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M 112.

Fulda, Mittwoch den 16. Mai 1960.

Jairqan.

Iweites Mcttt.

klo. Wom KewiLLer.

Von G. v. Reichenbach.

(Nachdruck verboten.)

Je besser ein Ofen brennt, um so weniger wird "von ihm gesprochen, fängt er aber an lästig zu ^werden durch mangelhaftes Brennen oder Rau­chen, dann ist er das endlose Tagesgespräch in der Familie, dann im ganzen Haus und schließlich selbst am Stammtisch. Dem Gewitter geht es nicht anders. In den letzten drei Monaten des Jahres tut der liebe Deutsche, als wenn er nicht : einmal das Wort: Gewitter kenne, wenigstens führt er es niemals im Mund. Donnert es dann in einem oder dem anderen Jahr einmal im Ja­nuar, dann wird das Gewitter der Ehre gewür­digt, zwei oder drei Tage ein beiläufiges Ge- isprächsthema zu werden. Freilich nicht so um seiner selbst willen — ein solch Januargewitter ist ja höchst ungefährlich — vielmehr um derer willen, die von ihr sprechen. Denn nichts gibt so schon wie ein Januargewitter Gelegenheit, mit absoluter Sicherheit einen starken Nachwinter oder auch ein zeitiges Frühjahr; einen kalten, unwirt­lichen oder auch — einen warmen und fruchtbaren Sommer zu prophezeien. So viel Köpfe — so viel Sinne, sagt das Sprüchwort; mit gutem Recht darf man hinzufügen: so viel Wetterprophe­zeiungen gibt es.

Zu Ehren, wenigstens in der Leute Mund, kommt das Gewitter erst im Juni und den nach­folgenden Monaten. Und um so mehr wird von ihni gesprochen, je größere Wassergüsse es nieder­schleudert, je gewaltiger seine Donner grollen, je vernichtender seine Blitzstrahlen zur Erde zischen. Dann spricht der Mensch mit einer gewissen Ehr- sfürcht, die aber aus der Angst, deni Schrecken ent­springt, mit einem gewissen Schaudern, das aber nur zukbeilen das Mitleid, meist aber eine Art stille, gruselige Freude am Ungeheuerlichen, am Unglück zur Mutter bezw. zum Vater hat — vom Gewitter. Und wie nierkwürdig — trotzdem kein Mensch, über den ein Gewitter heraufzieht, sicher sein kann, daß er es überlebt — trotzdem so viele Leute bei einem Gewitter sich regelrecht fürchten, trotz alleifmi jammern sie alle: „Ach, gab' es doch heut' ein Gewitter, es ist gar zu heiß!" So sind die Menschen! Und da soll es ihnen der Herrgott recht machen können.

Was ist ein Gewitter? Sehr einfach: eine elek­trische Entladung! Ein Dichter hat gesagt: „Wo die Gedanken fehlen, stellt ein Wort zur rechten Zeit sich ein." In der Naturwissenschaft kann man den Satz öfter dahin modulieren: „Je weni­ger man das Wesen einer Naturkraft kennt, um so schneller ist man mit einer bündigen Erklä­rung da."

Daß Elektrizität vorhanden, darüber herrscht natürlich kein Zweifel, ebenso sind eine Menge Tätigkeitsäußerungen derselben bekannt, ja mau kann sie sogar erzeugen — nein erzeugen nicht, sondern von der Natur gebotene Hilfsmittel der­art benutzen, daß sie in die Erscheinung treten, dem Menschen dienstbar werden muß. Aber was sie ist? Niemand weiß das! Sich mit Aether- fchwingungen bestimmter Art aus der Klenime zu helfen, ist nur ein Notbehelf, der die Bewegung der Kraft mit dieser selbst verwechselt. Jedenfalls sind die Elektrizität und der Magnetismus keine Erden- sondern Weltallkinder. Was die Elektrizi­tät im Grunde sei, weiß man aber nicht. Dafür kennen wir wohl die hauptsächlichsten Bedingun­gen, unter denen Gewitter entstehen, haben auch durch die Beobachtungen erfahren, daß es einzelne mehr oder minder engbcgrenzte Gegenden gibt, in

