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Zuldaer
»rscheiattäglich, wttt Aurnahme der Sonn. Mb Seiet tage, viertel- jährt. Vezagrpreir ohne Sringerlohn Mb vesteSgew in Fulda Mb auroätts | Mk. 50 pfg.
Verantwortlicher Schriftleiter: I.vanm
3- ParzeSer in Snlba. w<>chenbeiiag<:„3lluftrierteSonntagrzeltung"
Zeitung
Msiiakdeiiage: „Fulda« GeschichtrblStt«".
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»otationrbrntk u. Verlag d« Fulda« Le» tlenbruderei in Fulda. Fernsprecher Nr. 9.
J\ß 142,
Fulda, Samstag den 23. Juni 1906.
33, Jahrgang.
Zweites Mtcrtt.
$il ich auch in Sonnet nur Zeitung halten?
Diese Frage tritt bei dem bevorstehenden Bier» teljahreswechsel an manche Leser heran. Der Industriearbeiter sagt sich vielleicht, daß er im Sommer die freie Zeit nach Beendigung der Tagesarbeit zu einem Spaziergang im Freien hübsch be- nützen könnte und seine Frau meint gleich, daß er auch aus Sparsamkeitsgründen wohl ein Vierteljahr auf sein Lieblingsblatt verzichten könnte. Noch mehr trifft man aber solche Erwägungen beim L a n d w i r t, der in seine arbeitsreichste Zeit ein« getreten ist und der sich sagt: „Ach was; jetzt gilt es, die Feldfrüchte emzuheimsen und für die Zeitung habe ich jetzt keine Zeit mehr übrig! Also ab- bestellen!"
Sind diese Einwände berechtigt? Gewiß nicht! selbstverständlich soll der Arbeiter, der in der dumpfen Fabrikluft sich jahraus jahrein befindet, d e langen Sommertage zu seiner Erholung be- i itzen und der Landwirt muß mit allem Eifer
Erntearbeit nachgehen. Aber diese treue Nichterfüllung schließt doch nicht aus, daß man nun andere Pflichten vernachlässigt. Und das Hal- t n einer guten katholischen Zeitung ist heutzutage für jede Familie eine Pflicht geworden, eine Pflicht gegen sich selbst und für die C: c i n i g e n, eine Pflicht gegenüber dem taate und gegenüber der Kirche. Diese ' flichten aber ruhen den Sommer über nicht; sie müssen auch hier erfüllt werden und bei gutem Willen findet sich hierzu immer Zett, besonders wenn sie dem Alkoholgenusse entzogen wird.
Eine Pflicht gegen sich selbst und die Seinigen? Ja Wohl! Das Rad der Zeit schreitet unaufhaltsam weiter; auch im Hochsommer gehen Ereignisse von großer Tragweite vor sich. Die vorwärtssftebende Menschheit ruht nicht. Als Glied derselben hat jedermann die Pflicht, sich auf dem Laufenden zu erhalten. Die Zeitung allein ist das Mittel zur Erfüllung dieser Pflicht. Für weite Volksschichten .ist die Zeitung eins der wesentlichsten Blldungs- mittel, und sich weiter zu bilden, ist für alle Volksschichten erforderlich. Wer da glaubt, er könne drei Monate gaitz aussetzen und im Herbst wieder nach der Zeitung greifen, täuscht sich sehr. Wie fremd kommt ihm dann im Oktober so vieles vor; die meisten Nachrichten versteht er nicht, viele poli- ftische Ereignisse sind ihm frem d wie ein spani- -sches Dorf, weil in seinem Wissen eine große Lücke eines Vierteljahres vorhanden ist. Niemand wird es gerne sehen, daß er drei Monate Pause fn seiner Arbeit machen muß, während der andere ixuhig weiterarbeitet, der Nachbar ist dann mindestens um ein ganzes Stockwerk vorangekommen. Dann gibt es den Sommer über eine ganze Menge Politischer Fragen, die besprochen und gekannt werden un'isien; die Gegner ruhen und raste n nicht. Sie bringen stets neue Einwände, die zu widerlegen eine wesentliche Aufgabe der "katholischen Presse ist. Die Söhne und Töchter ,i heran; sie kommen miteinander zusam- p da tauchen sehr ernste Angriffe auf; die Kinder wollen sich zu Hanse erkundigen; sie sra- gcit den Vater und die Mutter! Wehe aber der ^Autorität der Eltern, wenn sie nicht Rede und .Antwort stehen können! Dann wendet sich der halberwachsene Sohn an andere Ratgeber, und wie bst kommt er auf eine falsche Bahn! Davor bewahrt die Eltern ein gutes katholisches Blatt, das ^Gelegenheit bietet, alle Angriffe kennen zu lernen Md das Material um sie zu widerlegen! Daraus !ist schon ersichtlich, daß auch im Sommer das Zei- tungslefen nicht ein Luxus, sondern einBedür f-
i s und ernste Pflicht ist.
