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33. Jahrgang.
Fulda, Samstag, den 10. März 1906.
JV3 57.
Krstes Wkatt.
NasSlgkbmsdttklstkiikesiinsdkrZikiikr- bmmilfion mü> die ocrbiinii.il tgirrungra.
Die Eteverkommifsio« des Reichstags hat am Donnerstag bie erste Lesung der Eteuerqesetze beendigt. Es ist natürlich, daß jetzt die Frage »»fgeworsen wird, welche Stellung die Verbündeten Regierungen zu de« Beschlüsten der Kommission ^nehmen werden. Daß sich der Bundesrat zwilchen der ersten und zweiten Lesung in der Kommission mit diesen Beschlüssen befasten »erde, hat der Reichsschatzsekretär seinerzett selbst angekündigt. Es ist demnach „überflüssige Weisheit", »eiche das ,Berl Tgbl.' kundgibt, wenn es bemerkt, der BundeSrat werde sich »demnächst" mit den Ergebnisse« der Steuerkommsssio« beschäftigen.
Einige« Aufschluß über die Stellungnah««, welche die Verbündeten Regierungen zu de« Beschlüssen der Eteuerkommsssion nehmen werden, findet man in einer Auslassung der offiziösen .Nordd. Allg. Ztg/, welche die Resultate der erste« Lesung der Steueteommission zusammen- stellt. Sie sührt in einer Tabelle die Aenderunqen auf, we che die Kommission an den Vorschlägen der Verbündeten Regierungen getroffen hat, und weist den Ausfall bezw.dasPluSbeideneinzelnen Steueiprojekten nach. Weiterhin führt das offiziöse Blatt t« dieser Tabelle die Erträge der neuen Steuervorichläge der Kommission auf. Daraus ergibt sich, daß die Tabaksteuer, die auf 28 Mill. Mark »er»«schlagt war, gefallen ist und nur die Zigareltensteuer mit 15 Mill. Mark geblieben ist. Ebenio ist die Branstener, die noch dem Regierungsentwurf einen Ertrag von 67 Mill. Mark abroersen sollte, nur in sehr eingeschränkter Form, die einem Ertrag von 26 Millionen entspricht, angenommen worden. An der Reichs- stempelsteuer bezw. den Verkehrssteuer», welche die Regierung vorgeschlagen hatte, sind Aende- rungen vorgenommen worden. Die Kommission bot dann eine Anzahl neuer Steuern eingesetzt, welche mit dem gesteigerte« Ertrag der Reichs- erbschaftSsteuer das Gesamtergebnis auf rund 257 Millionen Mark bringen.
Die,Rordd. Allg. Ztg.' begleitet dies« Aufstellung mit folgenden Bemerkungen: »Der Reichsschatzsekretär hat den Mehrbedarf des Reiches auf jährlich 245—256 Millionen und den Ertrag der vorgeschlagcnen Steuer«: Brau-, Tabak-, Zigaretten-, Stempel- und Erbschaftssteuern auf 230 Millionen berechnet. Die Kom- rnission glaubt aber, den Mehrbedarf ans 200 Millionen heruntersetzen zu dürfen. Rach dieser mehr negativen Arbett hat dis Kommission zur Deckung des Ausfalls einen regen Eifer in der Auffindung neuer Steuerquellen entwickelt und ein reichhslstgeS Steuerbukett zusammengestellt. Die Beschlüsse der Kommission stelle« einen mutmaßlichen Steuerbetrag von 257 Millionen dar Von dreiem Betrag wären allerdings etwa 24 Million?« abzuziehen, die von der Reichserbschaflssteuec auf die Einzelstaaie« |u verteilen sind. Das von der Regierung an- gesetzte Steurrsoll von 230 Millionen Mk. wird also durch dieses Ergebnis noch um 3 Millionen Mark und der von der Kommission selber an- gesetzte Betrag von 200 Millionen «och um 33 MlUione« Mark überstiegen."