denen Gewitter häufiger als anderwärts sich bil­den, ebenso daß die Gewitter in den gebirgigen Gegenden Deutfchlands häufiger sind und ihrer Zahl nach durch die norddeutsche Tiefebene nach der Meeresküste zu immer mehr abnechmen. So zählt Norddeutschland durchschnittlich 15—20 Ge­wittertage im Jahr, Süddeutschland aber 20—25. Die gewitterreichsten Gegenden sind der Franken­wald, das oberfchlesische Bergland zwischen Oder und Matapane, das Glatzer- und das Riesen­gebirge. Die gewitterärmsten Provinzen aber sind Pommern, West- und Ostpreußen mit etwa 12 Gewittertagen.

In den heißM Gegenden find die Gewitter weit häufiger als in den gemäßigten Zonen. Die größte Zahl Gewittertage (fast 200 im Jahr> dürste Bismarcksburg im Togoland haben. In Kamerun rechnÄ man 100, am Ausfluß des Kon­go etwa 95. In Amerika liegt die Zone der größ­ten Gewitterhäufigkeit in Mexiko (etwa 138 Ge­witter). Aeußerst gewttterreich sind die hollän­disch-indischen Inseln, man rechnet durchschnittlich über 100 Gewittertage: in Batavia 95, Palem- bang (Sumatra) 115, Buitenzorg bei Batavia so­gar 167. Je trockener dagegen ein Landstrich ist, desto weniger Gewitter treten auf. In Kairo z. B. nur 1—2 im Jahre, in Alexandrien 3—4; und in ganz Nordafrika, teilweise auch Spanien ist das Verhältnis ähnlich.

Im Laufe der letzten Jahre hat man sich viel­fach darüber geängstigt, daß die Zahl der Gewitter außerordentlich zugenommen haben soll und beruf : sich zum Beweis dafür auf die stetig und stellen­weise recht unheimlich wachsende Zahl der Blitz­schläge. So schlimm ist die Sache durchaus nicht. Jedenfalls hat sich aus den vorhandenen Gewitter­statistiken, die aber weder umfassend, noch lang­jährig genug sind, um eine abschließende Folge­rung aus ihnen zu ziehen, nur ergeben, daß die Zahl der jährlichen Gewitter hin und her schwankt, z. B. in den Jahren 1835—1888 von 15 bis 40, eine stetige Steigerung aber nicht nachgewiesen werden kann. Anders verhält es sich mit der Zu­nahme der Schadengewitter und Blitzschläge, aif die wir zurückkommen.

lieber die schwankende Zahl der jährlichen Ge­witter hat man verschiedene Vermutungen und Behauptungen aufgestellt und sie auf die schwan­kende Zahl der jährlichen Nordlichter und der Sonnenflccke zurückzuführen versucht. Es ist als bekannt vorauszusetzen, daß die Sonnenflecke etwa alle elf Jahre in auffallend großer Zahl austreten, ebenso daß in fleckenreichen Jahren die Nord­lichter, also die elÄtrischen Ausstrahlungen der Erde in den Weltenraum hinaus, überaus häufig sind, und endlich daß in den letzteren Jahren die Gewitter vielfach gering an Zahl und Gefährlich­keit sind. Daraus hat man geschlossen, daß Son­nenflecke und Gewitter in bestimmtem Zusammen­hang stehen. Das ist nicht unmöglich, denn die Beobachtungen mehrerer Wetterstationen sprechen dafür, andere lassen die Frage möglich bezw. zwei­felhaft erscheinen, und wieder andere scheinen dciS Gegenteil zu beweisen. Vorderhand ist also noch keine Sicherheit vorhanden und wir müssen uns mit der Tatsache abfinden, daß die Zahl der jähr­lichen Gewitter hin und her schwankt und — soviel man glaubt annehmen zu können — in fünf- bezw. elfjährigen Perioden.

