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Kommunalbebörden Befragungen oder Aufzeich­nungen hierüber untersagt werden sollen.

Abg. Stöcker (wildk.) hat eine Resolution ein- gebracht: Den Reichskanzler zu ersuchen, bei den Verbündeten Regierungen darauf hinzuwirken, daß die in einzelnen Bundesstaaten noch bestehen­den Beschränkungen der Freiheit des religiösen Be­kenntnisses, der Vereinigung zu Religionsgemein­schaften und der gemeinsamen Religionsübung baldigst im Wege der Landesgesetzgebung beseitigt werden.

Hierzu liegt ein Amendement Albrecht u. Gen. (Soz.) vor, die Beseitigung der bestehenden Be­schränkungen im Wege der Reichsgesetzgebung zu fordern und dabei insbesondere darauf Rücksicht zu nehmen, daß

a) aus der Zugehörigkeit oder Nichtzugehörigkeit zu einer Religionsgemeinschaft keine Beein­trächtigung der bürgerlichen und staatsbürger­lichen Rechte und Pflichten abgeleitet werden darf;

b) daß kein Kind gegen den Willen der Er­ziehungsberechtigten zur Teilnahme an einem Religionsunterricht oder Gottesdienst ange­halten werden darf;

c) datz zur Bewirkung des Austritts aus einer Religionsgemeinschaft eine schriftliche oder mündliche Erklärung zu genügen hat, die vor dem Amtsgericht des Wohnorts abzugeben und von diesem der Religionsgemeinschaft nitzuteilen ist;

»atz das Austrittsverfahren kosten- und stem- ,- lfrci zu sein hat.

Suv. Gröber (Ztr.) führte im Namen des Zenitt-ms nochmals die Gründe vor, die das Zen- trur» du der Vorlegung seines Antrags bestimmt haben. Datz von den Einzelstaaten keine aus­reichende Initiative zur Beseitigung der Be­schränkung der Glaubensfreiheit zu erwarten sei, habe die Erfahrung gelehrt. Daher sei der Antrag Stöcker nicht ausreichend. Eine Stellungnahme zum Antrag Müller-Meiningen behält das Zen­trum sich vor.

Abg. David (Soz.) begründete eine Reihe von Abänverungsvorschlägen zum Toleranzantrag, da dieicr wahre Glaubensfreiheit nicht biete. Das Zentrum müsse durch die Annahme der sozialdemo­kratischen Anträge beweisen, datz es ihm ernst sei mit seinem Antrag.

Abg. Hennig (k.) erklärte die unbedingte Ab­lehnung des ganzen Toleranzantrags durch die konservative Partei. Je öfter der Toleranzantrag komme, um so stärker werde bei den Protestanten der Eindruck, datz er aus einem Machtbedürfnis des Zentrums entspringe. Man fürchte einen neuen Kulturkampf, aber einen solchen mit umge­kehrter Spitze.

Abg. Müller-Meiningen, der für beide frei­sinnigen Parteien sprach, führte aus, der zweite Teil des Antrags sei wegen seiner staatsrechtlichen Konsequenzen unabsehbar, der erste Teil bedürfe der Umgestaltung, toetl die Konsequenz der jetzigen Fassung nicht zu übersehen sei. In das allgemeine Mißtrauen gegen das Zentrum stimme er durch­aus ein.

Abg. Hieber (ntl.) erklärt namens seiner Frak­tion, datz diese den Antrag ganz ablehne, weil sie die Kompetenz des Reichs auf staatskirchlichein Ge­biete nicht ausgedehnt sehen wolle.

Abg. Gamp (Rp.) erklärt ebenfalls, seine Par­tei lehne den Antrag lediglich deshalb ab, weil sie es nicht für richtig halte, datz das Reich diese An­gelegenheit regele.

Abg. Stöcker (wirtsch. Vgg.) erklärt, der An­trag sei für den evangelifchen Teil der Bevölkerung unannehmbar.

