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Rotationsdruck u. Verlag der Fuldaer Ac» tiendruckerei in zulda. Fernsprecher Nr. 9.

J» 92,

Fulda, Montag, den 23. April 1906.

33. Jahrgang.

* Deutschland und Italien.

Die eigenartige Stellmrg, welche Italien au der Konferenz von Algeciras gegenüber den ledig­lich auf die Wahrung des internationalen Rechtes und der Interessen aller beteiligten Staaten ge­richteten Bestrebungen Deutschlands eingenommen hat, mußte naturgemäß in Deutschland nicht nur Mißsti in m u n g Hervorrufen, sondern auch die Besorgnis, ob Italien im gegebenen Ernst­fälle bereit und gewillt sei, seinen Verpflichtungen als Bundesgenofle Deutschlands nachzukommen. Bei den Erörterungen darüber ist in der deutschen Presse manches ernste Wort gesprochen worden. Man hätte er tv artendürfen, daß auf italie­nischer Seite wenigstens Anstrengungen gemach t würden, um den üblen Eindruck, den die Haltung Italiens auf der Marokkokonferenz hervorgerufen hat, einigermaßenzu verwischen. Statt dessen hat die Mehrzahl der italienischen Blätter auf die Vorhaltungen von deutscher Seite ntf: Auslassungen geantwortet, die nahezu den Charak­ter von Beschimpfungen trugen und zum- teil gegen die Person desdeutschenKaisers gerichtet waren.

Jetzt scheint man sich an offizieller italie­nischer Stelle entschlossen zu haben, diesem unleid­lichen Zustande entgegenzuarbeiten und wenigstens die italienische Regierung von dem Verdachte zu reinigen, daß sie es mit der Stellung Italiens im Dreibunde und namentlich zu Deutschland > ebenso wenig gewissenhaft meine, wie jene italieni­schen Blätter. Eine offiziöse Ankündigung der „Tribuna" geht dahin, der italienische Minister des Auswärtigen Guicciardini werde in seiner Antwort auf die Interpellation des Senators De Martino über die Richtschnur der Auswärtigen .Politik Italiens die Erklärung abgeben, Italien werde loyal und ohne Einschränkung den Ver­trag beobachten, der es mit den Zentralmächten, ü. h. mit Deutschland und Oesterreich-Ungarn ver­binde, und es hege den sehnlichen Wunsch, daß die alten, allen so nützlichen Beziehungen keine Len­ierungen erfahren; Italien verlange nichts an­deres, als unter Aufrechthaltung des Friedens seine Interessen zu wahren.

Gegenüber der Haltung der italienischen Presse in ihrer überwiegenden Mehrheit wird eine solche Erklärung nicht viel bedeuten, und gegenüber einer doppelzüngigen Politik, wie sie Italien in Alge- ciras beobachtet hat, noch weniger. Taten lasten sich nicht so ohne westeres durch Worte unge- - s ch e h e n machen, selbst wenn diese Worte eilten noch so schönen Klang haben. In dem vorliegen­den Falle wird zudem dieser Klang nicht wenig beeinträchtigt durch die beschimpfenden Auslassuu- gen dec italienischen Presse aus den letzten Tagen. Wenn der italienische Minister des Auswärtigen auf den Nutzen hinzuweisen gedenkt, den der ' Dreibund allen Beteiligten gebracht habe, fo wird er gut tun, eine Erwägung darüber anzustellen, aus welcher Seite wohl der Haupt vorteil des Bündnisses gelegen hat.

Wenn Vorteile und Lasten dieses Bündnisses einmal abgewogen werden sollen, so wird die Un­parteilichkeit zugestehen muffen, daß die Lasten 'tzum weitaus größten Teile auf d e u t s ch e r Seite gewesen sind, die V o r t e i I e dagegen aufSei- t c n unserer Verbündete«, und itament- lich auf Seiten Italiens. Niemand wird bestrei­ten wollen, daß es die Stärke Deutschlands gewesen ist, welche den Frieden Europas in den letzten 35 , Jahren gesichert hat, einen Frieden, von dem Italien einen hervorragenden Nutzen gezogen hat. In Italien sollte man doch nicht vergessen, daß die Einigung Italiens in erster Linie Deutschland mitzuverdanken ist, und daß die Auf­nahme Italiens in den Dreibund weniger auf eine Einladung seitens der beiden Kaisermächte -hin erfolgt ist, als aus das Drängen Jta- l i e n s selbst. Die Uneigennützigkeit Deutschlands bei diesen beiden Begebenheiten ist durch die Ge-

schichte bewiesen; leider hat sie in Algeciras kein Gegenstück gefunden.

