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Rotationsdruck n. Verlag der Huldaer Re» ttendruckerei in Hulda. Herusprecher M. 9.

M 116,

Fulda, Montag den 21. Mai 1906.

33, Jahrgang.

»Ihr seid von dem Marquis von Bonneval be­auftragt?"

Ferrand verneigte sich stumm.

„So werdet Ihr so freundlich sein, den Platz Eures Halbbruders einzunehmen", fuhr der Vi­comte fort und deutete nach der Treppe, die zu dem Prunksaal führte.

Erstaunt sah ihn Ferrand an; in seiner Ver­legenheit stammelte er einige unverständliche Worte und folgte den anderen.

„Es scheint ein Abglanz von Arturs hochedler Geburt auch auf mich gewöhnlichen Sterblichen zu fallen", murmelte er für sich, als er die Treppe emporstieg. Da heißt es, die Gelegenheit beim Schopfe nehmen, ich habe ja schließlich die ganze Gesellschaft in meinen Händen."

In Frankreich hatten sich verschiedene Gruppen gebildet. Es wurde überaus lebhaft gesprochen. Die tiefe Erregung der letzten Zeiten rang nach Worten, und da die Königstreuen ganz unter sich zu sein meinten, so vielen scharfe Worte gegen das jetzige republikanische Regiment. Worte des grim­migsten Unwillens, tiefster Empörung. Der eigentliche Mittelpunkt war der Abbe Edgeworth, der jede Kleinigkeft aus den letzten Stunden Lud­wigs XVI. wieder und immer wieder erzählen mußte.

Als Edgeworth berichtete, daß die Ansprache Ludwigs an das Volk durch einen Trommelwirbel übertönt worden sei auf Befehl Santerres, deM Kommandanten der Nationalgarde, da brach der junge de Larochejacauelein los: „Santerre, und diesen Schurken schickt man in die Vendee zu uns, weil wir den Königsmördern verdächtig sind."

Ein edler Zorn leuchtete aus den Äugen des Jünglings. Er erhob die Hände wie zum Schwur empor und tief: „Gott, Gott, erlöse uns von diesem HebelI",

Ein Heldenfeuer strömte aus seinen Augen, mit jugendlicher Lebhaftigkeit riß er den Degen heraus und rief: „Laßt uns das Vaterland von diesen Ungeheuern befreien. Es lebe der Königs"

Deutscher Reich.

Berlin, den 19. Mai 1906.

* Der Reichskanzler Fürst Bülow wird eine Erholungsreise nach Norderney wahrschein- ich am Mittwoch nächster Woche antreten. Vor- )er dürfte der Kanzler noch eine Unterredung mit dem Kaiser haben. Das Beamtenpersonal wftd in diesem Jahre in Norderney die gleiche Stärke und Zusammensetzung haben, wie in rüheren Jahren.

* Das preußische Staatsministerium hat am Samstag eine Sitzung abgehallen. Zweifellos )at es sich bei derselben nm das Volksschul­unterhaltungsgesetz gehandelt, desien Be.

Aus den Augen des Vicomte traf ihn ein Strahl wütenden Hasses. Doch nahm er sich zu­sammen und sagte gelassen: „Bürger Ferrand, Ihr könnt mich anzeigen, wenn Ihr wollt."

„Das werde ich bleiben lassen", erwiderte Fer­rand mit kurzem Lachen, „ich habe ja selbst an der verbotenen Feier teilgenommen, und darin ver­stehen die Pariser keinen Spaß. Ich denke, wir werden mit einander auskommen, verehrter Oheim."

„Ihr habt kein Recht mich Oheim zu nennen", brauste der Vicomte auf, aber ehe er weitere Worte der Entrüstung fand, war Ferrand wieder in die Menge -er Umstehenden zurückgetaucht.

Für die Bauern und Pächter, von denen gar mancher mit Weib und Kind mehrere Mellen marschiert war, um dem Rufe des Herrn Folge zu leisten, hatte -er Vicomte ein weiteres Gemach an­gewiesen, in dem ihnen in Steinkrügen Wein vom Faß verzapft wurde. Seine Standesgenossen aber wurden in -en großen Prunksaal geleitet, wo ihrer \ mancherlei Erfrischungen warteten.

