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Rotationsdruck u. Verlag der Fuldaer Ar» tiendruckerei in Fulda. Fernsprecher Nr. 9.

M 121.

Fulda, Montag den 28. Mai 1906.

33. Jahrgang.

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■* Das Reichskolonialamt abgelehnt!

Wider alles Erwarten konnte der Reichstag jdie Abficht, am Samstag die Vertagung bis Mm 13. November eintreten zu lassen, eine Ab- Kcht, die am Bundesratstische in der bekannten toten Mappe, welche allerhöchste Verordnungen zu enthalten pflegt, in die Erscheinung trat, nicht zur Ausführung bringen. In später Abend­stunde, als alle Welt sich bereits mit Abfchieds- gedanken trug, brachte die Abstimmung über das Reichskolonialamt eine jähe Amderungder Situation zuivege. Mit starker Majorüät wurde die Forderung für dieses Reichskolonialamt ab» gelehnt. In der Mehrheit befand sich auch !mit geringen Ausnahmen das Zentrum. Zu ihm gesellten sich die Freisinnigen, die Sozial­demokraten, die Polen und andere kleine Gruppen, z Wenn auch die entscheidenden Gesichtspuntte ifür die Stellungnahme der Mehrheit des Reichs­tages selbstverständlich in den sachlichen ^Gründen liegen, die von Anfang an gegen die Delbständigmachung der Kolonialverwaltung gel­tend gemacht wurden, so läßt sich doch nicht verkennen, daß zu dem ablehnenden Beschluffe in nicht geringem Maße auch die Er­fahrungen beigetragen haben, welche seit der ersten Auseinandersetzung über diese Angelegen­heit aus den kolonialpolitischen Debatten in der Budgetkommisston 'und im Plenum des Reichs­tages geschöpft werden mußten. Mehr und mehr mußten die kolonialpolitischen Erörterungen den Eindruck erwecken, daß statt einer Erweiterung !ber Kompetenzen der Kolonialverwaltung eine straffere Zügelführung bei derselben durch den Reichskanzler vonnöten sei.

4 Wir betonen dabei ausdrücklich, daß diese Notwendigkeit in der Person und dem Pro­gramm des derzeitigen Verwalters unserer Kolonialen Angelegenheiten, des Erbprinzen zu Hohenlohe nicht ihren Grund hat. An dem guten Willen des Erbprinzen, Ordnung in die ^Kolonialverwaltung zu bringen, und das Reich por kolonialen Abenteuern zu bewahren, wird Niemand zweifeln, der das Auftreten des Erb­prinzen verfolgt hat. Eine andere Frage ist es, Eb alle anderen Stellen in der Kolonialverwal- ing das gleiche Vertrauen verdienen. Wir rauchen nur auf die Auslassungen des Obersten rbon Deimling in der Samstags-Sitzung des «Reichstags zu verweisen, um darzutun, daß in Pen Kreisen, die mit der Durchführung unserer

Vie Helden der vendee.

Historische Erzählung aus bett Tagen der franzö- fischen Revolution.

Von Gustav Jordan.

6] (Nachdruck verboten.)

/ „Du weißt, liebe Johaitna, das Vaterland ist ßn Gefahr. Vom Osten her bedrängen uns die Deutschen, im Norden die Engländer. Nun ist an piich der Ruf ergangen, für das Vaterland einzn- stehen, und ich folge dem Rufe unweigerlich, ja mit Begeisterung für mein geliebtes Frankreich, das guch anderen Völkern die Freiheit bringen will. Ach war früher Offizier, bis der Tod meines un­vergeßlichen Vaters mich zwang, den Abschied zu Nehmen, um mich der Bewirtschaftung meiner Gü- fcter zu widmen. Dor jetzt, wo jede Kraft unent­behrlich ist, fühle i<“.) mein altes Kriegerblut in Mir, und als ma* bei mir anfragte, ob ich mich M Nantes stellen wollte, um da eine Kompagnie zu übernehmen, die zu dem Heere, das gegen die Deutschen ficht, stoßen soll, da wußte ich: ich hatte jju gehorchen. Meine Mutter beschwor mich, doch picht dieser Republik zu dienen, die ihr verhaßt ist, ftber ich fragte sie: Soll ich Frankreich den Landes- Lein den preisgeben? und sie schwieg. Und so gehe ich denn nach Nantes und in einen Krieg, der mir Lorbeeren bringen soll; ich bin, ich muß es ge­sehen, etwas ehrgeizig. Es ist jetzt die Zeit, wo zunge Leute Ungeheures erringen können. Wer wußte früher etwas von Dumouriez? Niemand. Und sein Name ist in aller Munde. Ich erinnere mich da eines Offiziers, den ich in Paris kennen «ernte; es war ein junger Mann, der jedem durch fein Benehmen auffiel, klein, bleich, mit glühenden Augen. Es war ein armseliger Kerl, der nie Geld Satte, obgleich er nichts ausgab, ein Hungerleider. Winst sprachen wir in größerer Gesellschaft von der