Die ganze Fassung dieser Auslaffung läßt nur den Schluß zu, daß die Verbündeten Re
gierungen sich im allgemeinen mit dem Wege, de« die Steuerkommission eingeschlagen hat, einverstanden erklären. Abgesehen von der Belobigung des „Essers" der Kommission, liegt in der Hervorhebung deS Endergebnisies der Beschlüsse der letzteren eine direkte Anerkennung, und der Umstand, daß die Beschlüsse der Kom- Mission nn einzelnen ohne einschränkende Bemerkungen aufgezählt werden, beweist, daß der Widerstand der Verbündeten Regierungen gegen diese Beschlüsse nicht allzuscharf mehr sein wird. Es ist ja nicht ausgeschlossen, daß in der Kommission selbst der eine oder andere Beschluß der ersten Lesung noch eine Aenderung erfährt, wie es auch möglich ist, daß das Plenum noch in dieser oder jener Richtung eine Aenderung ein- treten läßt, aber man darf doch wohl sagen, daß im großen und ganzen die Steuerfrage ent- schieden ist, und zwar in einem Sinne, der Dank den Bemühungen des Zentrums dem sozialen Grundsätze einer tunlichen Schonung der wirtschaftlich schwächeren Schultern gerecht wird.
Deutsches Reich.
Berlin, den 9. März 1906.
Eine Reise des Kaisers »ach Norwegen scheint schon jetzt für den kommenden Sommer in Aussicht genommen zu fein. In einem Telegramm des Kaisers an die Gemahlin des deutschen Konsuls in Drontbeim, in welchem der Kaiser für sich und seine Gemahlin Dank ausspricht für die Glückwünsche zur silbernen Hoch- zeitsfeter, heißt es auch: „Wenn der Sommer gutes Wetter bringt, hoffe ich in diesem Jahre wieder daS mir so lrebgewordene Norwegen und auch Droi'.rhe.m z« besuchen. Mit Ihrem König habe ich mich darüber schon verständigt."
*e Das Befinden des Ministers der öffentlichen Arbeiten von Budde läßt andauernd zu wünschen übrig. Aus diesem Grunde konnte Herr von Budde der gestrigen Beratung deS Eisenbahnetats im Abgeordnetenhause nicht beiwohnen. Schon bei den Hochzeitsseierlichkeiten am 27. des vergangenen MonatS wurde der Minister, wie hiesige Blätter mitteilm, von einer Schwäche befallen, die ihn zwang, vor Beendi- gnng der Feierlichkeiten da; Schloß zu verlassen. Man hofft jedoch, daß es sich um ein vorüber- gehendes Unwohlsein und nicht um eine ernstliche Erkrankung handelt.
* In dem Befinde« deS Allg. Enzen gridjter ist in den letzten Tage« eine so bedroh, liche Verschlimmerung eingetreten, daß die Aerzte schon für die allernächste Zeit das Schlimmste befürchten. Das Leide« besteht, wie die «Freis. Ztg.' feslstellt, nicht in Zuckerkrankheit, sondern das schwere Augenleiden ist die Folge einer Arterienverkalkung mit Herzschwäche, Gicht und rheumatische Muskelerkrankuugeu kamen hinzu-. (Siehe Depeschen. D. Red.)