Die italienische Regierung wird sich nicht da­rüber wundern dürfen, daß ihre jetzt in Aussicht gestellten Erklärungen auf deutscher Seite sehr kühl ausgenommen werden. Es ist das auch bt bezeichnender Weise dort der Fall, wo man anfangs die Ausführungen des Abgeordneten Frhrn. von Hertliug im Reichstage über die Poli- tik Italiens abfällig beurteilte. Die Erläute­rungen, welche die italienische Presse zu der Kon- ferenz von Algeciras geliefert hat, haben die Aus­führungen des Freiherrn von Hertling in jedem Punkte bestätigt.

Deutsches Keich.

Berlin, bett 21. April 1906.

* lieber das Befinden des Eisenbahn­ministers von Budde war in einem Hamburger Blatte eine ungünstige Nachricht verbreitet worden. In dem Gesundheitszustände des Ministers sollte neuerdings eine Verschlechterung eingetreten sein, die fich in erster Linie in großer Schwäche zeige. Wie wir von zuständiger Stelle erfahren, ist von einer solchen Verschlechterung im Befinden des Ministers keine Rede.

Der Bundesrat hat in seiner Sitzung vom Donnerstag, wie jetzt der .Reichsanzeiger' bestätigt, die Vorlage betr. Abänderung der §§ 28 und 32 der Reichsverfaffung und die Vor­lage betr. die Gewährung einer Entschädigung an die Mitglieder des Reichstages (Diäten- vorlage) angenommen. Außerdem hat der Bundesrat in jener Sitzung betr. die Beschlüsse des Landesausschuffes zu dem Entwurf eines Ge- setzes für Elsaß-Lothringen über die Besteuerung der Bergwerke, und betr. den Entwurf einer Verordnung zur Ausführung des Gesetzes zum Schutze der Warenbezeichnungen vom 12. Mai 1894, sowie ein Antrag Bayern, betr. An- rechnung der im Auslande verbrachten Apotheker- gehilsenzeit, den zuständigen Ausschüssen über­wiesen.

* Heber die Besetzung der Stelle des aus dem Auswärtigen Amt ausgeschie­denen Herrn v. Holstein als Chef der politischen Abteilung dieses Amtes ist eine Ent­scheidung noch nicht getroffen. Mit der Wahr­nehmung der Geschäfte wird zunächst der Bot­schaftsrat an der deutschen Botschaft in Washing­ton, Freiherr von dem Bußche-Hadden- hausen, beauftragt werden. Aus Rom ist zu vorübergehender Dienstleistung im Auswärtigen Amte der Botschaftsrat v. Jagow berufen worben. Ob späterhin außer dem Freiherrn von dem Bußche-Haddenhcmsen ständig ein zweiter Diplomat von gleichem Range in die politische Abteilung des Auswärtigen Amtes ein­treten wird, ist heute noch nicht entschieden. Herr v. Jagow dürste auf seinen Poften in Rom zurück kehren.

* Die parlamentarische Studienreise nach Deutsch-Ostafrika wird am 23. Juni von Ham­burg aus mit einem Dampfer der Ostafrikalinie angetreten werden. Die Ankunft in Dar-eS-Salaam soll am 27. Juki erfolgen. Die Rundreise in der Kolonie selbst umfaßt den Besuch der südlichen Häfen, eine Fahrt auf der neuen Mgroro-Bahn, die Besichtigung Usambaras, eine Fahrt auf der Ugandabahn und eine Rundfahrt auf dem Viktoria-Nyanzasee. Die Rückreise wird am 30. August von Mombassa aus erfolgen. Auf der Rückreise wird ein Abstecher nach Tanger und Lissabon gemacht. Gleichzeitig mit dieser ostafti-

kanischen Tour, an der etwa 10 Abgeordnete teil­nehmen dürfen, ist, wie wir bereits meldeten, eine Reise anderer Parlamentarier mit einem Dampfer des NoM>. Lloyd nach Ofiasien und eine weitere nach Südwestafrika mit einem Dampfer der Wör­mann-Linie geplant. Die ,Deutsche Tageszeitung^ sprach vor einigen Tagen die Hoffnung aus, daß von jetzt ab die parlamentarischen Studienreisen nicht mehr auf Kosten von Privatgesellschaften veranstaltet werden würden. „Das Blatt hat fich", so schreibt die .Freie deutsche Presse mit Recht, „in dieser Hoffnung sehr getäuscht." Nach wie vor halten es Reichstagsabgeordnete mit ihrer Stellung für verträglich, als Gäste von Privat­erwerbsgesellschaften, die an den Beschlüssen des Reichstags lebhaft interessiert sind, amüsante Rundreisen zu machen.

