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«otationrdrnS u. Verlag der.«nldaer Ar» tiendruckerei in Hulda, zernfprecher Nr. 9.

JV3 94.

Fulda, Mittwoch, den 25. April 1906.

33. Jahrganst.

Erstes Matt.

(?) Italien und Oesterreich-Ungarn.

Die italienischen verantwortlichen und unver- tantwortlichen Politiker der Neuzeit scheinen eine rbessndere Stärke darin zu entwickeln, ihre Politi' in internationalen Fragen in Miskredtt zu bringen. Statt daß sie alles daran setzen, den üblen Eindruck zu verwischen, den chre Haltung .gegenüber der Marokkoangelegenheit Hervorrufen 'wüßte, verschärfen sie noch die Fehler, die ^Seitens Italiens in Algeciras begangen wurden. Daß die Politik Italiens auf der Marokkokon- feren, Deutschland gegenüber nichts weniger als loyal gewesen ist, steht nun einmal fest, und alle Ausreden, welche von italienischer Seite zur Ent­schuldigung dieser Tatsache beigebracht werden, reichen nicht zur Rechtfertigung jener Politik aus, auch nicht die Berufungen darauf, daß Italien durch seine Abmachungen mit Frankreich gebunden gewesen sei. Abgesehen davon, daß diese Ab­machungen schon an und für sich einen etwas zweifelhaften Charakter trugen, können sie un­möglich als Grund dafür angeführt werden, daß Italien vollständig den internationalen Rechts­standpunkt zu negieren befliffen war, der für die deutsche Politik in Algeciras den Richtpuntt abgab.

Die Politik Italiens in der Marokkoange- Legenheit hat ein ebenso scharfes wie bede- tsames Gegenstück gefunden in der Haltung Oesterreich- UngarnS. Kein Wunder, daß in Deutschland nach der einen Seite hin Mißstimmung, nach der anderen Seite hin Besriedtgung und Genugtuung zum Ausdruck kam. Diese Befriedigung über die loyale Stellungnahme Oesterreich Ungarns ist in de» bekannten Telegramm des Kaisers Wil­helm an den österreichisch-ungarischen Minister des Auswärtigen Grafen Goluchowski in nicht mißzuverstehender Form in die Erscheinung ge- treten. Wir wisien nicht, welch böser Emfall die Italiener veranlassen konnte, auch dieses Telegramm in den Bereich ihrer politischen Ver­suche zu ziehen, und ihm eine Deutung beizu­legen, welche er als eine Demütigung Oesterreich- Ungarns hmstellt.

Gegen diesen Versuch hat die österreichisch­ungarische Regierung in einer Weise Stellung genommen, welche in Italien schwerlich Ver- anügen Hervorrufen wird. Das anerkannte ; Organ des Wiener Auswärtigen Amtes, das ^Wiener Fremden blatt', hat d e oben erwähnte Deutung des Telegramms Kaiser Wilhelms nicht nur zurückgewiesen, sondern gleichzeitig den Italienern eine kräftige Lektion über Loyalität ,unb Bündnistreue gehalten. Das »Fremdenblatt' erklärte, Oesterreichs Platz auf der Konferenz in Algeciras sei als Bundesgenosse Deutschlands an der Seite des letzteren gewesen. Wenn auch der Buchstabe des Bündnisvertrages für Oester­reich-Ungarn eine Verpflichtung zur Beistand­leistung in der Marckkoangelegenheit nicht in­volvierte, so sei doch die Seele jedes Bünd­nisses das Vertrauen, und das Vertrauen werde gewiß nicht genährt, wenn man den Grundsatz befolge, daß man sich jenseits des Bereiches, den die Paragraphen umgrenzen, nicht zu kennen und nicht die Hand zu reichen habe. Oesterreich-Ungarn habe im kritischen Augenblick der Konferenz das Amt des „ehrlichen Maklers"

übernommen und sich dadurch ein großes Ver­dienst um die Aufrechterhaltung des Frieden­erworben.

