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Botationrdrnck u. Verlag der,«uldaer Ar» tiendruaerei in Sulba. Zernipre hrr Nr. 9.

JV§ 134.

Fulda, Mittwoch den 13. Juni 1906.

33, Jah raana.

Zweites Mt'att.

kl c. Zronlelchnam.

Von G. v. Römer.

(Nachdruck verboten.)

Im September des Jahres 1634 war daS Schwedische Heer an zwei aufeitlander folgenden Lagen von den Kaiserlichen zerschmettert worden, tzson 24 000 Schweden lagen 12 000 tot oder ver­wundet auf dem Felde von Nördlingen, 6000 wur­den gefangen. Der kümmerliche Rest war in alle Richtungen auseinandergesprengt. Mit der Schwe­dischen Macht hatte es in Süddeutschland ein Ende. Sachsen fiel bald vom Bündnis ab, nur Bernhard von Weimar, der schwedische Parteigänger, wagte den Siegern zu trotzen und verlegte mit franzö­sischer Hilfe den Kriegsschauplatz vorerst nach Süd­westdeutschland.

Dorthin wollte sich der jugendliche schwedische Oberst Olafson mit dem Rest seines Reiterregi­ments, den er aus den Nördlinger Schreckens- Etagen gerettet, flüchten. Es war vergebenes Be­mühen. Die Bauern lagerten in Massen auf den gangbaren Straßen und stachen die Schweden ml: Heugabeln von den Pferden; auf den abgelegenen Wegen und den Wald- und Gebirgspfaden wurden die Pferde binnen kurzem völlig schlapp und die Mannschaften marode. Es blieb nichts anderes übrig, als ein Versuch, sich nach dem Norden durch­zuschlagen. Aber freilich nach Sachsen durfte man sich nicht wenden, war das Land doch schon fast völlig verwüstet und hieß es von der Regierung — so war den Schweden schon zu Ohren gekommen — daß sie sich auf die kaiserliche Seite werfen werde. Durch die Waldgebirge Thüringens wagte sich der Oberst auch nicht und so blieb nur der Weg nach dem Paderbornischen übrig, und von dort, wenn es gut ging, weiter nach Norden, nach Braunschweig und der Ostseeküste.

Ja! Diesen Weg mußte Olafson versuchen, hegte er doch insgeheim eine gewisse Hoffnung, daß er an gewissem Orte eine Zuflucht finden werde.

Doch der Marsch war lang. Da und dort fand man zwar auf Burgen und Besitzungen, deren In­haber der neuen Lehre eifrig zugetan waren, leid­liche Aufnahme und zeitweiligen Unterschlupf, die große Masse der Bauern haßte aber die schwedi­schen Reiter — sie hatten ihre Härte hinreichend kennen gelernt — und den Städten, großen wie 'Heinen, fiel es gar nicht ein, dem spärlichen Ueber- Ihleibsel aus der Nördlinger Schlacht die Tore zu öffnen. Man hatte keinen Respekt mehr vor den Schweden.

Unter den größten Mühsalen war der Win­ter vergangen und der Marsch unter vielen Kreuz- imd Ouerzügen, scharfen Verfolgungen und zeit- iveiligem Aufenthalt hier und dort fast vollendet. Es handelte sich nur noch darum, ob Olafson mit seinen auf vierzig Mann znfammengcschmolzenen Reitern den so lang ersehnten Unterschlupf fand, um sich zu erholen und dann weiter marschieren oder sich an ein vorüberkommendes schwedisches Kommando anschließen zu können.

Nach der Schlacht von Breitenfeld bei Leipzig hatte der Schwedenkönig einen unaufhaltsamen Siegeszug durch Thüringen und Franken an den Mittelrhein angetreten. Um auch im Paderborni- schen offene oder stille Anhänger für sich mobil zu machen, hatte er den jungen, talentvollen Ritt­meister Olafson mit etlichen Schwadronen dorthin gesandt. Zwar hatte Olafson nur mäßigen Erfolg, aber auf einer stattlichem und festen Burg im süd­lichen Teil des Fürstbistums Paderborn hatte er

doch gute Aufnahme gefunden. Er blieb länger, als militärische und politisch-konfessionelle Gründe eigentlich erforderten. Schließlich aber mußte er aufbrechen, um des Königs Heer, das vom Winter­quartier in Mainz kam, in Bayern zu erreichen.

