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Maer W Zeitung

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JV5 86.

Fulda, Samstag, den 14. April 1906.

33, Jahrgang

Drittes Malt.

Wachen-Rundschau.

(Nachdruck verboten.)

Fulda, den 11. April 1905.

Die vergangene Woche hat den tatsächlichen Ab- schlutz der Marokko-Konferenz gebracht. Dink der von allen Seiten betätigten Bestre­bungen, eine Einigung auf friedlichem Wege her­beizuführen, ist es schließlich — und zwar über­raschend schnell — gelungen, die schweren Gewit­terwolken, die lange Zeit beängstlgend am politi­schen Horizont standen, zu zerstreuen und einen Ausgleich für die verschiedenartigen Interessen der beteiligten Mächte zu finden, mit dem man aller­seits zufrieden sein kann. Das Wort, das die Reichsregierung durch die offiziöse Presse verkün­den ließ: In Algeciras gibt es weder Sieger noch Besiegte, erscheint völlig gerechtfertigt. Wir haben unseren Standpunkt, nämlich die Forderung der Unabhängigkeit Marokkos und der wirtschaftlichen Gleichberechtigung oller Nationen, unentwegt ver­treten und damit die Bestrebungen Frankreichs, die auf eine „Tunifizierung" Marokkos hinarbeite- ten, vereitelt. Dagegen haben wir allerdings der Republik gewisse Zugeständnisse in der Polizci- und Bankfrage machen müssen, was aber für uns keinesfalls als eine Niederlage gedeutet werden kann.

Daß es sich nicht etwa um Marokko für uns handelte, sondern allein um die Aufrechterhaltung des Ansehens des Deutschen Reiches, betonte Fürst Bülow ausdrücklich am vergangenen Donnerstag im Reichstag. Was er in seiner Eigenschaft als verantwortlicher Leiter der auswärtigen Poli­tik nicht sagen konnte, ergänzte der Zentrums- abgeordnete Frhr'. V. Hertling, indem er ein Bild von unfern auswärtigen Beziehungen entwarf. Den tragischen Unfall, den der Reichskanzler am letzten Sitzungstage erlitt, scheint glücklicherweise keine schlimmen Folgen nach sich zu ziehen. Der Reichstag ist am Donnerstag nach Erledigung des Etats des Auswärtigen Amts und des Reichs­kanzlers in die Osterferien gegangen. Die Sitzun­gen werden am 24. April wieder ausgenommen. Aller Wahrscheinlichkeit nach wird dann dem Reichstage auch die Diätensrage unterbreitet fein, die der Bundesrat am Donnerstag der ver­gangenen Woche bereits den« zuständigen Aus­schüsse überwiesen hat. Gleichzeitig mit der Diäten- Vorlage soll dem Reichstage eine Vorlage betref­fend die Abänderung des Art. 28 der Reichsver- fassung zugeben, welche die Bestimmung aufhebt, daß für Beschlüsse des Reichstages die Anwesenheit der Mehrheit der Reichstagsmitglieder erforderlich ist. In der Praris ist diese Bestimmung längst gegenstandslos geworden, und man geht jetzt mit dem Gedanken um, im Interesse einer rascheren Erledigung der Aufgaben des Parlaments die so­genannte Beschlußfähigkeitsziffer herabzufetzen. Dadurch würde es auch wohl ermöglicht werden, der sozialdemokratischen Dielrederei ein Ende zu machen.

In D e u t s ch - O st a f r i k a haben unsere Truppen den Aufständischen weitere empfindliche Niederlagen beigebracht. In einem Kampfe, den Hauptmann von Hassel gegen die Wapogoro zu bestehen hatte, haben die letzteren nicht weniger als 205 Tote verloren. Auch andere Abteilungen der Schutztruppe hatten siegreiche Gefechte zu verzeich­nen. Verschiedene Anführer aufständischer Einge­borener sind gefangen genommen worden.

Eine überraschende Wendung hat die Krisis in Ungarn genommen. Während gegen Ende voriger Woche noch die Etablierung eines halb- absolutistischen Regimes infolge Nichtausschreibens der Neuwahlen als feststehend angesehen wurde, haben sozusagen über Nacht die Dinge ein ganz anderes Gesicht erhalten. Die koalierte Opposition hat in allen entscheidenden Punkten — wenigstens vorläufig — nachgegeben. Sie hat insbesondere zugestanden, daß die Armeefrage vollständig ans der Diskussion ansscheidet und sich auch dazu ver­standen, der Einführung des allgemeinen Wahl­rechts nicht länger zu widerstreben. Darauf ist ein Kabinett zustande gekommen, das unter Führung von Wekerle die Hauptnamen sämtlicher Parteien in sich vereinigt. Von katholischer Seite wurde anfangs Widerspruch gegen Wekerle erhoben, aber da derselbe Znsicherungen in der Richtung einer objektiven Geschäftsführung machte, hat man die­sen Widerspruch fallen lassen und den Führer der katholischen Volkspartei, den Grafen Zichy, in das Sfabinctt delegiert. Die Hauptaufgabe des neuen Ministeriums wird die ordnungsmäßige Durch­führung der Neuwahlen fein. In Budapest hat man die aus Wien als neue Minister zurückkehreu-