* Eine preußische Millionärstatistik. Nach der kürzlich erschienenen Statistlk der preußischen Ergänzungssteuerveranlagung für die Jahre 1905/07 ist Wiesbaden diejenige preußische Stadt, welche die verhältnismäßig meisten Millionäre in ihren Mauern beherbergt. Au je 10,000 Einwohner kommen dort 20,7 Mil­lionäre. Ebenfalls verhältnismäßig viele Mil­lionäre wohnen in Frankfurt a. M., 17,9 an 10,000 Einwohner, Eharlottenburg 17,8 und Bonn 12,3. Fünf bis 10 Millionäre unter je 10,000 ihrer Einwohner zählen die Städte Düsseldorf (8,1), Aachen (7,2), Berlin (6,7), Elberfeld (6,1), Köln (5,9), Potsdam (5,4) und Hanau (5,1). Alle übrigen selbständigen Stadt­kreise können nur weniger als 5 Millionäre unter 10,000 ihrer Einwohner aufweisen; Königs­hütte, Kattowitz, Schweidnitz, Oppeln und Inster­burg, besitzen überhaupt keine Vertreter dieser seltenen Menfchenart. Absolut genommen ist die Zahl der Millionäre in Berlin (1308) natürlich am größten; es folgen Frankfurt a. M. mit 584, Eharlottenburg mit 381, Köln mit 255, Wies­baden mit 208, Düsseldorf mit 193, Breslau mit 161, Magdeburg und Hannover mit je 107, Bonn mit 101 und Aachen mit 100 Millionären. In den selbständigen preußischen Stadtkreisen wohnen 5510 Millionäre, während auf dem Lande 1899 gezählt wurden. Diese verteilen sich auf die einzelnen Millionenvermögensgruppen wie folgt: 1 bis 2 Millionen in den Städten 3603, auf dem Lande 1149; 2 bis 5 Millionen 1478 bezw. 571; 5 bis 10 Millionen 303 bezw. 122; 10 bis 15 Millionen 72 bezw. 30; 15 bis 20 Millionen 30 bezw. 14; 20 bis 25 Millionen 19 bezw. 4; 25 bis 30 Millionen 1 bezw. 1 und endlich über 30 Millionen 15 bezw. 8 Millionäre.

.-. Zu den Ausweisungen von Rnffen aus Berlin wird jetzt berichtet, daß die politische Polizei an den Ausweisungsverfügungen nur in sehr geringem Umfange beteiligt ge­wesen sei. Die meisten erfolgten im Einver­nehmen mit dem israelitischen Unterstützungs­ausschuß. Von der politischen Polizei find in dem laufenden Jahre im ganzen nur 20 Russen ausgewiesen worden.

* Die deutsche Personen- und Gepäck- tarifreform ist jetzt ht ihren Grundzügen ab­geschlossen. Bei der am 2. und 3. d. Mt. in Berlin stattgehabten Konferenz der Vertreter sämtlicher deutscher Saatsbahn-Verwaltungen sind auf Grund der Vorschläge des preußischen Eisenbahnministers folgende Grundzüge für diese Reform angenommen worden:

l. Fahrpresse für Personenzüge. Einheits­satz für 1 Personenkilometer. 1. Klasse 7 Pfg., 2. Klasse

