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M 98.

Fulda, Montag den 30. April 1906.

33. Jahrgang.

führutrg geschaffenen Monumentalbauten legt davon Zeugnis ab. Anregend und oft aus eigenster Entschließung eingreifend, hat erausdie Entwickelung des Verkehrswesens in den Groß­städten einen entscheidenden Einfluß geübt und mit weitem Blick für eine gesunde Entwickelung des Städtebaues und der Wohnungsfragen Sorge getragen.

Untrennbar wird der Name des Verstorbenen mit der Entwickelung der preußischen Wasser­wirtschaft bleiben. Ist es doch hauptsächlich seiner Mitwirkung zu verdanken, daß die großen wasserwirtschaftlichen Vorlagen glücklich zum Ab­schluß gebracht sind. Roch in den letzten Tagen war es dem Dahingeschiedenen vergönnt, die In­angriffnahme der großen Bauten durch Einsetzung der Kanalbaubehörden einzuleiten. In die übrigen Zweige der Wasserbauverwaltung griff der Minister ebenfalls fördernd und bestimmend ein, auch hierbei, wie im Eisenbahnwesen, die Jntereffen der übrigen Bundesstaaten mit den BedLffniffen Preußens verbindend. So kam er bereitwillig dm Wünschen der Handelsstädte nach Ausbildung ihrer Schlfffahrtsanlagen entgegen, gleichzeitig die Entwickelung der preußischen See- Häsen erfolgreich förbernb. Auch der jüngst ab­geschlossene Staatsvertrag über die Fortführung der Mainkanalisierung ist em Beweis für seine unparteiische Berücksichtigung allgemeiner Ver- kehrsdedürfnisse.

Seine Majestät Kaiser und König hat den treuen Dimer durch wiederholte Auszeichnungen geehrt, insbesondere durch Verleihung des erb­licken Adels und nach der Verabschiedung der Kanalvorlage durch Verleihung des hohen Ordens vom Schwarzen Adler. Solange es seine Kräfte erlaubten, bat der verewigte Minister mit einer Tatkraft und Hingebung ohne gleichm — unge­achtet der schwerm Leiden, die seine Krankheit ihm verursachen — die Leitung der Geschäfte seines umfangreichen Refforts wie ihre Vertretung im Parlament wahrgmommen. In der Voll« kraft der Jahre ist er von dem Felde seiner Arbeit abgerufen. Sein Andenken wird im Vaterlande für immer in hohen Ehrm bleiben.

Der Kaiser hat an die Wckwe des verstor­benen Ministers von Budde ein Beileidstele­gramm gerichtet, welches in den wärmsten Worten die Verdienste des Verstorbenen hervorhebt. Wie man sich in Beamtmkreisen erzählt, hat sich Minister von Budde bereits am 15. d. Mts. von feinen Beamten durch einen Runderlaß ver- abschiedet, in dem er ihnen für ihre treue Mit­arbeit dankte. Der Erlaß tru. die Unterschrift: Der sterbende Minister Budde; er wurde damals begreiflicherweise angehallen und beute nach dem Tode des Ministers in Umlauf gefetzt.

Deutsches Reich.

Berlin, den 27. April 1906.

Das Befinden des Reichskanzlers Fürsten Bülow beffert sich von Tag zu Tag. Der Reichskanzler verbringt, wie von durchaus glaubwürdiger Seste versichert wird, bereits täglich mehrere Slunbeu in feinem Arbeitszimmer, wo er liest und arbeitet: auch hält er sich täglich längere Zeit auf der Terrasse seines Palais ober im Park desselben auf. Die Ausstreuungen, es habe sich bei der Erkrankung des Reichskanzlers nicht blos um einen Ohnmachtsansall, sondern

um einen ernsten Schlaganfall mit Lähmungs­erscheinungen gehandelt, sind durchaus gegen­standslos. Auch der .Germania' wird von best- unterrichteter Seite versichert, daß eine Lähmungs­erscheinung nicht einmal in einer Fingerspitze hervorgetreten sei, und daß Fürst Bülow tat­sächlich bereits als wiedergenesen betrachtet werden köntte. Dispositionen über ehre Er­holungsreise des Reichskanzlers sind noch nicht getroffen. Vorläufig gedenkt Fürst Bülow noch in Berlin zu bleiben.

