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rscheiitttiiglich, mit luznahme der Sonn« md Feiertage, viertei- Khn.ve;ngrpr«i5 4>ne Bringtrio i?n und te«tvatldinFnldu und nswä'rtsimf.SOPfg.

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Maer K Zeitung

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Rotatianrornck u. Verlag der Fuldaer Ae> tiendrnckerei in Fulda. Ferniprecher Nr. 9.

M 51.

Fulda, Samstag, den 3. März 1906.

33. Jahrqana.

Zweites Mt'crtt.

Wochen-Rundschau

(Nachdruck verboten.) Fulda, den 3. März 1906.

Herausnahme der Verhandlungen nicht ausschließt." Damit ist zwar noch nicht viel gewonnen, aber immerhin die Aussicht auf einen Ausgleich von neuem eröffnet. Offiziell hat sich die Konferenz in den letzten Tagen vornehmlich mit der Bank­frage befaßt. Auch hier stehen sich deutsche und französische Vorschläge gegenüber. Die Differen­zen find aber keine solchen, die einen Konflikt be­fürchten lassen.

t e n erledigen mußte. Tie Annahme der Vorlage

ist nach einer eindringlichen Befürwortung durch zwischen dem 5. und 23. März stattfinden sollen,

Im österreichischen Abgeordne­te n h a u s e wurde am Freitag die Vorlage betr. die Parlamentsreform, nach der auch das allge­meine direkte Wahlrecht eingcführt werden fall, eingebracht worden. Da den Deutschen von den insgesamt 455 Mandaten nur 205 eingeräumt werden sollen, ist von dieser Seite Widerspruch gegen die Vorlage erhoben worden. In U n g a r n organisiert die Opposition den passiven Wider­stand weiter. Man erwartet jetzt, bofj die Regie­rung Neuwahlen auf Grund des allgemeinen Wahlrechts ausschreiben wird.

Die französische Sammet hat sich in den letzten Tagen mit der Marokko-Angelegenheit befaßt. Der sozialistische Führer Iauris pro­testierte energisch gegen eine kriegerische Politik anläßlich der Marokko-Frage. Der Ministerprä­sident Nouvier lehnte es indessen ab, auf die An­gelegenheit näher einzugchen. Er betonte nur, daß die den französischen Delegierten in Algeciras erteilten Instruktionen in Einklang ständen mit seinen früher in der Kammer abgegebenen Er­klärungen. Freilich lehnte er auch jede Verant­wortung für die Hetzereien eines Teiles der fran­zösischen Presse ab.

Im englischen Unterhause ist man noch immer mit der Adreßdebatte beschäftigt. Da­bei werden die verschiedensten politischen Fragen erörtert. Ein näheres Eingehen auf die irische Frage wurde dabei aber von der Regierung vor­läufig abgelehnt.

In Rußland scheint die revolutionäre Be- wegttng mehr und mehr in eine regelrechte Räu­berei auszulaufen. Tag für Tag werden Hebet- fälle und Raubtaten aemeldet. Auch an Bomben­funden fehlt es nicht.» Inzwischen bereiten die Behörden die Wahlen für die Reichsduma, die

Die jetzt abgelaufene Woche hat unserem Kaiser Hause ein paar Feste gebracht, an welchen die ganze Nation freudrg teilgenommen hat. In erster Linie die Jubelfeier der silber­nen Hochzeit. Wenn auch das Fest nur im engen Familienkreise begangen wurde, so haben doch die Kundgebungen aus allen Teilen des Rei­ches bewiesen, daß das deutsche Volk mit Liebe und Verehrung zu dein Herrscherpaare empor- blickt, das ihm in allen Sti eien ein leuchtendes Vorbild ist. In richtiger Würdigung des hoch­herzigen Sinnes des Kaisers und der Kaiserin sind aus Anlaß dieses Festes mildtätige Stif­tungen gemacht worden, welche zusammen genom­men eine stattliche Reihe von Millionen reprä­sentieren und die Erinnerung an die festliche Ver- anlafsung bis in ferne Zeiten tragen werden. Ver­schönt und gehoben wurde die Jubelfeier des Kai- ferpaares durch die am gleichen Tage stattfindende Vermählung des Prinzen Eitel Friedrich, Des zweiten Sohnes des Kaiser­paares, mit der Herzogin Sophie Char- lottevon Oldenburg. Mit großem Prunk war am Montag der Einzug der Prinzestin in die Reichshauptstadt erfolgt;" am Dienstag folgte die Vermählung.