4,5 Pfg., 3. Klaffe 3 Pfg., niedrigste Klasse (3.b oder 4.) 2 Pfg. — 2. Feste Schnellzugszu­schläge. Für 1—75 Kilometer 0,50 M. in 1.—2. Klasse, 0,25 M. in 3. Klaffe; für 76—150 Kilometer 1 M. in 1.—2. Klaffe, 0,80 M. in 3. Klasse; über 150 Kilometer 2 M. in 1.—2. Klaffe; 1 M. in 3. Klasse. — 8. Gepäcktarif. Nähzone 1—25 Kilo­meter, Zone 1 26—50 Kilometer, Zone 4—10 um je 50 Kilometer steigend, Zone 11 501—600 Kilo­meter, Zone 16 über 800 Kilometer Die Gepäck­frachten werden berechnet filr Sendungen im Ge­wichte von je 25 Kilogramm, also für 1—25 Kilo­gramm, 26—50 Kilogramm, 51—75 Kilogramm usw. bis 200 Kilogramm. (Für höhere Gewichte ist die Bestimmung der Gebühr noch vorbehalten). De, Tarif findet nur Anwendung bei gleichzeitiger Lösung einer Fahrkarte. Bestimmung der Gebühr für höheres Gewicht, das aus eine Fahrkarte aufgegeben wird, bleibt vorbehalten. 4. Als Abweichung bleiben bestehen: ») Zusammenstellbare Fahrscheinhefte. Für diese werden folgende kilometrischen Einheits­sätze festgesetzt: 1. Klaffe 7,3 Pfg , 2. Klaffe 4,8 Pfg., 3. Klaffe 3,2 Pfg. Die Fahrscheinhefte berechtigen zur Benutzung aller Züge, b) Vorort- und Stadt­tarife für Berlin und Hamburg (unverändert), e) Ermäßigte Preise für Kinder und für Monats-, Schüler- und Arbeiterkarten, d) Sonntagskarten, e) Die Fahrpreisermäßigungen in den Zusatzbestim- mungen 48 und C, 5 und 6 des deutschen Eisen- bahn-Personen- und Gepäcktarifs, Teil 1, zu § 11 der Eisenbahnverkehrsordnung, f) Fahrpreisermäßi­gungen für Sonderzüge, insbesondere Feriensonder­züge.

Hiernach fallen fort: Die Ermäßigung für Rückfahr - Karten, die Gepäckfteiheit und die be­sonderen Zuschläge für v-Züge. Die Gepäckfracht wird gegenüber den bisherigen süddeutschen Sätzen erheblich ermäßigt. Von den süddeutschen Staats­eifenbahnen stimmten die bayerischen und badi- schenVertreter bereits der Einführung des Zwei- pfennig-Tarifes für die billigste Wagen klaffe zu; doch soll sie, wie aus obigen Grundzügen her­vorgeht, nicht IV. Klaffe, sondern Klasse lÜb heißen. In beiden Staaten wird eine entsprechende Vorlage alsbald an die Parlamente gelangen. Auf den Reichseisenbahnen in Elsaß - Lothringen wird die IV. Klaffe wie auf den preußischen Staatseisenbahnen eingeführt. Die württember« gischen Vertreter konnten eine endgültige Erklärung noch nicht abgeben, da der zuständige Minister augenblicklich erkrankt ist. Am 24. d. M. wird eine Konferenz von Vertretern der Eisenbahn- Direktionen in Stuttgart zusammentreten, welche noch einige sachliche Fragen zu erledigen hat. Unterdessen beginnen bereits die eigentlichen sehr umfangreichen Arbeiten der Eisenbahn-Direktionen, die in der Hauptsache in der Berechnung der Tarife für alle Stationen und Klaffen bestehen. Sobald diese vollendet ist, soll mit der Drucklegung der neuen Fahrkarten begonnen werden. Die Vor­bereitung zum Wechsel des jetzigen mit dem neuen Tarife, der in ganz Deutschland in ein und der­selben Mitternachtsstunde durchgeführt werden soll, erfordern bei dem riesigen Umfange der Arbeiten eine geraume Zeit. Die Einführung des neuen Tarifes ist daher vor dem 1. April 1907 nicht zu erwarten. — Die Bedeutung der Reform liegt also in der Vereinheitlichung der Ver­kehrs-Einrichtungen und der Verein­fachung des Fahrkartenwesens.

.'. Die Berhandlungen der Vertreter der Mainuferstaaten wegen der Mainkanalisierung Haden am Samstag mit dem Abschlüsse eines Staatsvertrages geendigt, demzufolge Preußen den Bau der Strecke von Offenbach nach Hanau und Bayern den der Strecke von Hanau nach Aschaffenburg übernimmt.

A«S iies TM Amen.

Novelle von Marg. Schlichter.

21 (Nachdruck verboten.)

