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Krrntprecher lir. 9.

M 86.

Fulda, Samstag, den 14. April 1906.

33, Jahrgang.

Unpolitische SeitlSuse.

E) Berlin, 12. April 1906. (Nachdruck verboten.)

Karivoche und Ostern erinnern uns daran, daß Einer der Herr ist über Leben und Tod, daß aus derselben Hand des Allmächtigen das Gedeihen fließt und das Verderben.

Und die Menschen, die sich so gern als Meister und Herren der Schöpfung fühlen? Ein Amcisen- haufen — das ist im Grunde die ganze menschliche Herrlichkeit auf Erden. Ein rollendes Rad, ein tretender Fuß, ein fallender Zweig genügen, um in deit Größenwahn der Kultur-Ameisen Bresche zu legen.

Aus dein Erdboden lvächst dein Menschen das Brot; aus dem Erdboden lauert der Tod. Aus den Bergwerken hebeir wir die Hcizstoffe, die wir zur Erwärmung unseres Körpers, zuul Kochen un­serer Speisen, zum Treiben unserer Maschinen ge­brauchen; in den Bergwerken hausen aber auch Giftgase und Schadenfeuer, die hunderte, ja tau­sende von menschlichen Ameisen mit einem Schlage öahinstrecken können, wie das furchtbare Unglück in Eourridres neuerdings gezeigt hat. Und dann steheit die überlebenden Träger der Kultur mit nassen Augen und gefurchten Stirnen dabei, ohne ernstlich helfen zu können. Die geschicktesten der Fachleute läßt inan schnell aus anderen Ländern kommen, man bewundert und preist ihre Opfer­willigkeit und ihre Leistungen. Aber auch sie ver­mögen nichts als einige Leichen zu bergen. Die rnenschliche Weisheit komint zu dem Schluß: da unten ist alles laugst tot: nichts mehr zu rette»! Und als ob der Hinimel die vielgepriesene Kultur verhöhnen wollte, schickt er nach drei Wochen 14 Lebende zurück aus dem veriueiutlich geschlosseneil Grab; sie sind gerettet, aber nicht durch die Tech­nik rmd Wissenschaft, sondern weil ein gütiges Ge­schick ihnen körperliche Ausdauer, geistige Spanil­kraft und .einige zerstreute LebeuZinittel gab.

In Nagold hebt man ein Haus. Eine Kleinig­keit für die moderne Technik! Auf dem Papier gebt das spielend; so und so viel Winden innß man au- setzen, und wenn sie alle gleichmäßig angebracht werden, so schwebt der Bau sachte empor. Wenn?! Die eine oder andere Winde kommt aus dem Takte, das Gleichgetoicht wird gestört, der Zusainmenhalt reißt, ein Berg von Trümmern liegt da; darunter 50 Tote und viele Verwundete. Jin Vertrauen auf die menschliche Kultur haben die Leute in dem emporzuschraubenden Gebäude getafelt und ge­zecht, vielleicht sogar getanzt; es tourbc ein Toten­tanz daraus, ein blutiges Denkmal der menschli­chen Schwäche.

Die Sonne gießt ihre Frühlingspracht und Frühlingsmacht besonders üppig aus auf den Golf und das Gestade von Neapel. Aber von den le­benslustigen Menschen, die sich auf Ostern freuen, liegen bereits mehrere Hundert begraben unter Trümmern und Asche, und viele Tausende jam- meru: Todesangst und Hungersnot. Denn der Hölsenmacht, die unter bett paradiesischen Fluren lauert, ward die Erlaubnis gegeben, wieder ein­mal der Menschheit einen Denkzettel zu geben. O, ivie weit und hoch ist die menschliche Kultur vorgeschritten in den letzten 18 Jahrhunderten! Aber der Vesuv treibt heute mit den Ameisen­haufen an seinem Fuß dasselbe Spiel, wie im Jahre 79 nach Christi Geburt, als es ihm beliebte, Herkulauuin und Pompeji zu verschütten. Ein Observatorium hat man inzwischen an der Flanke des gährenden Berges erbaut; die Kolik- und Hustenanfälle des alten Riesen werden nach allen

Auferstehung.

Roman von Felix N a b o r.

