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»otatiourdrutl #. Verlag d« Fuldaer Ao tiendrnckerei in jsUlda Fernsprecher Nr. 9.
JW 147.
Fulda, Samstag den 30. Juni 1906.
33. Jahrgang.
Drilles Wkllt.
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)( Ein Rechtfertigungsversuch der Rolonialverwaltung.
Rascher, als man es in der letzten Zeit ge- wohnt war, hat die Kolonialverwaltung sich her- beigelassen, auf Anschuldigungen zu antworten, hie gegen sie erhoben worden sind. ES handel sich um gereifte Beschuldigungen, die in einem süddeutschen Blatte veröffentlicht worden sind «nd von verschiedenen Seiten dem Abgeordneten 'Erzberger zugeschrieben werden. Jnwiewett daS richtig ist, lassen wir dahingestellt sein, wenn auch die Art und Weise, wie einzelne Blätt« namentlich nationalliberale, gegen den genannten Reichstagsabgeordneten vorgehen, die schärfste Zurückweisung verdient. Für uns handett es sich zunächst allein um die Sache.
! Die in Rede stehenden Anschuldigungen gingen zunächst dahin, daß die Kolonialverwaltung die Verteilung bet Transportversicherungen, zu welchen sie wegen chrer überseeischen Sendungen vielfach Anlaß hat, in einer Weife oorgenommen habe, welche sich mit den Interessen des Reiches picht vertrage. Sie habe eine einzelne Ge« sellschaft in unzulässiger Weise bevorzugt und derselben gewifsermaßen eine Monopolstellung eingeräumt, während sie andere vortell- Mftere Offerten unberücksichtigt gelassen habe. lDieseS Vorgehen habe feinen Grund in dem Umstand, daß die bevorzugte Firma Söhne maßgebender Herren der Kolonialabteilung beschäftigte. Diese Anschuldigung versucht jetzt die ,Nordd. Allg. Zlg/ augenscheinlich im Auftrage der Kolonialverwaltung dadurch zu entkräften, daß sie die Anteile der an dem Versicherrmgsgeschäst beteiligten Gesellschaften mitteilt.
Aus dieser Aufstellung geht aber hervor, daß tatsächlich dir Transatlantische ELlerorrsiche- rungsgesellschast — um diese ^mdelte eS sich bei den oben erwähnten Anschuldigungen — mit 50% an dem Geschäft beteiligt ist, während die übrigen mit 50% sich auf 4 andere Gesellschaften verteilen. Gründe für diese zum mindesten auffallende Bevorzugung einer Gesellschaft gibt die ,Nordd. Allg. Ztg/ nicht an: sie bestreitet nur, daß die Beschäftigung eines Sohnes eines Beamten der Kolonialabteilung bei dieser Gesellschaft, die also zugegeben wird, Einfluß auf den Abschluß des Versicherungsvertrages gehabt habe.
Weiterhin wurde die KolonjMverwaltung beschuldigt, einen Hofrat Tesch fortgesetzt eine pensionsfähige Zulage, welche ihm alS Vorstand der geheimen Kalkulator der Kolonialabteilung
Die hexe von Venngen.
Eine kutturgeschichtliche Erzählung aus den hohen- züllerischen Landen.
Bon Ernst Hetlinger.
5] (Nachdruck verboten.)
.»Laß die frühere Zeit. Jetzt ist eS ander«. Also horch l Die Liese soll nicht aus meinem Haus, sie soll mein Weib werden. Ich glaube, daß der Jakob Nestle überall anklopfen darf, ohne heim- geschickt zu werden. "
„Sogar bei viel reicheren, als die Baderann und ihre Tochter sind. Ist das aber eine Ehrel Die Liese soll Frau Vogt werden."
„So, bist Du also einverstanden?" fragte der Vogt hastig.
„Ja, aber die Liese? Was sagt denn die dazu?"
„Der sollst Du den Kopf zurecht fetzen, daß sie ihr Gluck nicht mit Füßen treten soll."
