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jw 121.

Fulda, Montag den 28. Mai 1906.

33. Jahrgang.

Arges Matt.

/. Der Reichstag

ist wider Erwarten am Samstag mit seinem Arbeitspensum noch nicht fertig geworden und wird am Montag noch eine Sitzung in dieser ^Session abhalten. Graf Posadowsky, der mit der bekannten roten Mappe am Bundesratstische erschienen war, mußte unverrichteter Sache roiebet abziehen. Überraschungen wird natürlich diese (letzte Sitzung am Montag nicht bringen und an der Beurteilung der gesetzgeberischen Arbeiten des Reichstages in der letzten Session wird sie nichts ändern.

Wie stellt sich die Bilanz dieser Session?

Diätengesetz, Reichsfinanzreform, Militär» Pensionsgesetze und Flottengesetz sind die vier Stationen, die den Weg kennzeichnen, welche der Reichstag zurückgelegt hat. Diese vier Gesetze stehen untereinander in einem gewissen Zu­sammenhang. Die Reichsfinanzreform mit den neuen Steuergesetzen bildete die Grundlage für 'bie Bewilligung des Flottengesetzes und die Militärpensionsgesetze, da sie die Deckungsstage für diese Gesetze erledigte. Ohne diese Er­ledigung wäre die Bewilligung der MUitärpen« sionsgesetze und des Flottengesetzes schwerlich er­folgt. Das Zustandekommen der Reichsfinanz­reform aber und der neuen Steuergesehe hing nicht zuletzt von dem Nachgeben des Bundes­rates in der Diätenfrage ab, da ohne dieses Nachgeben kaum auf ein beschlußfähiges Haus '311 rechnen gewesen wäre.

Das Diätengesetz geht in seiner Bedeu­tung weit über seinen eigentlichen Inhalt hinaus. Es'bedeutet gewissermaßen einen Friedens­schluß zwischen den Verbündeten Regierungen !und der Volksvertretung, die nahezu 40 Jahre (lang vergeblich Diäten verlangt hatte. Es be­deutet weiterhin unter den obwaltenden Um­ständen eine Willenskundgebung der Ver­bündeten Regierungen, die wichtigen gesetz­geberischen Arbeiten in einmütigem Zu­sammenwirken mit dem Parlament vor­zunehmen. Diese Verständigung war allerdings stn anbetracht der großen Aufgaben, die dem Reichstage gestellt waren, unerläßlich. Es zeigte sich das namentlich bei der Reichsfinanzreform und den Steuergesetzen, die erst nach außer­ordentlich langwierigen Auseinandersetzungen unter Dach und Fach gebracht werden konnten.

Die Etatsberatung, welche in diesem Jahre nicht rechtzeitig zu Ende geführt werden konnte, so daß ein Notgesetz notwendig wurde, führte vor allem zu ausgedehnten kolonial­politischen Debatten, in welchen mit unserer Kolonialverwaltung scharf ins Gericht gegangen wurde. Angesichts der geradezu horrenden Aus­gaben, welche unsere Kolonieen in den letzten Jahren erfordert haben, war das durchaus gerecht­fertigt. Auch die auswärtige Politik gab zu ausgedehnten Debatten Anlaß, wobei die Marokkoaffäre mit dem was drum und dran hing, die Hauptrolle spielte. Leider wurde der Reichskanzler Fürst Bülow durch seine plötzliche Erkrankung verhindert, in gewohntem Maße sich an diesen Erörterungen zu beteiligen.

An sozialpolitischen Ergebnissen war die Session leider sehr arm. lieber theoretische Ex«

Die Helden der vendee.

Historische Erzählung aus den Tagen der franzö­sischen Revolution.

Von Gustav Jordan.

7] (Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung aus dem zweiten Blatt.)

„Und da?" fragte Johanna mit zitternden ^Lippen.

Da ließ ich den Schuft an einen Baum binden und so lange durchpeitschen, bis er aus seiner eigenen Haut fuhr."

■ Beide Mädchen stießen einen Schrei des Ent­setzens und des Abscheus aus.

