlverdient ist.

meine, längst erledigt sei und bezeichnet die Be­hauptung d«S Herrn Helfferich, daß er sich der mitwirkendm Beamten bedient habe, die in der Kolonial-Abteilung angestellt seien und in bereu Mauern als Denunzianten und Spitzel unter Ver­letzung ihres Diensteides ihr Wesen trieben, als eine böswillige Verleumdung ober einen leicht­fertigen Klatsch. Nach der,Postt soll die Unter- suchung über die vorgekommenen Unregelmäßig­keiten keine großen Dimensionen annehmen, eS gehöre viel Phantasie dazu, um von ihr sensa­tionelle Enthüllungen und eine Art von Panama- Skandal zu erwarten. In dem Strafverfahren gegen die beiden Beamten der Kolonial-Abteilung ist jetzt auch der verantwortliche Redakteur der -Freis. Zig." als Zeuge vor dem Untersuchungs­richter vernommen worden. Der Redakteur wei­gerte sich, den Namen seines Gewährsmannes zu nennen, erklärte sich aber bereit, beeidigen zu wollen, daß er sein Material nicht von einem Beamten des Auswärtigen Amtes erhalten habe.

* Graf Paul Hoensbroech sendet dem ,Berl. Tagebl.' eine Zuschrift unter dem Titel „Politische Notwendigkeiten", dessen Tendenz sich in seiner Parole: Lieber rot als schwarz in Hinsicht auf die bevorstehende Stichwahl in Altena-Iserlohn zu erkennen gibt. Der Herr Graf erhält für seine Parole und seine Verherrlichung der Sozial­demokratie vom,Berliner Tageblatt' einen ver­dienten Rüffel. Armer Graf, sogar der jüdische Freisinn schüttelt dich ab!

Einen überaus harten Verlust hat die deutsche Wissenschaft durch den plötzlichen Tod des ordentlichen Professors der Physik an der Universität Berlin und Direktors deS dortigen physikalischen Instituts Dr. Paul Drude erfahren. Ein Zustand nervöser lieber« reiztheit infolge Ueberarbeitung mag die Ursache dazu geroeroefcn fein, daß der in feinen besten Jahren stehende Gelehrte, — vor einem Jahre erst wurde er von Gießen direkt nach Berlin als ordentlicher Profeffor der Physik berufen — seinem Leben ein Ende machte, indem er sich erschoß. — Drude war sowohl auf dem Ge­biete der experimentellen wie auf dem der theo­retischen Physik eine erste Kraft. Zu Namen 4ft Drude besonders durch seine für die modernen Anschauungen über das Wesen von Licht und Elektrizität grundlegenden Untersuchungen und Theorien der Schwingungen des nach der An­nahme der neuen Naturforscher „alles durch­dringenden Aethers" gekommen.

* In Sachen der Betriebsmittel - Gemein« K hat der preußische Minister der öffentlichen ten die Ausarbeitung einer Denkschrift angeordnet, in welcher die finanziellen Wirkungen der bayerischen Vorschläge eingehend berechnet werden. Erst wenn diese umfangreiche Arbeit fertiggestellt ist, wird an eine weitere Beratung der Angelegenheit gedacht werden können.

* Gegen die Hauptwahlen in Altena-Iser­lohn liegt, wie das,Berl. Tagebl/ hört, ein Pro­test dem Reichstags - Bureau vor, welcher u. a. damit begründet wird, daß Nicht-Wahlfähige ge­wählt hätten und daß in einem Wahl - Lokal, als die amtlichen Kuverts ausgegangen gewesen seien, ohne solche weiter gewählt worden sei.

.'. Die Sozialdemokratie scheint gegenwärtig sehr unternehmungslustig zu sein. Nach­dem kaum mitgeteilt worden ist, daß sie eine Bildungsschule einrichten will, wird jetzt von der Errichtung eines sozialdemokra-

„Vogt, so sollte er nicht sprechen. Ist auch un­nötig, maßen ich ihm mehr glaube, als bösem Wei­bergeschwätz. Jörgbauer, er kann gehen, sei er aber vorsichtig im Reden und wahre er seine Zunge."

Sprachlos starrte der Bauer den Richter an. Seine braunen, derben Fäuste schoben nervös den Dreispitz hin und her. Dann wandte er sich, reichte der Baderann die Hand und sagte ergriffen: „Köhlerin, ich hott' Euch gerne geholfen." Mit diesen Worten verließ er ohne Gruß das Gerichts­zimmer. Wenn alle die Drohungen und Flüche tn Erfüllung gegangen wären, welche dem wacke­ren Jörgbauern von den Veringer Männern und Weibern nachgesandt wurden, es würde ihm schlimm ergangen sein. Der aber schritt, unbe­kümmert wegen des unverdienten Hasses der Ver­blendeten, aber doch eine Beute trauriger Gedan­ken der Heimat zu. Ihm ahnte, daß die Baderann schweres erdulden müsse. Hätte er gewußt, ge­sehen, was ihr bevorstand, die Haare würden sich Ihm gesträubt haben.

Ungefähr in der Mitte des Weges zwischen Beringen und Hermentingen sah er schon von weitem eine Frauenaestalt eiligen Schrittes ihm entgegenkommen. Er schenkte ihr kaum Beach­tung; seine Gedanken waren mit der Frage be­schäftigt, ob der Baderann denn gar nicht zu Hel­sen sei. Da weckte ihn aus seinem Sinnen der Rus:

„O Jörgbauer, Ihr seid es? Ich komme ge- rade von Eurem Hause. Aber da war ntemanb daheim."

„Du bist's Liefe!", entgegnete der Jörgbauer und streckte dem Mädchen die Hand hin. „Grüß Dich Gott, Mädel. Wo willst Du hin?"

„Zu meiner Mutter 1 Ihr kommt von Gerin­gen? Jst's wahr, daß sie meine arme Mutter In den Turm geworfen haben und sie als eine Hexe verschreien?"