Die Helden der vendee.
Historische Erzählung au§ den Tagen der ftanzö- sischen Revolution.
Von Gustav Jordan.
38] (Nachdruck verboten.)
, Eine längere Erörterung begann. Mit großem !beschick wußte Brossard, der Wortführer der Offi-
iere, eS dahin zu bringen, daß sich alle Offiziere er Ansicht des Generals anschlossen; die Sache jtoar zwar peinlich, aber nachdem Brossard das erlösende Wort gesprochen, tönte ihm lebhafter Bei- Ifall entgegen.
I Canclaux nahm die Sinnesänderung mit Gleichmut entgegen und diktierte dem Protokoll- ührer: Nachtrag. Nach eingehender Diskussion vird der Angeklagte, Major Bonneval, nicht nur Söllig freigesprochen, sondern auch wegen seines
Erhaltens gelobt. —
( „Ich könnte die Sitzung aufheben", fuhr der , Beneral fort, „aber es ist an mich ein Schreiben seitens des Konventskommissars Cyrioux gekorn- -nen mit der Bitte, ihm die Ermächtigung zu er« ! eilen, den Major Artur Bonneval wegen ver- (lockter royalistischer Umtriebe vor das Revo- utionstribunal zu rufen. Ich bitte, hierüber ab- ustimmen."
Sämtliche Offiziere versagten die Ermäch- jtigung.
„Ich aber", rief Canclaux aus, „überliefere Wonneval dem Tribunal, wenn ihm das verfas- Smngsmäßige Recht gewährt wird, sich selber einen Werteidiger zu stellen."
Artur stand vor dem Revolutionstribunal, und trantwortete sich. Der Kommissar Cyrioux fragte n, und als Beisitzer war Leon, Arturs Halb-
Das Halten einer Zeitung auch int Hochsommer ist eine Pflicht gegenüber dem Staate! Der Staat hat jedem Deutschen, der das 25. Lebensjahr zurückgelegt hat, das Wahlrecht verliehen. Aber man spricht immer nur von diesem Recht, und doch gibt es keine Rechte, denen nicht auch Pflichten enffprechen. Die erste Pflicht ist, daßmanwählt und die zweite mit dieser verbunden, d a tz m a n gut wählt, so wie es das Gewissen und die Notwendigkeit der Staatserhaltung vorschreiben. Zu einem solchen wichtigen Akte aber muß man sich vorbereiten und zwar lange Zeit hindurch. Die verschiedenen Mengen und Parteien greifen sich an; alle fügen, daß sie nur das Beste des Volkes wollen; da gilt es, die Spreu von dem Weizen zu sondern und man braucht hierzu eine gute Putzmaschine. Das ist die katholische Presse; sie behält die guten Körner und schlendert die leichte Spreu und das Unkraut weit hinaus 1 Wer hat überhaupt eine Garantie dafür, daß er nicht in diesem Sommer sofort an die Wahlurne treten muß? Gewiß steht keine Reichstagsauflösung bevor, aber der Abgeordnete des einzelnen Kreises kann fein Mandat niederlegen, er kann wegsterben usw. und wir stehen vor einer Neuwahl. Da braucht aber jedermann feine Zeitung; man kann sie ihm nicht plötzlich geben; er muß fein Gewehr gewohnt fein, bann trifft er gut. Jeder Staatsbürger hat also die Pflicht, die politischen Ereignisse zu verfolgen, um jederzeit gerüstet zu fein.
