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M 110. i —

Fulda, Montag den 14. Mai 1906.

33, Jahrgang

Erstes Matt.

Die Viatenvorlage im Reichstage.

Der Reichstag hat am Samstag die Diäten- Vorlage in zweiter Lesung erledigt. Vorher wurde die Vorlage betr. die Abänderung deS Artikels 138 der Reichsverfassung, durch welche man die Be­schlußfähigkeitsziffer für Geschäftsordnungs-Ange­legenheiten herabsetzen wollte, nach dem Vorschläge der Kommission abgelehnt. Für die Herabsetzung stimmte nur ein Teil der Konservativen und der Reichspartei.

i In der Diskussion über den grundlegenden Paragraphen 1 der Vorlage entwickelte sich eine Art Generaldebatte über die Frage der Diäten- gewährung int allgemeinen. Es zeigte sich, daß auch die übergroße Mehrheit deS Reichs­tags heute noch auf dem Boden der wieder­holten Beschlüsse zu gunsten der Diäten steht. ^Einern Teile der Konservativen und der Reichs- ^partei, ivelcher auch hier die Opposition bildet, ^reihten sich nur die Welfen an. Da man an­nehmen kann, daß dieses Verhältnis der Parteien zu der Vorlage sich auch in der dritten Lesung .nicht ändern wird, darf man wohl voraussetzen, daß die Diätenvorlage gesichert ist, und zwar 'in der Fassung, die sie in der Kommission er­halten hat.

Der einzige Abänderungsantrag, der Sm Samstag zur Annahme gelangt ist, war ein Antrag des Abg. Dr. Spahn, welcher bezweckte, den Begriff der Reichstagstagung fester zu um- i.schreiben, um allen Zweifeln daran vorzubeugen, daß die Doppelmandatare auch für die Zeit der großen Vertagungen des Reichstags berechtigt sind, unbeschadet der ihnen gewährten Pauschale von Reichswegen, Landtagsdiäten zu beziehen. Ein Antrag des Abg. Arendt, welcher hinsichtlich ;ber Diätenfrage das in der Vorlage bezw. in den Kommissionsbeschlüssen festgelegte Verhältnis vom Reich zu den Einzelstaaten dadurch in fein Gegenteil verkehren wollte, daß die Einzelland­tage gewissermaßen dem Reichstage vorangehen sollten, wurde ab gelehnt, nachdem der Staats­sekretär des Innern die verfassungsrechtlichen Be­denken, welche dem Anträge zu gründe gelegt waren, als gegenstandslos dargetan hatte.

Die Bedeutung der ganzen Vorlage wurde zu Eingang der Sitzung noch einmal von dem Führer des Zentrums, dem Abg Grafen Hom­pesch, mit kurzen und klaren Worten dargelegt. Graf Hompesch hob besonders nachdrücklich her­vor, daß die Diätengewährung eine überaus wertvolle Ergänz«ng des allgemeinen Wahlrechts darstelle, da sie den Wählern in der Auswahl der Abgeordneten einen freieren Spielraum gestatte und den Abgeordneten selbst die Erfüllung ihrer Abgeordnetenpflichterleichtere, ja manchen erst möglich mache. Mit Recht hob der Zentrumssührer aber auch die moralische Pflicht hervor, welche die Abgeordneten durch die Annahme der Diäten auf sich nähmen. Im ganzen Lande wird marr dem Grafen Hompesch in dem Gedanken zustimmen, daß die Wähler in Zukunst von ihren Abgeordneten eine stete Teilnahme an den Arbeiten des Reichstags ver­langen dürfen, und daß das Gesetz eine Verschärfung des Pflichtgefühls bei den Reichstagsmitgliedern 1« Wege bringen werde, das nicht nur den Auf-

Aus des Todes Armen.

Novelle von Marg. Schlichter.

62] (Nachdruck verboten.)

„Nun, doch nicht mehr als der Equilibrist oder der Löwenbändiger int Zirkus, deren Produktio­nen zu untersagen doch niemandem einfallen stmrde."

