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M 107.
33, Jahrgang.
Fulda, Donnerstag den 10. Mai 1906.
Arges Wtatt.
\ Die russische Reichsduma.
Am Donnerstag wird in Petersburg das erste russische Parlament, die ReiMduma, feierlich eröffnet werden. Das Zeremoniell für diesen Att ist bereits eröffnet worden; es schreibt ganz genau vor, wie die Feierlichkeit vor sich gehen soll, namentlich die Beteiligung des Zaren an derselben, der die Eröffnung persönlich vollzieht ,ist fast bis auf jede einzelne Bewegung festgelegt. Im Reiche wird der denkwürdige Akt gleichfalls durch besondere Feiern kirchlicher und öffentlicher Natur verherrlicht werden.
Trotz dieses Prunkes und trotz aller dieser Fei- erlichkeiten scheinen die intelligenten Kreise in Rußland die Besorgnis nicht los werden zu können, daß die Eröffnung der Duma keineswegs gleichbedeutend ist mit der Jnaugurierung einer neuen Glücksära für Rußland. Diese Besorgnis wird auch im Auslande geteilt, wo man die russischen Verhältnisse allmählich mit sehr nüchternen Augen zu betrachten sich gewöhnt hat. Nachdem aus so viel Anläufen zur Durchführung eines wirklich konstitutionellen Systems in Rußland nur ein Parlament hervorgegangen ist, das den Namen einer Volksvertretung nur in sehr beschränktem Maße verdient und besten Befugnisse sich in der Hauptsache auf eine Kritik der Regierungsvorschläge und auf die Bekanntgabe etwaiger Wünsche beschränkt sind, während von einer tieferen Mitwirkung an der Gestaltung der Geschicke des Landes kerne Rede sein kann, und nachdem die zahlreichen Versprechungen, welche vonseiten der Re- gierung in Hinsicht auf Reformen ergangen sind, fast in jedem Falle nachträglich Einschränkungen erfahren haben, die ihren Wert erheblich reduzierten, wenn nicht vollständig annullierten, macht man sich keine großen Hoffnungen mehr auf die Zukunft eines konstitutionellen Systems im Zarenreiche. Im Gegenteil herrscht die Besorgnis vor, daß die Rcichsduma über kurz oder lang auf das Niveau eines bloßen politischen Dekorationsstückes herabsinken wird.
Die Besorgnis wird durch verschiedene Umstände verstärkt; in erster Linie durch den Ministerwechsel, der in den letzten Tagen stattgefunden hat. Man mag sagen, was man will, die Entfernung des Grafen Witte von der maßgebendsten Stelle in Rußland bedeutet einen Erfolg derjenigen Bestrebungen, die einer wahrhaft konstitutionellen Entwickelung feindlich gegenüber stehen. Alle Ehrenbezeugungen, mit denen der scheidende Ministerpräsident vom Zaren überhäuft worden ist, können den Eindruck nicht beseitigen, daß Graf Witte einer Strömung ßum Opfer gefallen ist, die in dem bisherigen Minrster des Innern Durnowa ihren Hauptvertreter fand, und welche namentlich in der näheren Umgebung des Zaren noch besonders stark zu sein scheint. Auch die gleichzeitige Entfernung Durnowos von seinem Posten vermindert die Bedeutung der Verabschiedung des Grafen Witte nicht, die gerade im Hinblick auf die unmittelbar bevorstehende Eröffnung der Reichsduma und im Hinblick auf die soeben von Witte durchge» führte Riesenoperation der neuen Anleihe ihre besondere Bedeutung erhält.
Die Besorgnisse werden noch verstärkt durch die jüngsten amtlichen Publikationen in Petersburg. Namentlich hat die Veröffentlichung der Staatsgrundgesetze, welche am Dienstag erfolgt ist, alle jene enttäuscht, welche auf freiheitliche Jnstitutio- nen in Rußland rechneten. Schließlich finden die gekennzeichneten Besorgnisse auch neue Nahrung in der verstärkten „Propaganda der Tat", die seitens der Revolutionäre ausgeübt wird. Es steht zu
Ans des Todes Amen.