Das ist eine deutliche Sprache und sie würde zweifellos auch in Italien verstanden werden, auch ohne, daß das Organ der österreichisch- ungarischen Regierung noch eine Nutzanwendung derselben brigebracht hätte. Diese Nutzanwendung liegt in der Schlußbemerkung des.Fremdenblatt', das nur „Voreingenommenheit" oder „blinde Gegnerschaft" der Kundgebung des deutschen Kaisers eine Bedeutung beilegen könne, welche das Lob in eine Demütigung verwandeln würde. „Voreingenommenheit" und „blinde Gegnerschaft" sind starke Ausdrücke, aber sie sind gegenüber dem neuesten Versuche der Italiener, die Tat­sachen in ihr Gegenteil zu verkehren, durchaus angemeffen. Man darf darauf gespannt sein, wie nach diesen Präludien der italienische Minister deS Auswärtigen sich der Aufgabe entledigen wird, die Politik Italiens zu rechtfertigen und gleichzeitig Stellung zu nehmen zu den Rekrimi- nationen, welche von deutscher und österreichischer Seite gegen diese Politik erhoben worden sind. Hoffentlich hat die derbe Abfertigung, welche Italien jetzt von Oesterreich erfahren hat, wenigstens das Gute, daß sie die Italiener zur Erkenntnis darüber bringt, auf welchem Wege sie sich in der letzten Zeit befunden haben.

Deutsches Reich.

Berlin, den 24. April 1906.

.’. Der Minister des Innern hat, wie das »Berliner Tageblatt' aus guter Quelle hört, den Polizeipräsidenten angewiesen, ihm über die Aus­weisung russischer Staatsangehöriger aus Berlin Vortrag zu halten. Daß sich der Minister bei der stattgehabten Massenausweisung einen beson­deren Bericht einsordert, ist etwas natürliches.

* Der Eisenbahnminister Budde ist zum Ehrenmitglied des Centralvereins für Hebung der deutschen Kanal- und Flußschiffahrt ernannt worden. Wie wir bereits neulich mitteilten, ist der Zustand des Ministers nicht besorgnis­erregend, gleichwohl gefällt sich eine Reihe von Blättern darin, andauernd Nachrichten von einer bedenklichen Verschlimmerung im Befinden des Ministers in die Welt zu setzen. Um diesem Treiben ein Ende zu machen, wird amtl. fest- gestellt, daß jede Nachrichten diese Begründung entbehren.

/. Ueber das Befinden des Reichskanzlers hatte der.Hann. Kourier' sich melden lassen, daß Prof. v. Renvers sich geäußert habe, er hoffe, „am 3. Mai den Fürsten Bülow in der Paradeuniform des Bonner Husaren-Regiments dem Kaiser vorzustellen". Diese Meldung wird der ,Nationalzeitung' von unterrichteter Seite be­stätigt. Der 3. Mai ist der Geburtstag des Fürsten Bülow, und der Kaiser soll die Absicht haben, an diesem Tage seine Glückwünsche aus Anlaß des Geburtstages und der völligen Wiederherstellung des Reichskanzlers diesem arts- zusprechen.

/. Der Rücktritt des italienischen Bot­schafters am Berliner Hofe, Grafen Lanza, wird sowohl in der italienischen als auch in der deutschen Presse angekündigt. Als Grund wird das hohe Alter des Botschafters angegeben. Es liegt indessen nahe, seinen Rücktritt mit der Kon­ferenz von Algeciras und der durch sie hervor­

gerufenen Verstimmung zwischen Deutschland und Italien in Zusammenhang zu bringen. In der Frage, ob der Botschafter von seinem gegen- wärtigen Urlaub noch einmal nach Berlin zurück­kehrt, gehen die Bsätiermeldungen auseinander. Damit hängt es zusammen, daß nach der einen Lesatt sein Rücktritt unmittelbar bevor steht, während er nach einer anderen erst nach Mo­naten erfolgen soll.

