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Maer

wochenbeklag«: „IMftttetteSomüagrzeitung

Fulda, Dienstag den 29. Mai 1906.

Erscheint täglich, mit Aurnahme 6er Sonn« und 8eiei tage. Viertel« Mrl. Bezugspreis ohne Vringerlohn und Bestellgeld in Mba mib auswSrtslM.5VPfg.

Rotationsdruck u. Verlag der Fuldaer Ae« tienbroderei in Zulba. 8ernsprecher w. 9.

Verantwortlicher Schriftleiter: 2. Baum; für die Anzeigen Z.parzLüer in Zulba.

An ze i gen: Vie ein spaltige PetitzeNe ober bereit Saum 15 psz. Reklamen bie Petitzelle 25 pfg.; bei Wieder­holungen wird rntspr. Rabatt gewährt.

Uhr. Es fehlten nur noch zehn Minuten. Ein

8]

(Nachdruck verboten.)

mir, daß er noch lebt, und daß ich ihn auch wi'eder-

Jch wünsche es Euch von ganzem Herzen",

_ Es war etwa eine Woche vorher gewesen, o weh! —Die Fenster lagen hoch und waren der- Kerschbaum war im Kruge des Dorfes eingekehrt, gittert. In größter Angst zog Kerschbaum die In letzter Zeit tvar das oster vorgekommen, denn I r' —

„Davon unterwegs mit Verlaub", unterbrach ihn Morvelles, „wir haben es eilig. Nun bringt einen großen Bogen Papier herbei und schreibt, was ich Euch diktiere. Ich selbst schreibe auch ein Exemplar meiner Proklamation."

Der Vicomte gehorchte dem Alten, "und als berde Gänsekiele gespitzt waren, diktierte Mor­velles: „Wer auch immer sich dem Schlöffe des Vi­comte von Bressuires, alias?" — Morvelles sah Bressuires fragend an. —

„Bürger de la Raye", erklärte Bressuires.

„. . . Bürger de la Raye nähert, der möge wis- sen, daß es unter dem Schutze der Truppen des Herrn Heinrich steht. Wird nur das geringste am Schlosse geschehen, geraubt oder geplündert, so hält sich der Graf Morvelles, der stolz ist auf den Na- men der Leuteschinder, an die drei Geißeln, die in seiner Hand sind, den Sergeanten Pantin und seine beiden Spießgesellen. Wird nur eine Leiste im Schlosse zerbrochen, so ist der Dreien Haut keinen Schuß Pulver wert."

Gerade wollte er die Schwelle überschreiten, da rasselte Tiger grimmig die Zähne fletschend, i heran. — Erschrocken prallte Kerschbaum zurück, ^r wollte jemand rufen, der den Hund abwehren sollte, aber es war niemand zu sehen. Was tun? Vielleicht war es möglich, auf gütlichem Wege den Wächter zur Freigabe der Passage zu gewinnen. Das war völlig vergebene Mühe, denn Tiger war für Schmeicheleien einfach taub.

ihnen steckt. Aus dieser Zusammensetzung heraus kann man auch einigermaßen das etwas unbe­holfene parlamentarische Borgehen dieser Körper­schaft verstehen, die in ihrer Adresse an den Zaren gezeigt hat, daß es ihr mit der Sache der wirklichen Volksfreiheit in Rußland heiliger Ernst ist. Allerdings muß vorläufig abgewartet wer- den, ob aus dem ersten tatkräftigen Vorgehen sich nicht schwerwiegende Konflikte entwickeln roerben.

! .Rach einem tiefen Atemzuge fuhr er fort: erfuhr, daß die Schule sich aufgelöst habe, daß die Leiter derselben ins Ausland geflüchtet seien, und daß sie die einzelnen Zöglinge unter sicherem Geleit in die Heimat entlassen hätten. Was unter diesem sicheren Geleit zu verstehen ist, weiß ich nicht, wohl aber ist mein Bertrand, mein einziger Sohn und mein Stolz, verschwunden Alle Nachforschungen halfen nichts; keine einzige Spur führte außerhalb Paris nach Westen. Vielleicht ist er in den furchtbaren Tumulten, die das heutige Babel durchtobten, umgekommen, vielleicht lebt er »och, aber wo und wie, ich weiß nichts, nichts,

Verzweifelnd sah sich der Gefangene um. Vielleicht war es möglich, durch's Fenster zu kom­men, denn hinaus mußte er, nud das bald. Aber

Die Helden der Vendee.

Historische Erzählung aus den Tagen der sranzö- sischen Revolution.

Von Gustav Jordan.

