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Zernfprecher Ur

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Fulda, Donnerstag den 3. Mai 1906.

33. Jahrgang

* Var Voltsschulunterhaltungsgesetz.

Die Entscheidung über das Volksschulunter­haltungsgesetz in der Kommission des preußischen Äbgeordnelenhauses ist gefallen. Wie bereits mitgeteilt, ist die Vorlage mit den Stimmen der berden konserv. Fraktionen gegen die Stimmen der Nationalliberalen und Freisinnigen ange­nommen worden, während das Zentrum sich der Abstimmung enthalten hat. Diete Ent- scheidunq ergab sich aus den Beschlüssen der Kommission zu dem § 40 des Gesetzentwurfs, der die Anstellung-'-besugnisse des Staates und der Gemeinden hinsichtlich der Volksjchullehrer und der Rektoren regelt. Hier suchten die Nation« l- liberalen über die Regierungsvorlage hinaus die Befugnisse der Gemeinden für die Anstellun g der Rektoren zu erweitern. Die Regierung trat diesem Bestreben nachdrücklich entgegen, sie erklärte sich auch gegen einen freikonservativen Vermittlungsversuch. Bei der Abstimmung über den § 40 wurde schließlich unter Ablehnung aller anderen Anträge ein konservativer Antrag ange­nommen, wonach die Gemeinden nur das Lehrer­wahlrecht haben sollen, während die Wahl der Rektoren bei der Regierung stehen soll.

Die ablehnende Haltung der Natio­nalliberalen erfolgte demnach nicht etwa wegen einer Differenz über konfessionelle Fragen, sondern wegen einer Meinungsverschiedenheit über eine Verwaltungsfrage. Allerdings darf man wohl annehmen, daß für die Stellungnahme der Nationalliberalen im letzten Grunde der Gedanke maßgebend war, die Verwaltungen der großen Städte würden in ihrer liberalen Gesinnung die Rektorenwahl zugunsten der Simultanschulen be­tätigen. Indirekt berührte sich demnach die zur Lnt'cheidung stehende Frage auch mit der Frage )er Konsessionalität der Volksschule.

Trotzdem liegt in der Ablehnung der ganze» Vorlage durch die Nationalliberalen eine Bekun­dung der Tendenz der Letzteren, in der Schul- frage den mehr nach links gehenden Bestrebungen in der eigenen Partei, sowie der Haltung des radikalen Liberalismus möglichst Rechnung zu tragen. _ Erst vor einigen Tagen bat die ,Posf, das führende Organ der Freikonfervaliven, daraus hingewiesen, daß der § 40 der Vortage eigentlich auß rhalb des Kompromisses von 1904 liege. Damit sollte offenbar den Nationallibe­ralen nabegelegt werden, die Vorlage nicht an einet Differenz über diesen Paragraph scheitern zu lassen Wenn heute die ,Nat. Ztg.' in dem Widerspruche der Regierung gegen die Wünsche der Nationalliberalen zum § 4Ö eine „Tendenz" erblickt, so wird man ihr diese Unterstellung mit weit größerem Rechte für ihre eigene Partei zurückgeben können.

Ob öie Nalionalliberaleu ihre ablehnende Haltung auch bei der Entscheidung im Plenum beibebalten werden, bleibt abzuwarten. Die -Rat. Ztg/ hat das „Unannehmbar^, welches sie seinerzeit hinsichtlich der konseffionellen Fragen ausiprach, zwar auch jetzt wiederholt, aber doch nicht m einer so schroffen Weise, daß dadurch jeder Weg zur Verständigung als abgeschnitten erscheinen muß. Wir glauben Giund zu der Annahme zu haben, daß es trotz aller national- liberalen großen Worte nicht an Versuchen für eine Verständigung in diesem Sinne fehlen wird. Wir glauben das umsomehr, als die Konser­vativen in ziemlich entschiedener Weise begonnen haben, die Nationalliberalen darauf aufmerksam zu machen, daß weder die Reaierung noch die

konservativen Parteien durch irgend etwas ge­hindert werden, das Gesetz auch ohne die Nation nalhberalen zustande zu bringen.

