Einzelbild herunterladen
 

Surnahme dir Sotm» «nd - eieltag«. ötttteb 'äiBezugspreis ohne Vringerlobn und B»c«geldin8«ldaund auswärts 1 Ml. 50 pfg.

Verantwortlicher Schriftleiter: I. Baum für die Anzeigen Z. Varzeller in tiulda.

Anzeigen: vieet* fpurtige Petitzeile od« ietew Raum 15 Pfg. HeNamen die petitjeile 25 Pfg.; bei Wieder­holungen wird entfpr. Rabatt gewährt.

Rotationsdruck u. Verlag der «kuldaer Re» ttendrnckerei in Allda, Zernsprecher Nr.».

M 152.

Fulda, Freitag den 6. Juli 1906.

83, Jahrgang.

Erstes Wlatt. fc"—.....' —

(!) Mt das volksschulgesetz?

Wer zum Pessimismus hinneigt, könnte hin» nchtlich der Auffassungen, welche sich in Streifen tzes Abgeordnetenhauses im Anschluß an dieGe» Mlung der Schulvorlage durch daS Herrenhaus geltend machten, zu dem Ergebnis kommen, daß das Schicksal der Vorlage nach der negativen Seile hin besiegelt sei und daß alle ^Beratungen der Fraktionen, die am Donnerstag im Abgeord» nelenhaus stattgesunden haben, an dieser Tatsache nichts mehr ändern würden.

Wir sind nicht so pessimistisch. Wir wiffen zwar nicht, zu welchem Resultate die stunden« langen Beratungen der Fraktionen geführt haben, wir glauben aber doch feststellen zu können, daß allseitig das Bestreben besteht, eine Ver­ständigung mit dem Herrenhaus herbeizuführen. Dieser Äuffasfung gibt auch die freikonservative .Post' Ausdruck, indem sie heroorhebt, man werde sich int Abgeordnetenhause so weit wie möglich den Beschlüssen des Herrenhauses anbequemen. Der Meinungsverschiedenheiten sind es nun ge­rade nicht wenige, die zwischen Herrenhaus und Abgeordnetenhaus bestehen; es scheint aber, daß man in der Hauptsache nur hinsichtlich der Be­stellung der Lehrer und hinsichtlich der Unterver- teilung der Staatsmittel Aenderungen an den Beschlüssen des Herrenhauses im Plenum des Abgeordnetenhauses vornehmen wird.

Vom Standpunkte des Zentrums !aben wir weitere Wünsche, namentlich Hinsicht- ich der Bestimmung des Herrenhauses, daß statt er evangelischen Lehrkraft nur bei Erledigung der Stelle eine katholische unter den in § 35 gegebenen Voraussetzungen angestellt werden soll, daß ferner die Frist von fünf Jahren in § 36 m Wegfall kommt und daß die Ausschaltung der kirchlichen Oberbehörde in § 44 Absatz 3 wieder rückgängig gemacht wird.

Was die Aufrechterhaltung der gutsherrlichen Lehrerberufungsrechte auch in zusammengesetzten Suu'.lverbänden durch das Herrenhaus betrifft, so tanbt die ,Post", daß das Herrenhaus den A ag von Burgsdorf nur angenommen habe, um Den grundsätzlichen Standpunkt be5 Herren­hauses zu betonen, nicht aber daraus praktische Konsequenzen für die schließliche Ensschließung über die Beschlüsse des Abgeordnetenhauses in betreff des ganzen Gesetzes zu ziehen. Äs mußte aussallen, daß die Oberbürgermeister dem An­trag von Burgsdorff zusümmlen, obwohl, wenn dieser Antrag Gesetz geworden wäre, die Frei­sinnigen ihn als Ausgeburt des Junkertums zu Zwecken der Verhetzung der Bauernschaft gegen den Großgrundbesitz verschrien haben würden. Tie,Post" meint, man habe es hier mit einem Jntriguenstückchen der Oberbürgermeister zu tun, die durch Zustimmung zu dem Anträge Burgs­dorff den äußersten Flügel der konservativen Partei zur Ablehnung des Antrages Eulenburg und zur Annahme der Kommissionsbeschlüsse in hezug auf die Rektoren zu verleiten. Nun feien die Oberbürgermeister die betrogenen Betrüger.

