Crftielitt lägll», mit Ausnahme »er Sonn« «n».>,«leucgt. Dtertel« jäbti. Bezugspreis ohne Bringerlohn und Beievaeldin^ulda und auswärts! Ult 50 Pfg.
Verantwortlicher Schriftleiter:3 Baum; für die Lnzeccen Z. Par, Lei in fiulöa.
Mdaer W Zeitung
wochenbeiiagr: „IllustrietteSoimtagszeitung" Monat-briiage: „Zuldaer Geschichtsblätter".
Ln zeigen: Die ein fpaltige Petitzeile »bei deren Raum IS Pfg Reklamen die Petitjeit 25 Pfg.; bei Wiede» Holungen wird entfpl
Rabatt gewährt.
Rotati ans druck u Verlag der «uldaer Ao tieneruderei in $ul6a
Zernfprecher Ur
M Ibl,
Fulda, Donnerstag den 3. Mai 1906.
33. Jahrgang
* Var Voltsschulunterhaltungsgesetz.
Die Entscheidung über das Volksschulunterhaltungsgesetz in der Kommission des preußischen Äbgeordnelenhauses ist gefallen. Wie bereits mitgeteilt, ist die Vorlage mit den Stimmen der berden konserv. Fraktionen gegen die Stimmen der Nationalliberalen und Freisinnigen angenommen worden, während das Zentrum sich der Abstimmung enthalten hat. Diete Ent- scheidunq ergab sich aus den Beschlüssen der Kommission zu dem § 40 des Gesetzentwurfs, der die Anstellung-'-besugnisse des Staates und der Gemeinden hinsichtlich der Volksjchullehrer und der Rektoren regelt. Hier suchten die Nation« l- liberalen über die Regierungsvorlage hinaus die Befugnisse der Gemeinden für die Anstellun g der Rektoren zu erweitern. Die Regierung trat diesem Bestreben nachdrücklich entgegen, sie erklärte sich auch gegen einen freikonservativen Vermittlungsversuch. Bei der Abstimmung über den § 40 wurde schließlich unter Ablehnung aller anderen Anträge ein konservativer Antrag angenommen, wonach die Gemeinden nur das Lehrerwahlrecht haben sollen, während die Wahl der Rektoren bei der Regierung stehen soll.
Die ablehnende Haltung der Nationalliberalen erfolgte demnach nicht etwa wegen einer Differenz über konfessionelle Fragen, sondern wegen einer Meinungsverschiedenheit über eine Verwaltungsfrage. Allerdings darf man wohl annehmen, daß für die Stellungnahme der Nationalliberalen im letzten Grunde der Gedanke maßgebend war, die Verwaltungen der großen Städte würden in ihrer liberalen Gesinnung die Rektorenwahl zugunsten der Simultanschulen betätigen. Indirekt berührte sich demnach die zur Lnt'cheidung stehende Frage auch mit der Frage )er Konsessionalität der Volksschule.
Trotzdem liegt in der Ablehnung der ganze» Vorlage durch die Nationalliberalen eine Bekundung der Tendenz der Letzteren, in der Schul- frage den mehr nach links gehenden Bestrebungen in der eigenen Partei, sowie der Haltung des radikalen Liberalismus möglichst Rechnung zu tragen. _ Erst vor einigen Tagen bat die ,Posf, das führende Organ der Freikonfervaliven, daraus hingewiesen, daß der § 40 der Vortage eigentlich auß rhalb des Kompromisses von 1904 liege. Damit sollte offenbar den Nationalliberalen nabegelegt werden, die Vorlage nicht an einet Differenz über diesen Paragraph scheitern zu lassen Wenn heute die ,Nat. Ztg.' in dem Widerspruche der Regierung gegen die Wünsche der Nationalliberalen zum § 4Ö eine „Tendenz" erblickt, so wird man ihr diese Unterstellung mit weit größerem Rechte für ihre eigene Partei zurückgeben können.