Ferrand sah sinsteren Blicks in das Gewühl, das sich bei -er Verteilung der Gäste entwickelte.

„Ich darf ihn nicht Oheim nennen", sagte er SY sich selbst und biß die Zähne aufeinander, „und bin doch ebensogut sein Neffe wie mein wackerer hochgeborner Bruder Artur! Mein Vater ist und bleibt ein Bruder der Frau Vicomte, die Gott im Grabe segnen möge, und wenn meine Mutter nur eine einfache Pächterstochter war, ich bin doch Dein Neffe, Herr Vicomte. Und in dieser Zeit repu- blikanllcher Gleichheit bist Du nicht mehr als ich! Merke Dir das!"

Der Vicomte machte die Honneurs, unterstützt von seiner Tochter. Ihn reute fein heftiges Be­tragen gegen Ferrand. Hatte er nicht gesagt, er fei in Vertretung seines Bruders gekommen? Viel­leicht hatte der junge Marquis Artur Ferrand von Bonneval, seinen Bruder, damit beauftragt? Der Vicomte gehorchte einer ritterlichen Regung und schritt auf Ferrand zu.

Parteipolitik wird hier im Reichstage von de» Mitgliedern der Zentrumsfraktion gemacht, und wenn die Fraktion in dieser Frage geschlossen ist, so wird diese Geschloffenheit nicht berührt durch irgend einen Artikel eines Parteiblattes." Die ,Köln. Volksztg." erwidert darauf: „Wir stimmen mit Herrn Abg. Dr. Spahn vollständig darin überein, daß nicht die Presse, sondern die Fraktion die Pattewolitik „macht", wenn auch nach unserem Dafürhalten die Parteipresse dabei nicht so ganz ohne Einfluß ist. Zs ist auch die Aufgabe der Preffe, die Fraktion bei ihrer Politik nach Möglichkeit zu unterstützen. Das konnte uns aber in diesem Falle nicht hindern, den aus dem Leserkreise der ^öln. Volksztg." laut gewor­denen Bedenken von Parteigenossen gegen eine Steuer Raum zu geben, die in hohem Maße un­populär genannt werden 'muß. Wir taten dies schon aus dem Grunde, damit die Kreise, welch« mit der Steuer nicht einverstanden waren, Ge­legenheit fanden, ihre Unzufriedenheit öffentlich kund zu geben, anstatt sie in der Partei selbst hemmzuttagen. Wie groß die Unpopularität der Fahrkartensteuer ist, das beweist deutlich das veränderte Verhalten der Nationalliberalen, die infolge der Mißstimmung im Lande eifrig, wenn auch vergeblich, die Vaterschaft dieses SteueroorschlageS abzulehnen versuchen, wie ein Bericht der ,Kölnischen Zeitung" (Nr. 542) über eine Versammlung des nationalliberalen Vereins in Berlin zeigt. Gewiß verkennen wir nicht die schwerwiegenden Gründe der Fraktion für ihr Verhalten, nehmen aber auch für uns die Frei- hell in Anspruch, in jeder Frage die Stellung einzunehmen, die wir nach Lage der Verhältnisse für richtig halten. Wenn die Presse in der Oeffentlichkell und nicht bloß vor Wahlen die Politik der Fraktion vertreten soll, so muß es ihr auch unverwehrt bleiben, ihre Ansichten und Bedenken jederzeit freimütig darzulegen. Eine Presse, welche darauf verzichten wollte, wäre auch nicht in der Lage, die Fraktion zu stützen."

