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Dotation,druck u. Verlag der Fuldaer Ac» ttendruckerei in Suita. Fernsprecher Rr. 9.

Fulda, Sarustag, Den 21. April 1906.

JV5 91.

33. Jahrgang.

Krstes Malt.

:!: Li« diplomatischer Uabinetsches?

Die eigentliche Erkrankung des Reichskanzlers Surften Bülow hat die nicht ganz fern liegende Frage zur Erörterung gebracht, in welcher Weise stch eine Entlastung des Reichs kanz- erS würde bewerkstelligen lassen. Neben der Anregung, dem obersten Beamten des Reiches, der zur Zeit auch der oberste Beamte in Preußen ist, .urch tunlichste Entbindung von Repräfentations- »flichten sein Amt zu erleichtern, ist auch in der Presse der Gedanke aufgetaucht, eine solche Er- eichterung durch die Schaffung einer Zwischen­teile zwischen dem Kaiser und dein Kanzler .erbeizuführen. Man hat dem gedachten Träger liefet Stelle zunächst die harmlose Bezeichnung ’ineS Privat sekretärs des Kaisers beigelegt, dem die Aufgabe zufallen sollte, den Kaiser über die politischen Vorgänge im In- und Ausland« zu unterrichten und die Verbindung mit dem Reichskanzler aufrecht zu halten, soweit ^licht eine direkte Aussprache zwischen dem Kaiser ind dem Kanzler unbedingt erforderlich fei.

Im Verlaufe der Erörterung hat sich das Pri­vatsekretariat aber rasch zu einem Z i v i l k a b i- net deS Kaisers für Reichs- und aus­wärtige Angelegenheiten ausgewach- ,en, und für den zukünftigen Leiter dieser neuen Institution erfand man die Bezeichnung eines diplomatischen Kabinetschefs Sr. Majestät. Äleichzeitig wurde die Idee mit einem gewissen nystischen Dunkel umgeben, indem man vom Hohen Paten" für den Vorschlag sprach und so- iar eine Ausgestaltung des Planes in der Rich- ung eines interimistischen Reichs­an zlers wagte. Damit war die Sache auf ne Spitze getrieben und zugleich die ganze Trag­weite des eigentümlichen Planes enthüllt. Die „Schles. Zeitg.", die sich, wenn nicht zum Träger M Gedanken, so doch zum Fürsprecher desselben gemacht hatte, legte es den leitenden Kreisen im Reiche nahe, Stellung zu der Angelegenheit zu nehmen und ihn öffentlich abzulehnen, wenn man nrcht mit ihm einverstanden sei.

Man geht kaum fehl, wenn man in dieser letz- ren Aufforderung ein Anzeichen dafür erblickt, waß der ganze sonderbare Plan nur zu dem Zwecke an die Oeffentlichkeit gebracht worden ist, um gewisse Pläne zu durchkreuzen. Die Hohen Paten", welche angeblich der Plan gehabt ^aben soll, find nirgendwo namhaft geniacht wor­den, aber es ist damit keineswegs gesagt, daß Plan und Paten nicht wirklich irgendwo vorhan­den gewesen find. Die Ablehnung, welche die „Schief. Ztg." wünschte, ist in der „Köln. Ztg." prompt erfolgt, und zwar unter Berufung auf eigene Auslassungen deS Reichskanzlers Fürsten 'tülow. Die „Köln. Ztg." hat den Vorschlag betr. "ines diplomatischen Kanzleichefs als einen u n- 'aug baren Weg bezeichnet, und hervorge- -aben, daß sowohl politisch, wie verfassungsmäßig eine Ausschaltung des Verantwortlichen Reichs- kanzlers in Reichs- und auswärtigen Angelegen- Mten absolut unmöglich sei.