Ob öie Nalionalliberaleu ihre ablehnende Haltung auch bei der Entscheidung im Plenum beibebalten werden, bleibt abzuwarten. Die -Rat. Ztg/ hat das „Unannehmbar^, welches sie seinerzeit hinsichtlich der konseffionellen Fragen ausiprach, zwar auch jetzt wiederholt, aber doch nicht m einer so schroffen Weise, daß dadurch jeder Weg zur Verständigung als abgeschnitten erscheinen muß. Wir glauben Giund zu der Annahme zu haben, daß es trotz aller national- liberalen großen Worte nicht an Versuchen für eine Verständigung in diesem Sinne fehlen wird. Wir glauben das umsomehr, als die Konservativen in ziemlich entschiedener Weise begonnen haben, die Nationalliberalen darauf aufmerksam zu machen, daß weder die Reaierung noch die
konservativen Parteien durch irgend etwas gehindert werden, das Gesetz auch ohne die Nation nalhberalen zustande zu bringen.
Was die Stellung des Zentrums an- langt, so ist sie in der letzten Sitzung der Schul- kommission durch den Abgeordneten Dr. Porsch noch einmal klar zum Ausdruck gebracht worden. Dr. Porsch betonte, das Zentrum enthalte sich der Stimmabgabe in Konsequenz der bei der ersten Lesung abgegebenen Erklärung, wonach das Zentrum erst dann sich über das ganze Gesetz entscheiden werde, wenn die formulierten Ergebnisse der zweiten Lesung in der Kommission vorlägen. Angesichts der außerordentlich schwierigen Materie, und angesichts der Kompliziertheit der Kommissionsoerhandlungen kann man diese St Qungnabme des Zentrums nur durchaus gut heißen. Durch die Stimmenthaltung des Zentrums ist in der Kommission ein positives Ergebnis gesichert worden und gleichzeitig dem Zentrum die Entscheidung noch freigelassen. Die Entscheidung wird erst auf gründ einer Prüfung erfolgen, die ebenso genau wie gewissenhaft erwägen wird, ob die Interessen der Schule und der Kirche durch die Beschlüsse der Kommission gewahrt sind.
Deutsches Reich.
Berlin, den 2. Mai 1906.
* Der Reichskanzler Fürst Bülow. vollendet morgen (Donnerstag) fein 57. Lebensjahr. Es heißt, der Kaiser, der den Fürsten seit feiner Erkrankung nicht gesehen hat, werde ihm einen persönlichen Gratulationsbesuch im Reichskanzlerpalais abstatten.
* Eine scharfe Zurückweisung gegen den Deuts cheu Flotten verein veröffentlicht die .Deutsche Tageszeitung'. Sie bestätigt, daß von Seiten der Kreise, die dem Verein nahe stehen. Versuche gemacht worden sind, die Stellung des Staatssekretärs von Tirpitz und indirekt auch die Fürstin von Bülow zu erschüttern. Das Blatt meint, wenn sich gewisse flottenschwärmerische Kreise in dieser Richtung bestätigten, dann werde man mit Recht ihr Treiben als gemeingefährlich bezeichnen.
Stimmungsbild aus dem Reichstage. Die zweite Lesung des Toleranzan-! träges des Zentrums, dir am Mittwoch im Reichstage begonnen hat, gestaltete sich zu einer für das Zentrum glänzenden Auseinandersetzung nvt seinen Gegnern. Gegen die treiflicken Ausführungen der Abgg. (Sroeber, Freiherr von Heuling, Dr. Spahn und Dr. Bachem nahmen ' sich die Reden der Abgg. Hiebei, Dr. Schrader, j Gamp und Henning, geschweige denn die Darlegungen der „Genossen" David und Hoffmann recht klein aus. Bezeichnend für die ganze L ge war der Umstand, daß selbst der Abg. Müller- Meiningen sich dazu verstehen mußte, dem To Uran» gebauten, wie ihn das Zentrum vertritt, Konzeisionen zu machen. Recht bezeichnend war es aber auch, daß von kowervatwer Seite gegen den Zentrumsantrag nicht grundsätzliche Bedenken ins Feld geführt wurden, sondern die Besorgnis, daß der Antrag der evangelischen Kirche Eintrag tun werde. Mit Recht hielt der Abg. Dr. David dies den Konservativen in drastischer Form vor. Das Ergebnis der Verhandlungen war zunächst d'e Annahme eines reisinnigen Antrages, der sich im Sinne mit dem grundlegenden § I des Zentrumsantrages
deckt. Die Verhandlungen wurden noch nicht zu Ende geführt. Die Haupistreitpunkie werden erst bei der Behandlung des zweiten Teiles des Antrages zur Frage kommen. Hoffentlich zeigt der Reichstag dann eine bessere Besetzung als heule, wo außer den Bänken des Zentrums die Reihen der übrigen Parteien Lücken auf« wiesen, die mit dem Aufwande der Gegen- gründe, den die gegnerische Presse in Szene setzte, stark im Widerspruche stehen.