45i (Nachdruck verboten.)

Die beiden Hospitaliter trugen eben einen Krüppel Zu dem Wasserbecken und ließen ihn lang­sam hinab. Dreimal tauchten sie ihn in das Was­ser und jedesmal sprachen sie dabei: „Herr, heile ihn, wenn es Dein heiliger Wille ist."

Der arme Krüppel betete mit lauter Stimme das Salve Regina und als er nach der dritten Eintauchung emporgehoben wurde, küßte er den Hospitalitern die Hände und sagte mit tränen­erstickter Stimme: „Gott vergelte es tausendmal. Mir ist viel leichter!"

Gabriel tauchte die Hand in das Wasser. Es ist kalt wie Eis", sagte er schaudernd. Schadet das den Kranken nicht?"

„Schon Hunderte haben diese Frage gestellt", entgegnete der Arzt. „Das Wasser ist in der Tat kalt, fünf bis sechs Grad. Zumal für Schwind­süchtige scheint das kalte Bad gefährlich zu sein. Es ist nachgewiesen, daß ein eiskaltes Bad solche Kranke augenblicklich töten kann. Und doch ist noch nie ein Schwindsüchtiger in diesem Bade ge­storben, obwohl schon Tausende hier eingetaucht wurden. Die Wissenschaft steht hier wiederum vor einem Rätsel."

Gabriel befragte ihn wegen Maria Felice und ob es angehe, daß er sie hierherbringe. „Folgen Sie dem Rate des Arztes", sagte Duzois, „und warten Sie einen Tag ab, wo der Andrang nicht gar so groß ist. Das lange Warten ermüdet die Kranken und regt sie auf."

Sie traten wieder ins Freie hinaus. Noch heißer und inniger als vorher stiegen die Gebete zum Himmel, daß er sich öffne Und einen Strahl feiner Gnade herabsende aus die armen Kranken. Die Glut der Andacht hatte ihren Gipfel erreicht, es war, als hätte der Engel Gottes die Herzen der Beter mit seinem Flügelschlage berührt. . ,

Regeln der Kunst beobachtet und zu Papier ge­bracht. Aber etwas tun zur Dämpfung der Ge­fahr — das geht über die Grenzen unserer Kraft. Der Strom der glühenden Lava fließt »rach wie vor, wohin er will: „flüchte, wer kann!" ist die Parole von 1906 wie von 79. Der Aschenregen fällt heute, wie dazumal, und wenn die Eisenbahu- züge ein modernes Hilfsmittel der Flucht bilden wollen, so bleiben sie bald in der Aschen schicht kläglich stecken. Die Asche legt sich auf die Dächer; wenn Regen dazir kommt, ivächst das Gewicht stark an. Die geängstigten Menschen vergessen aus die Berechnung der Belastung; so bricht eine Markt­halle über Käufer!: und Verkäufern, eine Kirche über den Betern zusammen. Ein grausiger Ascher­mittwoch : Gedenke, o .Kulturmensch, daß du Staub und Asche bist und zu Staub und Asche wieder werden sollst! Gleichsam ein Vorspiel, eine kleine Probe für den jüngsten Tag. Die „Kleinigkeit" genügt aber, um die Hilflosigkeit und Ohnmacht des Menschengeschlechts klar zu stellen. „Ich bin der .Herr, dein Gott, du sollst keine fremden Götter neben mir haben."

Der alte Weltweise Aristoteles lehrt, die Zu­schauer im Theater würden bei der Aufführung der Trauerspiele von den zwei Gefühlen beengt: Furcht und Mitleid. Angesichts der gewaltigen Schauspiele, welche die tückischen Naturkräfte auf- führen, erzittern wir auch in Furcht und Mitleid. In Mitleid mit den Opfern, in Furcht vor der Allmacht, der gegenüber wir ein hilfloses Nichts, ein ohnmächtiges Spielblatt sind. Die Furcht des Christen aber wird geläutert und gemildert durch die Hoffnung; beim fein Glaube lehrt ihn, daß alles aus einer Hand kommt, das Leben und der Tod, daß die Allmacht, welche uns heimsucht, eins ist mit der Güte und Liebe, die uns selig machen will. Ob der Herr die Frühlingssonne über die keimende Natur strahlen läßt oder ob er die Wetter wüten und die unterirdischen Gewalten sich recken läßt, der Christ sagt immer : „Vater unser. Dein Wille geschehe, wie im Himmel also auch auf Erden!" Sein Reich soll kommen: ob es im Säu­seln des fruchtbaren Lenzwindes kommt oder im Brausen des zerstörenden Sturmes, das müssen wir seiner Weisheit überlassen.

