Einzelbild herunterladen
 

Erschein täglich, mit Ausnahme Ser Somt« unb.yeieUage. viertel« jährt, vezugrprrir ohne Sringerlohn und Veüellgdbiniiulbounb curwärtr l M. 50 pfg.

Verantwortlicher Schriftleiter: I Baum;

Zuldaer

z. par3:ilet in Hulba. wochenbe«agt:„Zllustrierte§onntagrzeitung"

8w |t Igtn: !hvw fpaltigr petltzek!« ober bereu Hau« 15 pfß. Rtflamtn bi« prtitzeil« 25 psg.; bei wirb«, Holungen wirb entspr.

Kabatt gewährt.

Notation,bruck N. Verlag ber.hulbaer Ar» tienbrnclerei in $ulba, Zernsprecher Nr. 9.

JVs 126.

Fulda, Samstag den 2. Juni 1906.

33, Jahrgang.

Krstes Matt.

W Wegen des hl. Pfinastsestes wird die nächste Nummer unserer Zeitung erst am Dienstag ansgegede«.

zlottenvereinler gegen Zlotten- vereinler.

Nach der Tagung der Hauptversammlung des deutschen Flottenvereins in Hamburg hat sich die alldeutsche und nationalliberale Presse nicht ge­nug tun können in Angriffen auf das Zentrum, weil dasselbe angeblich die Ursache der Meinungsdifferenzen sein sollte, die sich im deutschen Flottenverein gezeigt haben, und die be­kanntlich den Prinzen Heinrich veranlaßt haben, „herbe Kritik" an den partikularistischen und kon­fessionellen Reibereien im Flottenverein zu üben. Diese Angriffe gegen das Zentrum stützen sich in erster Linie auf d e Behauptung, daß der bayri­sche Landesverband des Flottenvereins, der sich rn einem scharfen Gegensatz zu den norddeutschen Kreisen des Flottenvereins gestellt hatte, werde vom Zentrum vollständig beherrscht und diene demselben lediglich als Sturmbock gegen die in wahrem Interesse der Flotte zu erhebenden weiter- gchenden Forderungen. Die „Rhein.-Westfäl. Zeitung" entblödete sich nicht, den bayrischen Lan­desverband nach der Hamburger Tagung aufzu­fordern, einen eigenen Flottenverein unter dem .Patronat des Zentrums und mit Freiherrn von Würtzburg an der Spitze zu bilden.

Jetzt gewinnt ein nationalliberales Blatt, nämlich die „Nat.-Ztg.", den Mut, diesen Treibereien scharf entgegen zu treten und die völlige Grundlosig­keit dieser Angriffe auf das Zentrum, an denen sich das genannte Blatt bisher selber beteiligt hat, darzulegen. Es geschieht das allerdings nur in einer Zuschrift, aber da die „Nat.-Ztg." diese mit dem Vermerk in Abdruck bringt, daß sie von „wohlunterrichteter, in der Sache selbst gänzlich unbeteiligter Seite" stamme, so scheint das Blatt für die Zuschrift eine gewisse Autorität in An- sprach nehmen zu wollen. In der „Nat.-Ztg." wird nun festgestellt, daß das Zentrum mit dem bayrischen Landesverband des Flottenvereins nicht das Geringste zu tun hat. Kein kniziges Mitglied des leitenden Ausschusses ge- )crt dem Zentrum an und auch die Mitglieder des Landesverbandes, die bisher parteipolitisch hervorgetreten sind, zählen mit einer Ausnahme, wie das Blatt feststellt, zur nationalibera- »eit Partei und zum alldeutschen Verbände, und >ie eine Ausnahme bildet ein National-Sozialer. Freiherr von Würtzburg, den die „Rheim-Wests. Ztg." einen „Zentrumsangehörigen" genannt hat, ßehört nicht zum Zentrum und hat dies oft. ge­nug gezeigt.