* Die Budgetkommiilion des Reichstages setzte die Beratung des MannschafisgeietzeS fort. Es wurde ein Antrag Graf von Oriola Erzberger angenommen, die Erwerbsfähigkeit und ihren Grad nach der für den vor der Einstellung zum Militärdienst ausgeübten besonderen Beruf desVerletzten notwendigen körperlichen und geistigen Befähigungen zu beurteilen.
** Die Diätenkommission setzte heute die Be atung der Diälenvorlage fort. Jin § 1 wurde als erster Zahltermin der 1. Dezember eingeschoben. Statt vier Raten nut je 500 Mark sollen 5 Raten mit je 400 Mk. angenommen werden. Zu § 2 beantragte der Abg. Gioeber den Abzug für daS Fehlen in einer Sitzung statt auf 30 auf 20 Mk. zu bemessen. Der Abg. Sernler beantragte, stalt Plenarsitzungen zu sagen: Verhandlung, damit auch die Teilnehmer an den Kommissionssitzungen zum Bezuoe der D-äten berechtigt werden. F.rver beantragte der genannte Abgeordnete, die Kontrolle über die Teilnahme an den Sitzungen durch eine Erklärung der Abgeordneten über ihre Teilnahme bezw. ihr Fehlen zu ersetzen. Ern Beschluß wurde noch nicht gefaßt.
* Die Steuerkommisiioir des Reichstags beriet in ihrer Sitzung vom Mittwoch das Mantelgesetz mit den Steuervorlaaen. Hierzu lag ein Antrag des Abgeordneten „M ü 11 e r-F ulda u. Gen." (Zentr.) vor, der in 8 1 das einheitliche JnUaft- treten des Brausteuer-, Zigaretten-, Reichs? empel- und Neichserbschaftssteuergesetzes oueipriw!. Im § 8 wird bestimmt, daß das Gesetz am 1. ?<mi 1906 in Kraft treten soll. Der Reichsschatzsekretär erklärte die Einhaltung dieses Termins für unmöglich, namentlich wegen der Fahrlarrensteuer. Dec 1. April 1907 sei der früheste Termin, jedenfalls soll man es dem Bundesrat überwssen, die Fahrkartensteuer zu einem noch naher zu bestimmenden Termin in Kraft zu setzen. Ihm schloß sich der preußische Finanzminifter an. Ter Abg. Müller-Fulda meinte, man soll es e..oi- weilen bei den Bestimmungen dieses Antrags belassen und den 1. Juli 1906 festhalten: im Plenum lasse sich dann noch eine eventuelle Aende- rung treffen, je nach Gestaltung der Steuer. Ter § 1 des Antrags Müller-Fulda wurde sodann angenommen. Eine lange Debatte entspann sich bei den §§ 2 und 3 des Antrags Müller- Fulda. Tie beiden Paragraphen lauten: „§ 2. Die Reineinnahmen, welche auf Grund der im § 1 dieses Gesetzes unter den 1 bis 3 bezeichneten Vorschriften aufkommen, verbleiben der Reichskasse. Don dein Rohertrag der nach Maßgabe der anlie- . genfcen Borschriften wegen Besteuerung der Erb- schäften veranlagten Steuern erhalt das Reich %, 1 den einzelnen Bundesstaaten verbleibt y< ihrer ' Roheinnahme. § 3. Soweit die nach Artikel 70 der Reichsverfassung von den Bundesstaaten aufzubringenden Matrikularbeiträge in einem Rechnungsjahr den Sollbetrag der Ueberweisungeu um mehr als 40 Pfennig auf den Kopf der Bevölkerung überffeigen, wird die Erhebung des Mehrbetrags für dieses Rechnungsjahr ausgesetzt. Soweit sich ein solcher Mehrbetrag später auch nach der Rechnung ergibt, findet dessen Erhebung im April des zweitfolgenden Rechnungsjahres statt. Ter preußische Finanzminister Frhr. v. Rheinba- r !!■■ ■»■■■■■■■■■ ■! !■ || IUI ■MIIIM .......... M II I■! I ■ im«