*M Ein auf eine angebliche Einmischung des Kaisers in die Verhältnisse in Ungarn bezügliches Dementi bringt die .No.dbd. Allg. Ztg,'. Das offiziöse Bla't schreibt: „Das ,Echo de Paris' will in einer Mitteilung aus Budapest die von der dortigen Presse bereits zurückgewiesene Behauptung ausrecht halten. Seine 'Majestät der Kaiser und König habe in Kopenhagen „dem Erzherzog Salvator bet et bien erklärt", er werde Seme Majestät den Kaiser und König Franz Joseph im Kampfe gegen die Ungarn unterstützen. Wir stellen fest, daß der Gewädrsmann des «Echo de
Paris' bei et bien geflunkert hat. Die Seiner Majestät zugeschriebene Aeußerung ist dreist erfunden, und die Budapester Presse hat es mit vollem Recht abgelehnt, sich durch solche plumpen Machenschaften mystifiziere« zu kiffen.“
♦ I» Sachen der Marokko-Konferenz Wer- nimmt die,Rordd Allqem. Ztg.' u. a. ein äugen- scheinlich von der ,Agence Havas' herrührendes Telegramm, wonach der Sturz des Kabinettes Ro uv ier in diplomatischen Kreisen in Algeciras eine gewisse Bestürzung hervorgerusen habe und französischerseits befürchtet werde, daß Deutschland jetzt eine noch schroffere Haltung einnehmen würde Das offiziöse Blatt bemerkt dazu: „Die Befürch- tunq einer Verschärfung in der Haltung Deutich- lands ericheint schon aus dem Grunde gegenstands- los, weil d«e deuische Politik sich lediglich durch sachliche Beweggründe leiten läßt und deshalb durch zufällige Voikommnisse nicht beeinfiußt wer- den kann Der Sturz des Kabinettes Rouvier ist nirgends ruhiger au genommen worden, als gerade in Berlin, und zwar sowohl in der Prssfe rote in den polnische« Kreisen der Reichshaupt- stadt. Diese Auffassung gründete sich auf der Ueberzeuguno, daß die Rieberlage des Kabinettes Rouvier auf die Richtung der französischen Polnik in der Marokkofrage keinen Einfluß üben werde. Im übrigen bestätigt sich die von uns von Anfang an gehegte Annahme, daß bte Leitung der auswärtigen Politik vermutlich so lange in ben Hände« des Herrn Rouvier bleiben wird, bis die Angelegenheit zum Abschluß gebracht ist." — Danach scheint man in deutschen diplomatitchen Kreise« noch immer mit einem glücklichen Ausgange der Konferenz zu rechnen.
* Auf der Marotto-Konferenz bat gestern der deutsche Testate le v. Radowitz folgende Eiklärung über die Polizeifrage abgegeben: „Wir stimme« den in der letzten Kommiteesitzung vorgetraqenen Ansich en zu, i. eiche die Notwen, digkeit bartun, in Marokko eine unter der souveränen Gewalt Seiner scherifischen Majestät stehende Polizei zu schaffen. Wir würdigen die Gründe, welche dafür fpredien, ,uteiner roufiamen Beteiligung a» ihrer Organiiation aus franzö- fische und spanische Offiziere zurückzugreifen; aber wir ksm-r» -nicht zuqeben, daß eine solche Mitarbeit auf diese beiden Länder beschränkt wird ohne eine sonstige internationale Kontrolle oder Sicherheit der Neber roachnng. Es ist klar, daß in einem Lande von dem Äulturftonbe Marokkos bie Ausübung der einzigen und wirklichen zur Aufrechterhaltung der Ordnung und der öffentlichen Sicherheit fähigen Gewalt als ausschlteßliches Vorrecht ben beiden Mächten eine Ausnahmestellung geben würde welche sich auf dem Gebiete der materiellen Interessen fühlbar mache« und dem Grundsatz der wirtschaftlichen Freiheit für alle Eintrag tun könnte. Es wäre in der Tat vorauszusehen, daß Marokko in Abhängigkeit von diesen beiden Staaten geraten und damit für andere Länder eine unannehmbare Ungleichheit der Lage geschaffen würde. Europas Interessen in Marokko erfordern stäikere Garantieen. Diese gemeinsamen Interessen durch gemeinsames Vorgehen z« schütz n, das ist bet mit Erfolg bei andere« mternalionaten Verhältnissen angewandle Grundsatz. Es genügt, an die in Mazedonien und in China durch die gemeinfame Tätigkeit der Mächte erzielten Ergebnisse zu erinnern. Wir fordern also bei bet Schaffung einer marokkam- scheu Polizei eine a u s l ä n d i s ch e M i t w i r ku « q, welche all en interessierten Ländern Gleich- Helt bet wirtschaftliche« Behandlung und die Politik der offenen Tür sichert; wir werden
jeden in diesem Sinnegemachten Vorschlag prüfen, mit' dem lebhaften Wunsche, bie Konferenz in biefet wichtigen Angelegenheit jueinct Verständv- gung gelangen zu sehen."