„Nun, nun", beschwichtigte der Alte, indem er Jein Glas hinunterstürzte, „es war mein gutes Recht und verbreitete heilsamen Schrecken, und , meine Jagd blieb weit und breit berühmt. Ja, das waren andere Zeiten, als Rad und Galgen /diese Schufte im Zaume hielt — fahrt nur nicht erschrocken zurück, ich bin der gutmütigste Kerl aus Erden, nur macht mir strenge Gerechtigkeit verteufelten Spatz."

< Die Mädchen, denen der alte Wüterich unheim­lich wurde, schmiegten sich furchtsam aneinander, und der Alte, der fühlen mochte, daß er in seinen blutgierigen Ergießungen zu weit gegangen sei, widmete sich der Flasche Wein. So saßen sie schwei­gend da. Da kam der Vater. Er erlöste die Mäd» .cljen, die mit dem wunderlichen Alien nichts an- zufangen wußten, aus einer peinlichen Lage.

i „Haben die Mädchen erfahren, was Ihr uns bringt, Herr Graf?" fragte der Vicomte.

„Ihre Schüchternheit gefällt mir gar nicht", antwortete der Alte mürrisch.

„Der Herr Graf", wandte sich der Vicomte an seine Töchter, „bietet uns allen Zuflucht in seiner Burg an. Ich nehme das edle Anerbieten mit iDank an, und es ist höchste Zeit, daß wir dies

kursionen auf dieses Gebiet kam der Reichstag nicht hinaus. Das angekünbigte Gesetz über die Rechtsfähigkeit ba Berufsvereine gelangte ebenso wenig an den Reichstag wie bie Krankenkassen­gesetzreform. Dagegen hatte sich bet Reichstag verschiedentlich mit handelspolitische «Fragen zu beschäftigen. Ein Handelsprovisorium mit England, ein gleiches mit den Vereinigten Staaten und ein Handelsvertrag mit Schweden gab An­laß dazu.

Zu bedauern ist, baß auch bie Initiativ­anträge unb bie Petitionen in bet ver­flossenen Tagung sehr stiefmütterlich be­handelt wurden. Petittonen gelangten fast gar nicht zur Erledigung, und von den Jnitiattvan- trägen, die behandelt wurden, verdiente eigentlich der Toleranzantrag des Zentrums größere Beachtung. Auch er gelangte nicht zur vollen Erledigung; aber er trug doch dem Zen­trum seinen starken moralischen Erfolg ein.

Wenn der jetzt abschließende Tagungsabschnitt demnach sich auch nicht durch eine große Zahl von erledigten Vorlagen auszeichnete, so waren doch die gesetzgeberischen Wette, die er zustande gebracht hat, von außerordentticher Bedeutung. Hoffen wir, daß unter dem Zeichen der Diäten ein rascheres Arbeiten des Reichstags ermöglicht wird. Zu den Diäten muß dazu allerdings noch eine starke Selbstzucht des Reichstags kommen.

Deutsches Reich.

Berlin, den 26. Mai 1906.

* Der Bundes rat hat, wie der ,Reichsan° geiget' mitteilt, in seiner am Freitag abgehaltenen Sitzung die Gesetzentwürfe betr. die Reichsfinanz­reform, die Ausgabe von Reichskaffenscheinen und Aenderungen einiger Vorschriften des Reichs­stempelgesetzes angenommen. Ferner stimmte der Bundesrat den vom Reichstage angenommenen Militärpensionsgesetzen zu.

* Der Abg. Dr. Porsch wurde in der Sitzung des Abgeordnetenhauses von einer so hochgradigen Heiserkeit befallen, daß er sich an der weiteren Diskussion über das Volksschulunterhaltungsgesetz nicht beteiligen konnte.