* Stand und Aussichten der Reichsfinanzen. In der Steuerkommiffion des Reichstags gab Staatssekretär Freiherr von Stengel gestern folgende Uebersicht über die Reichsfinanzen: Der Ueberschuß im eigenen Haushalt des Reiches aus 1905 betrage Minus 62 Millionen Mark. Die Ausgaben stellen sich um 12 V» Mill. Mk. höher, darunter 61/* Millionen Mark für die Ergänzung der Reichsschuld. An Einnahmen sind durch Zölle 86V, Millionen Mark mehr, bei Zucker- steuer 17 Millionen Mark weniger, bei der Post- und Telegraphenverwaltung 8 Millionen Mark weniger eingegangen. Aus 1904 sind an ge­stundeten Matrikularbeiträgen 16’/<, Millionen Mark rückständig, davon kommen 6 Millionen an Mehrertrag von Ueberweisungssteuern in Ab­zug. Aus 1905 sind an Malrikularbeiträgen, einschließlich der nachträglich gestundeten, 55 Millionen rückständig. Das voraussichtliche finanzielle Ergebnis der Beschlüffe der Kom- miffion bezifferte der Staatssekretär wie folgt: a) Aus der Brausteuer 29 Millionen, hiervon noch für das 2. bis 4. Quartal 1906: 5 Mill, b) Aus der Zigarren steuer 14 Millionen hier­von noch für das 2. dis 4. Quartal 1906: 4 Millionen, c) Aus Stempel- und Fracht- urkunden 14 Millionen, für 1906: 11 Millionen, d) Für Personenfahrkarlen für 1906 kann der Srttag noch nicht eingestellt werken, e) Auto­mobilsteuer 3 Millionen, für 1906 : 2 Millionen, f) Tantiemensteuer 10 Millionen, für 1906 : 7 Millionen, g) Erbschaftssteuer bei Vs Zuweisung an die Einzelstaaten im Beharrungszustande, für die Reichskaffe 48 Millionen, für die Einzel­staaten 24 Millionen, für 1906: 9 Millionen, h) An Erhöhung der Postagegebühren im Orts­verkehr usw. 12 Millionen, für 1906 : 9 Mil­lionen, i) Bei Branntweinsteuer ist einstweilen nur eine Aenderung der Maischbotlichfteuer vor­gesehen und kann im Betrage noch nickt ange­geben werden. Im ganzen ergeben die Beschlüffe der Kommission: 1. Für den Beharrungszustand 120 Millionen. 2. Für das 2. und 3. Quartal 1906 46 Millionen.

[] Neber Stellenlosigkeit und Stellenver­mittlung im Handelsgewerbe bringt das .Reichs- arbeitsblatt' für das erste Vierteljahr die Nach- weisungen, 'bie eine geringe Besserung der Ver­hältnisse gegenüber dem ersten Vierteljahr 1905 aufweisen. Während 1905 bei 46 berichtenden Vereinen 27 421 männlich^ und 5541 weibliche Bewerber vorgemertt waren, sind für 1906 bei 42 berichtenden Vereinen 25 826 männliche und 5161 weibliche Bewerber gemeldet. Bei den Ver­einen waren demgegenüber an offenen Stellen ge­meldet 1905 für männliche Bewerber 16 609, dagegen 19o6 19 561; für weibliche Bewerber 1905 4232, 1906 4641. Die Zahlen zeigen gleichzeitig, daß in immer höherem Maße die Stellenvermittlung durch die Handlungsgehilfen- vereine ausgesührt wird. Beim Verein der deut­

schen Kaufleute, Berlin, beträgt die Steigerung in der Zahl der besetzten Stellen mehr als 100 % gegenüber dem Jahre 1904. Insgesamt wurden 30 •/« aller angemeldeten Stellen durch die Ver­eine besetzt. — Nachweisung über gezahlte Stellen- lofen-Unterstützung geben diesmal 4 Handlungs- gehilsenvereine. Insgesamt wurden von diesen Vereinen im ersten Vierteljahr an Stellenlosen- Unterstützung gezahlt 9808,90. Hiervon zahlte der Verein der Deutschen Kaufleute in Berlin allein 8385,90 Mk.