KolonialpoMk betraut • find, Strömungen vor­handen find, die sich nur schwer den Grenzm anpassen, welche die übergroße Mehchett des Reichstags für diese Kolonialpolitik gezogen wissen will, und die allein mtt den Interessen des Reiches und der deutschen Steuerzahler ver­einbart sind. Wir gehen schwerlich fehl, wenn wir das Auftreten des Obersten von Deimling als den letzten „Nagel zum Sarge" des Reichs­kolonialamts betrachten.

Mit 142 gegen 119 Stimmen bei 9 Stimm­enthaltungen hat der Reichstag sich gegen ein selbständiges Reichskolonialamt entschieden. Der Versuch des Abg. Gröber, durch Aufnahme der Kommiflionsbeschlüffe, die bekannllich ein Unter­staatssekretariat für die Kolonialverwaltung in Aussicht nahmen, die Sache noch am Samstag zur Entscheidung zu bringen, scheiterte an for­malen Hindernissen und der Reichstag mußte sich entschließen, am Montag die Angelegenheit von neuem aufzunehmen, wenn er nicht an ver­schiedenen Stellen des Etats Lücken entstehen lassen wollte.

Ohne Umschweife geben wir der Erwartung Ausdruck, daß das Definitivum, welches am Montag geschaffen werden wird, dem heutigen Beschlüsse des Reichstags dem Sinne nach ent­sprechen wird. Wir sehen allerdings voraus, daß dann die ganze Hetze, welche von alldeut­scher und verwandter Seite früher gegen das Zentrum wegen seiner Stellungnahme gegen das Reichskolonialamt in Szene gesetzt worden ist, von neuem los gehen wird. Es wird weder an Anwürfen noch an Verdächtigung gegen das Zentrum fehlen. Diejenigen aber, die solche.Setz­gelüste in ihrem Busen fühlen, sollten sich doch sagen, daß sie damit der von ihnen vertretenen Sache den denkbar schlechtesten Dienst erweisen, denn sie veranlaffen ihre Gegner dadurch nur, das Sünd enregister unserer bisherigen Kolonialverwaltung von neuem aufzurollen, und kein Mensch kann behaupten, daß dieses Re­gister in bet letzten Zeit kleiner geworden sei. Im Gegenteil! Fast jede Verhandlung über kolonialpolitische Forderungen aus der letzten Zeit hat nicht nur einen sträflichen Mangel an Vor­aussicht und das Fehlen jeder wirtschaftlichen Finanzgebarung bei unserer Kolonialverwaltung klar gestellt, sondern auch manche dunklen Punkte anderer Natur ergeben.

Mag die Leitung unserer kolonialen Ange­legenheiten zunächst einmal beweisen, daß sie im engeren Rahmen der Geschäfte Ordnung zu schaffen weiß! Dann läßt sich zu geeigneter Zeit weiter darüber reden, ob eine Erweiterung der Zentralstelle der Kolonialverwaltung wünschens­wert erscheint.

Römischer wochenbrief.

Y Rom, den 22. Mai 1906.

Die Seligsprechung der acht spani­schen Märtyrer aus dem Dominikanerorden fand diesmal leider ohne die Teilnahme des hl. Vaters statt, welchem wegen seines alten Gichtleidens Schonung auferlegt worden war. Die Funkttonen verliefen in der oftbeschriebenen Weise, in Anwesenheit einer aus 300 Personen bestehenden spanischen Pilgerschaft. Der sünf- hunderijährige Todestag Christoph Colum­bus' ging in Rom ohne jegliche Erinnerungs­feier vorüber, denn hier streiten sich die Katho­liken mit den Liberalen, schon seit fast zwanzig

Zukunft Frankreichs und der der einzelnen. Große Talente können jetzt alles, sagte der Leutnant und fügte mit unnachahmlichem Stolz, der bei anderen lächerlich erschienen wäre, ihn aber ganz natürlich kleidete, hinzu: Ich fühle den Zeitgeist in mir, und wenn ich Herr Frankreichs bin, werde ich als Wiederhersteller der Ordnung begrüßt werden. Der Mann hieß Bonaparte, und er ist aus Korsika, merke Dir den Namen.

