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Rotation,druck n. Verlag der Fuldaer »e> tiendrnckerei in Znlda. Zernsprecher Nr. 9.
JVS 118.
Fulda, Mittwoch den 23. Mai 1906.
33, Jahrgang.
Krstes Malt.
IMF* Wegen des Feiertags Christi Himmelfahrt wird die nächste Nnmmer unserer Zeitung erst am Freitag ausgegeben.
)(Das volksschulunterhattungsgesetz.
Im preußischen Abgeordnetenhause hat am Dienstag die zweite Lesung des Volksschulunterhaltungsgesetzes unter einer ^Beteiligung des Hauses ihren Anfang genommen, welche allein schon erkennen ließ, daß es sich um eine außerordentlich bedeutsame Angelegenheit handelte. Gegen die sonstige Gepflogenheit entwickelte sich zu Anfang der Beratung eine Art Generaldebatte, in welcher die verschiedenen Parteien ihre Stellung zu dem Gesetz darlegten.
Eingeleitet wurde diese Generaldebatte durc i eine Rede des Kultusministers, in welcher vor allem die Hoffnung auf eine Verständigunj über die noch strittigen Punkte zum Ausdrm1 kam. Einigermaßen überraschend war es, da der Kultusminister der Erste war, der von einem neuen nationalliberalen Anträge zum § 40 dem Hause Kunde gab. Dieser Antrag hat die Anerkennung des bisherigen Zustandes in der Berufunj der Rektoren zur Grundlage und bedeutet woh einen letzten Versuch der Nationalliberalen, daS Schulgesetz vor einer „konservativ-klerikalen Mehrheit" zu bewahren. Der Kultusminister hat den Antrag als ein Entgegenkommen gegenüber dem Standpunkte der Regierung bezeichnet, ihn aber in seiner jetzigen Fassung als nicht an nehm- bar behandelt. Da auf der anberen Seite die ,Nationalzeitung" von dem Anträge sagt, er gebe den Standpunkt wieder, von dem sich die Nationalliberalen unter keinen Umständen abbringen lassen würden, möchten nun die Dinge laufen wie ste wollten, so ist zunächst noch nicht abzusehen, auf welcher Linie hier die Verständigung gefunden werden soll, zumal die Konservativen den nationalliberalen Antrag vorläufig rb gelehnt haben. Freilich deuten die Anzeichen, welche schon in dem Einbringen des neuen nationalliberalen Antrags liegen, darauf hin, daß Bemühungen im Gange sind, eine Verständigung der Kompromißparteien herbeizuführm.
Das Zentrum hat sich darauf beschränkt, Abänderungsanträge einzubringen, die sich au die konfessionellen Fragen beziehen. In erster Linie hat es die Wiederherstellung der Regierungsvorlage in bezug auf die Errichtung von Simultanschulen innerhalb jener Schulverbände beantragt, wo bisher bereits Simultanschulen bestehen. Weiterhin verlangt es die Beseitigung der Bestimmungen, welche die Errichtung von Simultanschulen in anderen Schulverbänden ermöglichen, und befürwortet bei Ablehnung dieses Antrags die Herabsetzung der Bedingungen, unter welchen die Errichtung von Konfessionsschulen gestattet sein soll. Weitere Anträge des Zentrums sind auf eine Verstärkung des Schutzes der konfessionellen Minderheiten gerichtet, und schließlich beantragt das Zentrum, die Ausnahmestellung Nassaus in dem Gesetze zu beseitigen oder wenigstens erheblich einzuschränken.
