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Zernsprecher Nr. 9.
M 97.
Fulda, Samstag den 28. April 1906.
33. Jahrgang.
Zweites Ml'att.
[] Der neue Bischof von Merheim.
Wie wir unfern Lesern schon vorgestern auf Grund einer telegraphischen Meldung aus Hildes- Heim mitteilen konnten, hat die seit vier Monaten durch den Tod des Bischoss Wilhelm verwaiste Diözese am Donnerstag einen neuen Oberhirten erhalten, indem das Domkapitel den bisherigen Kapitularvikar, den hochw. Herrn Domkapitular Dr. theoL et jur. can, Adolf Bertram zum Bischof gewählt hat.
Johannes Adolf Bertram erblickte das Licht der Welt zu Hildesheim am 14. März 1859 als Sohn des Kaufmanns Johannes Franz Bertram und dessen Ehefrau Karoline geb. Müller. Das Sakrament der hl. Taufe empfing er am 29. März desselben Jahres in der St. Magdaleuenkirche, in deren Pfarrgemeinde sein Vater ansässig war. Rasch schwanden dem kleinen Volksschüler die Kin- dersahre, bis die Eltern den talentvollen und strebsamen Knaben den bewährten Lehrkräften des hiesigen Bischöflichen Gymnasiums Josephinum anvertrauten. Als Schüler dieser Anstalt empfing er am Pfingstmontag des Jahres 1872 im hohen Tome aus der Hand seines Vorgängers die heilige Firmung, nachdem er kurz zuvor zum erstenmale zum Tisch des Herrn gegangen war.
Wie es bei seinem Talent und Lerneifer nicht anders zu erwarten war, stieg er von Jahr zu Jahr mit Auszeichnungen. Am 27. Juli 1877 verließ der 18-jährige Abiturient mit einem Zeugnis das Josephinum, wie es so glänzend seit jenem Tage noch keinem Abiturienten wieder eingehän- digt worden ist. Ein Bewunderer bernwardini- scher Helligkeit, ein Betrachter der Frömmigkeit eines hl. Godehard, ein Schüler gottesfürchtiger und berufsfreudiger Lehrer, war es schon lange sein Herzenswunsch, diesen nachzueisern, und so hatte der Entschluß, sich für immer dem Dienste Gottes und seiner Kirche zu weihen, im jugendlichen Herzen feste Wurzel gefaßt.
So zog er, das Herz voller Ideale, den Kopf voller Wissen, zur Musenstadt am Main, nach Würzburg, der Perle des Bayernlandes, um dort den vorbereitenden Studien obzuliegen. Vier Semester lang besuchte er die Julian-Maximllian- Universität, wo er, ein eifriger Sohn der alma mater, wißbegierig und aufmerksam zu den Füßen eines Hetlinger und Hergenrother saß, Männer, die nicht nur als Professoren innerhalb und außer- halb der deutschen Gaue berühmt waren, sondern auch später, als der heilige Vater ihre Schultern mit dem Purpur des Kardinalstes schmückte, leuchtende Zierden der Kirche gewesen sind. Auch die Namen feiner übrigen Lehrer, tote Kihn und Kirschkanip, hatten und haben noch einen guten Klang in der Gelehrtenwelt.
Von Würzburg wandte sich der junge Theologe zum Straitde der blauen Isar, blieb aber dort nur ein Semester, während dessen er ein eifriger Hörer namentlich des Professors Wirthmüller war. Es trieb ihn zurück nach Würzburg, wo er, abgesehen von dem inzwischen zum Kardinal ernannten Professor Hergenröther, wieder bei den ersten Theologen der Würzburger Hochschule, Hettinger und Kihn, ferner bei dem auf dem Gebiete der Moraltheologie als Autorität gellenden Professor Gö» pfert und bei Nirschl und Scholz Vorlesungen hörte.
In Würzburg war es auch, wo er dem geselligen und auf der anderen Seite arbeitsamen Leben eines echten deutschen Studenten feine schöne Seite abzulauschen verstand: Als Mitglied des wissenschaftlich-katholischen Studentenvereins Unitas wird sein Name noch heute mit Achtung genannt. Gehört er doch zu jenen Alten Herren des Unitas- Verbandes, die wie Se. Emineitz der Hochwürdigste
M -es To-es teil.
Novelle von Marg. Schlichter.
