Einzelbild herunterladen
 

33. Jahrqanci

Fulda, Donnerstaa, den 8. März 1906.

Verla- »er 5«l»aer Le» titnöruderei in 5nl»a. zernlprecher Nr. 9.

8») tfntwiölede' spaltrge petttzette oder deren kaum 15 Pf-. Rtflamtn dir pttitjtilt 25 Pf-.; bei wieder» Holungen wird entfpr.

Rabatt gewShrt.

Zeitung

Dtottatsbeilage: „$UlÖQCt GeschlthlZdlällei".

■ Sultzaer

veranwortli»«»

tchriflleiler S-Wrtzler.

*»'$”«*■ w°ch-°b-nage:..Zlloftriette§omtagrzeitung"

wird

vertrauenS und der Moral des einzelnen In- fanteristen hingewisen. Zwar spiele sich scheinbar die Entscheidung im modernen Gefecht allein auf Entfernungen ob, die ein Beibehalten der Stoß- waffe fast überflüstig erscheinen ließe. Trotzdem hätten die Kriegserfahrungen der allenungsten «eit gezeigt, daß es mit dem endgiltigen Nieder- gang der b tonten Waffe noch gute Wege habe. Um die beim Bajonettfechten oft Dörfern- menden körperlichen Beschädigungen einzufchrän- ken, andererseits aber diesem frischen militärischen Sport die Wege in der Truppe weiter zu ebnen, empfehle sich die Anschaffung federnder B a- jonette, d. h. solcher Uebuugswaffen, bei denen die Spitze, beim gelungenen Stotz auf den Gegner, teilweise in den Lauf deS Gewehres zu- rücksedert. Man braucht sich nur der wiederholten Nachtangriffe der Japaner zu erinnern, wobei der blanken Waffe «teilt die Entscheidung zustet, und von denen der Reisebegleiter des Prinzen Anton von Hohenzollern, Major v. Bronsart, in seinem bei E. S. Mittler & Sohn erschienenen Buche „Sechs Monate beim japanischen Feldheere" sehr anschauliche Schilderungen gibt, um den Worten des kaiserlichen Kriegsherrn volles Verständms entgegenzubringen.__

den Anträgen, die eine Aenderung des Handcls- und Gewerberechts bezwecken, kann ich nichts sagen. Dazu fehlt mir die Legitimation. Der Beurteilung, die der 8 63 des Handelsgesetzbuchs durch den Vorredner erfahren hat, kann ich nicht beipflichten. Tie Bestimmung bctr. die Weiter­zahlung des Gehalts ist unzweifelhast dispositiver Natur. _

Abg. Nacken (Ztr.): Wir werden den Anträ­gen zustimmen, halten aber eine Vorberatung für zweckdienlich und beantragen deshalb Ueberwei- fung an eine Kommission von 14 Mitgliedern. Dem Antrag auf Abänderung deS § 63 des H.- G.-B. stimmen wir zu, weil die jetzt herrschende Rechtsunsicherheit unbedingt beseitigt werden mutz. Tie heutigen Derhältniffe find geradezu unhaltbar. Die Befürchtung, wenn § 63 Abs. 1 des H.-G.-B. zwingendes Recht enthalte, liege für die Angestellten Anreiz zur Simulation vor, ist völlig unbegründet. Ich habe das feste Vertrauen zu dem soliden Sinne unserer Privatbeaniten, daß sie mit Verachtung solche Handlungen weit von sich weisen. Tie Forderung der technischen Angestellten auf Gleichstellung mit den kaufmän- nischen Angestellten ist nur eine Forderung der Billigkeit. Volkswirtschaftlich und sozial steten jene den letzteren in keiner Weise nach. Tic Ha id- lungsgehilfen haben einen Anspruch auf monat­liche Zahlung des Gehalts. Tie Techniker müssen sich in Krankheitsfällen gefallen lassen, daß das Krankengeld von ihrem Gehalt abgewogen wird. In der Frage der Konkurrenzklaufel sind die tech­nischen Angestellten vollkommen bogrlfrei. be­rechtigt ist auch ihr Verlangen nach einer wirt­schaftlichen Interessenvertretung. Auch das Ver­langen nach einer angemessenen Ruhezeit ist ge­rechtfertigt, ebenso wie die Forderung, daß die achtwöchige niilitärische Dienstzeit dem Prinzipal kein Recht zu sofortiger Entlassung gibt. Bereh- tigt ist endlich auch die Forderung der technischen Angestellten auf Sicherstellung ihrer Tienstkou- tion. Ich niöckite diese Gelegenheit nicht vorüber- gehen lassen, ohne noch einmal unsere vollste Syin- patie für die sogen. Privotl'eainteubewegnng Aus­druck zu geben. (Lebh. Beif. im Zentrum.)

