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M 67.

Fulda, DoMerslag, den 22. März 1906.

33, Jahrgang

Deutsches Reich.

Berlin, den 21. März 1906.

♦ Der freisinnige Reichstagsabgeordnete Lenz- mann, Vertreter des Wahlkreises Iserlohn-Altena erlitt am Dienstag bei Schluß der Reichstags­verhandlungen einen S ch la g a n fa ll, an dessen Folgen er am Mittwoch Morgen gestorben tst. Der Schlaganfall traf den Abg. Lenzmann, als er sich aus den oberen Räumen des Reichstags­gebäudes im Fahrstuhl nach unten begab. Er schleppte sich noch in den Sitzungssaal, wo er sich mühsam aufrecht hielt, bis seine Freunde ihn nach Hause brachten. Der Verstorbene gehörte dem Reichstage von 1885 bis 1887 und seit 1893 bis jetzt an.

* Zu dem Fall Puttkamer erfährt man in» teressante Neuigkeiten. Nach Mitteilungen des ,Berl. Tagebl.' kann es nicht mehr zweifelhaft fein, daß Herr v. Puttkamer wissentlich seiner „Koustne" Mary Eckardt einen Paß auf einen falschen Namen, nämlich auf den Namen v. Eckard- stein, ausgestellt hat. Jetzt stellt sich heraus, daß die Dame diesen Streich ihres Verehrers mit 8WochenGefängnis hat büßen müssen. Der „Roland von Berlin* teilt nämlich mit, daß Putttamers „Koustne" 1899 zu der erwähnten Freiheitsstrafe wegen Führung eines falschen Passes verurteilt sei und diese Strafe in Dres­den abgebüßt hat. Selbst ein Jesko v. Puttkamer habe es nicht vermocht, Gnade für ste zu erwir­ken, und so habe die „Koustne" Jeskos für ihn und für Kamerun gebrummt. Und das ist, wie das,Berl. Tagebl/ nicht mit Unrecht erklärt, der Humor davon.

** Zur Marokkokonferenz bringt die.Nordd. Allg. Ztg/ auch heute einen Beitrag, der in einer sehr ernsten Tonart gehalten ist. Das offiziöse Blatt gibt die Meldung des ,$emp3' wieder, wonach Graf Lambsdorff den Vertreter Rußlands in Algeciras angewiesen haben soll, auf der Konferenz Frankreich nach jeder Richtung hin Mt unterstützen. Das offiziöse Blatt bemerkt: „Auffällig ist nicht sowohl der Inhalt der russi­schen Instruktion, als die Tatsache ihrer Ver­öffentlichung im ,$emp9'. Nach der vom ,Temps" in den letzten Wochen geführten Sprache, die nur dazu beitragen konnte, den Gang der Verhandlungen in Algeciras zu störm, kann der Zweck auch dieser letzten Veröffentlichund nur sein, einer Verständigung weitere Hinderniffe in den Weg zu legen. Die deutsche Polttik wird sich dadurch nicht abhalten lasten, auf dem sicheren Boden des internationalen Rechts nach den von ihr von Anfang an gezogenen grundsätzlichen Linien die deutschen Rechte und Interessen zu wahren."

* Die deutsch-evangelische Korrespondenz hatte sich durch die angebliche Vernachlässigung der evangelischen Geistlichkeit bei der Galatafel am 25. Februar beschwert gefühlt. Sie behauptet nämlich, an dieser Hoftafel seien die katholischen Kardinäle aus Köln und Breslau die einzigen Vertreter der amtlichen Kirche gewesen und stellte die Frage, ob denn nicht wenigstens für den zelebrierenden Oberhofprediger eine gewiesene Stelle an der Hoftafel zu finden gewesen sei. Den Be­klemmungen ein Ende zu machen, die in diesen Auslastungen zum Ausdruck gelangen, ist die ,Nordd. Allg. Ztg/ gefällig genug. Das offiziöse Organ weist nämlich daraufhin, daß am 25. Februar an der Galatafel im Weißen Saale sowohl der Oberhofprediger Exzellenz Dr. Dryander, wie die

Auferstehung.

Roman von Felix Nabor.

24] (Nachdruck verboten.)