% Zu der Mitteilung der .Rheinisch-West­fälischen Zeitung', daß die parlamentarischen Spritztouren in Zukunft auf eine „formelle Ein­ladung" vom Reichskanzler hin stattstnden sollen, wobei in Wirklichkeit aber die Woerrnannlinie die Kosten tragen würde, macht die ,Freie deutsche Presse' nachstehende Bemerkungen, die der Be­rechtigung nicht entbehren: „Ei, ei! Also nur bie „formelle" Einladung? Das heißt: man mutet dem obersten Beamten des Reiches zu, von einer Privatgesellschaft, die vermöge der ihr ge­währten Reichssubvention in engsten Beziehungen zu der Reichsgesetzgebung steht, Trinkgelder an­zunehmen. Das wäre ja noch schöner! Wir betrachten es ohne Frage als sicher, daß Fürst Bülow berartigen Beeinflussungen von feiten ber Woermann-Linie durchaus unzugänglich sein wird, unb wenn er schon ein Freund parlamentarischer Besichtigungsfahrten nach den Kolonien ist, er­matten wir, daß die Billets auf Heller und Pfennig ohne Beanspruchung von „Vorzugs- Preisen" aus ber Reichskasse bezahlt werden. Allerdings würde der Reichstag die erforderlichen Mittel nur unter der Voraussetzung bewilligen, baß von feiten der Verbündeten Re-

Schloß verlassen, denn in einem Tage kann das Bataillon hier fein, das in Aubiers steht, sobald Meister Pantin und seine beiden Freunde vermißt werden."

„Wer ist Meister Pantin?" fragte der Graf.

„Das ist der Mann, der den ehrwürdigen Abbe Edgewotth verhaften wollte. Wir haben ihn und die zwei Milizen eingesperrt. Edgewotth ist unter Cathelineaus Schutz weg, er wird morgen das Meer erreichen, und dann hinüber nach England."

„So gebt Ihr mir Euer ganzes Haus in Schutz?" fragte der Graf. „Eure Dienerschaft und jene drei Gesellen?"

Der Vicomte bejahte, und im Gesichte des Alten leuchtete eine wilde Genugtuung auf.

„Ihr kennt doch das alte Raubnest, das feit- wärts am Wege nach Sollet liegt?" fragte der Vicomte seine Töchter. „Ost genug seid Ihr ja vorbeigeritten und habt Euch über den mächtigen Turm gefreut. Die Burg gehört dem Herrn Gra- fen; er hat im geheimen alles instand setzen las­sen, Zugbrücke und Bastione schützen vor einem Angriff, und da unser Schloß einem feindlichen Ansturm vorläufig nicht gewachsen ist, so müssen wir weg. So verdanken wir dem Herrn Grasen Rettung aus schwerer Not. Wann sollen wir auf­brechen, Herr Graf?"

„Die beiden Fräulein freuen sich gewiß, mein Raubnest von innen kennen zu lernen", erwiderte der Gras, „wenn sie es von außen schon oft ange- staunt haben. Und das fallen sie sobald als mög­lich. Drauf und dran, Herr Vicomte! Wecket Eure Dienerschaft, laßt packen, was Ihr das Wettvollste nennt, und sofort los! Wenn wir die Nacht be­nutzen, sind wir am frühen Morgen geborgen. Hier könnt Ihr keinen Augenblick bleiben, oder die Kerle guillotinieren Euch und Eure holden Töchter dazu! Drauf und dran! Ich pfeife meinen Leuten, die auf der nächsten Meierei halten, und nehmt zu Euch, was Ihr könnt. Vergeßt auch nicht, die ganze Speisekammer mkd den ganzen Weinkeller mitzunehmen, denn leicht könnte

gteningen bie Notwendigkeit unb Nütz­lichkeit solcherStudienfahtten einwandsfrei nachgewiesen würde. Noch bei Beratung des Diätengesetzes hat die Regierung gegen die un­beschränkte freie Fahtt der Abgeordneten auf den deutschen Bahnen sich mit der Begründung er­klärt, daß es nicht Sache des Parlaments, son­dern der Exekutive sei, Erhebungen zu veran­stalten. Die Regierung will es also, wie hier­aus hervorgeht, nach Möglichkeit verhindern, daß sich die Abgeordneten über die Verhältnisse in Deutschland aus eigener Anschauung infor­mieren. Wie sie demgegenüber nun Informations­reisen auf Staatskosten nach Afrika begründen könnte, darauf wären wir sehr gespannt.