* Die staatliche Pensions- und Hinter« bliebenen-Bersicherung der Privatangestellten behandelt das eben erschienene Heft 1 der vom Deutschen Werkmeisterverband herausgegebenen Broschürensammlung „Schriften des deutschen Werkmeisterverbandes". An erster Stelle des Heftes steht ein die ganze Frage behandelnder Vortrag des Verbandssyndikus. An diesen schließt sich Material zur Vcrsicherungsfrage u. a. die Leitsätze des Hauptausschusses und der Haupt­inhalt der an denselben geübten Kritik, der In­halt des österreichischen Gesetzes über die Pen­sionsversicherung der Privatangestellten rc. Einem genaueren Studium der Frage dient ein ausführ­liches Literaturverzeichnis. Der Preis des 45 Seiten umfassenden Heftes beträgt 30 Pfg. 93er« ag: Müllern und Lehneking, Düsseldorf.

* Bon der sozialen Fürsorge für die weib- iche schulentlassene Jugend handelt das neueste (4.) Volksvereinsheft. Es erzählt von den Sorgen, die der Vater und besonders die Mutter um die Zukunft ihrer Töchter haben und will mit gutem Rat zur Hand gehen. Das Heft soll aber auch alle jene Frauen und Männer, Die die der Fürsorge für die schulentlassene weibliche Jugend sich in Vereinen, Hospizen und andern gemeinühigen Einrichtungen widmen, anspornen, auf dem betretenen Wege weiter voranzustreben. Die weibliche Jugend ist, was soziale Fürsorge angeht, bisher vielfach vernachlässigt worden.

* Die Erledigung der Reichrfinanz- resorm.

Nach zweitägiger Debatte hat der Reichstag am Samstag die Vorlage betr. die Reichsfinanz­reform mit ihren Anlagen, den neuen Steuer­gesetzen, in dritter Lesung und damit endailtig verabschiedet. Die Vorlage wurde in der Gesamtabstimmung mit 149 gegen 95 Stimmen bei 5 Stimmenthaltungen angenommen. Damit ist ein Werk unter Dach und Fach gebracht, dessen Bedeutung von keiner Vorlage erreich e jwird, die den Reichstag in den letzten Jahren seit der Beratung des Bürgerlichen Gesetzbuchs und des neuen Zolltarifs beschäftigt hat.

Die Verhandlungen des Reichstags vom Frei­tag und Samstag waren sachlich wie formell von einer außerordentlichen Tragweite. Zeigte sich doch wieder einmal, was ein in beschluß­fähiger Stärke versammelter Reichstag an Arbeit zu leisten vermag. Wenn mr Seiten der Gegner, zu welcher diesmal außer den Sozialdemokraten auch die gesamte radikale Linke gehörte, Obstruktionsgelüste vorhanden ge- wesen sind, so haben sie sich nicht einmal zu äußern gewagt angesichts der starken Besetzung des Hauses. Man mußte sich auf jener Seite darauf beschränken, die Redensarten von der „Durchpellfchung" und dem „Galopptempo" nach­zubeten, mit welchen die gegnerische Presse den ersten Verhandlungstag begleitet hat. Die Mehr­heitsparteien ließen sich mit Recht dadurch nicht irre machen in der Ueberzeugung, daß die Sache spruchreif sei. In der Tat hat die dritte Lesung denn auch irgendwelHe neuen Gesichtspunkte nicht mehr ergeben. Schließlich mußte das Schwer­gewicht der nationalen Gründe sich wirksam erweisen, welche für die endliche Erledigung einer Frage sprachen, deren Beantworttmg trotz aller Schwierigkeiten nicht mehr zu umgehen war. Mit vollem Rechte hat der Vorsitzende der Steuer« kommijsion, der nationalliberale Abgeordnete Büsing, die Annahme der Reichsfinanzreform und der Steuergesetze als eine „nationale Tat" und gleichzeitig das Verhalten der Gegner als ein unfruchtbares Arbeiten mit unerfüllbaren Wün­schen und Plänen bezeichnet.