, „Wie?" rief Gabriel und sah seinen Begleiter fast erschrocken an, „Sie hätten mein Buch —? i Slber das ist ja nicht möglich!"

। „Es ist doch so", sprach der Prälat. „Ich habe es gelesen, ehe es ins Italienische übersetzt wurde. Vor Jahren war ich längere Zett in Deutschland, da habe ich die schöne, reiche, deutsche Sprache schätzen und lieben gelernt."

„Und Sie verdammen mich nicht?" rief Gabriel, „Sie wenden sich nicht ab von mir? Sie dulden meine Gesellschaft? Sie gehen an meiner Seite?"

Der Prälat faßte Gabriels Hand mtt warmem Drucke. Warum sollte ich Sie verdammen? Jeder kann in seinem Leben einmal irren. Nein, ich be­flöge Siel" t „O, o!" stöhnte Gabriel, überwältigt von so Iviel Edelmut und Vertrauen und es würgte ihn im Halse, als ob er ersticken müßte. „Ich — ich danke Ihnen!"

„Wir wollen darüber schweigen", sagte Gabriels Begleiter.

L . „O nein", bat dieser, „reden wir im Gegen­teile recht viel davon. Ich möchte jemanden mein Herz ausschütten, meine Zweifel klagen, möchte -mir Rat erbitten." —

»Ihr Vertrauen beglückt mich", sagte der Prä­lat und drückte Gabriel die Hanb. „Ich nehme es an uttb wir wollen nachher hinauswandern in. die Einsamkeit des Kolosseums, da stört uns keiner. Jetzt aber sind wir bei der Wohnung angekommen, in welcher der Tote liegt. Kommen Sie!"

Es war ein halb zerfallenes Haus, in das sie durch eine niedere Türe traten. In der einen W» des kellerartiaen Raumes lag der Tote auf

3 Vertreter des deuffchen evang. Kirchenausschusses, Präsident des evang. Oberkirchenrats, Exz. Voigts, Oberkonsistorialrat Dr. v. Keldner aus München und Oberhofprediger D. Dr. Ackermann aus Dresden plaziert waren. Damit wird hoffentlich auch die deutsch-evangelische Korrespondenz zu­frieden gestellt fein, zumal aus diesen Mitteilungen hervorgeht, daß die evangelische Korrespondenz doppelt so stark an jener Hoftafel vertreten war, wie die katholische.

Rettungsapparate bei Bergwerksun- fällen. Die erschreckliche Katastrophe auf den französischen Gruben in Courriöres" dürfte das Interesse der Oeffentllchkeit für das Retiungs- wesen bei Grubenkatastrophen wieder zeitweilig wachhalten, zumal die deutschen Bergleute mit ihren Apparaten bei den Bergungsarbeiten (zu retten war leider nichts mehr) große Erfolge er­zielt haben, worüber man allgemein voll des Lobes ist. Aus diesem Anlaß hat auch der Wg. Brust gelegentlich der 3. Beratung des Bergetats am Freitag vergangener Woche dem Minister für Handel und Gewerbe zur Er­wägung empfohlen, ob nicht durch Bergpolizei- Verordnung zu verfügen sei, daß auf allen Schlagwettergruben einige Rauchfchutzapparate und mit deren Gebrauch vertraute Rettungs- Mannschaften vorhanden sein müßten. Der Minister erwiderte u. a., daß eine gemischte Kommission von Vertretern des bergbaulichen Vereins und des Oberbergamtes seit längerer Zeit tätig sei, die Maßnahmen und Hilfsmittel zu prüfen, die geeignet sind, gerade bei Unglücks- fällen, wie denen in Courriöres, angewandt zu werden.