* Zu dem Bolksschulunterhaltungsgcsetz und den bishettgen Verhandlungen darüber im preuß. Abgeordnetenhaufe bemerkt die ,Nordd. Allg. Ztg.': „Aus den bishettgen Abstimmungen wie aus den ihnen jedesmal vorausgehenden Diskussionen ging hervor, daß die Patteien gewillt sind, die Behandlungen im Plenum im Rahmen der Kommissionsbeschlüffe und auf Grund der dort erzielten, natürlich keine Partei ganz befriedigenden, aber zum Gelingen des ganzen Werkes notwendigen Kompromiffe fortzuführen. Immerhin muß es noch als ein schwieriges und Vorsicht erheischendes Stück Arbeit bezeichnet werden, die noch immer auseinandergehenden Anschauungen von Konser­vativen und Nationalliberalen auf ber schmalen zur Verfügung stehenden Grundlage zu vereinigen. Jedenfalls aber wäre es wünschenswert und der Bedeutung der Vorlage entsprechend, wenn die Einigung schon im Abgeordnetenhaufe und nicht erst, wie hier und da vermutet wird, auf dem Umwege über das Herrenhaus zustande käme."

* Die Flotten der Seemächte. Vor einigen Tagen wurde in London ein parlamentarisches Weißblatt ausgegeben, in dem der Stand der großen Weltflotten am 31. März 1906 dargestellt wird. Die Zahl der Linienschiffe der großen Weltflotten ist danach folgende: England 61, Frankreich 29, Rußland 12, Deutschland 31, Italien 16, Vereinigte Staaten 15, Japan 11» An gepanzerten Küstenverteidigungsschiffen besitzen Frankreich 9, Rußland 6, Deutschland 11, die Vereinigten Staaten 11, Japan 3. An Kreuzern aller Klassen besitzen England 114, Frankreich 57, Rußland 13, Deutschland 47, Italien 25, die Vereinigten Staaten 35, Japan 36. Die Torpedoflotte besteht in England aus 251, in Frankreich aus 301, in Rußland aus 247, in Deutschland au3 128, in Italien aus 152, in den Vereinigten Staaten aus 54 und in Japan aus 111 Schiffen. Höchst auffällig sind die Zahlen auf. dem Gebiete der Unterseeboote. Frankreich steht mit 39 dieser Boote an der Spitze. England folgt mit 25 und Rußland mit 13 Unterseebooten. Die Vereinigten Staaten haben nut 8 derartige Boote, Japan 5, Italien 2 und Deutschland begnügt sich mit einem einzigen. Die englische Flotte ist nach dem Weißblatt die einzige, die sogenannte Patouillenschiffe, Scouts, besitzt. Das Verzeichnis der im Bau begriffenen Schiffe läßt erkennen, daß England 6 Linien­schiffe 1. Kl., 10 gepanzerte Kreuzer, 18 Zerstörer und 15 Unterseeboote im Bau hat. Frankreich baut 6 Linienschiffe 1. Kl , 23 Zerstörer, 52 Torpedoboote und 32 Unterseeboote. Rußlands im Bau begriffenen Schiffe bestehen aus 4 Linien­schiffen 1. Kl., 4 gepanzerten Kreuzern, 1 gedeckten Kreuzer 1. Kl., 29 Zerstörern und 15 Untersee­booten. Deutschland baut 6 Linienschiffe 1. Kl.,

Schmalhans bei uns den Küchen- und Kellermei­ster spielen. Und vergeßt die drei Gesellen nicht, die nehme ich mit und werfe sie dahin, wo weder Sonne noch Mond scheint. Draus und dran!" Bald hallte das Schloß von dem Lärm des sluchtarttgen Auszuges wider. Und der ölte Graf half unermüdlich mit, und mit höhnischer Freude führte er die drei Gefangenen seinen Gefährten zu, die sich auf feinen weittönenden Pfiff herzu- gesunden hatten.

