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Rotatiousdruck u. Verlag der Zuldaer Ae« tiendruckerei in sfulda. Zernsprecher Nr. 9.

M 123.

Fulda, Mittwoch den 30. Mai 1906.

33, Jahrgang.

Erstes Matt.

):( Um fehlt Vertuschung!

Was wir erwartet hatten, ist eingetroffen: Die Hetze gegen das Zentrum anläßlich der Entscheidung des Reichstags gegen das selb- ständige Reichskolonialamt geht los, und zwar ■in vollem Trompetentone. Die ,Nat.-Ztg/ führt natürlich den Reigen an. In einem Artikel, be­titelt: „Das deutsche Volk und die Klerikal- Demokratie" gießt das führende nationalliberale Organ die volle Schale seines Zornes über das .Zentrum aus und sucht alle nichtkatho­lischen Kreise gegen das Zentrum mobil zu machen.

Unter „Klerikal«Demokratie" versteht die ,Nat.-Ztg.' die süddeutsche Klerikal-Demokratie' und in einem merkwürdigen Gedankengange ver' ■steift sich das Blatt auf den Nachweis, daß es sich bei der Behandlung der kolonialen Fragen seitens des Zentrums lediglich darum gehandelt habe, der „süddeutschen Klerikal-Demokatie im ^Zentrum zum Siege zu verhelfen. Auch das Auftreten des Zentrumsführers Dr. Spahn in der letzten Reichstagssitzung hat die,Nat.^Ztg.' nicht davon überzeugen können, daß das Zen­trum als solches bei seiner Stellungnahme gegen das Reichskolonialamt die naturgemäßen Folgen aus der Lage gezogen hat, welche durch die Ver­treter der Verbündeten Regierungen selbst ge- ichaffen war. Es verlohnt sich nicht, gegen eine lerartige verschrobene Auffassung der Dinge an* ukämpfen. Hier ist nur das Wort anwendbar: MnderS als sonst in Menschenköpfen malt sich M diesem Kopf die Welt!"

Nicht minder verschroben als die Ansicht der !,Nat.-Ztg/, daß es sich für das Zentrum den ganzen Winter und das ganze FÄhjahr hin­durch der Kolonialpolitik gegenüber nur um parteitaktische Fragen gehandelt habe, ist die Dlnschauungsipeise des Blattes in Bezug auf die Stellung des Zentrums zu den schwebenden kolonialpolitischen Fragen. Für die,Nat.-Ztg.' steht es fest, daß in den letzten Reichstags- sttzungen „alles niedergebrochen ist, was die Zukunft von Süd-Westafrika und die wirt­schaftlich vernünftige Verwaltung unserer Schutz­gebiete überhaupt sicherstellen soll". Zum Be­weise dafür führt das Blatt die Ablehnung der letzten Bahnforderung an, obwohl bewiesen ist, daß das Reichsschatzamt gegen die Wetter­führung der Bahnlinie von Kubub nach Keet- irnarmshoop Bedenken erhoben hat. Als weiterer ^Beweis für ihre Behauptung gilt der /National- Leitung' die Ablehnung der Fordemng für die Farmentschädigung, obwohl Prinz zu H ohen- lohe selbst zugestanden hat, daß eigentlich keine genügenden Unterlagen für die be­treffende Forderung vorhanden sind.

Aber alles das ist nebensächlicher Natur- Die Hauptsache für die ,Nat.-Ztg.' ist, daß die Ablehnung des Reichskolonialamtes einen Mann [getroffen hat, der aus seiner „festen evangelischen ^Gesinnung kein Hehl gemacht hat". In unver­blümter Weise macht die ,Nat.-Ztg.' dem Zen- srum dm Vorwurf, daß eS aus rein persön­lichen Gründen die Fordemng des Reichs­kolonialamtes zu Fall gebracht habe, und zwar lediglich wegen des Protestantismus des

Die Helden der vendee.

Historische Erzählung aus den Tagen der sranzö- stschm Revolution.

Don Gustav Jordan.

10] (Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung auS dem -wetten Blatt.)