< Die „Nat.-Ztg." erklärt auf Grund dieser Fest- 'tellungen, die Behauptung, der bayrische Landes- wrband des Flottenvereins stehe unter dem Ein- luß und der Herrschaft des Zentrums, sei ab- olut hinfällig, und man sollte sich doch )avor hüten, Angriffe gegen den Landes­verband und seine Leitung zu richten, die im pesten Fall aüf „völliger Unkenntnis" beruhten. Es sei mehr als bedauerlich, daß dem Landesverband und seiner Leitung statt wohlver- Mente Anerkennung und statt reichen Dankes Be­leidigungen zuteil würden. Wogegen sich diese Beieidungen in Wirklichkeit richten, geht aus den Grundsätzen hervor, welche der bayrische Landes-

verband bereits vor 5 Jahren für seine Agitatio­nen festgelegt hat, und welche jetzt von der „Nat.- Ztg." mitgeteilt werden. In diesen Grundsätzen ist ausdrücklich hervorgehoben, daß die Ziele deS Flottenvereins nicht mit politischen Fra- gen verknüpft werden dürsten, und daß die Frage der nationalen Wehrkraft zur See unbe- dingt aus dem Gebiete der Parteibestrebungen heraus hervorgehoben werden müssen. Der Ver­ein habe gtaum für alle.

Wir würden auf diese Feststellungen kein allzu großes Gewicht legen, wenn sie von nationallibe­raler Seite selbst erfolgt wären. Die Angriffe der Herren Keim und Gen. haben wir langst zu- rückgewiesen. Wir halten es aber für wertvoll, an der Hand der Mitteilungen der „Nat.-Ztg." noch einmal die Tatsache festzulegen, daß die Dif­ferenzen im Flottenverein nicht auf Meinungsver­schiedenheiten zurückzuführen sind, welche mit der Stellung des Zentrums zur Flottenfrage zusam­menhängen, sondern daß diese Meinungsverschie- denheiten vorhanden sind zwischen Mitgliedern des Flottenvereins, die politisch in demselben Lager stehen. Es handelt sich im wesentlichen rim einen Krieg Nationalliberaler gegen National- liberale, und unter diesem Gesichtspunkt gewinnen diese Dinge eine verschärfte Bedeutung, denn sie bilden den Beweis dafür, daß das Vorgehen der Herren Keim und Gen. auch in Kreisen ver­urteilt wird, die sich „national" und „liberal" nennen.

Deutsches Reich.

Berlin, den 1. Juni 1906.

* Seltsamer Weise schließt sich auch die ,Kreuzztg/ jetzt den Leuten an, welche baS Zentrum wegen seiner Haltung in den kolonialen Fragen verunglimpfen. Das konservative Or­gan leistet sich tn einem „Nachrufe für den Reichs­tag" folgenden Ausfall gegen daS Zentrum: „Das Zentrum stand diesmal keineswegs au: der Höhe ihrer parlamentarischen oder diplomati­schen Geschicklichkeit. Erzberger als Triumphator hatte den vorsichtigen Abg. Dr. Spahn in den Schatten gestellt. Erzbergers Kolonialprogramm, in der Zentrumspreffe ursprünglich desavouiert, siegte in der Partei. Direkte Kolonialfeindschaf fand ihren Ausdruck in der Ablehnung fast aller notwendigen Förderungen, und wie Erzberger vor Begmn der neuen Reichstagssession aller Welt verkündet hatte, er werde mit der Kolonial- Verwaltung grausame Abrechnung halten, so ge­schah es, und die gesamte Zentrumspartei folgte des Herrn Matthias Erzbergers Spuren." An diesen ebenso gehässigen, wie in der Behauptung von der Ablehnung „aller notwendigen Forde­rungen" unberechttgten Angriff gegen das Zen- trum knüpft die ,Kreuzztg/ noch weitere Ausfälle gegen das Letztere. Sie eignet sich auch die Be­hauptung an, das Zentrum allein habe das selbständige Reichskolonialamt zum Scheitem ge­bracht und meint, die Zentrumspartei habe jetzt auch allein die Verantwortung -für die weitere Entwickelung der Kolonialangelegenheiten zu tragen. Wir hätten nicht gedacht, daß die.Kreuz- Leitung^ es so weit an politischer Ehrlichkest emals hätte fehlen lassen können.

Dem Donnerstag abend verstorbenen Würzburger Theologie-Professor Dr. Schell widmet die .Germania' einen warmen Nachruf. Es heißt in demselben, derTod des Professors Dr.

