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JW 7 .5.

Fulda, Samstag, den 31. März 11)06.

33. Jahrgang.

Zweites Matt.

cF paffionsfonntag (Zudica).

In dem Wunderbau der erhebenden Liturgie der katholischen Kirche nimmt die hl. Fastenzeit einen hervoraaenden Platz ein.

Ernster Bußgeist weht UN- aus den Gebeten der Kirche in den ersten Wochen der Fastenzeit entgegen. Das .Miserere mei, Deus — Erbarm dich mein, o Gott" ist der Ruf der Seele in den drei ersten Wochen der Fastenzeit. Am vierten Sonntag in der Fastenzeit läßt die Kirche einen Lichtblick in die Trauer des Herzens fallen. Aehn- lich wie in der Bußzeit des Advent am Sonntag „Gaudete — Freuet euch- ermutigt die Mutter ihre Kinder om Sonntag „Laetare Jerusalem — Freue dich Jerusalem", auf daß fie nicht Nach­lasse» sollen im Eifer der hl. Hebungen. Am Sonntag „Laetare“ pflegt auch der hl. Baler eine goldene Rose als das Zeichen geistiger Freude zu weihen.

Doch nur zu bald verstummt die hl. Freude wieder, um einer noch lieferen ernsteren Trauer und Wehmut Platz zu machen, denn schon naht der bedeutungsvolle Passionssonntag, der keinem noch so hohen Feste weicht. Dieser Sonn­tag heißt Passtonssonntag, weil sich die Kirche von nun an nur noch mit der Betrachtung des bitteren Leidens des Welterlösers besaßt. Inden kirchlichen Ta"zetten tritt schon das «reuz, das dot fernen Karfreitag her seine -Strahlen in diese Passionszeit wirft, als Hoffnungsanker in die Erscheinung;

.0 em, ät", epea e»te» Hoc pamiosi* t-eipnret C Ären}, en# h m im« Hoffnmp, sprießt, Sei an« |ur firiMeSylt gegrüßt!- —

»Jesus aber verbarg sich und ging hinweg auS dem Tempel". Mit diesen Worten schließt das heutige Evangelium. Um der Wut der Menschen zu entgehen, verbarg sich der Gott- niensch in seiner großen Demut. Durch di.» Ver­hüllung, der Kruzifixe v m Palstonssonntage bis zum Karfreitag, an dem sie mit dem feierlichen „Ecce Jignmn enteis — Seht das Holz des Kreuzes" enthüllt werden, wird diese Verdemüli- gung des Erlösers angedeutet. Erschütternd dringen an unser Ohr die Psalmen, welche den Untergang des israelitischen Volkes und des Tempels auf Sion unheilvoll verkünden, einge­denk des Wortes der ewigen Wahrheit: Jeru­salem. Jerusalem, wie o't hab' ich dich ver­sammelt, wie eine Henne ihre Küchlein; bu aber hast nicht gewollt!"

Ist das nicht das Mahnwort des leidenden i-nd sterbenden Gottmenschen auch an die heutige Welt, in der sich die ganze Wut der Meeschen wiederum auf ihn gerichtet hat? . . . „O, wenn du es doch et könntest an diesem deinem Tage, )er dir zum Heile ist!" —

Unpolitische Zeitkäufe.

G Berlin, 29. März 1906.

(Nachdruck verboten.)

»Zum Ouartalswcchscl am 1. April dürfen wir wohl auf einen besonders packenden Artikel rechnen. Mit kollegialem Gruß die Redaktion."

Dieses Briefchen lag mir schwer Im Magen oder vielmehr auf dem Herzen. Auf errungenen Lorbeeren schläft es sich manchmal zu gut; aber Lorbeeren, die noch errungen werden sollen, find ein schlechtes Schlummerkissen.