WaS rönnen die grimmigen Naturgewalten uns antun? Den körperlichen Tod; weiter nichts. An die unsterbliche Seele können sie nicht tasten, deren Schicksal schmieden wir selbst, unb über den Erfolg richtet bet Ewige unmittelbar. Wir scheuen bett körperlichen Tod, unb dieser Drang, noch weiter auf Erden zu leben unb zu streben, ist heil­sam und löblich. Wer nimmt 6er natürlichen Todesfurcht den Stachel? Die vielgepriesene Kul­tur kann es nicht; denn sie hat noch keinen wirk­samen Lebensschutz erfunden und wird auch dem Regiment des Todes keine Revolution machen können. Aber das Dunkel des Grabes, in das fein elektrisches Licht der Wissenschaft un6 Technik zu bringen vermag, wird cmfgehellt durch die Osterkerze.

„Auferstehung des Fleisches und ein ewiges Leben, Amen." Wenige und einfache Worte zum Schlüsse des Glaubensbekenntnisses. Aber welch' ein gewaltiger Inhalt steckt in diesen paar Lauten l Sie werfen die ganze alt- und neuheidnische Welt­anschauung über den Haufen; sie stellen das Sein und Leben des Menschen auf einen ganz anderen Boden. Das Erdenwallen bekommt einen ver­nünftigen Sinn unb einen beseligenden Zweck; die Freuden des Erdenlebens werde verekelt und die Leiden desselben werden versüßt. Wer das ewige Leben im Auge hat, der hat erst richtig leben gelernt, und wer an die Auferstehung glaubt, der lernt auch sterben. Der hat das ganze Jahr und alle Jahre feines Lebens hindurch Osterfreude und Frühlingsstimmung.

♦

Die Beiden kamen an dem Wagen vorüber, in welchem die blasse Dame gelegen hatte; er war leer. Daneben aber kniete das vierzehnjährige Mädchen, das vielleicht schon in der nächsten Stun6e eine Waise sein konnte, hob die Augen zum Himmel und rief mit lauter, von Tränen erstickter Stimme: „Herr, erhöre mich! Herr, heile meine Mutter! O Maria . . . Maria . . . ohne Sünde empfangen, bitte für uns!"

Gabriel mußte sich abwenden, um seine Tränen zu verbergen. Sie gingen weiter; ein Meer von Seufzern, Tränen und Gebeten stieg zum Himmel empor und bestürmte ihn . . .

Und plötzlich öffnete sich der Vorhang einer Zelle und eine schneeweiße Gestalt erschien unter dem Eingänge; es war die bleiche Dame, die an Schwindsucht gelitten hatte. Sie warf die Arme empor und schrie mit lauter Stimme: „Ich bin geheilt . . . geheilt!"

Sie stürzte auf ihr Kind zu, schloß es in bte Arme unb jubelte in einem fort: „Geheilt . . . geheilt!" . r

Als die Kranken ringsum sahen, tote diese Frau, die vor wenigen Minuten noch so hinfällig unb gebrechlich wie eine Tote in ihren Kissen ge- mit dem frischen Rot neugeschenkten Lebens auf den Wangen, mitten unter ihnen stand, brach ein Jubel aus, daß davon die Lüfte erdröhnten. Jeder faßte neue Hoffnung auf Heilung. Alle drängten sicher herzu, die Gesunden und die Kranken. Die Kranken küßten ihr die Hände und die Kleider. Die Gesunden hoben sie empor und trugen sie im Triumphe zur Grotte, um die heilige Jungfrau zu preisen. In endlosem Jubel erklang es: „Magni- ficat anima mea Dominum" . . .