Schell bedeute einen schweren Verlust für daS katholische Deutschland und die katholische Wissenschaft, einen um so schwereren Verlust, als nach menschlichem Ermessen dem erst 56- jährigen Manne noch eine beträchtliche Spanne Zeit für sein Leben und Wirken int Dienste der Kirche und der Wissenschaften beschieden zu sein schien. DaS Blatt erinnert auch an die Vor­gänge, welche sich an die Broschüre Schells „Der Katholizismus als Prinzip des gort- fchritteS" geknüpft haben. Professor Dr. Schell habe durch seine Unterwerfung unter das Votum der Jndexkongregation bewiesen, daß er un­beschadet seiner Liebe zur Wahrhett seine un­wandelbare kirchliche Treue zu erhalten verstand. Er gehöre zweifellos zu den hervorragendsten Apologeten der katholischen Kirche.

.-. Verschiedene Blätter knüpfen an die Se* förderung des nationalliberalen Landtagsab' geordneten, Lanbgerichtsrat Schiffer zum Kammer" gerichtsrat in Berlin Bemerkungen, welche dahin gehen, diese Beförderung stehe in einem gewissen Zusammenhänge mit der Tätigkeit des genannten Abgeordneten in der Schulfrage. Die ,Freie Deutsche Presse' weist darauf hin, daß der Abg. Schiffer kurz vor dem Zustandekommen des Kompromiffes über den früheren § 40 des Schul- gesetzentwurfeS mit dem Abg. Dr. Friedberg beim Reichskanzler Fürsten Bülow war.

* Zu dem Bomben-Attentat gegen daS spani­sche KönigSpaar schreibt die,Nordd. Allgem. Ztg.', nachdem sie die Meldungen über die Errettung des KönigSpaareS wiedergegeben hat; „Wir ver­zeichnen diese Mitteilungen mit aufrichtiger Freude über die Errettung des sympathischen jungen HerrscherpaareS, mit innigem Mitgefühl für die Opfer des Anschlages und mit tiefstem Abscheu gegen dessen ruchlosen Urheber."

* Der Reichskanzler hat dem Bundesrate den Blättern zufolge eine Vorlage unterbreitet, wo­nach die AusführungS - Bestimmungen zum Fleischbeschau-Gesetze dahin abgeänvert wer­den sollen, daß Vas Fleisch einfinniger Rinder unter gewissen Bedingungen als völlig genuß­tauglich erklärt wird.

* Der stenographische Bericht über die Reickstagssitzung vom vergangenen Samstag, in der das Reichskolonialamt zu Fall kam, liegt nunmehr vor. Die ,Nat.-Ztg.' gibt auf gründ der Abstimmungsliste ein Bild der Stellung der Parteien zu dieser Frage. Vom Zentrum haben 65 Mitglieder mit Nein, also gegen das Reichskolonialamt gestimmt, 8 Mitglieder mit Ja, enthalten haben sich 6, gefehlt haben 17, be­urlaubt waren 4. Von den Konservativen und den Reichsparteilern haben 44 mit Ja, 1 mit Nein gestimmt, gefehlt haben 27, ent­schuldigt waren 3. Von den Nationallibe­ralen stimmten 39 mit Ja; gefehlt haben 10, beurlaubt waren 3. Von den Freisinnigen und den Deutschen Volksparteilern haben 13 mit Ja, 1 mit Nein gestimmt, enthalten hat sich 1, gefehlt haben 12, beurlaubt waren 7. Von der wirtschaftlichen Vereinigung und den Antisemiten stimmten 10 mit Ja, 1 mit Nein. Enthalten haben sich 2, gefehlt hat 1, beurlaubt waren 8. Von den 11 Elsässern stimmten 5 mit Ja, die übrigen 6 fehlten. Von den Polen wurden 5 Nein abgegeben, es fehlten von ihnen 6, 1 war beurlaubt. Von den Welfen