Stovelle von Marg. Schlichter.
18] (Nachdruck verboten.)
«Ihre wahre Freundin kann sie nicht sein, sonst würde sie ganz anders gehandelt haben."
„Aber schließlich konnte ich doch nicht umhin, meinen eigenen Augen zu glauben; ich sah Elisabeth ja im Arme eines anderen."
„Das heißt. Du sahst den Schatten von einem andern; konnte es denn nicht ihr Bruder gewesen sein?"
„So groß ist ihr Bruder nicht."
Brandau vergaß ganz, daß Otto Hellwich in den Jahren seiner Abwesenheit zum Manne heran- gewachsen war. Indessen innerlich erfreut über ,die Gegenrede seines Freundes, machte er einen letzten Versuch, sich vor diesem zu rechtfertigen.
„Hast Du denn nicht gesehen, wie sie heute mit diesem Spanier kokettierte?"
„Kokettiert hat sie gar nicht. Ich sah nur, daß sie Dir gegenüber sehr befangen war und dies durch lebhaftes Geplauder mit dem andren zu verdecken suchte. Im ganzen hat sie auf mich einen "guten Eindruck gemacht."
Brandaus Augen leuchteten, aber feine Zweifel waren noch lange nicht gehoben. Er wollte «warten und beobachten.
«Und wie wird's mit Deiner Reise nach Bur- gos." fragte Doktor Schmitz mit feinem Lächeln.
„O, es hat ja nicht solche Eile damit; ich kann auch hier schöne Partien aufnehmen", gab Joseph errötend zurück.
Mittlerweile hatten sie die Stadt erreicht. Doktor Schmitz begleitete Brandau bis vor dessen Hotel.
. „Ich rate Dir nur, daß Du sie wieder zu ge- wrnnen suchst. Du wirst nicht schlecht dabei fahren »sagte er, ih,n „Gute Stacht" wünschend, und damit trennten sie sich.
befürchten, daß diese Propaganda, die sich bereits in verschiedenen Attentaten auf hochgestellte amtliche Persönlichkeiten geäußert hat, den Freunden der Reaktion in Rußland wMommenen Anlaß bieten wird zu Einschränkungen der Zugeständ- msse, welche das Volk den Machthabern abgerun- gen hat. Auch in der Person des Nachfolgers des Grafen Witte dürften Kennern dec Verhältnisse zufolge Gründe liegen, welche die Besorgnisse der liberalen Kreise in Rußland rechtfertigen.
Trotz alledem wird man mit einem Urteil über die mutmaßliche Entwickelung der Dinge in Rußland sehr vorsichtig sssin müssen. Rußland ist in neuester Zeit das Land der Ueberraschungen ge- worden, und es läßt sich keineswegs sagen, daß diese Ueberraschungen bereits ihr Ende gefunden haben. Hoffentlich^sind Ueberraschungen, die etwa noch kommen, angenehmerer Natur, als es bei vielen Maßnahmen der bisherigen Regierung der Fall gewesen ist. i
Deutsches Reich.
Berlin, den 9. Mai 1906.
* Der Reichskanzler Fürst Bülow, der wie nunmehr feststeht, am 20. Mai ans Urlaub nach Norderney gehen wird, beabsichtigt, wie verlautet, vor Antritt seines Urlaubs noch mit verschiedenen hervorragenden Parlamentariern Konferenzen abzuhalten, welche sich auf die innerpolitische Lage, unter anderem auf die Frage der Vertagung der Parlamente, das Schulunterhaltungsgesetz, den zukünftigen Arbeitsstoff für die Parlamente usw. beziehen.
* Der neue Eisenbahnminister Breitenbach, dessen Erkennung, obwohl sie noch nicht amtlich erfolgt ist, als sicher gilt, ist der ,N. G. K/ zufolge auf Wunsch des verstorbenen Ministers v. Budde vom Kaiser gewählt worden. Herr v. Budde hat, so wird berichtet, in seinem am Karfreitage geschriebenen Abschiedsbriefe an den König als seinen geeignetsten Nachfolger den Kölner Präsidenten empfohlen, auf den er schon früher bei mündlichen Beratungen die Aufmerksamkeit des Monarchen gelenkt hatte.