Und doch verschob er den Abmarsch von Tag zu Tag und jeden Tag wurde er mürrischer und heftiger gegen feine Soldaten. Es wollte nirgends und nirgends mehr klappen. Und doch waren die Leute völlig unschuldig. Der Rittmeister allein trug die Schuld an seinem aufgeregten Wesen und nebenbei der immer dringender werdende Ab- marsch.

Daß Olafson mit dem Herrn der Burg„auf der er den ganzen Winter zugebracht, ebenso mit dessen ganzer Sippe in der Runde durchaus zufrieden sein konnte, gab er gern zu, obschon er sich herzlich wenig daraus machte, daß sie fast allesamt im stillen dem neuen Glauben anhingen, und die fürstbischöflichen Befehle, die Schweden von den Schlössern und den Besitzungen auszuweisen, ein­fach unbeachtet gelassen hatten. Was ihn so ange­zogen, war Irmengard, des Schloßherrn einzige Tochter. Daß sie vom alten Glauben um keinen Preis lassen wollte, war ihm aber ein schwerer Stein im Weg. Ob sie den stattlichen Schweden gern hatte? Er glaubte dessen sicher zu sein. Ob sie aber den Mann andern Glaubens zum Ehe­herrn nehmen würde? Ja, da lag eben der Haken.

In der letzten Zeit kam noch die Eifersucht da­zu. Ein junger kaiserlicher Offizier, schwer ver­wundet bei Breitenfeld, kam endlich in die Heimat zurück und hatte — Vater- und mutterlos — bei feinen entfernten Verwandten freundliche Auf­nahme auf der Burg gefunden. Am freundlichsten war Irmengard mit dem noch immer halbkranken Offizier. Das war es, was den Schweden so er­bitterte.

Doch der Marsch war nicht mehr aufzuschieben. Es war gerade Fronleichnamsfest unten im Dorf. Olafson hatte seine Mannschaften draußen vor dem Ort Aufstellung nehmen lassen und bereits Ab­schied von Irmengard genommen. Dabei hatte er halb zornig, halb befangen gefragt, ob er, wenn die Kriegsläufe zu Ende, einmal wieder kommen dürfe. Sie hatte freundlich gelächelt und ebenso zugenickt, dann aber zugefügt: „Ja, Herr Ritt­meister, kommen Sie, aber ..."

Olafson hatte das „aber" verstanden, es hatte ihm, dem Schweden, das Blut in den Kopf ge­trieben.. Doch er schwieg, verabschiedete sich kurz und schritt dann in den Herrensaal, um noch einen Abschiedstrunk zu nehmen. Als er ein halb Stündchen später unten im Dorf anlangte, war die Fronleichnamsprozesfion voll im Gang. Der Schwede ritt, das Gastrecht achtend, langsam zur Seite der Prozession entlang, um zum Sammel­platz seiner Reiter zu kommen.

Plötzlich bäumt fein Roß jäh empor — hat es fein Herr im wilden Zorn so scharf mit den Spo­ren gestoßen —? Die Männer springen zur Seite, die Weiber kreischen. Und fort ist der Schwede in wildestem Ritt.

Was war es? Dicht hinter dem Allerheiligsten schritt die Burgherrntochter und führte und stützte den bleichen Kaiserlichen.

Olafson hat seinen König und seine Schweden erreicht und schließlich tollkühn mitgekämpft in der Schlacht bei Lützen (1632). Schnell war er avan­ciert und als nach des Schwedenkönigs Tod in der ebengenannten Schlacht, die schwedische Regierung beschlossen hatte, den Krieg weiter zu führen, be­kam der Oberst Olafson eins der schönsten Regi­menter, das ihm dann bei Nördlingen bis auf einen geringen Rest zertrümmert wurde. Mit die- ent Rest kam er endlich, wie oben erzählt, in dem Süden des Fürstbistums Paderborn an und dort­hin, wo er Unterschlupf zu finden hoffte.