stimmten 3 mit Nein, 2 fehlten, 1 war beurlaubt Von den Sozialdemokraten stimmten 66 mit Nein, 9 fehlten, 3 waren beurlaubt. Danach haben von dm Mitgliedern jener Parteien, bie mit ganz geringen Ausnahmen für das Reich-- koloniamt waren, nicht weniger als 56 unent­schuldigt bei der entscheidenden Abstimmung ge­fehlt. Da die Mehrheit gegen das Reichskolonial­amt nur 23 Stimmen betrug, so wäre es den Parteien der Minderheit ein leichtes gewesen, durch einen besseren Besuch der Sitzung das Re­sultat der Abstimmung zu ihren gunsten zu wen­den. — Wir bemerken übrigens, daß die .Nat.- Ztg.' dm ihr vorliegenden stenographischen Be­richt bisher nicht dafür benutzt hat, den Irrtum ihre- Parlamentsberichtes zu berichttgen, der da­von sprach, der Abg. Semler habe nur erzählt, Erbprinz zu Hohenlohe sei in der südwestafrikani- schen Bahnfrage in „indirekte Beziehungen" zum Kaiser getreten, während der genannte Ab­geordnete in Wirklichkeit Über direkte Beziehungen geredet hat.

* Die Kommission zur Vorberatung deS Ge­setzentwurfs, betreffend die Zulassung einer Berschuldungsgrenze für land- und forstwirt­schaftliche Grundstücke, hat, nachdem das Plenum vertagt war, noch die Spezialberatung der Vor­lage zu Ende geführt. Es waren eine Reihe von Abänderungsanträgen eingegangen, die vorwiegend redaktioneller Natur waren und von denen die meisten abgelehnt wurden, so daß der Entwurf wesentlich in der Fassung des Herrenhauses An­nahme fand. Von den Abgg. v. Bruckhausen (k.), Dr. Faßbender (Z.) und Glatzel (ntl.) war eine Resolution folgenden Inhalts vorgelegt: „Die Kommission wolle beschließm, die kgl. Staats­regierung zu ersuchen, zu veranlassen, daß in hervorragendem Maße die preußische Zentral­genossenschaftskaffe zur Mitwirkung bei der Ent­schuldung des ländlichen Grundbesitzes herange­zogen wird." Die Abstimmung über diese Reso­lution ist bis zur Verlesung des Berichtes in der Schlußsitzung verschoben. Die nächste Sitzung wurde auf dm ersten Tag der Plenarsitzungen nach der Vertagung festgesetzt.

* Zwei brillantenbesetzte Orden Kaiser Wil­helms I. sind aus dem Berliner Zeug­hause gestohlen worden. Es handelt sich um den türkischen Nischan-Jmtinz-Orden mit Brillanten und die dazu gehörige goldene Me­daille, die dem verstorbenen Kaiser vom Sultan verliehen worden war. Die Orden, deren Wert auf etwa 40 000 geschätzt wird, waren in dem Raum im Zeughause aufbewahrt, in welchem zahl­reiche Andenken an den verstorbenen Kaiser sich be­finden. Nach den Feststellungen der Polizei ist der Diebstahl in der vergangenen Nacht erfolgt. Der Dieb hat sich in dem Zeughaus am Abend vorher einschließen lassen und ist bann nach be­gangener Tat mittels eines 10 Meter langen Sei­les nach der Spree zu aus einem Fenster entkom­men. Das Polizeipräsidium hat durch Anschlag an den Säulen auf die Ergreifung des Täters bezw. auf die Wiederherbeischaffung der gestohle­nen Orden eine Belohnung von 1000 M ausgesetzt.

Ausland.

* Die Versammlung französischer Bischöfe beendete geftern ihre Arbeiten. Man glaubt, daß sich die Mehrheit für die Unterwerfung unter

Oie Helden -er ven-ee.

Historische Erzählung aus den Tagen der ftanzö- sischen Revolution.

Von Gustav Jordan.

^4] (Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung auS dem zweiten Blatt.)

Artur hatte die Instruktion bekommen, in der Richtung nach Bressuires zu marschieren, um sich womöglich mit den in jener Gegend lagernden Truppen zu vereinigen und mit ihnen nach Sau- gnur zu marschieren. Das Gerücht, daß sich im yelfennefte Morvelles' royalistische Parteigänger nit Mannschaften und ungeheuren Schätzen ver- wrgen hielten, war auch nach Nantes gedrungen, md so war es Artur freigestellt, wenn es die Umstände erheischten, seinen Marsch zu ändern tzind das „Royalistennest" zu belagern.

