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M 57.

Fulda, Samstag, den 10. Dtärz 1906.

33. Jahrgang.

Zweites Matt.

Wochen-Rundschau

(Nachdruck verboten.)

Fulda, den 10. März 1906.

Der Reichstag hat in dem schleppenden Tempo, das er bisher innegehalten hatte, auch in der vergangenen Woche die Etatsberatungen fort­gesetzt. Mit Mühe und Not hat man in sieben­tägigen Verhandlungen den Justizetat erledigt und ist jetzt mit dem Postetat beschäftigt. Zwi­schendurch wurde die erste Lesung der Novelle zum Reichsstempelgesetz vorgenommen, durch welche der Arbitrageverkehr und der Umsatz der Reichs- und Staatsanleihen entlastet werden soll. Die Vorlage wurde der Steuerkommission überwiesen. Der An­fang der Dienstagssitzung des Reichstags wurde auf die Erledigung einer freisinnigen Interpella­tion über die nicht rechtzeitig erfolgte zollamtliche Abfertigung deutscher Ausfuhrgüter an der ruf- fischen Grenze verwandt, die vom Staatssekretär Grafen Posadowsky in zufriedenstellender Weise beantwortet wurde. Auf die Fertigstellung des Etats bis zum 1. April hat man bereits endgültig verzichtet. Man wird sich wieder einmal mit einem „Notgesetz" behelfen.

Unter diesen Umständen ist es durchaus ver­tretbar. daß die Budgetkommission des Reichstages sich für ihre Beratungen mehr Zeit nimmt und ihre Arbeit gründlicher macht, wie früher. Sie hat diesmal tatsächlich auch manche Fragen zu erörtern, welche eine gründliche Durch­leuchtung erfordern. Es gilt das namentlich von kolonialpolitischen Fragen. Am Dienstag hat die Budgetkommission die Flottengesetznovelle und die Hauptforderungen für die Verstärkung unserer maritimen Wehrkraft im neuen Marineetat geneh­migt. Auch das Zentrum stimmte den Forderun­gen zu, allerdings nur vorläufig und vorbehaltlich einer befriedigenden Lösung der Steuerfrage.

Die Steuerkommission macht langsame aber sachlich befriedigende Fortschritte. Nachdem die Kommission unter Ablehnung eines Ausfuhr­zolles auf Kohlen einen Ausfuhrzoll auf Kali und Lumpen zugestimmt hatte, nahm man die Erb­schaftssteuerfrage in Behandlung und es gelang, nachdem die Fraktion von einer Ausdehnung dieser Steuer auf Deszendenten und Ehegatten abgesehen, die Vorschläge des Zentrums im Wesentlichen zur Grundlage der Beschlüsse der Kommission zu ma­chen. Wann die Steuervorlagen wieder an das Plenum kommen werden, ist noch nicht abzusehen. Ihre Erledigung wird dann nicht zuletzt von der Besetzung des Hauses abhängen. Die letztere hat in der vergangenen Woche sehr viel zu wünschen übrig gelassen. Ob es damit besser werden wird, trenn Diäten gewährt werden?

Im preußischen Abgeordneten­bause bildete der K u l t u s e t at den Gegenstand der Beratungen. Dieselben haben einen recht ruhigen Verlauf genommen die allgemeine De­batte beim „Ministergeha^" wurde sogar außer­gewöhnlich schnell erledig t. Hervorgehoben sei, daß die Erörterungen, welche zwischen dem Kul­tusminister und dem Abg. Dr. Porsch über die Marianiscken Kongregationen gepflogen wurden, auch nach Ansicht der „Kreuzztg." den Beweis er­bracht haben, „daß die Befürchtungen, die gegen die bedingte Niederlassung dieser Kongregationen seinerzeit erhoben worden sind, sich nicht als be­rechtigt erwiesen hoben". Die „Kreuzztg." meint mit Reebt, das Gleiche gelte von der Aufhebung des § 2 des Jesuitengesetzes. „Es zeigt sich", heißt es in der Auslassung des konservativen Blattes, „daß wir damals reckt gehabt haben mit der Auffassung, daß der erbitterte Kampf gegen diese beiden Maß­regeln recht überflüssig gewesen ist". Das meinen ■s .......... iiiiimii—um eei’iaiwirrT^riiiTi iiieiiiiimeiiieBeaeBHeaHBeeeeai

wir auch. — Die Schulgesetz? ommission des Abgeordnetenhauses hat auch in der vergan­genen Woche ihre Arbeiten noch nicht beenden kön» neu. Es zeigt sich mehr und mehr, daß man die Schwierigkeiten der Angelegenheit anfänglich in parlamentarischen Kreisen stark unterschätzt hat.