Wieder war Fronleichnam und die Prozession in vollem Gang. Dem trotzigen Schweden wurde es etwas ungemut, wenn er an das damalige Fron­leichnamsfest dachte und daran, daß er mit feinen vierzig abgetriebenen, verelendeten Reitern nur auf — Gnade angewiesen war. Doch — er hob stolz das blonde Haupt: Der sehnsuchtsvolle Traum war mit jenem Fronleichnamsfest zertrümmert wie sein schönes Regiment bei Nördlingen zertrümmert wurde. Mochten sie ihn, den fahrenden Schweden mit seinen flüchtigen Reitern um das letzte erhoffte Nestchen bringen und allesamt erschlagen wie tolle Wölfe. Dann zu! Ist Kriegerlos! Wenn es darauf ankommt, dann: wagen oder untergehen — oder wagen und untergehen! Das ist für uns nicht mehr viel Unterschied.

Langsam ritten die Schweden der Prozession entgegen, von weitem schon winkend urid — so gut sie es nach all dem Jammer noch konnten — freundlich rufend. Der Oberst dachte und hoffte: Der Alte oben auf der Burg und seine Vettern- schaft nimmt mich doch freundlich auf, mag das Schloßfräulein. . .

offen. Doch der Herr Pastor brachte bald Ord­nung in die Prozession.

Was die beiden gesprochen? Er hatte kurz er­zählt, daß er von dem „Kaiserlichen", dem zeitigen Abt in Abdinghofen zu Paderborn, völlige Ver­zeihung für den zornigen Säbelhieb und daß er volle Absolution von Sr. Heiligkeit dem Papste für den Angriff auf die Prozession und für die Miß­achtung des Allerheiligsten erhalten. Weiter be­richtete er, daß er in Paderborn erfahren habe, die Burgherrin habe aller Männer Hand ausge- schlagen.

Und dann fragte er, ob sie nun auch vergessen könne und, wenn auch die Jugendblüte vorüber, ihn gern . . .

Gerade da ward sie rot und wehrte ab: „Wir stehen ja schon in der Prozession . . ."

Er war vorläufig zufrieden und drückt ihr still die Hand.

Und so schritten sie, vielleicht nicht gen? an­dächtig, aber dankbar und frohen Herzens in >r Fronleichnamsprozession.

Reklamen- und Anzeigenteil.

Als aber der Schwed' zu der lieben und für

alles sorgenden Schloßherrin tritt und mit v rrn-unn '

redet und diese erst blaß, dann trotz ihrer Vierzig! 'Uk Kinder, m*<lD8HESBnue. Verhütetj ganz rot wird — stand den Bauern der Mund fast' U-bs5püwt-l)iLi'chae, Brechdurchfall, ParmkatarrlLj

Sein Gesicht zieht sich krampfhaft zusammen. Wieder schreitet an bevorzugter Stelle, die der künftigen Burgherrin und Großgrundbesitzerin zu­kommt, Irmengard, dicht hinter dem Allerheilig- sten und neben ihr — jener kaiserliche Offizier.

Olafson sieht es nicht, daß er gebückt und müd schreitet, daß sein Schwertarm steif im Waffenrock hängt.

Wieder bäumt sich jäh das Roß. Es jagt in die Prozession hinein. Ein Säbelhieb fällt krachend auf des Kaiserlichen Eisenhut, Irmengard stürzt links in den Busch, der Priester mit dem Aller- heiligsten rechts den Abhang hinab. Und fort ist der rasende Schwede.

Die Reitersleut, die hungrigen, waren klüger, sie schwenkten rechts um und flohen, so schnell die müden Pferde laufen konnten. Und sie hatten noch Glück, ihren Oberst nach zwei Tagen wiederzu­finden, der allein imstande war, sie nach dem Braunschweigischen und weiter zu retten.

In Deutschland das durch die Schweden im schrecklichen dreißigjährigen Krieg so unbarmher­zig behandelt worden war, konnte man es kaum verstehen, daß Königin Christine von Schweden, die Tochter Gustav Adolfs, der der Verfechter und Schutzretter der neuen Lehre in Deutschland hatte — angeblich wenigstens — sein wollen, zuralten Lehre zurückgekehrt war.