„Doch, auch das verbietet, wenn nicht der Staat, so doch die christliche,Moral. Ich habe immer ein großes Mitleid für die Menschen empfunden, deren Existenz auf einem so gefährlichen Gewerbe be­ruht, und bedauert, daß sie ihre Kraft und Ge­wandtheit nicht besser anwenden."

„Gott bewahre uns vor einem Minister ä la Fräulein Hellwich", lachte Rueda; „er würde übrigens auch die längste Zeit sein Portefeuille in Händen gehabt haben. Das Verbot des Stier- kampfes würde unzweifelhaft eine Revolution zur Folge haben. Die Stierkämpfe bilden seit Jahr­hunderten das Nationalvergnügen des spanischen Volkes. Was bei den alten Römern panem et circensis (Brot und Spiele) bedeutete, bedeutet bei den Spaniern pan y torros. Das eine erscheint Ihnen ebenso unentbehrlich zur Erhaltung des Leibes wie das andere zur Erheiterung und Auf­frischung des Geistes."

„Sonderbares Simulationsmittel das, für den der Erholung bedürftigen Menschengeist! Was sagen Sie dazu, Herr Brandau?" — „Nun, daß Herr Rueda jedenfalls einen schlagenden Beweis für die Nichtigkeit seiner Behauptung beibringen kann", sagte Brandau nicht ohne leichten Spott.

„Kann ich auch", erwiderte dieser. „Der Stier­kampf hat nämlich auch seine ethische Seite; eben­so wie die Produktion eines Tierbändigers. Sie beweisen, daß der Mensch, der Herr und die Krone der Schöpfung, das ihm an elementarer Kraft überlegene Tier vermöge seiner geistigen Fähig­keiten zu beherrschen versteht."

gaben des Reichstags, sondern auch dem ganzen Reiche zum Heil und Segen gereichen werde.

Was in der Debatte an Bedenken gegen Einzelhetten des Gesetzentwurfes vorgebracht wurde, reicht an Bedeutung nicht im entferntesten an die Tragweite dieses Gedankens heran, der so recht eigentlich den Kernpunkt aller Be­strebungen darstellt, welche auf die Erreichung von Diäten für den Reichstag gerichtet waren und sind. Wir finden es bedeutungsvoll, daß in den Verhandlungen namentlich die Befürch­tung vollständig in den Hintergrund getreten ist, daß durch die Gewährung von Diäten politlsch gefährlichen Strömungen Vorschub geleistet werden könnte. Nach Andeutungen des Staatssekretärs Grafen von Posadowsky ist auch diese Seite der Diätenfrage bei den Verbündeten Regierungen Gegenstand „sehr ernster Auseinandersetzungen" gewesen. Die Verbündeten Regierungen haben aber durch die Einbringung der Vorlage schon bewiesen, daß sie diese Befürchtung nicht teilen, und mit Recht hat die Mehrheit des Reichstags diese Anschauung zu der ihrigen gemacht.

Es steht zu erwarten, daß die dritte Lesung des Gesetzentwurfs frei bleiben wird von den zum Teil kleinlichen Einwürfen unv Bedenken, die heute noch von einigen Seiten erhoben worden sind, damit der Schlußeindruck ein mög­lichst einheitlicher und nachhaltiger ist.

Deutsches Reich.

Berlin, den 12. Mat 1906.

* Prinzessin Friedrich Karl von Preußen, die Witwe des am 15. Juni 1885 verstorbenen Prinzen Friedrich Karl, ist am Freitag abend in Friedrichsroda int Alter von 69 Jahren ge­storben. Infolge dieses Todesfalles ist von Montag, den 14. d. Ms. ab Hoftrauer auf 14 Tage angeordnet worden. An dem geplanten Aufenthalt des Kaisers in Urville und an den vorgesehenen militärischen Uebimgett in Metz und Diedenhosen wird jedoch voraussicht­lich nichts geändert werden, während aber der Aufenthalt in Wiesbaden wegfällt. Der Kaiser gedentt am 19. Mai wieder im Neuen Palais in Potsdam einzutreffen.

