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Maer

A. Parzeller in Kulda. wochenbeii-g«: „ZllustrierteSonntagrzeitung"

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Botation,druck «. Verlag der Fuldaer Be» tiendruckerei in fsulda. Fernsprecher Br. 9.

M 150.

Fulda, MMwoch den 4. IM 1906.

33. Jahrgang

Erstes Matt.

elenden Menschen gemacht, sein Eheweib und außerdem Roß und Vieh im Stall infiziert, das erstere ums Leben gekommen und das salva vina Vieh krepiert. Und so ergehe sein untertänigstes, herzzerreißendes, flehentliches Bitten, fürstliche Gnaden wollten um der Gerechtigkeit und Barm­herzigkeit Gottes willen befehlen, daß diese schäd­liche Person mit Urteil und Recht vorgenommen und was zu Recht erkannt, an ihr exequiert werden, weil er sonst seinen vollständigen Untergang und die ganze Stadt und Landschaft große Uebel, daS Verderben der Feldfrüchte, schädliches Ungewitter und Siechtum des salve vina Viehs und anderes zu besorgen habe."

„Dieser Bachgayer hat aber doch damalen in dem ersten Verhör ausgesagt, er wisse nichts schlech­tes von der Köhlerin", warf Wurmb ein.

„Warum er das getan, werde ich schon inqui- rieren. Kann es nicht allzu große Furcht vor der Hexe gewesen sein?"

„So glauben der Herr Vizekanzler, daß die Köhlerin eine verfluchte, gottverlassene Hexe ist?"

Der Rat stieß einen tiefen Seufzer aus, sah zu der niederen, rauchgeschwärzten Zimmerdecke empor und meinte: „Wurmb, es ist viel Böses in der Welt, wer kann es wissen I Ich werde Rechtens verfahren und die Wahrheit schon ans Licht brin­gen."

Nach einer Weile fuhr er weiter: „Wurmb, ich will lieber zehn Verbrecher wegen Mords, Tot- schlags, Raubes und anderer schlimmen Laster in- quierieren, als eine der Hexerei Beschuldigte, maßen die immer gar halsstarrig sind, und es wegen der verborgenen Beihilfe des bösen Feindes auch eine nicht ungefährliche Sache ist. Er sollte ich auch vorsehen und etwas Geweihtes an de« Leib tun, was ihm Schutz gewähren kann. Ich nehme ein Säcklein um den Hals, worinncn Beinle von einem der von Herodes schmählich ermordeten, unschuldigen Kindlein sind, die mir ihre Gnaden, die Frau Aebtissin von Wald, die edle Frau von Bodmann, verehrt, und gegen die auch die

Die hexe von veringen.

Eine kulturgeschichtliche Erzählung auS den hohen- zollerischen Landen.

Von Ernst H e t t i n g e r.

8] (Nachdruck verboten.)

„Nun, er weiß doch so gut wie ich, was alles .der Maurer Bachgayer gegen die Jnkulpatin an- "gegeben.

Zuerst hat er bei dem Gemeinderat zu Verin­gen zu jeder Sitzung, wo der beisammen war, stürmische Klagen vorgebracht und bei Gott und allen Heiligen versichert, die Baderann habe seine ßitau, die vor mehreren Monaten starb, malefizisch infiziert und verhext. Sodann hat er die weitere Klage erhoben, dasselbe sei auch seinem Sohne Paul von der angeblichen Hexe angetan worden, so daß dieser jetzt siech darnieder liege. Und als er gar nimmer mit feinem Klagen nachgelassen, da hat der Gemeinderat den Vogt Nestle mit einem Schreiben zu mir gesandt, worin er dartut, daß der Bachgayer nicht Nachlasse, die Baderann ratione maleficii anzuklagen und sein Recht verlange. Der Vogt hat nichts gutes-für die Malifikantin sagen können, wohl aber die Glaubwürdigkeit des Bach- Hayer nicht angezweifelt und hat gemeint, zur Ver- Hütung größeren Uebels möge ich, der Herr Vize­kanzler, das Geeignete anortznen. Und das ist meine Pflicht, Wurmb, wie er wohl weiß."