Aufs neue hatte Gott feine Wunderkraft be­währt unb dem Gnadenorte der heiligen Jungfrau aufs neue eine himmlische Krone aufgesetzt. — Und es war und blieb das große Wunder des scheidenden und des kommenden Jahrhunderts und leuchtete wie eine strahlende Sonne in die kalte, ungläubige, von dichter Finsternis bedeckte Wett hinaus l

Das sind keine neuen Gedanken. Es wird auch kein Dichter und kein Prediger dir zu Ostern etwas neues offenbaren können. Aber die alten Seligkeiten des alten erhabenen Geheimnisses sind noch längst nicht erschöpft und ausgekostet. Die Anregungen, die dir zum Feste in Wort unb Schrift gegeben werden, mußt du in deinem Hirn unb deinem Herzen auswirken lassen, daß die alten Wahrheiten unb Tröstungen dir sozusagen in Fleisch und Blut übergehen. Innerliche Ostern — daraus kommt es an.

Und wenn du einen schönen Festartikel lesen willst, so brauchst du nicht hinter dem Papier in der Stube zu hocken, sondern du kannst einen Gang nach Emans machen, durch die frisch aufkeiinen.de Natur, um in dem Buche zu lesen, das der schöpfe­rische Finger Gottes schreibt unb illustriert. Und wenn du im Wandeln nachdenkest über Himmel und Welt, Leben, Sterben und Auferstehen, dann spiirst du vielleicht einen unsichtbaren Freund an deiner Seite, der dir die Schrift erklärt und dein Herz in Hoffnung unb Liebe entbrennen läßt. Dann sage: Herr, bleib bei mir! ____________

ki. c. Sarj'mhig und Mm in iw dmWn Dichtung.

Karl Conte Scapinelli.

(Nachdruck nicht gestattet.)

Gleich dem Weihnachisseste hat von jeher die Osterzeit den schaffenden Künstler begeistert unb zu den schönsten Werken angeregt. Die Haupt- denksteine des Lebens Jesu, feine Geburt und sein bitteres Leiden und Sterben sind zum nner- schöpflichen Vorwurf einer Unzahl hervorragender Gemälde geworden und fast jeder Künstler der älteren Zeit hat sich mit wenigstens einem dieser Sujets beschäftigt.

Die Dichtkunst aber verdankt manches herr­liche Werk der Betrachtung des Leidens und Ster­bens Christi. Gerade die schnelle unb schroffe An einandersokge von Schmerz unb Freude, von Tod und Auferstehung mußte den Dichter zu den herrlichsten Gesängen begeifieru. Heute sei cs uns gestattet, aus bem reichen Schatze deutscher Dichtkunst nur auf einige der markantesten Proben Oster- und Karfreitags-Dichtungen hinzuweifen.

Ausführliche Darstellungen der Auferstehung unb der Höllenfahrt Christi finden wir schort im angelsächsischen Epos. Hier ist Christus echt ger­manisch, als ein tapferer Held und König aufge­faßt und weniger feine Lehre als feine Taten er­zählt. Der erste Sänger der christlich - germani- scheu Zeit ist Kaedmon (683 gestorben). Von ihm stammen Bolksgesänge in Stabreimen, die sich sehr rasch unter seinen Landsleuten einbürgerten. So ist ein „Traumgesicht des Kreuzes" uns er­halten, in dem das Kreuz selbst redend eingesührt wird unb wo es z. B. folgendermaßen spricht: „Der Heldenjüngüng, der Herr, der Allmächtige, die Richtstatt bestieg er flat fmutig und ernst vor­der Menge Augen, er, der Menschheit Retter." Und später: „Vor der Mörder Augen gruben sie aus Glanzgestein ein Grab ihm zur Ruhestätte, versenkten den Siegesherrn, sangen Klagelieder zur Abendstunde vom Ehrenfürsten, voll Kummer heimkehrend. Ach, keiner blieb bei ihm."

Im zweiten Gesänge „Christ und Satan" wird dann die Höllenfahrt Christi beschrieben. Aehnlich wie Kadmon beschreibt auch Kynewulf in dem angelsächsischen Gedichte „Die Höllenfahrt" die Freude der in der Osternacht von Christo Erlösten, lieber die Auferstehung weiß dieser

A ch t es Kapitel.

