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(Nachdruck verboten.)
das gebrannte Wasser mag sie zu schätzen wissen, auch wenn es nicht geweiht ist."
Alle wandten sich dem Sprecher zu. Trotzig und herausfordernd stand die breite Gestalt des Jörgbauern aus Hermentingen da, und auf seinem klugen, ehrlichen Gesichte mit den groben Zügen lag es wie eitel Spott und Hohn.
Giftige Micke wurden ihm zugeworfen, und mehrere fragten streitsüchtigen Tones: „Wer ist das? Wo ist der her? Geht es den etwas an, was wir hier schwätzen?"
„Es ist der Jörgbauer von Hermentingen, dem hat die Baderann Dornt Jahr den Fuß geheilt. Der läßt nichts auf die Hex kommen, flüsterte der Bachgayer seinen Nachbarn und Nachbarinnen zu.
Aber der Jörgbauer hatte scharfe Ohren; er hatte verstanden, was der Bachgayer in spöttischem Tone geraunt.
„Jawohl, der Jörgbauer Don Hermentingen bin ich, und ein elender Tropf bist Du, Bachgayer, wenn Du jemand eine Hex' nennst und kannst es doch nicht beweisen. Daß Du es nun weißt.
„Hab' ich gesagt, die Baderann sei eine Hexe?" schrie der Maurer.
„Jawohl hast Du es gesagt, in dem Augen- blick."
„Hab' !ich gesagt die Baderann sei eine Hexe?" wandte sich Bachgayer wie flehend an die Umstehenden.
Die meisten schwiegen, einige aber murrten und fragten herausfordernd: „Was geht es den Her- mentinger an?"
Da lachte der Jörgbauer laut auf, spuckte der- ächtlich auf den Boden und rief: „Brav so, Bachgayer, brav so l"
„Braucht nicht so wichtig zu tun, Jörgbauer", rief einer der Zuhörer, zum Widerspruch gereizt. „Was wißt Ihr von unsere Sach'? Fagt mal den Matthäus Pachner,- der wirds Euch sagen können, wenn er will."
„Ja, wenn er mehr Mut hat, als er da", ent
Vie hexe von veringen.
Eine kulturgeschichtliche Erzählung auS den hohen- zollerischen Landen.
Von Ern st Hettinger.
gegnete der Jörgbauer und wies geringschätzend nur mit einer Kopfbewegung auf Bachgayer. „Also, was ist es mit dem Pachner?"
„Der hat im vorigen Jahre seinen Fuchsen in der Schmiede beschlagen lassen, und da ist die Baderann gerade um das Roß herum gegangen. Von da an hat der Fuchs im Fressen, Ziehen und am Leib abgenommen und fünf Tage später ist er krepiert. Und vor fünf Wochen hat er wieder ein Pferd beschlagen lassen, und da hat die Baderann Dom Fenster aus zugeschaut. Die Augen hättet Ihr sehen sollen I Nachher hat das Roß auch nimmer gefressen. Da ist er eilig zum Schäfer Don Neura, wißt Ihr, der Johann Rädle, der kennt sich aus, der kann in solchen Fällen helfen, aber man muß vor Ablauf des dritten Tages kommen, sonst ist es herum. Der hat ihm einen Segen mitgegeben und der hat geholfen."
„Ist es möglich?" höhnte der Jörgbauer.
Die Umstehenden murrten wieder und machten zornige Geberden.
„Hört nur weiter!" fuhr der Erzähler fort.
„Seit er aber diesen „Segen" im Stall hat, hört er darin nachts oft ein großes Getümmel und wenn er dann hinunter geht — ich täte es nicht —" f
„Glaube ich", war der Jörgbauer trocken ein.
„Dann sieht er im Stall alleweil schwarze Katzen. Wer jetzt da noch zweifelt, dem ist nicht zu helfen".
Ein verständnisvolles Murmeln ging durch die Gruppe.