* Die schon erwähnte Verfügung des IustizministerS betr. die Entlastung der Richter vom Schreibwerk ist jetzt veröffentlicht worden. Es wird cmgeordnei, daß der Gerichts­schreiber bet den dem Richter obliegenden schrift­lichen Arbeiten nach Maßgabe bestimmter Vor- schriften Hilfe zu leisten hat. Es werden 23 richterliche Geschäfte aufgeführt, bei denen der Gerichtsschreiber ohne besondere Anordnung dem Richter bte Entwürfe mit den veranlassenden Vorgängen vorzulegen hat, und 24 weitere, die vom Gerichtsschreiber nach Anordnung des Rich- ters auszuführen sind. Beide Kategorien erstrecken sich auf das Gebiet des Zivilprozesses, des Straf­prozesses, des Konkurses, der Zwangsversteige- run$ und Zwangsverwaltung, sowie der frei- willigen Gerichtsbarkeit; zu ersteren kommen außerdem noch Registerangelegenheiten und zur letzteren Grundbuch- und Standesamtsachen hinzir. Dem Oberlandesgerichtspräsidenten bleibt die Ausdelmung dieser Verfügung auf ähnliche Ge­schäfte oder ihre Einschränkung bei einzelnen Landgerichten Vorbehalten. Luch steht dem Richter frei, von der Heranziehung des Gerichtsschreibers Abstand zu nehmen. Die Kanzlei kann heran« ziehen zu fünf besonders bezeichneten, im wesent­lichen mechanischen Arbeitsgebieten. — Erscheint infolge der Betätigung des Gerichtsschreibers in. richterlichen Hilfsdiensten dessen Entlastung von anderen Geschäften wünschenswert, so soll der Vorstand des Gerichts Schreibarbeiten der Kanzlei übertragen unter Fest'etzung der Zeitdauer, inner­halb bereit täglich die Beschäftigung der Kanzlei für jede Abteilung der Gerichtsschreiberei erfolgen darf. Für diese Mehrarbeit werden den Kanzlei- arbeilern besondere Gebühren bewilligt. Durch die Heranziehung des Gerichtsschreibers oder der Kanzlei wird an der Verantwortlichkeit des Rich­ters und des Gerichtsschreibers nichts geändert. Zu unterbleiben hat die Inanspruchnahme von Hilfspersonal, wenn dadurch in der Geschäftser­ledigung eine Verzögerung entstehen könnte.

** Die sozialdemokratische Maifeier sck-ein- nach den jetzt vorliegenden Meldungen verschie­dene Gewerbe stark tu Mitleidenschaft ziehen zu wollen. Sowohl im Baugewerbe, wie in der Holzindustrie, in der Schuh Warenfabrikation und in der Tabakiuduftrie dürste eine umfangreiche Arbeitseinstellung eintrelen. In der Metall­industrie rechnet man mit einem Feiern von einem Drittel aller Arbeiter. In anderen Industrien allerdings, z. B. bei dm Bäckern, den Gärtnern und ben Kellnern wird von einer Maifeier im eigentlichen Sinn des Wortes wohl kaum ge- sprochen werden können. Die christlichen Arbeiter haben in ben Werkstattversammlungen mehrfach folgende Resolution vorgeschlagen: „die christ­lichen Gewerkschaften können in der Feier des 1. Mai keine Maßregel erblicken, welche dem Arbeiterstande Nutzm bringt. Außerdem sind die christlichen Gewerkschaftm der Ueberzeugung,

Krfles Hftatt.

