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€tf»tintiäglid>, mft Aurnayme U. Sonn« Mno»ei <■; ge. vierlel- . czuaspreis i ; e Bringerloljn unb Btfiellgelb in Salbo unb auswärts! Bl! 50 Pfg.
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M 81.
Zweites Mt'att.
<f> Palmsonntag.
DaS „Stabat mater“ der vergangenen Woche ist verklungen. Es naht die bedeutungsvolle, große, heilige Woche» in der der Gotlmensch fein Erlösungswerk vollendet. Der Palmsonntag leitet die Leidenswoche mit erhebender Feier ein. Noch einmal, aber nur für wenige Augenblicke gießt die katholische Kirche Freude in die Herzen ihrer Kinder. Heule feiert sie den feierlichen Ein» zug Jesu in Jerusalem. Mit der Palmen weihe beginnt die Feier. Diese Segnung und Weihe der Palmen ist ausgezeichnet mit herrlichen, kräftigen Gebeten, durch welche der Segen des Himmels und die Barmherzigkeit des Henn auf das Volk Gottes herabgerufen wird.
Nach Verteilung der Palmen zieht die Prozession hinaus vor die Kirche, um darzustellen, was in der herrlichen Antiphon ausgedrückt ist, die während der Prozession gesungen wild: „Es eilen die Scharen mit Blumen und Palmen dem Welterlöser entgegen und reichen dem Sieger aus feinem Triumphzuge würdige Spenden." Die Prozession zieht vor das Haupt- portal. Einige Sänger singen innerhalb der Kirche bei ae'chlosfenern Portale mit dem draußenstehen- den Ehor einen Wrchielgesang, in dem der Erlöser als König Israels und wiederum als „König so gut und so mild" gefeiert wird. Nach der Beendigung dieser Jubelhymne klopft der Priester mit dem Schafte des Prozessions - Kreuzes an das Portal, das nun geöffnet wird. Diese sinnige Zeremonie soll die Wiederöffnuuq des Himmels durch den Kreuzestod Christi barfteüen. Tie Prozession hält jetzt ihren Einzug unter den ergreifenden Klängen der Antiphon: „Tnyrediente Domino in sanctnm ciritatem.“ (Als der Herr in die heilige Stadt ein zog.) Diese Antiphon, im allen vierstimmigen Pfalmenton gesungen, macht einen erhebenden, fast wehmutsvollen, rühi enden Eindruck; denn nur zu bald schon verwandelt sich das Jubelgeschrei des jüdilchen Volkes in das wüste „Tolle, tolle!* — „Hinweg mit ihm, hinweg mit ihm! ,.Crn< ifi»e eum, crucifige enm!“ — „Kreuzige ihn, kreuzige ihn!"
In diese Gedanken leitet jetzt die Kirche über, wenn sie bei der nun folgenden hl. Messe sich wieder trauernden Herzens ganz versenkt in das Leiden des Heilandes. Deshalb auch lieft sie heule schon die Leidensgeschichte des Herrn nach dem Evangelisten Matthäus. Und sie wiederholt diese Leidensgeschichte am Dienstag (nach dem hl. Markus), am Mittwoch (nach dem hl. Lukas) und endlich am Karfreitag nach dem hl. Johannes. Ernste Klagelieder dringen in der Karwoche in den Trauermelten (Tenebras) an unter Ohr. Immer näher rückt der große Leidenstag. her Karfreitag, der in dem die Welt erlösenden Worte des sterbenden Gottmenschen: „CoiikTunmatum est !“ — „Es ist vollbracht!" seine höchste Bedeutung hat.
In stiller, stummer Trauer weint die Kirche am Grabe des Erlöser«, bis sich am Karsamstag aus sanften Akkorden der Anserstehungsvorfeier in mächtigen Jubelklängen das „Surrexit, Alleluja! — Er ist auserstanden, Alleluja!" hindurchringt. —
.iPopule meus, qui feci tibi? Mein Volk, mein Volk, was tat ich dir?" Wie be-
Auferstehung.
Roman von Felix Nabor.
39) (Nachdruck verboten.)
Viertes Kapitel.