** Die Einnahmen der Reichseisenbahnen beliefen sich im Februar 1906 auf insgesamt 8,347,000 Mk. (4- 902,000 ML): davon ent­fallen auf den Personenverkehr 1,428,000 Mark (4- 111,000 Mk.) und auf den Güter­verkehr 6,244,000 Mk. (4- 633,000 ML). In der Zett vom 1. April 1905 bis Ende Fe­bruar 1906 betrugen die Gesamteinnahmen 98,942,000 Mk. (+ 7,505,000 Mk.); davon kommen auf den Personenverkehr 22,063,000 Mark (4- 1352,000 ML), auf den Güter­verkehr 70,185,000 Mk. (4- 5,527,000 ML). — Die Preußisch-hessische Eisenbahn- gemeinschaft vereinnahmte im Februar 1906 im ganzen 129,327,000 ML (-s- 20,830,000 Mark); davon betrugen die Einnahmen aus dem Güterverkehr 91,895,000 Mk. (+ 17,097,000 Mark), aus dem Personenverkehr 29,057,000 Mark (4- 3,133,000 ML). In der Zeit vom 1. April 1905 bis Ende Februar 1906 beliefen sich die Gesamteinnahmen 1,563,865,000 ML (4- 110,556,000 ML); baren ist der Per­sonenverkehr mit 438,795,000 Mk. (4- 30,840,000 ML) und der Güterverkehr nut 1,031,358,000 Mk. (+ 73,917,000 M.) be- teiligt.

* In der Kommission des Abgeordneten­hauses für das Bolksschutgesetz ergaben sich bei den am Mittwoch vorgenommenen Äbstimmungen wieder erhebliche „Unstimmigkeiten". Zunächst wurden die beiden ersten Abschnitte des § 31 (Schulvorstände in Landgemeinden und Guts­bezirken) nach dem konservativen Anträge ange­nommen, die Gesamtabstimmurrg aber ausgesetzt, bis über das Schicksal des § 31a entschiede» sein würde. Bei § 31a wurden zunächst die fteikonservativen Vermittlungsanträge abge­lehnt, dann aber auch der § 31 a selbst, ebenso

einem niederen Brettergestelle, mit allen Lumpen zugedeckt; in der anderen kauerte die Witwe mit sechs kleinen Kindern, teilnahmslos und dumpf, als habe die schauerlich kalte Hand des Todes auch sie schon berührt. Sie rührten sich nicht und erst als der Priester sie freundlich grüßte, krochen sie aus ihrem Loche hervor, küßten ihm die Hände und versanken dann wieder in unheimliches Schweigen. Hunger und Entbehrung hatten das Weib so entkräftet, daß fie völlig mutlos war und mit ihren halbverhungerten Kindern den Tod als Erlöser herbeisehktte.

Gabriel hatte das Elend noch nie in so entsetz- licher Gestalt zu sehen bekommen. Das Mitleid mit den Armen überwog noch den Ekel, der ihn beim Eintritte in die eines Menschen unwürdige Wohnung erfüllt hatte. Mft entfetzllch traurigen Blicken sah er den Priester an. der ihm stumm zunickte und dami zu dem Weibe trat und chr leise Trost zufprach. Aber fie schien ihn nicht zu hören. Sie schaute stumm auf ihre Kinder, schloß von Zeit zu Zeit langsam die Altgenlider und es schien jedesmal, als ob ihr die Kraft n,angle, fie wieder zu offnen.

Gabriel vermöge bett traurigen Anblick nicht langer ertragen; er lief davon, kaufte m der ersten Osteria Wein, Brot und getrocknetes Fleisch und trug es in die Höhle der Armut zurück Die Kinder griffen gierig nach den ungewohnten Ga- bell und verschlangen mit Heißhunger die Speisen.

Das Weib starrte Gabriel an, als könnte sie nicht begreifen, wie so etwas möglich fei und war erst nack, längerem Zureden zu bewegen, wenige Biffen zu essen und von dem Weine zu trinken. Aber sie sprach kein Wort unb auch die Tröstungen des Priesters schienen spurlos an ihr Vorüberzu­gehen. „9hm müßt Ihr wieder Vertrauen zum Leben und zum lieben Gott fassen", sagte er, „es wird schon wieder gut werden. Ihr sollt Arbeit haben und Eure Kinder Brcck Es braucht Euch gar nicht bange zu sein, eS gibt noch edle Menschen,

gegen die Stimmen der Konservativen und Frei­konservativen. Infolgedessen stimmten die Konser­vativen gegen den § 31 nach ihrer eigenen Fassung, sodaß dieser gegen eine Mehrheit von Konservativen und Zentrum gleichfalls abgelehnt wurde. Schließlich wurde dann die Regierungs­vorlage behandelt und § 31 der Regierungs­vorlage ohne Diskussion mit derselben Mehrheit vorläufig angenommen. Die Weiterberatung der §§ 32 bis 39 (Gesamtschulverbände) wurde aus­gesetzt und dazu übergegangen, die Erklärungen der Vertreter der Staatsregierung über den § 40 (Lehrerberusung) entgegenznaehmen. Die Kommission beschloß Donnerstag ivieder in die Beratung der § 32 bis 39 eiuzrüreten.