* Der Chef des großen Generalstabs von Moltke wird entgegen anderweitiger Nachrichten den Kaiser auf seiner im Juni nach Wien geplanten Reise nicht begleiten. Von Moltke begibt sich im Laufe dieses Monats nach Wien, um sich in seiner Eigenschaft als Generalstabschef dem Kaiier Franz Joseph vorzustellen. Alle militär-politischen Kombinationen, die an die Reise des Generals geknüpft werden, sind daher hinfällig.
* Die Kommission des Abgeordnetenhauses für den Gesetzentwurf über die Befähigung zum höheren Verwaltungsdienst nahm heute die §§ 3 und 4 o ne Erörterung an. Danach haben die jungen Verwaltungsbeamten zunächst die erste juristische Prüfung abzulegen und dann einen Vorbereitungsdienst von min- destens 4 Jahren zurückzulegen. Zu den §§ 4 und 5 wurde beschlossen, daß die Ernennung der Regierungsreferendare nicht durch den Minister, sondern durch den Regierungspräsidenten erfolgen solle. Die übrigen Paragraphen der Vorlage und schließlich das ganze Gesetz wurden ohne Aenderung angenommen.
♦ Ueber eine Beschlagnahme des deutschen Segelschiffes „Odysseus" in Konstantinopel bringt die ,Frankf. Zig/ folgende Einzelheiten:
Fühlte Brandau sich an diesem Abend unbehaglich und unglücklich, so war Elisabeth in einer Stimmung, die sich schwer beschreiben läßt. Wie endlos lang war ihr die Fahrt erschienen, wie aus weiter Ferne kommend war die Unterhaltung der andern an ihr Ohr geklungen. Ja, wenn jeinand direkt eine Frage an sie richtete, so mutzte dieselbe wiederholt werden, und dann gab sie eine ganz konfuse Antwort. Nur einmal hatte sie aufgehorcht, als nämlich ihr Onkel sich über den jungen Geistlichen äußerte. Er hatte in seiner Eigenschaft als Konsul mit ihm zu tun gehabt und ihn seither öfter bei sich gesehen. Er schätzte ihn wegen seines gediegenen Wissens, seiner gesunden Äbensauf- fassung und seines köstlichen Humors. Datz ihre Ansichten in manchen Dingen auseinandergingen, beeinttächtigte ihren gemütlichen Verkehr durchaus nicht. Und dieser junge Priester mit dem reinen Herzen und dem frommen Gemüte war ein Freund dessen, den sie liebte, ja immer noch liebte, trotz der Behandlung, die ihr von ihm widerfahren war. Wie froh war sie endlich, als sie in der Einsamkeit ihres Zimmers ihren Tränen freien Lauf lassen konnte. Wie wett lag sie zurück, die schöne Zeit ihres Liebesfrühlings, da sie beide noch jung und glücklich gewesen waren l Wie oft hatte er ihr damals mit den zärtlichsten Worten gesagt, wie notwendig sie zu seinem Glück sei; aber wie bald war sie ihm unentbehrlich geworden, und mit welch eisiger Kälte hatte er ihr heute gegenübergestanden, heute, wo sie sich nach lang- zähriger Trennung unvermutet im fremden Lande wiederfanden. Wieder klangen jetzt scharf und schneidend die Worte an ihr Ohr, die er bei ihrem letzten Zusammentreffen in der Heimat zu ihr gesprochen hatte: „Sie haben kein Recht, mtt Ihrem Leben zu spielen, jetzt, da Sie es einem andern zu eigen gegeben haben." Ja, das war es gewesen, er hatte sie für die Verlobte eines andern gehatten. Und hätte er ein Recht gehabt, ihr zu grollen, wenn dem so gew'sen wäre? Und was mochte er jetzt von ihr denken? Sollte sie ihn darüber aufklären, datz er sich damals geirrt