„Es sind republikanische Satansbraten, die prächtig schmecken sollen", fügte er mit grimmi­gem Witze zu.

4.

Es war etwas über Mitternacht, als der Aus­wandererzug aufbrach. Mit großer Eile war zu- sammengerafft und gepackt worden, was unent­behrlich und wertvoll erschien. Eine heitere Nacht begünstigte das Unternehmen. Auf mehreren Lei­terwagen befand sich das Bettzeug der Herrschaft und der Dienerschaft, eine Menge Küchengeräte, Brennholz, Körbe mit Wein und Eßvorräten. Der alte Graf Morvelles war unermüdlich und unter­stützte den Vicomte mit Rat und Tat; nach seiner Meinung war nichts vergessen worden. Morvel­les polterte und fluchte, und je derber er gegen das „Dienerpack" losfahren konnte, desto vergnüg­ter grinste sein runzeliges, grimmiges Gesicht.

Zwei Leute Bressuires eröffneten zu Pferde den Zug. Sie hatten Pfftolen in ihrem Halfter und eine Fackel in ihrer Hand, deren blutigroter Schein die Zigeunerszene magisch beleuchtete. Ihnen folgten die Wagen mit den Vorräten, denen zur Sette bewaffnete Leute Bressuires und Mor­velles gingen. Dann kamen wieder einige Be­rittene, denen die Sänfte folgte, in der Lucie und Johanna saßen. Den Schluß machten wiederum Berittene; die ganze männliche Dienerschaft war mit Waffen versehen. Die wenigen Mädchen und Fmnen, die zur beiderseitigen Dienerschaft ge­hörten, waren aus die Leiterwagen verteilt. Die drei Gefangenen befanden sich im letzten Leiter-

2 gepanzerte Kreuzer, 6 gedeckte Kreuzer 2. Kl., 6 Zerstörer und 1 Unterseeboot, das letztere ver­suchsweise. Die Vereinigten Staaten bauen ge­waltig. Sie haben 11 Linienschiffe 1. Kl., 8 ge­panzerte Kreuzer, 3 Scouts und 4 Unterseeboote in Arbeit, während Japan mit dem Bau von 4 Linienschiffen 1. Kl., 3 gepanzerten Kreuzern, 1 gedeckten Kreuzer 2. Kl., 25 Zerstörern und 2 Unterseebooten beschäftigt ist.

* Stimmungsbild aus dem Reichstage. Der Reichstag stand am Samstage im Zeichen der Diäten-Gouillotine, d. h. zum ersten Male waren die Listen ausgelegt, in welche die Abgeordneten, wenn anders sie sich nicht einen Diätenabzug von 20 Mark gefallen lassen wollen, ihre Namen ein­tragen müssen. Die Listen sind am Hauptein- gange zum Sitzungssaals ausgelegt, und zwar in 4 Exemplaren, die je eine bestimmte Gruppe des alphabetischen Namensverzeichniffes umfassen. Die Einzkichnung hat sich am Samstag trotz der An- Wesenheit von rund 300 Mitgliedern glatt voll­zogen. Einige Abgeordnete der Rechten haben aus ihrer Abneigung gegen die Diäten die Kon­sequenz gezogen und ihre Namen nicht einge­tragen. Andere Abgeordnete hatten sich zwar ein­getragen, hatten aber das Pech, die namentliche Abstimmung zu versäumen und müssen diese Ver­säumnis mit 20 Mark büßen. Das Gerücht will wissen, daß sich hierunter auch einige Herren be­rauben, die sich für einen Augenblick in gewisse Räumlichkeiten zurückgezogen hatten. Da rund 100 Mitglieder fehlten, hatte das Reich am Sams­tag eine Ersparnis von 3000 Mark gemacht. — Was die Verhandlung des Reichstages selbst an« belangt, so gestaltete sie sich sehr interessant in­folge eines Konfliktes zwischen dem Oberst von Deimling mit der Mehrheit des Reichstages. Noch bis vor kurzer Zett wurde Oberst v. Deim­ling im Reichstage gern gehört wegen feiner an­ziehenden Schilderung über die Kolonien. Es scheint fast, als ob der Beifall, den er erntete, ihm den Blick getrübt habe für die Beurteilung dessen, was im Parlamente schicklich ist und was nicht. Jedesmal, wo er in der letzten Zeit sprach, verscherzte er sich die Sympathie in steigendem Maße, und am Samstag hat sich ein völliger Bruch zwischen ihm und dem Reichstage voll­zogen. Es handelte sich darum, ob die Bahn von Kubub nach Keetmanshoop gebaut werden sollte. Die Mehrheit des Reichstages erklätte sich gegen den Bau und verlangte, daß man den Süden der Kolonie aufgeben solle. Da rief Oberst v. Deimling mit Pathos: „Solange ich in Süd- westasrika bin, wird der Süden nicht aufgegeben, denn darüber hat nur der Kaiser zu bestimmen." Wie sehr Herr v. Deimling daneben gehauen hatte, mußte ihm aus den Erwiderungen der Abgeordneten Gröber, Müller-Sagan und Sebebour klar werden. Oberst v. Deimling zog es vor, nicht mehr das Wort zu ergreifen, und auf feine Ungeschicklichkeit ist es zurückzuführen, daß Die Bahn mit sehr großer Mehrheit abge­lehnt wurde. Um den zu erledigenden Stoff in feiner Hauptsache zu bewältigen, mußten am Samstag 3 Sitzungen abgehalten und das Par­lament bis spät am Abend tagen.

