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33, Jahrgang

Fulda, Montag, den 19. März 1906.

8®t«tien«6tu6 a. Verlag der Sutoatt 3c* titnörudtrei in Hulda, zernlpre-er Nr.».

Wie wir erfahren, find alle Versammlungen ruhig verlaufen. Man hatte auf Seiten der Be- Hörden nach dem Ausgang des tnt ^anuar auf irgend welche Zwischenfälle während oder nach den Versammlungen nicht gerechnet und befürchtete solche höchstens für den Massenbesuch auf dem Friedhof der Märzgefallenen in Friedrichshain.

Hier hatten bereits am frühen Morgen De­putationen Kranzspenden niedergelegt. Der Be­such war vormittags und nachmittags nicht sehr zahlreich und nahm erst zwischen 3—4 Uhr größere Dimensionen an. Etwa % Stunden lang mußte <nan in der Menschcnmauer stehen, ehe man den eigentlichen Friedhof betreten konnte. Schließlich rücken wir in das kleine Gräberfeld ein. 4—5 Schutzleute halten ohne sonderliche Miihe die Ord­nung aufrecht. Die Gräber sind vollständig mit Kränzen bedeckt, darunter Blumenarrangements von großer Kostbarkeit. Bei den Schleifen über­wiegt natürlich die rote Farbe, aber auch ver­schiedene schwarze Schleifen, teilweise vom Zensor beschnitten, und 2—3 Kränze mit den Farben der deutschen Republik, schwarz-rot-gold, sind zu sehen. Das Publikum beobachtet überall vollständige Ruhe und Ordnung, nirgends ist Anlaß zum Elnschrer- ten vorhanden. Um 6 Uhr wird der Friedhof ge- schlossen und sofort füllten sich die umliegenden Restaurants, soweit das eben noch möglich rst. Verkäufer von Ansichtspostkarten, Andenken, Na­deln rc., auch Verkäufer anarchistischer Arbeiter­blätter machen gute Geschäfte.

Die Polizei hatte dieselben umfassenden Vor­kehrungen getroffen wie am 21. Januar, sie traten allerdings nicht so offen in die Erscheinung. Es war aber doch das Militär in den Kasernen konsigniert und auch die dienstfreie Schutzmann- schäft einberufcn worden. Große Fabriken rc. hatten wieder ihre Lokalitäten dazu hergegeben, Schutzmannspiketts aufzunehmcn, die dazu be- stimmt waren, erforderlichenfalls sofort einzugrei­fen. Dazu ist es aber, wie gesagt, nicht gekommen.

Deutsches Reich.

Berlin, den 17. März 1906.

Der Bureau - Direktor im Reichstage, Geh. Rat Knack, ist am Samstag abend kurz nach 8 Uhr in seiner im Präsidial-Gebäude belegenen Wohnung im 69. Lebensjahre gestorben. Geh. Rat Knack gehörte dem Reichstage seit 1872 als

< Generaldebatte über den Militäretat sich nicht bet den Zettraum von 3 Sitzungstagen hinaus ausdehnt. Die 2. und 3. Lesung der Steuer* cesetzentwürfe soll gleich nach Ostern vorge­nommen werden und erst nach ihrer Erledigung ie 3. Lesung des Etats ihren Anfang nehmen.

Die zweite Serie der Initiativanträge wird erst nach Ostern eröffnet werden, da die beiden letzten Schwerinstage vor den Ferien für Wahl- irüfungen vorbehalten sind. Der Präsident be­absichtigt, nach Erledigung der Tagesordnung von Samstag Marineetat und Flottengesetz, Zölle und Verbrauchssteuern und sonstige kleinere Etats und am Schluffe den Etat des Reichs- dnzlers und des Auswärtigen Amtes auf die Tagesordnung zu setzen. — Uns erscheint das alles, namentlich die Erledigung der 2. Lesung des Etats vor Ostern, einigermaßen als Zu- unftsmusik. ,

** Am Marine-Etat hat bte Butget- kommissiondes Reichstags Streichungen in Höhe von 27,852 Mk. bei den fortdauernden Ausgaben des ordentlichen Etats, von 304,000 Mark bei den einmaligen Ausgaben des ordent­lichen Etats und von 150,000 Mk. bei den ein­maligen Ausgaben des außerordentlichen Etab) vorgenommen. Aus dem ordentlichen Etat wur den 150,000 Mk. in den ordentlichen Etat über; nommen. Die Gewmtabstriche erreichen also di Höhe von 1,331,852 Mk.