Der Hauptbestandteil der Bevölkerung war in J>er Vendee die bäuerische. Städte gab es da gar nicht, nur einige wenige Marktflecken bildeten den Mittelpunkt weit auseinanderliegender Ottschaf- len. Der Landmann war nur selten Eigentümer seines Hofes, meisten- saßen Pächter auf den Meiereien, die von den adligen Grundherrm ab­hängig waren, aber ihr Verhältnis zum Adel war fein patriarchalisch-freundliches; von persönlicher Unfreiheit war keine Rede mehr. Frondienste, die im übrigen Frankreich den Haß der Bauern 'gegen ihre Herren erregten, waren abgeschasst, die Pacht blieb, so gut es anging, in denselben Fa­milien, und die Grundherrm ließen ihre beson­deren Besitzungen durch TagelÄhner besorgen. $ein Druck von oben, keine Klage von unten, so lebten die Menschen hier ferne von dem hastigen Getriebe der Welt. Wie sollte man hier die in Blut getauchte Umwälzung mit Frmden begrüßen, die rhnen nichts gab, als was sie schon hatten, und nur manches raubte, was ihrem religiösen Gefühl Heuer wäre Als sich aber die Revolution gegen die Dingliche Familie selbst wandte, und eine Schre- Äensnachricht nach der anderen aus Paris hierher­prang, da bemächtigte sich aller ein heißer Zorn -Hegen die Wüteriche, und es bedurfte nur eines Äußeren Anlasses, um den glimmenden Funken zur verzehrenden Flamme anzufachen.

Die Bewohner der Vendee liebten ihre heimische Scholle über alles, und sie fanden am Militärdienst keine Freude, der sie ihrer Heimat entführte und fie etnem Zwange unterordnete, an den sie in ihren einfachen Verhältnissen nicht gewöhnt waren. Es

für die Leitung dieses Amtes ausersehenen Prinzen zu Hohenlohe. Die ,Nat.-Ztg.' spricht vom „Zeitalter des Uebermuts der Katholiken­tage" und spitzt ihre ganzen Ausführungen da­hin zu, daß das Zenttum durch seine Abstim­mung lediglich seine Herrschgelüste habe zum Ausdruck bringen wollen.

Auf dieser Grundlage baut sich dann ein fulminanter Angriff gegen das Zentrum und seinen Einfluß im Reiche auf. Das national» liberale Organ faselt davon: „Im Lande draußen wachse rasch der heilige Grimm darüber, daß in allm Stücken das Zentrum berechtigt sein solle, dem Reiche seinen Willen zu diktieren."

Nur die Regierung sei bis in die letzten Tage hinein für alles blind gewesen, was sich am hellen Tage entwickelte. Sie allein habe dem naiven Glauben gehuldigt, als ob doch noch eine nationale und politisch gemäßigte Richtung im Zentrum durch freundliche Be­ziehungen in der Herrschaft über die Partei er­halten und verstärkt werden könnte. Jetzt müsse in der weiteren Gestaltung der Beziehungen der Regierung zum Zentrum ein Wandel eintreten. Schließlich könne und müsse eine nationaldeutsche Negierung es doch nicht einfach geschehen lassen, )aß dem Protestantismus, wo er den Mut einer vollen Ueberzeugung habe, geradezu Fausi­ch läge ins Gesicht versetzt werden; noch chlimmer könne es nicht werden, oder Deutsch- and werde einfach der „klerikalen Demokratie" überantwortet werden. „Es muß anders, es muß besser werden", ruft die,Nat.-Ztg.' aus und fügt hinzu: „Wir glauben die Stimmung im Lande richtig dahin zu kennen, daß sie jeden Respekt vor der Autorität der Regierung aufzugeben willens ist, wenn die unerhörten Herausforderungen der letzten Tage nicht durch kraftvolle Vorbereitungen auf eine selbständige, führende und von nationaler Entschlossenheit durchdrungene Regierungspolitik beantwortet wird."