ben ersucht darum, die Regierungsvorlage anzu- nehmen. Wenn der Reichstag einer dauernden Festlegung der Matrikularbeiträge auf den Kopf der Bevölkerung nicht zustimmen könne, so empfehle es sich wenigstens auf Zeit eine solche Beschränkung zu treffen, etwa auf 5 oder 7 Jahre. Ter Abg. Müller-Fulda führte in der Begründung feines Antrages aus, das beste Mittel, die Einzelstaaten vor dem plötzlichen Anschwellen der Matrikularbeiträge zu schützen, sei die Spar- samkett innerhalb des Bundesrats bei Festsetzung des Etats. Die gegenwärtige Situation würde sich in Jahresfrist nach der Wirkung des Schultarifs klären. Staatssekretär Frlir. von Stengel sprach seine Genugtuung darüber aus, daß der Absatz 1 im § 3, die Limitierung der Matrikular- beiträge, nicht beanstandet werden dürfe, äußerte aber Bedenken gegen die Fassung des Antrags Müller-Fulda. Er bat wiederholt, wenn die Regierungsvorlage abaelehnt würde, die Stundung wenigstens so zu gestalten, daß die Erledigung des Mehrbetrags erst beim Abschluß des zweitfolgenden Rechnungsjahrs ftattfinbet. Die Debatte darüber wird am Donnerstag fortgesetzt.
* Der Seniorenkonvent desAbgeordnetenhauses trat heule kurz vor her Plenarsitzung zusammen, um über einen vom Präsidenten oorgeschlagenen Ar- beiisplan zu beraten. Nach diesem Plan wurde mit einer Verladung der Session durch Allerhöchste Verordnung vom 12. Juni bis Anfang November gerechnet. Man wollte nur eine Woche Pfinostferien, und in der Zeit vom 21. bis 30. Mai die Beratung beS Schulunter haltungSgeietzeS erledigen. Angenommen wurde dabei, daß daS Herrenhaus die Schulvorlage erst nach der großen Vertagung in Angriff nehmen würde. Im Seniorenfonoent kam eS heute noch zu keiner Be- fchlußfassling. Man war der Me nung, daß sich die Geschäftslage erst dann etwas genauer übersetzen lasse, wenn man wisse, zu welcher Zeit der Bericht über die KornnussionSberaiung der Schulgesetzvorlage fertig gestellt sein kann. Man beschloß deshalb, über acht Tage noch einmal zusammen zu kommen, um dann eventuell einen Arbeitsplan sestzulegen.
Aus dem Reichstage.
92. Sitzung vom 2. Mai 1906.
Eröffnung 1*4 Uhr.
Zweite Beratung des Toleranzantrages.
§ 1 lautet: Dolle Freiheit des religiösen Ve- kenutnisses, i.cr Bereinigung zu Religionsgemeinschaften, sowie der gemeinsamen häuslichen und öffentlichen Religionsubung steht innerhalb des Reichsgebiets jedem zu. Den bürgerlichen und staatsbürgerlichen Rechten und Pflichten darf durch die Ausübung der Religionsfreiheit fein Abbruch geschehen.
Abg. Dr. Müller-Meiningen beantragt, dem § 1 folgende Fassung zu geben: „Volle Glauoens- und Gewlssensfreihett ist innerhalb des Reichsgebietes jedem gewährleistet. Darnach steht die Freiheit des religiösen Bekenntnisses, der Vereinigung zu Religionsgemeinschaften, sowie der gemeinsamen häuslichen und öffentlichen Religionsübung jedem Einwohner des Reiches zu. Der Genuß der bürgerlichen und staatsbürgerlichen Rechte ist unabhängig von dem religiösen Bekenntnisse. Den bürgerlichen und staatsbürgerlichen Pflichten darf durch die Ausübung der Religionsfreiheit kein Abbruch geschehen", und einen neuen § la einzufügen, wonach niemand verpflichtet sein soll, seine und seiner Angehörigen Elaubensmeinung oder Zugehörigkeit zu einer Glaubensgemeinschaft zu offenbaren, und wonach ferner den Staats- und
Ans Les Aes Arm».
Novelle von Marg. Schlichter.
