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Rotationsdruck n. Verlag der Znidaer Ar« Nendruckerei in zulda. Zernsprecher Rr. 9.

JV# 114.

33, Jahrgang.

Fulda, Frettag den 18. Mai 1906.

Iweites Ml'cttt.

„Gegen die Zchulverpfaffung."

Unter diesem Schlagruf sind am Dienstag abend in Berlin und Umgebung nicht weniger als 43 sozialdemokratische Volksver­sammlungen in Szene gegangen, die, wieder /Vorwärts' behauptet, sämtlich gut besucht, zum Teil überfüllt gewesen sind. Die „Repräsen­tanten der deutschen Intelligenz", als die sich die Verfasser des „Hochschulprotestes" gegen das preußische Volksschulunterhaltungsgeseh aufgespielt haben, können stolz sein auf diese Unterstützung, die ihnen die Sozialdemokratie zu teil werden läßt. Was der Protest der 27 Professoren und ihres Anhanges in mehr oder weniger gut stili­sierten Phrasen gegen das Volksschulunterhal­tungsgesetz und seinen angeblichen „konfessionellen Partikularismus" vorgebracht hat, das hat jetzt die Sozialdemokratie in der ihr eigenen Tonart mit kräftigeren Redewendungen gesagt, aber im Grunde genommen ist in beiden Fällen der Grundton der gleiche.

Die sozialdemokratische Resolution erblickt in dem Schulgesetzentwurf einen Angriff auf die Selbstverwaltung der Gemeinden und eine „erhebliche Verschlechterung der jetzt schon durchaus unzureichenden Volksschule." Weiterhin bringt dann die Resolution die üblichen Phrasen gegen die „Auslieferung der Volksschule an die Pfaffen und die Bureaukratie" und erklärt als Ziel des Gesetzentwurfs die Ge­staltung der Schule als „Instrument im Dienste gegen die Freiheit". Um diesen Angriff auf die Schule abzuwehren, verlangt die Resolution die Befreiung der letzteren von „jeglicher bureau- kratischer und pfäsfischrr Bevormundung".

Bis dahin stimmt die Kundgebung der Sozial­demokratie dem Sinne und Geiste nach durchaus überein mit der Kundgebung der Professoren. Die Letzteren werden sich aber vielleicht etwas wundern, wenn sie die weiteren Auslassungen kennen lernen, mit welchen ihre sozialdemokrati­schen Hilfstruppen ihre Tätigkeit unterstützen. Die Professorenkundgebung geht davon aus, die preußische Volksschule als eine Glanzleistung un­serer Kultur zu betrachten, die durch den Einfluß der Kirche nicht vermindert werden dürfe, Im schroffen Gegensätze dazu ist die Sozialdemokratie der Anschauung, daß unsere Volksschule ein Produkt ist, das in seiner jetzigen Gestalt ledig- ich Hohn und Spott verdient. Dürftig ausge- tattet, auf niedrige Lehrziele beschränkt und oben­drein vernachlässigt ist die preußische Volksschule n den Augen der „Genossen" eine Schande ür jedes Kulturvolk. In dem Vorworte, )as der /Vorwärts' der sozialdemokratischen Demonstration voranichickte, wird von der Volks­schule gesagt, daß ihr Bildungsziel dem heißen Bildungsdrang der Arbeiterklasse mit verletzendem Hohne geradezu ins Gesicht schlage."