Aus Deutsch-Südwestafrika ist die erfreuliche Meldung eingegangen, daß der Kapitän Cornelius, der Führer dec Bethanier-Hottentotten, nun doch in deutschen Händen ist. Er wurde durch die ausdauernde Verfolgung vonseiten des Haupt­manns Volkmann gezwungen, sich diesem zu er­geben. Hauptmann Volkmann ist klug genug ge­wesen. dem Cornelius und seinen Leuten vor allem die Pferde und Gewehre abzunehmen, um ihnen so ein abermaliges Ausreiben unmöglich zu nm- chen. Jetzt steht in der Hauptsache nur noch Mo- renga gegen uns im Felde.

Das Handelsprovisoriums wischen Deutschland und den Vereinigten Staatenist mit dem 1. März in Kraft getreten. Am gleichen Tage sind dieHandelsverträge mit unseren Vertragsstaaten in Kraft gesetzt wor­den, was die liberale und die agrarische Presse veranlaßte, je nach ihrem Standpunkte noch einmal die ganze Handelspolitik zu erörtern.

Vor allem wurde die öffentliche Meinung in der vergangenen Woche aber von der Marokko- Frage bezw. Marokkokonfereuz in Anspruch ge­nommen. Während man in den offiziellen Sitz­ungen die Erörterung der Bankfrage fortgesetzt hat. wurde inoffiziell auch über die Polizeifrage weiter verhandelt. Hier steht die Sache jetzt im all­gemeinen so, daß die Mehrzahl der Staaten mit der von Rußland vorgeschlagenen Uebertragung der Leitung dec marokkanischen Polizei an Frank­reich und Spanien einverstanden ist, während Deutschland Bedenken dagegen erhebt. Deutscher­seits hat man sich aber zu einer weitgehenden Prü­fung des Vorschlags bereit erklärt und es wird darauf ankommen, ob cs gelingt, denselben mit der unerläßlichen Garantie für die Integrität Marok­kos und der wirtschaftlichen Gleichstellung aller Staaten im Handel mit Marokko in Einklang zu bringen. Von manchen Seiten wird die Situation fortgesetzt als sehr kritisch angesehen, während von anderen Seiten die Hoffnung auf ein günstiges Ergebnis der Konferenz ausrechterhalten wird. Man will sogar die Reise, welche König Edu­ard von England in den letzten Tagen nach Paris unternommen bat, mit Vermittlungsabsich­ten in Verbindung bringen. Was Wahres daran ist, läßt sich zur Zeit nicht feststellen, doch wirft die Teilnahme Delcassö's an einem anläßlich der An­wesenheit des Königs auf der englischen Botschaft in Paris veranstalteten Frühstück diese Vermitt- j lungsabsichten etwas bedenklich erscheinen. Auch ' von einer „demnächstigen" Begegnung zw i-! schen Kaiser Wil Helm unddemKönig^ Eduard ist die Rede gewesen. Nachher wurde diese Begegnung aber erst für den September in Aussicht gestellt und Malta als Treffpunkt ge­nannt. Auch darüber ist nichts bestimmtes zu sagen. Von deutscher offiziöser Seite Hot man sich darauf beschränkt, zu konstatieren, daß über eine Mittelmeerreise des Kaisers noch nichts be­stimmt ist.

Die französische Deputiertenkam­mer war in den letzten Tagen der Schauplatz von chauvinistischen Kundgebungen für die Armee und ■ Marine. Wahrend sich aber der Kriegsminister j Etienne darauf beschränkte, die „allgemeine poli-' tische Lage" zugunsten seiner Forderungen für die j Armee ausmspielen, forderte der Deputierte Lo- j croy für Frankreich eine stärkere Flotte unter! direkter Anspielung auf einen späteren Krieg mit Deutschland. In diesen Vorkommnissen aber mehr als ein Zeichen der Stimmung in Frankreich zu suchen, wie es einige Blätter tun, halten wir für unberechtigt. — Die strenge Fortsetzung der In­ventaraufnahme in den französischen Kirchen hat

an verschiedenen Orten weitere Tumulte gezeitigt. In Dünkirchen ist dabei sogar eine Person ge­tötet worden.