Was die Stellung des Zentrums an- langt, so ist sie in der letzten Sitzung der Schul- kommission durch den Abgeordneten Dr. Porsch noch einmal klar zum Ausdruck gebracht worden. Dr. Porsch betonte, das Zentrum enthalte sich der Stimmabgabe in Konsequenz der bei der ersten Lesung abgegebenen Erklärung, wonach das Zentrum erst dann sich über das ganze Gesetz entscheiden werde, wenn die formulierten Ergeb­nisse der zweiten Lesung in der Kommission vor­lägen. Angesichts der außerordentlich schwierigen Materie, und angesichts der Kompliziertheit der Kommissionsoerhandlungen kann man diese St Qungnabme des Zentrums nur durchaus gut heißen. Durch die Stimmenthaltung des Zen­trums ist in der Kommission ein positives Er­gebnis gesichert worden und gleichzeitig dem Zen­trum die Entscheidung noch freigelassen. Die Entscheidung wird erst auf gründ einer Prüfung erfolgen, die ebenso genau wie gewissenhaft er­wägen wird, ob die Interessen der Schule und der Kirche durch die Beschlüsse der Kommission gewahrt sind.

Deutsches Reich.

Berlin, den 2. Mai 1906.

* Der Reichskanzler Fürst Bülow. vollendet morgen (Donnerstag) fein 57. Lebensjahr. Es heißt, der Kaiser, der den Fürsten seit feiner Er­krankung nicht gesehen hat, werde ihm einen per­sönlichen Gratulationsbesuch im Reichskanzler­palais abstatten.

* Eine scharfe Zurückweisung gegen den Deuts cheu Flotten verein veröffentlicht die .Deutsche Tageszeitung'. Sie bestätigt, daß von Seiten der Kreise, die dem Verein nahe stehen. Versuche gemacht worden sind, die Stellung des Staatssekretärs von Tirpitz und indirekt auch die Fürstin von Bülow zu erschüttern. Das Blatt meint, wenn sich gewisse flottenschwärme­rische Kreise in dieser Richtung bestätigten, dann werde man mit Recht ihr Treiben als gemein­gefährlich bezeichnen.

Stimmungsbild aus dem Reichstage. Die zweite Lesung des Toleranzan-! träges des Zentrums, dir am Mittwoch im Reichstage begonnen hat, gestaltete sich zu einer für das Zentrum glänzenden Auseinandersetzung nvt seinen Gegnern. Gegen die treiflicken Aus­führungen der Abgg. (Sroeber, Freiherr von Heuling, Dr. Spahn und Dr. Bachem nahmen ' sich die Reden der Abgg. Hiebei, Dr. Schrader, j Gamp und Henning, geschweige denn die Dar­legungen der „Genossen" David und Hoffmann recht klein aus. Bezeichnend für die ganze L ge war der Umstand, daß selbst der Abg. Müller- Meiningen sich dazu verstehen mußte, dem To Uran» gebauten, wie ihn das Zentrum vertritt, Konzeisionen zu machen. Recht bezeichnend war es aber auch, daß von kowervatwer Seite gegen den Zentrumsantrag nicht grundsätzliche Be­denken ins Feld geführt wurden, sondern die Besorgnis, daß der Antrag der evangelischen Kirche Eintrag tun werde. Mit Recht hielt der Abg. Dr. David dies den Konservativen in drastischer Form vor. Das Ergebnis der Ver­handlungen war zunächst d'e Annahme eines reisinnigen Antrages, der sich im Sinne mit dem grundlegenden § I des Zentrumsantrages

deckt. Die Verhandlungen wurden noch nicht zu Ende geführt. Die Haupistreitpunkie werden erst bei der Behandlung des zweiten Teiles des Antrages zur Frage kommen. Hoffentlich zeigt der Reichstag dann eine bessere Besetzung als heule, wo außer den Bänken des Zentrums die Reihen der übrigen Parteien Lücken auf« wiesen, die mit dem Aufwande der Gegen- gründe, den die gegnerische Presse in Szene setzte, stark im Widerspruche stehen.

* Die Budgetkommiilion des Reichstages setzte die Beratung des MannschafisgeietzeS fort. Es wurde ein Antrag Graf von Oriola Erz­berger angenommen, die Erwerbsfähigkeit und ihren Grad nach der für den vor der Einstellung zum Militärdienst ausgeübten besonderen Beruf desVerletzten notwendigen körperlichen und geistigen Befähigungen zu beurteilen.