Mit diesen Anträgen wird das Zentrum den schweren Bedenken gerecht, die auf katholischer Seite gegen die Beschlüsse der Kommission für das Schulgesetz gehegt werden und gehegt werden müssen. Es ist damit nicht gesagt, daß nicht noch andere Bestimmungendes Gesetzes dem Zentrum bedenklich erscheinen, aber das Schwergewicht liegt zweifellos in der Frage der Behandlung der Konfessionsschule. Die endgültige Stellungnahme des Zentrums behielt der Abgeordnete Dr. Porsch diesem für die dritte Lesung vor, und zwar mit Recht, da keineswegs abzusehen ist, wie sich die Beschlüsse des Abgeordnetenhauses gestalten werden. Daran, daß das Zentrum auf das Zustandekommen des Gesetzes im Interesse einer Regelung der preußischen Schulverhältnisse großen Wert legt, ließen die Ausführungen Dr. Porsch's keinen Zweifel. Wenn das Zentrum schließlich gezwungen sein wird, gegen das Gesetz zu stimmen, darf die katholische Bevölkerung Preußens davon überzeugt sein, daß es Gründe durchaus entscheidender Natur sind, welche die Partei dazu veran- lassen.
Wir erkennen durchaus an, daß das Gesetz in der Fassung, die es in der Kommission erhallen hat, auch in konfessioneller Beziehung einen Fortschritt bedeutet, und daß es in mancher Hinsicht wertvolle Bestimmungen für die Volksschule bringt. Schon die schroffe Gegnerschaft, welche sich auf freisinniger Seite gegen
Gesetz bemerkbar machte, und welche teil- weise in dem Tone der Kundgebungen der sozialdemokratischen Presse sich äußerte, muß den Schluß nahelegen, daß das Gesetz den Gegnern des kirchlichen Einflusses auf die Schule zum mindesten sehr unbequem ist. Unser Wunsch kann nur dahin gehen, daß es gelingen möge, durch die weitere Beratung und die endgültige Gestaltung des Gesetzes diesen Eindruck noch zu verstärken. Große Hoffnungen darauf, daß sich ■tiefe Erwartung bestätigt, hegen wir nach dem t heutigen Stande der Dinge allerdings nicht. 1
Deutsches Reich.
Berlin, den 22. Mai 1900.
* Ztt dem Anschreiben deS Kaisers an den Reichskanzler bemerkt die .Deutsche Tageszeitung^: „Die kaiserliche Kundgebung bedeutet nicht nur eine vollkommene Desavourierung solcher Gerüchte, sondern auch eine scharfe und hoffentlich wirksame Absage gegen gewlffe Machenschaften, die während der Erkrankung deS Fürsten Bülow im Werke waren und auf die wir gelegentlich hindeuteten. Der Kaffer hat in seinem Schreiben in einer Weise, die leinen Zweifel aufkommen und kein Deuteln zuläßt, seinem Kanzler, dem Volke und den Trägern jener Machenschaften gesagt, daß er nach wie vor volles und unerschütterliches Vertrauen zu seinem ersten Rab geber hege."
Dem Könige Karl von Rumänien widmet die ,Nordd. Allg. Ztg/ aus Anlaß seines 4Ojährigen Regierungsjubiläums an der Spitze ihres Blattes einen sehr warm gehaltenen Aufsatz, in welchem die Verdienste des Königs von Rumänien und das rumänische Volk hervor- gehoben werden. Rumänien — heißt es indem Aufsatz — habe sich unter bet weisen unb weitblickenden Führung des Königs als einen bedeutsamen Faktor der Friedenspolitik bewährt, die ihre Bemühungen auf die Bewahrung des Orients vor schweren Erschütterungen richte. Der Aufsatz schließt mit dem Ausdruck des Wunsches, daß es dem König vergönnt sein möge, auch fürderhin sein Land auf aufsteigender Bahn sich entfalten zu sehen, auf der Bahn zu wachsender Wohltat und Geltung als gewichtiger Faktor der Ordnung und des Friedens.