Wie sich die Dinge weiter gestalten werden, säßt sich gegenwärtig noch nicht sagen. Uns will es wahrscheinlich dünken, daß das Abgeordneten­haus zu Beschlüssen kommt, welche von feiten

Die hexe von Vertagen.

Eine kulturgeschichtliche Erzählung aus den hohen» zollerischen Landen.

Von Ern st Hetlinger.

9] (Nachdruck verboten.)

Die Baderann senkte seufzend den Kopf. Es begann ihr immer mehr und mehr zum Bewußtsein zu kommen, daß ihre Sache schlimm stehe. Die zahlreichen Zeugen und Zeuginnen richteten alle in gefühlloser Neugierde, die meisten sogar mit Haß, ihre Blicke auf sie. Unter den Weibern befanden sich auch die Frau des Jörgbauern und ihre Nach­barin.

Eben wollte der Vizekanzler die Zeugen alle zusammen mit vielen schönen, ernsten Worten ver­eiden, als sich draußen ein lautes Hin- ,und Her­reden verlauten ließ. Es war die Stimme des Schließknechtes, der, wie es schien, einem Manne mit rauher, starker Sprache den Zutrttt verwehrte. Unwillig über die unehrerbietige Störung blickte der Richter zornig auf. Bevor er aber noch fragen tonnte nach der Ursache der Störung, neigte sich der Vogt nahe zu ihm hin und flüsterte ihm zu:

„Es ist der Jörgbauer von Hermentingen, ein gar harter, eigensinniger Kopf und der beste Freund der Baderann."

„Der beste Freund der Baderann?" wiederholte der Vizekanzler langsam und bedächtig. Aber es tag in dem Ton der wenigen Worte nichts Gutes; es klang wie eine böse Drohung.

Wenige Augenblicke später meldete der Kanzlei- ßnecht:

Ein Mann aus Hermentingey, der Jörgbauer, Verlangt auch als Zeuge vernommen zu werden." « Des Jörgbauern Weib war schon bei dem ersten ßhr gut bekannten Ton, der Stimme ihres Man- tzes, ängstlich zusammengefahren, und als der Dauer jetzt sogar als Zeuge gemeldet wurde, be­gann sie auffallend unruhig zu werden.

des Herrenhauses keine Aenderungen mehr er­fahren, wenigstens keine solchen, die nicht vom Abgeordnetenhause angenommen werden könnten.

□ Die Entschuldung der ländlichen Grundbesitzes.

Die Verschuldung unseres ländlichen Grund­besitzes bildet schon seit geraumer Zett nicht nur in landwirtschaftlichen Kreisen den Gegenstand ernstlicher Sorge, sondem in den parlamentarischen Körperschaften und in wissenschaftlichen Unter­suchungen der Nattonalökonomen den Gegenstand von Erwägungen, wie man ihr am wirksamsten entgegenarbeiten könne. Bisher war man über theoretische Erörterungen nicht hinauSgekommen. Jetzt hat der preußische Landtag den ersten praktischen Schritt zur Besserung getan, indem das Abgeordnetenhaus am Mittwoch die Regie- rungsvorlage betreffend Zulassung einer Verschuldungsgrenze angenommen hat. Da das Abgeordnetenhaus von den Beschlüssen deS Herrenhauses nicht wesentlich abgewichen ist, darf an der Verabschiedung des Gesetzes nicht mehr gezweifelt werden.