An den Bemühungen EnglandS. seine Flotte zu vergrößern, hat dec Kabinettswechsel nichts geändert. An dem Marinebudget wurden nur geringe Abstriche vorgenommen. AIS bedeut­sam konnte man vielleicht ansehen, daß die Forde­rung für einen Kriegshafen in Rosyth, der wohl als Trutzhafen gegen Deutschland gedacht war, abgesetzt wurde. Die Erörterung der Zollreform­frage im Unterhaus wurde wegen Erkrankung Balfour'- und Chamberlain's vorläufig ver­schoben.

Die russische Verfassung ist endlich fertiggestellt. Am Dienstag wurde in Petersburg ein kaiserliches Manifest veröffentlicht, das die künftigen Befugnisse des Reichsrats und der Reichsduma regelt. Die Wahlen für die letztere beginnen am 8. April. — Aus einer laugen Reihe von Städten werden Raubanfälle gemeldet, bei welchen die Revolutionäre die Hand im Spiele haben.

Im Gegensätze zu den beruhigenden Auslassun­gen der chinesischen Regierung scheinen sich die Ueberfälle auf europäische Missionare in CHina zu häufen. Einer Meldung zufolge hat die Kai- serin-Witwe den Kriegsminister angewiesen, be­sondere Maßregeln zum Schutze der Missionare zu treffen.

Unpolitische Zeitkäufe.

© Berlin, 8. März 1906.

(Nachdruck verboten.)

„Entmündigt"i Ein trauriges Wort. Es klingt beinahe so wie „entwürdigt". Und wieviel Acrger, Streit und Schaden ist bereits vorhergegangen, ehe man sich zu der eingreifenden und schmerzhaften Operation entschließt i Einen ausgewachsenen Menschen wieder in die Reihen der Unmündigen schieben, so zu sagen den alten Gliedmaßen wieder Kinderkleider anziehen, das sieht wie ein Fast­nachtsscherz aus, ist aber eine bitterernste Bewäh­rung des Spruchs, daß Alter nicht vor Torheit schützt. Der Verstand soll mit den Jahren kom­men ; aber manchmal bleibt er ans und manch­mal geht er wieder von dannen. Einen besonders traurigen Eindruck macht es, wenn sogar in höchst- gestellten Kreisen, in fürstlichen Familien, Ent­mündigungen nötig werden, wie z. B. fetzt gegen­über dem Herzog Paul Friedrich zu Mecklenburg und feiner Gemahlin Prinzessin Windischgrätz. Ein kleiner Trost ist es noch, daß dem Paar nichts schlimmeres nachgesagt wird, als Geldverschwen­dung infolge von Charakterschwäche: aber wenn der Hausvater schon in die fünfziger Jahre gelangt ist und erwachsene Kinder vorhanden sind, so sollen doch die Eltern ein klein bißchen Selbstbeherrschung im Geldausgeben oelernt haben.

Vormund von kleinen Kindern zu sein, ist eine kleine Last: balbwüchsiae Kinder zu bevormunden, ist eine große Last. Aber der Vormund von ent­mündigten Erwachsenen möchte ich schon gar nicht werden.

„Na ja, so gehts bei den feinen Leuten: der Reichtum verdirbt den Charakter". So hörte ich einen Proletarier räfonnieren. Ist die Verschwen­dung wirklich nur ein Laster der Reichen? Leider nicht. Ter eine vergeudet sein Vermögen oder sein Renteneinkommen: der andere vergeudet am Abend des Zahltages seinen Wochenverdienst: sie sind alle beide törichte und charakterlose Verschwen­der. Das bekannte Sprichwort von den Dieben pflegt hier aber umgekehrt zur Anwendung zu kommen: die recht großen Verschwender entmün­digt man, die kleinen läßt man laufen. Und doch richten die kleinen oft noch schlimmeres Unheil an, als die großen Verschwender. Der Millionen, der

Flusersteyung.

Roman von Felix Nabor.

12} «Nachdruck verboten.)

Ms Gabriel diesen Vries seiner Mutter gelesen hatte, brach er wie vom Blitz getroffen zusammen. Seine Augen brannten wie Feuer, aber keine er­lösende Träne linderte die Qualen seiner Seele.