Anders steht es mst der Blitzgefahr. Daß diese zugenommen hat, scheint Tatsache zu sein, aber keinesfalls ist das so arg, wie einige statistische Zahlen bei oberflächlichem Ansehen zu beweisen scheinen. Liest man z. B. in den Berichten der Feuerverficherungsgesellschasten, daß von einer Million versicherter Gebäude vom Blitz getroffen wurden in Sachsen 1864-76 jährlich 189, aber 1877-89 jährlich 375, im Regierungsbezirk Kassel erst 60 und später 139 usw., dann hat man anschei­nend alle Ursache zu erschrecken. Man wird sich aber beruhigen, wenn man erfährt, daß in neuerer

Zeit die genannten Gesellschaften auch die Schäden, welche durch sog. kalte Blitzschläge verursacht wer- den, entschädigen, während das früher nur bei Branden geschah. Die neueste preußische Statistik weist überdies nach, daß 1891 :1466, 1895 :1932 und 1898 :1017 Blitzschläge in Gebäude amtlich angemeldet wurden. Von einer eigentlichen Zu­nahme der Blitzschläge kann da kaum die Rede sein. Ueberdies hat eine Untersuchung der Reichs­post in den Jahren 1882—1890 ergeben, daß von sämtlichen Stangen der Telegraphenleitungen durch Blitz beschädigt wurden 1882 :0,12 Proz.; 1884 : 0,15 Proz.; 1886 : 0,11 Proz.; 1890 :0,12 Proz. Also auch hier keine Steigerung der Blitz- gefichr. Daß in einigen Strichen Deutschlands z. B. in Bayern, Sachsen, Rheinland die Blitz­schläge aber doch etwas zugenommen haben, muß zugegeben werden, aber keineswegs darf man deshalb auf eine wesentliche Zunahme der Gefähr­lichkeit der Gewitter schließen.

vermischter.

* Er hat Recht. Schaffner (zu einer außer­ordentlich dicken Dame, die sich sehr anmaßend beträgt): „Na, wissen Sie, bilden Sie sich hier nur nichts ein, an Ihnen setzt die Bahn doch nur Geld zu!"

kurzer Getreide-Wochenbericht

der Preisberichtsstelle des Deutschen Landwirtschaftsrats vom 7. biS 14. Mai 1906.

Die westeuropäischen Märkte sind infolge ge- befferter Ernteaussichten zurückhaltender. Dagegen erscheinen die Saaten Rußlands neuerdings durch Dürre bedroht, die Forderungen von dort lauten deshalb fester. In Nordamerika gaben weitere Be- ftandabnahmen, regerWarenabsatz und unbefriedigende Witterung zu weiteren Preisbesserungen Veranlassung. In Deutschland wurde das Regenbedürfnis unge­nügend bestiedigt, besonders auf leichten Böden er­

weckt der Roggenbestand begründete Befürchtungen. Die herrschende Witterung beeinflußt jedoch auch die Qualitäten in ungünstiger Weise, was wohl dazu beigetragen haben dürfte, dem Angebot ein dringenderes Gepräge zu verleihen. Der Absatz qualitativ nicht einwandfreien Brotgetreides ist außerordentlich g^wierig, und die Furcht vor eventnellen späteren ualitätsverluften laßt den Bedarf nur vorsichttg zu Neuanschaffungen schreiten. Die Preisoerhältnifse haben sich unter diesen Umständen umsoweniger zu bessern vermocht, als der Export wieder ausgehört hat und andererseits unbefriedigender Mehlabzug den Mühlenbedarf sehr beschränft. Bei der fchwächeren Preistendenz im Jnlande ist die Möglichkeit aus­ländischer Bezüge ivieder geringer geivorden, das grusligere Preisverhältnis Süd- und Westdeutsch- lmrds zum Auslande gestattete wieder ewige Er­werbungen. In Berlin kamen festere Auslandsbe- richte, Trockenheit im Jttlande und schleppender Warenabzug entsprechend zur Geltung. Im Hafer- gefchäst macht sich nach den vorangegangenen starken Anschaffungen eine Ermüdung des Bedarfs bemerk­bar, der man in der Provinz durch Preiszugeständ- nisse zu begegnen suchte. Futtergerste in greifbarer Ware wie auch auf Abladung erfreut sich befferer Beachtung Mixed-Mais war vernachlässtgt, zuiual ankommender La-Plata bei ermäßigten Forderungen gute Qualitäten in Aussicht stellt.