Abg. Singer (Soz.) ist mit der Verweisung der Anträge an eine besondere Kommission ein­verstanden. .. _ ,.

Abg. Mnlkewitz (k.) hält ebenfalls die Besei­tigung der Rechtsunsicherheit des § 63 für drin­gend geboten. .

Abg. Troeger (fr. Vv) empfiehlt btellebcr- Weisung der Anträge an die Kommission für Han­del und Gewerbe.

Abg. Schack (wirtsch. Vgg.) erklärt ferne Zu­stimmung zu den Anträaen. ,

Staatssekretär Dr. Oiirbrrbinn: Tw Mehrheit der Kommission des Reichstags bat bei der Be­ratung des Handelsgesetzbuchs erklärt. ? 63 Abs. 1 soll fein zwingendes Recht sein. Tie Mehrheit des Reichstaas hat diesen Beschluß angenommen und also aebilliat.

Abg. Tove (fr. Vgg.) tritt bcnoMi des 8 63 den Ausführungen des Staatssekretärs bei. Tie Anträge werden dann an eine Kommission von 14 Mitgliedern verwiesen.

Donnerstag 1 Uhr: Postetat.

Schluß 5Vt Uhr.

Aus dem Landtage.

Abgeordnetenhaus.

38. Sitzung vom 7. März 1906. Eröffnung: 11% Uhr.

Die Beratung des K u l t u s e t a t s beim Titel „höhere Lehranstalten" fortgesetzt.

Ein Antrag brr Bubgetkommiffion ersticht die Regierung, die über 4 Jahre htnausaehende Be­schäftigung als Hilfslehrer ohne Rücksicht auf die

Zahl der Unterrichtsstunden während derselben auf das Besoldungsalter der Oberlehrer anzurech­nen, bei denen eine solche Anrechnung bisher nicht stattgefunden hat.

Ein Antrag Eickhoff (fr. Dp.) fordert die Ge­währung einer pensionsfähigen Zulage an die Direktoren der höheren Lehranstalten.

Abg. Marr (Ztr.) empfiehlt zur Einführung der Stenographie an den höheren Lehranstalten als das geeignetste System das Gabelsbergersche.

Geh. Rat Matthias erklärt, der Minister könne sich für ein bestimmtes System nicht entscheiden.

Abg. Eickhoff (fr. Vp.) befürwortet zunächst den Antrag der Budgetkommission und begründet dann den von ihm eingebrachten Antrag. Im weiteren tritt er für eine größere Berücksichtigung des Unterrichts im Englischen und für eine Be­schränkung des Griechischen ein.

Ein Regiernngskommissar erklärt, bei der Be­rechnung des Oberlehrergehalts verfahre die Ne­gierung bezüglich der Anrechnung des Dienstalters als Hilfslehrer schon jetzt mit dem größten Wohl­wollen.

Abg. etröffet (k.) meint, die Notwendigkeit der Reformgymnasien habe sich stark verringert, seitdem die humanistischen Gymnasien, die Real­gymnasien und Lberreolschulen gleiche Berech­tigung hätten und der Uebergang von einer Schule zur anderen erleichtert sei. . (Beifall rechts.)

Geh Negierungsrat Reinhardt erklärt, es fei dos Bestreben der Negierung gewesen, durch die Reformgymnasien auch denen eine humanistische Bildung zu geben, die eine Realschule besucht hätten.

Abg .Tr. Berndt (ntl.) tritt für eine Aufbesse­rung der Direktoren der Nichtvollanstalten und btr technischen Lehrer an den höheren Lehranstal­ten ein.

Ein RegierungSkommiffar erklärt, sowohl der Antrag der Vudaetkommisfion wie der Antrag Eickhofs sei für die Regierung unannehmbar.

Aba. Easiel (fr. Vv.) spricht sich gegen cme Beschränkung des Unterrichts im Griechischen aus.