** Die Diätenkommission setzte heute die Be atung der Diälenvorlage fort. Jin § 1 wurde als erster Zahltermin der 1. Dezember eingeschoben. Statt vier Raten nut je 500 Mark sollen 5 Raten mit je 400 Mk. angenommen werden. Zu § 2 beantragte der Abg. Gioeber den Abzug für daS Fehlen in einer Sitzung statt auf 30 auf 20 Mk. zu bemessen. Der Abg. Sernler beantragte, stalt Plenarsitzungen zu sagen: Verhandlung, damit auch die Teilnehmer an den Kommissionssitzungen zum Bezuoe der D-äten berechtigt werden. F.rver beantragte der ge­nannte Abgeordnete, die Kontrolle über die Teil­nahme an den Sitzungen durch eine Erklärung der Abgeordneten über ihre Teilnahme bezw. ihr Fehlen zu ersetzen. Ern Beschluß wurde noch nicht gefaßt.

* Die Steuerkommisiioir des Reichstags beriet in ihrer Sitzung vom Mittwoch das Mantelgesetz mit den Steuervorlaaen. Hierzu lag ein Antrag des Abgeordneten „M ü 11 e r-F ulda u. Gen." (Zentr.) vor, der in 8 1 das einheitliche JnUaft- treten des Brausteuer-, Zigaretten-, Reichs? empel- und Neichserbschaftssteuergesetzes oueipriw!. Im § 8 wird bestimmt, daß das Gesetz am 1. ?<mi 1906 in Kraft treten soll. Der Reichsschatzsekretär er­klärte die Einhaltung dieses Termins für unmög­lich, namentlich wegen der Fahrlarrensteuer. Dec 1. April 1907 sei der früheste Termin, jeden­falls soll man es dem Bundesrat überwssen, die Fahrkartensteuer zu einem noch naher zu bestim­menden Termin in Kraft zu setzen. Ihm schloß sich der preußische Finanzminifter an. Ter Abg. Müller-Fulda meinte, man soll es e..oi- weilen bei den Bestimmungen dieses Antrags be­lassen und den 1. Juli 1906 festhalten: im Ple­num lasse sich dann noch eine eventuelle Aende- rung treffen, je nach Gestaltung der Steuer. Ter § 1 des Antrags Müller-Fulda wurde sodann an­genommen. Eine lange Debatte entspann sich bei den §§ 2 und 3 des Antrags Müller- Fulda. Tie beiden Paragraphen lauten: „§ 2. Die Reineinnahmen, welche auf Grund der im § 1 dieses Gesetzes unter den 1 bis 3 bezeichneten Vor­schriften aufkommen, verbleiben der Reichskasse. Don dein Rohertrag der nach Maßgabe der anlie- . genfcen Borschriften wegen Besteuerung der Erb- schäften veranlagten Steuern erhalt das Reich %, 1 den einzelnen Bundesstaaten verbleibt y< ihrer ' Roheinnahme. § 3. Soweit die nach Artikel 70 der Reichsverfassung von den Bundesstaaten auf­zubringenden Matrikularbeiträge in einem Rech­nungsjahr den Sollbetrag der Ueberweisungeu um mehr als 40 Pfennig auf den Kopf der Bevöl­kerung überffeigen, wird die Erhebung des Mehr­betrags für dieses Rechnungsjahr ausgesetzt. So­weit sich ein solcher Mehrbetrag später auch nach der Rechnung ergibt, findet dessen Erhebung im April des zweitfolgenden Rechnungsjahres statt. Ter preußische Finanzminister Frhr. v. Rheinba- r !!■■ ■»■■■■■■■■■ ■! !■ || IUI ■MIIIM .......... M II I■! I ■ im«