Wir verhehlen uns nicht, daß diese Vorlage eine recht unschuldige ist und wir versprechen unS von ihr auch keinen allzugroßen Erfolg. AbereS ist immerhin der erste Schritt und feine Bedeu­tung wird gesteigert durch die Resolution, welche das Abgeordnetenhaus gleichzeitig ange­nommen hat und welche die Regierung ersucht, bei den Versuchen zur Durchführung der Ent- fchuldung auch auf geeignete Maßnahmen Bedacht zu nehmen, welche eine Beteiligung der Er- werbs-undWirtf chaftsg erraffens chaft en an diesen Versuchen unter Wahrung der Liquidität der ersteren ermöglichen.

Diese Resolution wurde von dem Zentrums- abgeordneten Faßbender in der Kommission eingebracht und sand nicht nur im Zentrum, sondern auch bei den Konservativen und National- liberalen starken Anklang. Im Plenum wurde sie einzig seitens des Vertreters der Linken Abg. Dr. Drüger, allerdings in sehr energischer Weise, bekämpft.

Es handelt sich bei dieser Resolution darum, daß die Regierung in Erwägung darüber ein- treten soll, wie die heute so zahlreich verbreiteten Genoffenschasten daran mitwirken können, die Schuldenlast, an der unser Bauernstand krankt, zu vermindern. Wie aus dem umfassenden schriftlichen Berichte über die Kommissionsver­handlungen und aus der Plenaroerhandlung vom Mittwoch hervorgeht, sollen die Genossen­schaften nach einer doppelten Richtung bei der Entschuldung mitwirken, einmal als Agenten der Realkreditinstitute bezüglich der innerhalb der Beleihungsgrenze der letzteren liegenden erststelligen Hypotheken. Aus solche Weise sollen die letzteren amortisabel und unkünd­bar und niedrig verzinslich gemacht werden. Sodann sollen die Genossenschaften die zweit- stelligen Hypotheken als Selb st gläubiger beleihen Die zweitstelligen Hypotheken sind nicht als reiner Realkredit zu betrachten. Bei der Beleihung dieser Hypotheken bedarf cs einer Mitwirkung der Genossenschaften, da nur sie in der Lage sind, dir notwendige Individuali­sierung 'vorzunehmen, und infolge der genauen

„Der Mann will als Zeuge vernommen wer­den, und Ihr saget doch, er sei der beste Freund der Jnkulpatin", wandte sich der Vizekanzler'an den Vogt.

„Wenn der Jörgbauer Zeugnis abgeben will, so ist es ganz sicher nicht gegen feine Freundin, sondern für dieselbe", entgegnete der Vogt hämisch. Dann fügte er hinzu: „Uebrigens kennen der Herr Vizekanzler den Mann. Er ist derselbe, der beim Herrn Vizekanzler in Sigmaringen war, um für die Baderann einzutreten."

Der Vizekanzler dachte einige Zeit nach, dann befahl er, den Mann hereinzuführen. Breitspurig, ohne ein Gefühl von Angst oder Beklemmung, aber auch mit Achtung vor dem Richter trat der Jörg- bauer näher, machte seinen Kratzfuß und Men- kerte mit dem schweren Filzhut.

„Wer ist Er und was will Er?" fragte der Vizekanzler.

„Ich bin der Jörgbauer von Hermentingen. Was ich miß? Zeugenschaft will ich ablegen wegen der Baderann."

„Für dieselbe oder gegen sie?" fuhr der Vize­kanzler fort.

„Ich werde sagen, was ich weiß und was die Wahrheit ist. Hoffentlich tun das alle", erwiderte der Bauer und sein graublaues Auge flog über die Zeugen hin, blieb scharf auf Bachgayer hasten und streifte dann nicht gerade freundlich seine Ehe­hälfte.

„Es steht ihm nicht zu, eine solche Bemerkung zu machen", rügte Kirsinger, gereizt durch das furchtlose, selbstbewußte Auftreten des Bauern, zuckte unbemerklich die Achsel und faßte dann festen Blicks den Vogt ins Auge, der vor Zorn rot wurde.

Da ließ sich aus der Schar der Zeugen eine flehende Stimme vernehmen: „Allergnädigster Herr Kanzler!"

„Was wollt Ihr, Frau?" fragte Kirsinger huldvoll.