Sein Vater tot! . . .

Und er — er war vielleicht sein Mörder! . . Die Sckinach, die der Sohn auf sich gehäuft, hatte den Vater ins Grab gebracht!

Er war ein Unseliger, ein Verworfener — am Ende gar der Mörder seines eigenen Vaters! . . .

In der gleichen Stunde noch reifte er in die Heimat: .er wollte wenigstens seine Mutter noch einmal sehen und in ihren Augen Verzeihung lesen, ans ihrem Munde ein liebes Wort hören ...

Aber er kam zu spät. Als et die Heimat er­reichte, land er zwei frische Gräber, dicht bei­einander.

Die Menschen, die ihn kannten, wichen ihm aus wie einem Geächteten ober einem Verbrecher. In seinen Ohren gellte ohne Unterlaß der Ruf: „Abtrünniger! Verräter! Mörder!"

Wie ein Verfluchter, mit dem Kainsmale auf der Stirn, floh er ans der Heimat, ans der Welt und vor den Menschen, tausendfache Onal im Herzen.

Neuntes Kapitel.

3m alten Pharaonenlande, am Fuße der viel- tausendjährigen Pyramiden, machte Gabriel end­lich nach langer Irrfahrt Rast. Seme Gesundheit war erschüttert und ein berühmter Arzt, den er um ^al gefragt, hatte ihn zur Erholung nach Aegyp­ten geschickt.

der Einsamkeit der Wüste hoffte er mit Hdj selber ms Reine zu kommen und Ruhe und Frieden zu finden. Was ihm aber noch viel lieber

war: hier gab es keine Menschen, die ihm sein Vergehen hätten von der Stirne lesen können, hier hörte niemand die Klagen und Seufzer, die er in die Wüste hinausschrie.

Als er zum crftenmale die frühesten Denkmäler menschlicher Schaffenskraft und Kunstfreude er­blickte, die Ricsenphynx und die himmelanstreben­den Pyramiden, die sich am Fuße des libyschen Gebirges in erhabener Größe stotz und ehrfurcht- gebietend erhoben, da warf er sich in den glühenden Sand nieder, und sich an die starr in die Unendlich­keit blickende Sphinx wendend, rief er, gleich als rede er zu einem lebenden Wesen: „Wo ist die Wahrheit? — wo das Lickt? wo die Er­kenntnis?" — Aber der starre Stein blieb stumm, und nicht einmal ein tröstendes Echo gaben ihm die Lüste auf seine bange Frage zurück.

Mutlos lehnte er sich an den Riesenleib der Sphinx und blickte ins Weite, bis ihn die Augen schmerzten, und bis die Sonne zu sinken begann. Hinter der libyschen Höhenkette ging sie zur Rüste: der nackte, kahle Kalkfelsen schimmerte wie leuch- tenbe Kristalle, und es schien, als versenge der glühende Sonnenball das Herz des Gebirges und brenne eine blutende Wunde in das loeißschim- mernde Gestein, hinter dessen Kamm sie ver­schwand, um mit ihren zum Himmel aufschließen­den Strahlen das Land mit Millionen goldener Fäden zu umspinnen.

Hier also wollte Gabriel rasten, hier Ruhe suchen für seinen Geist, und Frieden für fein Herz.

Und während er nun Tag für Tag das weite Trümmerfeld durchzog, und unter Staub und Mo­der grub und wühlte, da entstand ihm inmitten dieser Wüste eine neue Welt voll Pracht und Herr­lichkeit, die Jahrtausende geschlummert hatte, und die das Zauberwort seiner Phantasie zu neuem Leben erweckte. Ta erstand vor ihm die schim­mernde Königsburg der Pharaonen, inmitten einer glänzenden Stadt mit tausend Tempeln und Toren, Palästen, Gärten und Hainen. Durch die

Straßen gingen bleiche, stille Menschen in weißen Vyssnsgewändern, feierlich und ernst. Tort ragte das goldschimmernde Heiligturn des Piah, vor dem die Priester sich auf die Knie warfen, und jener leuchtende Marmortempel barg den Apis, den hei­ligen Stier, der aus goldener Krippe fraß. Durch die blütenreichen Gärten wälzte der heilige Strom seine Wellen in stiller, ruhiger Pracht, jener Strom, dessen Quellen in der Unendlichkeit zu liegen schienen.