■ Wir teilen zwar nicht die fast an B ege iste- rung streifende Freude des Herrn Büsing über das Zustandekommen bet Reichsfinanzreform, -aber auch wir begrüßen dieses Ergebnis langer -und schwerer Debatten mit Genugtuung. Sicher nicht aus Vorliebe für die neuen'Steuetn, sondern lediglich der harten Notwendigkeit folgend, hat das Zentrum an den Steuer» gesehen mitgewirkt, und es kann mit gutem Ge- -rvissen sagen, daß seine Mitwirkung sich fegens« voll erwiesen hat. Wenn irgend etwas das Bedauern darüber, daß es notwendig gewesen ist, dem deutschen Volke in seiner Gesamtheit eine immerhin erhebliche neue Steuerlast aufzu­bürden, abzumildern, so ist es das Bewußtsein, daß gerade die Tätigkeit des Zentrums in der Kommission wie im Plenum des Reichstags es zuwege gebracht hat, daß die Hauptlast der neuen Steuern auf die leistungsfähigeren Schultern gelegt wurde. Das Zentrum hat

Die Helden der vendee.

Historische Erzählung aus den Tagen der ftanzö- sischen Revolution.

Von Gustav Jordan.

2] (Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung aus dem zweiten Blatt.)

Totenstille herrschte in der Kapelle, aber bald Mang mühsam unterdrücktes Weinen hervor. Män- Mer und Frauen schluchzten laut auf bei dem An- (bltd des Mannes, der den armen König bei seinem jletzten Gang geleitet und getröstet hatte.

Neben dem Vicomte stand seine Tochter Lucie, -deren Hand er heftig drückte.

_ JBieHeidjt muß diese Feier auch unferm Bert­irand gelten," flüsterte er ihr zu.

e „Vater", erwiderte sie, „mein Bruder lebt poch —"

Der tiefe Schmerz des Vicomte machte sich in feinem schweren Seufzer Luft. „Bertrand, mein (Sohn!" flüsterte er noch einmal. Aber er gewann steine Fassung wieder. Er war ja nicht hier, um steinen Sohn zu beklagen, sondern um das An- genfen seines Königs zu ehren. Sein ernstes Ge­richt erhielt die vornehme Ruhe wieder, die sich für -en 11 rheber der Trauerfeierlichkeft geziemte. L Als die ergreifende Feier zu Ende war, schritt Der Trauerzua, geführt von dem Vicomte, zu dessen Rechten letzt der Abb6 Edgeworth ging, zur großen Vorhalle. Hier bildeten alle, die Standespersonen die Bauern und die Diener, einen Kreis um den Vicomte, der mit erhobener Hand die Absicht kund- gab zu sprechen. Plötzlich aber fuhr feine Hand au den Degen, er riß' ihn aus der Scheide, daß er blitzend emporfuhr, und rief mit mächtiger Stim­me: „Der König ist tot! Es lebe der König!"

Und hundertstimmig wiederholle sich der Ruf und hallte von den Gewölben zurück: „Der König ist tot! Es lebe der König!"

mit Erfolg dahin gestrebt, die schwächeren Kreise der Bevölkerung tunlichst vor neuen Lasten zu bewahren. Welchen Dienst es dadurch dem Reiche und dem Reichsgedanken erwiesen hat, brauchen wir nicht erst besonders hervorzuheben. War doch neben der mißlichen Finanzlage des Reiches die Rücksichtnahme auf die finanzielle Lage der Einzelstaaten mit der entscheidende Gesichtspunkt, der das Zentrum zu der Zurück­stellung mancher und schwerer Bedenken gegen die Reichsfinanzreform-Vorlage im Ganzen und in ihren Einzelheiten bewog. Wenn nicht die Mär von der „Reichsverdroffenheit" namentlich im Süden einen tatsächlichen Hintergrund ge­winnen sollte, so war es notwendig, die Einzel­staaten vor allzu weitgehenden Rückgriffen des Reiches auf ihre Finanzen sicher zu stellen.