% Bon einem neuen Vorschlag für bü? Fahrkartensteuer, der an ebllch im Reichssckatz- amt ausgearbeitet worden ist, will der »Bad. Lokalanz/ wiffen. Danacv soll statt der Krlo- meterzuschläge, welche die Kommission beschlossen hat, ein fester Stempel eingesührt werden, jedoch nicht in Form des ursprünglichen Plans, wonach für die erste Klasse 40 Pf., für d e zweite 20 Pf., für die brüte 10 Pf. und für die vierte 5 Pf. erhoben werden sollten (unter Freilassung aller Fahrkarten unter dem Betrag von 2 Mk.), son­dern in der Form eines nach Zonen abge­stuften Stempels, ebenfalls unter Freilassung des Vorort- und Nahverkehrs. Die Sätze seien einstweilen so gegriffen, daß auf ein Erträgnis von 24 Millionen zu rechnen sein würde. — Wir haben guten Grund zu bezweifeln, daß diese Mitteilung auf authentischen Informationen be­ruht.

Stimmungsbild aus dem Abgeordneteu- hause. Tas Abgeordnetenhaus hat am Sams­tag die 3. Lesung des Etats beendet und damit sein Arbeitsprogramm in erfreulichem Gegensätze zum Rerchstage strikt inneaehalien. Zur Beratung waren noch übrig geblieben die beiden Etats des Ministeriums des Innern und des Kultus. Da die großen Fragen bei der ersten und zwecken Lesung be­sprochen waren, handelte es sich heute im großen und ganzen um eine Nachlese, aller Vings ziemlich ausgedehnter Art, so daß die 8. Stunde heran­kam, ehe der Präsident konstatieren konnte, daß der Etat erledigt sei. Die Debatte eröffneten die Polen, deren Klagen bezüglich der Aenderung polnischer Namen der Minister eine gewisse Be­rechtigung nicht abiprechen konnte. — Auf eine buche Anfrage von konservativer Seite gab ber Kultusminister die Erklärung ab, daß an dem System der Schulaufsicht durch Geickliche, für deren aufopfernde Tätigkeit man dankbar fein müsse, festgehalten würde. Zum Schrecken des Hauses begann in später Stunde der Abg. Gaffel noch eine lange Rede, in der er alle möglichen Beschwerden vorbrachte. Aber auch

£w$ eigen: Die et« spaittge Petitzeile oder deren van« 15 Pf-. Reflamen die Petitzeile 25 pfg.; bei wieder- Holungen wird entspr. vabatt gewährt.

weise blieb sie ihm immer treu — er gewann un­unterbrochen. Sein Glück im Spiele war sprich- wörtlich geworden, und da ihm seine Bücher Tau­sende eintrugen, so wußte er gar nicht, wohin mit seinem Reichtum. Sobald seine Freunde merkten, daß er mit feinem Gelbe nicht wohin wußte, be­gannen sie ihn erst sanft und dann immer stärker anzuzapfen. Gabriel gab mit lachendem Munde Hunderte weg; dabei besaß er die Liebenswürdig­keit, feine Freunde niemals an ihre Verpflich­tungen zu erinnern, noch von ihnen Schuldver­schreibungen zu verlangen — und er war daher in ihren Augen der beste Kerl von der Welt, der keinen im Stiche ließ, welcher sich in Verlegen­heit befand.