Aber schließlich stellt auch die K i r ch e auf diesem Gebiete ihre Pflichten auf; die erste ist selbstverständlich, daß keine glaubens- und sittenfeindlichen Zeitungen gelesen werden. Dieses Gift muß unbedingt von jeder Schwelle eines jeden katholischen Hauses ferngehalten werden. Aber das Lesebedürfnis ist da! Also herein mit guten Zeitungen ! Herein mit Zeitungen, die für unseren katholischen Glauben eintreten, die die Angriffe der Gegner zurückweisen! Ein jeder Abonnent auf ein katholisches Blatt vermehrt die Zahl der öffentlichenStreiterfürdieKirche! Das ist die allgemeine Wehrpflicht für die Kirche und da müssen wir stets mobil sein. Denn ein starker Krieg wird gegen die Kirche geführt, die Gegner sind in der Wahl der Mittel nicht wählerisch und sie müssen mit Nachdruck zurückgewiesen werden, wie es eben nur die katholische Presse tut.
Wir glauben von unserem Blatte sagen zu dürfen, daß es ein geeignetes Mittel ist, um die geschilderten dreifachen Pflichten zu erfüllen und laden deshalb unsere bisherigen Freunde und alle katholischen Familien unseres Bezirks ein, auch für die Sommermonate zu abonnieren auf die
,Fuldaer Zeitrmgfl
wochen-Rundscha«.
Fulda, den 23. Juni 1906.
(Nachdruck verboten.)
Der K a i s e r hat seine Reise zur diesjährigen Kieler Woche zu Besuchen in den Städten Hannover, Celle und Hamburg benutzt. Archer diesen programmäßigen Visiten hat er aber auch noch einen Besuch abgestattet, der eine politische Bedeutung hat. Er hat den Reichskanzler Fürsten Bülow in Norderney ausgesucht und einige Stunden lang mit ihm konferiert. In dieser Aufmerk- samkett, welche der Kaiser dem Reichskanzler zuteil werden ließ, liegt wohl ein erneuter Beweis dafür, wie wenig die Gerüchte, welche von Differenzen zwischen dem Kaiser und dem Kanzler wissen wollten, berechtigt sind. Der Kaiserbesuch in Norderney läßt aufs neue erkennen, wie groß die Werffchätzung ist, welche Kaiser Wilhelm dem Fürsten Bülow entgegenbringt. Diese Wertschätzung ist auch in einer Rede zum Ausdruck gekommen, welche der Kaiser am Dienstag bei dem Festmahl des Norddeutschen Regattavereins an
bruder, zugegen, der denn doch wenigstens so viel Scham hatte, das offene Auge Arturs zu meiden. Die Dinge, deren Artur beschuldet wurde, waren lächerlich im Ange des Unbefangenen; dem Gegner erschienen sie gewichtig. Und wer in jenen grausen Tagen nur den Verdacht erregte, kein gesinnungstreuer Republikaner zu sein, war schon verloren. Das Schlimmste, dessen man Artur be- schuldigen konnte, war, daß er den Mädchen Bres- fuires in seinem Schlosse eine Zuflucht gewährt habe, und jede Frage, die hierauf Bezug hatte, ward von Artur mit Festigkeit und einer Art inneren Stolzes beantwortet.
Cyrioux ließ feine kleinen Augen in dem Saale, in dem tie Verhandlung stattfand, umherschweifen.
„Wünscht noch jemand für den Angeklagten das Wort zu ergreifen?" fragte er in geschäftsmäßigem Tone, sicher, daß sich niemand melden werde.
Aber ein kräftiges „Ich!" erscholl, und General Canclaux erhob sich nach vorne. Allgemeines Erstaunen, allgemeine Aufregung.
Canclaux warf das ganze Gewicht seiner Per- sönlichkrtt in die Wagschale, und selbst der Konventskommissar erbleichte, als der hier allmächtige General ungeduldig mit dem Säbel raffelte. Sein Eintreten hatte eine überraschende Folge. Artur ward freigesprochen.
Ein kurzes Billet bestellte Artur zum General Canclaux. Er ging zu ihm und sand einige Worte des Dankes für fein hochherziges Eintreten.
