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33, Jahrqanq.

Fulda, Mittwoch, den 4. April 1906.

i J\ß 78,

Zweites Wlatt

Reklamen- und Anzeigenteil.

das siltliche Urgesetz dem Gewissen der Mensch­heit einzuschärfen, und der unfehlbare Papst sei nlsdann enlbehrlich geworden, wenn die Mensch- jtit selbst in ihrem Wissen und Gewissen un- ehlbar geworden sei. Dann aber werde auch euer falsche Liberalismus überwunden sein, den der EyllabuS verurteile, überwunden durch den echten Liberalismus, der sich in dem Grundsatz dokumentiere, daß man Gott mehr gehorchen mufft, als den Menschen. Heute aber gelte das Wort, daß, wenn das Papsttum nicht wäre, man es erfinden müßte zum Heile der Menschheit.

Der lebhafte Beifall, der diesen mit Rach- iruck vorgetragenen Worten folgte, bewies, wie ehr Prof. Braig aus dem Herzen seiner Zu- )örer gesprochen hatte.

Kgm Wachißcllmg und der Iyllndus.

So lautete das Thema eines BortrageS, den Professor Dr. Braig aus Freiburg i. Br. an einem der letzten Abende auf Veranlassung des verdienstvollen „Komitees zur Abhaltung wissen­schaftlicher Vorträge", im großen Saale des Architeklenhauses zu Berlin gehalten hat. Die „Syllabus-Frage" ist gerade in der letzten Zeit wieder der Gegenstand lebhafterer Erörterungen gewesen, da gewisse Politiker trotz aller Gegen­beweise immer wieder den Versuch machen, mit dem Syllabus die Intoleranz der katho­lischen Kirche zu folgern und in der nicht- katholischen Presse dieser Versuch zu dem Be­streben erweitert wird, die Kirche in einem un­versöhnlichen Gegensatz zu allen Fort­schritten der Wissenschaft und des modernen Lebens zu zeigen. Der Umstand, daß der große Saal, in welchem der Vortrag statt­fand, bis auf den letzten Platz gefüllt war, be­kundete das lebhafte Interesse, das in den katho­lischen Kreisen Berlins diesen Dingen entgegen» gebracht wird.

Professor Braig verstand es, das schwierige Thema in allgemein faßlicher Weise zu behandeln und vor allem darzutun, in welch' unrichtiger und ungerechter Weise der Syllabus von den Gegnern der katholischen Kirche angefeindet und zu Angriffen auf die Kirche benutzt wird. Die Ausführungen des Redners waren von einer Wärme der Ueberzeugung getragen, die sich un­mittelbar den Zuhörern mittelste, und vereint nut einer stolzen Zuversicht auf die Zukunft dem ganzen Vorträge einen idealen Schwung ver­liehen. Non praeteribit, sie wird nicht auf­hören ! die weltbeherrschende Stellung Roms und des Papsttums, das war der Ausgangs­punkt und die Schlußwendung der Darlegungen Prof. Braig's. Non praeteribit! das sei die Ueberzeugung der Millionen und Millionen Katholiken heute wie in den Tagen Leo's des Großen und Dante's. Gegen diese Ueberzeugung führten die Gegner vor allem zwei Vorgänge tn's Feld, um zu erhärten, daß Rom und das Papsttum, weil in einem unheilbaren Gegensätze zur Entwicklung der Kultur befangen, dem Fort­schritt der Zeit zum Opfer fallen müßten: den Prozeß gegen Gallilei und den Syllabus. In unseren Tagen bilde der letztere das Hauptargu­ment der Gegner. Obwohl sicher nur wenige von dielen Gegnern das Aktenstück gelesen und noch weniger seine Bedeu­tung verstanden hätten, genüge ihnen doch die Verurteilung des Liberalismus, des faljchen Liberalismus, die der Syllabus enthalte, um den letzteren als unumstößliches Dokument für die Kuiturfeind'ichkeit des Papsttums und der katholischen Kirche zu verwerten.