Die türkischen Behörden haben gegen ein deutsches Segelschiff einen Att begangen, der einen Bruch mit den internationalen Abmachungen bedeutet. Der deutsche Segler Odysseus kam am Sonntag vom Schwarzen Meer mtt ungefähr 1000 Kisten Benzin im Bosporus an. Er wurde nach Vorschrift von den Zollbehörden behandelt und setzte seine Reise fort, um die eine Hälfte der Ladung für eine deutsche Firma in Konstantinopel und die andere Halste auf der Insel Thasos zu löschen. Kaum hatte der Odysseus die Anker gelichtet, so erschienen mehrere türkische Beamte an Bord und er» klärten, obgleich sich alle Schiffspapiere in tadelloser Ordnung befanden, die Beschlagnahme des Odysseus. Der Kapitän des Schiffes protestierte mit aller Energie und wollte die deutsche Flagge, die er, da es noch vor Sonnenaufgang war, noch nicht aufgezogen hatte, hissen. Die türkischen Beamten verhinderten ihn jedoch daran. Darauf wurde der Segler von einem in Berettschaft gehaltenen türkischen Schleppschiff sofort in Schlepptau genommen und unter dre Befestigungen des Bosporusforts von Anawli Kawak gebracht, wo er militärisch bewacht wird. Von der deutschen Botschaft wurden sofort bei der Pforte im Iildiz-Kiosk die nötigen Schritte unternommen, um gegen dies Vorgehen der türkischen Behörden scharf Stellung zu nehmen und den Odysseus freizubekommen. Da die Pforte hierauf nicht reagierte, überreichte der deutsche Botschafter eine Protestnote, in der er die Pforte wissen ließ, daß, wenn bis heute nachmittag der Odysseus nicht freigegeben sein würde, von deutscher Seite selbst unmittelbar die nötigen Maßregeln ergriffen werden würden, um die Freilassung zu bewirken.
Darauf folgte am Dienstag früh die Freigabe.
* Merkwürdige Widersprüche hinsichtlich der Behandlung der Maifeierfrage zeigen sich in der Sozialdemokratie, bezw. zwischen der politischen Partei und den sozialdemokratischen Gewerkschaften. Von dem Deutschen Metallarbeiterverband in Berlin ist verlangt worden, etwa 4500 Metallarbeiter, die am 1. Mai entgegen dem vorgefaßten Beschluß gearbeitet haben, aus den Wahlvereinen auszuschließen. Das hat sowohl der Verband der sozialdemokratischen Wahlvereine, als auch in zweiter Linie der Parteivorstand abgelehnt. Der Parteivorstand will den Ausschluß nur befürworten, wenn ein statutengemäßes Schiedsgericht einen dahingehenden Antrag stellt. Er empfiehlt aber, es nicht auf die Spitze zu treiben, weil damit eine Spaltung des Metallarbeiterver- bandeS und eine Schwächung der politischen Organisation verbunden wäre. Man sieht also, die Sozialdemokratie kann so, und auch so.
Die Sozialdemokratie in der Sackgasse! Das war die Sig. atur der Verhandlung des Reichstages am Mittwoch bei der Beratung der fcantiemenfteuet. Die Tantiemensteuer ist eine Steuer, welche nur die stärkeren Schultern trifft und entsprechend ihrem angeblichen Grundsatz, daß der kleine Mann zu schonen sei, hätte die Sozialdemokratie der Anregung des Zentrums, eine Tantiemensteuer einzuführen, sofort beispringen müssen. Bekanntlich ist das nicht geschehen. Als Herrn Singer seinerzeit von Mitgliedern deS Zentrums mitgeteilt wurde, man bereite eine Tantiemensteuer vor und glaubte in der Annahme nicht fehlzugehen, daß die Sozial- demottatie gerne die Gelegenheit ergreifen werde, die stärkeren Schultern zu der Steuer heranzuziehen, lehnte Herr Sickzer' kurzerhand ab, und in der Kommission stimmten die Sozialdemokraten gegen oie Tantiemen steuer. Die öffentliche Meinung war darob nicht wenig verwun-
habe? O nein, das litt ihr Stolz nicht, und vielleicht würde er ihr auch nicht einmal glauben; denn sein heutiges Benehmen bewies zu deutlich, daß fremde Einflüsterungen ihn noch beeinflußten. So wollte sie denn eine Maske anlegen und ihm das nächste Mal heiter und unbefangen gegenübertreten, wenngleich ihr Herz grausam zerrissen war. Aber sie konnte es nicht hindern, daß sie mit sehr beklommenen Gefühlen dem nächsten Sonntag entgegensah.
