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Jahrgang

Fulda, Donnerstag den 26. April 1906.

M 9 5.

Krstes Wlatt

Sotationrdruck ». Verlag der.ruldaer Ac« ticnbniderei in Hulda. Zerniprecher Ur. 9.

Wenn jetzt auf Grund der mehrerwähnten Ein- aabe des Posener Vereins die liberale Preffe es so darzuftellen beliebt, als habe sich der Wunsch des Erzbischofs darauf beschränkt, daß der Ver­band in feinem Namen die Worte „Wahrung berechtigter Jntereffen der Katholiken deutscher Zunge" fallen laste, so ist das eine Irrefüh­rung der öffentlichen Meinung.

Diese Namens- und Satzungsänderung war belanglos, so lange die Tendenz des Verbandes nicht geändert wurde. Daß aber der Verband mit dem Warnen nicht auch seine Richtung ge­ändert hat, wird in dem Schreiben des Erz­bischofs vom 42. März ausdrücklich betont. Was die Eingabe des Posener Vereins zur Wider- legung dieser Anschauungen ansührt, ist nicht stichhaltig, und die Eingabe selbst gibt zu, daß „alte Fehler des Verbandes" vorhanden sind. Gerade diese Tatsache gab die Veranlassung zu dem Schritte des Erzbischofs. Nicht der Posener Verein als solcher ist es, gegen den sich der Erz- bischof richtet, sondern der Anschluß des Vereines an den Verband, dessen Tendenz und Vergangen- heil dir Beteiligung katholischer Geistlicher aus- schließt. Wie wenig unter bieten Umständen die liberale Kritik an dem „Ukas" des Erzbischofs berechtigt ist, leuchtet wohl jedem unbefangen Urteilenden ein.

Unfeinen: Die ein fpaltige petiheile oder deren Raum 15 Psg- Reklamen die petttzeUe 25 Pfg.; bei wieder Holungen wird entspr Rabatt gewährt.

fl»et*tt8gHfr, mit „nähme der Sonn« löxeiedage. viertel- Hri. vezugrpreir ine vringeriohn und ehellgeld in Hulda und tswärts r RN. 50 Pfg.

Verantwortlicher

Hriftleiter:> Baum;

1RÄ-TSU. roodienbciiage: „Illustrierte Sonntagrzeitmig

ter Verein deutscher Katholiken in den Ostmarken.

In der gesamten liberalen Preffe wird großes lufheben gemacht von einem Schreiben des Erz- Üschofs von Posen und Gnesen Dr. v. Stablewski, «z es ablehnt, eine Maßnahme rückgängig zu »achen, durch welche eine Anzahl katholischer geistlicher veranlaßt wurde, aus dem „geselligen Zerein deutscher Katholiken in Posen" auszutreten. Ilan spricht von einem „brutalen Ukas" des Herrn Lrzbischofs und zeigt sich „entrüstet" über die lrt und Weise, wie „treue und ergebene Katho­den" hier von hochstehender geistlicher Stelle 'khandett werden.

Diese Angriffe gegen den Hochmütigsten Erz- Zschos von Posen und Gnesen können Wtemanben 'berraschen, bet bie offene und versteckte Hetze «nnt, die von liberaler Seite seit langem gegen liefen katholischen Kirchenfürsten betrieben wird, fluch der neueste Angriff ist ein Muster von Hinterhältigkeit. Die liberale Preffe bringt wohl He Eingabe, die der oben genannte Posener Ver­tu an den Erzbischof gerichtet hat, und die Ant- eort des Erzbischofs darauf zum Abdruck, sie filet sich aber, das Schreiben deS Erzbischofs mederzugeben, welches die Grundlage für die zanze Angelegenheit bildet. Dieses Schreiben — 'S ist vom 12. März d. I. datiert und an die 7 geistlichen gerichtet, die dem Posener Verein an« »horten — legt erst den Zusammenhang der <)inge klar. Es nimmt bezug auf die Stellung- jabme des Verbandes der Vereine deutscher •alboliten in den Ostmarken zu den kirchlichen «Hörden, die als eine „unkatholische" bezeichnet wird wegen des Eingriffes des Verbandes in ärchliche Angelegenheüen und der Anmaßung iner Vertretung von kirchlichen Jntereffen.