Dein verstorbenen Staatsmlnlfter von vud-e

widmet die gesamte Berliner Presse außerordmt- lich warme Nachrufe. Der ,ReichS- und Staats- anteigeri schreibt in einer ausführlichen Wurbt- qung bei Lebensganges und der Verdienste beS Verstorbenen folgendes: »Dem Heimgegangenen ist es nicht deichieben geraden, eine so lange Reihe von Jahren an der Spitze deS Ministeriums der öffentlichen Arbeiten zu stehen wie seinem unmittelbaren Vorgänger im Amte. Gleichwohl ist sein Wirkm an dieser hervorragenden Stelle ausgezeichnet durch große Erfolge auf allen Ge- bieien seiner ausgedehnten Verwaltung.

Tiaaisnrintster von Budde t

Mit der ganzen Hingabe seiner kraftvollen Persönlichkeit ging er an fein schweres Amt. Aus seinen srüherm militärischen Stellungen mit dem Eisenbahnbetrieb wohl vertraut, erfaßte er sogleich nach seinem Amtsantritt mit besonderer Siebe die Aufgaben, die sich ihm hier boten. Mit offenem Blick für die Bedürfnisse des Verkehrs und für dar wirtschaftliche Beben im Laude arbeitete er rastlos an der weiteren Ausgestaltung der Ver­kehrs- und Betriebseinrichtungen und an der Er­weiterung des Eisenbahnnetzes. Zahlreich fbn bte Verbesserungen, die das Land ihm verdankt. Zugleich unermüdlich besorgt für die Förderung der Wohlfahrt der Beamten nnb Arbeiter feiner großen Verwaltung, verlangte er auch von ihnen „Treue um Treue". Es war ihm eine Freude, ihnen persönlich nahe zu treten auf dem Felde der Arbeft, wie bei geselligem Ausruhen. Von der großen Siebe und Verehrung, die er, wie im ganzen Lande, so besonders in ihren Kreisen ge­noß, legen zahlreiche Zeichen innigster Teilnahme und herzlichsten Berirouens noch aus den letzten Wochen seiner Krankheit Zeugnis ab.

Auch außerhalb der engeren Grenzen seiner Verwaltung wird von den deutschen Eisenbahn- verwaitungen, deren Zusammenwirken zum Nutzen des Gesamtverkehrs im Reich er eifria zu fördern bestrebt war, fein Heimgang schmerzlich betrauert werden. Als Ehrs der Bauverwaltungen hat Minister v. Budde dem Gebiete des Hochbaues tatkräftige und erfolgreiche Fürsorge zugewandt. Die stattliche Anzahl der unter feiner Amts-

Alts 6(5 Tt>6(5 Amen.

Novelle von Marg. Schlichter.

.8] (Nachdruck verboten.)

„Wenn Joseph kommt, so will ich ihn bitten, klein Elsbeth zu malen", sagte Hermine eines Tages, und bann stellte sie sich einigermaßen ver­legen, daß sie den Namen in Elisabeths Gegen­wart genannt hatte. Ach, und Elisabeth hätte doch so gern ab und zu etwas über Joseph gehört; denn obgleich sie sich bemühte, ihn zu vergessen, so konnte sie doch die Liebe zu ihm in ihrem Herzen nicht ertöten. Dieselbe war noch gerade so groß, Me damals, als sie ihre Hand in die feinige ge­siegt und sich ihm für alle Zeiten an gelobt hatte. Aber Hermine vermied es, von ihrem Schwager zu reden, und als sie ihn jetzt erwähnte, mußte Elisa­beth gewaltsam die Frage unterdrücken, ob und wann er kommen wolle. Sie fühlte instinktiv, daß Hermine einet Wiederannäherung mit Joseph feinen Vorschub leisten würde, obgleich sie nicht im entferntesten ahnte, welche Gründe Hermine für Ihr Verhalten haben könnte. Elisabeth hatte wohl ,in den Zeitungen gelesen, daß Joseph sich bereits ,einen Namen in der Künstlerwelt erworben hatte, wo er sich aber zur Zeit aufhielt, wußte sie nicht. Hermine hatte indessen ihr intrigantes Spiel jöetter getrieben. Die gelegentlichen Aeußernngen In den Briefen an ihren Schwager verfehlten ihre Wirkung nicht. Da hieß es z. B.: „Elisabeth geht es gut; auch hat sie recht guten, geschäftlichen Er­folg, besonders die jungen Herren scheinen gerne iei ihr zu kaufen; ja, sie scheint ihre alte An- jziehungZkrast auf die Herrenwelt immer noch nicht verloren zu haben. Nur schade, daß sie darüber das echt Weibliche, das sie so anzichend machte, eingebüßt hat." Bor kurzem aber hatte sie ihm Geschrieben, Elisabeth werde sich demnächst mit einem Assessor Haller verloben. Er verkehre schon feit längerer Zeit sehr vertraulich in ihrer Woh­