Der Konsul hatte seiner Nichte zu Ehren eine größere Gesellschaft eingeladen, die sich teilweise schon am Morgen einfand, herzlich froh, fern vom Dunst und Getriebe der Stadt die wohltuende Ruhe und erfrischende Kühle des Landes zu genießen und sich auf der herrlichen Besitzung des Gastgebers zu ergehen. Doktor Schmitz und Brandau waren die letzten, die sich einfanden, und Hiller war ihnen gegenüber besonders liebenswürdig und aufmerksam.
„Und nun möchte ich Sie bitten, mich in mein Sanktuarium zu begleiten", meinte er nach einer Weise, sich an Brandau wendend, „Sie müssen doch sehen, wo Ihre herrliche Schöpfung geblieben ist." Und damit führte er sie in sein Arbeitszimmer.
„Auf diese Weise haben wir andern auch mal wieder Zutritt in Ihr Allerheiligstes", meinte einer der- Gäste. „Sie müssen nämlich wissen, daß diese Vergünstigung uns Sterblichen sehr selten zuteil wird; ich habe Ihre Gemälde erst ein einziges Mal gesehen."
Brandau konnte mit dein Platze, den sein Kunstwerk gefunden hatte, wohl zufrieden sein. Jede einzelne Figur kam vollauf zur Geltung in dem durch das nahe Fenster hereinströmenden Ta- geslicht. Die Anwesenden hielten denn auch mit ihrer ungeteilten Bewunderung nicht zurück; aber es war, als ob ihn dieselbe peinlich berühre. Und nun kam es, was er befürchtet hatte.
„Ich finde, der Engel hat eine merkwürdige Aehnlichkeit mit Fräulein Hellwich", äußerte Al- baro Rueda, und sah ihm scharf ins Gesicht.
bett. Und was geschah nun om Mittwoch? Unter schallendem Gelächter der Mehrheitsparteien erklärte der Abg. Dr. Südekum, daß die Sozialdemokratie für die Tantiemensteuer stimmen werde. Dm Rückzug maskierte er mit der Motivierung, daß die Tantiemensteuer eine Einkommensteuer sei und daß die Sozialdemokratie sie als ersten Schritt zur Reichseinkommensteuer akzeptiere. Aber hatte das die Sozialdemokratie nicht vorher schon gewußt und hatten es ihr nicht schon andere Leute vorher gesagt? Woher also der plötzliche Umschwung? Die Sozialdemokratie hatte sich aus zarter Rücksicht auf gewisse stärkere Schultern ihren Wählern gegenüber in eine Sackgasse verrannt und mußte, falls sie dm Anschluß nicht verfehlen wollte, zurück. Das gleiche Schicksal ereilte die freisinnige Vereinigung. Der Heiterkeitsausbruch der Mehrheit wird im Lande sich fortpflanzen. Nur die freifinnige Volkspartei stimmte gegen die Tantiemensteuer.
.•. Stimmungsbild aus dem Abgeordneten- «e. Im Abgeordnetenhaufe hatte man sich t allgemein der Hoffnung hingegeben, daß die Beratung der Einkommensteuer-Novelle zu Ende geführt werden könnte, nachdem bereits gestern die Debatte über die wichtigen Paragraphen betr. die Geselltchaften m. b. H. erledigt waren. Die Freisinnigen konnten aber ihre Redewut nicht hemmen, und so kam man heute nur bis zum § 18. Gegen die Nich-einbeziehunq der Gesellschaften mtt beschränk r Haftung, wie sie von der linken Seite gewümcbt wurde, machte das ganze übrige Haus Front, io daß die freisinnigen Anträge abgelehnt wurden. Bei § 6 wurde ein Zentrumsantrag angenommen, der neben den Zinsen an landwirtschaftliche Kreditinstitute auch die an andere öffentliche Institutionen abzugsfähig macht, llebermorgen get)i die Beratung weiter. Um der Redelust einige Zügel anzulegen, setzte der Vizepräsident die Beratung der der Ltnken besonders am Herzen liegenben Interpellation Kindler über die russischen Ausweisungen als zweiten Punkt auf die TageSordn >ng, so daß, ehe diese zur Besprechung kommen kann, der Rest der Einkommensteuer-Novelle aufgearbeitet werden muß.