* Zur Katastrophe in San Franzisko. Wie sehr durch das elementare Ereignis in Kali­fornien die Verbrndung mit der Außenwelt unter­brochen bezw. beschränkt war, läßt sich daraus ermessen, daß erst jetzt überdas Schicksal des deutschen Koniuls in San Franzisko eine Nachricht in Berlin eingetroffen ist. Nach einer Meldung der .Nordd. ÄUgem. Ztg.' ist der Konsul mit seiner Familie unversehrt ge­blieben. Große Genugtuung hervorzurufen ist die weitere Meldung der »Nordd. AUgem. Ztg.' geeignet, wonach der Botschafter in Washington den Auftrag erhalten hat, baldmöglichst zu melden, was sich über die Lage der Deut­schen in San Franzisko, die Zahl der etwaigen deutschen Opfer der Katastrophe und die Vorkehrungen für bedürftige Deutsche er­mitteln läßt. Wir fügen an dieser Stelle an, daß die in Berlin lebenden Amerikaner in einer Versammlung, welche am Montag in der ameri­kanischen Botschaft stattgefunden hat, beschlossen haben, einen besonderen Hilfsfonds für die durch die Katastrophe Geschädigten zu sammeln.

* Kanalbaudirektion. Die Entscheidung über die Errichtung von Kanalbaudirektionen ist nun­mehr gefallen. Als Sitz der Kanalbaudirektion für den Kanal vom Rhein bis zum Dortmund- Ämskanal sowie die in Betracht kommenden Seitenkanäle ist ^ssen laut einer amtlichen Mit­teilung im ,Reichsanzeiger' bestimmt worden Für die Strecke von Bevergern zur Weser mit den Zweigkanälen nach Osnabrück und Minden ist Hannover ausersehen und für den Beriin- Stettiner-Kanal Potsdam.

* Der polnische Kirchenboykott greift einet Berliner ,Lokal-Korrespondenz' zufolge auch auf die Berliner Vororte über. In Rixdorf und Charlottenburg haben polnische Versammlungen stattgefunden, in welchen Beschlüsse gefaßt wurden, die sich mit den bereits bekannten Be­schlüssen der Polen in Berlin im wesentlichen decken.

* Der Gesamtverband deutscher Metall­industrieller wird in der nächsten Zeit in Berlin eine Sitzung abhalten. Ohne Frage ist diese Konferenz in Zusammenhang zu bringen mit der Beunruhigung, der die Metallindustrie zurzeit an verschiedenen Plätzen Deutschlands durch Streiks ausgesetzt ist. Ob und welche gemeinsamen Ab- wehrmaßregeln seitens der Arbeitgeber getroffen werden, steht noch dahin.

** Einen Aufruf zur Maffendemonstratton am 1. Mai erläßt der »Vorwärts'. „Unter dem üblichen Aufgebot revolutionärer Phrasen fordert daS sozialdemokratische Zentralorgan das .Prole­tariat' zu einem „wuchtigen Protest gegen die kapitalistische Völkerverhetznng", gegen das „welt­politische Flibustiertum" und gegen die „schmäh­liche preußische Wahlentrechtung" auf. Die Kundgebung des 1. Mai solle sich gegen die Re­gierung richten", welche die proletarischen Wahl- reformvorlage beantworte, das den ätzendsten Hohn auf die Forderungen der Arbeiterklassen darstelle und gegen die bürgerlichen Parteien,

welche entw.der das Wahlrecht mit Hohn verweigerten, oder aber unter der verlogenen Vorspiegelung, für die Forderungen der Ar­beiter emzutre.en, an dem Proletarrate schnöden Verrat übten." Der 1. Mai soll nach dem .Vor­wärts' eine „Probe für das Klassenbewußtsein und die Kampfesenergie des deutschen Prole­tariats" sein. „Darum", heißt cs in der Auf­forderung des.Vorwärts', „sorgt für ein Massen­aufgebot, für eine imposante Feier!" Der,Vov wärts' unterläßt es aber trotz aller dieser blutiger Phrasen wohlweislich, konkrete Vorschläge für dai Massenaufgebot und die Kundgebung zu machen. Nicht einmal von einer Arbeitseinstellung am L Mai ist in dem Aufruf des sozialdemokratischer Blattes die Rede. Diese Unterlassung dürfte wohl mit der Frage zusammenhängen, wer die etwa aus der Maifeier entstehenden Kosten trogen soll. Um diese Kostenfrage drückt sich der.Vor­wärts' vollständig herum, und das ist bezeichnend für die ganze Art und Weise, wie dir Genossen „Revolution machen".