Für de« Monat Juni kostet die täglich erscheinende Fuldaer Zeitnng^ nur

fürchterlicher Grimm erfaßte ihn. Er hätte am liebsten den Hund erschlagen, aber nichts — rein gar nichts war im Stalle, womit er sein Vor­haben ausführen konnte.

Da hört er einen fernen Pfiff. In größter Wist riß er einen Stiefel vom Fuße, um den Wächter von der Schwelle zu jagen. Im Nu aber hatte Tiger den Stiefel mit feinen Zähnen erfaßt, um ihn regelrecht zu zerreißen.

Jetzt fuhr der Zug im Bahnhof ein. Und nun kam auch der Kreuzbauer gelaufen.

„Ach je — ich hatte Euch ganz vergessenl---

Nein, ist das aber schade!"

Kerschbaum schnappte nach Lust, um schließlich die Schleußen seiner Beredsamkeit fließen zu

wie ein Geier die Beute, umkreifte er den Brand­huberhof. Weil es gerade Sonntag war, befanden sich einige Gäste im Kruge, die mit grimmigen Blicken den Kerschbaum musterten. Dieser fühlte sich deshalb recht unbehaglich und verschwand bald.

„Herr Gott noch a mal!" wetterte der Kreuz» bauer: „Gibt's denn gar fein Mittel, um die bedauernswerte Witwe aus diesen habgierigen Klauen zu reißen?"

Und so redeten die Bauern hin und her, bis Schneidermeister Hinge! einen Vorschlag machte, der allgemeinen Beifall fand.

erst auf, als die Tür der Sänfte geöffnet tourbt Sie waren am Raubnest angelangt.

Die Sonne war eben aufgeftiegen und übergoß öie Landschaft mit rötlichen Lichtern. Mutrot war der Himmel, und da im Westen reckte sich der mächttge, plumpe Turm, in dessen Fenstern sich die Glut spiegelte.

„Willkommen, edle Gäste, in Lerocher l" sagte der Graf, indem er den Mädchen höflich heraus- half. —

Die Zugbrücke raffelte herunter. Sie betraten owselbe. Tief unter ihnen lag der Festungsgra­ben, von einer Eisdecke leicht überzogen. Die Mauern der Burg ragten finster und trotzig em­por. Im Torwege sahen die Mädchen, wie das eiserne Gitter, das mit scharfen Spitzen versehen war, zurückgeschoben wurde, um ihnen Einlaß zu gewahren. Mit offenbarer Neugierde beschauten sie sich die Burg, die ihnen uneinnehmbar schien. Das viele Gepäck wurde hereingeschafft und abge­laden, die Pferde in die Ställe geführt, die drei Gefangenen in das Verließ geworfen, in dem sie ewige Nacht umfing. Der Graf ordnete alles so umsichtig an, daß im Verlaufe von einer Stunde alles an feinem Platze war und jeder wußte, wo er hingehörte. Der Graf hatte die Burg, die dem Verfall zueilte, instand gesetzt, und fehlte es den Elfteren Räumen mit den dicken Mauern und den euchten Wänden auch durchaus an jeder modernen Bequemlichkeit, als vorläufige Zuflucht gegen Jein&e konnte man sich dies Quartier schon ge» allen lassen.

Die beiden Schwestern brachten das ihnen an­gewiesene, Gemach in Ordnung, und dann began­nen sie einen Rundgang durch die ganze Burg, sie suchten sich dadurch zu zerstreuen und von insteren Gedanken.abzubringen, und es gelang jrer Jugend auch. Bald sprangen sie in den dü- eren Gängen und auf den bröckligen Treppen umher, als seien sie harmlose Wanderer, die eine Burg um ihres romantischen Zaubers willen durch­stöbern (Fortsetzung folgt.

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chen, die andere Gefährte vor ihnen gezogen; ab und zu entstand Aufenthalt, weil das Gebüsch an der Seite so stark überhing, daß sich die Wagen kaum durchklemmen konnten. Es war ein glückst- Ker Zufall, daß sich der Sturm ganz gelegt hatte. So ging es stundenlang durch die Einsamkeit. Nur hier und da kam man an einer einsamen Meierei borbei, bereu Bewohner einen so gottgesegneten Schlaf hatten, daß sie von dem Lärm der Gefährte, dem Getrappel der Pferde und dem Peitschen- knallen nicht aufwachten.

„Ihr wolltet mir von Eurem Sohne erzählen, I verehrter Freund", sagte Morvelles zu Bressuires, nachdem sie eine Strecke stumm nebeneinander her­geritten waren.

„Mein Bertrand", erwiderte der Vicomte seus- zend. „Er ist verschollen seit mehr denn einem Jahr, diese wilde Zeit geht mit den Menschen­leben unbarmherzig um. Ich hatte den Knaben in eine adlige Schule nach Paris geschickt, er bekam bie besten Zeugnisse und versprach ein würdiger Bressuires zu werden. Vor anderthalb Jahren blieb jebe Nachricht von ihm aus, da machte ich mich selber nach Paris auf, um den Buben her- zuholen."