„Der Jörgbauer ist mein Mann. Saget ihm doch auch, daß ich nicht freiwillig hier bin, sondern

Kenntnis der einzelnen Mitglieder kann die Ge« noffenschast auch eine höhere Beleihung eintreten lassen als irgend ein anderes Institut. Die Schwierigkeit ist nun aber, wie die Genossen» schäft als eine freiwillige Vereinigung von Per­sonen, die jederzett austreten können und die ge­setzlich nur zwei Jahre nach ihrem Austrttt aus der Genossenschaft für die Verbindlichkeit der letzteren hasten, — Darlehen bewilligen kann, welche erst nach einer Reihe von Jahren zurück- zahlbar sind.

In der Kommission wie im Plenum wurden mehrere Möglichkeiten erwogen, wie die Genossen­schaften in die Sage zu setzen seien, ohne daß seitens der Regierung in die freie Verwal- tung der Genossenschaft irgendwie eingegriffen wird, einen solchen langbefristeten Kredit zu ge- währen. Am einleuchtendsten erscheint uns der Vorschlag, den der Abg. Dr. Faßbender zuerst im MäH 1905 im Abgeordnetenhaus gemacht hat, daß nämlich das Grundkapital der preußi­schen Zentralgenoffenschaftskaffe erhöht werde und die Genossenschaften die Hypothekeninstru­mente bei der Preußenkaffe in Depot geben, um bei Bedarf ein Lombarddarlehn daraus erheben zu können.

Nach der Annahme der Resolution Faßbender wird sich die Regierung — und daS ist der Haupt- ersolg der Beratung deS Gesetzes über die Ver­schuldungsgrenze — nicht der genauen Erörterung entziehen rönnen, wie. die Genossenschaften bet Beleihung von Hypotheken liquide zu halten sein werden. ES ist das eine alte Streitfrage, die in der Polemik zwischen den Anhängern von Schulze-Delitzsch und Raiffeisen schon seit Jahr­zehnten eine große Rolle spielt, die aber jetzt wohl ihrer Lösung näher gebracht werden dürste.

Deutsches Reich.

Berlin, den 4. Juli 1906.

* Das Befinden der Kronprinzessin ist nach einem am Donnerstag nachmittag veröffentlichten Bulletin nach gut vollbrachter Nacht recht gut. Auch das Befinden des Kindes ist vortrefflich. Der Kaiser hat noch vor Antritt seiner Nord­landreise den Termin für die Taufe seines neu­geborenen Enkels auf den 12. August festgesetzt. Ferner hat der Kaiser beftimmt, daß der junge Prinz den Rufnamen „Wilhelm" führen soll. Der Präsident des Abgeordnetenhauses von Kröcher hat am Donnerstag vormittag im Auf- trag des Abgeordnetenhauses an den Kaiser an­läßlich der Geburt des Prinzen ein Glückwunsch­telegramm nach Norwegen abgeh'en lassen.

* Zur Reichstagsersatzwahl in Altena-Iser­lohn hat am Mittwoch in Altena eine aus allen Teilen des Wahlkreises von 70 den verschiedensten Ständen angehörenden Vertrauensmännern der Freisinnigen Volkspartei besuchte Ver­sammlung einstimmig beschlossen, die frei­sinnigen Wähler aufzufordern, in der Stichwahl am 10. Juli dem Kandidaten der Zen­trumspartei Klocke ihre Stimme zu geben. Ebenso hat der Kandidat der Nationalliberalen, Geheimrat Haarmann in einem Schreiben an den Vorsitzenden des nationalliberalen Wahlkomitees die Aufforderung erlassen, bei der Stichwahl in Altena-Iserlohn für das Zentrum einzutreten; weder eine Wahlenthaltung noch ein Eintreten für den Sozialdemokraten fei angängig. Das

daß mich das Gericht aufgefordert hat, Zeugen- fchast zu geben."

„Warum verlangt Ihr das?"