Mit Recht betonte der Redner diesem Unter­fangen gegenüber, daß die Bedeutung des Syl­labus nur aus der Geschichte feiner Ent­stehung erkannt werden könne. Prof. Braig sch Ivette, wie auf dem Konzil der «mbrischen Bischöfe zu Spoleto im Jahre 1849 aus Anregung des Biichofs Graien Pecci, des späteren Papstes Leo XIII., der Wunsch ausgesprochen wurde, die päpstltche Kurie möge zur Belehrung aller Mit-

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vermischtes.

* Volkszählungen im Tierreich. Gelegentlich dec unlängst im Deutschen Reiche vorgenommenen Volkszählung erinnerte der „Kosmos, Handweiser ür Naturfreunde", den die in Stuttgart ansässige Gesellschaft gleichen Namens jetzt allmonatlich ihren beiläufig 16 000 Mitgliedern liefert, an jene früheren Versuche, auf statistischem Wege eine Uebersicht über die Tierwelt zu gewinnen. Selbst­verständlich ist eine Zählung der auf der ganzen Erde vorhandenen Tierindividuen schlechterdings unmöglich, dagegen könnte eher daran gedacht werden, die Anzahl der vorhandenen einzelnen Arten wenigstens annähernd festzustellen, wenn ilcnt nicht entgegenstände, daß die Gelehrten noch gar nicht darüber einig sind, was eine Art sei, und was man unter diesen Begriff zusammenzu- ässen hat. Es kann sich deswegen auch bei den nachstehenden Angaben zumeist nur um annähernd Zutreffende Schätzungsversuche handeln. — Der Altmeister der Systematik, Karl v. Linnö, nahm um die Mitte des 18. Jahrhunderts 1100 lebende Tierarten an, deren Anzahl etwa hundert Jahre päter bereits auf ungefähr 130 000 gestiegen war. Nach einer kürzlich veröffentlichten Statistik der Tierwelt des Pariser Museums für Naturge­schichte gibt es gegenwärtig auf der Erde und in iien Meeren gegen 400 000 den Gelehrten bekannte und von ihnen beschriebene Tierarten. Darunter befinden sich 2300 Säugetierarten, von denen auf Deutschland etwa 100 kommen. Die Vögel sind mit 11000 bis 13000 Arten vertreten; Deutsch- land hat über 400 (davon 227 brütend) aufzuwei- fen, während weitaus die meisten in den Tropen beheimatet sind, zumal in Mittel- und Süd­amerika, wie denn Amerika überhaupt die reichste Tierwelt besitzt, da mehr als die Hälfte aller Säugetiey- und Vogelfamilien auf diesen Erdteil entfallen; dasselbe gilt von den Reptilien, Am- phibien und Tagschmetterlingen. Im ganzen zählt man 10 000 bis 12 000 Fischarten, darunter 300 Süßwasserfische. Von den Reptilien (Schildkröten, Krokodilen, Echsen und Schlangen) sind gegen­wärtig 2500 lebende Arten bekannt, unter denen gegen 1000 auf die Schlangen kommen. An Lur­chen oder Amphibien werden etwa 1200 Arten ge­zählt, Krebsarten 8000, Spinnentiere 2000 und mindestens ebensoviele Würmer, während man für die Weichtiere oder Mollusken (Schnecken, Mu­scheln, Tintenfische usw.) über 10 000 (nach ande- ren Angaben sogar 50 000 Arten herausgerechnet hat. Die Stachelhäuter (Seewalzen, Seesterne, Seeigel) schätzt man auf 4000, dagegen sind die am niedrigsten stehenden Urtiere hinsichtlich ihrer Artenzahl noch ganz unbestimmt. Weitaus den größten Artenreichtum hat die Jnsektenwelt auf­zuweisen, die von ihnen allein mindestens 280 000 liefert, darunter 120 000 Käfer, 50 000 Schmetter­linge, 38 000 Hautflügler usw.

Marktbericht.