Mail muß es den Verfassern des „Hochschul- ytotefles" überlassen, wie sie sich mit einer laichen Bewertung des von ihnen so hoch ge- schützien Ideals der Volksbildung, wie sie es in der preußischen Volksschule erblicken, abfinden 'wollen. Manchen von ihnen dürfte denn doch ’bie Unterstützung von Seiten der Sozialdemo­kratie etwas bedenklich stimmen. Für den unbe- fan en en Beurteiler der beiden Aktionen aber wird es schwer sein, einen Unterschied in der Schätzung derselben zu machen. Freilich muß man, um nicht ungerecht zu fein, zugestehen, daß die Sozialdemokratie mit ihrem Schulpro- jest im letzten Grunde andere Ziele verfolgt. Das geht aus den Schlußsätzen der in den sozialdemokratisch. Versammlungen angenommenen 'Rewluttou hervor, welche mit dürren Worten eine Beseitigung nicht nur des Dreiklassenwahl­systems verlangt, sondern auch „die Beseiti­gung aller Vorrechte des Besitzes in Staat und Gemeinde". Rur die Sozial- .demokratte bringt es fertig, diesen Angriff gegen jbie angeb'iche „Klassenherrschaft" in Verbindung 'zu bringen mit der Schulfrage. Der Salto- mortale, mit dem die Resolution von der „Schul- verpfaffung" auf die „Klassenh rrschaft" über­springt, muß die Vermutung nahe legen, daß es ffich bei der Bekämpfung des Schulunterhallungs- gesetzes wenig-r um dieses, als um eine Propa­ganda für die allgemeinen politischen Ziele der Sozialdemokratie gehandelt hat. Die Heuchelei cher Sozialdemokratie tritt auch in diesem Falle swieder einmal scharf zu Tage, was indessen die Professor en-Protestter nicht abhalten sollte, eine Lehre aus der Bundesgenossenschaft zu ziehen, die ihnen hier von sozialdemokratischer Seite aufgedrängt wird.

):( Hranz Mskamp.

Zn seinem goldenen Priesterjubiläum, 17. Mai 1906

(Nachdruck verboten.)

Wir möchteil heute die Aufmerksamkeit auf einen Mann lenken, der niemals ein hohes und .einflußreiches Amt, weder ein kirchliches noch ein jweltliches eingenommen hat, der weder als Ge­kehrter auf bahnbrechende Forschungen noch als Parlamentarier oder Volksrednrr auf große Er­

folge zurückblicken kann und der doch soviel wie wohl kein anderer Lebender zur Organisation des katholischen Densschlands auf literarischem und po­litischem Gebiete beigetragen hat.

Franz Hülskamp ist geboren am 14. März 1833 in dem oldenburgischerr Dorfe Essen in den aller- bescheidensten Verhältnissen, und wenig hätte ge­fehlt, so würde er aus diesen Verhättnissen nie­mals herausgekommen fein. Der Vater Hüls­kamps war Handweber, und der junge Franz wäre naturgemäß nach Absolvierung der Volksschule dem elterlichen Metier zugeführt worden, wenn nicht ein geistlicher Herr sich seiner angenommen und ihm den ersten lateinischen Unterricht erteilt hätte. Franz hatte bereits sein vierzehntes Lebens­jahr vollendet, als diese Wendung eintrat, aber es war noch nichts versäumt. Wie ein Schwamm, so pflegt heute noch der Siebzigjährige noch mit leuch­tenden Augen zu erzählen, sog das junge Hirn die neue Wissenschaft in sich auf: Latein und Grie­chisch und Literatur; die Tagespensen konnten ihm gar nicht groß genug sein. Nach 2 Jahren Privat­unterricht schon war der junge Student so west, daß er in die Untersekunda des kathol. Gymna­siums Carolineum, welchem auch einst Windthorst als Schüler angehörte, zu Osnabrück eintreten konnte und nach weiteren 3 Jahren, zu Ostern 1852, machte er das Abiturientenexamen. In 5 Jahren, den Privatunterricht eingeschlossen, hatte er also das ganze Gymnasium absolviert; daß da­bei gegenüber riuseren heutigen Anschauungen von der Allwissenheit eines Abiturienten manche Lücken blieben, ist nicht verwunderlich. Hülskamp selbst erzählt manchmal, wie wenig Wert damals auf Physik, Naturwissenschaft, Geographie rc. rc. gegen­über der klassischen Bildung gelegt wurde. Ob die neue Einrichtung zum Nutzen oder Schaden unserer Schüler, ihrer Lehrer und der ganzen Anstalt ist, wollen wir hier nicht untersuchen, jedenfalls zeigt der Lebensgang Hülskamps, daß er weder in seiner dem Klassizismus zugewandten wissenschaftlichen Entwickelung noch in seinem praktischen Ziel­bewußtsein einen Schaden aus seinem Bildungs­gang genommen hat.