Wir teilen Liese Auffassung durchaus. Eine Mittelinstanz zwischen Kaiser und Kanzler würde, uan mag sich dieselbe denken, wie man will, un­bedingt vom Uebel sein. Schon jetzt fehlt es nicht an Einflüssen, die sich außerhalb der eigent- Wh Verwaltung der Reichsangelegenheiten hie und da geltend machen. Mehr als einmal hak man in der Presse, tote in dem Reichstage, auf das mißliche derartiger Einflüsie von unverant­wortlicher Seite hingewiesen. Die Schaffung eines Zivilkabinets für Reichs- und auswärtige

Angelegenheiten würde unter allen Umständen die Gefahr mit sich bringen, daß der gesetzmäßige Einfluß des Reichskanzlers, wenn nicht verkleinert, so doch gehindert würde. Die verwickelten Verhältnisse der auswärtigen Politik erfordere aber dringend eine Vereinigung der entscheidenden Faktoren. Unseres Erachtens würde mit der Schaffung eines Zwischengliedes zwischen Kaiser und Kanzler weder dem Reiche, noch dem Kanzler, noch dem Parlament gedient fein. Die Amtsfüh­rung des Reichskanzlers würde dadurch nicht er­leichtert, sondern erschwert werden, und der Volksvertretung würde statt Klarheit in den poli- tischen Angelegenheiten eine bedenkliche Verwir­rung geboten werden. Diese und andere Gründe würden uns beftimmen, falls der Gedanke der „Hohen Paten" in irgend einer Weise festere Ge­stalt gewinnen sollte, entschieden dagegen Ein­spruch zu erheben.

Deutscher Reich.

Berlin, den 20. April 1906.

Die Beleihung der russischen Werte. Die Reichsregierung hat, wie die .Tägliche Rundschau' erfährt, es abgelehnt, der Anregung des Regierungsrates Martin nachzukommen und der Reichsbank die Beleihung der russischen Werte zu verbieten.

.'. Die Einnahmen der Wechselstempelsteuer betrugen im Jahre 1905 14683444,90 Mark, das sind 1693 727,90 Mark mehr, als im Jahre 1904. Der Ueberschuß der wirklichen Einnahme über den Etatsanschlag für 1905 bewegt sich in ähnlicher Höhe.

Die Ergebnisse der preussisch-hessischen Eifenbahn-Betriebsgemeinschaft liegen nunmehr für den Monat März und damit auch für das ganze Etatsjahr 1905/06 vor. Dieselben sind außerordentlich glänzend und haben alle Er­wartungen übertroffen, welche man hinsichtlich etwaiger Mehreinnahmen hegte. Der Monat März hat sich seinen Vorgängern würdig ange­regt. Die Gesamteinnahmen betrugen im März 145,524,000 Mk. (+ 14,995,000 Mk.); davon kommen auf den Personenverkehr 34,932,000 Mk. (4- 2,286,000 Mk.), auf den Güterverkehr 101,864,000 Mk. (4- 14,568,000 Mk.), aus sonstigen Quellen stammen 8,728,000 Mk. (— 1,859,000 Mk.). Für das ganze Etatsjahr be­trugen die Gesamteinnahmen 1,715,260,000 Mk. (4" 123,284,000 Mk); davon entfallen auf den Personenverkehr 474,206,000 Mk. (+ 33,851,00t > Mark), auf den Güterverkehr 1,138.633,000 Mk. (4- 85,494,000 Mk.), aus sonstigen Quellen stammen 102,421,000 Mk. (4- 3,939,000 Mk.).

.'. Der Vaterländische Frauenverein hielt heute (Freitag) in Berlin seine Mitgliederver­sammlung ab, in der in erster Linie der Ge­schäftsbericht erstattet wurde. Danach ist die Zahl der Vereine im verflossenen Jahre um 30 gewachsen und beträgt jetzt 1200. Die Zahl der MitglrÄrer ist um 24000 gestiegen. Die Samm­lungen für die deutsche Schutztruppe in Süd­west-Afrika brachten im ganzen 100000 Mark. Der Kriegsvorbereitung hat der Verein eine er­höhte Aufmerksamkeit zugewendet; soweit es möglich war, auch überall der fo notwendigen Ausbildung von freiwilligen Krankenpflegerinnen. Die Gesamteinnahmen des Vereins betragen 5742381 Mark (gegen 1905 750000 Mark mehr). Die größten Einnahmen erzielte die Provinz Schlesien mit 800000 Mark.