Damals hielten sich bei den republikanischen Ijeren Beauftragte des Nationalkonvents auf, mventskommissare genannt, welche bei dem ißtrauen, das in Paris gegen die Offiziere erschte, eine Art Aufsichtsrecht hatten, sich ge- ime Weisungen aus Paris kommen ließen und gebenenfalls die Pläne der Kommandeure durch genbefehl kreuzen konnten; ihre Macht war >e furchtbare, da sie, wenn sie es für nötig hiel- t, selbst die Kommandeure verhaften und wegen rrats an der heftigen Sache der Republik — oft ir es nur Nichtbefolgen ihrer höchst törichten «Ordnungen — auf die Guillotine bringen inten.

Wenn etwas den bitteren Auftrag, den Artur Erhalten, mildern konnte, so war es der Umstand, 4>aß man ihm keinen Konventskommissar beige- gcben hatte, weil fein Kommando zu geringfügig für eine derartige Maßregel war. Er selbst faßte Has als Ausfluß eines ganz besonderen Ver­trauens auf, das man in seine Person setzte, und »r gelobte sich dieses Vertrauen durch strenge Pflichterfüllung zu rechtferttgen.

Auf feinem Marsche kam er nur durch men­schenleere Gegenden. Die Bevölkerung hatte sich überall geflüchtet oder den felbstgewählten Füh­rern angefchlossen. Es wurde Artur schwer, sich Lebensmittel für seine vierhundert Mann zu ver­schaffen, und so beschloß er, einen kleinen Umweg zu machen, um die Soldaten auf sein eigenes Ge­biet zu führen, wo ja jedenfalls ausreichend für sie gesorgt werden konnte. Aber wie erstaunte er, als er auch hier alles verlassen fand. Das statt­liche Schloß lag düster da, die Läden waren ge­schlossen, niemand eilte, ihn zu begrüßen. Nichts regte sich, trotz des Jubelrufes der Truppen, die das Haus ihres Befehlshabers freudig begrüßten.

„Wo ist meine Mutter?" fragte sich Artur bestürzt und stürmte die ihm wohlbekannten Stu­fen hinauf zu den Gemächern seiner Mutter. Auch in diesem Flügel des Schlosses alles stumm, das Haus schien verzaubert zu sein. Artur durch­eilte die einzelnen Räume, um irgendwie Auf­klärung über den feltfamen Vorgang zu erhallen, da erblickte er auf dein Schreibtisch seiner Mutter einen Brief, dessen Aufschrift an ihn gerichtet war. Er erbrach ihn hastig und las:

„Mein lieber Sohnl Leon Ferrand teilte mit schriftlich mit, daß Du gegen die Vendeer mar- schieren und bei Deinem Durchmarsch hierher kommen werdest. Die Nachricht ist so furchtbar für mich, daß ich nicht an sie glauben mag. Leon hat für Dich Quartier bestellt, ich aber ziehe eS vor, meine Heimat zu verlassen, ehe ich in ihr bie Feinde meines Vaterlandes begrüßte. Gebe Gott, daß Leons Aussage nur eine Ausgeburt feiner böswilligen Phantasie ist. Ich begebe mich an die Küste unter den Schutz Charettes; wenn es mir möglich wird, fliehe ich nach England, dort wird mir Lady Campbell in London, mit der ich als Mädchen in gleicher Pension gewesen, eine Unterkunft gewähren.

Ich nehme meine Dienerschaft mit, ich will sie dem Elend des Krieges nicht preisgeben. Mein Haus bleibt offen. Wenn ein Vendeer es betritt, wird er in Ehrfurcht vor dem Unglück nichts an- rühren — vor dem Vandalismus der Republi­

kaner schützt kein Schloß und kein Riegel, davon zeugt der Brand von Bressuires. Solltest Du, mein Sohn, an der Spitze der Republikaner stehen, so wirst Du ja wohl die Stätte verschonen, wo Deine Wiege gestanden und Deine Mutter glück­lich war. Und so sehr ich unser Haus liebe, ich wünschte eher, daß es in Flammen aufgehe, als daß dieser Brief an seine richtige Adresse gelangt. Sohn, Sohn, wenn Du gegen uns Krieg führst, schone wenigstens die Weiber und Kinder. Denke an die beiden Mädchen von Bressuires, Deine Cousinen I Und wenn Du es im unglücklichen Frankreich nicht aushalten kannst, ein Opfer ge­teilter Pflichten und Empfindungen, komme zu Deiner Mutter, die Dich trotz alledem mit offenen Armen empfängt."