, „Das war eine Abschweifung ,die Dir sagen sollte, daß auch ich die Absicht habe, mir im Feld­zug Ruhm zu erwerben. Und über eins bin ich froh. Ich höre, daß Truppen gesammelt werden, um etwaigen Unruhen im Lande zu begegnen. Und ich fürchte, die Vendeer in ihrer royalistischen Verblendung brechen bald los, imd so werden Franzosen gegen Franzosen kämpfen. Mir bleibt es erspart, dabei mitzuwirken, ich marschiere gen Osten gegen die Ausländer. Wenn ich die Deut­schen auch schätze, — ich habe die Literatur dieses wunderlichen und wunderbaren Volkes studiert und lvahre Schätze gehoben, an die unsere Racine und Corneille nicht heranreichen — so sind es doch Fremde, Feinde meines Landes. Aber gegen Franzosen kämpfen zu müssen, wäre mir das Furchtbarste, was mir begegnen könnte, obgleich ich, wenn das Vaterland ruft, auch diesem Rufe folgen würde. Straft nicht auch der Vater seine Kinder, die vom rechten Wege abgewichen sind? So hat das Vaterland das Recht, sich gegen seine eigenen verirrten Söhne zu wenden.

„Ich hoffe noch einmal, teuerste Johanna, ehe ich in den Krieg gehe, nach Bressuieres zu kom­men, um — und so weiter."

„Das Weitere schenke ich Dir", sagte Lucie, „und ich bedauere Dich von Herzen. Aber Artur ist ja kein böser Mensch, er ist ein Schwärmer, ein Idealist. Er hat Rousseau gelesen, da stehen solche Sachen drin, und schließlich verdenke ich es ihm nicht, wenn er sich freut, sich für des Vater­landes Ehre zu jchlagen. Es ist ja nicht die Repu-

Jahren darum. Feiern die Einen, so protestieren die Andern. In Genua dagegen wurde der große Entdecker in sehr würdiger Weise gefeiert und u. a. ein Kolumbus-Museum eröffnet. — ®te katholische Bewegung in Italien hat einen Schritt vorwärts gemacht, dessen Folgen aber erst abgewartet werden müssen. Der „Wahlverein" erhielt einen Präsidenten in der Person des bekannten Journalisten und Direttors des Mailänder ,Osservatore Cattolico' Advokaten Meda. Es heißt indessen bereits, daß dieser mit der Absicht umgehe, seine Ent­lassung zu geben. Er wurde übrigens in seiner Abwesenheit gewählt. Der hl. Stuhl hat durchaus nicht die Absicht, bei etwa ein« tretenden Wahlen zum italienischen Parlament den offenen und ausübenden Katho­liken zu erlauben, als Kandidaten auf- zutreten. Dagegen wird er sehr wahrschein­lich gestatten, daß die katholischen Wähler ge­gebenenfalls ihre Stimmen einigermaßen an­nehmbaren konservattven (gemäßigt - liberalen) Kandidaten geben. Diese Bestimmung wird bei vielen einige Enttäuschung Hervorrufen, welche sich schon mehr oder weniger auf die Bildung einer Art von „deutschem Zentrum" in Italien vorbereitet hatten. Der „Volksverein" hat noch immer keine Mitglieder, wohl aber einen Präsi­dentschaftsrat, von dessen Angehörigen bis jetzt jedoch keiner den Mut hat, den Präsidentenposten zu Übernehmen. — Vom Vesuv ist wieder eine ganze Reihe von Unglücksbotschaften ge­kommen. Die durch den strömenden Regen der letzten Tage in Schlamm verwandelten Aschen- maffen wurden in die am Fuß des Vulkans gelegenen Ortschaften geschwemmt, woselbst sie alles zerstörten. Leider gab es auch Opfer an Menschenleben. Die dem Hülfskomitee zur Ver­fügung stehenden Gelder belaufen sich auf kaum 1700 000 Franken, während das vier- bis fünf­fache nötig wäre, um die angerichteten Schäden einigermaßen zu lindern. Die Sammlung des Kardinal - Erzbischofs von Neapel ergab fast 100000 Franken.