„Wie dem Vogt Nestle sein Weib mit Füßen getreten ward. Ich bin sicher, daß das arme Weib daran gestorben ist", entgegnete die Baderann mit Betonung.
»Was sagst Du da?" rief Nestle knirschend und faßte die Köhlerin mit hartem Griff am Arme.
„Unsereins weiß halt mehr wie andere. Das arme Wetble hatte es mir gerne verborgen, als sie nach mir rief in ihren Schmerzen. Aber ich ließ mich mcht täuschen; ich kannte ja den Fülle- Hans so gut tote sie, und da hat sie mir denn geklagt, wie er sie z« Tode gequält. Und so soll es die Liese nun auch haben?"
„Baderann, die Liefe! habe ich gern und sie soll es sicher gut haben", versuchte der Vogt noch einmal einzulenken.
„Und Du, FüllehanS, hast wirklich den Mut, mir so etwas zu sagen, mir, der Köhlerin, die besser weiß, woher die Schmarre ist da m Deinem Gesicht; bu weiß, was alles auf Deinem Gewissen
ausgebracht war, weitergezahlt zu haben, obnwhl er seft dem 1. April 1901 garnicht mehr die gedachte Stellung bekleide. Die Erklärung der ,Nordd. Allg. Ztg/ dafür geht dahin, man habe Herrn Tesch die Zulage belassen, weil man von der Ansicht auSgegangen sei, daß einem etatsmäßigen Beamten eine einmal gewährte Zulage, die im Etat ausdrücklich als pensionsfähig bezeichnet sei, nur mit feiner Zustimmung oder bet Üebertragung einer anderen etatsmäßigen Stelle entzogen werden könne. Hofrat Tesch be- findet sich aber heute noch wie seiner Zeit als Kalkulaturvorstand in der etatsmäßigen Stelle eines Expedienten. Also auch hier wird das Tatsächliche der ausgestellten Behauptung zugegeben. Die Finanzgebahrung, welche man in der Kolonialabteilung in diesem Falle beobachtet hat, als unanfechtbar hinzustellen, unternimmt die,Nordd. Allg. Ztg/ nicht, sie bleibt also eine eigentliche Rechtfertigung der in Veracht kommenden höheren Beamten, des Personalreferenten von König und des Finanz- referenten Dr. Seitz, schuldig.
Die dritte Anschuldigung, welche gegen die Kolonialverwaltung in dem süddeutschen Blatte erhoben wurde, bezog sich auf die Remunerierung eines Obersten a. D. Fleck, eines Verwandten des Geheimrats von König. Der genannte Obers: sollte ein Gehalt von 4000 Mark erhalten, da jedoch Gehalt und Pension zusammen bas Dienst- einkommen eines aktiven Obersten überschritten hätten, hätten die gesetzlichen Kürzungsbestimmungen in Kraft treten müssen. Das habe man baburch vermieden, baß man bem Obersten ein „Gehalt" von 2796 Mk. und eine „Dienstaufwandsentschädigung" von 1200 Mk. gewährte, die natürlich für die Kürzungsbestiminungen nicht in Rechnung gezogen werden konnte. Der betr. Oberst fei also unter Um gebung der gesetzlichen Bestimmungen „finanziert" worden. Diese Anschuldigung ist bereits in der Budgetkommission des Reichstages voll und ganz seitens ber Kolonialverwaltung als richtig zugegeben worben, unb der Vertreter der Kolonialverwaltung mußte sich als zu der Erklärung ermächtigt bezeichnen, baß in der Kolonialverwaltung in Zukunft genau nach ben im Kriegsministerium beobachteten Grundsätzen werde versahren werden unb baß insbe- sonbere Dienstaufwanbsentschäbigungen nur in solchen Fällen würben gewährt werben, in benen auch der Schein einer Umgehung ber gesetzlichen Kürzungsbestimmungen von vornherein ausgeschlossen fei. Mit anderen Worten: die Kolo nialverwaltung sagte unumwunden pater peocari.