nung und man erwarte täglich die Veröffent­lichung ihrer Verlobung. Diese Mitteilung ent­behrte nicht ganz der Wahrheit. Assessor Haller war ein Freund Ottos, und als solcher verkehrte er öfter bei den Geschwistern. Elisabeths vortreff­liche Eigensckasten, die Otto nicht müde wurde, in allen Tonarten zu besingen und ihre Schönheit, die durch den Hauch von Melancholie, der darüber ausgebreitet lag, doppelt reizvoll erschien, gewan­nen ihr im Fluge das Herz des jungen Assessors. Wer nicht so bald hatte sie dies bemerkt, als der Verkehr mit ihm ihr höchst peinlich wurde. So­viel sie konnte, hielt sie sich fortan fern, wenn er ihren Bruder besuchte.

Otto begriff dies nicht recht, er sähe es gern, wenn die beiden ein Paar würden, und Elisabeth konnte ihm den Grund ihrer Zurückhaltung nicht auseinanderfetzen. Ebensowenig vermochte sie ihrem Bruder eine Bitte abzuschstagen, und wenn dieser bat: „Soll ich Haller nicht bitten, den heu­tigen Abend bei uns zuzubringen, Du weißt, er liebt die gemütliche Häuslichkeit so sehr", so machte sie wohl Einsendungen, willigte aber meistens ein. Fräulein Werner, welche in der oberen Etage des Hauses wob nie, erschien dann auch jedesmal auf Elisabeths Bitte und damit waren die Dekors ge­wahrt. Hermine wußte dieses alles recht gut; aber es lag in ihrer Politik, die Sache anders hmzu- stellen, und die Mitteilung von Elisabeths voraus­sichtlichen Verlobung toirfte auf Joseph geradezu niederschmetternd. Sie traf ihn in Düsseldorf, wo er nach langen Reisen seinen Wohnsitz aufgeschla- gen hatte. Er hatte erreicht, was er erhofft und er­strebt hatte, ehrenvolle Aufträge wurden ihm zuteil und sicherten ihm einen glänzenden, pekuniären Erfolg. Aber er freute sich dessen nicht, fein Leben war so ganz anders, als er es sich früher geträumt hatte, und in seinen vielen einsamen Stunden stand Elisabeths Bild vor seiner Seele. Er machte sich ständig Vorwürfe, daß et ihren edlen Charak- ter verkannt und ihr durch seine grundlosen Be­fürchtungen unrecht getan habe. Des Nachts im Traume blickten ihre großen, klaren Augen ibn

vorwurfsvoll an, und dann nahm er sich vor, zu ihr zu eilen, ihre Verzeihung zu erflehen und aufs neue um ifjsre Liebe zu werben. Aber bann kam wieder ein Brief von Hermine und er gab fein Vorhaben auf; der letzte derselben brachte ihm vol­lends Gewißheit, daß et Elisabeth verloren habe.