Nachdem Abg. Frhr. v. Hertling die irrigen Auffassungen der Abgg. Müller- Meiningen und David richtig gestellt hatte, wurde § 1 in der Fassung des Antrages Müller-Meiningen a n« genommen.

Das Zentrum erklärte sich ferner auch gewillt, auf Wunsch der Freisinnigen einen neuen § la einzuschieben, wonach niemand vcrpflr btet ist, seine Glaubensmeinung zu offenbaren. Man einigte sich dahin, bis zur dritten Lesung diesen Grundsatz neu zn formulieren.

Die Paragraphen 2 und 3 wurden unverändert angenommen.

Eine lange Debatte knüpfte sich an den § 4, der insbesondere die Dissidenten gegen einen kon­fessionellen Zwang schützen, soll.

Abg. Dr. Bachem begründete die hier Vom Zentrum gewählte Fassung, der von den Freisin­nigen eine andere gegenübergestellt wurde, wäh­rend sich die Sozialdemokraten darauf beschiänkten, einen Zwischensatz des § 4 in der Zentrumssassnng zu bekämpfen.

Abg. Hoffmann (Soz.), — der bekannte Zehii- gebote-Hoffmann — hielt bei dieser Gelegenheit eine Brandrede gegen den Religionsunterricht in der Schule, wobei er viel unverdautes Zeng über Darwinismus und Entwicklungslehre zum Besten gab. Tas Haus hatte während Hoffmanns Rede reichlich Gelegenheit zur Heiterkeit.

In sich stets steigender Aufregung hatte Elisa­beth diese Zeilen gelesen. Die Gedanken wirbelten ihr im Kopf, ihr erster Impuls war, mit dem Brief nach oben zu eilen, Fräulein Werner um Rat zu fragen, wie das stets ihre Gewohnheit ge­wesen war. Ja, so groß ist die Macht'der Ge­wohnheit! Sie mutzte es sich sa täglich wieder­holen, daß die freundlichen Augen ihrer mütter­lichen Freundin für immer geschlossen, ihre liebe Stimme für immer verstummt war. Aber die Frage: „Was würde Fräulein Werner dazu sagen?" konnte sie sich leicht beantworten. Was fesselte sie denn noch an ihre alte Heimat? Etwa die täglich wiederkehrenden Sorgen, welche das Geschäftsleben mit sich brachte? Sorgen, welche bei der stets zunehmenden Konkurrenz sie zu einem Kampfe zwangen, der ihr jetzt schon unerträglich schien? Sie hatte ihre Aufgabe gelöst, Otto hatte sein Ziel erreicht und konnte, da er im Begriff stand, sich einen eigenen Herd zu gründen, seine Schwester entbehren. Mußte sie doch, wie sie oft läckielnd sagte, sich jetzt mit einem Bruchteil seiner Liebe begnügen. Der größte Teil derselben ge­hörte seiner Braut, der reizenden Martha Holle. Deren ältere Schwester Luise war vor zwei Jahren ihrem Manne, einem Regierungsassessor, nach dem fernen Osten gefolgt. Elisabeth hatte sie schmerz­lich vermißt. Aber jetzt dies alles erwägend, konnte der Entschluß ihr nicht schwer werden. Nur eines machte ihr noch Sorge. Was sollte aus Tina werden, ihrer langjährigen, treuen Dienerin? Als aber Otto und seine Braut sich bereit erklärten, sie in ihr Haus aufzunehmen, konnte Elisabeth leichten Herzens ihrem Onkel antworten, daß sie sein großmütiges Anerbieten mit Dank annehme. Die Antwort, welche sie umgehend von ihm er­hielt, bewies ihr, wie sehr er sich freue, daß sie

Nach weiterer Debatte, an der sich noch die Abgg. Dr. Müller-Sagan (fr. Vp.) und Tr. Spahn kZtr.) beteiligen, wird § 4 mit dem Antrag Al­brecht (Soz.) angenommen.