Echt nationalliberal! Die ganze Jäm­merlichkeit dieses Liberalismus offenbart sich in diesen Auslassungen. Weil man sachlich den Stand­punkt des Zentrums nicht anfechten kann, sucht der Nationalliberalismus die konfessionellen Gegensätze Ms Feld zn führen. Den Libera­lismus steckt er dabei in die Tasche, und zwar offensichtlichen Verletzungen des konstitutionellen Systems gegenüber. Vielleicht denkt die ,Nat.- Ztg.', der Hieb sei die beste Deckung und sucht die ganze Streitfrage auf ein anderes Gebiet zu verlegen, auf dem sie sich die Gefolgschaft aller kulturkämpferisch angehauchten Seelen versprechen darf. Aber dieser Vertuschungs-Versuch ist vergeblich. Wir stellen zweierlei fest: Erstens, daß der Staatssekretär Graf Posa- dowsky als Stellvertreter des Reichskanzlers die Antwort schuldig geblieben ist aus die Frage des Abg. Dr. Spahn, aus welchem Wege unter einem schroffen Wandel der An­schauungen im Reichsschatzamte die Forderung für die Wetterführung der südwestafrckanischen Eisen­bahn in den Etat gekommen sst. Wir stellen weiter fest, daß eine Verletzung des konsti­tutionellen Geschäftsganges erfolgt ist durch den beseitigen Verweser des Kolonialamtes.

Der nationalliberale Abgeordnete Dr. ©ent» ter hat in der Reichstags-Sitzung vom Montag mit fast rührender Naivität festgestellt, daß sich

erschien nun ein Dekret des Nationalkonvents, das im ganzen Lande die Ausdehnung von drei­hunderttauend Mann anbefahl. Lange hatte man gezögert, dies Dekret auch im Westen zur Anwen­dung zu bringen, jetzt geschah es. Am 10. März sollten in St. Florent dreitausend junge Leute für den Kriegsdienst eingezeichnet werden. Die jungen Männer begaben sich dorthin, aber sie wei­gerten sich, zu losen. Der Kommandeur der Na­tionalgarde ließ vor die Ungehorsamen eine Ka­none aufpflanzen und sie auf dieselben abfeuern. Niemand wurde getroffen. Die Vendeer stürzten sich auf die Kanone, deren Bedienungsmannschaft lief weg, auch die Offiziere und die Beamten, denen das RÄrutterungsgeschäft oblag, flohen, die Bau­ern bemächtigten sich des Gebäudes, in dem die Konskriptton hätte stattfinden sollen, sie verbrann­ten die Papiere und verteilten unter einander die Regimentskasse, ohne daran zu denken, was ihnen der nächste Tag bringen werde. Da gab ihnen ein junger Mann, namens Foret, Anleitung und Rich­tung. Am folgenden Tage wollten ihn die Gen­darmen verhaften, er war darauf vorbereitet; mit einem Schutz aus seinem Gewehr streckte er einen der Gendarmen nieder, die anderen zogen sich zn- rück. Darauf lief er in die Kirche, läutete die Sturmglocke und predigte den herbeiströmenden Scharen den allgemeinen Ausstand. In wenigen Tagen bäte er eine gewaltige Truppe um sich, ebenso machte es Stofflet, der bis dahin Förster beim Herrn von Mcmbvier gewesen, ganz besonders aber getoann die Bewegung an Ausdehnung, als sich ihr Cathelineau anschloß, ein Manu, der durch fein biederes, festes Wesen im ganzen Lande in hohem Ansehen stand. Kaum hatte er von den Vor­gängen in St. Florent gehört, als er sich an die Spitze bewaffneter Bauern stellte. Das ganze Land flammte arss, und zu den bäuerlichen Führern gesellten sich Söhne des vornehmen Adels, von denen Heinrich de Larochejacquelin den begeistert­sten Anhang hatte.