Der Herr Erzbischof v. Stablewski hatte be- .eits unter dem 23. September v. I. von dieser feiner Auffassung dem Verein Kenntnis gegeben. $n seinem Schreiben vom 12. März konstatiert »er Erzbischof nun, daß die Verbandsleitung '«übern sich nicht habe entschließen können, das Verhältnis der Vereine deutscher Katholiken zur geistlichen Behörde klar festzulegen, und daß die Zwecke des Verbandes durch die Praxis, sowohl »er Verbandsleitung, wie einzelner Vereine in der Ausspielung kirchlicher Jntereffen eine die geistliche Behörde verletzende Auslegung gefunden haben. Auf Grund dieser Feststellungen hat der Erzbischof dm oben erwähnten 7 Geist­lichen keinen Zweifel darüber gelassen, welche Konsequenzen der Anschluß des Posener Vereins an den Verband für sie nach sich ziehen müffe. Die betr. Geistlichen haben dann auch sofort dieser Weisung des Erzbischofs durch ihren Aus- *ritt aus dem Verein Folge gegeben, nachdem der letztere den Anschluß an den Verband vollzogen hatte.

Dem Posener Verein war diese Stellung­nahme des Erzbischofs, wie in der Eingabe des Vereins selbst zugegeben wird, nicht unbekannt geblieben, da einer der betreffenden Geistlichen Mitteilung machte von dem Urteile, das der Erz­bischof über dm Verband gefällt hatte. Eine Aenderung dieses Urteils war nur in Aussicht gestellt unter der Voraussetzung, daß der Ver­band den Intentionen des Erzbischofs Folge gebe.

unterziehen wollen, um die in Berlin gemachten Erfahrungen praktisch in der Heimat zu verwerten.

** Zum Zusammenhalt der Polen. Wie tatkräftig die Polen ihren studierenden Lands- euten unter die Arme greifen, geht aus dem letzten Jahresbericht des Manoikowskivereins hervor. Der Verein besitzt ein großenteils aus Legaten und Schenkungen herrührendes Vermögen von fast IV* Mill. Mark. Davon wurden auf Universitäten, Akademien, polytechnischen und an­deren beruflichen Fachschulen ausgebildet 249 Personen, und 294 Schüler erhielten Stipendien zum Besuche von Gymnasien, Realschulen und Seminarim; zusammen wurden hierfür 82,000 Mark verausgabt.

\ Zweijährige Etatsperioden im Reichstage sind in der Presse aus Anlaß der Frage einer Entlastung des Reichskanzlers in Anregung ge­bracht worden. Der Vorschlag einer mehr­jährigen Etatsperiode ist nichts Neues. Seine bisherige Besprechung hat in parlamentarischen Kreisen wenig Gegenliebe gesunden und wir glauben auch jetzt nicht, daß sich im Reichstage eine Mehrheit für eine Verlängerung der Etats­periode finden würde, da einer solchen erhebliche Bedenken entgegenfieben. Wir sehen auch in sachlicher Beziehung nicht ein, wie durch eine zweijährige Etatsperiode der Reichslanzler ent­laßet würde. Der Etat selbst wird durch das Reichsschatzamt zufammengestellt und was der Reichskanzler bei Gelegenheit der Etatsberatung im Reichstag zu hören bekommt, würde ihm auch bei einer zweijährigen Etatsperiode nicht erspart bleiben, denn man würde dasjenige, was man jetzt bei der Etatsberatung hervorbringt, künftig in Form einer Interpellation zur Sprache bringen.