ben ersucht darum, die Regierungsvorlage anzu- nehmen. Wenn der Reichstag einer dauernden Festlegung der Matrikularbeiträge auf den Kopf der Bevölkerung nicht zustimmen könne, so em­pfehle es sich wenigstens auf Zeit eine solche Be­schränkung zu treffen, etwa auf 5 oder 7 Jahre. Ter Abg. Müller-Fulda führte in der Be­gründung feines Antrages aus, das beste Mittel, die Einzelstaaten vor dem plötzlichen Anschwellen der Matrikularbeiträge zu schützen, sei die Spar- samkett innerhalb des Bundesrats bei Festsetzung des Etats. Die gegenwärtige Situation würde sich in Jahresfrist nach der Wirkung des Schul­tarifs klären. Staatssekretär Frlir. von Stengel sprach seine Genugtuung darüber aus, daß der Absatz 1 im § 3, die Limitierung der Matrikular- beiträge, nicht beanstandet werden dürfe, äußerte aber Bedenken gegen die Fassung des Antrags Müller-Fulda. Er bat wiederholt, wenn die Re­gierungsvorlage abaelehnt würde, die Stundung wenigstens so zu gestalten, daß die Erledigung des Mehrbetrags erst beim Abschluß des zweitfolgen­den Rechnungsjahrs ftattfinbet. Die Debatte da­rüber wird am Donnerstag fortgesetzt.

* Der Seniorenkonvent desAbgeordnetenhauses trat heule kurz vor her Plenarsitzung zusammen, um über einen vom Präsidenten oorgeschlagenen Ar- beiisplan zu beraten. Nach diesem Plan wurde mit einer Verladung der Session durch Aller­höchste Verordnung vom 12. Juni bis Anfang November gerechnet. Man wollte nur eine Woche Pfinostferien, und in der Zeit vom 21. bis 30. Mai die Beratung beS Schulunter haltungSgeietzeS er­ledigen. Angenommen wurde dabei, daß daS Herrenhaus die Schulvorlage erst nach der großen Vertagung in Angriff nehmen würde. Im Seniorenfonoent kam eS heute noch zu keiner Be- fchlußfassling. Man war der Me nung, daß sich die Geschäftslage erst dann etwas genauer über­setzen lasse, wenn man wisse, zu welcher Zeit der Bericht über die KornnussionSberaiung der Schul­gesetzvorlage fertig gestellt sein kann. Man be­schloß deshalb, über acht Tage noch einmal zusammen zu kommen, um dann eventuell einen Arbeitsplan sestzulegen.

Aus dem Reichstage.

92. Sitzung vom 2. Mai 1906.

Eröffnung 1*4 Uhr.

Zweite Beratung des Toleranz­antrages.

§ 1 lautet: Dolle Freiheit des religiösen Ve- kenutnisses, i.cr Bereinigung zu Religionsgemein­schaften, sowie der gemeinsamen häuslichen und öffentlichen Religionsubung steht innerhalb des Reichsgebiets jedem zu. Den bürgerlichen und staatsbürgerlichen Rechten und Pflichten darf durch die Ausübung der Religionsfreiheit fein Abbruch geschehen.

Abg. Dr. Müller-Meiningen beantragt, dem § 1 folgende Fassung zu geben: „Volle Glauoens- und Gewlssensfreihett ist innerhalb des Reichsge­bietes jedem gewährleistet. Darnach steht die Frei­heit des religiösen Bekenntnisses, der Vereinigung zu Religionsgemeinschaften, sowie der gemein­samen häuslichen und öffentlichen Religionsübung jedem Einwohner des Reiches zu. Der Genuß der bürgerlichen und staatsbürgerlichen Rechte ist un­abhängig von dem religiösen Bekenntnisse. Den bürgerlichen und staatsbürgerlichen Pflichten darf durch die Ausübung der Religionsfreiheit kein Abbruch geschehen", und einen neuen § la einzu­fügen, wonach niemand verpflichtet sein soll, seine und seiner Angehörigen Elaubensmeinung oder Zugehörigkeit zu einer Glaubensgemeinschaft zu offenbaren, und wonach ferner den Staats- und

Ans Les Aes Arm».

Novelle von Marg. Schlichter.

121 (Nachdruck verboten.)