* Stimmungsbild aus dem Reichstage. Während die Leiche des Direktors im Reichstage, Geh. Rates Knack, noch über der Erde steht, hat das Reichs-Parlament einen zweiten Verlust zu beklagen. Der Abg. Lenzmann von der freisinnigen Volkspartei ist am Mittwoch morgen einem Schlaganfalle erlegen. Die Mitteilung von seinem Ableben machte auf das Haus einen um so tieferen Eindruck, als Herr Lenzmann noch am Dienstage den Verhandlungen des Reichstages beiwohnte. Angesichts des Todes tritt die Partei­frage in den Hintergrund und in dem Bedauern über das so jähe Ableben eines Kollegen waren die Parteien geeint. Aber die Politik läßt zu weicheren Gefühlsregungen nicht lange Zeit und kaum war der Nachruf des Grafen Balle st rem verklungen, als im Sitzungssaals sich ein Partei­kampf von solcher Schürfe abfpielte, daß man sich an die Zeit der Zolltarif-Debatten gemahnt fühlte. Zur Verhandlung stand ein antisemitischer An­trag, welcher mit Rücksicht auf den Terrorismus der Sozialdemokratie einen größeren polizeilichen Schutz für die Versammlungen politffcher Parteien forderte. Die bekannte Eisenacher Wahl hat diesen Antrag gezeitigt, und wenn in Eisenach ein wilder Parteikampf "zwischen Antisemiten und Sozial­demokratie gelobt hat, so war seine gesttige Fort­setzung im Reichstage nicht minder wild. In steigen­dem Maße erbitterten sich die Redner der beiden Parteien, und während sie beiderseittg als Ideal des Versammiungswesens die Forderung hinstellten, daß durch politische Selbstzucht die Ruhe in gegnerischen Versammlungen gewahrt werde, gaben sie durch ihr Verhallen den Beweis, daß bei unserem Parteihader eine solche Selbstzucht bei gemtffen Parteien nicht zu erhoffen ist. Kosenamen wie Vetteumder, Schwindler und dergl. schwirrten in lieblicher Älbwechslung durch den Saal. Je er­regter die Situation wurde, umsomehr kam die Heiterkeit zu ihrem Liechte. Sie erreichte ihren Gipfelpunkt, als Zehn-Gebo-te-Hoffmann in einer Siede, die mtt der Grammaltt sehr auf dem Kriegsfuß stand, den Antisemiten ein Spiegel­bild vorhielt. „JhrJskrant", tief er, „hat stets ein Knüppelgerede gegen uns zur Verfügung gehabt und wenn ein Sozialdemokrat in einer Versammlung reden wollte, so ließ er „Heil dir im Siegerkranz" singen oder „Sinn danket alle Gott!" Stürmische Heiterkeit folgte, die, wenn sie einer Steigerung noch fähig war, ihren Gipfelpunkt bei den Worten erreichte: „Sie be- { innen Ihre Versammlungen mit einem Kaiser- och unb am Schluffe heißt es: Jude heraus! Haut ihn! Sie gleichen der Pomadendoge, die an ihrem Kopf den Vermerk „Kaiserpomade" trägt und die nur den größten Schund in sich birgt." Um 6'/# Uhr, also nach 5 Stunden, hatte der Kamps ansgetobt. Der Antrag Lieber­mann wurde abgelehnt. Vom Zentrum hatte

die Euch helfen werden. Euer Antonio ist an einem guten Plätzchen, das dürst Ihr glauben. Und wir wollen ihm ein schönes Leichenbegängnis hallen: er soll drei Seelenmessen befontmen und viele Kerzen. Den Sarg habe ich schon bestellt und in einer Sttmde werden die Trauerfrcmen kommen und Euch behilflich fein. Wenn Euch das Herz schwer ist, so müßt Ihr zur Madonna beten. Die wird Erich helfen. Und jetzt will ich gehen, aber heute abend komme ich wieder und sehe nach Euch."