Obwohl Gabriel fest entschlosseu war, fein Ge­lübde, Priester zu werden, zu erfüllen, zögerte er doch Tag für Tag, Maria Felice seinen Entschluß mitzuteilen; er fürchtete, diese Nachricht möchte ihr in ihrem jetzigen leibenden Zustand allzu wehe tun.

Auch sie selber schien ihm ein Geheimnis mit- zuteilen zu haben; aber so oft sie den Mund öff­nete, um es zu enthüllen, verstunnnte sie und wenn Gabriel sie fragte, ob sie ihm etwas zu sagen habe, so schüttelte sie das Haupt und sagte „Später!"

Sie freute sich auf den Tag, an dem sie zu den heiligen Wassern gebracht werden sollte, denn sie hoffte immer noch auf Genesung, obwohl ihre Kräfte langsam nachließen, sie erwartete immer noch ein Wunder.

Gegen Ende der Woche erhielt Gabriel einen Brief aus Paris, der ihn sehr erschreckte. Graf Behren schrieb ihm, Viola habe große Summen im Spiel verloren und sei barüber so erregt und außer sich, daß er sie in einer Nervenheilanstalt habe unterbingen müssen. Sie verlange immer­fort nach Gabriel, der sie allein retten könne. Der Graf bat ihn zum Schlüsse, et möchte doch um­gehend nach Paris kommen, wenn es ihm mög­lich fei.

Diese Nachricht brachte Gabriel außer Fassung. Die schöne, lebenslustige Viola im Jrrenhause? War das das Ende eines Lebens voll Freude und Wonne? Ihm graute davor! Nachdem er vom Arzt die Versicherung erhalten hatte, daß ferne kurze Abwesenheit keinen schlimmen Einfluß auf Maria Felices Zustand ausüben werde, reifte er nach Paris ab, nachdem er Maria Felice beruhigt unb den Prälaten über den Zweck feiner Reise verständigt hatte.

Er traf den Botschafter ganz gebrochen. „Ich selber trage die meiste Schuld an dem Unglücke", sagte er, als er Gabriel begrüßt hatte. „Wäre ich Violas extravaganten Neigungen bei Zeiten mit Ernst unb Nachdruck entgegengetreten, so

folgendermaßen zu singen: „Es begannen edel geborene Frauen mit Anbruch des Tages sich zu rüsten zum Gange. Recken wußten sie versam­melt und des Ebelings Leib vom Erdhaus be­deckt. Es wollte» die bekümmerten Weiber klagend trauern nm den Leib des Edclings eine Stunde und weinen. Boll Schrecken war die Rnhstatt, hart war der Weg. Die Helden lagen am Berge, die mutigen Männer, die des Milden hüteten", und dann weiter unten: „Offen war das Erd- Haus. Des Evekings Leib empfing des Lebens Geist, die Felsen bebten. Der Held war erwacht mutig aus der Erde: derNachtstarreerstund siegfest."

Diese beiden nur in Bruchstücken erhaltenen D chtungen mögen den Anstoß . um altiächfiichen „Heliand" gegeben haben, der gleich ihnen die Taten Christi in einer für ein Helden- und Kämpfervolk verständlichen Auffassung schildert.

Im „Heliand" wird alles ungleich genauer und mit getreuerer Benützung des Evangeliums beschrieben, wenn auch die ganze Auffassung eine so heimatliche und germanische ist, wie in den beide»! anderen Volksgesängen.

„Ms der Landeswart starb an dem Kreuze, da bebte die Erde in seinem Verscheiden, es fchütterten die hohen Berge, harte Steine barsten, Felsen ü.er dem Felde, unb das schmucke Laken (Tempeloorhang) zerriß in der Mitte entzivei, das bisher manchen Tag in dem Heiligtum innen wunderbar gewirkt, heil gehangen." — „Gräber wurden geöffnet und durch des Drostes Kraft erstanden tote Menschen lebend in ihren Leibern."