* Gegenüber der gestern erwähnten Meldung der .Freien Deutschen Presse', dem Erbprinzen zu Hohenlohe-Langenburg feien in feiner Eigenschaft als Vertreter des Direktors der Kolonial- Abteilung deS Auswärtigen Amtes Bezüge angewiesen worden, welche nicht nur das staatsmäßige Einkommen des Direktors der Kolonial-Abteilung, sondern auch das eines Staatssekretärs in der bisherigen Höhe überstiegen, stellt die ,Nordd. Allgem. Ztg/ fest, „daß der Erbprinz zu Hohenlohe-Langenburg bisher lediglich eine Remuneration in der Höhe des etatsmäßigen Diensteinkommens des Direktors der Kolonial-Abteilung bezogen hat."
* Das Ableben des antisemitischen Reichslagsabgeordneten Grafen Reventlow, der in der Nacht zum Dienstag im städt. Krankenhaus Wiesbaden gestorben ist, macht eine Neuwahl im Wahlkreise Rinteln-Hofgeismar erforderlich. Graf Reventlow, der diesen Wahlkreis seit 1903 vertritt, wurde damals in der Stichwahl mit 9543 Stimmen gegen den Sozialdemokraten gewählt, der 4030 Stimmen erhielt. Im ersten Wahlgange wurden für den Antisemiten 6426, den Sozialdemokraten 3488, den Nationalliberalen 2154, den Kandidaten der freifinnigen Volkspartei 748 und den Zentrumskandidaten 542 Stimmen abgegeben.
Dem Reichsschatzsekretär Freiberrn von Stengel ist aus Anlaß der Erledigung der Reichsfinanzreform im Reichstage nachstehendes Telegramm des Kaisers zugegangen: „Nachdem der Reichstag die Steuergesetzvorlaqm n dritter Lesung angenommen, ist es Mir Be- Dürsnis, Ihnen für Ihre hervorragenden Ver- Dienste um das Zustandekommen dieses für die Zukunft des Reiches so bedeutungsvollen Werkes der Reichsfinanzreform Meine wärmste Anerkennung auszusprechen. Als äußeres Zeichen Meiner Dankbarkeit habe Ich Ihnen den Roten Adlerorden erster Klaffe verliehen, deffen Abzeichen Ihnen alsbald zugehen werden. Wilhelm I. R."
** Stimmungsbild aus dem Reichstage. Daß ein Abgeordneter seine wahren oder ver- meintlichen Verdienste um das Zustandekommen einer Vorlage vor den Wählern in daS rechte Licht zu rücken sucht, ist menschlich begreiflich, daß er das aber auf Kosten anderer Abgeordneter tut, die mindestens ebenso viel Anspruch auf die Anerkennung der Wähler haben, ist gerade keine schöne Eigenschaft. Der national» iberale Abgeordnete Graf Oriola hat sich zweifellos im Reichstag um daS Zustandekommen der Militärpensionsgesetze verdient gemacht; ge- radezu widerwärtig war es ober, wie er am Dienstag im Reichstag durch eine Selbstbe- räucherung die Verdienste der Kommission in >er Oeffenllichkeit zu verdunkeln suchte. Als ein Akt der Genugtuung wurde es daher empfunden, daß der Abgeordnete Erzberger seiner Selbst. Gefälligkeit, die durch die Art seines Vortrages ■ wch gesteigert wird, entschieden entgegentrat, und !>ei Beratung des Militärpensionsgesetzes für die Mannschaften letztere belehrte, wie große Vor- eile ihnen durch die Kommissionsbeschlüffe zu Teil werden. Dieses Verdienst des Abg. Erz- berget wurde von dem Redner der Rechtm aus- drücklich anerkannt, und so war bas Haus in der Sage, ohne weitere längere Debatte den kommissionsbeschlüffen zuzustimmen. — Es folgte Dann die Beratung des neuen Nachtragsetats. Erbprinz Hohenlohe, welcher ihn vertrat, mußte bald erkennen, daß die Mehrheit nicht gesonnen .st, der Regierung auf ihrem Pfade zu folgen.