Hierauf vertagt sich das Haus.

Donnerstag 1 Uhr: Sozialdemokratische Inter­pellation betr. Ausweisung russischer Juden und Toleranzantrag.

Schluß 6 Uhr.

Aus dem Landtage.

Abgeordnetenhaus.

57. Sitzung vom 2. Mai.

Eröffnung 21;« Uhr

Vor Eintritt in die Tagesordnung widmet Vize­präsident Dr. Porfch dem verstorbenen Minister Budde einen warmen Nachruf, in welchem er die großen Verdienste des Verstorbenen um das Ver- kehrswefen in sehr anerkennenden Worten gedenkt.

Das Haus hört den Nachruf stehend an.

Zunächst erledigt das Hans eine Anzahl Pe­tition^-

Es folgt die Beratung des Antrags Tr. König (Zentr.), betr. die Einführung des Wiederaufnahme­verfahrens im Disziplinarverfahren gegen nichtrich­terliche Beamte.

Nach eingehender Begründung des Antrages durch den Antragsteller, der auf die mancherlei Harren hinwies, die das jetzige Fehlen des Wieder­aufnahmeverfahrens für die unschuldig entlassenen nichtrichterlichen '.Beamten zur Folge hat — für die richterlichen Beamten besteht schon jetzt der Weg der sogenannten Restitution, d. h. eine beschränktere Art des Wiederaufnahmeverfahrens, wurde bet '* ntrag nach kurzer Debatte, wobei sich die Redner aller Parteien für den Antrag aussprachen, an die ver­stärkte Justizkommission überwiesen.

Weiter wurde eine Resolution angenommen, durch die die Regierung ersucht wird, eine ent­sprechende Verbesserung der Gehaltsbezüge der etats­mäßig angestellten Amtsanwälte in Erwägung zu ziehen.

Nächste Sitzung Donnerstag 11 Nhr. (Antrag Schifier auf Verfassungsänderung und kleinere Vor­lagen.)

Schluß 4". Uhr.

Ausland.

* Der neue österreichische Ministerpräsident Prinz Konrad zu Hohenlohe-Schillingsfürst ist nach der ,Köln. Zig.' 1863 zu Wien geboren und ein Sohn des verstorbenen Oberhofmeisters Fürsten Konstantin. Er trat zum erstenmal her­vor, als er 1891 mit der Leitung der Bezirks- hauptmannjchast Teplitz betraut, sich bei einem schwierigen Ausstande die Sympathien aller Volkslreije erwarb und durch geschickte Verhand­

Prinz Konrad von Hohenlohe.

lungen zwischen Arbeitern und Arbeitgebern die arg bedroh'e Ordnung wieder herstellte. Als er 1899 ins Ministerium des Innern be'ufen wurde, brachten ihm die Teplitzer Volks kreise, auch die Arbeiter, Huldigungen dar. Im April 1903 übernahm er das Lanbespräsidium der Bukowina. Seine Unparteilichkeit gegenüber den Nationali­täten- und Parteien dieses Landes sowie bei den letzten Landtagswahlen in der Bukowina 1904 und feine strenge Förderung des Rechts in der Verwaltung des Landes erwarben ihm auch hier allseitige Sympathien. Im September 19u4 wurde Prinz Hohenlohe nach dem Rück­tritte des Grafen Goeß zum Statthalter von Triest ernannt. (Prinz Konrad zu Hohenlohe- Schillingslürst ist ein 9leffe des früheren deutschen

auf seinen Vorschlag eingegangen war. Die Frist von zwei Monaten schien ihm etwas lang. Aber sie mußte doch vorher ihr Geschäft andern Händen übergeben und dann durste sie auch auf der Hoch­zeit ihres Bruders nicht fehlen. Endlich hatte sie alles erledigt und der Tag der Abreise war fest­gesetzt. Am Abend vorher besuchte sie noch einmal die Gräber ihrer Lieben und nahm unter heißen Tränen Abschied von der teuren Stätte. Es dunkelte schon, als sie in Begleitung ihrer alten Magd den Friedhof verließ.