Reklamen- und Anzeigenteil

den Führer der Opposition mit demonstrativem Jubel empfangen. In Wien dagegen spricht man jetzt lauter als bisher von der bevorstehenden De­mission des Ministerpräsidenten von Gautsch, dem sich der Minister des Auswärtigen, Graf Galu- chowsky, anschließen soll.

In F r a n k r e i ch hat die Wahlbewegung ein­gesetzt, nachdem die Neuwahlen zur Deputierten­kammer auf den 6. Mai anberaumt sind. Tie Wahlbewegung scheint außergewöhnlich heftig wer­den zu wollen: der „Block" bemüht sich, geschlossen aufzutreten. — Der Grubenarbeiter st reik in Courridres ist jetzt zu einem allgemeinen ge­worden.

I t a l i en ist von einem großen Unglück heiiu- gesucht worden. Ein Ausbruch des Vesuv, der feit einer Reihe von Tagen anhält, hat verschiedene blühende Ortschaften zerstört, wobei mehrere hun­dert Menschen umgekommen sind. Das Königs­paar, das den Schauplatz des Unglücks besuchte und der Gegenstand stürmischer Huldigungen des Volkes war, sucht nach Kräften beizusteuern, um die herrschende Not zu lindern.

Die Engländer sind durch den Ausbruch neuer Eingeborenen-Unruhen in Natal in Sorge versetzt. Eine englische Truppenabteilung wurde zum Rückzug auf Gregtowo gezwungen. Der Hauptführer der aufständischen Zulus ist der Häuptling Bamaata, der von den Behrden Natals abgesetzt worden war, aber feinen an seiner Stelle zum Regenten ernannten Oheim gefangen nahm und den offenen Ausstand proklamierte. Den letz­ten Meldungen zufolge hat sich Bamaata vor den gegen ihn aufgebotenen Truppen mit etwa 120 Anhängern in undurchdringliches Bnschland ge­flüchtet.

Die Wahlen zur russischen Reichs- d u ni a scheinen in der Hauptsache abgeschlossen zu fein. Merkwürdigerweise ist nur von 178 Wahlen die Rede, während Witte sich bei den Ausschreibun­gen der Wahlen dafür verbürgte, daß die neue Duma mindestens 300 Mitglieder zählen werde. Die Mehrzahl der Gewählten gehört der „Linken", b h fer konstitutionell-demokratischen Partei an. Neuerlich ist wieder stark die Rede vom Rücktritte Witte's, der erklärt haben soll, mit Durnows, dem reaktionären Minister des Innern, nicht zusam- menarBetten zu können. — An Greueltaten der- Revolutionäre ist auch die vergangene Woche nicht leer ausgegangen. Am 7. April wurde der Gou­verneur von Twer, Steptson, in der Hauptstraße der Stadt durch eine Bombe getötet.

In Serbien ist zu den inneren Schwierig­keiten, die dem Ministerium Gruitsch schon jetzt das Leben schwer machten, eine neue gekommen, eine „Kanonenfrage". Von drei Seiten, von deutscher, österreichischer und französischer ^bemüht man sich um die Katioitenliesernng, die Serbien ausgeschrieben hat. Für die österreichischen Skoda- Werke ist jetzt auch die österreichische Regierung eingetreten. Dieselbe droht angeblich mit einem Zollkrieg, wenn die Kauonenlieferung nicht Oester­reich übertragen wird. Unter diesen Umständen kann man es der serbischen Regierung nicht ver­argen, wenn sie an den Rücktritt denkt.

In Nord-China scheint die Erregung der Bevölkerung gegen die europäischen Missionare im Zuuehmen begriffen zu sein. An verschiedenen Orten hat man es bereits für notwendig erachtet, den Missionaren militärischen Schutz zu gewähren.

„Komm", hauchte der Rötzlwirt mit schwacher Stimme, „will Euch nicht mehr entgegen sein. Meine Tochter — soll ihren Vater — segnen all ihr Lebtag' — und glücklich werden — Gott segn' Euch — und — erbarm' — sich meiner — armen Seele. . ."

Greil und Toni knieten am Rande des Bettes nieder.

Und als später Toni das Haus verließ, in welches er bald nachher als Herr und Gebieter einziehen sollte, da schaut er im Vorübergehen dankbar an dem alten Turm empor, sein Dank galt den — Osterglocken.