„Ihr seid mir keinen Dank schuldig", erwiderte Canclaux, „Ihr verdankt Eure Rettung lediglich Eurer Persönlichkeit. Als Ihr Euch zum Dienst bet mir meldedet, da sah ich Euch mit Mißtrauen entgegen und hoffte, offen gestanden, daß Ihr in eine der vielen Fallen, die Euch gestellt wurden, geraten würdet. Aber Ihr habt Euch tapfer gehalten, und ich lernte in Euch einen Mann kennen,
Bord der „Viktoria Luise" gehalten hat, und in welcher er in herzlichen Worten der Genesung des Reichskanzlers gedachte. Daneben hat der Kaiser aber auch in bedeutsamen Worten der gewaltigen Entwicklung unserer Kriegs- und Handelsmarine gedacht. Wenn er dabei auch mit Entschiedenheit die Friedensliebe Deutschlands betonte, so wird man in diesen Ausführungen doch vielleicht eine leise Zurückweisung der utopistischen Abrüstungs- träume erblicken dürfen, welche in den letzten Tagen der Anregung von England aus folgend in Paris und Rom zum Vorschein gekommen sind.
Da der Reichstag nicht versammelt ist, beschränkt sich das Interesse an parlamentarischen Fragen auf die Verhandlungen der Ein- zellandtage. Das preußischeHerren- h a u s hat die Volksschulvorlage in erster Lesung erledigt und sie einer Kommission zur Weiterbe- ratung überwiesen. Es gewinnt mehr und mehr den Anschein, als ob die Vorlage aus dieser Kommission nicht ganz unverändert hervorgehen würde, so daß das Abgeordnetenhaus sich nochmals mit ihr zu beschäftigen haben würde. Das bayerische Abgeordnetenhaus hat sich noch weiter mit dem Kultusetat befaßt. Wenn nicht alles trügt, werden die nächsten Tage Angriffe auf den Minister des Innern, Fchrn. von Feilitzsch, sehen, der den Abgeordneten das Recht der Verhandlung mit Privatpersonen befreiten zu wollen scheint. In der badischen Abgeordnetenkammer kam es anläßlich eines sozialdemokratischen Antrags auf Trennung von Staat und Kirche zu Debatten, in welche,: sich der kulturkämpferische Geist des Liberalismus wieder einmal offenbarte. Von Seifen des Zentrums wurde ein scharfer Angriff gegen die Ausnahme- uutersuchung gerichtet, welche die Regierung gegen den katholischen Klerus eingeleitet hatte. Der sozialdemokratische Antrag wurde gegen die Stimmen der Demokraten und Sozialdemokraten ab- gelehnt. — Die Reichstagsersatzwahl in Benthe u-Tarnowitz hat, wie vorauszusehen war, mit dem Siege des radikalpolnischen Kandidaten geendet. Das Zentrum, hat indessen auf feinen Kandidaten an 1000 Stimmen mehr bereinigt, als der deutsche Zentrumskandidat im Jahre 1903 erhalten hat.
Die Meldungen über den Ausbruch bedrohlicher Unruhen -im Kilimandscharogebiet in Deutsch-Ost asrika sind von offiziöser Seite als übertrieben hingestellt worden. Aus den letzten Tagen fehlt übrigens jede Nachricht über diese Unruhen. Dementiert worden sind auch die sozialdemokratischen Meldungen über Meutereien unter unseren Schutztruppen in D e u ts ch - Südwestafrika; zugegeben werden nur unbedeutende Verfehlungen gegen die Disziplin.
Die österreichisch-ungarischen Delegationen sind noch immer mit der Erörterung von Fragen der Auswärtigen Politik beschäs- ttgt. Ein von 'bem Grafen Zichy in der ungarischen Delegation beantragtes Mißtrauensvotum gegen den Minister des Auswärtigen, Grasen Goluchowski, wurde abgelehnf, nachdem der ungarische Ministerpräsident Dr. von Weckerle für den Angegriffenen eingetreten ioar.
Die italienische Deputierten! am- m e r hat dem neuen Ministerium Giolitti,^ das sich mit einem ausführlichen Programm der Kammer vorstellte, in welchem namentlich wirtschaftliche Aufgaben betont wurden, ihr Vertrauen durch Billigung dieses Programms ausgesprochen. Der italienische Minister des Auswärtigen, Tit- toni, hat die Gelegenheit wahrgenommen, dem Grafen Goluchowski anerkennende Worte über feine Ausführungen betr. Italiens in den Delegationen zu widmen.