„Nicht wahr, Dina, Du wirst sie in Ehren halten; Du wirst sorgen, datz die Blumen, die Mütterchen im Leben so liebte, niemals auf ihrem Grabe fehlen; auch Fräulein WernerS Grab darfst Du nicht vernachlässigen", sagte sie, noch immer heftig schluchzend.

Die treue Seele drückte ihr nur stumm die Hand; der Abschied von ihrer Herrin, die sie schon als Kind auf den Armen getragen hatte, brach ihr schier das Herz. Ja, sie hatte ihr fast gegrollt, als sie von ihrer Uebersiedelung nach dem fernen Spanien hörte. Warum hatte sie doch den hübschen und liebenswürdigen Assessor nicht genommen? Dann wäre sie im Lande geblieben und sie hätte den jungen Leuten den Haushalt geführt. Nun mußte sie auf ihre alten Tage sich an eine neue Herrin gewöhnen. Aber dann siegte ihr gesunder Menschenverstand und die Liebe zu ihrem Herzenskind. Elisabeth brauchte sich nun nicht mehr mit dem Geschäfte abzumühen und würde es gewiß gut haben bei dem freundlichen Herrn Hiller. Indessen kam bei der Abreise ihr ganzer Schmerz noch einmal zum Ausbruch und löste sich in unaufhaltsam strömenden Tränen.

(Fortsetzung folgt.)

Reichskanzlers Fürsten Chlodwig zu Hohenlohe. Ein jüngerer Bruder von ihm, Prinz Phitipp, gehört dem Benediktinerorden an. D. Red.)

* Ein aktiver französischer Offizier als Sozialist. Am Montag hielt im Saal der Aus­ständigen der Arbeiterbörse im feldmarschmäßigen Anzuge der Jnfanterieteutnant Tisterand de Lange vor 1500 Mitgliedern der Vereinigung der Ar- beitergenoffenschaften eine Ansprache. Er bat die Verwmmlung, am 1. Mai keine Kundgebung zu v-ranstalten, erklärte, daß er Sozialist sei, und führte dann u. a. aus, er sei Sozialist geworden infolge der Plackereien, unter denen die republi­kanischen Offiziere zu leiden hätten. In Beant­wortung der Frage, was er tun würde, wenn er den Befehl erhielte, auf das Volk zu schießen, empfahl er den Arbeitern die Ruhe zu bewahren und einen Zusammenstoß zn vermeiden. Was ihn beträfe, so würde er nicht das Blut seiner Brüder vergießen lassen, und diese Meinung werde von vielen seiner Kameraden geteilt. Er würde sich lrästig weigern, Feuer zu komman­dieren Beim Verlafien des Saales wurde ihm von den Anwesenden lebhafte Beifallskund­gebungen dargebracht. Draußen wurde er dann sofort verhaftet. — Präsident Falliöres unter­zeichnete gestern ein Dekret, wonach Leutnant Tisserand de Lange wegen seiner Rede aus dem Heere entfernt wird.

* In Warschau ist der 1. Mai ohne große Unruhe verlausen; einige Stadtteile waren mili­tärisch beseht. Der österreichisch-ungarische General­konsul wurde von Soldaten tätlich angegrifien. Im Gefängnis brach eine Meuterei aus, die aber unterdrückt wurde. Dagegen haben sich in Sebastopol ernste militärische Un­ruhen ereignet. Ein S traf bataillon erstürmte das Militärgefängnis und setzte 35 Gefangene in Freiheit, die bei den Meutereien im vorigen Jahre die Führer waren. Der Gouverneur telegraphierte nach St. Peters­burg. Die Lage ist dem ,Fränk. Kur/ zufolge ernst, wenn auch über den Umfang der Revolte noch nichts Genaues bekannt ist.