So saß er eines Tages zwischen altem Gemäuer jener Ruinen, durch welche vielleicht ehemals die Pharaonen geschritten waren. Während er über das Wesen der Dinge und über die Kultur und die Religionen jener entschwundenen Völker grübelte, schlossen sich langsam feine Augen . . . aber selbst im Traume scannen'si st fe:re Gedanken weiter —

... Er ging durck u:e Straßen der alten Pba- raonenstadt: er wollte zum Oberpriester und ihm eine Frage verlegen, nur eine einzige Frage: „Mo ist die Wahrheit?" —

Er fand den greifen Apispriester über eine Vapyrusrolle gebeuot und siebte mit zitternder Stimme: „Du Weisester der Weisen, der Du seit Jahrtausenden das Wesen aller Dinge ergründest, sprich: Wo ist die Wahrheit?"

Der Apispriester sah ihn aus tiefen, leeren Augenhöhlen an und sagte: „Beim Vater des Lichtes — bei Gottl"

„So gibt es einen Gott?" fragte Gabriel, zum Tode erfchrocken.

Da sprühten des Priesters Augen Blitze, feine Stimme klang wie ferner Donner, als er sprach: „WaS zweifelst Du daran, elender Erdenwurm! Wie magst Du es wagen, Dich mit Deinem schwa­chen Geiste wider Deinen Herrn zu erheben? Er ist der einzige, der ewige, der unfaßbare! Viel­gestaltig ist er — und doch nur einer! Tausend Namen hat er in der Welt — und doch gebührt ihm nur einer 1 Er trägt die Welt in seinen Hän­den und lenkt die Völker — et ist Gott, der All- aewaltiael"

Hunderttaufende zum Fenster hinauswirft, schmä­lert den Uebersluß feiner Familie: der kleine Mann, der den Arbeitslohn ganz oder zu einem erheblichen Teile verpraßt, entzieht seiner Fa- milie die Notdurft. Es gibt sogar Volkswirte, die dem kostspieligen Luxus der Rerchen eine gemein­nützige Seite abgewinnen: sie meinen, die Anhäu­fung des Vermögens in einigen wenigen Händen würde zu arg werden, wenn nicht von Zeit zu Zett in den besitzenden Geschlechtern Verschwender auftauchten, die dafür sorgen, daß das Geld wieder unter die Leute kommt. Das hört sich ja recht nett an, nur wird man dabei den ärgerlichen Gedanken nicht los: Schade um das schöne Geld, was da für nichtsnutzige Dinge verpulvert wird: wieviel Schönes und Gutes hätte man mit diesen „Flug­blättern" von Hundert- oder Taufendmarkscheinen stiften können! (Zum Beispiel für den Bau von Krankenhäusern oder sonstigen Charitaszwecken oder für den Kirchenbau in Zehlendorf oder sonsti­ge» notleidenden Diaspora-Gemeinden!)

Trotz alledem darf man nicht pharisäisch ur­teilen. Immer hübsch die mildernden Umstände berücksichtigen l Die Sprößlinge der bevorzugten Familien haben in ihrer Jugend den Wert des Gel­des und die Notwendigkeit der Sparsamkeit gar nicht so gut kenne» lernen können, wie wir gewöhn­liche Menschenkinder, die von jung auf den Schweiß des Vaters und die Rechenkunst der Mutter be­obachten konnten. Ihre Widerstandskraft ist also weniger gestählt, und die Versuchungen treten doch viel stärker an sie heran. Sie leben im Dunstkreis der noblen Passionen, die bekanntlich immer kost- spieliger werden, und an ihre Fersen heftet sich ein ganzes Heer von Schmarotzern und Spekulanten. Wo was zu holen ist, da sammeln sich die Raben.

„O, wenn ich doch an der Stelle dieses reichen Verschwenders gewesen wäre: wie würde ich mir das Leben angenehm gemacht haben, ohne dabei den Grundstock des Vermögens anzugreifen!" So kannst d» leicht deklamieren: denn es wird doch wohl niemand beim Wort fassen und zu der tat­sächlichen Probe zwingen. Wo es einmal aus­nahmsweise zu einer Probe kommt, z. B. wenn ein armer Teufel mit einer Erbschaft oder einem Lotteriegcwinn überschüttet wird, da erlebt man oft einen überraschenden Fluch des Goldes. Wie gewonnen so zerronnen. Jeder schluckt gern ein Vermögen, aber nicht jeder kann es verdauen.. Tie . Ueberlabuug des finanziellen Magens führt häufig zu Erbrechen und Durchfall.