121 (Nachdruck verboten.)
Wir überspringen abermals einen Zeitraum von vier Jahren, welche für Elisabeth ziemlich gleichmäßig dahin flössen, ein Ereignis ausgenommen, welches für ihr künftiges Leben von gro- ßem Einfluß fein sollte. Im zweiten Jahre nach Klein Elsbeths Tode erhielt sie den Besuch eines alteren Herrn, der sich als ein entfernter Verwandter ihrer verstorbenen Mutter vorstellte. Es war Konsul Hiller aus Santander, der Geschäfte halber nach Berlin reifte und einen Abstecher nach Munster gemacht hatte, um feine Verwandte aufzusuchen. Die Nachricht, daß dieselbe gestorben fei, berührte ihn fehr schmerzlich; ober groß war feine Freude, als er vernahm, daß Fräulein Werner, die ja auch aus feinem Heimatstädtchen gebürtig war, im selben Hause wohne. Die alte Bekanntschaft wurde erneuert und die beiden Jugendgefährten, denen der Schnee der Jahre bereits den Scheitel gebleicht hatte, wurden nicht müde, die mannigfachen Erinnerungen aus einer langst verflossenen, seligen Zeit wieder aufzufrischen. 5)cr Konsul blieb zwei Tage in Münster, um, wie er sagte, noch einen zweiten gemütlichen Abend bei den Damen zubringen zu können. Und während Fräulein Werner, deren Gedächtnis von außerordentlicher Schärfe war, fo manches Bild aus der Vergangenheit heroorzauberte, sah der Konsul in Elisabeth diejenige verkörpert vor sich, die den Mittelpunkt aller dieser Erinnerungen bildete. Immer wieder ruhte sein Blick auf ihr, und er gestand ihr, die Aehnlichkeit mit ihrer verstorbenen Mutter habe ihn derart frappiert, daß er zuerst geglaubt habe, er sehe diejenige wieder vor sich, die er vor vielen Jahren als liebliches. Er hätte binzn-
setzen können „und geliebt", — doch das erfuhr Elisabeth später durch Fräulein Werner. Vor seiner Abreise hatte der Konsul mit letzterer noch eine lange Unterredung, die sich hauptsächlich um Elisabeth drehte. Er bedauerte fehr, daß die Tochter feiner Ingendaeliebten auf Broterwerb anae- wiefen war, und ließ durchblicken, daß er sich die Sorge für ihre Zukunft angelegen fein lassen wolle.
„Nach drei Jahren fehen wir uns wieder, fo Gott will", mit diefen Worten hatte er Abschied von Fräulein Werner genommen. Damals war sie noch jung und rüstig, und jeder würde ihr noch eine lange Reihe von Jahren prophezeit haben. Der Besuch ihres Jugendbekannten war ein Lichtblick in ihrem setzt fo einförmigen Leben gewesen, und noch wochenlang nachher kam sie in ihrer Unterhaltung immer wieder auf ihre Juaend- erinneritngen zurück. Diefelbeu waren mit Elisabeths Mutter eng verwoben.
»Sie glauben nicht, welch reizendes Mädchen Ihre Mutter war und wie anmutig sie tanzte. Sie hatte in der Tanzstunde immer die meisten Engagements, aber keiner machte ihr so beharrlich den Hof, wie ihr Vetter Hiller. Auch später", o erzählte Fräulein Werner dem gespannt zn- hörenden jungen Mädchen weiter, „war Hiller der ausgesprochene Verehrer Ihrer Mutter, obschon eine Neigung nicht in gleichem Maße erwidert wurde. Aber sie sah ibn doch gern, den gutherzigen, stets muntern Vetter im zweiten oder dritten Grade, der sich so gerne hinter feiner Verwandtschaft verfchanzte, um seinem Consinchen desto unauffällig. ■ seine Aufmerksamkeiten erweisen zu können."!
Indessen, der vermögenslose junge Mann war nicht in der Lage, einen eigenen Herd zu gründen, und vielleicht der $cbanfc, in der Fremde sein Glück mach; ' zu können, hatte ihn danmls veranlaßt, in die weite Welt zu ziehen. Das Gluck hatte ihn aber erst nach Jahren gefunden zu einer Zeit,
da Elisabeths Mutter längst dem Manne, den sie liebte, zum Altäre gefolgt war. Hiller aber hatte chr die Treue gewahrt und war einsam geblieben fein Leben lang.