* Die sozialdemokratische Tienstbotenorgani- sation, welche von der sozialdemokratischen Presse mit großem Tamtam angekündigt worden war, ist nunmehr am Dienstag in Berlin gegründet worden. Das Programm der neuen Organisation enthält folgende Punkte: 1. Beseitigung der Ge- sindeordnung und aller Ausnahmegesetze, insbe­sondere des Gesetzes vom 24. April 1854. 2. Ar­beiterschutz für Dienstboten durch Reichsgesetz. 3. Vollständiges Koalitionsrecht. 4. Gleichstellung der Dienstboten mit den gewerblichen Arbeitern in Bezug auf den Dienstvertrag, die Unfall- und Krankenversicherung. 5. Dienstbotengerichte nach Art der Gewerbegerichte. Eine Resolution, welche diese Forderungen enthält, wurde von der Ver­sammlung, in welcher der Abgeordnete Stadt­hagen als Heros der Köchinnen auftrat, angenom­men. Uebrigens eine köstliche Schilderung aus dem Verlause der Versammlung gibt ein Bericht­erstatter der „Deutschen Tageszeitung". Danach regte eine ^Küchenfee an, man solle nach dem Mu­ster der Zeugnisbücher, die bisher den Dienstboten von den Herrschaften ausgestellt werden, in Zu­kunst für die „Gnädigen" Zeugnisbücher beschaf- fen, worin ihnen die abgehenden Dienstboten Führungsatteste auszustellen hätten Aber dann ...." meinte die Rednerin unter begeistertem Ver­fall der Versammlung! Ein anderes Dienstmäd- chen brachte den Wunsch vor, aus den Dienstbü- djern recht bald einen recht großen Scheiterhaufen zu errichten und darauf die preußische Gefinde- ordnung zu verbrennen. Eine eifrige Leserin der Witzblätter bedauerte, daß die schnippischen Ant­worten, die in den „Münchner Fliegenden" unter der Rubrik „Unsere Dienstboten" figurieren, nicht auch in Wirklichkeit öfter den „Gnädigen" ent­gegengeflötet werden. Den köstlichsten Witz in der interessanten Versammlung aber leistete sich Herr Arthur Stadthagen selbst. Er versicherte, der sein. Wie, ich sollte dulden, daß mein süßes Lieb für ihr tägliches Brot arbeitet, wo ich zwei gesunde Hände habe, die für sie schaffen und wrrken können I"

„Aber Joseph, Du würdest ja auch Derne ergene Zukunft in Frage stellen. Hast Du mir nicht selbst oft gesagt, wie nötig Deine Studienreise fei, um das Höchste, Vollkommenste in der Kunst zu er- reichen?" . , ,

„Und nun wolltest Du, der Du bte Bahn be­treten hast, die Dich zur Höhe des Künstlertums führen soll, auf halbem Wege stehen bletben? Wolltest zur Zahl derjenigen gehören, welche ohne idealen Zielen nachzustreben rastlos nur arbeiten, um Deiner Arbeit das fürs Leben Nötigste abzu- ringen? Glaube nur, die Sorge um die Deinen würde sich bald lähmend aus Deinen Genius legen, und Du würdest es bereuen, ihn durch lästige Fes­seln an nüchterne Anforderungen gebunden zu haben. Nein, Joseph, Du sollst ein großer Künstler werden, dessen Namen man mit Bewunderung nennt. Du sollst allem greifbare Gestalt geben kön­nen, was Deine Seele Hohes und Schönes zu um­fassen vermag. Aus dieser Basis wird auch der ma­terielle Erfolg Dir sicher sein und alsdann — ja dann, stolz auf die Größe meines Mannes, soll es mein Bestreben fein, ihm fein Heim licht und freundlich zu gestalten, ein Heim, in dem feine schönheitsliebende Seele sich geborgen fühlt, tote der Vogel im sonnigen Blaue der Lüfte, in der schattigen Kühle des dämmernden Waldes."

„Das Bewußtsein, für diejenigen zu arbeiten, die wir lieben, ist auch ein Sporn, Großes und Schönes zu schaffen. Mir scheint,^ daß Du em sehr geringes Vertrauen in mein Können fetztest.

„Aber Joseph! —" . ' .

„Nun, so willige etn, tn bret Monaten die Meinige zu werden; Ottos Wünsche sollen ver­wirklicht werden, ohne daß Du Dich deshalb zu opfern brauchtst."

„Nein, Joseph, die Bürde Ware zu groß für den Anfang Deiner Künstlerlaufbahn. Es wäre eigen-

verttsches Reich.

Berlin, den 25. April 1906.