*, „Hinausgeflogen", nämlich aus ber sozialdemokratischen Partei, ist jetzt endlich ber Schriftsteller Georg Bernhard, bet Herausgeber ber .Plutüs', ber s. Z. auf dem Dres- bener Parteitage ein Strafgericht ber Obergenossen übet sich ergehen lassen wußte und bann jämmerlich „p’rter, p'ccavi* sagte. — Welches Staals- verbiechens der Arme sich schuldig gemacht hat, wird nicht mitg-teitt. Vielleicht roaien, wie die »Teutiche Tagesztg.' bemeitt, seine Amchauunge« über das amerikanssche Handelspioviforium ober über bie Berechtigung de» Si redens nach besseren Getreideprelfe« den „Z elbewusiien" za oemünitig.
* Ter bekannte Neinfaü des »Vorwärts' auf den F-^fchingsicherz der Mannheimer /LtolksfUmine' tätzt Herrn Stadthagen und Rota Luxemburg nicht schlafen. Naw verschtedenen vergeblichen Rechtfertigungs-Versuchen spielt der,Bot- wänS' jetzt bie Angelegenheu auf» hochpolitische Gebiet hinüber. In einer geharnitchten Straf- epiftel sühn er den Mannheimer Genossen und allen denen ü» Lande, welche sich über bie Blamage des ^Vorwärts' gefreut haben, zu Genuite, daß bie Gegenwart doch nicht dazu angetan fer, mtt einer so „öden Karneoalsspießerei", wie sie das Mannheimer Blatt vernicht h ibe, ausgefüllt zu werden. Der .Vorwärts' meint, es iet doch sehr zweifelhaft, ob em Parteiblatt im Frühjahre l'WiS nichts anderes zu tun habe, als den Plan auszuhecken, wie es dem Zentral - Organ der deutsch»« Sozialdemokratie am besten ein Bei« stellen könne. Es werde sich bald zeigen, daß noch andere Dinge in Frage ständen, und dann könne man weiter über die Sache reden. Wit befürchte«, daß ber .Vorwärts' mit dieser Wendung die Sache noch schlimmer für sich gestaltet hat. Denn gar zu deutlich leuchtet aus diese« Auslassungen doch der Aerger über den Reintall hetvor. bet dem sich bie Gesinnunqsrtecherei des sozialbenivkralischen Zentral-Organs wieder einmal im glänzendsten Lichte zeigte.
Für die beschleunigte Erledigung der , Mititärpensionsgesetze wild in verschiedenen i partameruarischeki Koireipondenze« Propaganda ! gemacht. Dabei wird u. a. bemerkt, ber Etat tolle nicht eher verabschiedet roe; den. bis auch die Penstonsgetetze Annahme gefunden hätten, damit die Wohltaten dieses (Setetzes noch im Etat für I9>>6 zur Geltung kommen könnten. Gleich nach Beendigung bet zweiten Etat sie ung solle deshalb die F-nanzresorm beraten werden und im Anschluß daran die Militärpensions- geietze. WaS es mit dieser Annahme auf sich hat, ergibt sich schon daraus, daß in den besagten Korrespondenzen die Beendigung ber zweiten Etatsleiung für Ende April angetünbigt wird. Ende April dürste aber bet Reichstag sich noch in ben Osterferien befinden. Bei dem bisherigen Gange bet D>ng« ist noch gat nicht abzusehe«, wann die Beratung de» Etats i« dieser Kommission beendigt sein wird.
• Massenausroeisungen polnischer Arbeiter finden zurzeit in den südlichen Vororten Berlins statt. In La ngwitz sollen llOMann aus den Bette« geholt und sofort mit dem Nacht- zuge nach ihrer Heimat i Russisch - Pole«) abgeschoben worden sein. Ausweisungen ähnliche« Umfange» sollen in andere« Vororten statt gefunden Haden, wo die Gendarmerie zasammengekom- men war, um Ruhestörungen zu vermeiden. Die Ansgewiefenen sind fast ausschließlich Leute, die in den Fabriken und ben Bauten der umliegenden
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Auferstehung.