Ei» schwerer Fall unterbrach ihn. Elisabeth war ohnmächtig zu Boden gefallen. Als sie wieder zu sich kam, saß der Doktor an ihrem Bette. Sie ftuhrsich mit der Hand über die Stirn, als muffe sich auf das Äorgefallene beffnnen, und all- mablttf) bemmerte die Wahrheit in ihr auf.

Sanitätsrat, sagen. Sie, es sei nicht wahr, es ser nur ecn böser Traum gewesen." r -Dlcfer schüttelte traurig mit dem Kopfe. Er befürchtete eine neue Ohnmacht des junaen Mäd­chens. Aber nein, Elisabeth hatte sich aufgerichtet und den Kopf auf die Hand gestützt, blickte sie starr und tränenlos ins Leere.

Der Arzt beobachtete sie mit inniger Sorge. Er gedachte des Tages, an dem Elisabeths Mutter gestorben war. Damals hatte sich ihr Schmerz .auf eine so leidenschaftliche Weise geäußert, daß srhre Gesundheit ernstlich bedroht schien, aber die unheimliche Ruhe, die sie heute zeigte, ließ noch schlimmeres befürchten. Indessen durste er nicht langer verweilen, andere Pflichten riefen ihn fort. Er trug der Haushälterin auf, Elisabeth keinen Augenblick allem zu lassen, und verließ beküm- gierten Herzens das Trauerhaus. Die im Dienste »er Familie-ergraute Magd, die Elisabeth als Kind aus den Armen getragen hatte, bemühte sich nut allen Zeichen rührender Anhänglichkeit um das schwer heimgesuchte junge Mädchen. Auch ihr Bruder Otto, für dessen junges Herz der unber- , hoffte Schlag fast zu schwer schien, sagte ihr die zartlrchsten Worte; aber nichts vermochte den Parren Schmerz zu brechen, der sie umklammert tzielt. Erst spät in der Nacht durfte man sie allein '0,’en; denn der Schlaf, der milde Tröster der

Betrübten, hatte ihre müden Lider geschlossen und sie für kurze Zeit dieser Welt des Elends und Jammers entrückt.

Zeitig am andern Morgen erschien Fräulein Werner, $u der die Trauerkunde bereits gedrun­gen war. Als Elisabeth in die lieben, traurigen Augen des alten Fräuleins blickte, sank sie mit einem lauten Aufschreie in die Arme ihrer mütter­lichen Freundin und fand, den Kopf an deren Brust gelehnt, endlich die ersten erlösenden Tränen. Das Fräulein war denn auch ihre Stütze in den nun folgerrden, traurigen Tagen, indem sie die Regelung aller peinlichen Angelegenheiten über­nahm, die em Todesfall mit fich bringt.

Die verwafften Geschwister weilten, soviel sie konnten, bei der zwischen Blumen und Blattpflan­zen aufgebahrten Leiche ihres Vaters und fanden einen wehmütigen Trost darin, noch oft und lange in die geliebten Züge des teueren Toten zu bli­cken. Noch jetzt, auf dem Antlitz des friedlich Schlummernden, lag der große, noch nicht über­wundene Schmerz über den Heimgang der heiß­geliebten Gattin, über bereit Verlust alle Liebe einer beiden Kinder ihn nicht zu trösten vermocht )atte. An ihrer Seite sollte er seine letzte Ruhe- tatt finden. Mit vielem Gepränge und unter großer Beteiligung trug man ihn hinaus zum Gottesacker, wo sie affe, wie des Todes Sichel sie gemäht hat, der einstigen Auferstehung entgegen- harren.

Nun war alles überstanden und das Leben machte feilte Anforderungen wieder geltend. Seit dem Tode ihres Vaters hatte Elisabeth sein Ar­beitszimmer, wo sie ihn entseelt gefunden, nicht wieder betreten. Heute suchte sie es auf. War es denn wirklich wahr, daß er die Stätte seines Wirkens und Strebens für immer verlassen hatte? Alles sah aus wie sonst, und doch, wie ganz anders war es seitdem geworden i Ihre Blicke schweiften über die Gegenstände ringsum. Es war ihr, als müsse er wiederkommen, sich an seinen alten Platz