*. Geht Lanza oder nicht? Während am Dienstag Berliner Blätter in Uebereinftimmung mit der italienischen Preffe von einem Rücktritt des italienischen Botschafters Lanza wissen wollten, wird heute die Meldung bereits dementiert. Nach der ,Nat. Ztg/ soll Gras Lanza keine Rücktritts- trittsgedanken hegen. Da bei derartigen Mel­dungen auch die Dementis häufig dementiert zu werden pflegen, wird man gut tun, vorläufig noch eine abwartende Stellung einzunehmen.

.-. Je länger die Diätenvorlage unter die kritische Lupe genommen wird, umsomehr findet man an ihr Fehler, die man als Schönheits­fehler gerade nicht mehr auffaffen kann. So wird jetzt in der Preffe darauf hingewiesen, daß die Vorlage völlig versage für den Fall einer Auflösung des Reichstages, und man kann nicht in Abrede stellen, daß diese Auffaffung eine zu- treffende ist. Denn würde beispielsweise der Reichstag im Mai aufgelöst werden, so würden die bisherigen Abgeordneten die letzte Rate der Entschädigungssumme bei der Auflösung aus­gezahlt erhalten und der neue Reichstag, der vielleicht schon kurze Zeit nachher zusammen- treten würde, würde erst vom 1. Januar des nächsten Jahres Diäten erhalten. Am Donners- tag steht die Diätenvorlage im Reichstage zur Beratung. Nach der Kritik, welche bis jetzt an der Vorlage geübt worden ist, darf es wohl als ausgeschlossen gelten, daß die Vorlage ohne Kommissionsberatung erledigt wird.

** Eine neue Studien-Kommission in Ber­lin. Nachdem erst eben Berlin die chinesische Studien-Kommission in feinen Mauern gesehen hat, wird jetzt für die nächstm Wochen wieder eine neue Studien-Kommission angekündigt. Dies- mal handelt es sich um einen Besuch von Ameri­kanern, welche die kommunalen Anlagen der deutschen Reichshauptstadt, namentlich diejenigen sozialpolitischen Charakters, einer Besichttgung

Ein herrliches Abendrot war dem kurzen Glanze der Nachmittagssonne gefolgt, als er den Heimweg antrat. Aber er hatte am Herzen der Natur gefunden, was er suchte, Ruhe und Klar­heit der Gedanken. Sein Entschluß stand fest; nicht Elisabeth sollte ein Opfer bringen, nein, er selbst wollte ihr der Zukunft schönste Pläne opfern. Mit klopfendem Herzen erwartete er sie am andern Tage in der Wohnung seines Bruders. Ein leich­ter Schritt wurde auf dem Flur hörbar, und gleich darauf trat sie ein. Wie lieblich sie aussah in ihrer Trauerkleidung, aber wie bleich und ver­kümmert! Die dunklen Schatten unter ihren Au­gen zeigten nut zu deutlich, tote sehr sie gelitten hatte unter dem furchtbaren Schlage, der sie ge­troffen. Und als sie jetzt ihres Bräutigams seelen­volles Auge voll Teilnahme auf sich gerichtet sah, wat es um ihre Fassung geschehen. Laut schluch­zend sank sie in seine Arme. Er preßte sie innig an sich, liebkoste sie wie eine Mutter ihr weinen­des Kind und suchte sie durch zärtliche Worte zu beruhigen. Allmählich wurde sie denn auch ruhi­ger. Trotz ihres großen Leidens durchströmte sie ein süßes Glücksgefühl bei dem Gedanken, daß sie, die so viel verloren hatte, sich doch noch reich nennen durste in der Liebe eines solchen Mannes. Wat das Opfer, das sie ihrem Bruder zu bringen enffchlossen war, nicht zu groß? Sie wollte die Zeit ihrer Vereinigung noch um Jahre hinaus­schieben ; und er trug sich mit dem Gedanken, die­selbe angesichts ihrer einsamen und schutzlosen Lage zu beschleunigen. Oder hatte sie nicht recht gehört; hatte er nicht gesagt, daß er sich» schon bald ein eigenes Heim gründen wolle, um sie als sein geliebtes Weib heimführen zu können?