Insbesondere der kleine Marquis nahm seine Geldverlegenheit und beschwerte sich bei jeder Ge­legenheit über seine Schwester, die ihn nach seiner Meinung zu knapp hielt, von der et übrigens ganz und gar abhängig zu sein schien.

Gabriel selber hatte sich derart in eine leiden­schaftliche Spielwut hineingelebt, daß er oft näch­telang nicht schlafen konnte und fiebernd die Stun­de erwartete, wo das Spiel wieder begann. Es war nicht der Gewinn, der ihn lockte, sondern der geheimnisvolle Reiz, den das Spiel mit seinem prickelnden Baugeil und Hoffen auf feine Nerven ausübte, der berückende Zauber des gleißenden, klingenden Goldes.

Einmal aber war ihm das Glück doch untreu; er hatte sich mit der Principefsa wegen einer Sängerin, die ihn in ihre Netze zu locken suchte, gezankt. Die Principefsa hatte geweint und ihm Vorwürfe gemacht, daß et sie vernachlässige-, nun war er nervös und gereizt, seine Hand wat un­sicher beim Spiel, feine Gedanken weitab. Et verlor einen Satz um den anderem Sobald es bekannt war, daß sich fein Glücksstern gewendet habe, dräugteu sich alle herzu, die jemals Unglück gehabt hatten, um sich das Verlorene wieder zu holen. Wie Vampyre hängten sie sich an ihn, um

reubiger Beamter, bet sowohl bem Präsidium wie auch ben Abgeordneten in manchen Dingen Dank seiner reichen Erfahrungen an die Hand ging. Auch die Vertreter der Preffe verlieren m hm eine geschätzte Person.

* Baudarlehen zur Herstellung von Eigenhäusern an untere Beamte und Arbeiter ber Eisenbahn-Verwaltung ist einem Er­lasse bes preußischen Eisenbahn-Ministers zufolge m Aussicht genommen. Der Darlehensnehmer hat minbestens 6°/, des empfangenen Darlehns- betrages jährlich zu entrichten, unb zwar 3'/,'/« zur Verzinsung des jeweilig noch ungetilgten Dar- lehnteiles unb ben Rest zur Tilgung bes Dar- lehns. Voraussetzung für bie Gewährung eines solchen Darlehns ist, baß der Grund und Boden bereits schulden- unb lastenfrei im Besitze des Darlehnsnehmers ist, da das Staatsdarlehen tm Grundbuche an erster Stelle eingetragen fein muß.

* Nachträgliche Anklagen werden aufgrund der letzten Kolonialdebatte gegen den früheren Kolonialbirektor Dr. Stübel erhoben. Die ,Deutfche Tagesztg/ erörtert biefe Anklagen unb gibt zu, daß Herrn Dr. Stübel ben Vor- rourf gemacht werden könne, daß er seinem Amte nicht ganz gewachsen gewesen sei, weiterhin aber der Vorwurf, daß er gegen seine Beamten etwas zu mild und zu konziliant gewesen sei. Das ge- nannte Blatt schließt seine Ausführungen mit folgenden Sätzen: „Es ist fraglich, ob es seinem jetzigen Stellvertreter oder seinem zukünftigen Nachfolger vollständig gelingen werde, die Zügel immer straff unb in fester Hand zu halten. Wir wiffen uns frei von jeder Befangenheit gegen­über dem jetzigen Stellvertreter des Kolomal- direktors; ob er aber der Mann fei, die ge- wattigen Schwierigkeiten zu besiegen und ob die Aera Hohenlohe gedeihlicher und erfreulicher sein werde als die Aera Stübel, das muß vorläufig abgewartet werden."