Die Kritik, die der Wg. Groeber an der Regierungsvorlage übte, war zahlreichen Leuten aus dem He^en gesprochen, und die Dinge werden voraussichtlich so laufen, daß ein Teil der Forderungen abgelehnt und der Rest in den Hauptetat emgereiht wird. EinstweUen ging die Vorlage an die Budgetkommission.
* Die Reichstags-Kommission zur Vorberatung einer Maß- und Gewichts-Ordnung setzte heute die Beratung der Vorlage fort. Nach der Beendigung der zweiten Lesung wurde auf Antrag Engelen (Zentr.) eine dritte Lesung beschlossen, und der § 16, der die Verstaatlichung der Eichämter betrifft, in der Hauptsache tn der Fassung bet Regierungs-Vorlage wiederhergestellt.
* Die Zenttumsftaktion des Reichstags wird mit Rücksicht auf die Gestaltung der Knappschaftsnovelle im Abgeotdnetenhause der »Germania^ zufolge den Antrag einbringen, im 8 74 des Krankenkaffengesetzes die geheime Wahl der Knappschafts-Aeltesten vorzuschreiben.
* Zur zweiten Beratung des Schulunterhaltungsgesetzes hat das Zentrum im Abgeordnetenhaus einen Antrag eingebracht, wonach Absatz 1 des § 20, nach welchem in einem Schnl- verbande, in dem nur Simultanschulen bestehen, weitere Schulen nur auf derselben Grundlage errichtet werden können, in der Regierungsvorlage wieder hergestellt werden soll. Die Absätze 4 bis 10 des § 20, welche von der Errichtung neuer Simultanschulen handeln, sollen gestrichen werden. Für den Fall der Ablehnung des letzteren Antrags soll in Absatz 9 die Voraussetzung für die Errichtung einer Konfessionsschule auf Antrag der gesetzlichen Vertreter der Kinder an das Vorhandensein von 40 bezw. 80 Kindern statt 60 bezw. 120 geknüpft werben. Ferner soll bem § 20 folgender Absatz am Schluß hinzugefügt werden: „An einer Volksschule der im Absatz 4 bezeichneten Art (Simultanschule) muß die Zusammensetzung des Lehrkörpers möglichst der konfessionellen Zusammensetzung der Schüler entsprechen. Der Leiter einer solchen Schule muß der Konsrffion der Mehrheft der die Schule besuchenden Kinder angehören." Im § 21 soll der Schlußabsatz, d. h. die Bestimmung gestrichen werden, daß, wo ein Lehrer für eine Minorität von 12 oder mehr Kindern den Religionsunterricht erteilt, dieser Lehrer auch mit Erteilung anderweitigen Unterrichtes betraut werden darf. Und endlich soll im § 23 die Voraussetzung für die Beschulung konfessioneller Minderheiten gleichmäßig an <i>ie Zahl von 60 Kindern geknüpft ein. Weiter wird beantragt, daß die Aus- nahmestellung Nassaus beseitigt wird. Für ben Fall der Ablehnung dieses Antrags soll der oben erwähnte Paragraph 20 Absatz 1 auf Nassau entsprechend Anwendung finden. Zu etzterem Antrag ist der Eventualantrag gestellt. Daß § 25, welcher von Nassau handelt, folgenden Wortlaut erhalten soll: „In Orten, in welchen ein Schulsystem von wenigstens 5 auffteigenben klaffen für Kinber der evangelischen ober katho- ischen Konfession gebilbet werden kann, findet Der § 20 Absatz 1 Satz 2 entsprechende An- wendung. Satz 2 betrifft die Genehmigung der Schulaufsichtsbehörde.
* Die Kommission des Reichstags ür das Automobilpflichtgesetz nahm heute den § 6 des Entwurfs mit folgendem Antrag Bur- läge (Zentr.) an: Die Vorschriften des Gesetzes finden keine Anwendung, wenn der Unfall bei dem Betrieb eines Fahrzeuges verursacht wird, das eine bestimmte Geschwindigkeit nicht überschreiten kann und mit einer amtlichen Marke versehen ist. Die Geschwindigkeft wird durch eine mit Zustimmung des Bundesrats zu er- lassende kaiserliche Verordnung bestimmt; die Bestimmung kann auf demselben Wege ergänzt und abgeändert werden.