Er tvandte sich zum Geben. Gabriel wollte feine Börse auf den Tisch auSleereu, aber der Prä- fat duldete es nicht. „Die Frau ist solchen Reich­tum nicht gewöhnt", sagte er. „Das unerwartete Glück könnte sie leicht übermüttg machen uni) auf Abwege führen. Ein einziges Goldstück genügt vorläustg."

Gabriel legte Kvei Zwanzig-Lireftticke auf den Tisch und folgte dann dem Priester. Als et sich unter der Türe umwandte, fah et, wie die Frau und ihre Kinder mit großen Augen auf das glän- äeniie Metall starrten und langsam und scheu her- bcikrochen, den Bück immerfort auf die blinkenden Goldstücke gerichtet. . . .

Niemals noch hatte Gabriel eine solche Wärme in seiner Brust gefühlt als in diesem Augenblicke, wo er das Bewußtsein mtt sich fort nahm, eine Kamille vom Hungertode gerettet zu haben.

Sein Gesicht war so Hefter, als wäre unverhofft das Glück bei ihm eingekehrt; es war ihm, als ginge ein freundlicher Engel an seiner Sette, der die Dämonen in seiner Brust besiegt hatte.--

Draußen in der Unermeßlichkeit des Kolos- feums wälzte er alle Zweifel von seiner Seele und verfluchte seinen „Luzifer", der so viel Unheil angerichtet hatte. Der Himmel, der sich strahlend über seinem Haupte wölbte und die ewige Liebe verkündete, hörte sein Geständnis und sah feinen aufrichtigen Schmerz und der Priester an seiner

der Abg. Giesbetts in sehr wirkungsvoller Weis« gesprochen. Nur die Konservativen leisteten den Antisemiten Bundesgenosienschaft.

* Die Stenerkommission des Reichstages hat am Mittwoch zunächst den Frachlurkun* den stempel in einer etwas veränderten Fassung genehmigt. Zu dem Vorschläge betr. die Fahr* kartensteuer lag ein konservativer Antrag vor, welcher die Kilometerznschläqe beseitigen wollte. Im Verlaufe her Debatte erhob der preußische Finanzminister namens der Verbündeten Regie­rungen entschiedenen Einspruch gegen die Kilo­meterzuschläge. Die Beratung wurde nicht zu Ende geführt.

* Die Unterkommission der Steuerkonnnis- sion des Reichstags, die am Dienswg eingesetzt war, nm über die Form der Z ig ar rett en- steuer zu beraten, hat sich auf ein bestimmtes System nicht einigen können. Sowohl die Wert­zuschlagsteuer, wie die Banderolensteuer wurde von mehreren Seiten bekämpft. Einig war man nur darin, daß die Papiersteuer des Negierungs­entwurfs abzulehnen sei.

* Die Budgetkomulission des Reichstages hat am Mittwoch die Forderung für ein selb­ständiges Kolonialamt mit 17 gegen 11 Stimmen abgelehnt. Als Berichterstatter fungierte der Abg. Dr. Spahn. Derselbe erklärte u. a. wenn seine Partei gegen die Errichtung sei, so entspreche dies keineswegs persönlichen Gründen, wie vielfach in der Presse behauptet sei. — Die Forderung für einen Nnterstaatssekretär, dessen Gehalt von 20,000 Mark auf 25,000 Mark er­höht wurde, nahm die Kommission an.

Aus dem Reichstage.

7 2. Sitzung vom 2 1. März.

Eröfftumg l1/« Nhr.

Präsident Graf Ballestrem: M. H.! Ich habe Ihnen schon wieher eine schmerzliche Mitteilung zu machen. Unser Kollege Lenzmaun, der oem Reichs­tag feit 1880 angehört, ist heute früh 7 Uhr hier an den Folgen eines Schlaganfalls verstorben, nach­dem er noch gestern in unserer Mitte geweilt und sich an den Arbeiten deS Reichstags beteiligt hat. Sie haben sich zu Ehren des Verstorbeneir erhoben, ich konstatiere das. — Hierauf tritt das Haus in die Tagesordnung ein.