Es stellten sich die ©etreibepretfe am letzten Markt­tage in Mark pro 1000 Kilo je nach Qualität, wobei das Mehr (+) bezw. Weniger t —) gegenüber der Vor­woche in 0 beigefügt ist, rote folgt:

Weizen Roggen

Danzig 188 (4-2 ) 152 (—6 )

Berlin 181 (-2 ) 160 ( )

Magdeburg 180 ( ) 168 (-j-l )

Hamburg 186 ( ) 172 ( )

Münster 185 ( ) 170 ( )

Düsseldorf 190 (4-1 ) 170 < )

Köln 182-/,( ) 170 ( )

Frankfurt 194 (- */,) 185 (4-1 )

Mannheim 191W— */,) 172« ,(-2 )

München 193 (—1 ) 176 ( )

4S

MAL

worden als die zopfigen Be»

timmungen, und so wird denn Japan jetzt erst i ein treten. Die Seestation Maijuru wird zuerst ge» wirklich in die Reihe der handeltteibenden Staaten I öffnet werden.

Zur Öffnung von-Japans Haupthäfen für den allgemeinen Verkehr.

- Früh&fen

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Nach den militärischen und sonstigen Erfolgen, die den Ja­panern durch den russischen Krieg geworden sind, ist ihnen auch die Erkenntnis gekommen, daß, wenn sie in jeder Beziehung am Welt­handel teilnehmen wollen, sie ihre gesamten Häfen und Küsten dem Handelsverkehr öffnen müs­sen. Bisher war nur ein Teil der japanischen Häsen dem aus- ländtschen Handel geöffnet; in den nicht dem ausländischen Verkehr geöffneten Häfen durften fremde Schiffe ihre Ladung nicht löschen. Daß-eine solche Be­schränkung nicht im Interesse des Handels liegen konnte, ist ohne weiteres ersichtlich. Die japanische Staatsleitung hatte aber bisher triftige Gründe, den Handel obfolut unter Kontrolle )u halten, und daher stammten renn auch diese Beschränkungen. Selbstverständlich aber litten ganz naturgemäß besonders ein­zelne japanischeHaupthäf en unter der Bestimmung, daß fremde Schiffe sie deswegen nicht auf­suchen konnten, weil sie ihre Ladung nicht löschen durften. Die Handels- und Verkehrs­bedürfnisse sind aber stärker ge-

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Hafer

165 (—8 )

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170 (4-5 ) 169 (4-1 )

172-/-( )

180 ( )

170 ( )

184 ( )

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W öc$ Ae§ Amen.

Novelle von Marg. Schlichter.

24] (Nachdruck verboten.)

Die Wirkung dieses Briefes auf Braudau läßt sich kaum beschreiben. Die engen Wände seines Zimmers schienen ihn zu erdrücken, und nicht wissend, wohin er seine Schritte lenken solle, ver­ließ er das Hotel und trat auf den Quai hinaus. Derselbe war um diese Zett sehr belebt; er aber konnte jetzt nicht unter Menschen gehen; er mußte allein sein, allein mit seinem stürmischen Empfin­den, seinem übervollen Herzen.