setzen, oder ihr freundlich zunicken, wenn sie ihn von der Arbeit abrufen wollte. „Sogleich, mein Kind", hatte er dann gesagt und über ein wichtiges Problem arbeitend, das „sogleich" lange vergessen. Aber alles blieb still ringsum. Die Sonnen­strahlen funkelten in der goldgefaßten Brille neben dem Tintenfaß. Davor lag ein angefangenes Manuskript, ringsumher aufgefchlagene Bücher, und dort stand die Photographie ihrer verstorbenen Mutter, auf der das Auge des Toten so ost ge­ruht. Und jetzt fiel ihr Augä auf den leeren Sessel, mit welchem sie ihren Vater am letzten Weihnachts­este überrascht hatte. Die kunstvolle Stickerei satte soviel Zeit und Mühe gekostet, aber wie :eichlich war sie dafür entschädigt worden durch )ie Freude, welche er darüber geäußert hatte. Bei »er Erinnerung daran übermannte sie der Jam­mer, aufschluchzend sank sie vor dem Sessel auf die Kniee und verbarg ihr Gesicht in beide Hände.

Als sie sich endlich wieder aufrafste, fiel ihr Blick auf einen offenen Brief, der am Boden lag. Sie hob ihn auf, und achtlos schweifte ihr Auge darüber hin. Es war ja nur eine geschäftliche Mit­teilung ; aber sie wurde aufmerffamer, als sie »en Namen der Firma las, die das Schreiben ge- chickt halle. Ihr Vater hatte ihr öfter gesagt, aß er bei dem Bankhause Wolf & Sanders in Berlin ihr und ihres Bruders Vermögen, das Erbteil ihrer verstorbenen Mutter, hinterlegt, und jetzt teilte das Geschäft mit, daß es seine Zah­lungen eingestellt. Sie dachte nicht daran, daß iiiefe Mitteilung ihr selbst einen neuen, schweren Schlag versetzte, sondern nur, daß dieselbe ihrem Vater wahrscheinlich verhängnisvoll geworden war. Sie hatte das Blatt noch in der Hand, als die Tür ich öffnete und Sanitätsrat Lange eintrat.

„Mein Weg führte mich hierher, und da wollte ich mich doch eben nach Ihnen umsehen, liebes Kind. Sie tun nicht gut, sich in so schmerzliche Erinnerungen zu vertiefen; lassen Sie lieber den wohlgemeinten Trostspruch ihrer Freundinnen und

Bekannten auf sich einwirken; das ist doch besser, als dies stete Alleinsein mit Ihrem Jammer. Wie ich höre, haben Sie bis jetzt jeden Besuch außer dem des alten Fräulein Werner abgewiesen; und doch weiß ich, daß Ihr Verlust allgemeine, auf­richtige Teilnahme erregt hat."

„Ach, Herr Sanitätsrat, was kann die Teil­nahme mir nützen; an meinen lieben, guten Papa zu denken, ist mir der beste Trost. Glauben Sie wohl, daß eine plötzliche Gemütsbewegung Papas Tod veranlaßt haben könnte? Sehen Sie, bitte, einmal dieses Schreiben durch", damit überreichte ie ihm den verhängnisvollen Brief.

„Also das sst es gewesen", sagte er, als er das Schreiben durchflogen hatte. „Unzweifelhaft hängt diese Nachricht mit seinem plötzlichen Tode zusammen. Bei seinem Herzleiden mußte eine Gemütsbewegung wie die durch diese Mitteilung hervorgerufene von den schlimmsten Folgen sein."

„Der gute Papak So ist es die Sorge um unsere Zukunft gewesen, der sein letzter Gedanke gegolten hat! Ach, hätte ich doch die Nachricht von ihm fernhalten können!" — Dachte sie denn gar nicht an sich? Wie sollte er es ihr nur bei­bringen, daß der Zusammenbruch des Bankhauses ie plötzlich arm gemacht hatte? Er hatte davon in der Zeitung gelesen und war gekommen, sie mit Schonung davon in Kenntnis zu setzen. Nu» uhr er sich mit dem Tuch über die feucht gewor- »enen Augen.

„Hat Ihr Vater noch sonst irgendwo Kapitalien ausstehen?" fragte er, obschon er recht gut wußte, iJafs dies nicht der Fall war.

„Nein, Herr Sanitätsrat, glauben Sie, daß wir viel verlieren werden?"

„Ich fürchte, es wird nicht viel zum Verteilen an die Gläubiger übrig bleiben."

„So wären wir also arm geworden", sagte Elisabeth mit einer Ruhe, die den Arzt in Er- taunen setzte. Sinnend schwieg sie eine Weile, den Kopf auf die Hand gestützt. Sie dachte an die