Die ,Rordd. Allg. Ztg/, welche die Erklärung )eS Vertreters der Kolomalverwaltung im Wortlaut wiedergibt, wiederholt also dieses Eingeständnis des begangenen Unrechts und beschränkt sich darauf, die mit bet Angelegenheit in Verbindung gebrachten höheren Beamten zu entlasten. Auch darin operiert das offiziöse Blatt bejm. die Kolonialverwaltung mit Ungeschick. Einerseits glaubt die,Nordd. Allg. Ztg/, die behauptete „Verwandtschaft" zwischen dem Obersten a. D. Fleck und dem Geheimrat v. König dadurch ins Lächerliche ziehen zu können, raß sie mitteilt, die Verwandtschaft bestehe darin, >aß bte Großmutter des Geheimrats v. König eine Halbschwester des Vaters des Obersten Fleck
astet von Deiner Landsknechtzeit her — hast vieleicht Bauer und Bäuerin von Markelsheim vergessen? — bis zum Tage, wo Dein armes Weib nach Dillstetten hinausgetragen ward, wo sie fand, was sie bei Dir nie gehabt, die Ruhe? Und Du willst, ich solle meinem Kinde zusprechen, Dich zum Manne zu nehmen? Geh doch, Füllehanns! Bist zu alt, um solches Gespaß zu treiben."
Als der Vogt bleich und zitternd vor Wut die chmale Schlohberggaffe daheZchlich, um möglichst rnbemerkt sein Haus zu erreichen, schrillten Plötz- ich vom Schloßberge herab vom Türmchen der Peterskapelle die scharfen Töne des Hexenglöckchens. Der Vogt zuckte zusammen. Einen Augenblick blieb er stehen. Ihn erfüllte nur ein Gedanke, ein Sehnen, ein heißer, brennender Wunsch und der hieß — Rache.
Mehrere Wochen waren vergangen. Besondere Dinge hatten sich nicht ereignet, worüber die Deringer hätten mehr als gewöhnlich zu sprechen gehabt. Die Unterredung des Vogtes mit der Baderann war unbekannt geblieben, aber Liese hatte ihren Dienst verlassen. Und nicht einmal dieser Umstand war aufgefallen; denn die Ursache wurde von dem Vogt so überzeugend dargestellt, und er zeigte sich sehr geneigt und willig, zu erzählen, ,)aß kaum jemand Zweifeln konnte. Demnach war i)ie Jungfer Madie Nestle leidend geworden und nach Gammertingen in ihr Heim zurückgekehrt, jedoch nicht, ohne die Liese, die sie lieb gewonnen und die er, der Vogt, wenn auch ungern, da sie hm fein Haus so gut versorgt, ihr auf dringender Bitten abgetreten.
Aber es war doch nicht sauber im Städtle. Es lag etwas in der Luft, unheimlich, schwül, ! »rückend, tote vor einem schweren Gewitter. Auf der Sttaße, am Brunnen im Feld, erst recht, wo man sich sicher unbelauscht glaubte, in der Stube, ogar auf dem Kirchweg, steckten die Weiber die ■ 'öpfe zusammen und flüsterten geheimnisvoll zu einander hin, die eine wichtiger noch als die andere. Auffallend war, daß die Schwätzerinnen allemal verstummten, sobald die Baderann zufällig in
gewesen sei. Damit ist unseres Erachtens nicht- gesagt. Auch solche entfernten Verwandtschaften führen ost genug zu nahen, recht nahen Beziehungen ber in Bettacht tommenben Personen. Wenn anderseits bie ,Norbb. Allg. Ztg/ ben Geheimrat Seitz als Finanzreferenten baburch in bet Angelegenheit bes HofratS Tesch rechtfertigen will, baß sie mitteilt, Geheimrat Seitz sei erst in baS Finanzreferat ber Kolonialverwaltung ein- getreten, nachbem Hosrat Tesch bie Geschäfte bes Kalkulaturvorstandes abgegeben habe, so ist da- mit nicht bie Tatsache aus ber Welt geschafft, baß Geheimrat Seitz in ben folgenden Jahren bei Aufstellung bes Budgets ber Kolonialoer. roaltung bie Unregelmäßigkeit roeiterge- führt unb vertreten hat.
