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Zuldaer

»rscheiattäglich, wttt Aurnahme der Sonn. Mb Seiet tage, viertel- jährt. Vezagrpreir ohne Sringerlohn Mb vesteSgew in Fulda Mb auroätts | Mk. 50 pfg.

Verantwortlicher Schriftleiter: I.vanm

3- ParzeSer in Snlba. w<>chenbeiiag<:„3lluftrierteSonntagrzeltung"

Zeitung

Msiiakdeiiage: „Fulda« GeschichtrblStt«".

Anzeigen: Vie ein fpalttge Petitzeile ober beten Bannt 15 Pfg. Reflamen bie petitzeUe 25 Pfg.; bei Wied«. Holungen wirb entspr. Rabatt gewährt.

»otationrbrntk u. Verlag d« Fulda« Le» tlenbruderei in Fulda. Fernsprecher Nr. 9.

J\ß 142,

Fulda, Samstag den 23. Juni 1906.

33, Jahrgang.

Zweites Mtcrtt.

$il ich auch in Sonnet nur Zeitung halten?

Diese Frage tritt bei dem bevorstehenden Bier» teljahreswechsel an manche Leser heran. Der In­dustriearbeiter sagt sich vielleicht, daß er im Som­mer die freie Zeit nach Beendigung der Tagesar­beit zu einem Spaziergang im Freien hübsch be- nützen könnte und seine Frau meint gleich, daß er auch aus Sparsamkeitsgründen wohl ein Viertel­jahr auf sein Lieblingsblatt verzichten könnte. Noch mehr trifft man aber solche Erwägungen beim L a n d w i r t, der in seine arbeitsreichste Zeit ein« getreten ist und der sich sagt: „Ach was; jetzt gilt es, die Feldfrüchte emzuheimsen und für die Zei­tung habe ich jetzt keine Zeit mehr übrig! Also ab- bestellen!"

Sind diese Einwände berechtigt? Gewiß nicht! selbstverständlich soll der Arbeiter, der in der dumpfen Fabrikluft sich jahraus jahrein befindet, d e langen Sommertage zu seiner Erholung be- i itzen und der Landwirt muß mit allem Eifer

Erntearbeit nachgehen. Aber diese treue Nichterfüllung schließt doch nicht aus, daß man nun andere Pflichten vernachlässigt. Und das Hal- t n einer guten katholischen Zeitung ist heutzutage für jede Familie eine Pflicht geworden, eine Pflicht gegen sich selbst und für die C: c i n i g e n, eine Pflicht gegenüber dem taate und gegenüber der Kirche. Diese ' flichten aber ruhen den Sommer über nicht; sie müssen auch hier erfüllt werden und bei gu­tem Willen findet sich hierzu immer Zett, besonders wenn sie dem Alkoholgenusse entzogen wird.

Eine Pflicht gegen sich selbst und die Seinigen? Ja Wohl! Das Rad der Zeit schreitet unaufhaltsam weiter; auch im Hochsommer gehen Ereignisse von großer Tragweite vor sich. Die vorwärtssftebende Menschheit ruht nicht. Als Glied derselben hat jedermann die Pflicht, sich auf dem Laufenden zu erhalten. Die Zeitung allein ist das Mittel zur Erfüllung dieser Pflicht. Für weite Volksschichten .ist die Zeitung eins der wesentlichsten Blldungs- mittel, und sich weiter zu bilden, ist für alle Volks­schichten erforderlich. Wer da glaubt, er könne drei Monate gaitz aussetzen und im Herbst wieder nach der Zeitung greifen, täuscht sich sehr. Wie fremd kommt ihm dann im Oktober so vieles vor; die meisten Nachrichten versteht er nicht, viele poli- ftische Ereignisse sind ihm frem d wie ein spani- -sches Dorf, weil in seinem Wissen eine große Lücke eines Vierteljahres vorhanden ist. Niemand wird es gerne sehen, daß er drei Monate Pause fn seiner Arbeit machen muß, während der andere ixuhig weiterarbeitet, der Nachbar ist dann min­destens um ein ganzes Stockwerk vorangekommen. Dann gibt es den Sommer über eine ganze Menge Politischer Fragen, die besprochen und gekannt wer­den un'isien; die Gegner ruhen und ra­ste n nicht. Sie bringen stets neue Einwände, die zu widerlegen eine wesentliche Aufgabe der "katholischen Presse ist. Die Söhne und Töchter ,i heran; sie kommen miteinander zusam- p da tauchen sehr ernste Angriffe auf; die Kinder wollen sich zu Hanse erkundigen; sie sra- gcit den Vater und die Mutter! Wehe aber der ^Autorität der Eltern, wenn sie nicht Rede und .Antwort stehen können! Dann wendet sich der halberwachsene Sohn an andere Ratgeber, und wie bst kommt er auf eine falsche Bahn! Davor be­wahrt die Eltern ein gutes katholisches Blatt, das ^Gelegenheit bietet, alle Angriffe kennen zu lernen Md das Material um sie zu widerlegen! Daraus !ist schon ersichtlich, daß auch im Sommer das Zei- tungslefen nicht ein Luxus, sondern einBedür f-