Der Schauplatz eines interessanten Rededuells war die französische Deputierten- fa in in er. Es handelte sich um einen Angriff des Führers der Sozialisten JaurLs gegen den Minister des Innern ClSmenceau. Jaurss warf der unter den Zuständen, in denen Frankreich jetzt ist, besonders leiden muß: Ihr ward mit vollem Herzen dem Ideal republikanischer Verfassung ergeben und stießet mit jedem Schritt auf Tatsachen, die diesem Ideal widersprachen. Und daß Ihr unter diesen erschwerenden Umständen der Republik treu gedient habt, ist groß von Euch und verdient Belohnung. Was Euch geworden ist, Freisprechung und Freiheit, war Euer Recht. Ich möchte Euch aber, den ich durch seine Gefahren liebgewonnen, eine Belohnung zuteil werden lassen und Euch zurufen wie jene Könige im Märchen: sucht Euch eine Gnade aus."
„Wenn Ihr gewähren könnt, um was man Euch bittet," sagte Artur, „so befreit meine Braut, Fräulein von Bressuires, die im Kerker einem schmählichen Tode entgegensieht."
Canclaux schwieg eine Weile, dann sagte er bedächtig: „Ich vertraue Eurer Ehrlichkeit, deshalb schwört, was ich verlange, und ich gewähre Euch, was Ihr verlangt. Wandert aus, meinetwegen mit Eurer Braut, aber kehrt nie Eure Waffen gegen die Republik, für die Ihr ruhmvoll gefochten."
„Das schwöre ich leichten Herzens", erwiderte Artur. Canclaux entließ ihn mit einem herzlichen Händedruck. Ist es eine Sultanslaune, die ihn einmal Gnade üben läßt, wo er tausendmal gefühllos getötet, oder will er uns beide retten, weil er die Gerechtigkeit unserer Sache einsieht? So dachte Artur nach, aber immer noch beschlichen ihn Zweifel, ob seine Johanna auch wirklich werde freigelassen werden.
Es war der Tag, an dem nach Pantin eine neue Massenertränkung stattfinden sollte. Auch Johanna sollte zu den Opfern zählen. Pantin wußte das, und ihn quälte der Gedanke, daß er Herrn Bonneval fein Wort nicht hatte einlösen können, denn trotz seiner eifrigen Bemühungen ward ihm kein Dienst auf dem Mordichiff verteilt
dem Minister vor, er verstehe es nicht, seine Theorie mit der Praxis in Uebereinftimmung zu bringen. Das habe er deutlich bewiesen bei den Berg- arbeiterunrühen. Der Minister antwortete dem Sozialistenführer in einer Rede, in welcher er in gewohnter Weise sein Spott den idealistischen Zukunststräumen der Sozialdemokratie ausließ. Clömenceau hatte dabei den Beifall der Kammer- mehrheit entschieden auf feiner Seite, doch läßt sich nicht verkennen, daß der Vorgang einen Riß in den „Block" gemacht hat. — Jetzt hat man endlich auch in Frankreich den Prozeß Dreyfuß zur Revision gebracht. Der bisherige Verlauf der Verhandlungen vor dem Kassationshof läßt keinen Zweifel daran, daß das Urteil des Gerichtshofes irt Rennes vollständig falsch war.
Die Reichsduma in Rußland scheint es darauf anzulegen, immer mehr Meinungsverschiedenheiten zwischen sich und der Regierung festzulegen. Jetzt hat man auch die Judenfrage in Angriff genommen, und dabei sind wiederum die radikalsten Anschauungen maßgebend geworden. Neuerdings ist wieder die Rede davon, daß das Ministerium Goremykin demissionieren wolle. Auch von einer Wiederberufung des Grafen Witte an die Spitze der Regierung wird gesprochen. Es ist das wohl erklärlich angesichts der Unruhen, die sich in verstärktem Maße im Lande zeigen. In Bjelostok ist es zu einer förmlichen Judenverfolgung gekommen, wobei Hunderte von Menschen erbarmungslos umgebracht worden sein sollen. Auch an anderen Orten befürchtet man den Ausbruch ähnlicher Unruhen. Dabei zeigt sich, daß auch das Heer keineswegs mehr so zuverlässig ist, wie man bisher angenommen hat. Selbst die Kosaken scheinen jetzt aufsässig zu werden. Auch in der Marine gährt es von neuem. In Kronstadt sollen umfangreiche Meutereien ausgebrochen fein.