Sobald sich der Zug dem ersehnten Ziele näherte, bemächtigte sich heftige Aufregung der Pilger. ES war bereits Abend, als er in die Bahnhofhalle bon Lourdes einlief. Die Türen öffneten sich lind beim Schein der Lampen entleerten sich die Wag- drängte zu den Wagen, Landauern und Tragbahren, welche die Pilger und die Kranken in die Hotels und Spitäler der Stadt brachten
Maria Felice wartete mit ihren Begleitern, bis sich die große Menge verlaufen hatte; dann trugen sie Gabriel und sein- Begleiter zu dem Wagen, den sie vorausbestellt batten und der sie vor dem Bahnhofe erwartete. Im Hotel empfing sie der Besitzer mit zwei Bedienten und eine Krankenschwester kam ihnen mit dem freudigen Gruße entgegen: „Gelobt fei Jesus Christus!"
Maria Felice reichte ihr lächelnd die Hand und sagte: „Sie hätten mir nicht lieberes bieten können, als diesen Gruß. Nun sind wir schon bekannt mit einander, denn dieser Gruß umschlingt die ganze Welt und macht uns alle zu Brüdern und Schwestern. Er sagt mir auch, daß Sie sich meiner an nehmen werden und das tröstet mich. Ich danke Ihnen von Herzen, ehrwürdige Schwester . . . wir werden wohl oft beieinander fein und miteinander beten . . . nicht wahr, das wollen wir?"
Die Schwester nickte und betrachtete voll Mitleid die hinfällige Gestalt, die unter den Händen der Krankenträger zu zerbrechen drohte; aber sie felangte trotzdem ohne Unfall* in die für sie bestimmten Zimmer, die die Krankenschwester mit ihr teilen sollte, während der Prälat und Gabriel Me ihrigen auf der anderen Seite des Korridors,
Fulda, Samstag, den 7. April 1906.
33. Jahrpana.
rechtigk ist nicht diese Frage des leidenden und sterbenden Erlösers in unserer glaubenslosen gotten fremdeten Zeit. Verstummt ist daS „Hosa- nah dem Sohne Davids", dafür aber tönt von den Hochschulen markerschütternd durch die Welt der Ruf: „Hinweg mit ihm! wir erkennen seine Gottheit nicht an", und eine ungläubig verblendete, irregeleitete Menge stimmt mit ein in den Rus: „AnS Kreuz mit ihm, kreuzige ihn!"
„Die Welt liegt im Argen". Möge auch ihr gleich der Natur, die des Schöpfers Ruf auf« erstehen heißt, ein Ostermorgen beschert fein, der ihr zum Heile gereicht.
Unpolitische Zeitlaufe.
G Berlin, 5. April 1906.
(Nachdruck verboten.)
Eine Hausfrau und Mutter von fünf Kindern ruft den unpolitischen Onkel um Hilfe an. Ihr Mann wird ihr entführt, und zwar von sog. guten Freunden. „Ich hatte", so schreibt sie, „bis jetzt ober vor kurzem noch das Glück, einen netten Mann zu besitzen, dem Familiensinn eigen war; die „guten Freunde" aber ziehen ihn aus dem Hause und sind auf dem besten Wege, unser häus» liches Glück zu zerstören. Mein Mann ist als An- gestellter den ganzen Tag über außer dem Hause tätig. Ich habe mein mühevolles Tagewerk tut großen Haushalt und suche keinen Verkehr ohne meinen Mann. Umsomehr freute ich mich immer auf seine Gesellschaft am Abend und an den Sonntag-Nachmittagen. Aber da erscheint eines Sonntags nachmittags einer von den Bekannten meines Mannes, und in einem heißen Eifer, der ihn meine Anwesenheit vorerst nicht merken ließ, redet er meinem Mann zu, daß er doch in seinen vier Pfählen nicht versauern dürfe, er solle mitkoui- men, statt sich hier zu langweilen rc. Mein Mann, der sich gerade mit unserem Kleinen schön amüsierte, ging zwar nicht gleich auf die Versuchung ein, aber er genierte sich doch, rundwea abzusagen. Die guten Freunde hätten ihn ja als Stubenhocker und Pantoffelheld