* Die Verkehrseiunahmeu deutscher Eisen­bahnen betrugen im Februar 1906 für alle Bahnen: Aus dem Perionenverkehr 37 624783 Mk. (mehr 3807353 Mk.); aus dem Güterverkehr: 114 226^39 Mk. (mehr 19137946 Mk.) Für bie Bahnen mit dem Rechnungsjahr April-März betrugen bie, Ein­nahmen für die Zeit vom l. April 1905 bis Ende Februar 1906 aus dem Personen ver­kehr 494952540 Mk. (mehr 34119383 Mk), aus dem Güterverkehr 1155353357 Mk. (mehr 83504599 Mk.) Die Bahnen mit bem Rechnungsjahr Januar-Dezember vereinnahmten vom 1. Januar 1906 bis Ende Februar aus dem Güterverkehr 24608070 Mk. (mehr 2602622), aus dem Personenverkehr lu 104388 Mk. (mehr 882320 Mark.)

* 50 Millionen für den Bau zweiter Gleise sollen der »Post' zufolge in die demnächst dem Abgeordnetenhauie zu unterbreitenden Nebenbahn­vorlage eingestellt fein.

.-. Ter S niorenkonvent des Reichstages beschloß am Samstag, die Osterferien am 6. April d. I. beginnen zu lassen unb am 24. April bie Arbeiten wieder aufzunehmen. Da­nach bleiben noch 17 Sitzungstage vor Ostern, von denen 3 Schwerinstage wären. Die Hoff­nung aus rechtzeitige Fertigstellung des Etats ist definitiv aufgegeben und ber Reichskanzler bereits hiervon benachrichtigt worden, so daß die Vorbereitung eines Notgesetzes schon im Werke sein dürfte. Es soll versucht werden, die zweite Lesung des Etats vor Ostern zu Ende zu führen, was freilich zur Borausietzung hätte, daß die

gDie religionslosen Schulen in den Kolonien vor dem Reichstage.

Wider Erwarten hat die Verhandlung des Reichstags vorn Samstag einen Verlauf genommen, der das Interesse weitester Kreise des deutschen Volkes für sich in Anspruch nimmt. Die Beratung des Kolonialetats gab Anlaß zu einer Art Ku ltur- kämpf, m welchem das Zentrum die christliche Kultur nicht nur gegen die Linke, sondern auch gegen die Rechte zu verteidigen gezwungen ^"^Bekanntlich hat die Regierung für Ostafrika Regierungsschulend. h. religionslose Schulen verlangt. In der Kammission hatte daS Zentrum in ber Bekämpfung dieser Schulen allein gestanden und einer Vereinigung der Rechten und der Linken der Regierungsforderung zum Siege verhalfen. Als am Samstag diese Position im Plenum zur Beratung stand, verlangte der Abg. Bachem vom Zentrum, baß über sie eine förmliche Abstimmung erfolge, um vor dem Lande fest­zustellen, welche Parteien gegen die Konfeffionsschulen feien.

Die Sozialdemokratie, welche sich des Widerspruchs wohl bewußt war, daß sie sonst die Koloniattorderungen ablehnt, hier aber für die Regierungsforderung eintrat, schickte den Abg. :£ebebour vor, welcher die Haltung der Sozial­demokratie rechtfertigen sollte, dabei aber bie Ungeschicklichkeit besaß, zu erklären, baß bie Sozialdemokratie für bie Regierungsforberung eintrete, weil sie prinzipiell für bie Si­multanschule bezw. religionslose Schule sei. Diese Erklärung schärfte bie weitere Ver­handlung geradezu zu einem dramatischen Knoten. Herr Dr. Bachem nagelte das Prinzip ber Sozial- bemokralie in bieser Angelegenheit fest.

Jetzt gingen ben Konservativen bie Augen auf. Es meldeten sich im Saale ver­schiedene Gruppen von Abgeordneten. Vertreter ber Konservativen verbandelten mit den National­liberalen, ein Schriftführer verließ seinen Platz unb gesellte sich zu ihnen, mehrere Herren von der Gruppe besteigen das Redner - Podium, um mit bem amtierenden Vizepräsidenten Grafen Stolberg zu verhandeln. Dieser weist sie mit envr Hnndbewegung zurück, jetzt verhandelt ber Schriftführer allein mit dem Grafen Stolberg.