Die blutigen Zwischenfälle, die sich in Makedonien zwischen rumänischen Kutzowalachen und griechischen Banden abgespielt haben, haben jetzt den Abbruch der diplomatischen Beziehungen zwischen Rumänien und Griechenland veranlaßt. Rumänien machte die griechische Regierung für die Vorgänge in Makedonien Verantwortlich, wogegen Griechenland Einspruch erhob. Die Stimmung wurde allmählich eine so gereizte, daß schließlich die Aufrechthaltung der diplomatischen Beziehungen unmöglich erschien.
Unpolitische Zeitlause.
© Berlin, 21. Juni 1906.
(Nachdruck verboten.)
In manchen Gemeinden führt man jetzt eine neue Steuer ein, nämlich vom Wertzuwachs. Wo die Erwerbstätigkeit sich hebt ober wo ans einem anderen Grunde die Bevölkerung sich bermebrt, da steigen die Ermidstücke fortgesetzt im Preise. Aus Ackerflächen können in kurzer Zeit Baustellen werden; wo früher der Morgen Land für einige Hundert zu haben war, da werden jetzt ebensoviele oder gar doppelt so viele Tausende gezahlt. Wer in solchen Gemeinden Grundstücke ererbt ober vor längerer Zeit billig gekauft hatte, kann jetzt burch den Berkaus mit einem Schlage ein reicher Mann werben. Sogar bie Spekulanten, bie jetzt Grundstücke zu schon erhöhten Preisen kaufen, haben noch ein glänzendes Geschäft in Aussicht, da die Preissteigerung fortbauert. Die Werte ber Grundstücke wachsen in bie Höhe wie Spargel; barum fpricht man auch vom Wertzuwachs. Was ba auf bem Felbe wächst, ist zum Teil bem Fleiß und bet Kunst des Lanbwirts zu verbanken; zum anbern Teil aber ber Triebkraft des Bodens, bem Regen unb bem Sonnenschein, die ber Himmel gratis spenbet. Aehnlich ist ber Wertzuwachs von Grundstücken zum Teil verdient durch den Wagemut und das Geschick des Eigentümers, zum größten Teile
Seine Wut gegen Leon Ferranb, den Mörder Juliens und all ber anbereit Teueren, kannte keine Grenzen mehr. Ihm schien Johanna unrettbar verloren, unb es empörte ihn umsomehr, als er wohl wußte, wie sehr sich ber begehrliche Leon um ihre Gunst beworben. Und ber Mann wollte bie, die zu lieben er vorgab, sterben lassen, weil sie ihn verschmähte, eines Todes, wie ihn seine Julie erlitten. Ha, wozu hatte er nötig, des Elends des vornehmen Fräuleins zu gedenken? Ihm selber hatte der Bösewicht sein Lebensglück geraubt. — Pantin sah wieder jene schreckliche Nacht vor feinen Äugen, als ihm das Wehgeschrei Juliens in bie Ohren klang, so herzzerreißenb, lang nachhaltend — dort, bort hinten war es.
Pantin blieb am stellen Ufer der Loire stehen unb schaute unverwandt nach bef Stelle hin, wo Julie versunken. Da stieß jemand auf ihn. Brummend drehte er sich um, er sah in das Antlitz Leon Ferrands. Ein furchtbarer Gedanke überkam ihn plötzlich: er umfaßte ihn, stemmte seine Hände krästtg gegen seinen Rücken und briiöte: „Schurke, ber Du alles tötest, was in Deiner Nähe atmet, stirb, und, wenn es sein muß, sterbe ich mit Dir!"
Ferrand, durch den unvermuteten Angriff völlig überrascht, wehrte sich, aber die Wut seine- Gegners war ihm überlegen, freilich nicht so, daß er ihn von sich hinweg in die Fluten geschleudert hätte. Sie rangen mit einander; einer suchte vom andern loszukommen und mochte doch den andern nicht lassen, und endlich rollten sie beide den Abhang hinunter in die Loire, deren gurgelnde Fluten über die Ringenben hinwegrauschten. Ferrand machte auch im Wasser verzweifelte Versuche, sich dem eisernen Griff seines Feindes zu entziehen, aber der hielt ihn fest umklammert, und so trieben zwei Todfeinde in tödlicher Umarmung dem Weltmeere zu.
(Schluß folgt)