7] (Nachdruck verboten.)
Bis jetzt find nur gleichgiltige Redensarten gewechselt worden; obgleich sie alle brennen, daß das interessante Thema zur Sprache komme. Aber Fräulein Lehmann strickt mit einem Eifer, der seinesgleichen sucht, an einem groben Kinder- strumpse, nebenbei dem duftenden Getränke und dem feinen Kuchen ihre volle Aufmerksamkeit zu- wendend.
„Wie fleißig Sie wieder sind!" sagte die etwas boshafte Luise Holle. „Ich möchte wohl alle die Kleidungsstücke aufgestapelt sehen, die Sie seit Ihrer Mitgliedschaft zum Vaterländischen Frauenvereine angefertigt haben. Wie lange ist es eigentlich her? Ich glaube. Sie können bald Ihr fünfundzwanzigjähriges Jubiläum als Vereinsdame feiern."
„Fräuleirt Lehmann wurde rot vor Aerger. „Ich halte diese Art von Beschäftigung jedenfalls für nützlicher, als Romane zu lesen, oder auf der Straße herumzuflanieren und nach jungen Herren auszuschauen l"
„Hörst Du es wohl, Luise; ich wollte nur, wir hätten mehr solch' eifrige Mitglieder wie Fräulein Lehmann, die Du Dir zum Beispiele nehmen solltest", sagte die Gerichtsdirektorin.
„Später, Mama, erst die Jugend genießen!" „Darin haben Sie recht, Fräulein Luise. Das Glück und die Freuden der Jugend sind oft mit einem Schlage dahin."
„Denken Sie nur an Ihre Freundin Elisabeth Hellwich, das arme Mädchen!" Bei diesem Namen spitzten sie alle die Ohren; jetzt sing's an, interessant zu werden.
„Nun ja, sie hat ihren Vater verloren; aber deshalb braucht sie doch nicht auf alle Freuden
Kardinal-Erzbischof Dr. Antonius Fischer von Köln, der Hochwürdigste Herr Fürstbischof Dr. Jeglic von Laibach und der Hochwürdigste Herr Dr. Schäfer, Apostolischer Vikar des Königreichs Sachsen, hochgeschätzt von jedem Unitarier sind. Es braucht nicht besonders hervorgehoben zu werden, daß er auch hier alle Prüfungen mit Auszeichnung bestand. Als Zögling des Würzburger Priesterseminars, des Fuldaneums, empfing er seinem innigsten Herzenswunsch gemäß aus den Händen des dortigen Bischofs die heiligen Weihen, am 27. Februar 1881 die Tonsur und die vier niederen Weihen, das Subdiakonat am 24. April, das Diakonat am folgenden Tage und am letzten Tage des Monats Juli im gleichen Jahre die heilige Priesterweihe. Unter Teilnahme der ganzen Gemeinde feierte der junge Priester in der St. Magdalenenkirche zu Hildesheim seine Primiz; fein Herzeitswunsch war erreicht, aber nicht rasten und rosten vermochte sein lebhafter Geist, deshalb machte er sich alsbald daran, sich auf die Erlangung der theologischen Doktorwürde vorzubereiten.
Im Herbst des Jahres 1881 verließ der junge Priester die Vaterstadt und begab sich nach Innsbruck zu den Jesuiten, wo er bis zum nächsten Frühjahr blieb, und von da nach Rom. Als Kaplan an der deutschen Nationalstiftung Santa Maria dell' Anima wollte er die Fakultät von S. Apollinare besuchen, hörte jedoch, gemäß den Weisungen seiner bischöflichen Behörde und auf Anraten des Dr. Hergenröther, eines Bruders des Kardinals, Vorlesungen über kirchliches Recht in der juristischen Fakultät des Collegium Germani- cmn im Anschluß an die fünf Bücher der Del re- talen des Papstes Gregor IX. „An den Studien des Kirchenrechts finde ich bei näherer Beschäftigung viele Freude", schrieb er in jenen Tagen einem Hlldesheimer Domherrn. Seine Mußezeft verwandte er auf die Vollendung seiner Inauguraldissertation und zum Studium der zahllosen Kunstdenkmäler, die vom Schimmer der Vergangenheit umwobeir, auf den stets lernbegierigen, wissensdurstigen Geist stets neue Anziehungskraft ausübten.