Der Sekretarius nickte wieder zustimmend.

„Der Bachgayer hat aber voller Ungeduld, oder tote der Nestle sagt, in seiner großen Seelenbe­drängnis, auch ein Jmmediatum an Serenissi- mum, unseren gnädigsten Herrn, eingegeben. Wie- toohl das auch in gebührender Submission ge­schehen, war es aber ein unerlaubtes Benehmen, und werde ich dem Kerl das gehörig Vorhalten. Darin behauptet er, die Baderann habe seinen 'Sohn Paul malefizisch angegriffen und zu einem

tische Kirche der katholischen gegenüber, sondern die Person Luthers. Ob man dabei von dem dunkeln Gefühle getestet wird, daß es eine pro­testantische Kirche eigentlich gar nicht gibt, wissen rott nicht. Jedenfalls aber darf nur Kirche mst Kirche und Person mit Person verglichen werden. Wollt» man daS tun, so Hütten die Protestanten gewiß keinen Gmnd, sich über ungleiche Behand­lung zu beklagen. Wir möchten einmal gerne wissen, welche Strafe ein katholischer Geistlicher oder Redakteur erhielte, der eS sich einfallen ließe, in ähnlich derber Weise sich über protestanttsch« Lehren und Einrichtungen auSzulasien, wie Herr Bachstein eS über katholische Lehren und Ein­richtungen getan hat. Ob da auch wohl ein ganzer Tag Gefängnis als ausreichende Sühne angesehen würde? Und stellt man, wie eS recht und billig ist, Person gegen Person, so liegt kein Grund vor, stch zu beklagen, daß bk Person LutherS nicht geschützt sei, denn die Person deS Papstes fällt ebensowenig unter den § 166 deS Gesetzes, als die Person Luthers. Damit wollen wir aber keineswegs andeuten, daß wir an dm Beschstnvfungen Luthers ein Gefallen fänden, im Gegenteil, wir verwerfen dieselbe ebensosehr, wie dieS von protestantischer Seite geschieht. Aber mit umsomehr Recht dürfen wir da­her verlangen, daß auch wir in unseren religiösen Empfindungen von der anderen Seite nicht verletzt werden. Die Aufhebung des § 166 würde zu einer Schürung des konfessionellen Kampfes führen, und wir meinen doch, daß da- mst dem wohlverstandenen Interesse des Vater­landes nicht gedient sein kann.

r 3um Hall vachstein.

Die jüngste Entscheidung deS Reichsmilitär­gerichts in Sachen Bachstein gibt der ltberalm Presse erneut Anlaß, über die Zustände in unserem lieben Vaterlande zu zetern, bk durch die bösen Katholiken geschaffen roerben. Wenn man diese Artikel liest, dann ist man im Zweifel, öb man mehr erstaunt sein soll über bk Naivi­tät, bk man zur Schau trägt, ober über bk Dummheit, die man bei dm Lesern vorauSsetzt.

Nach der Darstellung der ,Nationalzeitung' ist Bachstein geradezu ein Märtyrer, der durch die Schuld der Katholiken von einem Gerichts­höfe zum anderen geschleppt wird. Wir müssen allerdings gestehen, daß auch un- die Entwicke­lung dieses Prozesses zu einer Seeschlange nicht sonderlich gefällt, aber daS kann uns nicht ab» halten zu fordern, daß in dieser Angelegenheit ein Rechtsspruch zustande kommt, der dem öffent­lichen Rechtsbewußtsein entspricht. Daß wette Kreise, wie man in liberalen Blättern lesen kann, die Kritik, welche DivisionSpfarrer Bach­stein geübt hat, als berechtigt anerkennen, be­zweifeln wir garnicht, dafür kennen wir die Herren vom Evangelischen Bunde viel zu gut Aber ebenso wenig kann bestritten werden, daß weite Kreise des Volkes bk Kritik des Herrn Bachstein als unzulässig betrachten, und zu diesen Kreisen zählen auch protestantische Staatsbürger, die von einem solchen geisttgen Kampfe der beiden Konfeffionm nichts wissen wollen.