Kerschbaum war noch nicht zum Termin er­schienen, doch jeden Augenblick mußte et kommen, denn es fehlten nur wenige Minuten noch an der für den Termin anberaumten Stunde.

* *

lassen. Wie ein Platzregen auf eine dürre Wiese ergoß sich fein Groll über den Hund, den Ochsen, den Hof und den Bauer, dann lief er auf und davon.

Der Kreuzbauer lachte sich vergnügt ins Faust- chen.--

Weil Kerschbaum nicht rechtzeitig gekommen war, hatte der Notar den Termin um acht Tage hinausgeschoben. Unterdessen konnte die Wttwe das beheben, erlegte die Summe und die Löschung im Grund-Kataster wurde vorgenommen.

Der Brandhuberhof wurde richtig zu einer Sagemühle umgewandelt, doch ist ihr Besitzer ein Sohn der Witwe.

sagte Morvelles und reichte ihm die Hand mit war- mer Teilnahme, „nur glaube ich an sichere Gefühle, Ahnungen und dgl. sentimentale Schwärmereien mcht; ich halte mich an Tatsachen. Und Tatsache ist es also, daß Herr Heinrich de Larochejacquelin Führer in dieser Landschaft geworden ist? Wie alt ist der Mann?"

„Er ist eben 20 Jahre alt."

„Dann muß er ein außerordentlicher Mann fein, wenn man ihn, trotzdem er noch ein Knabe ist, gewählt hat."

„Aus feinen Augen blickt Heldenfeuer", er­widerte Bressuires, „er befiehlt, indem er bittet. Em wahrer Edelmann, großmütig."

„Großmütig, auch gegen den Feind?" unter­brach ihn Morvelles.

„Soweit ich ihn kenne", sagtd Bressuires, „liegt Groß- und Edelmut so sehr in seiner Natur, daß er ihn den Feinden gegenüber bewähren wird." _ „®aim ist er unser Mann nicht", rief der Gras heftig, „dem Verbrecher wie dem Feinde ge­genüber ist Gnade Schwäche, Großmut Unverstand. x$n diesem Kriege darf keiner Gefangener werden, das ist oberster Grundsatz. Hoffentlich lernt Herr Heinrich im Kriegerhandwerk fein Herz verhärten, er muß es lernen oder einem Herzenshärteren einen Platz räumen — Vernichtung der Satans­brut! Drauf und dran!"

Die beiden Schwestern saßen in der Sänfte und gingen ihren Gedanken nach. Wie viel Aufregung hatte ihnen dieser Tag gebracht, und was für Abenteuer standen ihnen noch bevor! Ihre Gedan­ken schweiften in die Ferne, wo ja auch ihre Aus­erwählten einem unsicheren Schicksal entgegengin­gen. Dazu die Schauer der Nacht, der Flucht, bie Scheu vor dem wilden Greise, dessen Gäste sie waren, und dem das grausamste Strafrecht gerade treng genug war. Aber die Mädchen waren jung, und ihre gesunde Natur siegte über alle Besorg­nisse; ein gütiger Schlaf schloß ihre Lider und erlöste sie von allen bangen Zweifeln. Sie wachten

Ki c. Der letzte Termin.

Eine traurige Geschichte mit lustigem Ende von Hans Hirsch.

Wenn die Witwe des verstorbenen Brandhuber heute nicht die Summe erlegen konnte, die auf .ihrem Besitze lastete, war's um den schönen Hof geschehen. Allen Anzeichen nach konnte sie es auch nicht, denn mit roten, verweinten Augen wankte sie in die Kanzlei des Notars.

„Leider nicht, Herr Notar. Der letzte Hagel­schlag hat mich eben zu schwer getroffen."

„Ich weiß, liebe Frau. Mir tuts auch leid genug um Euch und wenn ich helfen könnte, bei Gott, ich tät's; aber meine Söhne, die ich im Studium hab', kosten ein Heidengeld!"

»Ja, ja, lieber Herr Notar, Sie sind ein sehr guter Herr — und das wissen wir Bauern auch recht gut!"

»Schon gut — schon gut!" — wehrte der Notar ao „Doch zur Sache: Ihr könnt also wirklich nicht die viertausend Taler erlegen?"

„Heut kann ich's nicht, Herr Notar. Wenn's 'vier Tage später wär, dann wär mir geholfen. Meine Base in der Residenz, Gott schenk' ihr die ewige Ruh, ist gestorben und da wird am Diens­tag ihr Testament eröffnet. Und ich werde neun­tausend Taler erben."