Inzwischen hatte er feine Dissertation unter dem Titel „Theodore^ episcopi Cyrensis doc- trina christologica“, „des Bischofs Theodore! von Cyra Lehre über Christus", bei der theologischen Fukultät der Universität Würzburg eingereicht. Von den Professoren geprüft, fand sie das Prädikat summa cum laude, mit höchster Auszeichnung. Doch nicht nut des jungen Gelehrten Erstlingswerk fand bei den Professoren der Würzburger Hochschule Beifall und Anerkennung, auch in der Heimat fand es gerechte Würdigung in einer ausgezeichneten Kritik des Herrn Seminarprofessors Wiederholl und in lobenden Worten seines bischöflichen Vorgängers. Zeichnete die Arbeit sich doch aus durch eine große Beherrschung des umfang- reichen Stosses wie durch eine besondere Gewandtheit im Gebrauche der lateinischen Sprache. Unb diese beiden Eigenschaften, verbunden mit großer Belesenheit, namentlich auf dem Gebiete des kirchlichen Rechtes, wie auch mit Scharfblick und klarer Erkenntnis der Sachlage befähigten ihn, auch als Doktor des Kirchenrechtes zu promovieren: Wie vorher in Würzburg, so bestand er auch jetzt in der ewigen Stadt glänzend die Prüfungen.
Mit dem Lorbeer der doppelten Doktorwürde in die Heimat zurückgekehrt im Juli 1884, bekleidete er 5 Jahre lang die Stellung eines Hilfsarbeiters am Bischöflichen Generalvikariate, zu besten Astestor er am 2. Dezember 1889 ernannt wurde. Der 9. September 1893 brachte ihm die Ernennung zum D o m v i k a r, der 9. Dezember des folgenden Jahres diejenige zum Domkapitular, zu welcher Würde am 11. September 1896 noch die eines Generalvikariatsrates hinzu- fam. Nebenbei hatte er seit dem 1. Juli 1886 die Beverin'sche (Dom-) Bibliothek verwaltet. Und gerade diese günstige Gelegenheit ließ er nicht vor
der Jugend zu verzichten. Oder ist es wahr, was das Gerücht sagt; ist sie plötzlich arm geworden? Das täte mir schrecklich leid."
„Darüber wird unsere liebenswürdige Wirtin Ihnen am besten Auskunft geben können und auch, ob das andere Gerücht wahr ist, daß sie zu einem Ertoerbszweige greifen will, der mit der Stellung eines fein gebildeten jungen Mädchens ganz unvereinbar ist."
Die anderen Damen waren mittlerweile ganz still geworden, und jetzt blickten alle gespannt auf Hermine, die ja Elisabeth Hellwichs intimste Freundin war.
„Ja, leider muß ich das Gerücht bestätigen. Elisabeth ist durch den Zusammenbruch des Bankhauses Wolf u. Sanders um ihr Vermögen gekommen und daher auf Broterwerb angewiesen. Sie will sich deshalb dem kaufmännischen Berufe widmen und wird demnächst Fräulein Werners Geschäft übernehmen. Ich habe ihr entschieden davon abgeraten; sie war aber meinen wohlgemeinten Vorstellungen nicht zugänglich."
„Das glaube ich gern, Fräulein Hellwich hat einen zu selbständigen Charakter, um sich durch die Meinung anderer beeinflussen zu lassen", sagte Fräulein Lehmann. „Aber das Mädchen tut mir leib", fuhr sie fort, indem sie mit frommem Bedauern die Augen auflchlug. „Bei ihrer Jugend und ihrem Hange zur Koketterie begibt sie sich auf einen geradezu unmöglichen Boden. Es ist wirklich zu schwierig, in einer so exponierten Stellung, wo sie mit den verschiedensten Leuten zu verkehren gezwungen ist, jedem gegenüber ihre Stellung als gebildete und wohlerzogene Dame zu wahren. Aber vielleicht hofft sie, daß sie auch in ihrer Tätigkeit als Verkäuferin sich nach Lust und Belieben den Hof machen lassen kann."