Die Bedeutung deS Falles Bachstein ist auf diesen nicht beschränkt. Das Geschrei, welche- man erhebt, hat weitergehende Zwecke. Man will Schimpffreiheit gegenüber der ka­tholischen Kirche, und die ,Voff. Ztg.' be­eilt sich denn auch, aus Anlaß des Falles Bach­stein gegen den § 166 des Strafgesetzbuches Sturm zu laufen. Sie meint, der jetzige Zu­stand sei unerträglich, weil die verschiedenen Religionsgefellschaften in ganz verschiedenem Maße getroffen würden. Auch von anderen Ge­sehen werden die denselben unterstehenden Per­sonen nicht in gleicher Weise berührt. Wäre die Auffaffung der «Voss. Ztg.' zutreffend, so könnte man mit demselben Rechte behaupten, daß bei­spielsweise der Diebstahl unbestraft bleiben müfle, iveil es in Deutschland Tausende und Aber­tausende arme Teufel gibt, die kein Besitztum auszuweisen haben und somit das Strafgesetz­buch die vermögenden Klassen mehr schütze, als die armen Klaffen der Bevölkerung.

Ebenso unzutreffend ist es, wenn man ben Lesern Sand in die Augen zu streuen sucht mit der Parallele, daß Luther beschimpft werden dürfe, nicht aber die katholische Kirche. Zu­nächst ist es.nicht wahr, daß Luther beschimpft werden darf; wir kennen wenigstens einen Fall, wo ein Redakteur mit Gefängnis bestraft wurde, weil er in seinem Blatte erzählt hatte, Luther habe ein Gelübde gebrochen. Wir sind zwar auch heute noch der Ansicht, daß die Person Luthers nicht unter den § 166 des Strafgesetz­buches fällt, und die meisten Juristen und Ge- richte sind derselben Ansicht. Aber dennoch hinkt ber angestellte Vergleich sehr stark auf beiden Seiten. Man stellt absichtlich nicht die protestan­

verttscher Reich.

Berlin, den 3. Juli 1906.

♦ Dem verstorbenen Präsidenten deS Reichs-Versicherungsamtes, Otto Gäbel, widmet der,Reichsanz.' einen warmempfundenen Nachruf, in welchem es heißt: „Seit fast 20 Jahren hat er auf dem Gebiete der Arbeiterwohlfahrt an der Durchführung der sozialen Gesetzgebung als einer der befähigsten Mitarbeiter teilgenommen und sich um dieses große Werk bleibende Ver­dienste erworben. Ebenso war er ein hervorragen­der Mitarbeiter auf den verschiedensten Gebieten allgemeiner Wohlfahrtspflege und kirchlicher Be­strebungen. Durch einen unerwartet schnellen Tod wurde er aus seinem Wirkungskreise abberufen, dem er bisher bei seiner nie wankenden Rüstigkeit seine ganze Kraft gewidmet hatte."

* Heber ben Personenwechsel in der Kolonial­abteilung gehen die verschiedensten Meldungen durch die Presse. Einen Beitrag hierzu liefert jetzt die ,Voss. Ztg.' indem sie schreibt: „Von unterrichteter Seite wird uns mitgeteilt, daß der weitaus größte Teil der Räte ber Kolonialab­teilung auS derselben ausscheiden wird. Voraus­sichtlich werden nur etwa zwei höhere Beamte ber Abteilung in ihren Stellungen belassen wer­ben. Es bestätigt sich auch, daß ein höherer Beamter aus dem Finanzministerium zur Ver­wendung bei ber Aufstellung des Etats als Vor­tragender Rat im Kolonialamt benutzt wird.

* Die vorjährige Einholung der Kronprin- xeffin bildet jetzt noch den Grund für eine Lohnbewegung. Die Steinsetzerinnung hatte am Tage des Einzugs die Arbeiten ruhen lassen. Dir Arbeiter verlangten eine Entschädigung in Höhe des entgangenen Verdienstes, die Meister

verweigern aber die Bezahlung, obwohl ben Arbeiter« bk Berechtigung ihrer Forberung burch ein reebtkrästigeS Urteil bestätigt ist. Jetzt hat eine Versammlung ber Steinsetzer als letzten Termin zur Erfüllung dieser Forberung ben Samstag dieser Woche festgesetzt. Zugleich wirb eine bessere Innehaltung der im Tarif ent» haltenen Bestimmungen verlangt.