Minister Tr. Studt erklärt, eine erweiterte Dispensation vom griechischen Unterricht sei nicht beabsichtigt, ebensowenig sei beabsichtigt, das hu­manistische Gymnasium durch das Reformgymna­sium zu ersetzen.

Abg. Mrteger (ntl.) tritt für den Antrag Eick- hoff ein.

Abg. Kirsch (Ztr.) bittet die Regierung, die Rektoratsschulen den Provinzialschulkollegien zu imterstellen und die Abiturienten der Rektorats- schulen keiner weiteren Prüfung bei ihrem Ein­tritt in em Gymnasium zu unterziehen. Ten An­trägen der Budgetkommission und des Abg. Eick­hoff stimme das Zentrum zu. Auch er wolle die Versuche mit den Reformgymnasien fortgesetzt wis­sen. Zu mißbilligen fei es, daß der Geh. Reg.- Rat Matthias in seinem Buch so schroff gegen die hnmanistischen Gymnasien vorgegangen fei. Vom Abg. Dittrich sei bereits in bett 90er Jahren darauf hingewiesen, wie oft die Gefühle der katholischen Schüler und die deren Eltern, namentlich in bart- tätlichen Lehranstalten, durch die Art und Weise, wie dort die Geschichte vorgetragen werde, verletzt wurden. Ein Teil der Klagen fei wohl beseitigt, es scheine aber doch, daß die Unterrichtsverwaltung noch nicht mit der erforderlichen Energie bot- gehe. (Lebh. Beifall im Zentrum.)

Minister Dr. Stnbt erklärt, er habe es den Vrovinzialschulkollegien nahe gelegt, nur solche Schulbücher einzuführen, welche die Gefühle An- dersaläubiger nickst verletzen.

Darauf wirb der Titel mit dem Antrag der Budgetkommission angenom­men; der Antrag Eickhoff wird der B u d- getfommiffion überwiesen.

Beim Titel „Zuschüsse für die vorn Staate zn unterhaltenden Anstalten" rügt Abg. Roscnow

Deutscher Reich.

Berlin, den 7. März 1906.

• Der Reichstag wird spätestens am 6. April tn die Ofterierten gehen. Er hat bis dahin aller­dings noch ein lehr großes Arbeitspensum zu er- ledigen, da die 2. Leiung des Etats biS dahin „och erledigt wird. Ob das möglich fern wrrd, erscheint uns doch höchst zweifelhaft.

** Ter Gesetzentwurf betr. bie Zulassung einer BerschulbungSgrenze für land» und forst­wirtschaftliche Grundstücke ift dem preußrichen Herrenhaufe zugegangen. Danach kann ein land- oder forstwirtschaftlich genutztes Grund- stück, das von der nach dem Gesetz zuständigen Kredilanstalt belieben werden darf, nicht über die nach der Verfassung der Anstalt zulälsige Beleihungsgrenze hinaus mit Hypotheken, Grund- schulden oder Rentenschulden oder mit beftänbiaen ober für eine bestimmte Zeit zu entrichtenden festen Geldrenten belastet morden, wenn diese ^Beschränkung tm Grundbuch eingetreten ist. Eine Ueberschreilunq der Verichuldungsgrenjung ist ,nur mit Genehmigung des zuständigen, staatlich bestellten Kommissars zuiässiq. Sie darf, außer bei Belastung aus gründ des Gesetzes betr. die Errichtung von Landeskulturrentenbanken, ein Viertel des die Verschuldungsgrenze bestimmenden Höchstbetrages nicht übersteigen. — Die.Deutsche Tagesztg' kommt nach „oberflächlicher" Prüfung des Geietzeniwuris zu dem Resultat, daß mit demselben „etwas durchgreifendes und tatsächlich Wirksames tn der Entschuldungssrage kaum ge­schehe." Trotzdem bearüßt das genannte Blatt die Vorlage, w'il sie der erste Schritt auf einer Bahn sei, die längst hätte eingeschlagen werden sollen und weil sie die Frage wieder in den Vordergrund des Interesses rücke.

* Die Bubgetkommiffion des Reichstages bewilligte am Mittwoch die von der Regi runq geforderte erste Rate von 8 Millionen Mark für den Bau zweier Torpedobootsbioisionen -und 2‘/a Millionen Mark für Unterseeboote. An- 'statt der geforderten 6 Admiralstellen wurden nur 4 bewilligt.