„Weil ich sonst nichts Gutes von ihm zu er­warten babe>

Der Vizekanzler blickte den Jörgbauer drohend an und sagte: „Wer einem Zeugen wegen seiner Aussage Böses zufügt, hat schwere Strafe zu er­warten."

Der Jörgbauer tat, als ob die Worte nicht an ihn gerichtet seien. Er wandte sich zu seiner Frau und sagte: „Die Wahrheit darfst Du sagen. Sagst Du aber die Unwahrheit, so kennst Du mich."

„Er hat hier nur zu sprechen, wenn er gefragt wird", fuhr Kirsinger den Jörgbauern an. Der schwieg gehorsam, dafür nahm er aber den Vogt wieder so fest ins Auge, daß dieser unruhig auf seinem Sessel hin- und herrutschte.

Die Zeugen waren vereidigt und sodann hin- ausgeschickt worden. Einzeln wurden sie wieder hereingerufen. Es gab nichts so Törichtes, was nicht gegen die Baderann vorgebracht worden wäre. Aber so unsinnig es auch war, sie mußte sich doch gegen jede Aussage verteidigen und sie zu ent­kräften suchen. Und das gelang ihr in den Augen des gelehrten Vizekanzlers, dem Doktor beider Rechte, Rat Kirsinger, wie es schien, nicht; denn immer bedenklicher schüttelte dieser den Kopf.

Viele Männer und Weiber hatten ihr phantasie­volles Gerede schon vorgetragen. Nun kam der Nachtwächter an die Reihe.

„Was weiß er, Georg Häberle?" fragte der Richter.

„Vor etwa 5 Wochen, als ich die Runde durchs Dorf machte, sah ich ein schwarzes Weib aus dem Stall des Scharfrichters herauskommen. Als ich weiter ging — ich schlug im Gehen ein Kreuz und betete ein Vaterunser — und als ich an der Bader­ann ihr Haus kam, sprangen zwei schwarze Katzen heraus. Ich bin nicht wenig erschrocken."

„Dünkt mir ein tapferer Wächter des Städtles zu fein", murmelte Sekretarius Wurmb und

Zentrum stehe ttotz aller Gegensätze auf dem Boden der heutigen Gesellschaftsordnung. Es habe auch bei der Lösung der nationalen Auf­gaben im letzten Jahrzehnt seine Mitwirkung nicht versagt. — Vielen Liberalen gefällt da» nicht. Die Msenacher Tagespost" ruft höhnisch aus: „Und so was nennt sich liberal" und er­klärt, die Blamage des deutschen Liberalismus sei vollendet wie nur möglich. Die ,Köln. Ztg." veröffentlicht eine Zuschrift, die die Unterstützung der Sozialdemokratie durch Stimmenthaltung bei der Stichwahl befürwortet. Auch die,Düffel- dorfer Zeitung" meint, die Stimmenthaltung fei das einzig richtige; die „beiden antinationalm Parteien"' müßten sehen, wie sie den Kampf selbst austtügen. Die nationalliberale .Bonner Ztg." veröffentlicht eine Zuschrift, wonach ein Teil der liberalen Wählerschaft der Parteileitung die Ge­folgschaft versagen dürfte, und ein Sieg der So­zialdemokraten keineswegs ausgeschlossen wäre. Ohne Zweifel möchten viele „nationale" Wähler geradezu für den Sozialdemokraten stimmen. Sie haben nur nicht den Mut, es frei herauszusagen. Wenn die liberalen Parteilettungen und die nam­haften liberalen Blätter mit sauersüßer Miene zur Wahl des Zentrumskandidaten auffordern, so ist das ja recht löblich. Sie werden aber nicht bestreiten können, daß sie selbst die Schuld tragen, wenn viele Wähler ihnen nicht folgen und den sozialdemokratischen Kandidaten be­günstigen sollten; denn sie haben den Wählern bisher immer vorgeredet, es sei gegen ihre Ehre als Protestanten und Deutsche, wenn der katholische und antinationale Zentrumskandidat siege. Die dadurch geweckten Vorurteile lassen sich so leicht nicht wieder beschwichtigen. Wenn die Liberalen für den Zentrumskandidaten stimm­ten, müßte diestr mindestens 20,000 Stimmen erhalten. Wir sind neugierig, wieviel er erhalten wird.