i s und ernste Pflicht ist.

Die Helden der vendee.

Historische Erzählung au§ den Tagen der ftanzö- sischen Revolution.

Von Gustav Jordan.

38] (Nachdruck verboten.)

, Eine längere Erörterung begann. Mit großem !beschick wußte Brossard, der Wortführer der Offi-

iere, eS dahin zu bringen, daß sich alle Offiziere er Ansicht des Generals anschlossen; die Sache jtoar zwar peinlich, aber nachdem Brossard das er­lösende Wort gesprochen, tönte ihm lebhafter Bei- Ifall entgegen.

I Canclaux nahm die Sinnesänderung mit Gleichmut entgegen und diktierte dem Protokoll- ührer: Nachtrag. Nach eingehender Diskussion vird der Angeklagte, Major Bonneval, nicht nur Söllig freigesprochen, sondern auch wegen seines

Erhaltens gelobt. —

( „Ich könnte die Sitzung aufheben", fuhr der , Beneral fort, „aber es ist an mich ein Schreiben seitens des Konventskommissars Cyrioux gekorn- -nen mit der Bitte, ihm die Ermächtigung zu er« ! eilen, den Major Artur Bonneval wegen ver- (lockter royalistischer Umtriebe vor das Revo- utionstribunal zu rufen. Ich bitte, hierüber ab- ustimmen."

Sämtliche Offiziere versagten die Ermäch- jtigung.

„Ich aber", rief Canclaux aus, „überliefere Wonneval dem Tribunal, wenn ihm das verfas- Smngsmäßige Recht gewährt wird, sich selber einen Werteidiger zu stellen."

Artur stand vor dem Revolutionstribunal, und trantwortete sich. Der Kommissar Cyrioux fragte n, und als Beisitzer war Leon, Arturs Halb-

Das Halten einer Zeitung auch int Hochsommer ist eine Pflicht gegenüber dem Staate! Der Staat hat jedem Deutschen, der das 25. Lebens­jahr zurückgelegt hat, das Wahlrecht verliehen. Aber man spricht immer nur von diesem Recht, und doch gibt es keine Rechte, denen nicht auch Pflichten enffprechen. Die erste Pflicht ist, daßmanwählt und die zweite mit dieser ver­bunden, d a tz m a n gut wählt, so wie es das Gewissen und die Notwendigkeit der Staatserhal­tung vorschreiben. Zu einem solchen wichtigen Akte aber muß man sich vorbereiten und zwar lange Zeit hindurch. Die verschiedenen Mengen und Parteien greifen sich an; alle fügen, daß sie nur das Beste des Volkes wollen; da gilt es, die Spreu von dem Weizen zu sondern und man braucht hierzu eine gute Putzmaschine. Das ist die katholische Presse; sie behält die gu­ten Körner und schlendert die leichte Spreu und das Unkraut weit hinaus 1 Wer hat überhaupt eine Garantie dafür, daß er nicht in diesem Sommer sofort an die Wahlurne treten muß? Gewiß steht keine Reichstagsauflösung bevor, aber der Abge­ordnete des einzelnen Kreises kann fein Mandat niederlegen, er kann wegsterben usw. und wir stehen vor einer Neuwahl. Da braucht aber jeder­mann feine Zeitung; man kann sie ihm nicht plötz­lich geben; er muß fein Gewehr gewohnt fein, bann trifft er gut. Jeder Staatsbürger hat also die Pflicht, die politischen Ereignisse zu verfolgen, um jederzeit gerüstet zu fein.