* Der Gesetzentwurf betr. Verbesserung der Wohnungsverhältnisse der Arbeiter in Staats­betrieben und von gering besoldeten Staatsbe­amten, deffen Eingang im Abgeordnetenhaus wir bereits kürzlich mrtteÜten, fordert 15 Millionen Mark.

* Die Einnahmen der Reichseisenbahnen betrugen im März 1906 insgesamt 9155000 Mark (gegen den gleichen Monat im Vorjahre mehr 493000 Mark); davon entfallen auf den Personenverkehr 1732000 M. (4- 31000 M.), auf den Güterverkehr 6792000 M. (-f- 416 000 Mark). Für das ganze Etatsjahr betrugen die Gesamteinnahmen 108830000 M. (4-8614000 Mark). Hiervon stammen aus dem Personenver­kehr 23894000 Mark (4- 1447000 Mark), aus dem Güterverkehr 77611000 M. (4- 6475000 Mark), aus sonstigen Quellen 7 325000 Mark (4- 692000 Mark).

.. Vorsichtsmaßregeln gegen die Cholera ordnet ein neuer Mimsterialerlaß an die Re­gierungspräsidenten und den Polizeipräsidenten von Berlin an. Wenn auch von einem Wieder­ausbruch der Cholera in Rußland nichts bekannt geworden und nicht anzunehmen sei, daß der bisherige Zuzug russischer, insbesondere russisch- polnischer Saisonarbeiter eine Einschleppung ver­ursacht haben könnte, so sei doch mit der Mög­lichkeit zu rechnen, daß nach einem späteren Wiederausbruch in Rußland die zuziehenden Saisonarbeiter die Krankheit einschleppen. Die Ortspolizeibehörden sollen die Arbeitgeber, die Saisonarbeiter beschäftigen, auf die Gefahr der Einschleppung der Cholera durch später zu- ziehende Russen aufmerksam machen. Dabei soll den Arbeitgebern zur Pflicht gemacht werden, jede verdächtige Krankheit sofort anzuzeigen und die Kranken bis zum Eintreffen des beamteten Arztes abzusondern. Gegen Arbeitgeber, die sich dieser Pflicht entziehen, soll aus strenge gericht­liche Strafe hingewirkt werd.n.

* Unruhen in Kamerun meldet die ^olon.- Zeitschristt nach privaten Nachrichten aus dem südlichen Teil unseres Schutzgebiets. Danach wäre das ganze südliche Kamerun in vollem Aufruhr begriffen. Die Meldungen datieren allerdings vom 20. Januar, liegen also volle Drei Monate zurück. Die ,Voff. Ztg/ bemerkt dazu: „Es wäre auffällig, wenn innerhalb dieser Zeit an die Ko­lonialverwaltung noch keinerlei amtliche Meldungen über solche bedrohlichen Zustände gelangt wären. Veröffentlicht hat die Regierung über diese Vor­gänge noch nichts. Es wäre außerordentlich be­dauerlich, wenn sie mit der Wahrheit hinterm Berge hielte. Wenn man der Regierung ein solches Verhalten nicht zutrauen will, darf man vielleicht annehmen, daß das von dem Gewährs­mann der ,Kol.-Zeitschrisp entworfene Bild in zu düsteren Farben gehalten ist. Anzeigen von drohenden Unruhen in Süd-Kamerun haben sich freilich längst bemerkbar gemacht, sodaß man sich doch nicht ganz der Befürchtung verschließen kann, es könnten den Nachrichten der ^ol. Zeitschrift' Tatsachen zu gründe liegen.

* Mit der Diätenvorlage fürden Reichs­tag hat sich, wie verlautet, der Bundesrat in feiner Plenarsitzung vom Freitag beschäftigt. Die Vorlage wird zweifellos in den nächsten Tagen bereits dem Reichstage zugehen. Was den Inhalt der Vorlage anlangt, so sind, wie die ,Deutsche Tageszeitung' feststellt, die bisher veröffentlichten |

Andeutungen nicht „allenthalben den Tatsachen entsprecherch".