Der Seniorenkonvent des Reichstages hat sich dahin schlüssig gemacht, daß die Diäten­vorlage am Donnerstag ober Samstag zur Be­ratung kommen soll. Ter Freitag soll für die Kommissionen frei bleiben, für Montag ist der Beginn der Beratung der Steuervorlagen in Aussicht genommen. Womit diese Beratung den Anfang nehmen wird, steht noch nicht fest. Wahrscheinlich dürfte die Brausteuervorlage zuerst zur Debatte gestellt werden.

* Neue Kämpfe in Südwestafrika. Nach den Gefechten bei FeUklust und Oas am 8. und 10. April hatte, nach Aussage zweier ent­kommener deutscher Gesangener, eine starke Hottentottenban oe in der Nacht vom 1". zum 11. Apnl unwert Oas gelagert. Sie stand unter Befehl eines Führers namens Johannes Andreas Die Abteilungen des Hauptmanns Heuck und bei Majors Siebert verfolgten alsbald die in nord­westlicher Richtung führenden Spuren; sie stellten fest, daß das Gelände südlich Oas und westlich bis zur Linie Sttnkdoorn—Duurbrift vom Feinde frei sei. Wenige Tage darauf, am 14. April, wurde im Morgengrauen die Pfei bewache der 4. Kompagnie 2. F.-Regiments bei Nurudas in den Großen Karasbergen von einer etwa 50 Mann starken Bande überfallen. Hierbei fiel ein Unteroffizier, vier Reiter würben schwer, zwei Reiter würben leicht verwundet. Die sofort alarmierte Kompagnie und die schwache Besatzung von Nurudas nahmen die Verfolgung der Pfeibe- räuber auf, konnten ober nicht verhindern, daß ein Teil der Pferde abgetrieben wurde. Ob Morenga sich bei einer dieser Banden befindet, steht nicht fest. Der Kapitän der Bondels, Johannes Christian, der nach Meldung des Oberst Dame vom 5. April, mit Morenga zu­sammen auf britstchem Gebiet in Höhe von Arian saß, ist nunmehr mit 100 Orlogleuten nach den Orangebergen auf deutsches Gebiet zurückqekehrt. Daher ist Major Taeubler mit der 9. und 11. Kompagnie 2. F.-Regiments, 2 Gebirgsgeschützen und 2 Maschinengew-Hren aus der Gegend von Heirachabis nach Ubabis gerückt. Er soll mit- Major von Freyhold, bet mit der 10. und 12. Kompagnie 2. F.-Regiments, 2 Gebirgsgeschützen, 2 Maschinengewehren bei Hornsdrift steht, gegen Johannes Christian vorgehen. Oberstleutnant von Estorff befindet sich in Ukamas, Oberst Dame ist am 13. April wieder in Keetmanshoop ein­getroffen.

Alls des Todes Amen.

Novelle von Marz. Schlichter.

41 (Nachdruck verboten.)

»Ka, je mehr ich darüber nachdenke, um so vernünftiger und praktischer erscheint mir ihr Vorschlag. Sie meinte nämlich, ich solle ihr Ge­schäft übernehmen, bann wäre für Ottos Fort-» kommen gesorgt."

„Du, ein Geschäft?" — Hermine starrte sie mit weit aufgerissenen Augen an. „Weißt Du auch, was das für ein feingebildetes, junges Mäd- chen beißt, hinter dem Ladentische zu stehen und den Zudringlichkeiten und Berdemutigungen von Seiten des kaufenden Publikums ausgesetzt zu fein? Und das Du, meine schöne, bisher von allen verwöhnte Elisabeth!"