» Frankfurt, 2. April 1906. Am heutigen Wochen­markt war Landweizen bei ausreichendem Angebot und normaler Bedarfsfrage etwas befestigt, Landroggen ruhig und unverändert. Ausländische Brotfrüchte bet knappen Beständen besser gefragt und etwas höher be­zahlt. Gerst? ruhig. Hafer gut gefragt und werter be- estiqt. Mais bei Heinen Beständen ebenfalls höher. Weizen, hiesiger und Wetterauer 18.70—18 80 Mark, kurhessischer 18.70—18.80 'Mark, norddeutscher 1870 bis 18.80 Mark, russischer 19.00-20.50 Mark, Red« nunter 00.00 00.00 M., Kansas 00.00 - 00.00 Mart La Plata 19.25-20.25 M., rumänischer 18.50-19. «a Mark. Roggen, hiesiger, 17.00-17.25 Mk. bayerischer O0.00-00.00M., russischer 17.75 -18.00 Mark. Ger,tt, hiesige, 17.00-17.25 Mark, Psälzer 17.00 17.50 Mart, Fränkische 17.40-17.50 Mk., Ried gerste 17.75-18 OMk., ungarische 00.00-00.00 Mk. £>n|er, l)te|iger l6.80 bi3 18.00 M., bayerischer 00.00—00.00 M, russischer 16.60 dis 18.25 M., rumänischer 16 40—17.75 Mk., amerika­nischer 16.40-16.90 M., Mais (Mixed) 12.90 -13.00 9Jt, Donaumais 00.00—00.00 M, La Plata 13.75—14.00 Mark, russischer 00.00-00.00 M Alles per 1<X) Kilo netto effektiv loco hier. — Mehl utroeranbert. Es notieren: Weizenmehl, hiesiges, Nr. 0 27-00 bis 28.c0 M., feinere Marken 28.50—29.75 M., Nr.l 25.00- 26.00 M., feinere Marken 25.75-27.00 Mark, Nr. 2 24.00- 25.00 M, feinere Marken 251)0—26.00 Mark, 9tr. 3 23.00 -23.50 Mk., feinere Marken 23.50 bis 24.00 M., Nr. 4 21.00-21.50 M„ feinere Marke« 21.50—22.00 M. Roggenmehl, hiesiges, Nr. 0 251)0 vis 25.75 M , Nr. 1 23.00—23.75 M , Nr. 2 18.00 bis 18.50 M Alles per 100 Kilo in». Sack. — drittel gut gefragt. Weizenschalen 4.95—5. l 0 Mark. Wetzenkleie 5.00—5.15 3)1., Roggenkleie 5.60—5. <5 M» Futtermehl 6.50- 8.00 M., Biertreber, getrocknet, 5.40 bis 5.75 M. je nach Qualität. Alles per 50 Kilo netto effektiv loco hier.

ffteber der Kirche eine Uebersicht über die „Haupt- rrlumet" der Zeit auf religiösem, politischen und sozialem Gebiete gewissermaßen al- Hand- weiser für die Gläubigen auffteßen lassen. Diese dem päpstlichen Stuhle unterbreitete Bitte war der erste Anstoß für die Entstehung de8 Syl- ! abus, dessen Herstellung eine Arbeit von >5 Jahren erforderte. Er wurde am 8. Dezember 1864 veröffentlicht und gab in rund 80 Sätzen eine Verurteilung von Irrtümern der Zeit in einer Form, die Zeugnis ablegt von dem hohen Ernst und der Weisheit der Verfasser. Die Gegenwart macht sich, wie Prof. Kraig aus- ührte, kaum noch eine Vorstellung von der tiefen Bewegung, welche die Veröffentlichung des Syl- abus in der ganzen Wett hervorrief. Schon liefe Bewegung war ein Beweis für den um- afsenden Einstuß, den Rom damals wie heute auf dem ganzen Erdenrund ausübte. Nach ein­ander glaubten zahlreiche Staaten und Regierungen Stellung gegen das Dokument nehmen zu müssen und noch zahlreiche Propheten standen auf, welche die Publikation deS SyllabuS als von Beginn des Endes der Welt­herrschaft Roms und des Papsttums verkündeten. Diese erften Gegner des Syllabus seien längst verschollen, aber von all'den Schreck­nissen, die sie ankündigten, sei nichts eingetr offen. Der Einfluß des Papsttums sei gestiegen, und die Millionen von Katholiken verehrten heute den Syllabus als eine Kundgebung unvergänglicher Weisheit. Das zeige, daß die Worte des Papstes heute ebenso Kraft und Geltung hätten, wie ehe­dem, und daß die Weltstellung Roms durch dir Publikation des Syllabus nicht nur nicht gelitten habe, sondern befestigt worden sei. So werde es auch in Zukunst fein, denn der Syllabus enthalte, richtig verstanden, nur Worte tiefster Weisheit, die nicht im mindesten im Gegensatz ständen zu dem modernen Kulturfortschritt.