In der Portiere hinter dem Präsidium er­scheint Graf Ballestrem. Nachdem er einige Worte mit dem Grafen Stolberg gewechselt hat, läßt er sich, was sehr selten geschieht, in den Bänken des Zentrums nieder. Da nimmt der Abg. Graf Schwerin-Leimitz das Wort, um zu erklären, daß bie Konservativen nach ber Erklärung Lcbebours gegen bie Regierungs-Schulen , stimmen müßten. Allseitiges Staunen! Der Abg. ö. Karborff beantragt Zurückverweisung an bie Kommission, Freisinn unb Sozialdemokratie wider­sprechen, Singer bezweifelt bie Beschlußfähigkeit des Hauses. — Das Haus ist nicht besch luß, fähig. Der Reichstag „fliegt aus" unb ben moralischen Erfolg hat bas Zentrum

ihn auszusaugen. Gabriel merkte wohl den Grund, warum sie sich wie Falter zum Licht drängten, aber er war ©entfernen genug, um das Spiel so lange fortzusetzen, bis er auch den letzten Heller verloren batte. Dann erhob er sich und sagte, er stehe morgen wieder zur Verfügung.

Es war schon spät, als er das Haus der Priuci- pcssa verließ; ein halbes Dutzend seiner Freunde begleiteten ihn. Sie hatten alle ein bischen viel getrunken, fast jeder trug einen ansehnlichen Ge­winn in der Tasche; das machte sie übermütig und ausgelassen. Gabriel war von allen der fröh­lichste, sein Verlust schmerzte ihn nicht im gering­sten, denn er war sicher, daß er die Scharte bald wieder auswetzen würde.

Seine Begleiter, neckten ihn. „Unglück im Spiele — Glück in der Liebe!" lachte der eine.

„Sie hatten heute ein dischen Pech, toa8?" sagte ein anderer. „So gegen fünf Tausend, ja?"

„Zehn", sagte Gabriel kalt, als handle es sich um zehn Pfennige.

„Donuerrnal - das ist stark! Und mit welchem Gleichmute er es trägt, der reinste Stoiker."

„Vah", sagte Gabriel. „Weg ist weg — es kommt auch wieder!" Und bann trällerte er eine Melodie ans der „Fledermaus":

Glücklich ist. Wer vergißt, Was nicht mehr zu ändern ist!

Die frische Nachtluft unb der reichlich genossene Wein taten bald ihre Wirkung an den angeheiter­ten jungen Herren sie wurden zusehends bette- ter und ausgelassener, neckten sich und trieben allerlei Possen. Der kleine Marquis toar natür­lich auch mit. „Kinder", krähte er, „ich schlage vor, wir stecken eine Trauerflagge auf die Nadel der Cleopatra. Die alte Dame hätte schon längst solchen Schmuck verdient "

„Na, ich möchte sie mal kraxeln sehen, Silvio! sagte Gabriel. „Uebrigens ist der Obelisk auf

% Der 18. Mürz.

> Die meisten der heute in Berlin und Vororten fftattgefundenen über 100 Volksversammlungen wiesen starken Besuch auf, den stärksten natürlich «in den Arbeitervierteln. Die Versammlungen im «Westen waren nur sehr mittelmäßig besucht, die jim Norden, Osten und Nordosten dagegen teil- jweise überfüllt.

dem Petersplatz gar keine Nadel der Cleopatra, die sind in London und New-Jork.

Der Marquis zog den Hut und verbeugte sich. „Donuerrnal, welches Wissen! Da muß ich freilich die Segel streichen. Eine ganze Welt im Kopfe, wie Pallos Athene." — . r., ,

„Still", lachte Gabriel, „wenn Sie sich auf das Gebiet der Mythe und der Geschichte begeben, da ist's mir immer, wie wenn sich ein gewisses Tier aufs Eis begibt und zu tanzen anfängt — das Eis bricht schon nach dem ersten Sprung.