Wieder nahte Fronleichnam. Es waren an zwanzig Jahre her seit jenem Fronleichnamsfest nach der Schlacht von Nördlingen. Da kommt mit fürstbischöflichen Vorreitern in fürstbischöflicher Karosse ein hoher schwedischer Offizier aus der Gefolgschaft der Königin Christine im alten Pfarr­haus unterhalb der Burg im südlichen Paderbor­nischen an. Seine Empfehlungsbriefe lauteten derart, daß seine Einstellung in der morgigen Fronleichnamsprozession neben der Burgherrin selbstverständlich war. Nur hatte der Schwede den Wunsch daß nichts im Dorf und auf der Burg bekannt werde. Dem wurde gerne und pader- bornischer Weisung gemäß gewillfahrt.

. Die Bauern sahen die mächtige Schwedengestalt mit dem halb blonden, halb grauen Zwickelbart, dem prächtigen Waffenkleid und den breiten Nar­ben über Gesicht und Stirn mißtrauisch an. Sie hatten den alten Schreckensstoßfeufzer noch nicht vergessen: Ä

Bet' Kinder bet'!

Morgen kommt der Schwed'! B

vermischter.

* Leckage-Blamage. In dem Entwürfe einer neuen „Eisenbahnverkehrsordnung für das Deutsche Reich" hat man, wie die „Nhein.-Westf. Zig." ausführt, kräftig den Sprach­reinigungsbesen walten lassen. Während man in der Verkehrsordnung von 1892 noch hinter das deutsche Wort „Bahnsteig" in Klammern „Per­ron" setzen zu müssen glaubte, also auch dem deut- scheu Worte zur sicheren Verständlichmachung das französische beifügte, ist in dem neuen Entwurf „von so etwas" gar keine Rede mehr. Im Ge­genteil, da will man nichts mehr vom Gütertrans­port, sondern nur von einer Güterbeförderung, nichts mehr von einer Expeditionsfrist, sondern nur von einer Abfertigungsfrist wissen. Maxi­malfristen gibt es auch nicht mehr, sondern nur noch Höchstfristen. Auch werden wir hinfort keine Kontrolle der Fahrkarten mehr haben, sondern eine Fahrkartenprüfung. Das ist alles recht nett, wir möchten dann aber bescheideutlich anfragen, ob das Wort „Frankatur" seines Wohllautes we­gen verbleiben soll, und welches Verdienst sich das Doppelfremdwort „Aktivlegitimation" erworben hat, daß wir nicht auch ihm gegenüber von unferm Hausrecht Gebrauch machen? Was aber ohne Frage ausgemerzt werden muß, das ist das greu­liche Wort „Leckage", das foviel als „Leckverlust" beißen soll. Das ist ja nicht einmal ein ehrliches Fremdwort, sondern ein Negenat. Aus dem gu­ten deutschen Wort „Leck" hat man durch die fran­zösierende Endung die unmögliche „Leckage" ge­macht. Leckage ist schlimmer als Bagage, ist Bla­mage, also hinaus damit!

* Bescheiden. „Herr Wirt, der Gast am ersten Tisch ist uns mit der Zeche durchgegangen!" „„Was hat er denn gegessen!"" „Nur ein paar „Frankfurter"!" „„Na, wenigstens ein anständiger Kerl!"*

* Immer derselbe. Herr (zu einem Professor): „Nun Herr Professor, wie war's denn auf der Hochzeitsreise?" — Professor: „O, glänzend! Zwei neue Tier- und eine Ptlanzenabnormität entdeckt!"

Die Helden der vendee.

Historische Erzählung aus den Tagen der ftanzö- sischen Revolution.

Von Gustav Jordan.

23] (Nachdruck verboten.)

Johanna sah sich tote hilfesuchend um, aber sie war allein mit dem Verhaßten. Und schon schämte sie sich, dem Manne gegenüber, den sie verachtete, Schwäche verraten zu haben; sie gewann ihre Nahe und ihren Stolz wieder.

„Was den durchziehenden Truppen an Pro­viant gewährt werden kann, das soll geschehen", sagte sie, ohne auf seine Worte einzugehen, „wendet Euch deshalb an den Sergeanten Pantin, der be­sorgt alles auf das pünktlichste."

Sie neigte leicht den Kopf zum Zeichen, daß sie ihre Unterredung für beendet halte.

i „Die Sache ist nicht so einfach, wie Ihr, verehrte Cousine, anzunehmen beliebt", sagte Ferrand gleichmütig, „gestattet mir, daß ich es mit in mei- uem Schlosse, in dem Ihr mein Gast seid, bequem mache — Ihr habt mir keinen Stuhl angeboten, ick biete mir selbst einen an."