* Professor Robert Koch hielt am Mittwoch -in Berlin e nen Vortrag über die Schlaf krank» heit, die namentlich in Bri'isch Ostasrtka unter den Eingeborenen Verheerungen stiftet. Dem Vortrag wohnte auch der Kaiser bei.

[ * Ein bemerkenswertes Urteil Über den

.Evangelischen Bund finbea wir in Stummer 108 Iber konservativen .Berliner Neuesten Nachrichten' Ivom 6. März, wo es heißt: „Die liberale Theologie führt zusammen mit dem Evan­gelischen Bund einen unversöhnlichen Kampf gegen Rom "

* Die gestrige Meldung von der Anwesenheit des Generalgouverneurs von Petersburg, Ge­neral Trepow, im deutschen Reichstag beruht auf einer Personenverwechselung. Nicht der Generalgouverneur, sondern einer seiner Brüder, halt sich zur Zeit in Berlin auf.

* Ter Kaiser und das Bajonett. Am letzten Februar-Sonnabend hat Kaiser Wilhelm einer Be­sichtigung in der Militärturnanftalt zu Berlin beigewohnt und an den mit Schneid und großer Gewandtheit ausgeführten Bajonettübun­gen der Offiziere besonderes Jntereffe genommen. Der Kaiser hat bann, wie die „Neue militär-polit. Korresp." berichtet, in einer Ansprache auf die Bedeutung des Bajonettfechtens und feines Einflusses auf die Stärkung des Selbst-

Au§ tarn Reichstage.

59. Sitzung vorn 7. März 1906.

Eröffnung: W* Uhr.

Antrag Bassermaun (ntl.) betr. Abände­rung der Gewerbeordnung (Gehalts- Zahlung au Angestellte usw.) in Verbindung mit einen, Antrag Safiermann (ntl), Racken (Ztr.), Potthofs (fr. Vgg.) betr. die Verhältnisse der technischen Angestellten und ein Antrag Bassermaun (ntl.) betr. Abänderung des § 63 des Handelsgesetzbuchs (Ge­haltszahlung in Krankheitsfällen).

Abg. Baffrrmann (ntl.): Unser Antrag ver­langt, daß das Gehalt der Angestellten am Mo- natsschluß gezahlt wird, daß das ihnen gezahlte Krankengeld nicht auf das Gehalt angerechnet werden darf und daß ihnen bereits mit dein Tage der Kündigung ein Zeugnis ausgestellt werden muß. Mein Antrag betr. die Abänderung des § 63 des Handelsgesetzesbuchs bezweckt eine Klar­stellung des § 63 dahin, daß der Angestellte bet unverschuldetem Unglück fein Gehalt auf 6 Wochen weiter fordern kann. Ta die Ansichten bar über verschieden sind, ob diese Bestimmung durch Ver­trag abgeandert werden kann ober nicht, bezweckt unser Antrag, diese Bestimmung unanfechtbar fest­zulegen. Das Unwichtigere, die Nichtabzugs- fähigkeit des Kranken- und Unfallgeldes, ist zwingendes, dagegen die Weiterzahlung des Ge­halts auf 6 Wochen nur dispotives Recht. Das ist widersinnig. (Beifall.)

Abg. Dr. Potthoff (fr. Vgg.) begründet den auf die technischen Angestellten bezüglichen Antrag. Dieser Antrag geht weiter als der betr. Gesetzent­wurf des Abg. Bassermairn, denn dieser ignoriert z. B. die Bestimmung des Handelsgesetzbuchs übet militärische Dienstleistungen und vor allem über die Konkurrenzklaufel. Und doch tut gerade auf diesem Gebiete eine Reform not, denn es werden täglich in diesen Punkten Abmachungen getroffen, die geeignet sind, jedem anständigen Menschen die Schamröte ins Gesicht zu treiben. Dasselbe gilt von der Frage der Konventionalstrafe. Besonders verwerflich sind die heimlichen Konkurrenzklau­seln. Die Arbeitgeber bereinigen sich und nehmen keinen Angestellten aus einem anderen Betriebe ohne Genehmigung des früheren Arbeitgebers an. Ein Eingreifen der Gesetzgebung ist hier dringend nötig.

Staatssekretär Dr. Rieberding: Ueber die Stellungnahme der Verbündeten Regierungen zu

Auferstehung.