Und hoffend, eine tüchtige körperliche Säre­gung werde feiner Seele das verlorene Gleich­gewicht wiedergeben, schlug er den Weg zum Sar- dinerv ein. In erhabener Ruhe dehnte das Meer sich vor ihm aus; leise und träge schlugen die schimmernden Wellen gegen die felsige Küste und ein klarer blauer Himmel wölbte feine Kuppel über die endlose See, über die grauen Felsen und über die ferne Stadt, von deren rastlosem Getriebe kein Ton zu ihm hinüber wehte. Sie gefiel ihm nicht, diese hehre Ruhe; er hätte gewünscht, das Meer zu sehen wie vor einigen Tagen, als er von derselben Stelle ans die Wirkung eines gewaltigen Orkans beobachtet hatte. Da tauchte der Sturm­wind seine gewalttgen Flügel heulend und pfei­fend in die See.. Er schleuderte die schaumgekrön- ten Wellen über den festgefügten Damm ragender Felsmassen, ja hoch empor über die Kuppel eines auf einem Felsen erbauten Leuchtturmes, und zer­riß, für einen Augenblick die schwarzen Wolken­gebilde, welche die Sonne verhüllten. Ihre golde­nen Strahlen brachen sich in den perlenden Flu­ten, die nut donnerndem Getöse, einem gewaltigen Wasserfalle gleich in die Tiefe nieder stürzten, um

bald darauf mit erneutem Zorne gegen ihre ewi­gen Grenzen anauftürmen. O, das war großartig gewesen, und demütigend sich beugend vor der Allmacht des Unendlichen, hatte er diesem Schau­spiel zugesehen. Aber sonderbar, indem er des Sturmes auf dem Meere gedachte, legte sich die gewaltige Erregung, die ihn hierher getrieben, und die tiefe Ruhe der ihn umgebenden Natur teilte sich seiner Seele mit. Halb träumend, halb wachend, lag er auf einem Felsen hingestreckt, feine Augen in die Wette gerichtet, zum fernen Horizont, wo Himmel und Meer sich zu berühren schienen. Er verglich sein Glück mit dem goldenen Schatz im Märchen, den neidische Zwerge in die Tiefe ver­senkt hatten, daß keines Mensch«! Herz sich daran erfreuen solle. Aber einmal, als sie schliefen, be­mächtigte sich die Meerfrau, die dem Menschen wohlgesinnt ist, des kostbaren Schatzes, trug ihn empor aus der krystallhellen Flut und schenkte ihn dem armen Fischer, der so oft vergeblich seine Netze darnach ausgeworfen hatte.

Und wie er so träumend hinausschaute, sah er ein Schiff fern am Horizont auftauchen. Schon erkannte er die einzelnen Umrisse desselben, und blickte ihm mft jenem Interesse entgegen, das der am Ufer des Meeres stehende Beschauer für jedes der sich nahenden Fahrzeuge empfindet, die, mit Dampfeskrast den unermeffenen Ozean durch- chneidend, den Verkehr zwischen fremden Ländern und Völkern bermitteln. Schon erkannte er an der Flagge, daß es ein spanischer Dampfer fei, und jetzt war derselbe so nahe, daß er ihn genau ins Auge fassen und feinen Namen entziffern konnte. Mit seinem schwarzen Rumpfe machte er einen düsteren Eindruck, und der mit großen Weißen Let­tern grell leuchtende Name „Machichaco" (sprich Matschischako) kam ihm unheimlich vor. Es be- chlich ihn etwas wie eine Ahnung kommenden Un­heils; allein er schüttelte dieselbe ab. Nein, mit dem Briefe, den er heute erhalten, war der Glaube an endliches Glück in feine Seele gezogen. Nun fort mit allen quälenden Gedanken, fort mit der