Alles lachte. Aber der Marquis war nicht aus der Fassung zu bringen. „So wollen wir im Ko­losseum eine Ode fingen", sagte er, „um bte Akustik des alten Hauses zu erproben."

Da hatte er die Lacher aus feiner Sette. „ES ist mir ganz recht", sagte Gabriel, „ich furchte nut, Ähre reizende Stimme könnte Schaden letden. Wir wollen lieber eine Ostcria aufsuchen und bet einer Flasche Est-Est weiter beraten. Zwar habe ich keinen Cenlesimo mehr tn der Tasche, aber einet der Herten wird mir wohl ein paar Lire pumpen."

„Hundert", sagte einer.

„Tausend", krähte der Marquis und schlug sich mit der Hand auf die Brust, wo ein Pack Bank­noten, die er Gabriel abgewonnen hatte, toohlge- borgen ruhte. t „

Arm in Arm, die ganze Breite der Straße füllend, gingen sie unter Lachen und Scherzen weiter. ...

Sie waren noch keine zweihundert ^ajrttte gegangen, da kam ihnen ein Herr entgegen, ben sie beim Scheine der Laterne als erneu Priester ertannten. „Ah, ein Schwarzer! em Pnpltncher! krähte der Marquis. „Was sucht der um Mitter­nacht auf der Straße?"

Der Priester blieb vor der geschlossenen Kette stehen lüftete den breiten Hut und sagte mit Würde: „Bitte, meine Herren, geben Sie den Weg frei."

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Verantwsttlicher Schriftleiter-.I-vam«: ÄVÄ- woOcnMiage: „ZlluftrierteSonntagMttung

Gch. Regieruugsrat Knack fr,

Beamter an; seit 1880 war er Direktor im Reichs­tage. Der Verstorbene ivar ein äußerst pflicht- getreuer, streng rechtlich denkender und arberts-

Aufer ftebung.

Roman von Felix N a b o r.

21] (Nachdruck verboten.)

Viertes Kapitel.

Als Gabriel nach dem Ausflug in die Cam­pagna zum ersteninale wieder mit der Principefsa tzusammentraf, klopfte ihm das Herz; aber sie be- ! rührte mit keinem Worte den Vorgang in der i®rotte der Egeria, nur ein rasch vorübergehendes «Flimmern in ihren Augen ließ den Sturm ahnen, «der in ihrer Brust tobte.

Gabriel hatte sich von der großen Gesellschaft, Ibie stch lebe Woche zweimal im Salon der Prin- «pessa versammelte, loszumachen gesucht, aber es toar ihm nicht gelungen: fast mit Gewalt hatten ihn seine Freunde „zu den bekränzten Altären" geschleppt, toie der kleine Marquis sagte. Die Spitzen der internationalen Gesellschaft, alles, was auf Geist und exquisite Bildung Anspruch machte, die Herren van der Börse und vom Klub, die ersten Damen von der Oper fanden sich hier zusammen. Die Principefsa bildete den Mittel­punkt dieses glänzenden Kreises und ließ ihren blendenden Witz gleich Raketenfeuer spielen. Waren die Soireen zu Ende, so blieben die Ge­treuen des Hauses noch ein paar Stunden beisam- toen, um über politische Ereignisse oder neue ttteransche Erscheinungen zu plaudern und den Abschluß bildete gewöhnlich ein kleines Spiel, das aber oft in ein ganz bedenkliches „Jeu" ausartete Und bis in den Morgen hinein währte.

Gabriel hatte in diesem Kreise eine gewisse Berühmtheit erlangt; einmal durch feinen geist- dollen, blendenden Witz, dann aber besonders durch fein unerhörtes Glück im Spiele. Er spielte so kühn, daß es schien, als fordere er die launische Glücksgöttin geradezu heraus; aber seltsamer-