„Nun, Jörgbauer, he, was nun?" rief der Maurer triumphierend.
Der Jörgbauer war ernst geworden. Es schien, als kämpfe er mit sich, ob er etwas noch sagen sollte oder nicht. Dann drehte er sich kurz um und verlieb schweigend den Platz.
„Aha, jetzt sagt er nichts mehr! Jetzt glaubt er es auch, der Grobian!" rief Bachgayer.
Das Gericht der Veringer über die Baderann ward noch lange fortgesetzt, und als die Schwatzen
den endlich auseinander gingen, taten sie es mit Behagen. ,
Es war unmöglich, daß der Verdächtigten lange verborgen bleiben konnte, was für schlimme Dinge über sie gesprochen wurden. Und es blieb auch nicht dabei, daß man bloß hinter ihrem Rücken, ohne daß sie es hörte, schlecht über sie redete. Es gab „gute Freundschaft", die unter der Maske der teilnehmenden Freundschaft ihr zutrugen, was vor sich ging und sie zum Widerspruch reizten. Daß die Baderann immer noch schwieg, das ärgerte viele, und so steigerte sich der Haß gegen sie. Bald waren auch die Kinder in das Allerwelts-Geheim- nis eingeweiht, hörten sie doch zu Haus mehr als genug davon sprechen, und nun dauerte es nicht mehr lange, da riefen die Buben und Mädchen auf der Straße der Baderann das böse Schimpfwort nach: „Hexe! Hexe!"
Es war an einem Sonntag Nachmittag im Frühjahr, als die Köhlerin auf der Landstraße Hermentingen zuschritt.
Sie war stark gealtert; in wenigen Wochen um ebenfoviüe Jahre, und müde. Wie ein Mensch nach langer Krankheit, schleppte sie sich daher. Was sie tun wollte, kam ihr hart an und lange hatte sie gezaudert. „ ....
Der Jörgbauer stand hemdärmelig in feinem Baurngarien und beschaute mit Vergnügen die Obstbäume, die für das Jahr einen guten Ertrag versprachen. Die Bäuerin lehnte am Steckenzaun und unterhielt ein eifriges Gespräch mit der Nachbarin. Auf dem Heimweg von der Kirche — der Pfarrer hatte just das Evangelium von dem Pharisäer und dem Zöllner vorgelesen und ermahnend« Worte daran geknüpft — war allerlei Neues von und über die Baderann geredet worden, und dieses Gespräch war für die beiden fesfelnd genug, diese- auch jetzt noch fortzufetzen.
Da packte die Nachbarin plötzlich den Arm der Jörgbäuerin und mit Schrecken und Haß im Auge wies sie auf die Straße hi»
(Fortsetzung aus dem zweiten Blatt.)
Er brauchte gar nicht weit zu gehen, um Befriedigung seiner Neugierde zu finden. Eine sichtliche Aufregung herrschte im (stabile. Arn Brunnen unweit der Schmiede, stand eine Gruppe von Frauen noch immer zusammen, denen sich auch schon einige Männer anschlossen.
Bedächtig, die Ohren schon von weitem spitzend, schlich Bachgayer näher. Eine schrille Weiberstimme führte das Wort. Die anderen lauschten gierig.
„Und ich sage Euch, es ist so mit der Alt-Fischer. Wenn sie nicht den geweihten Theriak genommen, wer weiß, ob sie noch lebte. Die Baderann ist nichts Rechtes, nichts Gutes. Es ist eine Schande für unser Städtle."
„Ja", fügte eine andre geheimnisvoll hinzu: . „Die Alt-Fischer hätte es wohl wissen können. Aber eine so dumme Gans, eine schleckige. Früher schon einmal Hai ihr die Baderann Aepfel geschenkt. Davon hat sie einen gegessen. Da ist ihr etwas darein getan worden, worauf sie die übrigen Aepfel alle ins Wasser geworfen. Und richtig, eine halbe Stunde nachher ist ihr ganz sterbendweh geworden. Darauf hat sie, wie gestern, einen geweihten The- naf genommen, der Apfel ist wieder herausgekom- men und ihr ist besser geworden."