Aengstlich blickte sie zu ihm auf:

„Weißt Du nicht — hat Hermine Dir nicht ge­fegt, daß wir arm geworden sind und daß —. Ach Joseph, der Entschluß ist mir so schwer ge­worden, aber es muß sein, Ottos wegen, seine ganze Zukunft hängt davon ab." —

„Die Sorge für Otto soll auch die meinige

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Monatsbeilage: ,,$UlbüCt (5cfd)id)t$blGttet“.

Gebrauch von Schimpfwörtern bezeichne nur den geistigen und moralischen Tiefstand dessen, der sie gebrauche, und wer Schimpfwörter in den Mund nehme, der setzt die Menschenwürde seiner selbst und anderer herab. Wo bleibt da Mehring? Wie wenig die Versammlung den Erwartungen der Sozialdemokratie entsprochen hat, erhellt daraus, paß von den 8500 Dienstboten Berlins kaum 35- Dienstmädchen der Versammlung beiwohnten.

.-. Die Nachtragsetats im Reichshaushalt cheinen diesmal kein Ende nehmen zu wollen. Während wir deren bis jetzt schon ein halbes Dutzend zu verzeichnen haben, wird neuerdings gemeldet, daß dem Reichslag in den nächsten Wochen ein Nachlragsetat für Südwestafrika zu- gehen werde, welcher als Entichädigung für die durch den Aufstand geschädigten Farmer 10 Millionen fordere.

Tie Zufammeustellung der Veschliiffe »ei der zweiten Lesung des Reichsetats ist nunmehr im Reichstage ausgegeben worden. Gestrichen sind insgeiamt 31021817 Mark.

Die Redaktionskommission für das Schulgesetz hat am Mittwoch im preußischen Abgeordnetenhause eine Sitzung abgehalten.

* Stimmungsbild ans dem Reichstage. Die Regierung hat für die Einbringung der Diälen- Vorlage den richtigen Zeitpunkt gewählt, denn während bereits am Montag im Plenum die Verhandlungen über die Steuervorlagen beginnen werden, ist die gegenwärtige Frequenz des Reichs­tages eine solche, daß man für die Verabschiedung der Steuervorlage ohne die Diäten Beiorgnis hegen müßte. Freilich sind die Gegenstände, welche am Mittwoch zur Beratung standen, gerade nicht geeignet gewesen, eine besondere Anziehungskraft auf die Abgeordneten auszuüben. Zunächst wur­den rechnerische Uebersichten beraten, bei denen allerdings das Kuriosum festgestellt wurde, daß 200 Beamte in Kamerun an Meisedern und Tinte, Gummi rc. für 22,000 Mark verbraucht haben. Müssen diese Herren viel geschrieben und radiert haben. Die Hauptzeit nahm die Beratung der Vorlage für die Haftpflicht der Tierhalter in An­spruch. Diese Frage beschäftigt den Reichstag schon seit mehreren Jahren und für denjenigen, der dieselben Reden aus Anlaß dieser Beratungen schon dutzendmal gehört hat, wirkte es wohttuend, daß man von einer Kommissions-Beratung abjah und die zweite Lesung direkt im Plenum statt­finden soll. So ist zu hoffen, daß diese Frage bald zur Ruhe kommt.

* Die netten Reichsbanknoten zu 50 Mar! und zu 20 Mark werden in nächster Zeit aus- gegeben. Das Direktorium veröffentlicht ein« genaue Beschreibung der neuen Noten. Di« 50 Mark-Noten sind 10 Zentimeter hoch und 15 Zentimeter breit. Sie bestehen aus Hanf­papier mit gelbbraunem Faserstreifen am linken Rande der Vorderseite und sind mit einem künst­lichen Wasserzeichen ausgestattet, welches am oberen Rande einen Kontrollbuchstaben und unterhalb der Mitte der drei Buchstaben R B D zeigt. Die Vorderseite ist in grüner Farbe ge­druckt, der Nummern- und Stempelaufdruck ist dunkelbraun. Der Text der Vorderseite wird von vier Rosetten umrahmt. In jeder der beiden oberen Rosetten befindet sich ein Brustbild der Germania. Die beiden unteren Rosetten, über denen in kräftigen Ziffern die Zahl 50 steht, sind durch je einen Stempel des Reichsbank­direktoriums ausgefüllt. Der Text der Vorder­seite lautet:

nützig von mir, wollte ich auf Dein großmütiges Anerbieten eingehen, ich würde dadurch Deine Zukunft und auch diejenige Ottos aufs Spiel setzen."