Da weckte mich aus dem sorgenvollen Sinnen ein andauerndes Töff-Töff. Kreszendo kam die­ser moderne „Orgelton und Glockenklang" näher. An der Haustür wurde geschellt. Als ich geöff­net, roch ich Benzin. Der Chauffeur aber setzte sein Augengehäuse ab, blinzelte verschmitzt und sprach: „Bitte, bedienen Sie sich!" Meine geist­reiche Antwort lautete: Wieso? — Darauf setzte er mir in der Eile, die sein Geschäft mit sich bringt, auseinander, daß die Leser und Leserinnen der Unpolitischen Zeitkäufe zu dem zeitgemäßen Ent­schluß gekommen seien, dem Verfasser ein Auto­mobil zu stiften, damit er ein besseres Fortkommen in der Welt habe und nach Bedarf die Zeitläufe sich aus der Nähe ansehen könne.

„Sechssitzig", sagte er mit einem Klatsch auf die gepolsterte Lehne.

„Vier Sitze wären genug für die Familie", erwiderte ich in Vorausberechnung des Benzin­verbrauchs.

„Na", meinte er gutmütig, „wenn Sie nicht gar zu schnell verunglücken, können Sie ja noch einen Schwiegersohn und eine Schwiegertochter bekommen. Unter uns: 25000 M."

„Mein alles", seufzte ich, „wenn die guten Leute doch lieber die schöne Summe für den Zeh­lendorfer Kirchbau gestiftet hätten!"

„Dafür ist auch gesorgt", ertönte eine würde­volle Stimme hinter dem Auto. Eine Depu­tation trat hervor und überreichte 150 000 M als Restbaugeld. Wenn ich sonst noch Schmerzen hätte, sollte ich es nur ungeniert sagen. Ich knickte etwas in die Knie unter der überraschenden Last des Glückes. Ich konnte nur danke stammeln und brach dann in den Nus aus: Da wird sich aber der Pfarrer Deitmer freuen 1

„Freilich", sagte der Führer der ^Deputation, „aber des Lebens ungemischte Freude wird auch ihm nicht zuteil. Er wird seinen liebgewordenen Posten verlassen müssen, weil er unter dem Ein­druck seiner großen Bettelerfolge zum apostolischen Großalmosenier für die ganze gelbbebürftige nord­deutsche Diaspora ernannt worden ist.. Diese Posten des Organisators und Leiters der jetzt noch sehr zerfahrenen Kirchenbettelei ist ebenso ehrenvoll, wie sauer."

„Wohlan", rief ich, „bann werde ich ihm meine Benzin-Equipage für feine Sammelfahrten zur Verfügung stellen. Wir terminieren mit Töff- Töff."

Eine von den Damen, die zu der Deputation gehörte, kicherte hinter ihrem Reformführer: Dann werden Sie aber bei den Leuten nicht in gutem Geruch bleiben." Wir hatten feine Zeit, über die- en Scherz zu lachen, da der Chaffeur uns zu einer Probe- und Einweihungsfahrt einlub.

„Ist denn die Maschine auch ganz sicher?" ragte ich mit der Sorgfalt eines altväterlichen Familienoberhauptes.

„Geschenkten Motoren fleht man nicht hinter i)ie Ohren", brummte der Mann unter feiner Maske hervor, und fort ging es, über Kies und Stein. An dem Bauplatz für die kommende Kirche vorbei, wo die Deputation mit sinniger Vorsorge einen Hoffnungsmast errichtet hatte mit dem Wimpel: Uebcr ein Kleines! Ehe ich meine Nase, die von dem scharfen Luftzug etwas angegriffen wurde, gehörig beruhigt batte, waren wir sechs Kilometer weit bis zum Pfarrhause von Steglitz gekommen. Als wir dort mit den geistlichen Herren die überraschenden Tagesneuigkeiten bc- prachen, kam plötzlich eine Depesche für den Kap- an aus Marokko. Der dortige Sultan, Seine cherisische Majestät, will nach der glncklichenBe-

enbtgung der langen Konferenz in seinem Lande das Christentum einführen, und da er erfahren, daß unser Herr Kaplan in der Marianifchen Iünglingskongregation und dem Arbeiterverein usw. große Erfolge erzielt hat, ladet er ihn ein, als Hof- und Tompfarrer nach Fez zu kommen. Damit die Gemeinde nicht beider Seelsorger mit einem Male beraubt werde, mußte ich von der Annahme dieses scherifischen Angebots abraten. Eigentlich gegen den Bodensatz meines Gewissens; denn es war sehr verlockend. Der Sultan will nicht blos Kirche und Schule in Fez bauen, und zwar aus seinen eigenen Mitteln, ohne Verwei­sung auf den Bettelweg, sondern er will auch, als stiller Bewunderer der Zentrumspartei, dort in maurischem Stil jenen Zentrumsturm errichten, aus dem neulich der Herr Justizrat Jul. Bachem in einer Frühlingslaune uns herauslocken wollte.