* Wer Gelegenheit hatte, so schreibt die ,N. ,N. G. den Reichskanzler Fürsten Bülow in diesen Tagen zu sehen, der konnte sich davon überzeugen, daß er seine frühere Gesundheit im vollen Maße wieder erlangt hat. Wenn sein vor­trefflicher Arzt, Geheimrat Prof. Dr. v. Ren­ners, nicht Einspruch erhoben hätte, fo würde der Kanzler sich nicht die Erfüllung seines regen Wunsches versagen, noch vor Antritt seines Ur­laubes im Reichstage zu erscheinen. Geheimrat v. Renvers hat sich dem widersetzt, weil er den Fürsten nach der Beendigung seiner ärztlichen Be­handlung seinem Amte so völlig gekräftigt wieder­zugeben wünscht, daß eine Wiederholung des hauptsächlich auf einen durch Ueberarbeitung ver­ursachten Nervenschoc zurückzuführenden Anfalles ganz ausgeschlossen erscheinen kann, und nach den ausgezeichneten Ergebnissen, welche die Kur seines Arztes bis jetzt für ihn gezeitigt hat, fügt Fürst Bülow sich auch dieser Anordnung. Der Reichs­kanzler wird spätestens am 23. Mai nach Nor­derney abreisen. Er nimmt wie gewöhnlich einen ziemlich umfangreichen Beamten - Apparat nach Norderney, so einen vortragenden Rat des Aus-

„Ein brillantes Argument, ein derarttges Spiel in etwa zu rechtfertigen. Ich werde mich aber nie für eine corrida de torros passionieren können."

„Wer weiß, am Ende werden Sie mit der Zeit noch so vollständig Spanierin, daß das National­spiel unseres Volkes auch Ihnen Vergnügen macht, oder daß sie ihm wenigstens seine Berechtigung zugestehen."

„Nein, niemals, ich werde morgen meinem Bruder einen ausführlichen Bericht des Kampfes zuschicken mit der Bemerkung, daß ich an dem einen Male vollständig genug habe."

Rueda zog ungläubig die Schultern. Mittler­weile war die Pause zu Ende, und der zweite Stier sprengte in die Arena, marterte auf dieselbe Weise wie der erste einige Pferde zu Tode,, wurde auf dieselbe Weise gequält, hielt eine Zeitlang alles in atemloser Spannung und brach lautlos zusam­men, als der Matador fand, daß es genug fei „des grausamen Spiels". Der dritte Stier hatte .nicht Feuer genug. Er war noch zu jung. Die roten Tücher reizten ihn nicht, ebensowenig wie die Lanzenstiche der Picadores. Pferd und Stier schienen ihre Rollen gewechselt zu haben; denn der Stier wich aus anstatt sich gegen seine Pei­niger zu wenden und allgemeines Murren be­kundete die Unzufriedenheit der Zuschauer. Da sahen die Kämpfer sich genötigt, ihr gewöhnliches Simulationsmittel anzuwenden. Kleine, mit Pulver gefüllte Zündhütchen wurden in das Fleisch des Tieres gesteckt, welche, losplatzend, einen ent­setzlichen Schmerz verursachen und die volle Wut des Stieres entfesselten. Das Tier machte plötz­lich eine unvorhergesehene Wendung, und es fehlte nicht viel, so hätte es einen der Kämpfer aufge­spießt. Schon hatten seine Hörner dessen Gewand gestreift. Das war aber zuviel für Elisabeths Nerven. Die drückende Hitze, die fortwährende Aufregung der letzten Stunden, alles kam zusam­men und bewirkte, daß sie sich einer Ohnmacht nahe fühlte. Rueda und Brandau bemerkten die Blässe auf ihrem Antlitz, und als sie sich erhob.

roärtigen Amtes, zwei Beamte des Chiffrier-Bu­reaus und den unentbehrlichen Sekretär, mit. Denn auch während der Abwesenheit des Reichs­kanzlers wird kein wichtiges Aktenstück und keine Depesche abgefertigt, ehe sie ihm nicht vorgelegen, also den Umweg über Norderney gemacht haben.