So beschieibt der „Helia- d" die Ereignisse des Karfreitags. Von Christi Anftrstehnng be­richtet er folgendermaßen: „Im v larje aitfet« stand das Friedelind Gottes und fuhr den lichten Weg, wohin er wollte, doch dis Wächter nichts merkten, die derben Lerne, als er vorn Tode er­stand, sich aufrichtete von per Rast. D.e Recken saßen außen ums Grab, dis Jurenleute, die Schar mit den Schilden."

Dies sind nur kurze Stichproben ans her ausführlichen Beschreibung des Leidens, Sterbens und Auferstehens des Heilandes. Aber nicht nur das alte Bolksepos, sondern auch das mittel­alterliche Kunstepos der späteren Zeit beschäftigt sich eingehend mit demselben Thema.

Hier ist vor allem die deutsche „Uflende" aus dem 7. Jahrhundert zu erwähnen, deren Ver­fasser Konrad von Heimesfurt ist; es ist haupt­sächlich eine Schilderung des Leidens Christi, mit vielen lateinischen Sprüchen durchsetzt. Ein Jahrhundert später finden wir die sogenannte „Erlösung", das Werk eines ungenannten Ver­fassers, der wahrscheinlich hessischer Geistlicher war. Dieses ist im wahrsten Sinn des Wortes eine Messtade. Die Sprache ist fast dramatisch anschaulich und lebhaft. AuS demselben Jahr­hundert stammt Wolfram von Eschenbachs „Parcival". Der Karfreitag spielt in diesem EpoS insofern eine große Rolle, als an diesem Tag im Innern Parcivals eine große Aenderung vor sich geht. Der Mönch erklärt Parcival, der seine Zeit nur mit Kampf und Streit vertan, daß heute Karfreitag ist, und hält ihm die Güte Gottes vor und Parcival gesteht seine Sünden ein.

„Wie bin ich ei« unsel'ger Mann!

So hab' ich Armer mißgetan."

Der Karfreitag wird fürder in feinem Leben ein Merltag, schon weil an diesem Tag die Taube Vie Oblate auf den Gral legt.

wäre es nicht so weit mit ihr gekommen. Ich hasse diese Stadl, die mir mein Liebstes raubte."

„Es wird doch irgendwie noch Hilfe möglich sein", tröstete Gabriel. „Als ich davon hörte, daß sich Viola mit der Principessa eingelassen habe, ahnte ich sogleich Unheil. Meine Warnung kam wohl zu spät?"

„Leider — das größte Unheil Ivar bereits an­gerichtet."

Sie fuhren zusammen nach der Heilanstalt, in welcher Viola untergebracht war. Gabriel betrat allein das Zimmer, während Graf Behren im Besuchszimmer den Erfolg bon Gabriels Unter­redung mit feiner unglücklichen Frau abwartete.

Viola lag in dem verdunkelten Zimmer auf einem Ruhebette und preßte die Hände an die Schläfen; bei dem geringsten Geräusch zuckte sie zusammen.

Als Gabriel eintrat, erhob sie sich halb und als sie ihn erkannte, richtete sie sich auf und ein heller Schein flog über ihr Gesicht. „Ach, Gabriel, ich danke Ihnen, daß Sie gekommen sind." Sie streckte ihm die Hand hin und sagte mit müder Stimme: „Fürchten Sie nichts, Gabriel! Ich bin nicht wahnsinnig. Aber was ich zu sagen habe, kann ich nur Ihnen sagen, Ihnen ganz allein! Zu Ihnen habe ich immer Vertrauen gehabt. Sie sind mir stets wie ein Priester erschienen."

Gabriel, von diesem Gedanken betroffen, rief aus: „O Viola, ich will auch wirklich Priester werden!"

Viola sah ihn groß an. „Wirklich?" sagte sie. „Und Matia Felice?" —

Gabriel schwieg und senkte traurig das Haupt. Mit leiser Stimme, durch welche das Beben seines Herzens klang, sagte er: „Wenn Gott kein Wunder tut, so wird Maria Felice Lourdes nicht mehr lebend verlassen."

Daraus war es eine Weile totenstill, endlich sagte Viola leise: „Arme .... arme Maria!"

Und dann begann sie plötzlich zu schluchzen unb ergriff Gabriels Hände. „O Gabriel, nun kann ich reden! Dem Priester kann ich alles betauten,”