„Das kann doch nicht mit rechten Dingen zu- gehen!" riefen mehrere Zuhörer entsetzt.
Da lachte jemand aus dem Kreise laut und (spöttisch auf:
Tie Alt-Fischer hat, wie es scheint, einen gerade so schlechten Magen, wie ihr Maul ist, und
33, Jahrgang
JV8 148.
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sehr angewiesen wären! Wahrscheinlich wird daher sowohl von der freisinnigen wie von der nationalliberalen Parteileitung die Parole: »Für oder mindestens nicht gegen das Zentrum!" ausgegeben werden. Ob und inwiefern dann diese Parole von den Wählern befolgt wird, wollen wir abwarten.
Die Reichrtagsersatzwahl in Altena- Iserlohn.
Die durch den Tod des ReichStagSabgeorb- neten Lenzmann (steif. Volkspartei) notwendig iewordene Reichstagsersatzwahl im Wahlkreise lltena-Jserlohn hat, wie schon am Samstag telegraphisch gemeldet, für das Zentrum insofern einen Erfolg im ersten Wahlgang gezeitigt, als der Kandidat deS Zentrums mit dem sozialdemokratischen Kandidaten in die Stichwahl kommt. Die freisinnige Volkspartei, welche das Mandat des Wahlkreises seit dem Jahre 1888 ununterbrochen, im Besitz gehabt hat, fällt demnach diesmal aus.
Dieser Erfolg des Zentrums ist um so bedeutsamer, als er in einem Wahlkreise errungen wurde, besten Bevölkerung zu 73% protestantisch ist, und mit einer Stimmenzahl, welche einen erfreulichen Fortschritt der Sache des Zentrums darstellt. Das Zentrum allein hat über einen erheblichen Stimmenzuwachs zu berichten. Es hat rund 1200 Stimmen mehr, als bei der Wahl des Jahres 1903 erhalten. Die Sozialdemokratie hat nur einen Zuwachs von 400 Stimmen zu verzeichnen, was bei der überwiegenden Zahl der industriellen Arbeiter in dem Wahlkreise und ihrer Zunahme in den letzten Jahren einem Stillstände oder vielmehr einem Rückgänge der Partei gleichkommt. Die Freisinnigen sowohl wie die Nationalliberalen haben einen Verlust an Stimmen zu verzeichnen, die Nationalliberalen sogar einen solchen von ■runb 900 Stimmen. Die Christlich-Sozialen, die auch diesmal wieder eine Sonderkanbibcttur ausgestellt hatten, haben es nicht viel über 1600 Stimmen gebracht, allerdings etwa 180 mehr als im Jahre 1903.
Der Stimmenzuwachs des Zentrums fällt um so schwerer ins Gewicht, als er unter Umständen erzielt wurde, welche keineswegs günstig genannt werden können. Die 9ta< tionalliberalen haben es sich nicht nehmen lassen, das konfessionelle Moment im Wahlkampf stark in den Vordergrund zu stellen; sie sind geradezu als konfessionelle Partei in den Wahlkampf gezogen und erklärten es für unmöglich, daß ein so „protestantischer" Wahlkreis im Reichstage durch einen Zentrums- mann vertreten werden könne. Auch die Freisinnigen haben es an einer Verwertung dieses Gesichtspunktes nicht fehlen lasten. Jetzt sind die beiden Parteien von der Möglichkeit des ihnen unmöglich Scheinenden in recht empfindlicher Weise belehrt worden.