* Die Gemeinde-Kommission des Abge­ordnetenhauses hat über die Petition des Hebammen-VereinS zu Halle a. S. um gesetz­liche Regelung der Einkommens- und Alters­versicherungsverhältnisse der Hebammen Bericht erstattet und die Petition der Regierung als Material überwiesen. Die Petition will ein Fürsorgegesetz für die Hebammen schaffen, welche- diesen ein bescheidenes Einkommen sichere und im Falle der Erwerbsunfähigkeit sie vor Not und Sorge schütze. Regierungsseitig wurde dazu erflärt, der Entwurf eines Hebammen-Ge- setzes sei in der Schwebe. Man hoffe aber, schon in der nächsten Session den Entwurf vor­legen zu können.

* Die Handels- und Gewerbekommiffion des Abgeordnetenhauses hat über die Petition des Vorstandes der katholischen Arbeiter« vereine um Einführung von Berg-Gewerbe« gerieten für die in den linksrheinischen Dach­schiefergruben, Traß-, Tuff- und Basaltlava­brüchen beschäftigten Arbeiter und Gleichstellung dieser Arbeiter in allen rechtlichen Beziehungen mit den in Bergwerken beschäftigten Personen Bericht erstattet und beantragt Ueberroeifung al- Material.

** Berlin, 20. April 1906. Die Genesung des Reichskanzlers Für st en Bülow macht weiter­hin erfreuliche Fortschritte. Der Kanzler konnte am Donnerstag bereits einige Stunden außer­halb des Bettes zubringen, mußte sich jedoch noch in seinen Gemächern aufhalten. — Der bis­herige preußische Gesandte in Darm­stadt, Prinz Hans von Hoheulohe-Oehringen, ist behufs anderweiter dienstlicher Verwendung von seinem Posten abberufen. — Dem Unterstaats- sekretär im Auswärtigen Amt Dr. Mühlberg ist der Rote Adler-Orden 1. Klasse mit Eichenlaub verliehen worden. — Die Besetzung der neuen Kanalbaudirektionen ist nun­mehr im Gange. Die Regierungsräte Ihnen und Schütt sind der Königlichen Kanalbaudirektion in Essen, die Regierungsräte Geza, Müller, Kreuz- lin und Hüttenhein in Hannover, und der Re- gierungsrat Wiehler ist dem Hauptbauamt für die Herstellung des Großschiffahrtsweges Berlin- Stettin in Potsdam überwiesen worden. — Die KonferenzüberdieFortführungder Mainkanalisation bis Asckaffeuburg ist am Freitag in Berlin zusammengetreten. Auf der Konferenz sind Preußen,-Bayern und Baden ver­treten. — Zweihundert Russen find aus Berlin in den letzten Tagen als lästig ausgewiesen worden. Während die Mehrzahl der Russenauswei- sung mit Mittellosigkeit der Betroffenen begrün­det wird, ist ein Teil der jetzigen Ausweisungen politischen Motiven zuzuschreiben. Es verlautet, daß sich die aus politischen Gründen ausgewiese­nen Russen in Berlin in oppositioneller Weise be­tätigt haben sollen. — Wegen der im Elisa- beth-Regiment aufgetretenen G» n i ck st a r r e, von der wir bereits mehrfach be­richteten, sind die Hebungen des Gardekorps abge­brochen, weitere Abwehrmaßregeln werden zur Zeit noch getroffen. Die Truppenlieferanten, di« nach dem Töberitzer Barackenlager Personal ent- senden, find angewiesen, ihre Leute einer ärztli­chen Untersuchung auf ihren Gesundheitszustand zu unterziehen.

Aus te Todes Annen.

Novelle von Marg. Schlichter.

U (Nachdruck verboten.)

Es war in der Dämmerung eines naßkalten Januartages. Grau und schwer jagten die Wolken dahin und entluden sich in einem Gemisch von Schnee und Regen über die Häupter der wenigen Passanten, welche die Straßen der Stadt Münster belebten. Diese wenigen hatten es daher auch sehr eilig, ihr geschütztes Heim zu erreichen, wuß- ten sie doch gut genug, daß solch ein Wetter eine oanae Menge versteckter Bosheiten in Bereitschaft