Aber schließlich stellt auch die K i r ch e auf die­sem Gebiete ihre Pflichten auf; die erste ist selbst­verständlich, daß keine glaubens- und sittenfeind­lichen Zeitungen gelesen werden. Dieses Gift muß unbedingt von jeder Schwelle eines jeden katholi­schen Hauses ferngehalten werden. Aber das Lese­bedürfnis ist da! Also herein mit guten Zeitun­gen ! Herein mit Zeitungen, die für unseren katho­lischen Glauben eintreten, die die Angriffe der Gegner zurückweisen! Ein jeder Abonnent auf ein katholisches Blatt vermehrt die Zahl der öffentlichenStreiterfürdieKirche! Das ist die allgemeine Wehrpflicht für die Kirche und da müssen wir stets mobil sein. Denn ein starker Krieg wird gegen die Kirche geführt, die Gegner sind in der Wahl der Mittel nicht wähle­risch und sie müssen mit Nachdruck zurückgewiesen werden, wie es eben nur die katholische Presse tut.

Wir glauben von unserem Blatte sagen zu dürfen, daß es ein geeignetes Mittel ist, um die geschilderten dreifachen Pflichten zu erfüllen und laden deshalb unsere bisherigen Freunde und alle katholischen Familien unseres Bezirks ein, auch für die Sommermonate zu abonnieren auf die

,Fuldaer Zeitrmgfl

wochen-Rundscha«.

Fulda, den 23. Juni 1906.

(Nachdruck verboten.)

Der K a i s e r hat seine Reise zur diesjährigen Kieler Woche zu Besuchen in den Städten Han­nover, Celle und Hamburg benutzt. Archer diesen programmäßigen Visiten hat er aber auch noch einen Besuch abgestattet, der eine politische Be­deutung hat. Er hat den Reichskanzler Fürsten Bülow in Norderney ausgesucht und einige Stun­den lang mit ihm konferiert. In dieser Aufmerk- samkett, welche der Kaiser dem Reichskanzler zu­teil werden ließ, liegt wohl ein erneuter Beweis dafür, wie wenig die Gerüchte, welche von Diffe­renzen zwischen dem Kaiser und dem Kanzler wissen wollten, berechtigt sind. Der Kaiserbesuch in Norderney läßt aufs neue erkennen, wie groß die Werffchätzung ist, welche Kaiser Wilhelm dem Fürsten Bülow entgegenbringt. Diese Wert­schätzung ist auch in einer Rede zum Ausdruck ge­kommen, welche der Kaiser am Dienstag bei dem Festmahl des Norddeutschen Regattavereins an

bruder, zugegen, der denn doch wenigstens so viel Scham hatte, das offene Auge Arturs zu meiden. Die Dinge, deren Artur beschuldet wurde, waren lächerlich im Ange des Unbefangenen; dem Geg­ner erschienen sie gewichtig. Und wer in jenen grausen Tagen nur den Verdacht erregte, kein gesinnungstreuer Republikaner zu sein, war schon verloren. Das Schlimmste, dessen man Artur be- schuldigen konnte, war, daß er den Mädchen Bres- fuires in seinem Schlosse eine Zuflucht gewährt habe, und jede Frage, die hierauf Bezug hatte, ward von Artur mit Festigkeit und einer Art inneren Stolzes beantwortet.

Cyrioux ließ feine kleinen Augen in dem Saale, in dem tie Verhandlung stattfand, umher­schweifen.

„Wünscht noch jemand für den Angeklagten das Wort zu ergreifen?" fragte er in geschäfts­mäßigem Tone, sicher, daß sich niemand melden werde.

Aber ein kräftiges „Ich!" erscholl, und Gene­ral Canclaux erhob sich nach vorne. Allgemeines Erstaunen, allgemeine Aufregung.

Canclaux warf das ganze Gewicht seiner Per- sönlichkrtt in die Wagschale, und selbst der Kon­ventskommissar erbleichte, als der hier allmächtige General ungeduldig mit dem Säbel raffelte. Sein Eintreten hatte eine überraschende Folge. Artur ward freigesprochen.

Ein kurzes Billet bestellte Artur zum General Canclaux. Er ging zu ihm und sand einige Worte des Dankes für fein hochherziges Eintreten.