Also richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet wer­det. Sehe jeder, wie er's treibe und ob er nicht selbst der Verschwendung schuldig ist.

„Obo", sagt da der selbstbewußte Leser, „es soll doch nicht etwa meiner Zigarre kiste, oder meinem Bierkrug, oder meinem Weingläschen an den Kra­gen gehen? Oder will der Unpolitische uns ver­bieten, ein Fastnachtsvergnügen mitmmachen ober gelegentlich Gesellschaft zu geben und zu besuchen, mal eine Erholungsreise zu macken?. Du lieber Himmel, man will doch onck etwas vom Leben ha­ben! Und die Frauen und Töchter können doch auch nicht in altmodischen Sachen fcerumlaufen, daß die Leute ihnen mitleidig Nachsehen". Ach nein, ich will die Menschen nicht allzumal zu Trappisten machen und bin ja auch selbst kein Trappist, ob­schon ich sie manchmal um ihre glückliche Bedürfnis-- losigkeit beneide. Ich sage nur: erst der Bedarf und dann das Vergnügen! ! Wenn die Leichtsinni­gen ihren Gelüsten nachgeben, so brauchen sie gern die Ausrede: Was der Mensch braucht, mutz er haben! Das stimmt, wenn man es richtig versteht: was du und die Deinen wirklich brauchen, das muffen sie zuerst und vollständig haben: eine gute und gesunde Wohnung, die auskömmliche Ernäh­rung, ein geregeltes, gemütliches Familienleben, Mittel zu einer tüchtigen Erziehung, die nötigen Rücklagen für Krankheitsfälle, Aussteuer, Militär­dienst, Aller. Wenn das alles besorgt und gedeckt

„Und wo kann ich ihn finden?"

„Wo Tein Fuß auch weilen mag, ob im Sande der Wüste oder im Wasser des Meeres: er ist um Dich und ei füllt die ganze Erde mit seinem.Hauche. Aber er ist vor allem in Deinem Innern!"

Entsetzt fuhr Gabriel zurück und preßte die Hände auf die Brust. „Nein", rief er, „das ist unmöglich! Ich fülle ihn nickt!"

„Tu wirst ihn fühlen!" rief der Priester und streckte die Hand nach Gabriel ans, als ob er ihn an sich reißen wollte. Fenerflammen sprühten aus seinen Augen, Blitze zuckten um fein Haupt. „Du wirst ihn fühlen und vermagst ihm nicht zu entrinnen."

Ein fürchterlicher Donners cklag ertönte, der Priester war verschwunden. Unter schrecklichem Prasseln und Krochen stürzten die Königsburg und die ganze Stadt zusammen und begruben den Träumer unter den Trümmern. . . .

AIS Gabriel ans seiner tiefen Ohnmacht er­wachte, blickte er verwundert um sich. Er lag auf weichem Divan, über den sich ein weiß- und rot« gestreiftes Zeltdach svannte, und draußen in bet' Ebene glitzerten die Wellen eines Flusses, auf dem purpurrote Lotosblumen schwammen. Rings um ihn her standen Zwergpalmen, Myrten und Ro-' senbüsche und ein süßer Duft hüllte ihn ein.

Er griff sich verwundert an die Stirne, um sich Gewißheit zu verschaffen, ob er wache oder- träumte. Ta wurde er erst.gewahr, daß eine- Binde seine Stirne umschlang, und zugleich fühlte' er einen dumpfen Schmerz in seinem Kopfe. Zu­gleich vernahm er das Rauschen eines Frauenge- wandes dicht neben sich und hörte eine wohlbe­kannte Stimme: „Gabriel, wie ist Ihnen?"

Er riß weit die Augen auf und stieß einen Ruf der Ucberrafchung ans: „Viola Sie?" —

„Ja", sagte sie lächelnd und reichte ihm die Hand. „Ich bin es, Gabriel! Ich freue mich, daß Sie endlich erwachen. Nicht wahr. Sie sind mir doch nicht böse?" . . . (Forts, folgt.)