“nA niemanden besser sorgt, als für den

,,Ern richtiges Jnfluenza-Wctter", sagt denn uuch mit wichtiger Miene der Geheime Medizinal- rat: es denkt's der vielbeschäftigte Sanitätsrat und hoffnungsfroh sagt es sich der junge Doktors der sehnsüchtig auf eine vermehrte Zahl von Patienten wartet, um sich einen eigenen Haus- stand gründen zu können. Ja, es war abscheulich da draußen, und trübselig genug sah es aus in den Straßen der Provinzialhauptstadt, selbst in den -vllerbelebtesten, wo sonst die hellerleuchteten Schaufenster ihren Glanz über die Straßen er- Boffen und die Vorübergehenden zum Kaufen ein- luden. Aber wer würde heute stehen bleiben und ftch die Auslagen ansehen? Wer würde überhaupt heute noch kommen, uln Einkäufe zu machen? So ungefähr sprach auch die Inhaberin eines feinen Ladengeschäftes auf dem Prinzipalmarkt. Sie gab zwei jungen Mädchen, ihren beiden Ge­hilfinnen, noch einige Anweisungen über zu er­ledigende Arbeiten und zog sich dann in das hinter dem Laden gelegene Zimmer zurück. Fräulein Werner, so hieß die Dame, war eine distinguiert aussehende Erscheinung. Man hätte es ihr auch an der Wiege nicht gesungen, daß sie dereinst ihr Prot werde hinter dem Ladentisch verdienen

müssen. In ihrer Jugend war sie schön, reich unb gefeiert gewesen. Kaum zwanzig Jahre alt, hatte sie sich mit dem Landrat des benachbarten Kreises verlobt. Aber der Glückstraum war nur von kurzer Dauer gewesen. Ihr Vater, ein spekula­tiver Großkaufinann, hatte sich in gewagte Unter­nehmungen eingelassen, der den vollständigen Ruin des Hauses Werner zur Folge hatte. Eine Braut ohne Mitgift konnte der zwar selbst be­güterte adelige Land rat, der so große Ansprüche an das Leben machte, nicht gebrauchen, und der Mann, den Marie Werner als ein Ideal von Großmut und Edelsinn verehrt und geliebt hatte, zeigte sich ihr als ein kalter Egoist. Ihr Vater hatte den Verlust seines Vermögens nicht zu überwinden vermocht und starb bald darauf. Alleinstehend und gänzlich mittellos, wie Marie war, trat die Frage an sie heran, wie sich in Zu­kunft ihr Leben gestalten solle. Aber ein gütiges Geschick, ober besser gesagt, die göttliche Vorsehung pflegt denjenigen, die sie auf sich selbst anweist, auch die Kraft zu geben, den Kampf mit dem Leben aufzunehmen. Marie besaß Energie unb Verstand, und ihr Entschluß war bald gefaßt. Sie reiste zu entfernten Verwandten nach Berlin und trat als Volontairin in ein großes Wäschegeschäft ein. Nachdem sie sich hier die nötigen Vorkennt- niffe erworben hatte, jah sie sich nach einem ge eigneten Orte um, wo sie sich etablieren könne. Münster wurde ihr empfohlen, und hier gründete sie mit dem ihr von ben Verwandten vorgestreckten Kapital ein ebensolches Geschäft, das zwar klein in seinem Anfänge, schon bald eine größere Aus­dehnung gewann. Ja, sie durfte mit dem Erfolge ihrer Arbeit zufrieden sein. Heute winkte ihr, der Fünfundfünfzigjährigen, ein sorgenfreies Alter als Lohn der in Tätigkeit und Entsagung mancherlei Art hingcbrachten Jahre. Aber so gern sie auch sonst zur Zeit der Ruhe bei den Bil­dern vergangener Tage verweilte unb eins noch dem andern aus dem Schatzkästlein der Erinne­rung hervorholte, heute hatte sie keine Zeit dazu.

Sie zündete die Lampe an, nahm die GeichäftS- bischer zur Hand und begann sich eifrig damit zu beschäftigen. Dabei mußte sie sich der Brille be­dienen: die in der Eile gemachten Aufzeichnungen waren mit Bleistift unb teilweise sehr undeutlich geschrieben. So ganz in ihre Arbeit vertieft, hatte sie die Ladensihelle überhört; gleich daraus wurde an die Türe geklopft. Ein Schatten von Unwillen glitt über ihr Gesicht ob der unwill­kommenen Störung, ober als sie die Eintretende bemerkte, sah man es ihr an, daß ihr dieser Besuch nicht unwillkommen sein konnte.