„Ihr seid mir keinen Dank schuldig", erwiderte Canclaux, „Ihr verdankt Eure Rettung lediglich Eurer Persönlichkeit. Als Ihr Euch zum Dienst bet mir meldedet, da sah ich Euch mit Mißtrauen entgegen und hoffte, offen gestanden, daß Ihr in eine der vielen Fallen, die Euch gestellt wurden, geraten würdet. Aber Ihr habt Euch tapfer ge­halten, und ich lernte in Euch einen Mann kennen,

Bord der „Viktoria Luise" gehalten hat, und in welcher er in herzlichen Worten der Genesung des Reichskanzlers gedachte. Daneben hat der Kaiser aber auch in bedeutsamen Worten der gewaltigen Entwicklung unserer Kriegs- und Handelsmarine gedacht. Wenn er dabei auch mit Entschiedenheit die Friedensliebe Deutschlands betonte, so wird man in diesen Ausführungen doch vielleicht eine leise Zurückweisung der utopistischen Abrüstungs- träume erblicken dürfen, welche in den letzten Tagen der Anregung von England aus folgend in Paris und Rom zum Vorschein gekommen sind.

Da der Reichstag nicht versammelt ist, be­schränkt sich das Interesse an parlamentarischen Fragen auf die Verhandlungen der Ein- zellandtage. Das preußischeHerren- h a u s hat die Volksschulvorlage in erster Lesung erledigt und sie einer Kommission zur Weiterbe- ratung überwiesen. Es gewinnt mehr und mehr den Anschein, als ob die Vorlage aus dieser Kom­mission nicht ganz unverändert hervorgehen würde, so daß das Abgeordnetenhaus sich nochmals mit ihr zu beschäftigen haben würde. Das baye­rische Abgeordnetenhaus hat sich noch weiter mit dem Kultusetat befaßt. Wenn nicht alles trügt, werden die nächsten Tage Angriffe auf den Minister des Innern, Fchrn. von Fei­litzsch, sehen, der den Abgeordneten das Recht der Verhandlung mit Privatpersonen befreiten zu wollen scheint. In der badischen Abge­ordnetenkammer kam es anläßlich eines sozialdemokratischen Antrags auf Trennung von Staat und Kirche zu Debatten, in welche,: sich der kulturkämpferische Geist des Liberalismus wieder einmal offenbarte. Von Seifen des Zentrums wurde ein scharfer Angriff gegen die Ausnahme- uutersuchung gerichtet, welche die Regierung gegen den katholischen Klerus eingeleitet hatte. Der sozialdemokratische Antrag wurde gegen die Stim­men der Demokraten und Sozialdemokraten ab- gelehnt. — Die Reichstagsersatzwahl in Benthe u-Tarnowitz hat, wie vorauszu­sehen war, mit dem Siege des radikalpolnischen Kandidaten geendet. Das Zentrum, hat indessen auf feinen Kandidaten an 1000 Stimmen mehr bereinigt, als der deutsche Zentrumskandidat im Jahre 1903 erhalten hat.

Die Meldungen über den Ausbruch bedroh­licher Unruhen -im Kilimandscharogebiet in Deutsch-Ost asrika sind von offiziöser Seite als übertrieben hingestellt worden. Aus den letz­ten Tagen fehlt übrigens jede Nachricht über diese Unruhen. Dementiert worden sind auch die so­zialdemokratischen Meldungen über Meutereien unter unseren Schutztruppen in D e u ts ch - Süd­westafrika; zugegeben werden nur unbe­deutende Verfehlungen gegen die Disziplin.

Die österreichisch-ungarischen De­legationen sind noch immer mit der Erörte­rung von Fragen der Auswärtigen Politik beschäs- ttgt. Ein von 'bem Grafen Zichy in der ungari­schen Delegation beantragtes Mißtrauensvotum gegen den Minister des Auswärtigen, Grasen Goluchowski, wurde abgelehnf, nachdem der unga­rische Ministerpräsident Dr. von Weckerle für den Angegriffenen eingetreten ioar.

Die italienische Deputierten! am- m e r hat dem neuen Ministerium Giolitti,^ das sich mit einem ausführlichen Programm der Kam­mer vorstellte, in welchem namentlich wirtschaft­liche Aufgaben betont wurden, ihr Vertrauen durch Billigung dieses Programms ausgesprochen. Der italienische Minister des Auswärtigen, Tit- toni, hat die Gelegenheit wahrgenommen, dem Grafen Goluchowski anerkennende Worte über feine Ausführungen betr. Italiens in den Dele­gationen zu widmen.