„Der Zudringlichkeiten werde ich mich zu er­wehren wissen und die sonstigen Unannehmlich­keiten werden ausgewogen durch das erhebende Bewußtsein, daß ich durch meiner Hände Arbeit bas Glück meines Bruders begründe. Es ist ja nur für einige Jahre, alsdann soll es meines Lebens Ausgabe sein, durch meine treue Hin- ecbunfl Joseph zu entschädigen für die verlängerte Wartezeit." Sie hatte mit Begeisterung ge­sprochen, ihre Augen leuchteten, und ihre Wangen Mluhten.

„Weich' ein Kleinod hat mein Schwager sich auserkoren", sagte Hermine; mit gut gespielter oruhrung auf ihre Freundin blickend. „Ja, ich werde Deine Sache bei Joseph befürworten und bin überzeugt, daß er Deinen Entschluß billigen avrrd, so schwer es ihm auch werden mag."

freut mich, liebe Hermine, daß auch Du Vernünftiger darüber denkst. Aber mir ist doch bange» Joseph möchte nicht damit einverstanden ■fein.“

L *.®° ich ihn schon umzustimmen wissen":

noch einen zärtlichen Kuß auf die Stirn gedrückt batte. Ja, dieser Kuß, er hätte Elisabeth wie ein Judaskuß auf der Stirne brennen müssen, aber in ihrer Unerfahrenheit, sowohl wie der Gradheit ihres eigenen Charakters hatte sie keine Ahnung davon, wie groß die Falschheit derjenigen war, der sie so volles Vertrauen schenkte. Leichten, elastischen Schrittes, hier und da anmutig grüßend, ging Hermine ihrer Behausung zu; so heiter und strahlend, wie sie zu Hause ankam, hatte ihr Mann sie lange nicht gesehen. Ja, sie hatte Grund, sich zu freuen, die Ereignisse kamen ihr zu Hilfe. Mit den durch die Eifersucht geschärften Augen hatte sie vom ersten Augenblicke an die wachsende Zu­neigung zwischen Joseph und Elisabeth bemerkt. Sie, das verwöhnte Kind des Reichtums, der bis­her die Erfüllung keines Wunsches versagt worden war, hatte häufig in Verzweiflung die Hände ge­rungen, daß das eine, nach dem sie verlangte, die Gegenliebe Josephs, ihr unerreichbar war. Joseph elbst hatte keine Ahnung von dieser Leidenschaft perminens für ihn. Diese aber wollte nicht, daß der Mann, den sie zu lieben nicht aufgehört hatte, einer anderen angehöre. Mochte er einsam durchs Leben gehen, hungernd nach Glück und Liebe, war ie nicht auch unglücklich an der Seite eines Man­nes, den sie nicht liebte? Jetzt mußte es ihr ein eichtes fein, die Liebenden zu trennen. Josephs Eifersucht sollte der Hebel fein, bei dem sie an- etzte; aber sie mußte vorsichtig zu Werke gehen.

Das Herz klopfte ihr, als sie seinen Schritt im Hausflure vernahm; gleich darauf trat er ins Speisezimmer. Joseph, der feine Wohnung bei der Witwe eines Beamten in der Vorstadt hatte, nahm das Mittagsmahl bei feinem Bruder ein. Obschon seine Schwägerin ihm nicht sehr sym- mthisch war, verkehrte er doch viel im Hause seines Bruders, sowohl wegen der innigen Zuneigung, welche die beiden einzigen Brüder verband, als auch deswegen, weil er den gemütlichen Kreis einer Familie dem Wirtshausleben vorzog.

./Mi hi» h"i Elisabeth gewesen", faste Her­

mine, „und dieses Mal hat sie nicht geruht, mich anzunehmen."

„Run, und wie fandest Du sie?" fragte der Schwager.

„Gott Dank, nicht in so verzweifelter Stim­mung, wie ich sie zu finden vermutet hatte. Leute von solch' kühler Gemütsart sind doch eigentlich zu beneiden, sie halten wacker Stand den Schicksals­schlägen gegenüber, unter denen ein anderer zu­sammenbricht."

„Elisabeth kühl?" sagte Joseph, und seine Lip­pen zitterten.