Die Parteiblätter des gestürzten Mini­steriums und vor allem das Mornale o' Italia" Sonnino's sind noch immer untröstlich über die Abstimmung in der Deputiertenkammer und machen ihrem Aerger bamit Luft, daß sie alle anderen Parteien, namentlich aber diejenige Giolitti's, in einer fast unerhörten Weise an­greisen. Dies Vorgehen verträgt sich eigentlich nur sehr wenig mit den konstitutionellen Prinzi­pien, nach welchen der Entschluß des Königs in keiner Weise beeinflußt werden soll. In den Wandelgängen der Deputiertenkammer geht es indessen sehr lebhaft zu. Giolitti bildet natürlich schon heute den Mittelpunkt für alle diejenigen, welche gern in's Ministerium eintreten oder wenig­stens Unterstaatssekretär werden möchten. Was bei alledem herauskommen wird, ist noch nicht abzusehen. Sonnino ist mehr oder weniger am eigenen Größenwahn gescheitert: zu viel Selbst­gefühl, zu große Versprechungen, aber zu wenig praktische Erfolge, eine Unmöglichkeit, auch nur einen kleinsten Teil seines an und für sich guten Programms durchzuführen. — Aus den Maga­zinen des Arsenals von Taranto wurden zehrr Tonnen voll Bronze gestohlen. Die Unter- suchung wurde sofort eingeleitet. Der Diebstahl s erregt um so größeres Aussehen, als 10 Tonnen Bronze keine Kleinigkeit sind.

Der römische Kassationshof ist berufen worden, über eine interessante Frage zu urteilen:

blik, es ist Frankreich, was er verteidigt, und so sollen unsere beiden Erwählten jeder, ein Held in feiner Weise werden, mein Heinrich hier im Kampfe gegen die jakobinischen Sendlinge, Dein Artur im Kriege gegen den äußeren Feind."

„Wenn nur alles gut ausgeht", seufzte Johan­na aus, „mich befällt eine schwere Ahnung, aber ich mag sie nicht aussprechen; mir ist, als müßte das gesprochene Wort auch wirklich das Unheil nach sich ziehen. Und Lucie, Lucie, hast Du gar keine Angst vor den Kämpfen? Wenn sie nun sterben —"

„So sterben sie den Heldentod, und das ist der schönste", sagte Lucie begeistert; „aber ich glaube nicht daran. Der Gedanke kommt in mir gar nicht auf, ich lebe der tröstlichen Gewißheit, daß mein Heinrich siegreich aus allen Gefahren hervorgeht. Ich sehe ihn Von meinen Augen, wie ihn der Lorbeer schmückt, ja noch Höheres weis­sagt ihm mein vorahnendes Herz; — was Dein Artur von jenem armseligen Leutnant schrieb — wie hieß er doch, es klang so italienisch, Bona­parte, richtig — das mag für meinen Heinrich gelten. Er stirbt nicht im Kriege. Er wird ver­wundet werden, das weiß ich, aber er wird genesen. Und ich werde an seinem Schmerzenslager sitzen und ihm die heiße Stirn kühlen und den Trunk an seine brennenden Lippen führen."

„O, wer so hoffnungsfreudig in die Zukunft schauen könnete wie Du", er widerte Johanna. „Aber mir erscheint alles trostlos schwarz, und daß Artur in seinem Herzen anders denkt als wir alle, die wir zu der großen Familie des Vendeer Adels gehören, erfüllt mich mtt schwerer Besorg­nis. Mir ist, als müßte ein Sturm, so furchtbar wie der heute nachmittag, alles hinwegfegen, was mir lieb und wert ist." —

„Sieh", erwiderte Lucie, die inniges Mitleid mit dem Widerstreit der Gefühle in Johannas Innerem hatte, „welch eine herrliche Nacht ist heraufgezogen nach dem Unwetter des Tages. Die ewigen Sterne funkeln so tröstlich, und so muß

Ist das italienische Ministerium des königlichen Hauses eine Privatbehörde oder eine staatliche oder wenigstens eine öffentliche? Es handelt sich um die Klage eines Beamten des königlichen Hofhalts gegen das genannte Ministerium. Dieser wurde entlassen, ohne daß ein Grund angegeben wurde. Bei staatlichen oder öffentlichen Be­hörden ist ein solches Verfahren bekanntlich nicht statthaft. Der Appellhof erklärte das Ministerium bereits für eine einfache Privatbehörde. — In Sant' Anastasia kam es anläßlich der dro­henden Lage durch die Schlammströme des Vesuvs zu erregten Szenen unter der Bevölkerung. Dir Nonnen der Kirche der Santa Katarina, welche äußerst bedroht ist, wollten die Statue der Hei- igen in Sicherheit und an einen anderen Ort wringen. Die Bevölkerung erfuhr von dieser Ab- rcht und wollte das Kloster und die Kirche türmen. Nur dem Eingreifen der dort statio­nierten Soldaten gelang es, die Nonnen vor der allgemeinen Wut zu schützen. Die Statue mußte an Ort und Stelle verbleiben. — Nicht weniger als sieben Mordversuche durch Messer oder Revolver weist der heutige römische Polizeibericht auf! Fast bei allen diesen Ver­brechen ist Eifersucht im Spiele. Im klebrigen vergeht kein Tag, an welchem nicht das Messer seine Opfer fordert. Alle Polizeiverbote haben sich bisher als unnütz erwiesen. Wenn das so fortgeht, wird Rom bald die gefährlichste Stadt Italiens werden. Und dabei nimmt die allge­meine Unwissenheit immer mehr zu. Sie hält gleichen Schritt mit der Verwilderung!

vermischtes.