Staats- und Ministerialstipendien ermöglichten dem jungen Studenten den Besuch der Universitä­ten Bonn und München, sowie der Akademie Mün­ster. Hier, als Alumnus des Priesterseminars, er­hielt er 1856 nach erhaltener Altersdispens die priesterlichen Weihen, trat aber dann nicht in die praktische Seelsorge ein, sondern setzte seine Stu­dien noch bis 1858 fort. Hieraus ließ er sich in Münster als Privatgeistlicher nieder und begann mit einem Freunde, Dr. H. Rump, eine deutsche Bearbeitung der zweidutzend-bändigen Kirchenge­schichte des Abbä Rohrbacher, eine Riesenarbeit, die ihn sofort vorteilhaft bekannt machte, ihm von der Universität Freiburg i. B. die Doktorwürde eintrug, ihm aber auch gleichzeitig die Schwierig­keiten zeigte, mit welchen damals in Deutschland ein die wissenschaftliche Laufbahn einschlagender Katholik, wenn er treu zu seiner Kirche stand, zu rechnen hatte.

Die heutige jüngere Generation klagt noch oft darüber, daß katholische Arbeiten nicht genügend bekannt iverden, daß bei den Gegnern nur ein man­gelhaftes Verständnis vorhanden und die Unter­stützung der Freunde nicht ausreichend ist. Und doch sind unsere heutigen Zustände mit den da­maligen gar nicht mehr in Vergleich zu ziehen. Was damals auf katholischem Gebiete gearbeitet und geleistet wurde, war für die andere Seite über­haupt nicht vorhanden, es wurde absolut tot ge­schwiegen, und sein Träger galt oft genug noch als geächtet für immerdar.

Dieselben Erfahrungen wie Hülskamp und Rump, machten feit der Aushebung der katholischen Orden, Klöster und Universitäten, zu Anfang des 19. Jahrhunderts unzählige katholische Gelehrte in Deutschland, aber Hülskamp erst fand den, Weg zur Auferstehung aus diesem geistigen und bürger­lichen Tod: er gründete im Spätherbst 1861 — abermals mit Dr. Rump, mit dem ihn ein wahr­haft ideales Freundesverhältnis verband, bis zu dessen leider allzu frühem, tief betrauertem Tode den Literarischen Handweiser.

Was für den deutschen Katholiken auf religiö­sem Gebiete die jährlichen Generalversammlungen, und auf politischem Gebiete die Gründung der Zentrumsfraktion war, war auf wissenschaftlichem und belletristischem Gebiete die Gründung dieses ersten streng den kirchlichen Standpunkt vertreten­den literarischen Fachorgans. Hier hatten endlich die katholischen Schriftsteller und Gelehrten, aber auch der katholische Buchhandel, einen Mittelpunkt, an dem sie Beachtung und Stütze, öfters mich einen praktischen Wink erhalten konnten, und von dem Laufe der Jahre unzählige frucht- und segensreiche Anregungen ausgingen.

Seit der Gründung des „Lft. Handw." sind in Deutschland manche ähnliche Unternehmungen ent­standen, auf manchen Spezialgebieten mögen die Nachfolger vor dem „Handweiser" in den Vorder­front eingerückt sein: mehr Verdienste als jener hat sich aber keiner der späteren erworben und konnte keiner erwerben.

Wir schreiben hier nicht für Gelehrte und brau­chen deshalb nicht darzulegen, mit welcher Muhe und Arbeit, mit welcher über ganz Deutschland sich erstreckenden Korrespondenz- die Fortführung dieses Werkes für Hülskamp verbunden war; es genügt zu sagen, daß er über vierzig Jahre eine ganze Manneskraft darauf verwendete, vielleicht auch eine nicht wenig versprechende Gelehrten­laufbahn operte, bis 1904 ein tüchtiger Nachfol­ger an seine Stelle trat und ihm die Last abnahm. Der „Handweiser" hat ihm auch die einzige Aus- zeichnung gebracht, die ihm je geworden, indem Papst Leo XIII. gelegentlich des 25-jährigen Jubi­läums der Zeitschrift Hülskamp zum Geheimen Päpstlichen Kammerherrn ernannte.