Das lockende Zukunftsbild einer maroffam- scheu Zentrumspartei brachte mich auf den Ge­danken, daß vielleicht der jugendfrische und rührige Abgeordnete Erzberger als politischer Beirat an den Hof des Scherifs gehen könnte. Flugs faßen wir wieder im Automobil und töffen gen Berlin. Aber am Potsdamer Platz wurde uns Halt ge­boten. Polizeiliche Absperrung. Was rennt das Volk, was wälzt sich dort zum Reichstagspalast brausend fort? Einen toten Lindwurm schleppt man dahin; das war die Korruption in den Ko­lonien. Und hinter dieser großen Leiche kam der Held, der das Land von dem Drachen befreit hatte,, umbraust von dem Jubel des Volkes. Kollege Erzberger nahm sich auf seinem Triumphroß wirk­lich nett aus. Wir ließen den Chauffeur mit dem Auto bei Aschingcrs Bierhalle, an der Ecke des Potsdamer Platzes, zurück und drängten uns mit unseren benzinloscn Gliedmaßen bis zum Reichs­tag durch. Dort gab es eine ergreifende Szene. Der würdige Abgeordnete Dr. Spahn erwartete im vollen Ornat des politischen Abtes den Tri­umphzug und hielt an den Helden eine ernste Ansprache, von der wir bei dem sanften Organ des hohen Redners nur einzelnes verstehen konn­ten. Zum Beispiel: Mut zeigt auch der Mame­luck, die Disziplin ist Christenschmuck. Das Ende vom Liede war, daß Herr Erzberger erklärte: „Getötet ist nun mal der Drache, das war mir eine Herzenssache. Doch haltet Schweigen ihr für Gold, wohlan, ich bin kein Redebold. Ich werde morgen ein Trappist, dem stets der Mund ge­schlossen ist." Uebcr diesen Entschluß war ich erst sehr betroffen, aber ich dachte: Schweigen ist ein Gericht, das nick't so beiß gegessen wird, als wie es gekocht ist. Deshalb schlängelte ich mich doch an Herrn Erzberger heran und suchte ihm die marokkanische Mission plausibel zu machen. „Hm', sagte er mit einigen Furchen auf seiner jungen Stirn, „da fände ich noch Lindwürmer genug, die totgeredet zu werden verdienten. Ich sollte auch schon Gouverneur von Kamerun werden, aber am Ende ist doch die indirekte Regentschaft von Marokko noch besser. Geben Sie mir Bedenkzeit; ich werde mir überlegen, welcher Schwabenstreich den Vorzug verdient. Aber wenn ich in Fez eine Marokkanische Volkszeitung gründen soll, so muf­fen Sie mir auch die „Unpolitischen Zeitkäufe" schicken. Die werde ich dann ins Arabische über­setzen lallen oder was die Leute dort sprechen. Nur verschonen Sie uns mit dem Bettelschwänz­chen, das Sie anzuhängen pflegen; die Marok­kaner wollen ihr Geld in der Heimat behalten."

Kommt auch hier zu Lande vor, dockte ich und empfahl mich. Mit dem wieder aufgefundenen Automobil machten wir bann noch eine Spazier­fahrt durch das innere Berlin. An der Hedwigs- kirche hätten wir beinahe einen Mann angefahren, der dort vor der Freitreppe stand. Wir mußten stoppen. „Was stehen Sie denn heute hier vor der Kirche herum?" fragte der ärgerliche Chauf­

feur. „Ach", sagte der erschrockene Mann, „ich bin ja ein Kirchenstreikposten". Allgemeines Schütteln des Kopfes. Es kostet mir große Muhe, der Deputation klar zu machen, was diese neueste Errungenschaft der Kultur eigentlich zu bcbcutcn bet. Tie heißblütigen Agitatoren des Großpolen- trims in Berlin wollen ihre katholischen Lands­leute bereden, die Kirchue zu boykottieren, werb da drinnen nicht genug polnisch gesprochen werde; gerade wie bei Lohnkämpfen, werden auch hier Streikposten ausgestellt. „Haben denn die ver­nünftigen Leute unter den Polen gar nichts mehr zu jagen?" fragte der Chauffeur, und ohne Ant­wort abzuwarten, ließ er die Karre weitersausen.