Der neueste Rechtferttgungsversuch ber Kolonialverwaltung muß nach alledem als durchaus mißglückt bezeichnet werben. Wenn alle weiteren Rechtfertigungsversuche nach bem jetzigen geartet sein werben, so wttd es um bie Reinreaschunc ber Geheimräte ber Kolonialabteilung schiech bestellt fein. Hoffentlich nehmen jetzt bie Blätter, welche so rücksichtslos ben Abgeordneten Erzberger angriffen, ben Mund etwas weniger voll.
klc. Warum Me Neger weihe Handflächen haben.
Altchristliche, heidnisch durchsetzte Legende aus Indien von H. F r a n g o i s.
(Nachdruck verboten.)
Es war am sechsten Tage. Gott hatte die Schöpfung der Welt vollendet und betrachtete von einem der höchsten Berggipfel sein Werk mit Bewunderung. Die Sonne sendete fast senkrecht Ströme blendenden Lichtes auf die jungfräuliche Erde; der Himmel breitete sich tiefblau in der Unendlichkeit aus und an allen vier Enden des Horizonts verkündete das Meer mit seiner mächtigen Stimme die Allmacht des Schöpfers. Hier und dort hingestreut, erhoben sich die Gebirge tote ungeheure Ausblicke ins Weltall hinein und überall in den Ebenen und Tälern, in den Lüften und den Ge- wässern regte sich eine lebendige, bewegliche und tätige Welt.
Es war ein herrliches Bild! Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte und es war gut.
Während seine Blicke von einem Ende dieses wunderbaren Panoramas zum andern eilten, welches sich in erhabener Schönheit vor seinen Augen entrollte, knetete er ein Stückchen Lehm in seinen heiligen Händen. Es war ihm von seinem vollendeten Werk ein Krümchen in seiner Hand übrig geblieben, denn aus Erde hatte er die Welt geschaffen. Er formte es mechanisch weiter, während feine Blicke in stummer Betrachtung das Weltall umfaßten. Er legte es mechanisch in feinen linken Arm und endlich, des Knetens müde, warf er es mit ungeduldiger Bewegung quer durch das M. Es fiel zur Erde; es blieb am Boden kleben; schwarz und unbeweglich.
Von der Höhe, wo er thronte, sah Gott es tief, tief da unten liegen, so klein, so winzig klein.
Dann schwoll seine unendliche Brust von seinem allmächtigen Hauch: „Lebe", sagte er.
Und das Erdenkrümchen lebte. Es war der Mensch.
Er wanderte hin und her; rechts und links blickte er voll Bewunderung um sich mit seinen neu geöffneten Augen. Vor allem erregten die Tiere eine Teilnahme, sie bewegten sich, gingen, sahen, lßen, schliefen wie er . . . ganz wie er selbst. Nur bemerkte er, daß jedes Tier einen Gefährten hatte, ber ihm gleich war, vielleicht ein wenig kleiner, aber doch ihm gleich.
Sicht kam. War diese aber wieder aus der Hörweite, dann floß das unterbrochene Gespräch noch lebhafter als zuvor. Und dieses Geberde und Geheimtun nahm immer greifbarere Gestalt an. Es wuchs und wuchs tote durch geheimnisvolle, böse Kräfte genährt, und die Haupttrast hieß: Freude am Schaden des Nächsten. Zwar wollte noch niemand öffentlich mit der Sprache heraus, aber alle redeten davon wie von einer schon bewiesenen Taffache und selbst diejenigen, ivelche nicht bösartig waren, sanden Unterhaltung und Interesse an dem Gerede ober hatten, mit ganz geringer Ausnahme, nicht den Mut, dagegen zu sprechen.