Roman von Felix Äafro t.
*13) (Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung aus dem zweiten Blatt.)
„Ich? — Ihnen böse? — Warum denn?" >fragte Gabriel verwundert.
«Ach, Sie wissen doch", entgegnete sie und fchlug die Augen nieder. „ES war einmal. . . wir waren doch miteinander verlobt"
"N°in" sagte er und lächelte traurig. „Ich oi» nicht böse, gewiß nicht k"
.Das ist gut", sagte Viola. »Sie find so ruhig und vernünftig, das freut mich! Ich fürchtete schon, Sie würden es mir übel nehmen. Nun aber sst alles gut."
„Nun sagen Sie mir aber", sprach Gabriel, „wie ist es möglich, daß wir uns hier treffen?"
„DaS ist freilich eine seltsame Geschichte, aber ich will sie Ihnen gleich nachher erzählen. Jetzt piüfsen Sie zuerst die Arznei nehmen, wie es der deutsche Doktor »erorbnet hat."
„So bin ich also krank gcloefen?"
„Ein wenig, Gabriel! Ja, Sie waren ein oißchen begrabe«, ganz getoiß!"
„Ich?"
„Ja — Siek"
Gabriel sah Viola fragend an, nahm aber stillschweigend die Arznei, die sie ihm darreichte. Dabei bemerkte er den Goldreif an ihrem Finger. „Sie tragen einen Ning?" fragte er.
„Ja freilich, Gabriel! Ich habe mich doch mit Graf Behren verheiratet. In Paris, Gabriel! Richt wahr, das ist chic? Und gar in Notre-Dame toar die Trauung; ich hab' es durchgejetzt, ob- wohl Papa anfangs nicht wollte. Aber ich hab'
sie ja beide am Schnürchen, Papa und Arthur!" Sie lachte belustigt auf. „lieber ein Jahr lebten wir in Paris, ich sage Ihnen — das reinste Paradies! Und jetzt ist mein Mann in Alerandrien vorübergehend als Gesandter, wissen Sie, und wir — wir sind in Kairo, das heißt in der Wüste."
„Und wie kam ich hierher?"
„Ganz einfach! Wir machten einen Ausflug zu den Pyramiden, weil ich diese Monstrebauten mal besteigen wollte. Das ist ja jetzt so Mode, nicht? — Es war reizend, Gabriel! Wir ritten auf Kameeken und Dromedaren und auf weißen Eseln . . w«S weiß ich! Die reinste Karawane! Deutsche Franzosen und ein paar steife Engländer! Graf Valois war der Führer, ein netter Kerl, das reinste Quecksilber! Als wir zur Ruine kamen — den Namen habe ich selbstverständlich vergessen! — sprangen uns so ein paar braune Kerle entgegen und ich glaubte, sie wollten uns auffr.....
pardon I — Es wäre einer verschüttet worden, riefen sie und warfen die langen, braunen, dürren Arme empor. Sie hatten auch richtig einen Verschütteten aus einem Gewölbe hervorgezogen, in die blanke Sonne gelegt und sein Gesicht mit einem alten Lappen zugedeckt. Und wie sie den Lappen weg rissen — na. Sie können sich meinen Schrecken denken, Gabriel — da waren Sie es, Sie" —
„Ich!"
„Ganz gewiß! Wir gaben Ihnen Wein zu trinken, aber Sie rührten sich nicht. Und über der Stirn hatten Cie eine große Wunde, da floß Blut heraus. Ta haben wir Sie in unser Haus gebracht, und nun geht es Ihnen besser, nicht wahr?"
„Es geht mir ganz gut, Viola! Und ich danke Ihnen dafür, daß Sie mir das Leben gerettet haben." „Sprechen Sie doch nicht mehr davon".
sagte Biola, „ich hab« nur eine alte Schuld abgetragen."