Neben dem „Handweiser" gab Hülskamp eine große Reihe kleinerer Bücher und Schriften heraus und war als Mitarbeiter bei zahllosen Zeitschriften

beteiligt. Besonders genannt möge nur fein das „Pinsbuch", eine Lebensbeschreibung des großen Papstes Pius IX., welches im Jahre 1869 erschien und die damals ganz unerhörte Auflage von 50 000 Exemplaren erzielte. Dann verdient noch Erwäh- nung die von ihm begonnene, später von Professor Hellinghaus fortgeführte Sammlung „Meister­werke unserer Dichter", auf welche wir besonders unsere jugendlichen Leser aufmerksam machen wollen.

Das zweite Gebiet, auf welchem sich Hülskamp unberechenbare Verdienste erwarb, ist das der Politik, und zwar dies, ohne daß er jemals als Abgeordneter gewählt worden, oder daß er als Volksredner und öffentlicher Agitator eine große Wirksamkeit entfaltet hätte. Seine Arbeit geschah auch, hier im Sttllen und Verborgenen, es war die Arbeit des Organisierens und Sammelns der verwandten Kräfte, welche in den 60er Jahren, vor Gründung des „festen Turmes", des Zen­trums, im Münsterlande fast noch mehr zerstreut und verzettelt waren als in anderen katholischen Gegenden. Münster selbst, das nordische Rom, welches sogar im tollen Jahr 1848 nach einigen ausgelassenen Tagen sich als eine der treuesten Stützen des preußischen Herrscherhauses erwies, war in der Konfliktszeit der 60er Jahre sehr „liberal" angehaucht. Daß das der durchaus kon­servativ gerichteten Natur Hülskamps und seiner Freunde nicht behagen konnte, braucht nicht ver­sichert zu werden. Die Frage war nur, wie diese Zustände ändern. Hülskamp selbst erzählt heute noch mit Humor davon, wie er und ein paar ältere Freunde im Jahre 1863 zum erstenmal frank und frei in die Wahlversammlung zogen, aber ange­sichts der vorherrschenden Stimmung auch wieder abzogen, ohne ein Wort gesagt zu haben. Damil aber ging ihnen auch das Licht auf, daß aus poli­tischem Gebiete ebensowenig wie sonstwo etwas zu erreichen ist ohne zähe, zielbewußte Vorarbeit. Mit dieser Erkenntnis ging man an die systematische Sammlung der Gesinnungsgenossen und an die Organisation heran. Als im Juni 1870 Peter Rei- chensperger in der „Köln. Volksztg." ein Wahl- Programm für die bevorstehenden Wahlen zum Preußischen Landtage und Norddeutschen Reichs­tage veröffentlichte, waren auch die Westfalen ge­rüstet. Hülskamp entwickelte int „Westfäl. Mer­kur" ein dem rheinischen ganz ähnliches Pro­gramm, welches kurz darauf in einer Versamm­lung zu Soest gutgeheißen wurde. Dies in der Geschichte des Zentrums so außerordentlich wichtige „Soester Programm" trägt Hülskamps Unterschrift als „Sekretär der westfälischen Zen­trumspartei". Das ist neben der Gründung des „Handweisers", Hülskamps größter Stolz, bis ihm jetzt bei der Neuorganisation vor wenig Wochen und Monaten erst ein mehr würde- und weniger bürdevoller Posten in der westfälischen Partei­organisation angewiesen wurde. Was Hülskamp in dieser 35-jährigen Führung der Parteigeschäste geleistet hat, ^entzieht sich jeder Schätzung; es ge­nügt, daran zu erinnern, daß die westfälischen Ab­geordneten allezeit zu den festesten Stützen des Zentrums gehörten und daß in all der langen Zeit von den sog. sicheren Wahlkreisen des Zentrums in Westfalen niemals einer auch nur vorüber­gehend verloren worden ist.