* Der Entwurf des neuen Exerzier-Regle­ments für die Infanterie ist am 6. Mai für die Truppen mit der Maßgabe ausgegeben worden, daß in einiger Zeit über die Erfahrungen mit dem Entwurf Bericht zu erstatten ist. Der Entwurf hat die Genehmigung des obersten Kriegsherrn gefunden. Die kaiserliche Kabinetts­ordre, welche die Einführung anordnet, kann natürlich erst ergehen, wenn die enbgiltige An­nahme des neuen Reglements beschlossen ist.

.. Gegen die Erhöhung der Bierpreise durch die Brauereien beginnen jetzt die Wirte Stellung zu nehmen. In Berlin ist der Attions- ausschuß der Gastwirte zu Montag einberufen worden, um über die einzuschlagenden Schritte zu beraten. Die Stimmung in den Berliner Wirtekreisen ist, wie es in den Blättern heißt, ziemlich erregt. Man wirft den Brauereien vor, und nicht mit Unrecht, daß sie bei der Erhöhung der Biersteuer noch extra verdienen wollen, und zu der Steuererhöhung ihrerseits einen ganz be­deutenden Zuschlag machen. Die Wirte wollen kein Mittel unversucht lassen, um diese Preis­steigerung von sich abzuwehren. In Aussicht genommen ist u. a. die weitere Ausgestaltung der in Berlin bereits bestehenden Genossen­schaftsbrauerei und der Ankauf von weiteren Brauereien, die dann genossenschaftlich betrieben werden sollen.

* In Sachen des Bolksschulunterhaltungs- gesetzes lesen wir in der ,Kreuzztg/ nachstehende beachtenswerte Erklärung: „In liberalen Zei­tungen wird feit dem Abschlüsse der Kommissions­beratungen fast täglich von Verhandlungen ge­sprochen, die zwischen Vertretern der Kompromiß­parteien und der Unterrichtsverwaltung über das Schulunterhaltungsgesetz stattfinden. Daß die Mittelparteien sich an derartigen Verhandlunaen beteiligen, halten wir für sehr wahrscheinlich. Aber die Konservativen haben sich bisher an ihnen nicht beteiligt. Sie haben bereits mit einer Deutlichkeit erklärt, daß sie für wesentliche Ab­änderung der Regierungsvorlage über die Kom­missionsbeschlüsse hinaus nicht zu haben sind, da sie mit der Zustimmung zu diesen Beschlüssen bereits an der äußeren Grenze ihre Zugeständ­nisse angelangt sind." — Danach erhalten die angeblich im Kultusministerium stattfindenden Verhandlungen einen eigentümlichen Anstrich. Die Nichtbetefligung der Konservativen an ihnen muß sie vollständig wertlos machen, wenn die ,Kreuzztg/ mit ihrer eben wiedergegebenen Aus­lassung den Standpuntt ihrer Partei richtig kennzeichnet.

* Die Aufhebung des Umsatz-Stempels für Kaufgeschäfte in deutschen Reichsanleihen und Anleihen der deutschen Bundesstaaten ist, wie schon kurz erwähnt, am 10. Mai von der Steuer- Kommission deS Reichstages mit allen gegen eine Stimme beschlossen worden. Bekanntlich sind die Anleihen des Reiches und der Bundesstaaten vom Effektenstempel bisher schon befreit ge­wesen, die Kaufgeschäfte in diesen Papieren unterlagen jedoch, ebenso wie diejenigen in allen anderen festverzinslichen Wertpapieren, gleichviel ob in» oder ausländischen, einem Umsatz-Stempel

wollte ersterer sie zur Loge hinausgeleiten. Bran­dau aber stieß ihn fast unwirsch zur Seite und bot ihr seinen Arm, den sie dankbar annahm. Sie hatte noch das unklare Bewußtsein, daß sie mit fünfter Gewalt auf einen Stuhl gedrückt wurde, daß jemand ihre Schläfen mit einem feuch­ten Tuche rieb, daß ein frischer Luftzug sie um­wehte; dann schloß sie die Augen in Bewußtlosig­keit. Als sie dieselben wieder aufschlug, glaubte sie eine Vision zu scheu. Ihr einstiger Verlobter hatte sich über sie geneigt, und aus feinen Augen sprach so viel zärtliche Sorge und Liebe, daß sie über seine innersten Gedanken nicht im Zweifel sein konnte. Von süßem Glück durchschauert, senkte sie ihre Lider wieder, das Bild noch eine Weile festzuhalten. Doch als sie bald daraus wieder auf­blickte, war der Zauber verschwunden. Nchen ihr stand ihr Onkel und erkundigte sich teilnehmend nach ihrem Befinden.