Roman von Felix N a b o r.

10] (Nachdruck verboten.)

Siebentes Kapitel.

Als Gabriel in die Stadt zurückkehrte, war er wie umgewandelt; ein trotziger Groll gegen das Schicksal erfüllte ihn.

Seit er Maria Felice wiedergesehen hatte, er­schien ihm ihr Verlust doppelt so groß und schmerz- lick), und mit jedem Tage empfand er mehr den Druck der Feffeln, die er sich durch seine Verlo­bung mit Viola selber geschmiedet hatte. Ihre Na­turen und ihre ganze Lebensaufkaflung waren zu verschieden, als daß sie für die Dauer einander hätten Gefallen finden können. Viola ging ganz im gesellschaftlichen Leben auf, sie liebte den eitlen Tand, hatte eine Menge Verehrer und genoß die schlagende Stunde. Gabriel dagegen haßte dieses Leben, je mehr er dessen innere Hohlheit erkannte, und lebte nur noch der Arbeit. Viola hing an tausend kleinen, nichtigen Dingen und bermodite seinem hohen Geistesfluge nicht zu folgen. Es trat eine Entfremdung zwischen ihnen ein, die von Tag zu Tag wuchs. Violas Ansinnen, sie und ihre Eltern im Sommer in ein Nordseebad zu begleiten, lehnte er mit aller Entschiedenheit ob. Er müsse arbeiten, sagte er. Im Grunde genommen aber wollte er nicht der Trabant dieses launenhaften Glückskindes sein.

Viola war verstimmt und ungnädig. Sie quälte ihn mit boshaften Anspielungen und Stiche­leien, als sie es herausbekam, daß er vor ihr eine andere geliebt hatte. Sie wußte sogar Maria Fe­lices Namen, da sie mit ihr in Gesellschaft öfters jitfammengetroffcn war. Quälender Neid und Eifersucht füllten ihre Seele: freilich, neben dieser strahlenden Schönheit erschien sie wie ein unbe­deutendes Veilchen neben der königlichen Roke.

In heimlichem Groll schieden sie voneinander, kaum daß sie während des Sommers ein paar nichtssagende Briefe wechselten. Und auch dies taten sie bloß mit Rücksicht auf Violas Eltern, welche die Wahrheit nicht ahnten. Im Herzen waren sie sich längst fremd geworden.

Im folgenden Winter vergrößerte sich die Kluft noch. Gabriel kam nur selten mehr in das Haus des Konsuls und stellte seine Besuche endlich ganz ein. Er schrieb an einem neuen Buche, das sollte lauter Sonnenmärchen enthalten.

Und eines Tages kam Viola zu ihm. Sie sprach hastig und erregt „Warum hast Du Dich so fei­ten blicken lassen?" rief sie halb trotzig, halb wei­nend. „Du bist selber schuld daran, daß e8 fo ge­kommen ist. Ich kann nichts dafür!"

Gabriel sah sie mit seinen klugen, hellen Au­gen an, daß sie errötete und noch verwirrter wurde. „Ist etwas geschehen?" fragte er.

„Nein, es ist nichts geschehen, wenigstens bis jetzt noch nicht," sprudelte sie hervor. „Aber" —

„Nun?"

„Er ist jede Woche ein paarmal gekommen und war so lieb und nett. Und Du — Du bist gar nicht gekommen, auch nicht ein einzigesmall Konnte ich ihn fortschicken? Nein — das konnte ich nicht."

„Von wem sprichst Du, Viola?"

„Nun ja, von Arthur, von Graf Behren natür­lich l DaS weißt Du nicht? Ach. Gabriel, verzeih mir! Ich kann ja nichts dafür, daß es so kam. Und Tu, Tu kamst nicht einmal, um nach Deiner Braut zu sehen —" Und schluchzend sagte sie: „Ich bin wohl ein recht schlechtes Mädchen, daß ... daß ich ihn gern habe."

„Gib Dir keine weitere Mühe, Dich anzuklagen oder reinznwaschen", sagte Gabriel, und obwohl in der Tiefe der Seele etwas zu jauchzen begann, zuckte es doch schmerzlich über sein Gesicht, weil er sich zurückgefetzt sah. „Es ist gekommen, wie es kominen mußte. Wir beide sind zu verschieden ge- ' artet, als daß wir mit einander hätten glücklich I werden können."