Artur war von dem Inhalt des Schreibens tief erschüttert. Wie sehr mußte seine Stellung­nahme die Mutter schmerzen. Sie nannte ihn ein Opfer geteilter Pflicht ynd Empfindungen. Da hatte sie das Rechte getroffen, und jetzt noch mehr als früher legte sich das Bewußtsein, in unerträglichen Verhältnissen seiner Soldaten- iflicht nachzugehen, wie ein Alp auf seine Brust. Aber trotz seiner heißen Liebe zur Mutter be­unruhigte ihn das, was sie ihm von Bressuires geschrieben, fast! noch mehr als die Flucht seiner Mutter, die er ja für geborgen halten konnte. Bressuires in Flammen I Denke an die beiden Mädchen von Bressuires, hieß es in dem Briefe. Das klang so unheimlich dunkel! Waren sie in )en Flammen umgekommen? Johanna, deren er nie vergessen gekonnt in allen Drangsalen dieser Zeit, seine Geliebte, ein Opfer des Feuers? All­mächtiger Gott? Das kann nicht fein, das darf nicht fein!

„Ich muß so schnell wie möglich aufbrechen, um Gewißheit zu erlangen", sagte er und eilte hinaus. Die Soldaten erschraken über den Ans- wnck seines Gesichts. Er sah blaß aus, seine mil­den Züge waren wie versteinert, wirr flogen ihm i)ie Haare um die Stirn, er hatte seine Mütze ab­genommen, er achtete dessen nicht. Besorgt sahen hn die Leute an. Ob der Bürger <-•

krankt war? Aber Artur ließ ihnen nicht viel Zeit zum Nachdenken, denn schon erscholl da- Hornsignal zum Aufbruch.

Den Soldaten paßte der schleunige Abzug gar­niert, und die Unteroffiziere machten schon Miene, dem Kapitän Vorstellungen zu machen, aber bei dem finsteren Ernste, der auf seinem entschlosse­nen Antlitz lagerte, hielt sie es doch für geraten, ohne weiteres zu gehorchen. Dafür entschädigten sie sich unterwegs durch grimmige Aenßerungen.

„Das Nest war leer, wir hätten es ausräuchern sollen", meinte Sergeant Liard.

„Der Bürger Kapitän hat noch sehr unbürger­liche Angewohnheiten", antwortete sein Kamerad Poussin.

„Art läßt nicht von Art", erwiderte Liard, „wir werden ihm auf die Finger passen müssen."

„Ich fürchte, der Mantl lockt uns in die Mitte dieses heimtückischen Landes und liefert uns dann feinen werten Genossen aus."

Hätten die Menschen gewußt, unter wie schwe­ren Qualen Artur litt, als er schweigend daher­ritt, sie hätten wohl ihren losen Mund gehalten. Aber hätten sie auch volles Verständnis für die Tiefe seiner Seelenpein empfinden können?

Artur wurde aus seinem Sinnen durch ein dumpfes Geräusch aufgeschreckt. Er hielt fein Pferd an; er hörte dasselbe Dröhnen aus der Ent­fernung her. Er ließ auch feine Truppen Halt machen, sprang vom Pferde und stieg einen Hügel hinan. Die Möglichkeit eines feindlichen Zusam­menstoßes hatte in ihm alle fremden Gedanken verscheucht, und er begann mit voller Geistesgegen­wart zu operieren. Er bemerkte zwischen den Hecken hindurch, etwa noch 600 Schritt entfernt, sich fortbewegende Massen. Auch vernahm er deut­lich Pferdegetrappel und dumpfes Poltern. Der Zug kam dem seinen entgegen. Ohne Zweifel waren es Truppen mit Kanonen; da blitzten in der Sonne einige Sensen. Es waren also Bauern, Vendeer, Feinde.

tForffetzung folgt.)