Erster Gegenstand der Tagesordnung ist die Beratung des Anttags Liebermann v. Sonnenberg kAntls.): Durch Vermittlung des Reichsamts des Innern Maßnahmen der Bundesregierungen, wo­durch die allen Reichsangehörigen durch Landes­gesetze und den § 17 des Reichswahlrechts gewähr­leistete Versammlungsfreiheit wirksam vor gewaltsamen Störungen geschützt ist.

Abg. Liebermann v. Sonnenberg (Antis.) begrün- bete den Anttag und wandte siel) dabei scharf gegen die Gewaltherrschaft der Sozialdemokratie^ die sie in den Versammlungen gegnerischer Parteien nicht fetten auszuüben pflegt. Er forderte für den Einberiffer der Versaininluugen größere Rechte und wollte die Polizei verpflichtet wissen, die Namen der Ruhestörer sestzustellen.

Abg. Bändert (Soz.) meinte in seiner Entgeg­nung, wer selbst im Glashaufe sitze, solle nicht mit Steinen werfen. Gerade die Antisemiten übten die Praxis des Sprengens von Versammlungen mit Vorliebe.

Abg. Giesbetts (Zentr.) konnte sich ebenfalls mit der Art, wie sich der Antragsteller die Sicherung der Versammlungsfreiheit denkt, nicht einverstanden erklären. Ein freies einheitliches Versamruümysrecht für das ganze Reich sei notwendig; mit einem Appell an die Bundesstaaten, wie ihn der Antrag darstelle, komme man nicht wetter. Daß nicht nur die Sozialdemokratte die Versammlungsfreiheit der

Seite wies ihm den Weg, den er gehen mußte, um zur Wahrheit und zum Frieden zu gelangen.

Sech st es Kapitel.

Von jetzt an trafen sich der Prälat nnd Gabriel fast jeden Tag: der Priester führte Gabriel in das christliche Rom ein, zeigte ihm die zahlreichen Kirchen und Kunstschätze Rours und wurde sein Begleiter in die Hütten der Armut, ivo sie, so gut es in ihren Kräften stand, Rot und Elend linder­te». Eine neue Welt blühte in Gabriel auf: das ewige Reich der christlichen Kunst nnd der Näch­stenliebe.

Darüber versäumte er die Besuche bei der Prin- cipessa; was er dort erlebt hatte, lag hinter ihm wie ein bser Traum. Statt fein Geld am Spiel­tische zu verschwenden, trug er es in die Hütten der Armut und trocknete die Tränen bet Hungernden.

Einmal führte ihn der Prälat in den Vatikan damit er die dort aufgehäuften Kunstfchätze be­wundere. „Man muß doch Rom — das Rom der Päpste — gesehen haben", sagte er, „ehe man darüber urteilt. Ich sage Ihnen: im Vatikan, in St. Peter ist das Herz und die Seele aller christ- siche» Kunst zu suchen.

Gabriel senkte beschämt das Haupt. „Glauben Sw, daß ich wert bin, de» Vatikan zu betreten?" fraflte er. „In jugendlicher Verbleichung habe ich gegen Rom gekämpft und jetzt sehe ich ein, daß ich ein Narr war. Ach, wenn Sie wüßten, wie sehr es mich schmerzt, daß ich das häßliche Buch geschrie- ben habe! Aber ich schvöre es Ihnen: ich will wie­der aut machen, was ich gefehlt habe! Ich toetbe eilten Widerruf schreiben um) ihn schon nächste Woche.in die Welt hinausschicke». Urrd rch mochte ein neues Buch schreiben, ein Buch über die Ver­dienste- der katholischen Kirche um Kullur und Wissenschaft. Es wtrd ein gutes Buch werden, das dürfen iSe mir glauben!"

„Tun Sie das!" sagte der Prälat lebhaft. „Da( ist die allerbeste Sühne. Man darf nie davor zu­rückschrecken, der Wahrheft offen Zeugnis zu geben