Ob diese Möglichkeit zur Wirklichkeit wird, oder mit anderen Worten: ob das Zentrum oder die Sozialdemokratie den Wahlkreis erobert, das hängt von dem weiteren Verhalten der Frei- finni en und der Nationalliberalen ab. Da man nicht annehmen kann, daß die Sozialdemokratie in dem Wahlkreise noch über starke Reserven verfügt, so würde ihr Sieg in der Stichwahl nur durch einen Uebergang eines wesentlichen Teiles der bürgerlichen Parteien in das sozialdemokratische Lager herbeigeführt werden können. Die Sozialdemokratie'hat mit ihren 10547 Stimmen vor dem Zentrumskandidaten nur einen Vorsprung von rund 2800 Stimmen. Die 1600 Stimmen der Christlich-Sozialen wer-
veutscher Reich.
Berlin, den 30. Juni 1906.
* Ein Schreiben des Fürsten Bülow an den Herzog Johann Albrecht zu Mecklenburg über die nächsten Aufgaben der Kolonialverwaltung wird jetzt veröffentlicht. Das vom 18. Junid. I. datierende Schreiben ist augenscheinlich die Antwort auf ein von dem Herzog an den Reichskanzler gerichtetes Schreiben. Fürst Bülow verspricht darin zunächst die energische Förderung der bereits in Angriff genommenen Eisenbahn Lüderitzbucht-Kubub, sodaß die Fertigstellung der Bahn noch in diesem Jahre zu erwarten stehe. Der Reichskanzler erwähnt weiterhin die Prüfung der Landungsverhältniffe in Swakopmund durch Sachverständige und bemerkt ferner, daß die Ent- sendung einer neuen Kommission zur Vervollständigung der Untersuchungen zwecks Aufstellung eines Projektes über die Wetterführung der Ufambarabahn in Vorbereitung fei. Die Verbesserung der Landungsverhältniffe in Tanga seien dadurch gefördert worden, daß mit der Pächterin der Ufambarabahn ein Einvernehmen über die alsbaldige Aufstellung eines Ladekrans mit Motorbetrieb erzielt fei. Am Schlüsse des Brieses kommt der Reichskanzler auf das Reichskolonialamt zu sprechen und bemerkt dazu: „Die Bildung eines selbständigen Kolonialamts wird auch nach der durch den Reichstag erfolgten Ablehnung eine der wesentlichsten Bestrebungen derKolonialverwaltungb leiden."
\ Weitere Rechtfertigungsversuche der Kolonialverwaltung finden sich in der,Nordd. Allg. Ztg/. Dieselben beziehen sich zunächst auf die Verwendung der Wohlthätigkeitssonds für die Schutztruppen in Deutsch-SÜdwestasrika. Die in dieser Beziehung behaupteten Tatsachen vermag daS offiziöse Blatt nicht zu bestreiten. Es sucht dieselben nur in einem wilderen Lichte darzustellen. Weiterhin kommt die ,Nordd. Allg. Ztg/ aus die angeblichen Unterschleife in Südwestafrika und den Verkauf neuer soldatischer Bekleidungsstücke re. nach Argentinien zu sprechen. Hier vermag das Blatt nur mitzuteilen, daß die Untersuchung über diese Angelegenheit keinen rechten Aufschluß gebracht hat. Schließlich bespricht das offiziöse Organ auch die Lieferung von amerikanischem Büchsenfleisch für unsere Schutztruppen in Süd-Westafrika. Die Lieferung selbst wird nicht bestritten und mit „wirtschaftlichen Rücksichten" begründet. Das amerikanische Büchsenfleisch sei eben billiger als das deutsche. Die letzten Aufträge für die Monate April bis Oktober dieses Jahres seien anfangs Februar erteilt worden, d. h. also, wie die .Nordd. Allg. Ztg/ bemerkt, „zu einer Zeit, als die Beschuldigungen gegen die amerikanische Industrie noch nicht erhoben waren". Dieser Behauptung gegenüber darf man wohl daran erinnern, daß eine unwidersprochen gebliebene Nachricht durch die Presse ging, wonach sich der preußische Landwirtschaftsminister von Podbielski dahin geäußert hat, man habe längst von den schandbaren Zuständen in den amerikanischen Fleischfabriken im
?ändwwsichäftsmunitermmKe^
Schluffe heißt es in der ,Nordd. Allg. Ztg/r „Das im Anzeiger von Oberland^ den Biberacher Lesern Über die Zustände in Südwestasrika gegebene Bild gestattet keine Richtigstellung in der Presse, es fordert strafrechtliches Einschreiten gegen die Verbreiter dieser Angriffe auf Offiziere, Mannschaften und Verwaltung der Schutztrupps für Südwestafrika. Sttafantrag ist daher bereit- gestellt worden."