Aus dem Reichstage.

112. Sitzung vom 25. Mai 1906. Eröffnung 11% Uhr.

Ohne Debatte erteilt das Haus dem Anträge des Bundesrats auf Vertagung b i s z u m 13. November seine Zustimmung. ______

wagen, sorgfältig bewacht und mit Ketten gefesselt, ein Entrinnen war nicht möglich. Die beiden Herren behielten sich vor, auf ihren schnellen Ros­sen den Zug zu überwachen und bald hier, bald da nach dem Rechten zu sehen. Die beiden Reiter, die den Zug eröffneten, waren des Weges kundig.

Ehe sich der Zug in Bewegung setzte, hielten beiden Herren noch eine Art Kriegsrat.

„Was habt Ihr denn, ehe Ihr nach Eurer kirch­lichen Faxe — verzeiht den Ausdruck, ich finde aber keinen anderen für derartige Theatereffekte — ich frage, was habt Ihr, ehe Ihr nach der Totenfeier auseinanderginget, beschlossen?"

„Heinrich de Larochejacquelin verpflichtete sich, in zwei Tagen mtt 1000 Mann in St. Aubin zu fein; für so viel Mann könne er einstehen. Wir anderen versprachen, ihm so viel zu schicken, als wir imstande wären, und zwar spätestens bis über­morgen abend um sechs. Dann kann er losmar­schieren und Aubiers überrumpeln, wo ein Ba­taillon steht. Sollte das Bataillon seine Stellung verändert haben, so muß auch Heinrich seinen Plan abändern; kurzum, wir haben vorläufig nichts als sicher hingestellt, als daß bis übermor­gen etwa 5000 Mann in der Nähe von Aubin sind."

Der Graf zupfte sich an feinem langen Barte und sagte: „Das ist auch das beste, denn vorläufig kann man die Sache noch nicht überschauen und muß sie sich selbst ausreifen lassen. Habt Ihr nun, werter Freund, alle Eure Kostbarkeiten mit« genommen?"

Bressuires erwiderte, er habe alles, was er an Gold und Kleinodien besitze, in einen Kasten ge­tan, der sich in der Sänfte unter der Obhut seiner Töchter befinde.

„Schade, daß Ihr keinen Sohn habt" sagte der Gras.

„So wißt Ihr von meinem Bertrand nichts?" erwiderte der Vicomte. Er ist jetzt vierzehn Jahre all, ein tüchtiger Bursche — sett langem habe ich nichts von ihm gehört. — Sein Schicksal ängstigt mich —’ (F. f.)