_„Jch habe nie eine Spur von Koketterie bei Fräulein Hellwich bemerkt", mischte sich jetzt die Gerichtsdirektorin ein. „Daß ein so schönes und geistreiches junges Mädchen immer einen Schwarm
übergehen, ohne sich eine eingehende Kenntnis Hildesheims und Hildesheimer Geschichte, der der Stadt, des Stiftes und des Bistums anzueignen. Gerade die Dombibliothek war für ihn eine Quelle unermüdlichen Forschens, der Dom mit seinen Bauten und Denkmälern ein Antrieb zu Studium und wissenschaftlicher Arbeit, Hildesheims Kirchen und Klöster, Häuser und Burgen, Sitten und Gebräuche, Friedensarbeit und Waffenlärm der Anstoß zu kleinen Schriften, so über die Domgruft, den Radleuchter, über Bernwards Türen und Säule, Anstoß vor allem zu den Monumentalwerken seiner „Bischöfe von Hildesheim" und der „Geschichte des Bistums Hildesheim", von der leider bisher nur der erste Band erschienen ist. Ein begeiferter Freund und Bewunderer Hildesheimer Kunst, ein Kenner des Domes, seiner Geschichte und seiner Schätze und Denkmäler, war er jederzeit bereit, jedem Wißbegierigen, jedem Forscher mitzuteilen aus dem reichen Schatze seiner Kenntnisse, jeden hinzuführen zu den Zeichen vergangener Kunst, zu den beredten Zeugen ereignisreicher Vergangenheit.
So war Domkapitular Dr. Bertram wie kein anderer berufen, an der Seite feines ehrwürdigen 80-jährigen Bischofs dem Kaiserpaare bei dessen Besuche in Hildesheim am 31. Oktober 1900 durch den ehrwürdigen Tom den Führer zu niachen. Und Se. Majestät, selbst Bewunderer und Gönner jeder edlen Kunst, belohnte den kundigen und doch bescheidenen Führer durch Verleihung des Roten Adlerordens vierter Klasse.
Seit Jahren hatte der neu Erwählte seinem alternden Bischöfe treu mit Rat und Tat zur Seite gestanden, lange war er Vertreter des kränkelnden Generalvikars, Domdechant Prälat Hugo gewesen, als dieser am 25. Juli 1905 nach treuer Arbeit im Dienste der Diözese sanft entschlief. Und da war 1 es Dr. Bertram, auf den die Wahl seines Bischofs zum Generalvikar fiel. Wenige Monate aber nur sollte es unfern hochseligen Bischöfe vergönnt fein, mit dem jugendfrischen, tatenkräftigen Generalvikar das Steuer des Bistums zu führen: Am 18. Dezember 1905 endigte ein sanfter Tod sein 34-jähriges Episkopat. Damit ging die Verwaltung des Bistums über an das hochwürdige Domkapitel, das nun seinerseits in Anerkennung der Tatkraft und des klar und rasch jede Sachlage überschauenden Geistes des an Lebensjahren jüngsten Domkapitulars den Dr. Bertram zum Kapitularvikar wählte. Dieses Amt hat er nun im Geiste feines edlen Vorgängers verwaltet, bis heute dessen'Hirtenstab in seine Hand übergegangen ist.
Auf den Bischöflichen Thron erhoben durch das Vertrauen des Tomkapitels, gestützt auf die Siebe und Anhänglichkeit seines Klerus, toub es dem neuen Oberhirten auch gelingen, sich die Liebe der Hildesheimer Katholiken zu erwerben. Ließ er in kindlicher Verehrung und Dankbarkeit gegen seinen entschlafenen väterlichen Freund und bischöflichen Gönner auf dessen Grabstein die bedeutungsvollen und wahren Worte setzen: „Dioe- coesis Missionumque Beneficus Pater, S. Bem- wardi Dignus Successor et Cultor, Omnisque Boni Promoter, des Bistums und der Missionen Wohltaten spendender Vater, St. Bernwards würdiger Nachfolger und Verehrer und Förderer alles Guten", so dürfen wir gewiß sein, daß er dieses edle Wort auch an sich bewahrheiten wird. Der Geist St. Bernwards und St. Godehards werden weiterleben auch unter dem neuen Oberhirten. Und geboren in der Diaspora-Diözese wird es ihm auch als Bischof gelingen, getreu den Traditionen seiner edlen Vorgänger auf dem Bischöflichen Stuhle durch wahre Toleranz und allumfaffende christliche Liebe sich auch die Achtung und Anerkennung feiner andersgläubigen Mitbürger zu erringen und zu erhalten!