* Zur Ermordung des Popen Gapon. Rechts­anwalt Margolin in Petersburg erhielt am Dienstag aus Berlin einen zweiten Brief, der )ie in dem früheren Briefe in Aussicht gestellte Ueberlragungsurkunde über 1300 Rubel enthielt. Margolin ist überzeugt, daß Gapon von Re­volutionären ermordet worden ist.

* lieber das Wohl und Wehe der russischen Unterseeboote im russisch-japanischen Kriege hielt dieser Taoe der derzeitige Chef der russischen Unter­seeboot - Flotille im Osten, Korvetten - Kapitän Plotto, einen Vortrag, der sich zu einer argen Anklage gegen die russische Marine- Verwaltung gestaltete. „Als die Boote," so führte der Redner aus, „in Wladiwostok ankamen, du erwies es sich, daß in Wladiwostok, dieser wichtigsten Grundlage für die Operationen der russischen Kriegsmarine, weder Werkstätten noch passende Werkstätten-Arbeiter zum Montieren der Boote vorhanden waren. Die aus Petersburg hingeichickten Admiralitäts-Arbeiter waren durch­weg Trunkenbolde. Von der Besatzung der Boote hatten die Matrosen zum ersten 'Male in ihrem Leben ein Unterseeboot gesehen, während die Offi­ziere, wie der Vortragende sich wörtlich ausdiückte, „sich nicht einmal die Mühe genommen hatten, ein Elementar - Lehrbuch über den betreffenden Gegenstand durchzulesen." Als die Unterteebote eines Tages zum ersten Male den Befehl erhiel­ten, gegen ein feindliches Geschwader, das angeb­lich auf der Höhe von Wladiwostok erschienen sein sollte, loszuseaeln, da mußten sie eine ganze Nacht hindurch emsig arbeiten, um die Boote auch nur halbwegs seeklar zu machen, denn die für die Boote bestimmten Torpedos mußten erst Stunden hindurch in den verschiedensten Magazinen dsr Marine-Verwaltung von Wladiwostok zusammen­gesucht werden. Und als die unglückseligen Boote bei Tagesanbruch endlich in die See gingen, da stellte es sich heraus, daß das vermeintliche ftind- liche Geschwader — aus russischen Kriegsschiffen bestand! Was Wunder also, daß während der jüngsten Militär- und Marine-Revolte in Wladi­wostok die Matrosen der dortigen Kriegsschiffe den Ausstand u. a. damit begründeten, daß die russischen Marine-Offiziere in See-Angelegenheiten weit weniger bewandert seien, als die russischen Matrosen?" Mit diesem Hinweise, der gar son­derlich in dem Munde eines höheren russischen Marine-Offiziers und im Bibliothek-Saale des russischen Marine-Ministeriums klang, schloß der Vortragende seinen Vortrag.

* Wittes Entlaffung. Ein kaiserlicher Ukas, betreffend die Versetzung des Grasen Witte in den Ruhestand, soll am Donnerstag veröffent­licht werden. Als seinen Nachfolger be­zeichnet man in gut unterrichteten Kreisen Goremykin. Man glaubt, daß dieser die Politik Wittes sortsetzen werde. Witte genießt nach wie vor das volle Vertrauen des Kaisers und tritt lediglich wegen einer Störung seiner Gesundheit zurück, die durch außerordentliche Arbeitsüberlastung heroorgemfen worden ist. Er hat sich jetzt entschlossen, sich Ruhe zu gönnen, da er nicht imstande ist, sich neuen Anstren­gungen zu unterziehen.