Alles, was wir von Hülskamp gesagt haben, betrifft nur feine Tätigkeit „im Nebenarnte". Jrn Hauptamte ist et heute noch, was er vor vielen Jahren geworden, Präses des Heerde'schen Kon­viktes, einer alten Familienstiftung, welche mehr als zwanzig das Münsterische Gymnasium be­suchenden Jünglingen während der Schulzeit das Vaterhaus ersetzt. Mit diesen arbeitet, speist, spielt und teilt ihre großen und kleinen Sorgen nun schon seit dem Jahre 1869 der Mann, dessen Tätigkeit auf der anderen Seite so weit über die Lande reicht. Freilich geht Hülskamp auch gesellschaftlich ganz auf unter feiner jungen Schar. Er war sich sehr wohl bewußt, daß, wer im öffentlichen Leben Einfluß haben will, auch Fühlung mit den betreffenden Kreisen haben muß. Ein Teil des Nachmittags oder Abends gehörte deshalb meist der „Eintracht", der 1863 von Hüls­kamp mitbegründeten katholischen Bürgergesell- schast, deren Präsident er auch in den achtziger Jahren lange war.

Dies einige Striche aus dem Lebensbild des Mannes, zu dessen goldenem Jubiläum wir im Sinne unzähliger deutscher Katholiken den Wunsch aussprechen, daß er fein redlich verdientes Otiurn cum dignitate noch recht lange in bester Gesund­heit genießen möge.

KrotzrnüLlercken.

Plauderei von M. Fer no.

Rechten, echten Frauennaturen, steht nichts so wohl an, als die Mütterlichkeit, eine Mütter­lichkeit, die vielen fo sehr zu eigen, ja, zur zweiten 9tatur geworden ist, daß sie sie nicht nur für ihre eigene Kinder üben, sondern sie auch auf andere, ihrer Obhut und Fürsorge anver­trauten Personen übertragen. Damit ist nicht gesagt, daß allen Müttern diese Mütterlichkeit eigen ist, — ach nein, ich habe in meinem langen Leben schon viele Mütter kennen gelernt, die, nur nach außen hin lebend und nur in der großen Welt sich wohl fühlend, alle jene un­definierbare Mütterlichkeit verloren hatten. Und es sind wiederum, allerdings nur ganz verein- zelt, kinderlose Frauen in meinen Lebenskreis ge­treten, den diese sorgende Mütterlichkeit auch eigen war. Eine zweite Blüte dieser fteundlichen Mütterlichkeit erlebt eine Mutter, wenn sie Groß­mutter wird, aber eine in gänzlich veränderter Gestalt. Es ist, als ob die Kinder ihrer Kinder in einem ganz eigenen Verhältnis zu ihr stehen. War sie gegen die eigenen in der Kinderzeit

streng — gegen die Enkelkinder ist sie es in len seltensten Fällen, fast nie! Wie oft muß Großmütterchen bitten, vermitteln, wenn es ein­mal eine kleine Differenz zwischen der strengen jungen Mama und dem kleinen Trotzkopf gegeben hat. Und diese Nachgiebigkeit und Duldsamkeit, )ie gegen die Kinder fast nie zur Anwendung kam, die ist bei den Enkeln selbstverständlich. Meist allerdings bei älteren Frauen. Es gibt Frauen — und ich habe selbst deren gekannt —, die noch verhältnismäßig jung, zur Großmutter avancierend, genau so wenig nachgiebig gegen die Enkel waren, wie einst gegen die Kinder. Ist aber, wenn die Würde der Großmutter zu der mütterlichen tritt, das Haar bereits ergraut und haben die Jahre viel, viel Stürme des Lebens gebracht, dann kommt das milde Ver­ständnis, das sanfte Ergebensein, das verklärende Uebersehen der Wett und der Menschen — und damit jener Friede, jene Duldung und Freund­lichkeit, die den Verkehr der Großmutter mit den Enkeln zu einem wahren Paradies machen kann. Ist die Mutter beschäftigt, von der Geselligkeit mit ihren Pflichten in Anspruch genommen, Großmutter hat Zeit, um ihr Ohr den kleinen kindlichen Leiden und Freuden geduldig zu leihen, Großmutter wird mit den Enkeln noch einmal jung, viel jünger noch, als sie je mit ihren Kindern war — und den Kleinen ist es gar so interessant, daß die Großmutter ihnen erzählen kann, „wie der Papa oder die Mama so klein waren". Haben sie die Mama doch nur als die große Dame, den Vater als den geehrten Haus­herrn in Amt und Würden kennen gelernt!

Ja, Großmütterchen hat immer Verständnis für die Enkel, für die Kleinen, für die Schul- sorgen der Heranwachsenden, für die erwachsenen, die nun wieder die Schwingen versuchen wollen.