Ferrand schob einen Sessel heran, in den er sich geräuschvoll niederließ, nicht ohne daß Säbel Und Sporen kriegerisch flirrten.

i Johanna blieb in der Mitte des Zimmers 'stehen und sagte leise: „Ich höre."

„Ich habe nicht viel Zeit zu verlieren", fuhr Ferrand fort, „und ich sage Euch rund heraus, wie die Sache liegt. Ihr seid in meiner Gewalt, tote ich Euch das in Eurem Schlosse zu Bressuires gesagt habe, das nun in Schutt und Asche liegt. Ich bin der aHeingebietenbe Herr auf Bonneval, und mit der kurzen Herrlichkeit Arturs ist es aus. Seine Mutter ist ausgewandert, und nach dem neuen Gesetz sind die Güter der Emigrierten Staatseigentum, und die natürlichen Erben haben TPhnrt 9Ttt1KrttrFi nitf fio hovfrtrmt tff Ävluv

mM^Herr^üÜt^tesem'Gnntd'und Boden, sondern

die Republik. Von der Republik aber habe ich, 'reilich infolge meiner republikanischen Verdienste, um einen geringen Preis alles, was zu Bonneval gehört, gekauft, und somit bin ich der Eigentümer hier, und Artur ist weiter nichts als der Sohn einer Emigrierten, der froh fein kann, daß ihm eine republikanische Gesinnung das Leben erhält, leberdies sind alle Aufträge des Kapitäns Artur von Bonneval mit gegenüber null und nichtig, i)enn ich habe den Konventskommissar Cyrioux bei mir, einen meiner besten Freunde, dessen Anord­nungen blindlings befolgt werden müssen, und wenn sie denen des Kapitäns schnurstraks wider- prechen sollten. Und so steht Ihr und Eure ver- chrte Schwester Lucie, von der ich gehört, daß sie eider krank fei, unter meinem Schutze, und der oll Euch voll und ganz werden, verlaßt Euch da­rauf. Auch bedarf es keiner Versicherung, denn Ihr wißt, welche Gefühle ich gegen Euch hege."

Ferrand stand auf und schritt auf Johanna zu, die tote ein vorn Schlangenblick gebanntes Vöglein unbeweglich blieb.

„Sagt ja, Johanna, und Ihr seid die Herrin von Bonneval", fuhr er fort, und schon streifte sein Atem ihren Mund, da fand Johanna, die das Ent- etzlichste, seinen Kuß, von sich abtoenden wollte, ich selber wieder. Sie stieß ihit zurück, daß er ’iber seinen Schleppsäbel stolperte und rief, außer ich vor Schmerz und Empörung: „Schurke! Erb- chleicher! Brudermörder!"

Ferrands Gesicht verzog sich wütend. „Ihr liebt die starken Ausdrücke", erwiderte er, „und miß­braucht das Vorrecht der Damen, deren Unhöflich­keit ei» Mann nicht mit Unhöflichkeit erwidern darf. Ich will Euch zu erwögen geben, was ge- chieht. Folgt Ihr mir, so ist Eure Zukunft ge­schert an der Seite eines begüterten Mannes, der bei der jetzigen Regierung hoch steht, und dessen Ehrgeiz sich eine schrankenlose Aussicht bietet, der die Kraft in sich fühlt, gleich Cromwell Diktator eines ganzen Landes zu werden, der Euch in feiner Weise liebt, nicht mit jener knabenhaften girrenden Zärtlichkeit, die den Mann zum Spielball jeder Weiberlaune macht, .ober doch mit brennendem Be­

gehren, Euch zu besitzen, und der sich gewiß be­mühen wird, Euch in seiner Art glücklich zu ma­chen. Das ist die eine Aussicht für die Zukunft, die sich Euch bietet. Es gibt nur noch eine zweite. Ich gönne Euch keinem andern, und ich habe die Macht, Euch die Verbindung mit jedem anderen unmöglich zu machen. Die Sache liegt einfach so: vermählt Ihr Euch mit mir, so vergißt die Welt, daß Ihr die Tochter Bressuires seid, Ihr habt Euren Frieden mit der Republik geschlossen. Wei­gert Ihr mir die Hand, so lasse ich Euch verhaften, Grund genug dazu ist vorhanden. Ihr kommt nach Nantes und — ich schaudere, daran zu denken, aber ich muß Euch sagen, was Euch da erwartet, damit Ihr zur Vernunft kommt — Euer schönes Haupt ist der Guillotine verfallen."