Der größte Teil der Vendee bestand aus einem Hochland, das man das „Gebüsch" zu nennen

der Erbprinz zu Hohenlohe über den Kopf des Reichskanzlers hinweg mit dem Kaiser in der Frage des Bahnbaues und der eventuellen Zurückziehung^der Trup­pen in Südwestafrika in Verbindung ge­setzt habe. Weiß davon die ,Nat.-Ztg.' nichts? Ihr Brandartikel sagt kein Wort darüber; ihr Bericht über die betr. Sitzung des Reichstages enthält eine Fälschung. Nach diesem Bericht hat der Abg. Semler erzählt, Erbprinz zu Hohen­lohe sei „indirekt" mit Seiner Majestät in Beziehung getreten, um die Zusicherung der Zu­rückziehung von 5000 Mann unter der Voraus­setzung des Bahnbaues zu erlangen. In lieber« einstimmung mit unserem Bericht melden aber die Berichte aller anderen Blätter, z. B. der der ,Köln. Ztg.', der ,Nordd. Allg. Ztg.' nsw., daß der Abg. Semler von „direkten" Verhand­lungen zwischen dem Erbprinzen zu Hohenlohe und dem Kaiser gesprochen hat. Das heißt also: Von Verhandlungen, die unter Mißachtung der verfassungsmäßig allein platzhaben­den Verantwortlichkeit des Reichskanz­lers erfolgt sind. Die „andauernd starke Be­wegung im Hause", welche nach allen Berichten diesen Worten des Abg. Semler folgte, beweist, daß der Reichstag sich mit Blitzesschnelle der Bedeutung dieser Feststellungen bewußt geworden ist. Nichts konnte die Erklärung des Abg. Dr. Spahn: Wie sehr es not tue, die Kolonialver- waltung der Verantwortlichkeit des Reichskanz­lers auch weiterhin unterstellt sein zu lassen, besser begründen, als diese Mitteilung des Abg. Semler.

Bevor wir uns mit der ,Nat.-Ztg.' in eine weitere Polemik einlaffen, mag sich das Blatt über diese Sachlage äußern. Unseres Er­achtens wäre es für ein Organ, das sich „national" und „liberal" nennt, wohl geraten, sich mit dieser verfassungswidrigen Behandlung von Reichsangelegenheiten zu befassen, statt eine plumpe Hetze gegen eine Partei einzuleiten, die in diesem Falle sich als Schützer unserer ver­fassungsmäßigen Reichsorganisation erwiesen hat.

Deutsches Reich.

Berlin, den 29. Mai 1906.

* Heber die Verhältnisse im Flottenverein gehen der .Deutschen Tageszeitung' aus den Kreisen des Vereins Mitteilungen zu, wonach in der nichtöffentlichen Sitzung auf der Hauptver­sammlung in Hamburg die Vertreter der ver­schiedenen Richtungen scharf aneinander geraten und die Leitung des Vereins sich „bittere Wahr­heiten" hat sagen lassen müssen. Wenn schließ­lich die in der Hauptversammlung angenommene Resolution einstimmig genehmigt worden sei, so habe hierbei das Bestreben bei allen Vertretern mitgewirkt, nach außen einig zu erscheinen. „In diesem Smne", heißt es in der Zuschrift, „kann man von einem Siege der Leitung nicht sprechen; aber er dürfte sich sofort in einen Pyrrhussieg verwandeln, wenn die Leitung, das ist das Prä­sidium, sich nicht ernstlich bemüht, berechtigten Wünschen der Unterabteilungen nachzukommen, und wenn es nicht davon Abstand nimmt, seine Ansichten als ein Evangelium hinzustellen und jede abweichende Meinung mit allen Mitteln zu unterdrücken. Denn daß die Unterverbände zu einem großen Teil nicht gewillt

sind, den Heißspornen in der Leitung des Vereins ohne weiteres zu folgen, ist auf der Hamburger Tagung klar zum Aus­druck gekommen. Gerade die bayerische Gruppe hat hierüber niemand im Zweifel gelassen. „Die .Deutsche Tageszeitung hat schon mehrfach als Organ der Gemäßigten im Fottenverein gedient, so daß wohl auch die vorstehenden Auslassungen als eine an die Adresse der Vereinsleitung ge­richtete Warnung von dieser Seite anzusehen ist. Das genannte Blatt stellt auch die Behauptung richtig, daß die Nichtwiederwahl des Freiherrn von Würtzburg in das Präsidium eine Nieder­lage der gemäßigten Richtung gewesen sei. Frhr. von Würtzburg habe überhaupt nicht zur Wahl gestanden, da er klipp und klar erklärt hatte, eine Wiederwahl nicht annehmen zu können. Der an seiner Stelle präsentierte Oberstleutnant von Spieß habe zehn Stimmen mehr als General Keim erhalten, der mit 30 Stimmen hinter den anderen bisherigen Mitgliedern des Präsidiums zurückgeblieben war. Ein Vertrauensvotum für General Keim und ein Sieg der schärferen Rich­tung könne das nicht genannt werden.