bespötteln können. Nach einer Stunde verschwand er; zum Abendbrot kam er flüchtig wieder, ging aber dann von neuem fort, weil er es „versprochen" hotte. Die erhoffte Sonn- . tagsfreude verwandelte sich in stillen Schmerz. Ein anderes Mal ist das Engagement für den Sonntag Nachmittag schon tags vorher besorgt; man hat sich zufällig getroffen, und es ist zufällig dies oder jenes los, bei dem mein Mann „nickt gut fehlen kann". Und dann wird an den Werktagen der eine Abend nach dem anderen mit Beschlag belegt. An Vorwänden fehlt es den Herren ja nicht. Da hoben sie z. B. diese oder jene Liebhaberei, wie Gartenpflege, Geflügelzucht und desgleichen zu besprechen. Dos Ende vom Liede ist aber eine lange, lange Biersitzung. Ich w"iß, daß es am Stammtisch manchmal recht fade und langweilig wird; aber sie gehen doch nicht, denn was würden die anderen denken und sogen, wenn einer so „frühzeitig" nach House ginge! Eine trnurige Menschenfurcht und Unselbständigkeit ist leider beim „herrschenden Geschleckt" sehr häufig zu finden. Das zeigt sich auch, wenn ein Kumpan mit großem Munde frivole Reden oder Religionsspöttereien führt. Die tapferen Männer schweigen ober stimmen gar ein. Wenn aber bie Fron mal ein ernstes Wort sagt über die Bummelei und den schleckten Ton, dann wird sie als engherziger Dracke verschrieen. Sehr geehrter Herr Plauderer, lassen Sie doch bald einmal eine geharnischte Epistel los über den Segen des Verkehrs mit so- genannten guten Frunden, und ob für den ber- beirateten Mann der Verkehr in Familien sich schickt ohne die eigene Frau, überhaupt über das Leben außer dem Hause. Es wird vielleicht helfen,
denn Ihre Zeitläufe werden auch von unseren Herren Gebietern gelesen."
* Wer von un? Ehemännern ohne alle Sünde ist, der mag den ersten Stein auf diese klagende Frau werfen. Ich nicht. Es fehlt uns in der Tat oft an dem richtigen Verständnis für die seelischen Bedürfnisse der Frau und an Charakterstärke gegenüber den Bekannten und sogenannten Freunden.
Um es mit meinen Geschlechtsgenossen nicht ganz zu verderben, will ich gleich sagen, daß ich keineswegs den Mann zu ewiger Haushockerei ober zum Verzicht auf alle rein männliche Geselligkeit verpflichten will. Schiller sagt: „Der Marn muß hinaus in's feindliche Leben". Er kann auch manchmal inS freundliche Leben hinansgehen, ohne feine Frau mitzunehmen. Wenn alles tn richtiger Ordnung ist, fo will ja auch die Frau nicht immer mit. Aber die Frau will auch nicht immer zu Hanse bleiben und namentlich nicht allzuviel allem zu Hause sitzen. „Und drinnen waltet die züchtige Hausfrau", sagt derselbe Dichter. Es wäre grundfalsch, wenn man diesen Vers so auslegen wollte, als ob die Frau gar nickt die Nase herausstrecken sollte und gar feine Geselligkeit außer dem engsten Familienkreise nötig hätte. Tie Frau gehört inS Haus; gewiß, wie der Pfarrer tn bie Kirche gehört. Aber sie biirfen auch mal frische Luft schnappen außerhalb ihres eigentlichen Wirkungskreises Der Mann ist in der Familie der Minister des Auswärtigen; doch gehört er nicht bloß nach brau feen, sondern hat auch drinnen seine P stickten zu erfüllen, nicht bloß die fiifeen, sondern auch die sauren. Vater und Mutter gehören zusammen. Nickt wie siamesisch' Zwillinge, die sich leinen Augenblick voneinander trennen können, sondern in einer Herzensgemeluschaft, die auch bei zeitweiliger räumlicher Trennung verhindert, daß die räumliche Trennung über das gehörige Maß hinaus- gehe.