„Wie, Elisabeth, bei diesem Wetter? Ich hätte wirklich nicht gedacht, daß ich heute das Vergnügen haben würde. Sie zu sehen."

„Ja, es ist recht ungemütlich draußen, um jo gemütlicher ist es hier. Uebrigens hat mein Be­such noch einen anderen Grund als denjenigen, ein Viertelstündchen mit Ihnen zu plaudern."

„Nun, der wäre?" Haben Sie vielleicht em neues Häkelmuster auSgetiftelt und sind gekom­men, es mir zu zeigen? Oder haben Sie irgend ein Anliegen im Interesse des Vaterländischen Frauenvereins? Ich hatte heute noch ein Päck­chen verlegene Wäsche in der Hand, die ich für ö;e Armen des Vereins bestimmt habe."

„O, bas ist ja herrlich, aber ich kam iveder aus dem einen noch aus dem anderen Grunde, sondern nm Ihnen hierbei behilflich zu sein." Dabei deu­tete das junge Mädckwn auf die aufgeschiage ren Geschäftsbücher. „Sie sagten neulich, daß der Atzt Ihnen geraten habe, Ihre Augen zu schonen, und da möchte ich Ihnen gerne die meinigen 3tu Ver­fügung stellen."

„Nein, liebes Kind, ich kann nicht zugeben, daß Sie sich mit dieser langweiligen und trockenen Beschäftigung befassen, und dann", fuhr sie freund­lich lächelnd fort, „verstehen Sie auch nichts t)oi; der Buchführung".

„O, ich werde mich schon damit zurechtfinden: das kann so schwer nicht sein, und Papa fügt immer, ich habe Talent zu dergleichen Dingen.

es stecke etwas Kaufmännisches in cktr; das liege fo im Blut bei unfern Verwandte mütterlicher­seits."

„Nun denn, wenn Sie bur#-'.- wollen, so nehme ich Ihre Hilfe dankbar an; es ist mit ohnehin etwas spät geworden mit den Neujahrs­arbeiten."

Rach einigen kurzen Winken war Elisabeth schon orientiert unb bald emsig mit Schreiben be­schäftigt. Die Arbeit war in der Tat eine recht einfache. Die von den Kunden erborgten und im Tagebuch iwtierten Waren mußten ins Hauptbuch eingetragen werden. Wenn so alles übersichtlich geordnet war, konnten die Rechnungen ausgestellt werden. Elisabeth hatte daher ihre Arbeit nut gelegentlich durch einzelne Fragen unterbrochen; aber jetzt stieß sie auf einen Namen, den sie hier nicht zu finden erwartete.

„Wie, die borgen auch?" sagte sie erstaunt zu Fräulein Werner hinüberblickend. „Da steht so­gar noch der Posten vom vorigen Jahre und wahr­lich eine kleine Summe. Jetzt kann ich mir die stürmischen Szenen bei den von Meuders erklären, von denen ich schon gehört habe. Nein, solch ein Glanz nach außen und dann Schulden machen!"

„Nun, wenn Sie öfter ein Einblick in mein Ge­schäft täten, fo würden Sie sich noch übet manches wundern", sagte Fräulein Werner mit feinem Lächeln. „Was übrigens die von Menders an­gebt, so handelt die Frau unverantwortlich un­klug. Der Negierungsrat ist kränklich und muß sich demnächst pensionieren lassen und von feinen vier Töchtern ist noch keine versorgt. Die Frau hätte besser getan, die Mädchen etwas Tüchtiges lernen zu lassen, anstatt ihr ganzes Vermögen, das nicht unbedeutend gewesen sein soll, zuw Besten ihrer Töchter im Ehegeschäft anzulegen. Wie der Erfolg zeigt, hat sich die Anlage als eine schlechte Spekulation erwiesen. Ein Mann wird sich auch hüten, ein Mädchen zu heiraten, das mit solchen Ansprüchen groß gezogen ist."

Damit war die Arbeit ins Stocken geraten,