Ter Redner zeigte das eingehender an dem 61. Satze des Syllabus. der da lautet: rFor­tuna facti injustitia nullum jtiris sanctitati de- trimentum eifert“ (Das Unrecht, das einem vom Erfolge begünstigten Tatbestand onhaflet, tut der Heiligkeit des Rechtes keinen Eintrag). Dieser von falschen Jnlerpreten geradezu in das Gegen­teil seines Sinnes verkehrte Satz kann nur aus dem zeitgeschichtlichen Zusammenhänge verstanden werden. Es bildete einen Protest des Papstes gegen die Wegnahme päpstlichen Gebietes durch die fardinische Regierung und richtete sich gegen die Anschauung, als ob der Erfolg das Unrecht, bie Willkür, rechtfertige und das Recht in der Macht des Stärkeren ruhe. Er war eine Ab­sage an die ^uffaffung, als ob an die Stelle des alten Rechtes durch Waffengewalt oder Volksabstimmungen ohne weiteres ein neues Recht gesetzt werden könne. Recht muß Recht bleiben! Das ist in Kürze der Sinn dieses vielumstrittenen Satzes des Syllabus.

Aehnlich wie um die Auslegung dieses Satzes stehe es um die Auslegung vieler anderer Sätze des Syllabus. DaS zeigte Prof. Braic^ noch in einer Polemik gegen ein nachgelassenes Werk des französischen protestantischen Theo- logen Aug. Sabatier, der dem protestantischen Liberalismus dir Zukunft zmprach. Diesem Liberalismus werde das Papsttum niemals weichen, ebensowenig wie einst Johannes der Täufer dem „Liberalismus" eines Herodes und einer Herodias wich. Der Papst sei berufen.

Literarisches.

Kreuzlieder. Gedichte von Franz Sichert. 8°. 85 S. 3. Ausl, drosch. 1,50 Mk.; eleg. geb. 2,50 Mk., Ravensberg. Verlag Friedrich Alber.

Wer kennt nicht Elcherts stammende Mahnrufe zur Wiedererweckung der christlichen Ideale, seine zürnenden Strassteder, die wie Wetterleuchten daS Dunkel unserer Tage erhellen? In den .Kreuz­liedern" hat der Dichter den Hochgipfel echter Kunst erstiegen. Diese 41 Lieder sind erhabene Enipfin- dungen, die nicht nur erlebt, sondern durchlitten wurden; der Dichter hat vom „Weine der Starken" einen vollen Becher geleert und sich den höchsten Idealen christlicher Welt- und Lebensauffassung durchgernngen. Mögen diese Gedichte von Tausenden nicht nur gelesen, mögen sie bet.achtet und nach­empfunden werden.

Auferstehung.

Roman von Felix Nabor.

36) (Nachdruck verboten.)

Ehe Gabriel die ewige Stadt verließ, wollte er die Orte noch einmal sehen, die ihm während seines Aufenthaltes in Rom lieb geworden waren, und von ihnen Abschied nehmen.

So wanderte er denn hinaus in die stille Cam­pagna, die ihn mit ihrer mannigfaltigen Farben- und Formenschönheit von jeher besonders ange­zogen hatte und seiner stillen Neigung zum Träu­men wie kein anderer Ort entsprach.