* Die Vorgeschichte des türkisch-englischen Grenzstreites auf der Halbinsel Sinai ist folgende:

Als seiner Zeit dem Mohammed Ali die erbliche Würde eines Gouverneurs von Aegypten übertragen wurde durch Erlaß der Pforte vom. 15. Februar 1841, wurde die ägyptisch-türkische Grenze als eine von El Arisch nach Suez führende gerade Linie festgesetzt. Späterhin, als die Ausraubung der nach Mekka ziehenden heiligen Karawanen immer mehr um sich griff, bat der «izekönig Ismael die Pforte um Er­laubnis. zum Schutze der Karawanen an mehreren Orlen der Karawanenstraße Polizeistationen errichten zu dürfen. Bei dem orientalischen Schlendrian wußte man schließlich nicht recht, waren die besetzten Orte türkisch ober ägyptisch, da inzwischen auch die ganze Verwaltung nach und nach in ägyptische Hände über- geaangen war. Die Türkei raffte sich zu einer Klärung auf, als der jetzige Vizekönig von Aegypten Abbas Helmi zur Regierung kam. Sie setzte durch den Erlaß j vom 8. April 1892, der allen Großstaaten bekannt ge- ' neben wurde, fest, daß die ägyptischen Besatzungen und

Berwaltungsbeamten zurückzuziehen seien. b«| aber di« Halbinsel Sinai westlich der Linie El Arisch Tabah in ägyptischer Verwaltung bleiben sollte. Der Wort­laut dieses Erlasses ist aber so unklar, daß es selbst einem Salomon schwer werden dürfte, hier ein ent­scheidendes Urteil zu fallen. Die Pforte stellt sich auf den Standpunkt, der Erlaß von 1892 seinur ein Provi­sorium, maßgebend seien die Bestimmungen von 1841. England dagegen sagt, die Grenze zwischen der Türkei und Sinai ist die Liwe von El Arisch Udek nach Tabah, und zwar gehört Tabah noch zu Aegypten. England leitet daraus das Recht ab, die Zurückziehung der Be­satzung von Tabah zu verlangen.

Die Türkei wird schließlich doch wohl als der schwächere Teil nachgeben müssen, schon deshalb, weil ihre Besitztitel nach Lage der Dinge recht anfechtbar sind. — Mukhtar Pascha erklärte nach einer Meldung aus Kairo im Gespräch mit einem Journalisten,daß drei türkische Armeekorps an der ägyptischen Grenze konzentriert seien.

* Der Oeffnung der mandschurischen Häfen widersetzt sich China, wie der .Times' ans Peking gemeldet wird, zur gegenwärtigen Zeit, da die Verhältnisse nach dem Kriege noch nicht völlig geregelt seien.

Lokales.

Fulda, den 3. Mai 1906.

* Impfung. Die Termine der öffentlichen Impfung im rotenSaale desOrangeriegebäudes sind für die Erstimpfung auf den 7. und 8. Mai, für die Wiederimpfung der 12jährigen Schüler und Schülerinnen auf den 11. Mai festgesetzt. Die Nach'chau findet acht Tage später statt. Die genaueren Bestimmungen finden Jntereffenlen unter den amtlichen Bekanntmachungen im An­

zeigenteile dieses Blattes.