Beim Zirkus Busch waren mächtige Fahnen­masten abgeladen und versperrten uns den Weg. , Was ist denn hier los?" fragten wir mit der üblichen weltstädtischen Neugier. „DaS wissen Eie noch nicht?" rief uns der leitende Ingenieur zu. „Wir bereiten den großen ZirkuS vor, bannt er eine würdige Heimstätte bilde für die Gencral- ‘ocrfammlung der Katholiken Deutschland, die in nächster Zeit in Berlin tagen soll. Wahrscheinlich i'erbcn wir den Zirkus Schumann auch noch Her­richten müssen; denn nach den bisherigen Erkun­digungen ist auf einert Zustrom von wenigstens 100 000 Katholiken zu rechnen. Der Evangelische Bund liegt bereits in Krämpfen. Sobald die Knltnrkämpfcr sich erholt haben, wollen sie pro- rc-stantifche Mobilmachungsorder loslassen, um »ine Schutzgarde für den naheliegenden Dom zu schaffen. Gras Paul Hoensbroech hat nämlich in einem dreibändigen Ouettenwerk aus alten Je­suitenpergamenten den Beweis geliefert, daß die Ultramontanen bei Gelegenheit des Katholiken­tages den Berliner Tom erstürmen, dort einen römischen Erzbischof einsetzeil und in Berlin eine Bartholomäusnacht f 'iern wollen."

Wir lachen, daß sich das Auto schüttelt, und fuhren zum Berliner Rathause. Tort war wieder die Straße gesperrt, nämlich durch eine Unmasse Schulkinder.

„Was ist denn hier los?"

„Flottenzeichnung! Alle Schulkinder opfern jetzt 10 Prozent ihres Einkommens für den be­schleunigten Ban von 25 Panzerschiffen. Unsere Lehrer haben gesagt, wenn wir nur mit dem guten Beispiel vorangingen, bann würden all die reichen Herrn vom Flottenverein auch wenigstens 10 Pro­zent ihres Einkommens opfern." O die gut­gläubige Jugend I Tie hohen Herren opfern nur patriotische Worte. Umtocnben, hier wird's zu windig.

Auf dem schlüpfrigen Pflaster kommen die Pneumatiks ins Gleiten; wir fahren gcacn einen Laternenpfahl und fliegen hinaus. Bums — liege ich im Bett. W'e kann man sich nur von den Träumen so in den April schicken lassen? Wo sind denn die 150 000 =<? Nichts da, nicht einmal Benzingeruch!

heraus aus dem sechzehnten Jahr« hundert!

Von Dr. Eugen Jäger, Mitglied des deut» scheu Reichstages und des bayerischen Landtages.

Unter dem Titel „Heraus mit dem festen Turm" hat Iustizrat Dr. Julius Bachem in Köln in den „Historisch-politischen Blättern" einen Artikel veröffentlicht, der den Wunsch ausspricht, die Zentrumspartei möge in sicheren Wahlkreisen geeignete Protestanten zu Abgeordneten wählen, um den Einwand zu (.'fettigen, als ob das Zentrum eine konfessiouell- katholische Partei sei. In Wirklichkeit ist das Zentrum eine christliche Volkspartei und bat sich zur Aufgabe gestellt, die christliche

Auferstehung.

Roman von Felix Nabor.

83J (Nachdruck verboten.)

Und dann erst diese Musik, die aus den geöff- neten Himmelspforten herabzuströmen schien! Dieses demütige und kindliche Flehen, diese kunst­volle Mischung von Schmerz und Freude, von Reue und Hoffnung! Dieser grenzenlose Jubel neben mnigem Flehen, dieses wunderbare Wogen der Stimme, diese reinen Harmonien, die tote köst- Iidjer Weihrauch zum Himmel emporstiegen! Das konnte mir Palestrina erfunden haben, der Fürst der Tonkunst. u '

Er wandte sich an einen der päpstlichen Gen­darmen mit der Frage, welcher Meister diese Musik gesetzt habe.