Der ttalienische Frühling neigte sich zum Som­mer. Die ganze Campagna war ein wahres Meer von Knospen, Blüten und Blumen, Veilchen und Krokus, Narzissen und Anemonen sproßten aus dem glänzenden Grasteppich hervor. Aber sckion begann die Glut der Sonne die Millionen blühen- der Blumenhäupter zu versengen, daß sie in allen Farben zu leuchten begannen, vom zartesten Gold­ton angefangen bis znm satten Violett und zum tiefsten Purpur. Ein wunderbares Faibenmeer wogte über der wellenförmigen Ebene und die edelgeschwungenen Linien der Albaner-, Sabiner- und Volskerberge, die in duftiger Klarheit, licht­blau, purpurn und goldgesäumt erstrahlten, legten sich wie ein glänzender Nahmen um dieses wunder­bare Bild und umwoben es mit märchenhaftem Zauber.

} Gabriel ging ganz in diesem Zauber auf; so goldig waren auch feine Träume, so farbenprächtig erschien ihm feine Zukunft, seit er Maria Felice gefunben hatte.

Im hohen Grase auf einem sanften Hügel der goldig braunen Campagna liegend, ganz in mär- chenhaften Duft, in zaubervolle Schönheit einge- Hüllt, begann er Pläne für sein zukünftiges Leben zu schmieden; er mußte sich, ehe er Rom verließ, darüber klar werden, wie et fein Leben gestalten

wollte. Er mußte einen Lebenszweck, ein festes Ziel haben, damit fein Leben Inhalt und Wert bekam. Mit dem plan- und ziellosen llinher- schweisen in der Welt, wie er es bisher getrieben hatte, war es nun vorbei; der Ernst des Lebens begann.

Der Konsul, sein Gönner, war im letzten Win­ter einem Gchirnschlage erlegen, und so toar er jetzt auf seine eigenen Einkünfte angewiesen, er mußte sich auf die eigenen Füße stellen. Von den Einnahmen, die er ans dem „Luzifer" gezogen hatte, gab er alles, was ihm geblieben war, dem Prälaten für die Armen der Stadt. Er wollte mi reinen Händen kommen und ein neues Leben be­ginnen, ein Leben in ehrlicher Arbeit. Von den Einnahmen aus feinen Gedichten, die nun schon die zehnte Auflage erlebt hatten, konnte er ein Jahr lang leben; außerdem hoffte er bis zum Winter fein neues Buch über Rom zu vollenden, das ihm eine sichere Einnahme und eine feste Stellung an einer großen katholischen Zeitung verschaffen sollte. Und dann befaß er noch das immerhin be- ttächtliche Erbteil seiner Eltern, das et noch nicht angerührt hatte.

So hoffte er Maria Felice eine gesicherte Zu­kunft an feiner Seite bieten zu können, denn er zweifelte nicht im geringsten daran, datz sie wieder gesund werden würde. Wenn ihre zarte Konsti­tution das deutsche Klima nicht vertrug, so wollte er sich dauernd in Rom niederlassen und sich gonji und gar schriftstellerischen Arbeiten widmen. $c , feinem Talent war er sicher, sich in kurzer Ze t einen Namen zu machen; hundert Pläne zu Bü­chern, die er schreiben wollte, schwirrten ihm durch den Kopf, daß er Jahre dazu gebraucht hätte, um sie auszuführen.

Er wollte fortan ganz und gar im christlichen Sinne schreiben; er wollte für Wahrheit, Recht und edle Sitte eintccten, den Unglauben und die in der Literatur eingetiffene Schamlosigkeit be­kämpfen und mit den glänzenden Waffen seines Geistes für die Freiheit und Unabhängigkett der katholischen Kirche streiten.

Eine heilige Begeisterung glühte bei diesem Gedanken in feiner Seele. So konnte er das Un­recht gut machen, das er begangen hatte, so wollte er Sühne leisten für die Sünden seiner Jugend.