* Der im Vorjahre eingesetzte ständige Aus- schuß deS Kolonialrats wurde von drei auf sieben Mitglieder erhöht. Er besteht, nach der Deutschen Kolonialzeitung", aus den Herren: Berner, von der Heydt, Exzellenz von Holleben, Dr. Scharlach, Paul Staudinger, Supf, Voßeu. Der Ausschuß soll mehr als bisher Gelegenheit haben, mit der Kolonialabteilung in Fühlung zu treten, um die Beratungen über koloniale Fragen und Etats vorzubereiten.
* Die Revision des Urteils gegen den evangelischen Divisionspfarrer Bachstein, welcher bekanntlich wegen Beleidigung der katholischen Kirche zu einem Tage Gefängnis verurteilt worden ist, hat daS Reichsmilitärgericht als berechtigt anerkannt und die Verhandlung an die Vorinstanz zurückverwiesen.
* Polen und Geistlichkeit in Berlin. Gescheitert ist der Versuch einer Beilegung des bereits monatelang andauernden Konfliktes zwilchen den Berliner Polen und der Berliner katholischen Geistlichkeit, der seinen schärfsten Ausdruck in dem bis auf den heutigen Tag ausrechterhaltenen Boykott der Liebfrauenkirche gefunden hat. Man hat bereits mehrfach eine Verständigung anzubahnen gesucht, doch ohne Erfolg, da die Polen von ihren Forderungen, die sie alS „Minimum ihrer nationalkirchlichen Wünsche bezeichneten, nicht abgehen wollten. Schließlich erklärten sie sich bereit, die Vorbereitung ihrer Kinder zur Beichte und Kommunion in polnischer Sprache auf eigene Kosten durch einen geeigneten Lehrer zu übernehmen und den Unterricht, um den zuständigen Geistlichen eine stete Kontrolle zu ermöglichen, im Pfarrhause selbst stattsinden zu laffen. Dieser Vermittlungsvorschlag wurde aber mit Recht von Seiten der deutschen Geistlichen als ein Eingriff in ihre Rechte angesehen und abgelehnt. Eine Beilegung des KonflifteS ist demnach noch nicht abzusehen.
* Eine Verfügung des Eiseubahnministers veranlaßt die Eisenbahndirektionen, in der Dienstvorschrift betreffend das Rettungswesen bei Unglücksfällen auf Eisenbahnen die Ausnahme von Ergänzungen und Abänderungen, welche das bei der Lagerung und Behandlung Bewußtloser zu beobachtende Verfahren betreffen, bewerkstelligen.
* Die ständigen Vertreter der Eisenbahn« direktions-Präsideuten sollen nach einem Erlaffe des Ministers Breitenbach mehr als bisher an der Erledigung der Präsidialgeschäfte beteiligt werden. Die Maßnahme ist durch Steigerung der Verwaltungsgeschäste und die Zunahme des Verkehrs bedingt.