* Die wichtigsten Ergebnisse des Wettpost­kongreffes, der am Sonnabend in Rom feier­lich geschlossen worden ist, sind für das Publikum die Herabsetzung des internationalen Briesportos — statt nach Gewichtssätzen von 15 Gramm wird nach solchen von 20 Gramm gerechnet, und für schwerere Briefe werden für die ersten 20 Gramm 50 Cts., für die folgenden je 15 Cts. erhoben —, sowie die Einführung von Antwortwertzeichen, die in Form von Koupons im Nennwerte von 25 Cts. von dem internationalen Postbureau in Bern hergestellt und an die Vereinsverwaltungen abgegeben wer­den, die sie wiederum mit einem Aufschlag, der nicht unter 3 Cts. betragen soll, an das Publi­kum verkaufen. Ter Empfänger eines Briefes mit einem derartigen Koupon hat diesen bei den Postanftalten seines Landes gegen ein Landes­wertzeichen umzutauschen, das er zur Frankierung seines Antwortbriefes benutzt. Die Erwartung, daß die Erhöhung des einfachen Briefgewichts von 15 auf 20 Gramm u. a. die Folge haben würde, daß England, einem, mehrfach geäußerten Wunsche der eigenen Handelskammern entsprechend, nunmehr Schritte zur Annahme der Grundform des metrischen Dezimalgewichts tun würde, scheint sich, der ,Voss. Ztg.' zufolge, nicht zu bestätigen. Nach einem ,Times'-Artikel hat sich die britische Postverwaltung vielmehr das Recht gewahrt, an Stelle des Gewichts von 20 Gramm die Nnze englischen Gewichts (gleich 28,34 Gr.) zu setzen, was für die englische Handelswelt einen erheb­lichen Vorteil gegenüber anderen Ländern bedeuten würde.

** An Zöllen und gemeinschaftlichen Ber-' brauchssteuern, sowie anderen Einnahmen des Deutschen Reichs sind im Monat April zur An- schreibung gelangte Zölle 34,981,843 Mk. (gegen das Vorjahr — 1,945,585 Mk ), Tabaksteuer 632,977 Mk. (— 48,607 Mk.), Zuckersteuer 9,057,792 Mk. (4- 1,787,340 Mk.). Satzsteuer 3,607,700 Mk. (+ 235,920 Mk.), Maischbottich- steuer 55,32 k Mk. (—81,972 Mk.), Branntwein­verbrauchsabgabe und Zuschlag 10,618,519 Mk. (+ 1,316,757 Mk.), Brennsteuer 667,789 Mk. (4- 199,351 Mk.t, Schaumweinsteuer 411,459 Mark (— 57,563 Mk.). Brausteuer 2,947,460 Mark (-)- 113,415 Mk.), Uebergangsabgabe von