Und es blieb weder auf die Frauen, noch auf bas Städtle beschränkt. Im „Hirsch" zu Hermen- tingen hatte es sogar schon Anlaß zu einer Prüge- et gegeben. Als der Schneiderhannes, bekannt wegen seiner bösen Zunge, in Gegenwart des Jörgbauern, auch davon gesprochen, über die Baderann zu Veringen gingen unheimliche Gerüchte um, sie sei nichts Gutes, nichts Rechtes, ein böses, schlimmes Weibsbild, triebe Zauberwerk und wäre am Ende gar eine Hexe, da hatte der heftige, jähzornige Mann, in dankbarer Erinnerung, an die Linderung, die ihm die Veringer Doktorin verschafft, dem schwatzhaften Schneider eine überaus kräftige Maulschelle verabreicht.
Wettans die meiste Freude an dem wachsenden Gerüchte aber hatte kein anderer, als Jakob Neslle. Niemand merkte ihm jedoch seine innere Freude an, niemand sah, wie er bei jeder neuen Nachricht, i)ie ihm zugetragen wurde, sobald er sich allein befand, die Hände vor Vergnügen rieb. Als einige- male am Stammtisch im „Engel" das Gespräch auf die Baderann gekommen war, da hatte der Vogt mit sittlicher Entrüstung gegen solches Weibergeschwätz, das keinen Wert habe, Einspruch erhoben.
„Eitle Schande wäre es für unser Städtle, für unsere Gemeinde, wenn das wahr wäre und wir eine Hexe im Ort hätten!" rief et ans und schlug zum Nachdruck mit der Faust auf den Tisch. „Wer kann der Baderann etwas Schlechtes nachsagen?
Er nur war allein!
Er wandte seinen Blick zum Himmel empor und sagte mit flehender Stimme: „Vater — und ich?" __
Gott hatte Mitleid mit dieser demütigen Bitte, er sendete dem Menschen einen tiefen Schlaf und als er erwachte, fand er eine Gefährtin neben sich, die ihm gleich war. Schön tote er, schwarz wie er selbst.
Sie hatten viele Nachkommen und diese vermehrten sich durch viele Generationen zu einer größeren Zahl. Alle waren schön und schwarz, wie die Erde, von der sie genommen waren.
Die Zeit verging, die Zahl der Menschen nahm stetig zu, und sie füllten bald die ganze Erde bis in die entferntesten Orte, in die verstecktesten Winkel. Ueberall breiteten sie sich aus.
Eines Tages zeigte sich in einem Lande, das jenseits der Berge, jenseits des Meeres in weiter, weiter Ferne lag, ein Mann seinen zahllosen Mitmenschen. Er war ganz wie alle andern gebildet; er hatte zwei Augen, eine Nase, einen Mund, Ohren, Haare, er hatte zwei Arme und zwei Beine, aber er war ganz weiß und seine Haare waren nicht mehr schwarz, sondern golden. Das war ein Wunder. Man eilte herbei ihn anzusehen, man drängte sich um ihn, man prüfte ihn, man wendete ihn, man berührte ihn.
Das Gerücht pflanzte sich fort, man kam und kam und es wollte fein Ende nehmen. Jeder wollte den weißen Mann sehen.
Wie schön er war! Wie wunderbar glänzten seine goldenen Haare! „Ah!" sagte ein Kind, „ach, ich kenne ihn ja" und mit dem Finger auf ihn weisend, fügte er zögernd hinzu, „ich glaube, daß ich ihn kenne, es ist Jephta unser Nachbar. Aber .... er war schwarz, wie wir!"
„Es ist wahr, es ist wahr," sagten einige Stimmen in der Menge, „er ist es."
»Ja", antwortete der weiße Man», „ich bin eS." „Aber Jephta war schwarz."
„Es ist wahr", bestätigte er, „ich war schwarz, wie ihr alle."