„Ich habe Jose befohlen, anzuspannen, wir wollen sofort nach Hause fahren", sagte er.

„Nicht doch, lieber Onkel; ich fühle mich schon wieder Wohler und möchte Dich des Vergnügens nicht berauben."

„Also hältst Du mich für blutdürstig genug, um große Freude an dem Spiel zu haben?" lä­chelte er. „Nein, liebes Kind, ich will Dir nur ge­stehen, daß ich bloß Deinetwegen hingegangen bin; ich war schon seit mehreren Jahren nicht mehr dort."

„Du guter Onkel, ich bin Dir sehr dankbar, denn im Grunde freut es mich dach, ein Stierge­fecht gesehen zu haben. Ich bedauere es ober wegen Jose, wenn wir das Ende des Kampfes nicht abwarten, der arme Bursche hatte sich so sehr da­rauf gefreut."

„O, seinetwegen magst Du Dich beruhigen, er mag in der nächsten Woche wieder hingeheu; die Kämpfer sind für zwei Spiele verpflichtet."

So sichren sie denn heim. Brandau verabschie­dete sich von ihnen am Wagen. Sie gaben sich die Hand einfach und natürlich wie zwei gleich­gültige Bekannte, ober an diesem Tage war

von 20 Pfg. von 1000 Mark. Die inländischen Staatspapiere und Reichsanleihen waren also hin­sichtlich deS Umsatz-Stempels in keiner Hinsicht besser gestellt, als die exotischen Werte, z. B. griechische, portugiesische, russische und türkische Anleihen. Dieser Zustand wurde schon längst als abnorm betrachtet, umsomehr, als es doch im Jmteresse eines jeden Staates, und also auch deS Deutschen Reiches, liegen muß, den Kurs­stand seiner Staatspapiere nach Kräften zu heben, weil ihm dies bei der Ausgabe seiner Anleihen wieder zugute kommt und eine bessere Ver­wertung ermöglicht. Die dem Reichstage zugegangene Vorlage sah deshalb schon die Befreiung der Schatzanweisungen vom Umsatz- stempel und die Ermäßigung beS letzteren für Anleihen des Rei.ves und der Bundesstaaten auf 5 Pfg. von 1000 Mark vor, in der Kom- mifsionsverhandlung schlug jedoch Abg. Müller- Fulda vor, mit dem Umsatzstempel für deutsche Staatspapiere gleich reinen Tisch zu machen und ihn gänzlich aufzuheben Diesem Vorschläge schloffen sich fast alle Parteien an; die wirksamste Unterstützung fand er jedoch durch die Rede des Herrn FinanzministerS Frei­herrn v. Rheinbaben, welcher bieNotwendig- keit einer besseren Fürsorge für den Markt der deutfchen Anleihen ausführlich begründete und barlegte, baß auch b S bem preußischen Land­tage vorgelegte Sp arkasseng esetz den gleichen Zweck verfolge. Er führte aus, daß der Kurs­stand der deutschen Staatspapiere durch­aus nicht ihrem wirklichen Werte gegen­über dem Kurs der ausländischen Anleihen enffpreche. Es sei deshalb sehr erwünscht, daß den deutschen Staats- und Reichsanleihen ein besserer Markt geschaffen werde und daß durch Ermäßigung deS Umsatzstempels auch die Mög­lichkeit gegeben werde, diese Papiere für vorüber­gehende Kapitalanleihen zu benutzen. Gegen einen weitergehenden Antrag der Freisinnigen, in die Befreiung vom Umsatzstempel auch die Städte-, Provinz- und Hypothekenbank-Obligationen ein­zubeziehen, sprachen sich die Vertreter beS Bundes­rates und auch die Der Mehrheilsparteien auS, der Antrag wurde dann auch mit großer Mehr­heit abgelehnt unter Hinweis auf die dadurch entstehenden EinnahmeauSfälle, welche mit Rück­sicht auf die jetzige Finanzlage beS Reiches nicht getragen werden könnten. Dagegen wurde ein weiterer Antrag deS Abg. Müller-Fulda, vom Aktienstempel (2 Proz.) künftig die Aktien der Sekundärbahnen, welche unter Be­teiligung deS Reiches, der Bundesstaaten, Pro­vinzen, Gemeinden oder Kreise gegründet werden, freizulafsen, einstimmig angenommen. Der Antrag wurde damit begründet, daß es sich hierbei um Förderung gemeinnütziger Unter­nehmungen, welche nicht den Erwerb be» zwecken, sondern allgemein wirtschaftliche Ziele verfolgen, handele, und daß auch im übrigen schon Befreiungen für derartige gemeinnützige Unternehmungen im geltenden Stempelgeseh stipuliert sind. Der Antrag hat auch von den Verbündeten Regierungen keinerlei Widerspruch erfahren, um so weniger, als daraus keine nennenswerte Mindereinnahme zu be­fürchten ist.