. Aus dem Reichstage.
109. Sitzung vom 22. Mai.
Eröffnung ty4 Uhr.
Das Andenken des verdorbenen Abgeordneten Grafen von Reventlow (Antis.) ehrt das HauS in üblicher Weise.
Rechnungssachen.
Die Uebersicht der Reichs-Ausgaben und Einnahmen für das Jahr 1904 wird nach dem Kommissionsantrage — Berichterstatter Abg. Horn- Neisse (Ztr.) — durch Kenntnisnahme erledigt, ebenso die allgemeine Rechnung über den Reichshaushaltsetat für 1901 und der Bericht der Reichs- schuldenkommisfion.
Die Kommission beantragt, dem Reichskanzler für die 1901er Rechnung Entlastung zu erteilen.
Der Kommissionsanttag wird angenommen.
Es folgt der Bericht der Reichsschuldenkommis- ston vom 3. März 1906 über die Verwaltung des Schuldenwesens des Deutschen Reiches usw.
Der Bericht wird durch Kenntnisnahme für erledigt erklärt.
Es folgt die Beratung des Militärpen- sionsgesetzes für die Mannschaften.
Die Diskussion über die Hauptparagraphen ist wie bei dem gestern erledigten Osfiziersgesetz eine gemeinschaftliche; für die übrigen Paragraphen liegt ein Antrag auf en dloe-Amrahme vor.
Die verschiedenen Redner, die zu Worte kamen, bedauerten, daß nicht noch mehr Härten durch daS Gesetz beseitigt würden. Sie erklärten sich aber sämtlich für die Annahme der Vorlage. Auch die Sozialdemokraten werden ihr zustimmen.
Abg. Jtschert (Ztr.) machte bei der Besprechung noch daraus aufmerksam, daß die Vorlage keine Bestimmung enthält, wonach Beschädigungen im Duell keinen Anspruch auf Rente geben.
Kriegsminister von Einem gab hieraus die Erklärung ab, wenn es tatsächlich vorkomme, daß einjährige Unteroffiziere ober Vizeseldwebä „ihren gesunden Menschenverstand verleugneten" und sich schlagen, dann würden etwaige Beschädigungen nicht als im Dienste erlittene gelten und keine Rente gezahlt werden.
Schließlich wurde das Gesetz einstimmig angenommen.
Ebenso werden einstimmig angenommen die von der Kommission vorgeschlagenen Resolutionen (Anrechnung eines Teils der Militärdienstzeit auf das Besoldungsdienstalter der Militäranwärter; bessere Ausbildung der Kapitulanten; Ausdehnung der Verbesserungen der Militärpensionsgesetze auf die Reichsbeamten; Nichtberücksichtigung einer Duellablehnung bei Dienstunsähigkeitser- klärungen).
Es folgt die erste Beratung der Nachtragsetats zum Reichshaushaltsetat und zum Etat der Schutzgebiete. Die Nachtragsetats fordern u. a. für Verbesserungen auf dem Gebiete des Ingenieur-, Pionier- und Verkehrswesens 550 000 M, zur Förderung der Syphilissorschung 100 000 M, für Fernsprechzwecke 4 000 000 M, zur Verstärkung der Schutztruppe in Südwestafrika 570 000 zur Entschädigung an die Farmer 10 Millionen M, zur Förderung der Besiedelung 500 000 -jft,, für den Bau einer Eisenbahn von Lüderitzbucht nach Kubub (zweite Rate) und Fortführung der Bahn nach Keetmanshoop 5 Millionen M, zum Ankauf von Reit- und Zug- tieren für die Zivilverwaltung rund 493 000 <M.