Ich kenne Ehemänner, die es für eine ganz unmögliche Todsünde halten, ihrer Frau oder ihren Kindern etwas an den leidlichen Bedürfnissen fehlen zu lassen. Nein, sie fügen gern zum täglichen Brot noch recht dicke Butter und machen sich eine Freude daraus, für hübsche Kleider und dergleichen zu sorgen. Dabei sind sie mit sich selbst sehr zufrieden und kommen sich als musterhatt.» Hausväter vor. D"r Körper bekommt alles, waS er braucht, innen und außen; nu*- die geistigen Bedürfnisse der Frau lassen diese bernieratlicten Mustergatten links liegen. Ein herzliches Wort der Anerkennung für ihr mühsames Wirken in Küche und Kinderstube würde die Frau glücklich machen; aber der Mann nimmt ihre Leistung"» als etwas Selbstverständliches stillschweigend hin. was sie wie Geringschätzung empfindet. Sie wurde es als Ehre und Freude empfinden, wenn er sie teilnehmen ließe an den Sorgen und Erfolgen seiner Berufstätigkeit; aber wenn sie in der Feierstunde daran tippt, so wehrt er ab und verbittet sich die Versalzung seiner ErholungSstunben mir Geschäftsgedanken. Er liest abends ferne Zeitung und könnte der Frau, die mit ihrer Handarbeit dabei sitzt, eine erfrischende Stunde bereiten, wenn er mit ihr den Lons der großen und kleinen Welt bespräche; doch ihm ist es bequemer, die Neuigkeiten allein zu verschlingen, an den Wissciistrieb und das Unterhaltungsbedürsms seiner Frau denkt er nicht. Seinen eigenen Gefelligkeitstriev hält er für etwas Großes und befnebiHt ihn reck' reichlich; daß feine Frau auch mit der Außenwelt in Fühlung bleiben, auch mal m:t anderen Leiste:,, als kleinen Kindern und Dienstboten, einen Meinungsaustausch pflegen, zeitweilig durch einen gemütlichen Spaziergang sich ausfrischen mochte, daran denkt er nicht. So können auch gutwillige Männer zu schlechten Hausvätern werden, wenn sie es an Augenmerk und Verständnis für die geistigen Bedürfnisse ihrer Angehörigen fehlen lassen.
Die Frauen sind verschieden; bie eine braucht mehr Unterhaltung und außerhä rstill,- Anregung, wie die andere. Ter Mann mutz feine Frau in ihrer Eigenart zu erkennen suchen; er muß ihrem Bildungsgrad, ihren Gewohnheiten, ihrer Gemüts- stimmung vernünftig Rechnung tragen. Ein altes Sprichwort sagt, daß man sich nach der Hochzeit erst kennen lernt. Aber sie hat schärfere Augen als er; oft lernt der Mann nicht einmal bis zur silbernen Hochzeit feine Frau kennen. Er achtet nicht auf ihr inneres Leben. Wenn sie verdrossen, launisch, nervös wird, so hält er das für weibliche Schwäche ober gor für Bosheit, statt sich zu fragen, ob er nicht vielleicht die Frau falsch behandelt hat, ob er sie nicht durch Vernachläfsigung krank gemacht hat, ob er nicht ihr Herz und ihren Geist hat hungern und dursten lassen, während er seiner Berufsarbeit, feiner Vereinsmeierei, feinen Stammtisch- freundschasten und seinen Liebhabereien nachgegangen ist. Eine brave Frau verlangt nicht viel; hat der Mann nur etwas Aufmerksamkeit und Verständnis für ihre geistigen Bedürfnisse, so kann er ganz leicht, ohne erhebliche Opfer seinerseits, einen befriedigenden Ausgleich finden zwi- fchen ihren und seinen Ansprüchen. Ter Ai'sgleich, die freundschaftliche Verständigung übe: die Le- bensorbniing, das ist die Hauptsache. Wenn der Mann dann feine eigenen Wege geht, so nimmt er das Bewußtsein mit: Meine Frau ist bainit ein- verstanden, sie ärgert sich nicht während meiner Abwesenheit, und wenn ich heimkehre, dann ist Son- nenfcMn in der Stube.
Aber wenn nun der Mann mit Blindheit geschlagen ist, soll die Frau dann murren ober trotzen? Ich glaube, sie kommt in Güte weiter, indem sie mit der klugen Liebenswürdigkeit, die ein Erbstück der Mutter Eva ist, ihren Mann zum Verständnis für ihre Geistes- und Herzensbedürfnisse erzieht. Langsam, aber sicher, wenn sie es mit einem gutwilligen Mann zu tun hat und die Sache schlau anfängt. Wenn die „guten Freunde" ihn verführen wollen, so muß sie eine Gegenversuhrung zum Guten in Szene setzen. Aber nicht den Bogen fo überspannen, daß er bricht. Das beste Heilmittel gegen bie Blumensucht ber Männer ist immer noch bie häusliche Gemütlichkeit. Dazu gehört freilich auch, baß die Fra» dem Manne bk abenb- lichen Erholnngsstiindeii nicht vergällt durch kleinliche Hetzerei, fonbern sich von ihrer besten Seite zeigt.