Es war bereits abend, als er den Heimweg antrat. Der Sonnenball versank hinter der Rie­senkuppel der Peterskirche und sie war wie von einer goldenen Gloriole überstrahlt; ganze Licht- ströme flössen von ihr herab und übergossen den herrlichen Dom mit wunderbarem Lichte. Die Dächer, der Dom, die ganze Stadt schien in Gold und Purpur zu erglühen. Ganz geblendet von diesem wunderbaren Anblick blieb Gabriel stehen und blickte in dieses Glutmeer, über dem rosenrote, goldgesäumte Wolken hinzogen und von feinen Lippen klang in die feierliche Stille der Campagna das Lied, das ein begeisterter Deutscher zum Preise Italiens gesungen hatte: ,

„£) Zauberin Italia!

Wer Dir zu tief in's Auge sah.

Den gibst Du nie und nimmer los, Dein Zauber ist zu fest und groß. Der ist gefeit,

Der ist geweiht,

Italia, Dir, für alle Zeit! ...

Und indem Gabriel die Arme nach der ewigen Stadt ausbreitete, rief er: „Ich komme wieder zu- rück zu dir, mein ewiges Rom! Ich komme wie­der" . . .

Der große, erhabene Gedanke des Papsttums und der Kirche trat in diesem Augenblick mit über­wältigender Macht von feine Seele: tausend Stürme hatten gegen den Felsen Pctn schon ge­wütet, die Kriegskanonen der Weltgeschichte hat­ten gegen den Vatikan und St. Peter gedonnert — aber niemals noch hatte dieser Fels gewankt; wie ein unerschütterlicher Berg ragte er riesengroß und hoch empor, wie ein Berg, um den die Liebe dei ganzen katholischen Welt einen mächtigen Wall gegen alle feindlichen Anstürme bildete, ».er au seiner Spitze das wunderbare Zeichen trug, das die ganze Welt überschattet, in dem alle Völker Heil und Zuflucht suchten — daS Kreuz Chri|t»l

„Ist es nicht eine Lust, zu kämpfen in diesem heiligen Zeichen?" rief Gabriel. „Das Kreuz wird bestehen bis ans Ende der Welt. Die Welt bewegt sich — das Kreuz aber steht fest. Im Kreuze allein ist wahres Heil!"

Seine Seele war ganz heiter und hell, tote mit Sonnenlicht erfüllt; so schritt er zum Kolos­seum, um auch diesem steinernen Riesen Valet zu sagen. Er liebte diesen alten Bau, trotz deS BluteS, das daran klebte. Wenn die Sonne fant,- dann glühten die rötlichen Travertinmassen, welche am Tage das Licht der Sonne aufgefaugt hatten, als wären aus dem Martyrerblut, das sie getrun­ken, blutrote Rosen aufgeblüht, und der mächtige Mauerring war wie von purpurnem Alpenglühen übergossen. , 1

Gabriel setzte sich auf einen Stein und blickte in die rosigen Lichtwellen hinein und seine Phan­tasie bevölkerte den unendlichen Bau mit tausend Gestalten einer versunkenen Welt. ... !

Die Dunkelheit sank rasch herab; schwarze, »»- heimliche Schatten lagen zwischen den Riesenwän- den. ... . , t . f

Da klangen hastige Schritte auf dem Gestein, und ehe sich Gabriel zur Wehre setzen konnte, sah er sich von zwei vermummten Banditen überfallen. Der eine war eine herkulische Gestalt, der andere klein und beweglich wie ein Asse.

Der Riese hatte Gabriel mit den Armen um­schlungen und suchte ihn auf den Boden zu werfen, der Kleine hatte ein Dolchmesser gezückt und wollte es offenbar Gabriel in die Brust stoßen, sobald derselbe von dem Herkules niedergeworfen war.

Gabriel dachte im ersten Augenblicke daran, daß es die beiden vielleicht nur auf seine Börse abgesehen hätten; als er sich aber den Kleinen näher ansah, dessen Augen wie grünliche Lichter aus der Kapuze hervorfunkelten, als er an beit affenartigen Bewegungen desselben den MarqutS erkannte — da wußte er, daß er der Rache der Principeffa verfallen war, und datz es hier uml Leben ging. ir l _

(Fortsetzung folgt}