Ad multos annost
von Verehrern hatte, ist doch ganz natürlich. Sie hat aber keinem derselben besonderes Entgegenkommen gezeigt. Nur schien sie für einen ihrer Verehrer größeres Interesse zu empfinden." Und die Dame blickte zu Hermine hinüber, was diese zu der Anspielung sagen würde.
„Ich kann Ihnen versichern,, verehrte Frau Gerichtsdirektor", sagte Hermine im Tone tiefster Ueberzengung, „daß der Herr, den Sie meinen, sollte er sie wirklich jemals verehrt haben, jetzt jeden Gedanken an sie aufgegeben hat."
„Um so besser für ihn", warf Fräulein Lehmann ein.
„Jndesien muß ich zu Elisabeths Ehre sagen, daß sie den Schritt nur tut, um ihrem Bruder die Mittel znm Studium verschaffen zu können."
„Ah", ließen sich jetzt verschiedene Damen vernehmen.
„Das sieht der herzensguten Elisabeth ganz ähnlich", sagte Luise Holle, „von heute an ist sie mir noch liebenswerter, als bisher."
„Nun ja", meinte Frau Regierungsrat von Mender, „die Absicht ist ganz löblich; aber ich bedauere doch, daß sie sich zu solchem Broterwerbe erniedrigt; gesellschaftlich macht sie sich unmöglich dadurch. Bisher hatte Frau Sanitätsrat Lange geschwiegen, aber die nervöse Unruhe, mit der sie auf ihrem Stuhle hin und her rückte, bewies zur Genüge, welchen Anteil sie an der Sache nahm; jetzt aber legte sie los:
„Wie, Sie nennen ehrliche Arbeit einen erniedrigenden Erwerb? Arbeit ist niemals erniedrigend; in diesem Falle wird sie sogar geadelt und geheiligt durch den edlen Zweck, welchem sie dient. Mein Mann und ich sind voller Bewunderung für das hochherzige junge Mädchen, das zu solchem Opfer fähig ist. Sollte aber jemand sich aus diesem Grunde von ihr zurückziehen wollen, so sage ich nur, daß sie den Verlust von Freundinnen, die solche Ansichten hegen, leicht verschmerzen wird."
Unpolitische Zeitlaufe.
d Berlin, 26. April 1906.
(Nachdruck verboten.)
Protzig hat der nordamerikanische Präsident Roosevelt die europäischen Liebesgaben für die Opfer von San Francisco abgelehnt. Er meinte, Amerika könne sich schon selbst helfen. Die Zurückweisung ist unangenehm empfunden worden. Auch in Amerika hat sich lebhafter Widerspruch erhoben: man sagt dort, die alte Welt habe bei ähnlichen Heimsuchungen auch Liebesgaben aus der neuen Welt entgegengenommen; es sei also unartig, ihr jetzt die Gegenseitigkeit zu verbieten. Dabei hat man auch das richtige Gefühl, daß die zahllosen Opfer von San Francisco, die ihre Möbel und ihr Geschäft, vielfach auch ihr ganzes Geld verloren haben, sehr gut noch etwas mehr gebrauchen können, als was ihre eigenen Landsleute für sie zusammenbringen. Vielleicht wird Roosevelt die Sperre der Liebesgaben noch wieder aufbeben müssen. Aber ein doppelter Schaden bleibt doch: erstens bekommen die Notleidenden weniger, als wenn man sofort mit höflicher Dankbarkeit das Gebotene angenommen hätte, und zweitens hat die Welt erkannt, daß die Emporkömmlinge jenseits des großen Teiches aufgeblasen und taktlos find.