Zwar hatte Gretls Vater, ein gutherziger, ober strenger Mann, den Toni immer gern gehabt. Er konnte ihn auch ganz gut gebrauchen, als tüch­tigen Arbeiter auf feinem Hof. Und er Ware wohl auch nicht abgeneigt gewesen, dem Toni sein Töch­tern als Ehegespons zu geben und feinen Segen dazu. Aber da war der Toni gleich mit der Tür ins Haus gefallen. Und fein Ungestüm State den Alten nachdenklich gemacht. Das aber brachte den Toni wieder zur Verzweiflung und zum leiden­schaftlichen Ausbruch.

Den Hwist, der zwischen dem Rößlwirt und dem Toni entstanden war, wußte sich der Rosen- baners-Karl von Rußbach zunutzen zu machen, der den Toni stets als glücklicheren Rivalen beneidet hatte. Er fühlte jetzt, daß fein Weizen blühen könnte, und ohne lange zu zögern, hielt er beim Rößlwirten um Gretls Hand an.

Dieser hätte den reichen Schwiegersohn schon ganz gern gehabt, wenn nur das Greil ibn ge­mocht hätte. Soviel Liebe batte er ober zu seinem einzigen Töchterlein, sie nicht zu einer Ebe wider ihre Neigung zu zwingen, die doch ihr Lebensglück hätte vernichten müssen.

Da aber der protzige Karl mit seinen zudring­lichen Werbungen nicht abließ, wuchs in Tonis Seele die Eifersucht zu einer riesengroßen Leiden­schaft an, die ihm die Sinne zu verwirren drohte.

Der Wabn umstrickte seinen Geist immer mehr, sodaß er bald nur noch von der Sehnsucht erfüllt war, Rache zu nehmen an dem verhaßten Neben­buhler, ihn aus dem Wege zu schaffen, mag’S kom­men, wie es wolle. Und so stand er nun da in­mitten der entzückenden Morgendäimiierung, fin­ster und zornfi. Hier stand er und von hier wollte er nicht weichen, bis das Werk der Rache geschehen. Er wußte, daß der Karl um die sechste Morgen- stunde von Rußbach nach Buchweiler gehen, würde, um zum Morgenaottesdienst zu kommen.

Das also wußte der Toni, und darauf baute er feinen Plan. Käme der Karl hier vorüber und die Gelegenheit wär' günstig, bei Gott — er knirschte mit den Zähnen und stampfte zornig mit dem Fuß an den feuchten Erdboden. Und doch — das Herz klopfte gewaltig in seiner Brust und drohte sie zu zersprengen. Wie, wenn er den Karl tödlich traf — es war ja nicht seine Absicht. Er wollte ihm ja nur einen Denkzettel geben, an dem er sein Leben lang zu tragen gehabt hatte

Aber trenn nun doch der Zufall! Der Gedanke war nicht auszudenken. Das war ja ein Mord!-- . Yo

Heute war wieder Ostern — tote damals, als fein frommer Vater mit einem feierlichen Segen für den Sohn starb. „

Doch was,zeigt sich da hinten an der Krüm­mung des Weaes? Ein rotes Wawws, eine wetße Mütze _ Ach _ er ist's — der Verhaßte, der Bösewicht, der Glücksröuber--,

„Grell, mein Gretl, und dem soll ich Dich über­lassen, der soll Dir die Rosen von der Wang' küs­sen, frohlocken und lachen über den armen Toni — der--"

Krampfhaft hält die Rechte die Büchse um- svannt, während die Linke auf die Brust gepreßt ist, um das ungestüm pochende Herz zu beruhigen.

Und die Gestalt kommt näher und naher — wahrhaftig es ist kein anderer, es ist der Karl . . .

Doch was ist das? .

Ein Ton, langhingezogen und feierlich, butto üttert die Lust und unterbricht die lautlose Still Noch einer — und noch einer — und nun tn har manischem Dreiklang tönt das Glockengelaute von fernen Kirchturm herüber.

Osterglocken! Die ihr die Auferstehung be? Herrn verkündet, durch die Haß und Zwtetrach' und Sünde getilgt und der Friede m die Welt ge bracht ward!

Toni hat sich erschrocken an die Stirne gegris fen. Die Büchse war der zitternden Hand entgilt ten und zur Erde gefallen. Es ist, als ob eine un- widerstehliche Macht ihn zu Boden zieht Er knie nieder — er faltet die Hände — und tn einer Strom von Tränen löst fein namenloser Schmer sich auf . . .

Die Frühmesse ist beendet. Toni ist in sein^be rcheidenes Heim zurückgekehrt — mit leuchtenden Vlick trat er der Mutter vor die Augen, um ihr den Morgengruß zu entbieten.