Wir überspringen abermals einen Zeitraum von vier Jahren, welche für Elisabeth ziemlich gleichmäßig dahin flössen, ein Ereignis ausge­nommen, welches für ihr künftiges Leben von gro- ßem Einfluß fein sollte. Im zweiten Jahre nach Klein Elsbeths Tode erhielt sie den Besuch eines alteren Herrn, der sich als ein entfernter Ver­wandter ihrer verstorbenen Mutter vorstellte. Es war Konsul Hiller aus Santander, der Geschäfte halber nach Berlin reifte und einen Abstecher nach Munster gemacht hatte, um feine Verwandte auf­zusuchen. Die Nachricht, daß dieselbe gestorben fei, berührte ihn fehr schmerzlich; ober groß war feine Freude, als er vernahm, daß Fräulein Wer­ner, die ja auch aus feinem Heimatstädtchen ge­bürtig war, im selben Hause wohne. Die alte Bekanntschaft wurde erneuert und die beiden Jugendgefährten, denen der Schnee der Jahre be­reits den Scheitel gebleicht hatte, wurden nicht müde, die mannigfachen Erinnerungen aus einer langst verflossenen, seligen Zeit wieder aufzufri­schen. 5)cr Konsul blieb zwei Tage in Münster, um, wie er sagte, noch einen zweiten gemütlichen Abend bei den Damen zubringen zu können. Und während Fräulein Werner, deren Gedächtnis von außerordentlicher Schärfe war, fo manches Bild aus der Vergangenheit heroorzauberte, sah der Konsul in Elisabeth diejenige verkörpert vor sich, die den Mittelpunkt aller dieser Erinnerungen bildete. Immer wieder ruhte sein Blick auf ihr, und er gestand ihr, die Aehnlichkeit mit ihrer ver­storbenen Mutter habe ihn derart frappiert, daß er zuerst geglaubt habe, er sehe diejenige wieder vor sich, die er vor vielen Jahren als liebliches. Er hätte binzn-

setzen können „und geliebt", — doch das erfuhr Elisabeth später durch Fräulein Werner. Vor seiner Abreise hatte der Konsul mit letzterer noch eine lange Unterredung, die sich hauptsächlich um Elisabeth drehte. Er bedauerte fehr, daß die Toch­ter feiner Ingendaeliebten auf Broterwerb anae- wiefen war, und ließ durchblicken, daß er sich die Sorge für ihre Zukunft angelegen fein lassen wolle.

„Nach drei Jahren fehen wir uns wieder, fo Gott will", mit diefen Worten hatte er Abschied von Fräulein Werner genommen. Damals war sie noch jung und rüstig, und jeder würde ihr noch eine lange Reihe von Jahren prophezeit haben. Der Besuch ihres Jugendbekannten war ein Licht­blick in ihrem setzt fo einförmigen Leben gewesen, und noch wochenlang nachher kam sie in ihrer Unterhaltung immer wieder auf ihre Juaend- erinneritngen zurück. Diefelbeu waren mit Elisa­beths Mutter eng verwoben.

»Sie glauben nicht, welch reizendes Mädchen Ihre Mutter war und wie anmutig sie tanzte. Sie hatte in der Tanzstunde immer die meisten Engagements, aber keiner machte ihr so beharr­lich den Hof, wie ihr Vetter Hiller. Auch später", o erzählte Fräulein Werner dem gespannt zn- hörenden jungen Mädchen weiter, „war Hiller der ausgesprochene Verehrer Ihrer Mutter, obschon eine Neigung nicht in gleichem Maße erwidert wurde. Aber sie sah ibn doch gern, den gut­herzigen, stets muntern Vetter im zweiten oder dritten Grade, der sich so gerne hinter feiner Ver­wandtschaft verfchanzte, um seinem Consinchen desto unauffällig. ■ seine Aufmerksamkeiten er­weisen zu können."!

Indessen, der vermögenslose junge Mann war nicht in der Lage, einen eigenen Herd zu gründen, und vielleicht der $cbanfc, in der Fremde sein Glück mach; ' zu können, hatte ihn danmls veran­laßt, in die weite Welt zu ziehen. Das Gluck hatte ihn aber erst nach Jahren gefunden zu einer Zeit,

da Elisabeths Mutter längst dem Manne, den sie liebte, zum Altäre gefolgt war. Hiller aber hatte chr die Treue gewahrt und war einsam geblieben fein Leben lang.