* Schiller als Sachverständiger. Dieser Tag; wurde, wie die ,Tägl. Rundschau' meldet, vor dem Reichsverficherungsamt in Berlin eine Unsall- K verhandelt, in der mit Erfolg Schiller gegen lnsallärzttiche Annahme ins Feld geführt wurde, daß der Verletzte sich an Schädigungen, ja an Ver­luste von Gliedern völlig gewöhne. Einem Dülkener Samthandweber war vor drei Jahren durch Be­triebsunfall der kleine Finger der rechten Hand ver­loren gegangen, und die Seidenberufsgenossen« schüft lehnte voriges Jahr die bis dahin gezahlt« Rente für die Zukunft ab, „da der Zustand des Klägers sich wesentlich gebessert habe und als einzige Folge der Verletzung nur noch der glatte Verlust des Heinen Fingers besteht." Die Sach« kam im letzten Sttettgang vors Reichsversicherungs­amt, das Gutachten von Sachverständigen einzog. Das des Gewerberats berief sich dabei aus Schiller der ja auch einmal Mediziner war und feinen Wachtmeister in „Wallensteins Lager" sagen läßt:

„Zum Exempel, da hack' mir einer Von den fünf Fingern, die ich hab', Hier an der Rechten den kleinen ab. Habt ihr mir den Finger bloß genommen? Nein beim Kuckuck, ich bin um die Hand

gekommen!'

Dies dichterische Gutachten schlug durch, der SamUj roebei erhielt eine Rente von 10 Prozent zugebilligt.

♦ Auf Urlaub daheim. „Bist bann a scho amat ei'ß’fperrt roor’n beim Militär, Franzl?" — „Amoh Mntta! In Küchenschrank, wia die Gnäd'ge Jom» men is!"

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auch unser Kampf zu einem friedlichen, glücklichen Ende führen."

Im Gange ließen sich Schritte hören. Er«' schreckt horchten die Mädchen auf, und Johanna' borg den Brief schnell in den Falten ihres Kleides.

„Seid Ihr noch auf, Mädchen?" rief die laute Stimme des Vicomte von Bressuires.

Die Beiden öffneten die Tür und ließen ihren Vater herein, der ziemlich aufgeregt aussah.

„Ich habe späten Besuch bekommen", sagte er, „und Ihr müßt Euch bequemen, ihn zu empfangen' und Speise und Trank für ihn zu bereiten, denn, ich möchte nicht, daß die Dienerschaft unserem Ge­spräche lausche. Geht in den Saal, dort werdet. Ihr ihn finden."

Als die Schwestern, von dieser unerwarteten' Eröffnung überrascht, den Saal betraten, fanden , sie einen älteren Herrn vor, der sie mit polternder' Freundlichkeit begrüßte.

„Ich bin der Bürger Sezard, Ihr lieben Bür­gerinnen de la Raye", sagte er, indem er dabei übermäßig zu lachen anfing. „Erschreckt nur nicht, meine gnädigsten Fräulein, ich drückte mich eben nach Art der republikanischen Schufte aus, in Wirklichkeit bin ich der Graf Amadeus von Mor- velles, genannt der Leuteschinder."

„Woher denn dieser sonderbare Beiname, Herr Graf?" fragte Lucie, während Johanna ihm ein Glas Wein auf silbernem Teller darreichte. Bei­den kam der alte Mann mit dem rauhen Wesen und den verwitterten Zügen unheimlich genug vor.

„Warum ich der Leuteschinder heiße? fuhr der Gast fort, „die Sache ist nichts für zarte Damenohren; freilich jetzt, wo das Blut nur so stromweise auf der Guillotine fließt, laßt sich schon eher davon sprechen. In meiner Jugend, als ich regierender Herr , von Morvelles wurde, machte ich einmal von meinem Herren- und Jagdrecht Ge- brauch. Ein Bauer schoß mir meine Hirsche weg, um sein elendes Feld zu schützen, und da —"

(Fortsetzung tolat.1