„Maestro Palestrina", erwiderte dieser. „Es ist die Missa Papae Marcelli!"

Ach, die Missa Papae Marcelli I Das Meister­werk und Ideal aller christlichen Kunst! Das ein­zigartige Werk des großen Palestrina: eine wun­derbare Verbindung von majestätischer Strenge und leichter, milder Grazie, von ernster Kraft und zarter Anmut, von seltener Tiefe und wohlklingen­der Klarheit, von glänzender Erhabenheit und stiller Einfalt.

Mit tiefster Andacht lauschte er dem wunder­baren Gesänge der Sixtina. Unter der Wucht und Majestät dieser Gesänge erbebte er. Ihn zwang es auf die Knie nieder; er schloß die Augen, um sich ganz in dieses Tonmeer zu versenken, um seine Seele in diesen ewigen Harmonien zu baden. Es kam ihm vor, als seien in seinem Herzen Rosen aufgebläht, die ihren Purpurglanz bis zum Him­mel emporstrahlten. Und als das wunderbare »Et incarnatus est" verklungen wat, da flüsterte »uch er aus der Tiefe seines Herzens unter seligem erschauern: „Credo . . . credo . . . credo in jnum Deurn . . ."

Unb dann nahte der erhabene Augenblick, wo

der Papst die heiligen Gestalten emporhob, um sie seinen geliebten Kindern und durch sie der gan­zen Welt zu zeigen. Die Prälaten des päpstlichen Hofes traten mit Kerzen in den Händen an die Stufen des Altares und knieten rings um densel­ben nieder. Heller flammten die Sichter, süßer duftete der Weihrauch, höher schlugen alle Herzen! Es nahte der feierliche Augenblick, da der Papst in feinen zitternden Händen die heilige Hostie und den Kelch mit dem heiligen Blute Christi empor» hob. . .

Totenstille herrschte in den weiten Räumen; jedes Auge hing an dem wunderbaren Himmels­brote, welches das höchste Geheimnis der Erde um­schloß, an dem strahlenden Kelche des Heiles, ans welchem alle Gnade und aller Segen über die ganze Erde floß.

Dann, während der Papst die Hände senkte, er­tönte plötzlich aus silbernen Zinken der süße, ent- zückende Engelschor aus unsichtbarer Hohe herab.

Da erbebten Sie vierzigtausend gläubigen Kin­der der Kirche, wie wenn der Hauch des Allmäch­tigen sie angeweht hätte. Leise, jubelnde Laute der Freude und des Entzückens fliegen aus der Menge empor, die Frauen bedeckten das Gesicht mit den zitternden Händen und fingen an zu fchluchzen und auch in den Augen der Männer glänzten Tränen. Das war wohl der feierlichste, seligste Augenblick im Leben eines jeden dieser Pilger, die aus weiter Ferne gekommen waren, um St. Peter und den Heiligen Vater zu sehen.

Und während allmählich die Seufzer erftarben, ertönte von der Höhe des Domes, von der oberen Galerie herab ein entzückender, ätherischer Gesang. Alle waren von Verwunderung und Staunen er­griffen und es schien ihnen, als ob die Engel selber auf den Klang der Zinken Antwort gegeben hät­ten. Die Stimmen senkten sich herab und flogen leicht, gleich lieblichen Harfentönen, unter den Ge­wölben hin; dann verhauchten fie in einem süßen Akkorde und flogen wie leises Flügelrauschen wie­der zmn Himmel empor . . .

Das war eines jener süßen Wunder, tote e5 nur der katholische Kultus uiib tote es nur St.

Peter in Rom hervorbringen kann. Gabriel war Ser Erde entrückt, so unsagbar Schönes und Er­habenes hatte er noch nie in seinem Leben ge­schaut.

Das wunderbare Benedictas rauschte wie auf Engelsflügeln an ihm vorüber . . . und dann sah er, tote der Papst einem Kardinal den Friedens­kuß auf die Wange drückte und wie dieser ihn weiter gab an die Kardinäle, an die Bischöfe, an die Prälaten, an die ganze Welt . . .