Der Schauplatz eines interessanten Rededuells war die französische Deputierten- fa in in er. Es handelte sich um einen Angriff des Führers der Sozialisten JaurLs gegen den Minister des Innern ClSmenceau. Jaurss warf der unter den Zuständen, in denen Frankreich jetzt ist, besonders leiden muß: Ihr ward mit vollem Herzen dem Ideal republikanischer Verfassung er­geben und stießet mit jedem Schritt auf Tatsachen, die diesem Ideal widersprachen. Und daß Ihr unter diesen erschwerenden Umständen der Repu­blik treu gedient habt, ist groß von Euch und ver­dient Belohnung. Was Euch geworden ist, Frei­sprechung und Freiheit, war Euer Recht. Ich möchte Euch aber, den ich durch seine Gefahren liebgewonnen, eine Belohnung zuteil werden las­sen und Euch zurufen wie jene Könige im Mär­chen: sucht Euch eine Gnade aus."

„Wenn Ihr gewähren könnt, um was man Euch bittet," sagte Artur, „so befreit meine Braut, Fräulein von Bressuires, die im Kerker einem schmählichen Tode entgegensieht."

Canclaux schwieg eine Weile, dann sagte er be­dächtig: „Ich vertraue Eurer Ehrlichkeit, deshalb schwört, was ich verlange, und ich gewähre Euch, was Ihr verlangt. Wandert aus, meinetwegen mit Eurer Braut, aber kehrt nie Eure Waffen gegen die Republik, für die Ihr ruhmvoll ge­fochten."

„Das schwöre ich leichten Herzens", erwiderte Artur. Canclaux entließ ihn mit einem herzlichen Händedruck. Ist es eine Sultanslaune, die ihn einmal Gnade üben läßt, wo er tausendmal ge­fühllos getötet, oder will er uns beide retten, weil er die Gerechtigkeit unserer Sache einsieht? So dachte Artur nach, aber immer noch beschlichen ihn Zweifel, ob seine Johanna auch wirklich werde freigelassen werden.

Es war der Tag, an dem nach Pantin eine neue Massenertränkung stattfinden sollte. Auch Johanna sollte zu den Opfern zählen. Pantin wußte das, und ihn quälte der Gedanke, daß er Herrn Bonneval fein Wort nicht hatte einlösen können, denn trotz seiner eifrigen Bemühungen ward ihm kein Dienst auf dem Mordichiff verteilt

dem Minister vor, er verstehe es nicht, seine Theo­rie mit der Praxis in Uebereinftimmung zu brin­gen. Das habe er deutlich bewiesen bei den Berg- arbeiterunrühen. Der Minister antwortete dem Sozialistenführer in einer Rede, in welcher er in gewohnter Weise sein Spott den idealistischen Zu­kunststräumen der Sozialdemokratie ausließ. Clömenceau hatte dabei den Beifall der Kammer- mehrheit entschieden auf feiner Seite, doch läßt sich nicht verkennen, daß der Vorgang einen Riß in den „Block" gemacht hat. — Jetzt hat man end­lich auch in Frankreich den Prozeß Dreyfuß zur Revision gebracht. Der bisherige Verlauf der Verhandlungen vor dem Kassationshof läßt keinen Zweifel daran, daß das Urteil des Gerichtshofes irt Rennes vollständig falsch war.

Die Reichsduma in Rußland scheint es darauf anzulegen, immer mehr Meinungsver­schiedenheiten zwischen sich und der Regierung festzulegen. Jetzt hat man auch die Judenfrage in Angriff genommen, und dabei sind wiederum die radikalsten Anschauungen maßgebend gewor­den. Neuerdings ist wieder die Rede davon, daß das Ministerium Goremykin demissionieren wolle. Auch von einer Wiederberufung des Grafen Witte an die Spitze der Regierung wird gesprochen. Es ist das wohl erklärlich angesichts der Unruhen, die sich in verstärktem Maße im Lande zeigen. In Bjelostok ist es zu einer förmlichen Judenver­folgung gekommen, wobei Hunderte von Menschen erbarmungslos umgebracht worden sein sollen. Auch an anderen Orten befürchtet man den Aus­bruch ähnlicher Unruhen. Dabei zeigt sich, daß auch das Heer keineswegs mehr so zuverlässig ist, wie man bisher angenommen hat. Selbst die Kosaken scheinen jetzt aufsässig zu werden. Auch in der Marine gährt es von neuem. In Kron­stadt sollen umfangreiche Meutereien ausgebro­chen fein.