Viola ergriff seine Hände und sagte: „Sei mir nicht böse, Gabriel! Ich ... ich kann ja nichts dafür, daß ich ibn liebe."

Gabriel streichelte ihre glühenden Wangen, tote man ein Kind liebkost, und lächelte. „Sei nur ruhig, Kind", sagte er. „Es ist am Ende besser so — für mich und für Dich! Werde nur glücklich mit Deinem Grafen. Das ist mein einziger Wunsch."

Da lachte sie bell hinaus und tanzte vor Ver­gnügen. „Du bist doch ein herzensguter Mensch, Gabriel!" rief sie zwischen Lachen und Weinen. „Aber nicht wahr, Gabriel, wir wollen trotzdem gute Freunde bleiben, ja?"

„Gewiß, Viola", sagte Gabriel. „Und wenn wir uns wieder treffen, so sprechen wir wie im Märchen: Es war einmal" —

„Ach, Du Böser! Nun verspottest Du mich gar. Da muß ich wohl gehen". Nach kurzem Gruße lief sie davon, ein übermütiges Lachen auf den roten Lippen.

Gabriel aber reckte die Arme und dehnte feine breite Brust. „Hallo, nun bin ich frei!" tief er. „In dieser Stunde noch eile ich in die Heimat, mir mein Glück zu holen. Und keiner soll es mit entreißen!" , ,

e

Ter alte Müllet wußte vom Schloßherrn selt­same Geschichten zu erzählen, als Gabriel in tue Heimat zurückkehrte. Es stand sehr schlecht um des Grasen Verhältnisse, und die Gläubiger bedräng­ten ihn, daß er sich nicht mehr zu helfen wußte Es fehlte ihm an Mitteln, um sich aus dem Lumpfe zu retten; der Wald, fein letzter Reichtum, war völlig abgeboUt und zu Geld gemacht worden.

Durch Maria Felices Verlobung mit dem Sohne des Kammerherrn suchte er die alte Herr- lichkeit wieder aufzufrischen — da wurden durch Viktors Tod alle seine Pläne zunichte gemacht. Ter Freiherr war ärmer als je und stand vor dem Rui»

Ein glücklicher Gedanke durchzuckte Gabriel. „Wenn mein „Luzifer" einschlüge, dann könnte ich dem stolzen Freiherrn beiföringen", dachte er. „Vielleicht sähe er dann den Mehlstaub nicht mehr aus meinem Rocke". Aber freilich, es konnte noch jahrelang anstehen, bis er einen durchschlagenden Erfolg mit seinen Büchern hatte. Und dann war der Freiherr fo stolz, fo stolz.

„Und Maria Felice?" fragte er aus firnem Sinnen heraus.

„Sie ist fo traurig, wie ein krankes Vöglein int Herbst", sagte der alte Müller, „und hat das Lachen verlernt. Und ihre Wangen sind so ole-.ch

. . . Man sagt, der Freiherr habe sie grauiam hart behandelt. Einmal soll er sie sogar geschlagen haben in grettzenlosem Zorn".

Gabriel preßte die Fäuste an die Schläfe und schrie auf wie ein zum Tode verwundeter. O Maria Felice", stöhnte er, „du duldest und letbeft, um deiner Liebe willen! Du bist eine Märtyrerin deiner Siebe".

Der folgende Tag war ein Feiertag für d«e k,anze Gegend. Drüben in dem Flecken überm Fl„ß war heute großer Markt, dem zu Ehren die Dienstboten der ganzen Gegend ihren freien Tag hatten. Da klangen Fidel und Brummbaß und das junge Volk schwang sich im Tanze bis in den Hellen Morgen hinein. Die Mühle stand still.

Auch die kleine Dienerschaft im Schlöffe war zum Markt gegangen. Arm in Arm waren si« lachend und scherzend an der Mühle vorbeigezo- gen und Gabriel schaute ihnen nach, bis si> feinen Blicken an der Wegkrümmung entschwanden.

Das Schloß stand leer, nur der Freiherr und seine Tochter waren noch zu Hause.

Gdgen Abend machte sich Gabriel auf den Weg zum Schlosse. Er hoffte Maria Felice zu treffen, um ihr zu sagen, daß er frei fei und bc6 er sie immer noch liebe — sie allein!

(Fortsetzung folgt)