An einem klaren Dezember morgen, einige Tage vor Weihnachten, stand er am Fenster eines der hohen Säle des Düssekdotfer Kunsthauses und blickte auf die von regem Verkehr belebte Straße. Er stand so, daß er einem an bet gegenüberliegen­den Wand ausgestellten Gemälde ben Rücken kehrte. Dasselbe war em aus seiner Hand hervorgegan- genes Meisterwerk. Bis vor kurzem war es in Paris im Louvre ausgestellt gewesen _unb hatte dort ungeheures Aufsehen erregt Tagtäglich wur­den ihm brillante Anerbietungen gemacht, sich des Bildes zu entäußern. Er aber schlug dieselben aus. Selbst als ein Danderbilt ihm einen Preis dafür bot, bet gerabezu erstaunlich war, konnte er sich nicht entschließen, sich von dem Bilbe zu tren­nen. Es war wohl weniger bie dem Gemälde zu­grunde gelegte Idee, welche diesem Börsenkonige aus dem Laube der Aankes dasselbe so begehrens­wert machte, als die packende Wirkung seiner Ge­stalten. „Adams Gesicht" war das Gemälde be­titelt und stellte eine Szene aus Miltons berühm­ter Dichtung „Das verlorene Paradies" bar, eine der Szenen, in welcher der Enge! Michael von bet Höhe eines Berges aus dem Abarn die traurigen Folgen feines Sündenfalles vor Augen führt. Der Engel beutet mit ber Hanb auf das Innere eines SiÄhenhauses. Auf ärmlichen Lagerstätten sieht man die mit verschiedenen Krankheiten behafteten elenden Gestalten. Ihre von Schmerz und Ver­zweiflung entstellten Züge reden eine beredte Sprache. Viele heben bittenb bie Arme empor und richten flehende Blicke auf die knöcherne Gestalt deS Todes, der, das gezückte Schivert in der Hand, über ihren Häuptern schwebt. Mit höhnischem Grinsen weidet der unheimliche Gast sich an ihrer Qual und ist nicht gewillt, derselben schon sobald ein Ende zu machen. Nur eine AuSuahme findet

sich auf dem Bilde. Eine Mutter umschlingt mit beiden Armen ihr sterbenskrankes Kind, als ob sie es mit ber ganzen Geivalt ihrer Liebe vor dem drohenden Gespenst des Todes schützen wolle, llrt- sägliche Traurigkeit, Reue und Scham malen sich auf den Zügen Adams, wie er ben Worten des Engels lauscht. Dieser aber sucht ihn aufzurichten, denn indem er dem gefallenen Vater des Menschen­geschlechtes die Vision erklärt, gießt er milde Worte des Trostes in seine Seele. Man gewinnt den Eindruck, als ob ber Künstler bei ber letzten Figur besonders bie ganze Kraft seines Könnens aufge­wandt habe, so strahlend und licht, so überirdisch und hoheitsvoll ist die Gestalt des Himmelsboten. Noch vor seiner Abreise aus Paris hatte sich ein Liebhaber des Gemäldes bei ihm anmelden lassen, dessen Visitenkarte ben Namen „Albert Hiller, Deutscher Konsul in Santander" trug. Aber auch er erhielt den Bescheid, daß das Bild nicht zu ver­äußern sei. Der Konsul mußte aber wohl gewaltig erpicht darauf sein, denn er ließ nicht nach nut Bitten, bis Joseph chm endlich das Versprechen gab, es keinem andern zu verkaufen, wenn er je­mals andern Sinnes werden sollte. Als er spater die Visitenkarte am Boden liegen sah, hob er sie mechanisch auf und steckte sie zu sich.

Als er jetzt so in Gedanken verloren am Fenster stand, teilweife durch eine dunkle Gardine verbor­gen, näherten sich zwei Herren dem Bilde, und wider Willen wurde er Zeuge ihrer Unterredung. Der eine war ein aus M. gebürtiger Gymnasial­lehrer, ber andere ein Assessor, ber am Gericht in M. angestellt war unb zur Zeit bei seiner in Düs­seldorf wohnenden Schwester zu Besuch weilte.

„Dieses Bild ist em Wagstück in unserer mate­riellen Zeit", sagte ber Gymnasiallehrer, „aber bet kolossale Zudrang in den ersten Tagen der Aus­stellung beweist, daß es selbst in unfern Tagen raxb Menschen gibt, denen ber Sinn für etwas wahrhaft Ideales twch nicht abhanden gekom­men ist."

DsctsetzUi! gefolgt,