Und jetzt hatte er die alte Liebe zu ihr auf ihre Tochter übertragen; aber es war felbstlose Liebe und Güte, die er für sie empfand, und unaufhörlich beschäftigte ihn der Gedanke, wie er diese am besten betätigen könne. Nach Verlauf von zwei Jahren, während welcher Zeit er mit Elisabech in Briefwechsel gestanden hatte, fand sich auf seine Frage eine Lösung, die ihm die beste schien und zugleich die Erfüllung eines zärtlich gehegten Wunsches in sich barg. Er erhielt um diese Zeit nämlich kurz nacheinander zwei Briefe von ihr. Der erste meldete ihm das freudige Ereignis, daß Otto fein Assessor-Examen mit Glanz bestanden habe. Der Inhalt des zweiten Briefes aber war recht trauriger Natur. Fräulein Wer» ner war nach kurzer Krankheit aus dem Leben ge- fchieden, und Elisabeth war untröstlich über den Verlust derjenigen, die ihr zur zweiten Mutter geworden war. Auch der Konsul war schmerzlich davon berührt, aber dieses Ereignis wirkte bestimmend auf ihn, und er schritt zur Ausführung seines Vorsatzes. Welcher Art derselbe war, erhellt aus dem Briese, den er gleich nach Eintreffen der Trauerkunde an Elisabeth abgehen ließ. Derselbe lautete:
„Mein liebes Kind!
Gestatten Sie, daß ich Sie so nenne Ihrer verstorbenen Mutter wegen, die meinem Herzen teuer War. Sie haben sie früh verloren, Ihre liebe, gute Mutter, und seither hat das Leben Sie in eine strenge Schicke genommen. Aber Sie haben sich tapfer gehalten, Ihre Handlungsweise hat mir den Beweis erbracht, daß es noch Menschen gibt, die Opfer zu bringen imstande sind. Warum aber verfolgt das Schicksal mit feinen Schlägen so hartnäckig diejenigen, die es verdient hätten, daß es seines Glückes Fülle über
sie ausschüttete? Es war mir ein so wohltuendes Gefühl, Sie unter der Obhut einer liebenswürdigen Dame zu wissen, deren Herzen Sie teuer waren. Nun haben Sie sie verloren, die Ihre Ratgeberin, Ihre Freundin, ja Ihre zweite Mutter war, und ich begreife, wie schwer dei Schlag Sie getroffen hat.
Möge es nun genug sein des Leides, und mögen den traurigen Jahren Ihrer Jugend eine lange Reihe schöner und glücklicher Jahre folgen! Sie schütteln wehmütig den Kopf, da Sie den Glauben an Glück verloren haben. Freilich ein Glück, wie die himmelanstürmende Jugend es erträumt und ersehnt, kann diese unvollkommene Erde uns nicht bieten, und sie, liebes Fräulein, stellen auch keine unmöglichen Anforderungen an das Leben. Aber wer wünschte sich nicht ein sorgenfreies, behagliches Dasein? Ein solches stelle ich Ihnen in Aussicht, falls Sie bereit sind, auf meinen Vorschlag ein- zugehen. Derselbe geht dahin, daß Sie mir das Recht einräumen wollen, die Stelle der lieben Verstorbenen einzunehmen und Ihr väterlicher Beschützer zu sein. Als solcher richte ich die Bitte an Sie, Ihre Heimat mit dem sonnigen Süden zu vertauschen und zu mir in mein Haus zu kommen. Sie sollen es gut haben bei mir, bin ich auch nicht frei von den Eigenheiten eines Junggefellen, fo bin ich doch fein ungesellige! und bärbeißiger Patron. Aber mein Heim, das reich an allem, was man für Geld kaufen kann, entbehrt des freundlichen Sonnenscheines, den ein liebenswürdiges, weibliches Wesen um sich verbreitet. Sie würden es erhellen und verschönern. Ueberlegen Sie sich also, was ich Ihnen vorgeschlagen habe. Ihre Zustimmung würde mich glücklich machen, und mit Ungeduld sehe ich Ihrer Antwort entgegen. Bis dahin grüßt Sie herzlichst Ihr Onkel
Santander, den 18. 5.....
Bernard Hiller."