* Das sog. „Mantelgesetz", welches die Be­stimmungen der eigentlichen ReichSfinanzreform enthält und die Steuergesetze erst in Vollzug setzt, wird in nächster Woche das Plenum beS ReichS-

Brandau mit sich selbst zufrieden, und als er am Abend mit Doktor Schmitz zusammentraf, sagte dieser: „Ich sehe es Dir an. Du hast eine andere Taktik eingeschlagen und einen besseren Erfolg ge­habt. Säume nun auch nicht länger, eine Aus­sprache herbeizuführen; ich weiß, daß sie Deiner wert ist. Lasse Dich nicht wieder unterkriegen von Deiner unbegründeten Eifersucht; Du wirst sonst ein ungenießbarer Sonderling werden zum Nachteil Deiner Kunst, die doch bei jedem Künstler mehr oder minder von äußerer» Verhältnissen ab­hängig ist."

Und er, dem es zugestanden hätte, um Ver­zeihung zu bitten, nahm sich großmütig vor, zu vergessen und zu vergeben, sobald er sicher war, daß Elisabeth ihn noch liebte. So wanderte er denn am folgenden Nachmittag nach der Villa des Konsuls: ihr gestriges Unwohlsein bot ihm einen klaren Vorwand zu diesem Besuch, wollte er sich doch nach ihrem Befinden erkundigen. Auf dem Vorplatz vor dem Hause sah er ein Pferd an einen Baum gebunden, welches er als dasjenige Ruedas erkannte. Man bedeutete ihm, daß die Senorita im Garten sei, und er wandte sich dorthin. In einiger Entfernung sah er ihr Helles Gewan! zwischen den Sträuchern schimmern; Don Akbar« schritt neben ihr her. Seine Blicke verschlangen sie förmlich, und indem er mit sichtlichem Wohlge­fallen an feinem spitzen, schwarzen Schnurrbart drehte, gab er sich Mühe, feinen esprit leuchten zu lassen. Elisabeth verglich im stillen feine faden Reden mit der gediegenen Unterhaltung eines an­dern, und um dem ihr unangenehmen Ute-ä-tete ein Ende zu machen, erklärte sie, ins Haus zurück- kehren zu wollen; hoffend, daß inzwischen ihr Onkel heimgekommen sei. Sie standen gerade an einem Rosenstrauch, der mit den prachtvollsten Blüten übersät war. Albaro brach eine derselben und reichte sie ihr mit einer galanten Verbeugung. Sie nahm st« gleichgütig hin und schob sie in den Gürtel ihres Kleides; sie durfte doch schließlich gegen einen Freund ihres Onkels nicht ungezo­gen W-