\ Die Diäten-Kommission des Reichstages setzte heute ihre Beratungen fort. Der § 6 wurde mit folgendem Zusatze des Abg. Dr. Sem! er (natl.) angenommen: „Der Anspruch auf die Aufwand-Entschädigung ist nicht übertragbar." Die §§ 7—9 sind genehmigt worden, ferner eine Resolution des Äbg. Dr. Arendt (Reichsp.) des Inhaltes: „Der Reichstag wolle beschließen, die Geschäftsordnungs-Kommission zu beauftragen, zu erwägen, ob die Bestimmungen über den Zeitpunkt der Eintragung von namentlichen Abstimmungen abzuändern sind, und ob die Samstags- unb Montags-Sitzungen in der Regel aus'allen können." Hierauf wurde der Gesetzentwurf betr. Aenderung der Artikel 28 und 32 der Reichsver- faffung nach der Fassung erster Lesung angenommen.
*„ Die Steuer-Kommission des Reichstages beriet am Mittwoch die Anträge betr. die Besteuerung nicht ausgeschriebener Aktien. Es lag hierzu em Abänderungs-Antrag des Abg. Müller-Fulda vor. Die Beratung wurde nicht zu Ende geführt.
* Die Budgetkommission des Reichstags mußte am Mittwoch abermals ihre Sitzung ab« sagen, weil die Subkommission mit ihrer Auf-
„Das ist bloße Zufälligkeit", erwiderte er in schroffem Tone und wandte sich rasch der Türe zu. Dabei prallte er förmlich gegen Elisabeth, die 'm Hintergründe stand und ganz blaß geworden war. Was brauchte auch dieser geschniegelte Modenarr sein Liebesgeheimnis an's Licht zu ziehen? Warum duldete sie es, daß er sich ihr jetzt näherte und ihr schöne Redensarten zuflüsterte, wobei seine schwarzen Augen eine noch beredtere Sprache führten? fragte Brandau sich in stets wachsendem Groll. Hätte er nur noch einen Augenblrck gewartet, ehe er sich zurückzog, so würde er gesehen haben, wie Elisabeth sich unter irgend einem Vorwand von Rueda weg an Doktor Schmitz wandte. Derselbe hatte gerade auf Enriguetas Wunsch dieser die Szene der Miltonschen Dichtung, welche das Gemälde darstellt, erklärt, und nun hörte sie letztere fragen:
„Milton muß wohl einer unserer neuesten Dichter sein, ich habe seinen Namen noch nre gehört.'
Doktor Schmitz lächelte: „Der große englische Dichter Milton lebte im siebzehnten Jahrhundert, mein Fräulein, aber man kann auch nicht verlangen, daß eine Spanierin in der englischen Lttera- tur zu Hause ist. Dafür werden Sie Ihren halberen de la Barca und Ihren Cervantes um so besser kennen."
„Von Calderon de la Barca weiß rch nichts. Aber Cervantes? Cervantes? Von dem muß rch schon gehört haben. Ja, richtig. Ich sah einmal ein Schauspiel: „Der wahnsinnige von bet m- calastraße", und darin spielt einer namens Cervantes die Haupttolle. Er sitzt in seinem Dachstübchen und schreibt, und wenn er etwas recht Lustiges geschrieben hat, bricht er in ein schallendes Gelächter aus. Hierüber erschreckt, stürmt seine Hauswirfin jedesmal die Treppe herauf, gewo >nt sich aber schließlich daran, und wenn andere das laute Lachen hören und danach fragen, erklärt sie, das tue ihr Einwohner, mit dem es dort oben, hierbei deutete sie auf die Stirne, nicht ganz rrch- tig ist; im übrigen sei er ein harmloser Mensche man müsse ihn nur sich selbst überlassem"