pflegte; dies Land ist ganz eigenartig gestaltet. Nur einzelne Hügelwellen erheben sich, die unter­einander in keinem Zusammenhang stehen, die Täler sind eng und wenig tief, ganz kleine Bäche fließen nach verschiedenen Richtungen, die einen ergießen sich in die Loire, die anderen in das Meer. UÄerall finden sich viele Granitblöcke. So gleicht dies Land, in dem es feine Bergketten, keine Fliiffe, keine ausgedehnten Täler, keine allgemeine Ab­dachung gibt, einem Labyrinthe. Selten findet man Höhen, welche die anderen Hügel derart be­herrschen, daß sie als Beobacbtungspunkte dienen könnten. — „Tas Gebüsch" ist mit Bäumen be­deckt. Man siebt dort nicht große Wälder, aber jedes Feld, jede Wiese ist von einer lebenden Hecke umgeben, die sich aus unregelmäßig gepflanzten Bäumen zusammenfetzt. Diese Bäume haben we­der einen hoben Stamm, noch breite Aeste; olle fünf Jahre wird ihr Nstwerk beschnitten, und der Stamm wird auf zwölf bis fünfzehn Fuß bloß gelassen. So bildeten die Bäume mit dem Strauch- und Buschwerk, das sie miteinander verband, eine natürliche Mauer um die Häuser, von denen dem Wanderer nur die Dächer sichtbar wurden. Ueberall ist der Gesichtskreis eingeschränkt. Eine einzige Straße, die von Nantes nach La Rochelle führt, durchschneidet das Land, sonst gibt es nur Feld­wege, die sich zwischen den Hecken hindurchwinden. Manchmal wölbt sich ein festes Laubdach über sie, wenn die Bäume an beiden Seiten des Weges ihr Gezweig bereinigen. Wenn die Wege längs eines Abhanges laufen, dienen sie ein?m Bache als Bett; sie sind mit Geröll bedeckt und gleichen öfters Trep­pen .denen hie und da eine Stufe fehlt. Kommt man auf das freie Feld, so trifft man regelmäßig auf einen Kreuzweg ohne Wegweiser, kein Haus, kein Kirchttirm gibt die Richtung an, und selbst die Eingesessenen verirren sich leicht, wenn sie sich nur wenige Meilen von ihrem Orte entfernen. Nimmt man noch hinzu, daß die schmalen Wege nach starkem Stegen morastig werden und sich im Winter bet anhaltender Kälte mit Glatteis be­decken, so kann man wohl begreifen, wie schwierig

die Kriegführung hier für diejenigen war, die nicht mit Land und Leuten vertraut waren.

Zu gleicher Zeit erhob sich die Bevölkerung des Flachlandes, das sich an das „Gebüsch" nach dem Meere zu anschließt. Das Flachland wurde Ma­rals, „der Sumpf", genannt wegen der vielen Moräste, die sich da bis an das Meer erstreckten. Tort war an einem Sonntag in 600 Kirchspielen Sturm geläutet, überall scharten sich die Bauern zusammen. Sie wollten nicht Soldat werden für die höllische, verhaßte Republik. Wenn wir uns schlagen sollen, hieß es, so wollen wir es hier tun, für unsere eigene Sache und gegen die, welche unseren König umgebracht und unsere Geistlichen verjagt haben.

So stand es im Frühjahr 1793.

Nur wenige schlossen sich der allgemeinen Sache nicht an, und zu diesen wenigen gehörte Artur de Bonneval, der während seines langen Aufenthaltes in Paris die republikanischen Ideen in sich einge- fogen hatte und von der völkerbeglückenden Macht der neuen Freiheit überzeugt war. Der Aufforde­rung, bei der allgemeinen Waffenerhebung dem Vaterlande feine Dienste zu widmen, war er nach­gekommen und hatte sich nach Nantes begeben, um sich genauere Instruktionen zu holen. Seine Be­sitzungen hatte er der Obhut seines Halbbruders Ferrand anvertraut, dessen radikal-republikanische Gesinnung chm nicht unbekannt war.

Nantes selbst war republikanisch gesinnt, und seine Einwohner begrüßten mit Freuden die 12 000 Mann Linientruppen, welche unter General ©ent­laus in die ehrwürdigen Mauern der Stadt ein­zogen.

Artur war des Abends in Nantes angelangt und in dem Gasthof abgestiegen, den er stets bei seiner Durchreise benutzte. Der Wirt begrüßte den Bürger mit einer Ehrfurcht, die eigentlich im Widerspruch mit der vielgerühmten republikani­schen Freiheit stand, bedauerte aber, ihm kein stan- beigemäfeeS Zimmer geben zu können, da alle besseren Räume durch den General und seine Offi­ziere vorweg aenommen 'eien. <r" f 1