„Was Ihr sagt, Brandhuberin — da wär Euch ja mehr als geholfen!"

„Freilich wär alles gut, wenn mir der Kersch- "baum Frist gibt."

Der Notar schüttelte traurig sein ergrautes Haupt.

DaS neue russische Parlament, welches sich letzt so energisch Geltung verschaffen will, ist aus Vertretern aller Volksschichten zusammengesetzt. Neben den wirklichen Intelligenzen sehen wir bärtige Bauern, die wahrscheinlich niemals von ihrer heimatlichen Scholle gegangen sind, neben dem Arbeiter den Beamten und Offizier. Es smd teflweise eigenartige Typen des russischen Volkes, Leute, denen man nicht ansieht, was in

„^ch denke, die Proklamation wird Eindruck machen", sagte der Graf mit einem gewiffen Stolz Dem Vicomte gefiel die entfchiedene Form ganz gut, und so ward das Schriffftück an der zweiten Tur des großen Portals befestigt, sodaß es nur sichtbar war, wenn die erste Tür mtt Gewalt ge­öffnet worden — sie wollten die Aufmerksamkeit nicht unnötig aus die Erklärung lenken und am < wen, aoer mo uno rote icti roetn mcvts ntr6+3 Eingang der großen Empfangshalle wurden noch aber emGeftihlws mich n?cht täuscke?kann wat E-emplare angenagelt. mir, daß er noch l?bt, und daß ich chn auch Wiede?

setzte sich in Bewegung. Auf dem sehen werde." r

glatten, schmalen Weg hielten sie sich in den Für»

, ..»Sauer, Ihr sollt' gleich mal zum Nachbar nuber kommen, die Bienen schwärmen!"

, .. „Sapperlot, rief der Kreuzbauer, da muß ich nüber! Nur einen Moment, Herr Kerschbaum!" Kerschbaum blieb noch ein Weilchen int Stalle, bann erinnerte er sich plötzlich, daß er ja zum Bahnhof müsse, um den Zug zu erreichen und

„Da macht Euch keine Hoffnung. Der wartet nur auf Euren Hof, den er baldmöglichst in feine Krallen wünscht. Er will ihn nämlich in eine Brettsäge umwandeln. Seitdem die Bahn Euer

selbstverständlich kein Erbarmen haben" den Termin nicht zu versäumen

Die Frau erbebt in heftigem Schluchzen. Sie "" '

sollte jetzt fort von der liebgewordenen Scholle, fort aus dem Haus, in dem sie durch zwanzig Jahre treu und unermüdlich geschaltet und ge­waltet hatte.

Der Tag, an welchem der Termin zur Zahlung 1 abgelaufen und Notar und Brandhuberin war- ; teten — war da.

Schon in der Frühe war Kerschbaum int Kruge Er wollte noch erfahren, ob sich nichts Besonderes ereignet habe. Der Wirt zuckte die Achseln und' meinte treuherzig: Der Herr Kerschbaum werde- doch em Einsehen haben und der Witwe so lange s Frist geben, bis sie das Geld aus der Erbschaft ■ erlegen könne. Die paar Tage werde er sich doch gedulden.

„Wie heißt gedulden! Ich habe lange genug Geduld gehabt. '

5Da trat der Kreuzbauer ein. „Kannst mir ’n Bittern geben — Wirt. So ’n-berget heut! Wollt per Fleischhauer kommen wegen dem Ochs, den ich m der Mast hab und es ist heute wieder nichts!"

Kerschbaum spitzte die Ohren. „Soll er zu verkaufen sein, der Ochs?"

„Freilich ist er zu verkaufen!" gab der Kreuz­bauer zurück.

„Hm — ansehen kann man das Tier doch."

„Gewiß! Seht ihn Euch an!"

Kerschbaum sah auf die Uhr. „Es muß aber geschwind gehn, fährt doch mein Zug in einer halben Stunde!"

„Sn einer halben Stunde kann man viele Ochsen ansehen. Ueberhaupt wohn' ich ja gleich daneben."

Richtig erhob sich Kerschbaum, um in aller Eile noch ein Geschäft abzuwickeln.--

Der Ochs stand einzeln in einem Stalle. Als man die Tür passierte, rasselte ein wilder Ketten- Hund heran.

„Leg' dich Tiger!" — rief der Bauer und ge- horsam kroch der Wächter in seine Hütte zurück. —

Mit Kennerblicken musterte Kerschbaum den Gemästeten. Das mar ein Prachtkerl, da ließ sich. em nettes Sümmchen verdienen.

Das Feilschen um den Ochsen begann. Da, man war eben im besten Zuge, kam eine Magd herbeigelausen.