häßlichen Brille der Eifersucht, durch die allein er Elisabeths Verhaften in den letzten Jahren gesehen hatte. O, wie hate er ihr unrecht getan, wie hatte er sie verkannt! „Aber sie liebt dich noch", jubelte es in ihm auf, und „Siebe verzeiht alles". Am liebsten wäre er jetzt sofort zu ihr geeilt; aber die Ueberlcgung hielt ihn zurück. Er wußte, daß ihr Onkel leidend sei und sie fast immer um ihn be­schäftigt. Gegen abend hoffte er Gelegenheit zu hoben, sie allein zu treffen. Ja, gegen abend, wenn die Engel des Friedens den Segen des Him­mels in die Herzen der Menschen tragen und das Gemüt weich gestimmt und zum Verzeihen geneigt ist, bann wollte er demütig zu ihren Füßen knieend um Verzeihung'bitten, und sie würde wieder die Seine werden auf ewig. Es war zwei Uhr nach- ntttags, als er den Rückwess antrat Seit dem rühesten Morgen hatte er nichts genossen, und sein Magen, der etwas Reelleres verlangte als süßes Liebesempfinden, forderte energisch sein Recht. So ließ er sich denn, im Hotel angelangt, ein einfaches Mahl servieren, und kaum hatte er seinen Hunger gestillt, so trieb es ihn schon wieder hinaus. Konnte er sein Sieb auch noch nicht sehen, so wollte er doch das Haus im Auge haben, das sie beherbergte. Die Stadtwohnung des Konsuls lag am Hasen, d. h. am ersten Hafen, aber am äußersten Ende dessel­ben. Die Stadt hat nämlich einen zweiten Hafen, Maliano (sprich Mafia ngo) genannt, der jenseits des ersten liegt. Der Konsul hatte seit acht schlim­men Leidenstagen heute feinen ersten guten Tag. Eine Decke über die Kniee gebreitet, saß er auf dem Ballon und sog mit Wohlbehagen die warme, kräf­tige Seeluft ein, die vom Hafen zu ihnen hinüber wehte. .

„Ja, siehst Du", sagte er zn feiner Nichte, die neben ihm saß, „ich bin so eine Art lebendes Baro­meter. Regenwetter kündigt sich durch rheumati- che Schmerzen bei mir an, Sonnenschein treibt sie in die Flucht. Gott Dank, daß wir hier zu Lande mehr Sonnenschein als Regen haben. Wie das schöne Wetter die Leute doch herausgelockt hat.

So belebt von Spaziergängern wie heute ist der Hafen lange nicht gewesen. Sieh mal, ist das nicht Brandau, der da herkommt?"

„Diese Künstler glauben sich von den einfach­sten Regeln der Höflichkeit dispensieren zu können", grollte er „ohne sich zu verabschieden ist er abge­reift, und nun ist er schon mehrere Wochen wieder hier, ohne es für der Mühe wert zu halten, uns einen Besuch zu machen."

Im Grunde hatte er immer gehofft, die beiden, über deren früheres Verhältnis er sich seine Kom­bination gemacht hatte, würden sich wieder verstän­digen, und indem er jetzt nach der Richtung blickte, nach der Brandau gegangen war, sah er nicht, daß Elisabeth sich verstohlen eine Träne wischt«, Aber etwas anderes fesselte die Aufmerksamkeit der beiden. Sie sahen nämlich, wie die Spaziergänger vom ersten Quai in großer Erregung dem Ma- liano-Hafen zusttömten, es mußte dort etwas zu sehen fein. Auch Brandau war inzwischen dort an­gelangt und sah eine Menge Menschen auf dem Damme stehen, mit lebhaften Gebärden auf ein Schiff deutend, dessen Bug eine dicke Rauchsäule entquoll. Es war der Machichaco, dessen Ankunft er vor zwei Stunden beobachtet hatte. Eine An­zahl Polizisten und Feuerwehrleute, die cm Boot mit Löschapparaten beluden, liefen geschäftig hin und her. Zugleich mit ihnen stieß ein zweites Boot vom Ufer, in welchem sich der Zivilgouver- neur der Stadt, der Vorsteher des Zollamtes, mehrere feiner Unterbeamten, der Kommandant der Gendarmerie und eine Anzahl Marineoffiziere befanden.

„Was bat das Schiff an Bord?" fragte Kran­bau einen der neben ihm stehenden Hafenbeamten.

„Eifenschienen und Petroleum", antwortete die» fer höflich. „Das letztere wird man ins Meer ver­senken müssen, wenn der Brand sich nicht schnell löschen läßt. Einige Kistchen Dynamit, die für ein Bleibergwerk hier in der Nähe bestimmt sind, hat man Gott sei Dank schon in Sicherheit,"

(Fortsetzung folgt.)