* Das Schreiben des Generals v. Trotha an den Pater Lebeau, in welchem General Trotha dem Pater seinen Dank und seine höchste Anerkennung für die ihm von den kathol. Mis­sionen in Südwestafrika geleisteten Dienste aus­gesprochen hat und welches vor kurzem die Runde durch die Presse machte, gelangt jetzt in der ,Nordd. Allgem. Ztg." zum Abdruck.

* 2000 Vereine des Evangelischen Bundes. Nach dem letzten im April aufgestellten Verzeich­nisse der Haupt- und Zweigvereine hat der Evan­gelische Bund in 40 Hauptvereinen 1561 Zweig­vereine und Ortsgruppen und 439 körperschaftlich angeschlossene Vereine, also genau 2000 Vereine.

* Unter dem Titel „Beamtenehre" ver­öffentlicht die,Nationalzettung' eine längere Zu­schrift eines „Alten Afrikaners". In derselben bemüht sich der Verfasser nachzuweisen, daß der Vorwurf des Abg. Erzberger, es habe der Ge­heimrat v. König im Falle Fleck Nepotismus be­trieben, unbegründet sei. Mit demselben Recht, so argumentiert der Verfasser, könne man auch dem alten Reichskanzler Fürsten Bismarck Nepo­tismus zeihen, da er seinen Sohn Herbert zum Staatssekretär des Auswärtigen Amts gewählt habe. Der Verfasser geht von einer durchaus irrigen Voraussetzung aus. Die Vorwürfe des Abgeordneten Erzberger richten sich keineswegs gegen die Verwendung des Obersten Fleck im Kolonialdienst, sondern lediglich gegen die dem­selben zugebilligten unzulässigen Remunerationen.

schrieb kritzelnd die Aussage des Nachtwächters auf das graue Papier.

„Hat er das schwarze Weib erkannt? War ei die Angeklagte?"

„Gewiß kann ich es nicht sagen, aber die Figur der Baderann kann es gewesen sein."

„Was habet Ihr hieraus zu sagen?" wandte sich Kirsinger zur Angeklagten.

„Ich war nie, weder bei Tage, noch bei Nacht, in des Scharfrichters Stall. Auch bm ich nicht schwarz und trage keine schwarzen Kleider."

„Ihr solltet lieber die Wahrheit gestehen, statt immer abzuleugnen", lautete die harte Entgeg­nung."

Die Baderann seufzte.

„Der nächste Zeuge war Matthias Bachgayer. Ter Vogt beugte sich tiefer vornüber und hatte, wie es schien, für diesen Zeugen kein besonderes Interesse. Des Herrn Vizekanzlers Faktotum, der Sekretarius Wurmb, dagegen blickte den Maurer scharf an. Sehr zu gefallen schien ihm der Haupt­ankläger der Baderann nicht."

„Wie heißt er und was ist fein Gewerbe?" fragte der Vizekanzler.

„Mathias Bachgayer und bin Maurer."

„Er hat keine besondere Feindschaft gegen die AngeklaAe?"

„Ei, wie sollte ich, gnädiger Herr Kanzler! Ich habe zeitlebens niemanden nichts Böses ge­wünscht."

„Der Bachgayer ist mit dem Vogt mein schlimmster Femd," warf die Baderann fast flehend ein.

Bachgayer hob die Hände gegen die Decke, ver­drehte die schon so wie so schref stehenden Auge« noch mehr und rief:

„O du grundgütiger Gott, wie kann man auch seinen Nebenmenschen verleumden! Was hat mir die Baderann nicht alles Böses getan! Aber des­halb bleibe ich doch bei der Wahrheit. Ich weiß wohl, dem leidigen Gotsseibeiuns ist nichts ver­haßter, als die Wahrheit."

(Fortsetzung folgt.!