„Leute, die ihren Schmerz »nicht so offen zur Schau tragen, empfinden meistens viel tiefer, als solche, die ihren Gefühlen in überschwenglichen Ausdrücken Lust machen", sagte der Amtsrichter, die Stirne runzelnd. Hermine beachtete den Ein­wurf nickt, zu ihrem Schwager gewendet, fuhr sie fort:

„Sie hofft Dich morgen zu sehen."

„Morgen er ft? Hast Du ihr nicht gesagt, wie sehr ich danach verlange, ihr meine Teilnahme persönlich auszusprechen?''

„Natürlich habe ich das, aber ihrerseits scheint die Sehnsucht so groß nicht zu sein Ucbrigens hat sie ja auch den Kops so voll in diesen Tagen, daß man es ihr nicht Übelnehmen kann, wenn sie für die Ansprüche anderer nickt zu haben ist. Sie trägt sich mit Plänen, die, fürchte ich, durchaus nicht nach Deinem Geschrnacke sind. Dieselben hängen mit dem Verluste ihres Vermögens zu­sammen, von dem sie seit gestern Kenntnis er­halten hat. Hoffentlich hast Du, lieber Joseph, nicht erwartet, daß sie Dir eine reiche Mitgift zutragen werde; Du würdest sehr enttäuscht fein."

„Ich habe nie nach Elisabeths Vermögensver­hältnissen gefragt", sagte Joseph unwillig. „Ich liebe sie ihrer selbst wegen, und wäre sie plötzlich bettelarm geworden, so würde das Bewußtsein, ihr alles Verlorene ersetzen zu können, sie mir soviel begehrenswerter machen."

L—_ „SBie romantisch das flbmt: nur. schade» daß.

solch romantische Ideen der Wirklichkeit gegenüber ihren ganzen Zauber verlieren. Du glaubst nicht, Joseph, was das Leben heutzutage kostet."

„Ja, freilich/ wenn man solche Ansprüche macht, wie Du", warf ihr Mann dazwischen; „Elisabeth st aus anderem Holze; ich bedauere aber sehr, daß zu dem einen Schicksalsschlage ein zweiter sie betroffen hat. Hängt der Verlust ihres Vermögens vielleicht mit dem Zusammenbruche des Hauses Wolf und Sanders in Berlin zusammen?"

„Allerdings. In Ausdrücken, die nicht gerade ehr pietätvoll waren, machte sie ihrem Unmute Luft, daß ihr Vater so unvorsichtig gewesen war, einer solchen Firma ihr mütterliches Erbteil anzu­vertrauen. Gelehrte, meinte sie, seien doch furcht­bar unpraktisch in Geldgeschäften."

„Bitte, Hermine, bleibe genau bei der Wahr­heit", sagte ihr Schwager. „Was Du da sagst, -aßt wenig zu der kindlichen Liebe und Hoch­achtung, die Elisabeth immer für ihren Vater an den Tag gelegt hat. Aber was sind das für Pläne, von denen Du soeben sprachest?"

„Eigentlich sollte ich Dir nicht mehr erzählen", agte sie unwillig; „aber ich habe ihr versprochen, »atz ich Dich daraus vorbereiten wolle. Sie will nämlich, — nein, es klingt zu lächerlich, ha, ha, ha, hat Sie — will — Fräulein — Werners — Geschäft übernehmen."

„Das darf nicht fein", fuhr Joseph auf. „Das werde ich um keinen Preis zugeben."

„Dachte ich's mir doch. Aber bei ihren über­bannten Ideen von Pflicht und Geschwisterliebe wirst Du sie schwerlich davon abbringen könne». Sie will es nämlich nicht ihretwegen tun, sondern um ihrem Bruder die Mittel zum Studium zu verschaffen."

„Das sieht dem liebenswürdigen Mädchen ganz ähnlich", sagte der Amtsrichter, „und ich muß ei chmerzlich empfinden, daß Du, liebe Hermine ür solchen Opfermut kein Verständnis hast,"

titortiebiura lolstV* *