Und jetzt hatte er die alte Liebe zu ihr auf ihre Tochter übertragen; aber es war felbstlose Liebe und Güte, die er für sie empfand, und un­aufhörlich beschäftigte ihn der Gedanke, wie er diese am besten betätigen könne. Nach Verlauf von zwei Jahren, während welcher Zeit er mit Elisabech in Briefwechsel gestanden hatte, fand sich auf seine Frage eine Lösung, die ihm die beste schien und zugleich die Erfüllung eines zärtlich gehegten Wunsches in sich barg. Er erhielt um diese Zeit nämlich kurz nacheinander zwei Briefe von ihr. Der erste meldete ihm das freudige Er­eignis, daß Otto fein Assessor-Examen mit Glanz bestanden habe. Der Inhalt des zweiten Briefes aber war recht trauriger Natur. Fräulein Wer» ner war nach kurzer Krankheit aus dem Leben ge- fchieden, und Elisabeth war untröstlich über den Verlust derjenigen, die ihr zur zweiten Mutter geworden war. Auch der Konsul war schmerzlich davon berührt, aber dieses Ereignis wirkte be­stimmend auf ihn, und er schritt zur Ausführung seines Vorsatzes. Welcher Art derselbe war, erhellt aus dem Briese, den er gleich nach Eintreffen der Trauerkunde an Elisabeth abgehen ließ. Derselbe lautete:

„Mein liebes Kind!

Gestatten Sie, daß ich Sie so nenne Ihrer verstorbenen Mutter wegen, die meinem Herzen teuer War. Sie haben sie früh verloren, Ihre liebe, gute Mutter, und seither hat das Leben Sie in eine strenge Schicke genommen. Aber Sie haben sich tapfer gehalten, Ihre Handlungsweise hat mir den Beweis erbracht, daß es noch Men­schen gibt, die Opfer zu bringen imstande sind. Warum aber verfolgt das Schicksal mit feinen Schlägen so hartnäckig diejenigen, die es ver­dient hätten, daß es seines Glückes Fülle über

sie ausschüttete? Es war mir ein so wohltuen­des Gefühl, Sie unter der Obhut einer liebens­würdigen Dame zu wissen, deren Herzen Sie teuer waren. Nun haben Sie sie verloren, die Ihre Ratgeberin, Ihre Freundin, ja Ihre zweite Mutter war, und ich begreife, wie schwer dei Schlag Sie getroffen hat.

Möge es nun genug sein des Leides, und mögen den traurigen Jahren Ihrer Jugend eine lange Reihe schöner und glücklicher Jahre folgen! Sie schütteln wehmütig den Kopf, da Sie den Glauben an Glück verloren haben. Freilich ein Glück, wie die himmelanstürmende Jugend es erträumt und ersehnt, kann diese unvollkommene Erde uns nicht bieten, und sie, liebes Fräulein, stellen auch keine unmöglichen Anforderungen an das Leben. Aber wer wünschte sich nicht ein sorgenfreies, behagliches Dasein? Ein solches stelle ich Ihnen in Aussicht, falls Sie bereit sind, auf meinen Vorschlag ein- zugehen. Derselbe geht dahin, daß Sie mir das Recht einräumen wollen, die Stelle der lieben Verstorbenen einzunehmen und Ihr väterlicher Beschützer zu sein. Als solcher richte ich die Bitte an Sie, Ihre Heimat mit dem sonnigen Süden zu vertauschen und zu mir in mein Haus zu kommen. Sie sollen es gut haben bei mir, bin ich auch nicht frei von den Eigenheiten eines Junggefellen, fo bin ich doch fein ungesellige! und bärbeißiger Patron. Aber mein Heim, das reich an allem, was man für Geld kaufen kann, entbehrt des freundlichen Sonnenscheines, den ein liebenswürdiges, weibliches Wesen um sich verbreitet. Sie würden es erhellen und ver­schönern. Ueberlegen Sie sich also, was ich Ihnen vorgeschlagen habe. Ihre Zustimmung würde mich glücklich machen, und mit Ungeduld sehe ich Ihrer Antwort entgegen. Bis dahin grüßt Sie herzlichst Ihr Onkel

Santander, den 18. 5.....

Bernard Hiller."