Aber ich soll ja eigentlich den Männern die Leviten lesen, und das möchte ich auch noch recht kräftig besorgen in dem Punkt der Unselbständigkeit, ber Unabhängigkeit von ben sog. guten Freun- ben und Bekannten. Es ist in der Tat eine Schande, wie so mancher Mann, der zu Hause sich gern auf den König hinausspielt, ein wahrer Sklave seiner Bekanntschaft ist. Aus Furcht vor einem schlechten Witz wagt der tapfere Held keine Einladung zum Bummeln abzuschlagen. Wenn er am Stammtisch sitzt und das fade ober faule Gespräch ihin so sauer ausstößt, so möchte er wohl nach Hause gehen, aber es fällt da ein spöttisches Wort über Hausschlüssel und Pantoffel, er bleibt sitzen unb bilbet sich ein, ber rechte Genuß werde wohl noch kommen. Aber was nachkommt, ist noch häßlicher. Aergerlich geht er spät heim, und zu Hause erfährt er vielleicht noch eine wohlverdiente Steigerung seines Aergers. Daraus sollte er die vernünftige Lehre ziehen: Solche Dummheiten mache ich nicht wieder. Aber — was würden bie anderer» sagen? Nein, nun gerade!
Das ist dumm, und im Fortgänge wird es schlecht, und das Ende ist oft ein schweres Unglück.
Darum möchte ick den Männern, die wirklich noch etwas Männliches im Charakter haben, dringend folgende Ratschläge ans Herz legen:
1. Wenn du ohne deine Frau in Gesellschaften gehen willst, so tue es nie ohne ihr Wissen und ohne ihr Einverständnis; das letztere wird dir
aber auch nebeneinanberlicgenb, angewiesen erhielten.
Nachdem sie gemeinsam in Maria Felices Zimmer zu Nacht gespeist hatten, trennten sie sich und die Kranke war in bester Stimmung. Am anderen Morgen aber hatte sich ihr Zustand fo verschlimmert, daß eiligst ein Arzt gerufen werden mußte. Dieser erklärte Maria Feliee's Schwächezustand als eine natürliche Folge der langen, anstrengenden Fahrt; er verordnete Kräftigungsmittel und empfahl unbedingte Ruhe. Als sie die von ihm verordnete Arznei genommen hatte, fiel sie in einen ruhigen Schlummer und der Prälat und Gabriel ließen sie unter der Obhut der Schwester zurück.
Der Priester las die heilige Messe in der Rosen- kranzkirche und Gabriel benützte den schönen Morgen, um bie Stadt zu besichtigen und ihre Heiligtümer zu besuchen.
Strahlend stieg die Sonne am Himmel empor, der sich tiefblau über den Bergen spannte: die Lust atmete die Frische unb den Duft des Lenzes und trank aus dem leuchtenden Kelche der jugend- friscken Natur.
Aber inmitten dieser strahlenden Natur sah Gabriel nur Elend und Jammer, vom flammenden Lichtschein ber Sonne grell beleuchtet. Alle Leiden und Krankheiten der Erde schienen sich hier ein Stelldichein gegeben zu haben. Es war ein lebendiger Strom des Elends, der Not, de3 Unglücks, es war ein Meer von Klagen unb Seufzern, das die fonnenbeschienene Straße überflutete. Endlose Scharen zogen dahin und immer neue Krankheiten tauchten auf. Wer vermag sie alle zu nennen, bie Taufende von Kranken, die neben den Lahmen unb Krüppeln, den Blinden, den Fallsüchtigen dahinzogen. Es war ein Jammer ohne Ende, ein Elend ohne Grenzen!
Alle trieb die heiße Sehnsucht, zu leben, gesund und glücklich zu werden, hierher; alle kamen voll Vertrauen, voll Hoffnung, voll Liebe. Alle trugen eine strahlende Flamme in ihrer Brust, die sie vorwärts trieb zu der weltberühmten Grotte, zu dem
Gnadenwasier, zu der Wunberstätte. Tie Klagen unb Seufzer verwandelten sich in einen einzigen großen, hoffnungsvollen Ruf aus bedrängter, gequälter Menschenbrust: „Marra — o Maria hilf!"