Geben ist seliger, als Nehmen, sagt unser Sprichwort. Gewiß, denn der Mensch, der gibt, kommt sich recht groß und herrlich vor, während das danksagende Verbeugen manchem steifen Rücken schwer fällt. Aber die menschliche Gesell- fdjaft beruht aus dem Austausch von Wohltaten, auf der Gegenseitigkeit in der Liebestätigkeit. Auch der reichste und vornek . iste Mann hat nicht allezeit den herablassenden Geber zu spielen; er braucht auch vielfache Hilfe von seinen Mitmenschen. „Ich kann alles bezahlen", sagt der Protz. Nein, es gibt Dinge, die sich nicht mit Gold erkaufen oder aufwiegen lassen. Wie schlecht würde der reiche Mann fahren, wenn die Angestellten in seinem Hause oder seinem Geschäft lauter geist- unb gewissenlose Automaten wären, die nur soviel mechanische Arbeit leisteten, als wie den hinein- gesteckten Geldstücken entspricht? Tie Treue, die Umsicht, die Ehrlichkeit, die wachsame Anhänglichkeit lassen sich nicht nach Mark und Pfennig buchen. Auf den Schulen ist uns Alten viel geschenkt worden und wird unseren Kindern viel geschenkt: das bischen Schulgeld oder auch das kleine Gehatt für einen Hauslehrer kann garnicht in das Gewicht fallen gegenüber der großen Wohltat der Bildung und Kultur, für die auch der reichste und vornehmste Mann der Gesamtheit der Mitmenschen zu Dank verpflichtet ist. Aus den Einrichtungen des Staates und der Gemeinde fließen noch sonst viele Wohltaten. Und was schenkt nicht die Kirche, die Seelsorge den Menschen? Die Staats- oder Kirchensteuer bildet dagegen eine verschwindende Kleinigkeit. In Krankheit?- und Sterbefällen, bei schweren Heimsuchum braucht jedermann Hilfe, Rat, Trost. Ja, auch in den gewöhnlichen Zeitläufen hängt das Behagen der „großen" Leute von dem guten Willen ihrer Umgebung ab; denn ohne gemütliche Geselligkeit würden die Herrschaften auf ihren Geldbeuteln ober in ihren oben Palästen versauern und verknöchern.
Es gibt keinen Staubgeborenen, der nicht die Hand für bas Almosen ber Nächstenliebe aufmachen und das Tanksagen lernen muß. , Und sollte er im Leben ein Protz geblieben sein, so wird er nach seinem Tobe seine Erziehung vol- lenben müssen und bann mit Job seufzen lernen: Erbarmt euch meiner, wenigstens ihr meine Freunbe, und helft mir mit eurem Gebet!
Tie rechte Liebe versteht sich, wie St. Paulus so schön ausgeführt hat, auf alle Künste. Sowohl auf die Kunst des Gebens, als auch des Nehmens.
Eine so lange Rede hatte die in Gesellschaft etwas schüchterne Sanitätsrätin lange nicht gehalten. Die Regierungsrätin konnte vor Staunen ob der erteilten Lektion kaum zu Worte kommen.
„Nun ja", sagte sie schließlich, „man kann Frau- lein Hellwich ja auch geschäftlich unterstützen, wenn die Sache sich so verhält; obgleich cs immer unangenehm ist, bei Bekannten zu kaufen, man muß da so viele Rücksichten nehmen."
„Wir werden aber sicher nirgends anders mehr kaufen, nicht wahr, Mutting", fagte Luise Holle.
Diese nickte ihr freundlich zu.
„Womit handelt Fräulein Werner auch noch?" sagte Karoline von Mender, als ob sie sich auf eine Tatsache, die ihr recht gut bekannt war, besinnen müsse.
„Sie handelt mit Verstand, Klugheit und Liebenswürdigkeit, Artikel, in denen Elisabeth ihre würdige Nachfolgerin wird, und manch eine bei ihnen einhandeln könnte."
Der Hieb tat seine Wirkung. Auf den Gesichtern der meisten Anwesenden malte sich untier- holene Schadenfreude, denn Karoline von Menders Hochmut und Dummheit waren sprichwörtlich in der Gesellschaft. Damit war auch die Diskussion über den Gegenstand geschlossen. Auf dem Heimwege ging Luise an ber Seite der Sanitätsrätin.
„Wie habe ich mich gefreut, gnäbige Frau", sagte sie zu dieser, „daß Sie so für Elisabeth ins Zeug gingen. Wäre ich nicht die jüngste im Kreise gewesen, so hätte ich wahrhaftig einen Toast auf Sie ausgebracht. Diese hochnäsigen von Meiiders, die mehr Schulden haben als Haare auf dem Kopf! Ich will wetten, daß sie auch bei Fräulein Werner tief in ber Kreibe stehen."
„Nun, liebes Fräulein, Sie haben ihnen noch besser heimgeleuchtet als ich; mein Mann wird seinen hellen Spaß daran haben, wenn ick es ihm erzähle."
(Fortsetzung folgt.)