* Konfesfionalität der Lotterie-Einnehmer. Unter dieser Ueberschrift verbreitete die Presse deS Evangelischen Bundes kürzlich folgende Meldung:

In Breslau starben in letzter Zett zwei prote­stantische Lotterie-Einnehmer. Ihre Stellen wurden halbiert, so daß vier angestellt wurden. Ein protestantischer Bewerber erhielt den Bescheid, daß man Katholiken berückstchttgen müsse. Die vier Ernannten find nun sämtlich streng katholisch. Ein Blatt fügte bittet hinzu: „Ob in Trier auch nur evangelische Lotterie-Einnehmer ernannt werden, um die ParttÄ zu wahren? Die paritätische Lotterie ist fraglos eine in diesem Sinne ebenso neue, wie schöne religiöse Einrichtung." Die paritätische Lotterie entspricht genau dem Sieg der Konfessionsschule; beides zeigt, daß Zentrum Trumpf ist.

Der Regierungspräsident von Breslau, Herr v. Holwede sendet nun der,Breslauer Zeitung' folgende Richtigstellung:

Mtt Bezug auf die in Nr. 401 der.Breslauer Zeitung' abgedruckte, aus der Martburg' entnommene Notiz Über die Konfesfionalität hiesiger Lottetie-Ein- nebmer teile ich der Redaktion zur gefälligen Kenntnis und eventuellen weiteren Veranlassung ergebenst mtt, daß in letzter Zeit hierorts drei Lotterieeinnehmer gestorben sind, die sämtlich evangelisch waren. An Stelle jener drei Kollekten sind fünf getreten, deren Inhaber bis auf einen einzigen Katho­liken ebenfalls evangelisch sind.

Daß alle Blätter, die die gehässige falsche Meldung gebracht haben, von dieser Richtigstellung Notiz nehmen, erwarten wir selbstverständlich nicht — dazu kennen wir unsere Pappenheimer zu gut.

Erhebungen über die Militärtauglichkeit. Auf Veranlassung des Reichsamts des Innern werden noch im Laufe dieses JahrqI bei allen preußischen Truppenteilen Erhebungen veranstaltet über den Einfluß, ber Herkunft und Be- schäftigung ber Militärpflichtigen auf die Militärtauglichkeit ausüben. Die Erhebung erfolgt mit einer Zählkarte, die für sämtliche Unteroffizk.e und Mann­schaften des aktiven Dienststandes nach dem Stand des 1. Dezember d. I. auszufüllen ist. Außer Vor- und Zunamen, Dienstgrad, Geburtsort, Stand ober Gewerbe des Militärpflichtigen wird dessen Größe, Brustmaß und Gewicht, sowie Stand und Geburtsort des Vaters und der Ge­burtsort der Mutter festgestellt. Warum nicht auch Stand und Gewerbe der Mutter erhoben wird, ist nicht ersichtlich. Die gewerbliche Be­schäftigung von Frauen übt doch nicht bloß in der Stadt, sondern auch auf dem Lande oft recht ungünstige Einflüsse auf den Gesundheitszustand ber Mütter und ihrer Kinder aus. Dem Ver­nehmen der »Köln. Ztg.' nach sind Unterhand­lungen mit den bayerischen und württembergischen Kontingenten im Gange, um sie zu veranlassen, die gleichen Erhebungen auch für ihre Truppen­teile vorzunehmen.

* Die Kommission des Abgeordneten­hauses für den Gesetzentwurf betr. die Zulas­sung einer Berschuldungs-Greuze für land- und forstwirtschaftlich benutzte Grundstücke, der vom