Ein Dichter, den wir mit Stolz den unfern nennen, wenn er auch von Geburt Franzose war, ist es, der uns das rührendste, lieblichste und schönste Bild einer Großmutter gezeichnet hat — Chamisso — in seinem Gedichtcyklus „Frauenliebe und Leben":

„Traum der eig'nen Tage, Die nun ferne sind — Tochter meiner Tochter, Du mein süßes Kind — Nimm, bevor die Müde Deckt das Leichentuch — Nimm in's volle Leben. Meinen Segensspruch . . ."

Und Elise Polko sagt von den Großmüttern: „Jene schönen Greisinnen mit der ewigen Liebe in den Augen, mit dem Lächeln unvergänglicher Jugend um die Lippen, mit dem warm gebliebenen Herzen, ziehen den Enkel und die Enkelin mit magischer Gewalt an ihren Lehnstuhl und werden die verschwiegenen Vertrauten ihrer süßesten, zartesten Herzensgeheimnisse".

vermischtes.

* Kleine Nachrichten. Berlin. Eine Muster- Großstadtpflanze ist em 18jähr. Berliner Laufbursche, der bei seinen Prinzipalen sich mit gefälschten Zeugnissen und rührenden Briefen seiner alten Eltern lieb Kind zu machen wußte. Sobald man ihm aber Vertrauen schenkte, stahl er wie ein Rabe. Das Gericht diktierte ihm 27 Monate Gefängnis zu. — Lüttich. Hier wütete ein heftiges Gewitter und richtete unberechenbaren S ch a d e n an. Die Unterstadt ist überschwemmt; in den Straßen steht das Wasser Wa Meter hoch. Eine 80 Meter lange Mauer ist eingestürzt; die Tivolibrücke ist ebenfalls zusammengestüzt. Per­sonen find nicht zu Schaden gekommen. Etwa 3000 Pilger, die gegenwärtig in Lüttich weile», können nicht nach der Heimat zurückkehren. — Paris. Aus Paris wird gemeldet, daß der französische Unterrichtsminister die Ausstellungs­urkunde unterzeichnet hat, durch welche Frau Curie mit der Abhaltung v o n Vorle­sungen an der naturwissenschaftlichen Fakultät als Nachfolgerin ihres Mannes betraut wird. — Essen. Die Meldung, daß Fräulein Berta K r u p p sich in allernächster Zeit mit Herrn Deich­mann aus Köln verloben werde, beruht, wie die „Rh.-W. Ztg." bestimmt erfährt, auf Kombi­nationen, denen nichts Tatsächliches zugrunde liegt. Die Gerüchte von einer bevorstehenden Ver­lobung seien aus der Luft gegriffen. — Linda u. In enormer Zahl treten Heuer am nördlichen Bo- denseeufer die M a i f ä f e r auf und beginnen be­reits die Bäume ihres Blätterschmuckes zu be­rauben. Die Behörden haben bereits Anweisungen zur Vernichtung der Tiere erlassen. — Bei Reyk- lavic (Island) sind einige Fischerkutter mit73MannBefatzung untergegang-n.

* Schmerzensgeld für Röntgen-Strahlen. Der Leiter der Röntgen-Anstalt am Allgemeinen Krau- kenhause in Wien, Universitätsdozent Dr. Guido Holzknecht, wurde zur Zahlung von 30 000 Kr. Schmerzensgeld und 5237 Kr. Verdienstausfall an den städtischen Schlachthausbrückenverwalter Karl Haas Verurteilt, weil er im Jahre 19U2 diesen mit Röntgenstrahlen behandelt hatte, was für den Mann eine lebensgefährliche Erkrankung zur Folge hatte. Haas hatte sich wegen Heilung einer Schuppenflechte an Prof. Lang im Allgemeinen Krankenhause gewendet, der ihm Behandlung mit Röntgen-Strahlen empfahl und ihn zur Behand­lung an den Leiter der Röntgen-Abteilung, Do- zent Dr. Holzknecht wies. Bei der Behandlung erlitt Haas eine schwere Verbrennung am Rücken. Haas, der monatelang zwischen Leben und Tod schwebte, ist noch jetzt nicht ganz hergestellt.