„Wie bist du denn weiß geworden?"
„Ich ging in das Land meines Bruders. ES war sehr weit und sehr warm. Als ich durch einen Wald kam, fand ich einen Teich. Das Wasser schien frisch, es war so klar, es lockte mich und ich habe mich darin gebadet. Als ich herauskam, war ich so weiß, wie ihr mich seht. Es war dieses Was-, fer, das mich gebleicht hat.
Eine Frau fragte ihn: „Erinnerst Du Dick des Weges?"
„Vollkommen", war die Antwort.
„Willst Du uns dahin führen?" fragte eine andere, die sich nicht satt an ihm sehen konnte.
„Ich toiC es!"
Die Zahl derer, die goldene Haare haben wollten, war sehr groß. Er stellte sich an bie Spitze des Zuges, welcher von Minute zu Minute zahlreicher wurde, denn aus allen Himmelsrichtungen eilten ungeheure Menschenmengen herzu, bie sich den Führern anschlossen.
Nach langen Anstrengungen und Beschwerlichkeiten kam man in ben Walb unb halb entdeckte man ben Wunderteich. Die ersten stürzten sich mit Ungestüm in bie tounbertätigen Wasser hinein, dann drängten andere herzu, immer neue Mengen ohne Zahl unb ohne Ende.
Es kamen so viele, so viele, baß fein Wasser mehr im Teiche blieb. Es blieb nur ein wenig Wasser am Boden, so wenig, daß bie Letzten faum genug hatten, sich bie Fußsohlen und Handflächen zu benetzen, welche weiß wurden. Der übrige Körper blieb schwarz.
So lange aber niemand nichts Gewisses weiß, gebe ich auf all das Geflunker feinen Pfifferling", fugte er hinzu in bet sicheren Ueberzeugung, daß sein scheinbarer Widersprttch die Leute nur noch mehr reizen würde. Und der Füllehans war gar kein schlechter Menschenkenner.
Schon am folgenden Tage schimpften die Frauen auf ben Vogt unb nannten ihn parteiisch, unb warum er Partei für bie Baderann nehme, das wußten sie ebenfalls sehr gut; denn gegen ber Liese ihre Mutter wollte er nichts sagen, unb warum er gut auf bie Liese zu sprechen sei, das wisse man auch. D erApfel falle nicht wett vom Stamm, die Liese sei ihrer Mutter Tochter, und warum die Marie Nestle so rasch die Liese mit nach Gammertingen genommen, statt bei ihrer Mutter in Geringen zu lassen, das könnte man schon erraten.
Der Weizen des Vogtes wuchs üppig in die Halme. Er konnte zufrieden fein. Die Saat der Verleumdung, die er mit ungemeiner Geschicklich- i'eit, ohne daß die Menschen es erfuhren, ausstrei gedieh noch besser, als er gehofft. Alun griffet i)er Liese auch schon an bie Ehre.
Die Hände auf den Rücken gefaltet, ging Jc Nestle, den Kopf nachdenklich vornüber gebeug in feinem Zimmer auf und ab. Es mutzte wieder etwas neues geschehen, ein Schritt weiter getan werden; es mußte etwas Bestimmtes unter die Leute geworfen werden, was sie erregte und ber allgemeinen Bewegung einen kräftigen Anstoß zu geben hnftanbe war.
Es klopfte leise unb zaghaft an bie Tüte. Ein Mann von etwa 50 Iahten trat ein, besten Aeuße- res wenig Verttauenerweckenbes bot. Auf feinen : tünnen Lippen spielte zwar beständig ein freundliches Lächeln. Keiner im Orte wußte so wenig Gutes und so viel Schlechtes von feinen Mitmen- chen, wie der Maurer Peter Bachgeyer. Et wand und drehte sich beftäniüg wie ein Aal, manche meinten, tote eine Schlange. Selten sagte er jemandem etwas Unangenehmes ins Gesicht, dafür hinter bem Rücken um so mehr.
(Fortsetzung folgt)