schlimmste Hexe und ihr höllischer Beistand macht­los find. Man kann nicht vorsichtig genug sein." Eine Aufregung, wie sie noch nie seit Menschen­gedenken erlebt worden, herrschte in Veringerstadt. Niemand dachte ans Arbeiten. Die Baderann be- chästigte alle Gemüter. Auf der Straße nach Sig­maringen vor dem Südtore des Städtchen» standen schon vom stützen Morgen an zahlreiche Neu­gierige; denn es war bekannt geworden, daß der Vizekanzler eintreffen werde. Bald richteten stch sie Blicke der Wartenden auf die in den Strahlen >er Sonne blendende, weiße Landstraße, bald chauten die Menschen in gieriger Spannung zu >em vergitterten Fenster des dicken, runden Tur­mes beim Tore, in welchem man die Baderann gebracht. Bevor Rat Kirsinger und sein Sekre- arius Wurmb eintrafen, war die bedeutendste und ur Zeit wichtigste Persönlichkeit der von dem Vizekanzler geschickte Kanzleiknecht Benzinger. Sreitspurig, ganz im Gefühl seiner ungemeinen Wichtigkeit, stand der Mann da, mit den übrigen >ie Ankunft deS Hexenrichters erwartend. Er rüg den Kopf hoch; denn dazu hatte er allen Grund. Als Sigmaringer stand er schon an und ür sich mehr al» eine Stufe höher als die Verin» gerstädtler, sodann war er fürstlicher Kanzleiknecht und trug eine Uniform. Und heute stand er hier als Held; dmn er hatte mitten in der Nacht eine Hexe verhaftet. Es ging niemanden etwas an, daß er an Leib und Seele gezittert und Gott und allen Heiligen gedankt, wie er den in den tiefsten Abgrund verwünschten Befehl ohne bis jetzt sicht­lichen Schaden ausgeführt.

Dann hatte er allerdings den Mund nicht mehr geschlossen ob seiner Heldentat. Wie ein Sero» tand er, von alt und jung mit offenem Munde ind weit aufgerissenen Augen augestarrt, inmitten )er Neugierigen. Gerade als er abermals eine tets sich steigernde Beschreibung von der Nacht, die er nie vergessen werde, wiewohl er schon man­ches erfahren, von dem sich andere nichts träumen lassen, geben wollte, zeigte sich in der Ferne eine

Herrenhaus« herübergekommen war, hat folgend- Resolution angenommen: „Die Regierung zu er suchen, über die Ausführung dieses Gesetzes, ins­besondere auch über bk von ben Staatskommissaren bei ihrer Mitwirkung befolgten Grundsätze dem Landtage etwa 5 Jahre nach dem Inkrafttreten dieses Gesetze» eine Denkschrift vorzulegen und die Regierung ferner zu ersuchen, bei ben Ver­suchen zur Durchführung ber Entschuldung des Grundbesitzes auch auf geeignete Maßnahmen Be­dacht zu nehmen, welche eine Beteiligung der Er­werbs- und Wirtschafts-Genossenschaften an diesen Versuchen unter Wahrung ber Liquidität ber ersteren ermöglichen."

Ueber die Freilassung der Rosa Luxem­burg, von ber wir bereits Mitteilung machten, teilt ber .Vorwärts' folgende Einzelheiten mit: DaS Gericht habe die Erhebung ber Anklage wegen mangelnden Belastungsmaterials bereits vor acht Tagen abgelehnt; die Entlassung habe sich nur um einige Tage verzögert, weil die Polizeibehörde den Nachweis der preußischen Staatsangehörigkeit der Luxemburg gefordert habe. Von Interesse ist auch die giiitteilung des ,Vorwärts', daß Rosa in der Gefangenschaft ein Hungermartyrium durchgemacht habe. Um sie in ben Augen der Genossen noch interessanter zu machen, schreibt das Blatt, daß die Genossin Luxemburg eine Woche hindurch an einem Hungerstreik der politischen Gefangenen sich be­teiligt habe. Auffallend ist, daß ber /Vorwärts' nichts von ber Kaution erwähnt, von ber in ber ersten Meldung ber ,Voff. Ztg.' bk Rede war. Die ,Post' glaubt, die Meldung des .Vorwärts' sei vielleicht erfunden, um den Genossen zu ver­bergen, wie teuer Rosa der Partei kommt. Es ist nicht unberechtigt, wenn die .Post' daran die sarkastische Bemerkung knüpft: „Die 9000 Mark mag der russische Staat gern behalten, die So­zialdemokratie hat ja volle Kaffen und in ben Steuern ber Arbeiter sichere Einnahmequellen, aus denen sie nach dem prahlenden ,Vorwätts' leicht Millionen einzutreiben vermag. Was sind also lumpige 9000 Mark für die im Golde schwimmende Partei?"