Da pocht es stürmisch an der Tür. Und schon stürzt die Grete herein, Tränen in den Augen

„Komm, Toni, komm", ruft fie bern Ueberrasch ten entgegen. „Den Vater hat s gepackt. L kommt nicht mehr auf. Komm eilig, er hat naci Dir verlangt."

Nach wenig Augenblicken betrat Toni bas Sterbezimmer bes Rößlwirten, ber vom schlage getroffen dalag, wie ein gefällter Eichenstamm

vermischtes.

* Dresden, 9. April 1906. Der russische Fürst Kotschoubey, der seinerzeit den Portier des hiesigen Hotels „Europäischer Hof" derart mißhandelte, daß er dauernden Schaben davontrug, ist jetzt vom hiesigen Landgericht auch zur Zahlung einer lebenslänglichen Rente an den Geschä- digten, ber erst 30 Jahre alt ist, verurteilt worden. Diese Rente beträgt bis zum 55. Lebensjahre jährlich 1520 Jt. Von da an soll die Rente jähr- lich 1013 dH und vom 60. Lebensjahre ab nur 506 M betragen.

* Niesenschiffe. Aus London wird geschrie­ben: Die beiden Cunard-Dampser Mauritania und Lusitailia, die mit 40 Millionen Mark, welche die Negierung geliehen hat, gebaut werden, gehen ihrer Vollendung entgegen. Sie werden im Juli vom Stapel laufen. iDe beiden Dampfer, die größten Schiffe der Welt, werden^ 60 Fuß länger als das größte bisher gebaute Schiff sein. Tie Bruttotoniiage beträgt 33 200 Tonnen, die größte Breite 88 Fuß; das Schiff ist mit Turbinen- maschinen ausgerüstet, die 80 000 Pferbekräfte entwickeln können; die Minbestgcfch.vinbigkeit be­trägt 24 Knoten in ber Stunde, der vorhandene Platz reicht für 3000 Fahrgäste, und die Be­satzung zählt 800 Köpfe.

* Englische Spitzbuben. In ber Greizer Han­delskammer wurde laut „Leipz. N. Nachr." Klage darüber geführt, daß in der letzten Zeit die Waren- diebstähle aus Versandkisten in erschreckender Weise überhandnehmen, und zwar bei Versandlisten, die für England bestimmt sind. Es sind Fälle zu ver­zeichnen, in denen bei Sendungen von 300 Dutzend Strümpfen nur 295 Dutzend nnaefommeti sind. Soviel ist festgestellt, daß die Diebstähle auf eng- lifcher Seite ausgeführt wurden, entweder von Zoll- oder Eisenbahn-Angestellten. In einigen anderen Fällen ist festgestellt worden, daß die Diebstähle in Hamburg von einer organisierten Diebesbande, und zwar beim Verladen auf das Schiff, ausgeführt werden. Da auch andere Han­delskammern über derartige Spitzbübereien Klage zu führen haben, so soll die Regierung um Er­greifung der strengsten Maßregeln ersucht werden.

* Hoffnungsreich. „Nun, Herr Leutnant, was macht denn Ihr fünfjähriges Söhnchen?" — „Kolossal talentvolles Kerlchen, kann schon mit Monoele lesen."

kl c. Die Osterglocken.

Skizze von Paul Alexander.

Es ist noch früh und heute ist Ostern, ber erste Feiertag.

Doch was regt sich da am Unterholz, hart am Wege, ber von Rußbach nach Buchweiler führt, an dem Wege, ben die Rußbacher Leute benutzen, um des Sonntags nach Buchweiler zur Kirche zu gehen?

Ein junger Manu mit schlankem Wuchs, mit hübschem Antlitz, die blonden Locken frei aus ber Stirne gekämmt, fielst an einem Baumstamm ge­lehnt, unb blickt finster vor sich nieber.

Der Toni wäre der bravste Bursche von ganz Buchweiler gewesen, wenn ihn nur der Jähzorn nicht zuweilen zu dummen Streichen verführt hätte. Es lief aber stets zum Guten aus und im mer gelobte er sich Besserung. Es hielt bann auch immer Inägere Zeit vor.

Diesmal aber wollte es nicht mehr Vorhalten. Der Schimpf war zu groß, ben ihm der Rosen- bauers-Karl von Rußbach angetan. Dieser wußte genau, daß der Toni das Gretl vom Rößlwirten liebte wie fein Leben, und daß das Gretl ihm auch ergeben war unb ihn nicht gelassen hätte, um alle Schütze ber Welt. Aber der Toni war ein armer Bursch, und ber Karl einer der reichsten Protzen- bauern in ber ganzen Gegenb.__

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