Dieser Augenblick war für ihn so neu und so überraschend, daß er erschauerte, gleich als hätte auch ihn der Mund Gottes selber berührt, als hätte er ihn angehaucht mit den erlösenden Wor­ten: „Pax vobiscum! . . . der Friede sei mit Euch!" . . .

In seiner Seele begann es wunderbar zu sprie­ßen und zu blühen. Wie ein Schwur klang es von seinen Lippen: „Den Frieden will ich mir endlich sichern — heute noch gehe ich zur heiligen Beicht!"

Bisher hatte er nur den Altar gesehen und den Heiligen Vater; jetzt betrachtete er zum erftenmale genauer die Würdenträger der Kirche, den Adel auf den Tribünen, das Volk, das die heiligen Hallen füllte. Aber was war das nur — es lag wie ein Schleier vor feinen Augen! War cs der Weihrauch — oder war es ein feuchter Schimmer, der seine Augen trübte?

Sein Blick flog zufällig hinüber zu der Estrade, auf der sich die römischen Patrizier versammelt hatten. Und mit einem male erbebte er, seine Knie zitterten, er hob unwillkürlich die Arme und stieß einen lauten Schrei aus: „Maria Felice! . ."

Er hatte ein blasses Gesicht gesehen, das ein schwarzer Schleier umrahmte, ein Paar blaue Augen und goldenes Haar . . .Maria Felice!

Sein Schrei ging in der Menge verloren; nur die Zunächststehendeu wandten sich nach ihm um, achteten dann abet nicht weiter auf ihn. Er suchte zu der Tribüne vorzudringen — aber ebenso gut hätte er ein Meer zu durchschwimmen versucht: es war rein unmöglich, auch nur einen Schritt vorwärts zu machen.* er fand sich wie festaebannt

zwischen dieser tausendköpfigen Menge, wie von tausend Armen umklammert.

Als er wieder nach der Tribüne blickte, sah er eine Bewegung unter den Damen, aber das bleiche Gesicht war verschwunden, wie versunken, zerflos­sen in Nebel.

Er schlug sich an die Stirne. Wachte — oder träumte er? War es eine Vision, die ihm ein gütiger Engel gezeigt hatte, um ihn zu trösten und aufzurichten . . .oder war es Wirklichkeit? — Lebte Maria Felice . . . und hatte Gott ihn hieher ge­führt, um sie ihm zu zeigen? —

Seine Gedanken verwirrten sich, er drängte dahin und dorthin, ohne einen Ausgang zu er­reichen. „Wo ist Maria Felice?" klang es immer­fort in seiner Seele.

Ter gewaltige Hymnus des Tedeums zog tote fernes Rauschen an seinem Ohr vorüber, er sah den Papst wie durch weißen Nebelslor auf seinem strahlenden Throne, die Hände zum Segnen aus- gebreitet. . . . Da sank auch er in die Knie. • Im goldstrahlenden Chormantel, die Tiara auf dem Haupte —so stand der Heilige Vater auf feinem Throne, während all' die Tausende unter feinem hoheitsvollen Blick niedersanken. Unter dieser dreifachen symbolischen Krone, in dem lang herabwallenden, goldgesäumten Mantel schien der Papst zu wachsen, ein Hauch des Ueberirdischen zog über die Menge hin unS wehte sie an, daß sie erschauerte.

Inmitten einer plötzlichen Stille erhob er mit hoheitsvoller GebärSe Sie Arme und sprach lang­sam und feierlich mit starker Stimme den Segen.

Dann brach ein Jubel los, wie ihn Gabriel noch nie vernommen hatte. Wie ein Meer brauftca die Stimmen durch die weiten Hallen.

Ter Papst saß lächeliid auf feinem Thron- fessel und schwebte wie ein König über die Häup­ter der jauchzenden Menge; sein Gesicht war leicht gerötet und wie mit freudigem Schimmer über­gossen. Jeder sah das hohe Herzensglück, das ihn beim Anblicke seiner Kinder erfüllte, jeder las in den leuchtenden Blicken dieser wunderbaren Augen dm unaussprechliche Freude, die ibn durchströmte.