Der Verweser des Kolonialamts Erbprinz Hohenlohe machte bei Begründung der neuen Forderungen Mitteilungen über den Stand der Kriegsoperationen in Südwestafrika. Nachdem Morenga gefangen ist, soll die Zurückziehung der Truppen möglichst beschleunigt werden. Oberst Deimling wird das Kommando der Schutztruppen übernehmen. Man erwartet von ihm, der die Schwierigkeiten im Reichstage, Gelder für die Kolonien flüssig zu machen, persönlich kennen gelernt hat, daß er so schnell als möglich die überflüssig gewordenen Truppen zurückschickt und so viele als möglich.
Abg. Gröber (Ztt.) drückte unter großem Bei- all im Hause sein Befremden darüber aus, daß der Bundesrat alle Augenblicke mit Ergänzungs- und Nachtragsetats komme. Wo bleibe das Verbrechen, mit keinen Forderungen an den Reichstag heranzutreten, ohne daß gleichzeitig für die Deckung gesorgt sei? Energisch verwahrte er sich gegen die Gewährung einer Entschädigung von 10 Millionen an die Ansiedler. Ebensowenig wie m Heimatlande bei schweren Naturereignissen und Krieger die Betroffenen voll entschädigt würden, ‘Dürfe dies den Ansiedlern gegenüber geschehen, andernfalls wurden die Kolonialkriege so kostspielig, daß wir dadurch gezwungen würden, die Kolonialpolitik aufzugeben. Die Kolonialverwaltung müsse sich nach der kolonialen Decke strecken. Das Zentrum beantrage, die Ergänzungsetats an die Budgetkommission zu verweisen, dort könne man aus dem großen Kuchen die Rosinen heraus- nehmen. Diese könnten dann bei der dritten Lesung des Etats in den Hauptetat eingefügt werden. Die anderen Forderungen des ErgänzungS- etats seien zurückzustellen.
Nachdem sich Abg. Gras Arnim (Rp.) im Interesse unserer deutschen Kulturträger für die Entschädigung der Farmer und die Bahn von Kubub nach Keetmanshoop ausgesprochen und Abg. Ledebour (Soz.) in die abfällige Kritik des Abg. Gröber eingestimmt hatte, verzichteten die Redner aller Patteieu aufs Wort und man be- schloß die Kommissionsberatung des ErgänzungS- etats.
Morgen 1 Uhr: Militärpensionsgesehe, Schutztruppengesetz. Dritte Etatsberatung.
Schluß 6y2 Uhr.
Aus dem Landtage.
Abgeordnetenhaus.
70. Sitzung vom 22. Mai.
Eröffnung 10% Uhr.
Das Haus nimmt zunächst die Abstimmung über die Knappschaftsnovelle im ganzen und die dazu gestellten Anträge des Zentrums vor. Die Abstimmung über den PassuS betreffend geheim« Wahl ist eine namentliche.
Es werden abgegeben 353 Stimmen; die absolute Mehrheit beträgt also 177. Es stimmen mit Ja 122, mit Nein 230, ein Abgeordneter enthält sich der Stimmabgabe. Der Antrag bett, geheime Wahl ist somit gefallen. In einfacher Abstimmung werden die übrigen Zentrumsanträge gegen die Stimmen der Freisinnigen, der Polen und deS Zentrums abgelehnt, sodann der Gesetzentwurf im ganzen gegen die Stimmen der Polen angenommen.
Zweite Beratung des VolksschulunterhaltungS- gesetzes.
Nach dem Beratungsplan findet eine allgemeine Besprechung über den ganzen Gesetzentwurf nicht statt, dagegen soll bei § 188 (konfessionelle Verhältnisse) größere Redesreiheit gewährt werden.
Kultusminister Studt hofft trotz mancher noch entgegenstehender Bedenken auf das Gelingen deS großen Werkes. Die Regierung hält bezüglich der Berufung an einet unterschiedlichen Behänd-