□ Kittematographische Vorführungen des Flottenvereins. Wie unsere Leser aus dem An­zeigenteile unseres Blattes ersehen, finden am 6. Mai im großen Stadtsaale, nachmittags um 4 Uhr und abends um 8 Uhr, kinemato­graphische Vorführungen statt, welche der Vorstand der hiesigen Ortsgruppe des „Deutschen Ftoltenvereins" veranstaltet. Das Programmist sehr reichhaltig. Im ersten Teile sehen wir das Leben und Treiben an Bord eines unserer größten Linienschiffe, S. M. S. „Braunschweig"; im zweiten betrachten wir vom Bord des Schnell­dampfers „Deutschland" der Hamburg-Amerika- Linie, welcher den Hafen von New-Dork verläßt, das Panorama der Riesenstadt, mit ihren end­losen Straßen, Wolkenkratzern, das rege Treiben im Hasen usw. Auf hoher See an^ekommen, wenden wir unsere Aufmerksamkeit dem Innern des mächtigen Schiffes zu und lernen seine Ein­richtungen, die Beschäftigungen und Unterhattungs- spiele der Passagiere usw. kennen. Hieran schließen sich hochinteressante Aufnahmen von der Mittelmeerreise Seiner Majestät des Kaisers im Jahre 1905 (Portugal, Gibraltar, Sizilien rc.).— Im dritten Teile wohnen wir einem großen See- manöver an: gefechtsmäßigen Schießübungen, Torpedobootsangriffen, dem Auf- und Untertauchen eines Unterseebootes, den verschiedenartigen Ge- schwaderüdungen der Schlachtflotte und bergt. — Das Schlußbild endlich führt uns eine Reihe schöner Bilder von den Einholungsfeierlichkeiten aus Anlaß der Hochzei des Kronprinzen mit der Herzogin Caecilie von Mecklenburg-Schwerin vor Augen: wir sehen den Einzug der hohen Blaut in die Residenz, die Fahrt zum Dome und end­lich den Einzug der Neuvermählten in Potsdam. (Wer sich, wenn er das alles sieht, für eine schleunige Verstärkung unserer Flotte im Sinne des Flottenvereins noch nicht begeistert fühlt, an dem ist Hopsen und Malz verloren. Es würde sich empfehlen, als Schlußbild noch „die freudigen Steuerzahler" hinzuzufügen. Die Redaktion.)

* Das Wassergeld für das 4. Quartal 1905/06 wird gegenwärtig erhoben. Mit der Bei reibung desselben wird wegen des Jahres­abschlusses bereits am 12. d. M. begonnen.

4- Musik-Fachausstellung. In Berlin findet in den Räumen der Philharmonie vom 5. bis 20. Mai eine interessante Musik-Fach- ausstellung unter großer Beteiligung erster Firmen, des In- und Auslandes statt, auf der auch die hiesige Verlags-Firma AloysMaier, Hos-Musikalienhandlung mit ihren zahl­reichen Musik-Verlagswerken, die bereits auf den Weltausstellungen in Chicago, Ant­werpen und Paris prämiiert wurden, vertreten sein wird.

* Postverkehr Lütter - Poppenhausen. Der neue Sommerfahrplan für die Rhönbahn Fulda- GerSseld hat eine wesentliche Aenderung der Postverbindung ab Lütter herbeigeführt. Der' Personenverkehr ist wie folgt festgesetzt:

7 so

8"

910

4" M Lütter Bahnhof

516 I Weyhers

610 y Poppenhausen

Vomll.,5—30.'9.

110" 8"

10" 7"

9" 6M

Doml.ch—S0 9.

Der Taschenfahrplan, der Ende dieser Woche unserer Zeitung beigefügt wird, enthält auch obige und alle in Betracht kommenden Post- verbindungen.

Aus dem Nachbargeblete.

O Bremen b. Geisa, 2. Mai 1906. Heute wurde hier der verewigte Herr Pfarrer Heinrich Dempt zur letzten Ruhe bestattet. Heber zwanzig Priester und eine stattliche Anzahl von Lehrern hatten sich eingefunden, um dem Ver­storbenen die letzte Ehre zu erweifkn. Die Be­erdigung wurde durch Herrn Geistlichen Rat Dechant Hagemann vorgenommen. In seiner ergreifenden Trauerrede wies dieser unter anberm darauf hin, daß der Verewigte zehn Jahre lang unter außerordentlich schwierigen Verhältnissen in Eschwege neben der Seelsorge das Amt eines Lehrers versehen habe. Er schilderte weiter das segensreiche Wirken des Verstorbenen durch mehr als zwanzig Jahre in Bremen und forderte die Psarrkinder auf, ihres Hingeschiedenen geistigen Vaters eifrig im Gebete zu gedenken.