* Wie wird die Erbschaftssteuer eingezogen? Zum Erbschaftssteuergesetz hat der Bundesrat ungewöhnlich umfangreiche Aussührungsbestim- mungen beschlossen. Sie fassen über 70 engbedruckte Quartseiten, sodaß es nur möglich ist, das allerwichttgste daraus mitzuteilen. Die Standesämter haben von allen Sterbefällen den Erbschaftssteuerämtern jeden Monat besondere Totenlisten zu übersenden. In denselben sinden auch
Mämtn^^en^5enttüm^üfäSen7 und aus den Reserven der Letzteren laffen sich vielleicht noch 1000 Stimmen aufbringen. Bei der Stellung der fteistnnigen Volkspartei zur Sozialdemokratie ist wohl anzunehmen, daß zum mindesten ein Teil derselben das Zentrum unterstützen wird. Im letzten Grunde kommt es also auf das Verhalten der Nationalliberalen bei der Frage an, ob Altena-Iserlohn durch einen Sozialdemokraten vertreten werden soll oder nicht. Die Vorgänge in dem benachbarten Wahlkreise Esten und bei den Landtagswahlen in Baden legen allerdings die Befürchtung nahe, daß die Nationalliberalen lieber einem Sozialdemokraten als einem Zentrums- manne ihre Stimme geben werden. Auch ihr Verhalten im Wahlkampfe in Altena-Iserlohn gegenüber dem Zentrum macht ihnen viel- leicht die Unterstützung des letzteren bei der Stichwahl nicht gerade leicht. Ein Teil der national- liberalen Presse, so z. B. die .Kölnische Zeitung' .tritt allerdings schon jetzt sür ein Zusammengehen mit dem Zentrum in der Stichwahl ein, aber es fehlt noch die offizielle Wahlparole, und ohne biefe-»erben zweifellos bie national- liberalen Stimmen teils unabgegeben bleiben, teils bem Sozialbemokraten zu gute kommen. Wirb von nationalliberaler Sette bie Parole für bas Zentrum nicht ansgegeben, so haben allerdings die Nationalliberalen ein für allemal den Anspruch darauf verscherzt, im Kampfe gegen bie Sozialdemokratie noch als ein ernster Mitkämpfer angesehen zu werden.
Die .Germania' und verschiedene andere Blätter scheinen es schon für selbstverständlich zu halten, daß das Zentrum in der Stichwahl den Sieg davonlragen werbe. Wenn wir unsere Meinung darüber offen aussprechen sollen, so müssen wir gestehen, daß wir nicht eher an den Sieg des Zentrums glauben, bis wir die amtliche Nachricht darüber schwarz auf weiß vor uns sehen. Wir kennen aus Erfahrung unsere guten Freunde vom Evangelischen Bunde. Sie werden alles aufbieten, um es zu hintertreiben, baß der Katholik, und mag es auch ein königlicher Regierungsrat sein, gewählt wird; viel lieber werden sie es sehen, daß ein Sozialdemokrat bas Mandat erhält. Wer gesehen hat, wie bereits in der Hauptwahl bie konfessionellen Leidenschaften entfacht worben sind von Seiten ber Nationalliberalen, ber muß sich sägen, baß die so verhetzten Leute wohl kaum für den Zen- trumskanbibaten eintreten werden, wenigstens nicht geschloffen. Die frankfurter Zeitung' bläst bereits ins Horn und fordert zur Rache auf dafür, daß das Zentrum so keck war, den Liberalismus zu verdrängen, und sie erwartet als selbstverständlich, daß die Freisinnigen alles baran setzen werben, um zu verhüten, baß ber „reaktionäre Zentrumskandidat als Vertreter sür Altena-Iserlohn in ben Reichstag einzieht. Nun, das Zentrum kann kühl bleiben. Der Freisinn des Wahlkreises wird sich wohl überlegen, ob er ben „klugen Rat" der Frankfurterin befolgen wird, die alle Sachen nur durch ihre von fanatischem Haß gegen bas Zentrum getrübten Augen zu betrachten vermag. Die Befolgung ber klugen Ratschläge könnte bem Freisinn sehr teuer kommen. Auch die Nationalliberalen werden gut tun, ihre Parole wohl zu überlegen, denn auch für sie steht viel auf dem Spiele. Ja, wenn nur die Wahlkreise nicht wären, in welchen der Freisinn und bie Nationalliberalen nicht auf die
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