Gabriel war tief erschüttert vom Anblick so vielen Elendes, über dessen schmerzvollen Leidenszug die strahlende Sonne ihre leuchtende Bahn zog und auch den Schmerz noch in den goldenen Mantel ber Liebe hüllte.
Er stieg zu einer Anhöhe empor, von der aus er die Stadt übersehen konnte. Tie Sonne überstrahlte mit goldenem Lickte die Stadt und den einsam ragenden Fels mit'ben Ruinen eines alten Schloff es, das sich zwischen der neuen unb der alten Stadt erhob, die mit ihren kleineren und schmucklosen Häusern in eine breite Talmulde gebettet lag. Am Fuße des Felsens wälzte sich mit hellem Rauschen der Gavesluß mit seinem klaren, blaugrünen Wasser dahin.
Im Hintergründe ragten der kleine und der große Gers wie zwei Riesen tn die Wolken hinein. Im Süden erschienen über den steilen Sängen die weit entfernten Gipfel der Pyrenäen, von leichtem, bläulichen Tunst umhüllt. Jenseits des Flusses erblickte Gabriel auf den sanft ansteigen- den Terrassen die zahlreichen klösterlichen Hospize und Anstalten, welche bie christliche Liebe und Barmherzigkeit für die Kranken hier ins Dasein gerufen hatte: das Waisenhaus, das Kloster der Karmeliterinnen, die Dominikanerinnen von Mariä Himmelfahrt unb andere. Wie glänzende Blumen waren sie aus der Erde hervorgesprogt, wie ein blühender Kranz von Werken der Barmherzigkeit unb Liebe schlangen sie sich um bie silberne Stirne bes Gnadenortes. ,
Heller Glockenklang, der tn feierlichen Akkorden durch die Lust brauste, aus den Tälern, von den Höhen, aus den Lüften herab hundertstlmm-.g widecklang und wie ein jubelnder Morgenhymnus sich zum Himmel schwang, riß Gabriel aus seinen Betrachtungen. Er wandte sich um, schritt Weiler und blieb mit einem Ruf des Entzückens stehen:
das Sonnenlicht beschien eine Reihe von Kuppen, die einen purpurslammenben, gclbgefänmten Hintergrund, einen strahlenden Berg bildeten, der wie mit einem Gforienschein umgeben war. Und vor diesem lichtüberslnteten Riesentepplch aus Purpur, Gold unb Sonnenglanz hoben sich die drei iibercinanbcrgctürmteit Kirchen ab, gleich einer dreifachen Krone zum Preise der himmlischen Jungfrau, wie ein Diadem aus Licht, Perlen. Diamanten und Rubinen.
Da war die Rosenkranzkirche und die Krypta, die gleichsam wie steinerne Riesen aus der Erde herauswuchsen und mit den kolossalen Doppelrampen den ganzen Raum zu umschlingen schienen.
Und bann die milchweiße Basilika mit ihrem schlanken Turme, die sich auf dem Felsen von Massabielle frei unb kühn wie ein steinernes Gebet, wie eine makellose, weiße Taube zum Himmel emporschwingt. Diese Kirchen leuchteten in ber Morgenfonne, als wären sie mit golbenen Schlei- ern bedeckt, und dazu fangen und klangen immerfort die Glocken.
So zogen die Kranken zur Grotte, verneigten sich vor der gekrönten Bildsäule ber Unbefleckten, und bald verschwand die Spitze des Zuges unter ber hohen Bogenwölbung ber Rampe.
Auch Gabriel folgte dem Zuge, bis er, geblendet von dem Lichtglanz, ber wie heiliges Feuer aus bem Innern bner Grotte drang, stehen blieb. Von strahlendem Glanze umwoben, thronte bie Gestalt der heiligen Jungfrau in der Grotte, vor der sich alle nrederwarfen. Gabriel betrachtete daS wunderbare Schauspiel vor ihm. Ein Gitter schloß die Grotte ab; dahinter standen zwei pyramidenförmige Kerzensländer mit Hunderten von Lichtern, deren Glanz die Grotte in ein schimmerndes Lichtmeer hüllte. Tie Wölbung der Höhle war düster und von Kerzenrauch geschwärzt, die rechte Seitenwand geglättet von zahllosen Küssen. An der linken Seitenwand hingen eine Menge von Krücken und Stöcken, die Zeugnis ablegten