„Verhaftet mich!" erwiderte Johanna.

„Johanna!" rief Ferrand, in dessen wildem Gesicht ein aufgeregtes Zucken begann, „stoße mich nicht so von Dir! Hier, auf meinen Knien be­schwöre ich Dich, nimm mich zu Gnaden an, mache mich und Dich nicht unglücklich —"

„Steht auf", erwiderte Johanna kalt, und ein stolzer Blick traf das Auge Ferrands, „wollt Ihr denn durchaus hören, wie sehr ich Euch verachte? Was soll ich von dem Manne halten, der weiß, daß ich seinen Bruder liebe — ich spreche jetzt ohne Scheu davon, ich stehe ja doch schon mit einem Fuße im Grabe — und der mich durch Todesdroh­ungen treulos machen will? Ich rede nicht weiter, jedes Wort ist verschwendet, Eure Gegenwart ber- unehrt mich. Schickt mich nach Nantes — nur eins, was soll aus Lucie werden?"

„Lucie?" wiederholte Ferrand, und seine Augen glänzten boshaft auf. „Auch sie steht in meiner Macht. Ich rette sie, wenn sie meine Schwä­gerin wird, im anderen Falle harrt ihrer das Fall­beil. Und so seid Ihr durch Eure Weigerung nicht allein verantwortlich für Euer Leben, sondern auch für das Euerer Schwester —"

„Teufel!" unterbrach ihn Johanna.

„Es tut mir selber leid, zu Drohungen schrei­ten zu müffen", fuhr Ferrand fort, „abe sie werden

mir helfen, Euere Unvernunft zu besiegen, und so sind sie nicht ein Beweis meines bösen Herzens, sondern meiner liebevollen Hingebung, die Euch auf den Abgrund vor Eueren Füßen aufmerksam macht und Euch die schützende Hand reichen will. Aber folgt Ihr meinem Rate nicht, so kann Euch nichts retten, und Ihr verwickelt Euere Schwester in Euer Schicksal. Ihr junges Leben steht in Eurer Macht".

Johanna wußte, daß alles, was Ferrand ge­sprochen, nur zu wahr sei, und ein Sturm wider­streitender Gefühle wühlte in ihrem Innern. Welch' eine schreckliche Wahl war ihr gestellt! Der Tod oder das Leben an der Seite dieses Mannes I Sie hatte keinen Augenblick gezweifelt, wofür sie sich zu entscheiden habe, als noch nicht von Lucie die Rede war. Aber ihre Todessicherheit hatte sie verlassen, als sie sah, daß ihre Entscheidung auch für Lucie gelten sollte. Ihr eignes Leben dahin­geben, um nicht verurteilt zu sein, an der Seite eines Bösewichts, wie Ferrand, zu wandeln, un­getreu den Schwüren, die sie einem anderen zuge­schworen, dazu vermochte sie sich frei und schnell zu entschließen, aber Lucie! Und Johanna wußte, daß Ferrand imstande war, feine Drohungen aus­zuführen. Hatte er nicht die Brandfackel gegen ihr väterliches Haus geschleudert, um sich an ihrem Vater zu rächen und die Heimatlose schutzbedürftig zu machen? Hatte er nicht Verrat gegen feinen eigenen Bruder gesponnen, gegen den er vielleicht noch nicht das Aeußerste ausgeführt? Der Mann war zu allem fähig. Und Johanna sah, wie rohe Henkersknechte sich ihrer Lucie näherten, — ein Schreckensschrei entrang sich ihrer Brust. Sie konnte Lucie nicht töten, sie mußte sie retten — und doch, konnte sie das bindende Wort über ihre Lippen bringen? Nein, noch keine Entscheidung! Zeit, Sammlung, Uebertegung! Was konnte ihr die Zeit nicht alles bringen? Verständigung mit Lucie, vielleicht nochmalige Flucht! Der allmäch­tige Gott wird doch die Mädchen nicht verlassen, denen er seinen Schutz bei der Flucht aus Lerocher nicht versagt hatte.

(Fortsetzung folat.)