„Und ich kann nicht zugeben, daß meine schöne, sein gebildete Elisabeth sich zum Berufe einer Ge­werbetreibenden erniedrigt."

„Erniedrigung nennst Du die Arbeit ums täg­liche Brot? Ehrliche Arbeit, sie mag heißen, wie sie will, adelt, aber erniedrigt nicht."

„Du wirst wenigstens gesellschaftlich eine «sture heruntersteigen, und was noch mehr ist. Du tzibst Dich in der Eigenschaft als Verkäuferin der Oef- fentlichkett preis, bist den Zudringlichkeiten eines jeden preisgegeben, der vielleicht mehr der schönen Verkäuferin, als der feilgebotenen Waren wegen feine Einkäufe in Deinem Geschäfte macht. Vern, einer seltenen Blume gleich, die nur das Auge ihres Besitzers erfreut, soll Deine Schönheit rn der Verborgercheit blühen. Für mich allern soll sie ihren zarten Schmelz, ihren Glanz bewahren: rch will nicht, wenn ich in der Ferne weile, täglich zittern bei dem Gedanken, daß die lüsternen Blicke anderer . . . ."

„Genug, Joseph, Du beleidigst mich! Denkst Du so gering von mir, daß Du glaubst, ich sei nicht imstande, meine Würde gegen solche zu behaupten, die vergeßen, was sie einem Weibe, einem schutz­los dastehenden Mädchen schuldig sind? Ich habe alles erwogen und sehe keinen anderen Ausweg, für Otto zu sorgen."

„Ich habe Dir einen solchen vorgeschlagen; wenn Du mich wahrhaft liebst, so gibst Du Deine absurde Idee auf."

„Nein, Joseph, ich kann nicht anders; rch Werg, daß mein Vater mich segnet für das, was rch zu tun bereit bin. Wi? oft haben wir Ottos Zukunft in den Stunden unseres traulichen Beisammen­seins besprochen: wie sehr freute er sich, daß er sich für das Studium der Jurisprudenz entschlos. fen hatte, und wie große Hoffnungen setzte er auf die rriche Begabung meines Bruders! Auch

Novelle von Marg. Schlichter.

5] (Nachdruck verboten.) '

„Um so mehr Verständnis habe ich aber für das, was eine junge Dame, die demnächst unfern Namen tragen wird, dem Ansehen unserer Familie schuldig fft."

„Ich wüßte nicht, wie das unferm Ansehen scha­den könnte. Ich bin stolz darauf, eine solche Schwägerin zu bekommen."

Dies sprechend, erhob er sich mit einer an ihm ungewohnten Heftigkeit, nahm die auf dem Tisch liegende Zeitung zur Hand und verließ das Zim­mer. Krachend flog die Tür hinter ihm inS Schloß.

Joseph, dessen Erregung sich nur ab und zu durch ein konvulsivisches Zucken bekundete, blieb, den Kops auf die Hand gestützt, noch eine Weile sitzen.

„Nein, ich dulde es nicht!" sagte er jetzt aus seinem Brüten auffahrend.

„Wenn sie Dich liebt, wird es Dir ein leichtes fein, ihr die absurde Idee mit dem Geschäft aus­zureden", sagte Hermine, voll zärllicher Teilnahme auf ihren Schwager blickend.

Dieser war bei ihrer Anrede zusammengezuckt: er hatte sich allein im Zimmer gewähnt. Seine Schwägerin kaum eines Blickes würdigend, ver­ließ er dasselbe und gleich darauf das Haus. Er schlug den Weg zum nahen Stadtpark ein, der sich in der ganzen Pracht eines schönen Winter­tages vor ihm ausbreitete. Aber der schönheits­liebende Künstler hatte jetzt kein Auge für baS herrliche Bild der in den Strahlen der Sonne glitzernden und funkelnden Schneelandschaft, über der ein kristallklarer, tiefblauer Himmel sich wölbte. Lange wanderte er, tief in Gedanken versunken, durch die verschneiten Wege bah in.