Die Form, in der dies und die Sicherstellung der Reichsfinanzen bewirtt worden ift, verdient die Anerkennung aller derer, die es mit der Er­haltung der vollen Finanzkraft unseres Volkes ernst meinen. Darum dürfen auch alle die Drohungen und düsteren Prophezeiungen, welche heute von gegnerischer Seite gegen die Parteien, die an dem Zustandekommen des großen Werkes der Reichsfinanzreform mitgearbeitet haben, namentlich gegen das Zentrum, vorgebracht werden, die Mehrheit des Reichstags völlig kall laffen. Wenn der ,Vorwärts" von „Volksverrat" und „Volksausplünderern" spricht, denen die Rache des Volkes bei den Wahlen des Jahres 1908 drohe, so hat das ebenso wenig auf sich, wie frühere Auslassuungen von dieser Seite bei anderen Gelegenheiten. Die Mehrheit des Reichs­tags hat lediglich ihre Pflicht und Schuldigkeü dem Reiche wie den Einzelstaaten gegenüber er­füllt, und in erster Linie gilt das vom Zentrum.

Nachdem jetzt die Reichsfinanzreform zustande gebracht ist, bleibt nur noch der Wunsch übrig, daß sie dem Reiche, wie den Einzelstaaten die Erfüllung der Hoffnungen bringe, die an sie ge­knüpft werden. Diese Hoffnungen gehen vor allem dahin, daß für absehbare Zeit Ordnung in die reichs- und einzelstaatlichen Finanzen gebracht ift. Um diese Ordnung zu sichern, bedarf es einer erhöhten Sparsamkeit auf allen Seiten, einer Sparsamkeit, welche den Verbündeten Regierungen sowohl wie dem Reichstage die Pflicht auferlegt, alle neuen Ausgaben auf das sorgsamste zu prüfen und stets im Einklang zu halten mit den vorhandenen Mitteln. Das wird freilich nur möglich sein, wenn dem deusschen Reiche eine Zukunft des Friedens und der fried­lichen Entwicklung beschieden ist. Quod deus jene vertat!

Und wiederum sank die ganze Versammlung auf die Knie und murmelte ein leises Gebet für den Knaben, dem nach geheiligtem Erbrecht in dem Augenblicke die Krone Frankreichs zugefallen war, in dem sein Vater den Todesstreich erlitten.

Mehrere Chorknaben erschienen, und mit deren Hilfe hielt der ehrwürdige ÄbbS eine Totenfeier für den König Ludwig XVI. Als der Priester unter feierlichen Gebeten den Katafalk umschritt, senkten sich die Knie aller Andächtigen und nie mögen inbrünstigere Gebete für das Seelenheil des königlichen Märtyrers gen Himmel gestiegen sein, als hier in der weltfernen Kapelle des ent­legenen Schlosses von Breffuires.

lieber des Vicomtes Antlitz glitt leise ein Strahl der Befriedigung, als er die ausnahmslose Begeisterung bemerkte, die fein kühnes Unterfan­gen, den toten Herrscher großartig zu ehren, ge­weckt. Von Bewegung übermannt, beugte er sich, um dem Abbs die Hand zu küssen, da streifte sein Auge eine Gestalt, die er bisher nicht bemerkt, und unwillkürlich zuckte er zusammen. Der An­dere hatte fein Zusammenfahren wohl beachtet, und über seine finsteren Züge ging ein höhnisches Lä­cheln. Dann schritt er schnell entschlossen auf den Vicomte zu und sagte, nachdem er sich nachlässig bor ibm verbeugt: „Bürger de la Raye, ich kam in Vertretung meines Bruders."

(Nach Abschaffung des Adels am 19. Juni I 1790 sollten die vornehmen Geschlechter ihre ur­sprünglichen Familiennamen wieder annehmen und die, welche sie sich im Laufe der Zeit infolge ihrer Feudalrechte und nach ihren Besitzungen bei- gelegt hatten, nicht mehr führen. So ist denn hier de la Raye der bürgerliche, jetzt allein er­taubte, Breffuires der adelige, verbotene Name des Gastgebers. Daher heißt der unebenbürtige Leon kurzweg Ferrand, während sein Halbbruder ein Ferrand-Bonneval ist; den letzten Namen zu ühren, war er nach dem 19. Juni 1790 eigentlich nicht mehr berechtigt. De Larochejacquelin sollte Bürger Duvergier, der Gras Morvelles, der später vorkommt, Bürger Sezard heißen.) |

i ratung bekanntlich am Dienstag im preußischen Abgeoickmetenhause beginnt. In Verbindung m t dem Volksschulunterhaltungsgesetz stcmd, wie die ,Nat.-Ztg." mitteilt, eine Unterredung, die der Reichskanzler Fürst Bülow am Freitag mit den nationalliberalen Abgg. Dr. Friedberg und Schiffer hatte.