Die blutigen Zwischenfälle, die sich in Make­donien zwischen rumänischen Kutzowalachen und griechischen Banden abgespielt haben, haben jetzt den Abbruch der diplomatischen Beziehungen zwi­schen Rumänien und Griechenland ver­anlaßt. Rumänien machte die griechische Regie­rung für die Vorgänge in Makedonien Verant­wortlich, wogegen Griechenland Einspruch erhob. Die Stimmung wurde allmählich eine so gereizte, daß schließlich die Aufrechthaltung der diploma­tischen Beziehungen unmöglich erschien.

Unpolitische Zeitlause.

© Berlin, 21. Juni 1906.

(Nachdruck verboten.)

In manchen Gemeinden führt man jetzt eine neue Steuer ein, nämlich vom Wertzuwachs. Wo die Erwerbstätigkeit sich hebt ober wo ans einem anderen Grunde die Bevölkerung sich bermebrt, da steigen die Ermidstücke fortgesetzt im Preise. Aus Ackerflächen können in kurzer Zeit Baustellen werden; wo früher der Morgen Land für einige Hundert zu haben war, da werden jetzt ebensoviele oder gar doppelt so viele Tausende gezahlt. Wer in solchen Gemeinden Grundstücke ererbt ober vor längerer Zeit billig gekauft hatte, kann jetzt burch den Berkaus mit einem Schlage ein reicher Mann werben. Sogar bie Spekulanten, bie jetzt Grund­stücke zu schon erhöhten Preisen kaufen, haben noch ein glänzendes Geschäft in Aussicht, da die Preis­steigerung fortbauert. Die Werte ber Grund­stücke wachsen in bie Höhe wie Spargel; barum fpricht man auch vom Wertzuwachs. Was ba auf bem Felbe wächst, ist zum Teil bem Fleiß und bet Kunst des Lanbwirts zu verbanken; zum anbern Teil aber ber Triebkraft des Bodens, bem Regen unb bem Sonnenschein, die ber Himmel gratis spenbet. Aehnlich ist ber Wertzuwachs von Grund­stücken zum Teil verdient durch den Wagemut und das Geschick des Eigentümers, zum größten Teile

Seine Wut gegen Leon Ferranb, den Mörder Juliens und all ber anbereit Teueren, kannte keine Grenzen mehr. Ihm schien Johanna unrettbar verloren, unb es empörte ihn umsomehr, als er wohl wußte, wie sehr sich ber begehrliche Leon um ihre Gunst beworben. Und ber Mann wollte bie, die zu lieben er vorgab, sterben lassen, weil sie ihn verschmähte, eines Todes, wie ihn seine Julie er­litten. Ha, wozu hatte er nötig, des Elends des vornehmen Fräuleins zu gedenken? Ihm selber hatte der Bösewicht sein Lebensglück geraubt. — Pantin sah wieder jene schreckliche Nacht vor feinen Äugen, als ihm das Wehgeschrei Juliens in bie Ohren klang, so herzzerreißenb, lang nachhaltend — dort, bort hinten war es.

Pantin blieb am stellen Ufer der Loire stehen unb schaute unverwandt nach bef Stelle hin, wo Julie versunken. Da stieß jemand auf ihn. Brum­mend drehte er sich um, er sah in das Antlitz Leon Ferrands. Ein furchtbarer Gedanke überkam ihn plötzlich: er umfaßte ihn, stemmte seine Hände krästtg gegen seinen Rücken und briiöte: „Schurke, ber Du alles tötest, was in Deiner Nähe atmet, stirb, und, wenn es sein muß, sterbe ich mit Dir!"

Ferrand, durch den unvermuteten Angriff völlig überrascht, wehrte sich, aber die Wut seine- Gegners war ihm überlegen, freilich nicht so, daß er ihn von sich hinweg in die Fluten geschleudert hätte. Sie rangen mit einander; einer suchte vom andern loszukommen und mochte doch den an­dern nicht lassen, und endlich rollten sie beide den Abhang hinunter in die Loire, deren gurgelnde Fluten über die Ringenben hinwegrauschten. Fer­rand machte auch im Wasser verzweifelte Versuche, sich dem eisernen Griff seines Feindes zu entziehen, aber der hielt ihn fest umklammert, und so trieben zwei Todfeinde in tödlicher Umarmung dem Welt­meere zu.

(Schluß folgt)