** Stimmungsbild aus dem Abgeordneten­hause. Das Abgeordnetenhaus hatte am Diens­tag ein Jubiläum, wenn auch kein offizielle». Es waren an diesem Tage 40 Jahre, seitdem derAbg. v. Kardorff von der freikonservativen Frattion in das parlamentarische Leben einge­treten war. Aus diesem Anlaß war ber Platz des Jubilars festlich geschmückt. In einem Blumenarrangement prangte die Zahl „40". Der Jubilar, dessen parlamentarische Tätigkeit nach dem Reichstag gravitiert und ber daher den Ver­handlungen de§ Abgeordnetenhauses seltener bei­wohnt, erschien vorübergehend im Sitzungssaale, wo ihm von Seiten seiner Kollegen Glückwünsche dargebracht wurden. Der Festschmuck fiel um so mehr auf, als eine geringe Zahl von Abgeord- neten anwesend war, wenigstens im Sitzungssaale, denn hier mochte vielleicht von jeder Fraktion ein Dutzend Vertreter gezählt werden. Sonnenschein und Sommerfrische scheinen eben bei dem Gros der Volksvertreter intensiver zu wirken als ber parlamentarische Pflichteifer. Nach Erledigung einiger kleinerer Vorlagen setzte man die Be­ratung ber Petitionen fort, die wieder scharen­weise auf ber Tagesordnung standen und eine recht bunte Speisekarte barfteHten. Ihre Be­ratung verlies in ber üblichen trockenen Weise. Die Referenten sagten ihr Sprüchlein her, hier

Staubwolke, und in fieberhafter Aufregung riefen die Leute: „Sie kommen! Sie kommen!"

Der Wagen hielt. In ihm saßen der Rat Kir- inger und fein Faktotum. Auf dem Platze neben i)em Kutscher stand eine Kiste; sie enthielt eine Menge Dinge, die zum Hexenprozeh unumgänglich notwendig waren. Die Männer und Weiber »urchschauerte es mit einem angenehmen Schauer­gefühl. Das war also der Herr, der über Leben und Tod der Baderann entscheiden sollte. Sie betrachteten ihn mtt einem Gemisch von Neugierde und Furcht. Der war also noch bedeutender al» der Kanzleiknecht Benzinger.

Rechts von der Straße steigt das Gelände bergig empor. Wild zerrissene graue Kalkstein­massen bedecken es. Auch hier standen Leute, um womöglich eine noch bessere Ausschau zu haben al» sie unten auf der Straße. An einem dieser Felsen ehnte Bachgayer. Seine Augen bohrten stch in !>as strenge Gesicht des Vizekanzlers. Der war also der Mann, -er ihm und Jakob Nestle zum Ziele verhelfen sollte. Sein fahler Blick glitt nach i)em Turm hinüber, in welchen die Baderann ge­worfen worden. Ein hämisches, zufriedenes Sein­en gab dem Gesicht de» ManneS jenen Ausdruck, )en der zeigen soll, mit welchem die arme Ange- klagte angeblich einen Patt hatte. „

Diensteifrig und unterwürfig drängte sich Jakob Nestle nahe an den Wagenschlag heran. Der Vizekanzler ertoiberte seinen Kratzfuß mit Herab­assender Würde, winkte dann aber den Kanzlei- stiecht näher heran, der im Gefühl feiner Bedeu­tung nekstm dem Vogte stand. „Benzinger, er hat eine Sache also gut gemacht und die Jnkulpatin n sichern Gewahrsam gebracht? Ist ihm nicht» besondere» vorgekommen, hat et nichts Verdäch? tiges wahrgenommen?"

„Vor dem Hause der Köhlerin habe ich eine Kröte und im Hausgang eine schwarze Katze be» mertt. Sonsten ist mir nichts Unrechtes aufge- allen. Das Weib sagte beständig, sie sei unschul­dig und wisse von nichts." (Fortsetzung folgt)