* Zu dem von uns bereits als glaubwürdi: charakterisierten Gerücht betr. die Teilung de Kultusministeriums und Bildung eines eigenen Unterrichtsministeriums, das mit der gleichzeitigen Ankündigung des bevor­stehenden Rüöttritts des Ministers Dr. Studt und seine Ersetzung durch Pros. Dr. Hamack in die Welt gesetzt wurde, bemerkt die ^kreuzztg/: „Die Bildung eines eigenen Unterrichtsministe­riums ist zwar oft genug in liberalen Kreisen gefordert, aber von der Regierung bis­her stets bekämpft worden, und gerabe der jetzige Augenblick ist für die Erörterung dieser Frage wenig geeignet. In der Tat haben sich die ent­scheidenden Stellen mit ihr nicht beschäftigt. Auch die Notwendigkeit, einen Nachfolger für den jetzigen Kultusminister zu bestimmen, ist an sie nicht herangetreten, da ein Ausscheiden Dr. Studts aus seinem Amte jetzt nicht in Frage kommt. — Auch die Meldung von der Berufung eines Vizepräsidenten des Staatsministeriums wird von der ,Kreuzzeitung" als unglaubwürdig erklärt.

Als künftiger Unterftaatssekretär im Reichskolonialamte nennt die zuweilen zu offi­ziösen Meldungen benutzte ,Neue militärisch- politische Korrespondenz" wieder einmal den Weiten Vizepräsidenten des Reichstages, Pro­fessor Dr. Paasche, der mit einem zweiten Mtglied der Nationalliberalen zusammen in den Kolonialdienst treten soll. Diese Nachricht ist schon so ost verbreitet und so ost dementiert worden, daß man gut tut, bis zu ihrer offi­ziellen Bestätigung ihr mit Mißtrauen zu be­gegnen. Mit Rücksicht darauf wird man auch die von einigen Seiten an diese Meldung ge­knüpften Erörterungen unberücksichtigt lassen können, wonach Professor Dr. Paasche neben dem ihm zugedachten Amte fein Mandat als Reichstagsabgeordneter beizubehalten beabsichtigen soll, so daß er eine Art parlamentarischer Ein- I peitscher der Regierung darftellen würde.

* In dem Befinden des bisherigen Gouver- ! neurs von Deutsch-Ostafrika Grafen v. Götzen, ist, wie die .Deutsche Tageszeitung" meldet, eine beträchtliche Verschlimmerung eingetreten. Er konnte sich nicht feinem Wunsche gemäß direkt von Neapel aus, wo er von Ost-Afrika anlangte, nach dem Weißen Hirsche bei Dresden begeben, sondern hat feinen Aufenthalt in Meran ge­nommen; dort sind Magenblutungen bei ihm aufgetreten. Wenn auch der Graf erst 40 Jahre alt ist, so gibt doch das Leiden zu ernsten Be­sorgnissen Anlaß. Jedenfalls liegt der Gedanke fern, ihn in irgend einem Zweige der Reichs­verwaltung in nächster Zeit zu befchäftigen.

* Fahrkartensteuer, Zentrum und Zeu- trumspreffe. Herr Abg. Dr. Spahn hat in der Samstagssitzung des Reichstages bei der Debatte über die Fahrkartensteuer unter Bezug­nahme auf die in der ,Köln. Volksztg." wieder­holt, namentlich in der Freitagsnummer geäußer­ten Bedenken gegen diese Steuer erklärt: „So hoch ich den Wert der Presse einschätze, die Presse macht die Parteipolitik nicht, fondern die