Gabriel schloß müde die Augen und dachte: „Es wäre besser gewesen, wenn ich verschüttet geblieben wäre! Ich hätte jetzt Ruhe!" Und er verfiel wieder aufs neue in seine Grübeleien, die sich immerfort um zwei Punkte drehten: „Gibt es einen Gott?" und — „Wo weilt jetzt Maria FeliceS Seele?"
Als daher Viola am Abend wieder bei ihm eintrat, war seine erste Frage: „Viola, sagen Sie mir, glauben Sie an einen Gott?"
Biola schlug entsetzt die Hände zusammen und meinte, er rede irre' Als er aber feine Frage wiederholte, sagte sie: „Aber Gabriel, wie mögen Sie so fragen?! DaS ist ja eine Sünde. Ja, ich glaube an Gott ... ich bete zu ihm. . ."
„Sie beten zu Gott? — Sie?" schrie Gabriel beinahe wild und richtete sich jäh empor. Aber mit einem lauten Wehruf sank er wieder zurück: die Wunde auf feiner Stirne brannte rote Feuer.
«Ja, ich bete", sagte Viola einfach und sah ihn ernst an. „Es ist so trostreich, jemanden zu haben, dem man seine Noten klagen kann."
„Sie beten? Sie — die Weltdame?" schrie Gabriel.
„Ja — ich bete", sagte Viola einfach. „Als ich in Paris war. Gabriel, da ging ich immer nach Notre-Dame, ach, da roar es entzückend. Dieser feierliche Gottesdienst, die glänzenden Siebter, der süße Weibrauchduft, die weichen Orgelklänae und der wunderbare Gesang — Gabriel, ich sage Ihnen, es war mir oft zum Weinen."
Gabriel stöhnte vor heissen Seelenauale«. „Als Knabe, da habe ich mich gebetet, Viola! Aber seitdem nie mehr. Und das ist so lange her ... . ach, so lange" ....
.Aber, Gabriel", fragte Viola verwundert.
„sagen Sie mir einmal, was glauben denn Sie eigentlich? Sagen Sie es mir!"
„Ich?" sagte Gabriel lmigsam und sinnend, „ich glaube nur an mich selber! Und in letzter Zeit, Viola, in letzter Zeit glaube ich nicht einmal mehr an mich selber." —
„Armer Mann", sagte Viola und fuhr ihm mit der weichen Hand über bte Stirne, „armer Mann, wie leer und kalt muß es in Ihrem Herzen sein l Sie dauern mich, ich möchte Ihnen gerne helfen. Wälzen Sie doch alles von sich ab, was Sie bedrückt. Wenn ich gefehlt habe, so vergieße ich Tränen und es reut mich so furchtbar . . . und dann gehe ich zur Beicht .... ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie leicht und freudig mir dann zu Mute sst" . . . .
„Ja, und dann fangen Sie wieder aufs neue an und sündigen! Was soll denn das?" schrie Gabriel empört.
„Gabriel — selbst der Gerechte fällt des Tages siebenmal.. Und ich bin nur ein schwaches Weib. Aber Gott ist ja die Liebe und verzeiht allen, die ihre Sünden bereuen. Maria Magdalena hat doch auch Verzeihung erlangt unv war doch eine <5üuoeun!*
„Wenn ich mich doch auch so erniedrigen und betnütigen könnte", sagte Gabriel zerknirscht. „Aber ich kann es nicht, mein Geist sst viel zu stolz dazu."
„Ach, Gabriel, warten Sie nur, auch Ihr« Stunde kommt einmal, warten Sie nur! Sehe« Sie, mir erging es auch so. Als ich in Paris war und alte Freude« durchgekostet hatte, wurde ich krank, schwer krank. Gabriel, Sie dürfen mir glauben, ich hatte entsetzliche Angst, ich fürchtete mich vor dem Tode ... Ta bin ich so klein und so demütig geworden, ganz zusainmengesiinken bin ich . . . und da habe ich angefangen zu beten . . . Ten Himmel habe ich mit Bitten bestürmt, daß « mich erhöre."