Der Reichstag hat an diesen zwei Tagen keine Sitzung abgehalten. Der Ausfall verschlägt wenig mehr, da man die Hoffnung auf ein recht­zeitiges Zustandebringen des Reichsetats aufge­geben hat. In der Tat schreiten die Etatsverhand­lungen int Neichsparlament außerordentlich lang­sam vorwärts. Im Lause der Berichtsveriode wurden sie zweimal 'unterbrochen, weil der Reichs­tag die Vorlage betreffend das Handelspro- vtsoriummitdenVereinigtenStaa-

den Reichskanzler und den Staatssekretär Graf. weiter vor.

van Poftdowskv mit einer großen Mehrheit er- Der handelspolitische Streit zwischen Oeste r- fofpt. Ta der bevorstehende Handelsvertrag mit reich und Serbien ist jetzt auf den Weg des dem letzten Februarwae ablmrft, so hot der Bttn- j Ausgleichs gebracht worden. Serbien hat sich zu desrat mit einer gewissen Beschleunigung von der , weitgehenden Zugeständnissen Oesterreich gegen-

ihm: erteilten Befugnis Gebrauch gemacht, den Vereinigten Staaten „bis auf weiteres die Meist­begünstigung" einzuräumen. Das Provisorium geht nur bis zum 1. Juli 1907. Hoffen wir, daß es der Reichsregierung gelingt, bis dahin ein Definitivum zu schaffen.

Im preußischen Abgeordneten­haus e wurde gleichfalls die Etatsberatung fort­gesetzt. Hier hegt man dw Erwartung, daß der Etat noch vor dem 1. April erledigt werden kann.

Inzwischen arbeiten die parlamentari­schen Kommissionen sehr eifrig. Aber auch dort rücken die Arbeiten nur langsam voran. Die Steuerkommission des Reichstags steckt noch mitten in der Beratung der Steuervorschläge, die vonseiten der Kommission selbst eine außerordent­lich Erweiterung erfahren haben, da man dem sozialpolitischen Gesichtspunkte mehr Rechnung tragen möchte, als es die Verbündeten Regierun­gen mit ihrer Steuervorlage getan haben. Die Budgetkommission bat sich feit einer Reihe von Tagen mit allerlei kolonialen Fragen zu beschäf­tigen, wobei die Regierung wegen mangelhastec Begründung ihrer Anforderungen häufig genug einen recht schweren Stand hat.

In der Marokko-Angelegenheit scheint sich eine Wendung zum Besseren vorzube­reiten. Die neueste Stellungnahme Frankreichs zur Polizeifrage ist eine solche, daß sie, wie von deutscher offiziöser Seite versichert wird, die „Wie-

über bereit erklärt.

Der Präsident Castro von Venezuela da­gegen scheint es auf einen offenen Konflikt mit Frankreich ankommen lassen zu wollen. Da Frankreich bis jetzt von ernsteren Schritten ab­gesehen hat und auch die Vereinigten Staaten keine Miene zum Eingreifen machen, ist Castro der Kamm bedenklich geschwollen und man be­fürchtet von ihm Repressalien gegenüber allen Nichteingeborenen.

Eine sremdenfeinliche Bewegung ist auch in China wieder im Gange. Verschiedene eng­lische und französische Missionare sind bereits Pott bett Eingeborenen ermordet worden. Die chine­sische Regierung bestreitet indeffen, daß es sich um eine allgemeine, gegen die Fremden gerichtete Bewegung haitdele.

Unpolitische Zeitlaufe.

A Berlin, 1. März 1906.

(Nachdruck verboten)

„Gut, daß es vorbei ist!" So ein Uff der Äb- schüttelung und Erleichterung kann man oft hören, wenn eine Reihe von Vergnügungen ober Fest­lichkeiten zu Ende geht. Ist es nicht ein schlechtes Zeichen? Wer sich gut amüsiert, kamt doch nicht über den Abschluß froh sein? O doch! Ich glaube,

daß hier das Sprichwort gilt: Ende gut, alles gut! Wenn man sich aus dem lustigen ober fest­lichen Trieben mit Behagen toieber in die Ruhe und das regelmäßige Leben wendet, so ist das ein gutes Zeichen; denn man ist bei Verstand ge­blieben und hat sich an der Tafel des Vergnügens nicht den Magen verdorben. So ein angenehmer Nachgeschmack ist das erfreuliche Gegenteil des Katzenjammers.

Jedes Vergnügen ist eine Strapaze. Es bleibt aber doch ein Vergnügen, wenn nur Maß gehalten wird. Denn für Leib und Seele sind zeitweilige Anstrengungen gesund und erfrischend. Auch eine gewisse Müdigkeit schadet nicht, sie läßt erst die nachfolgende Ruhe und Erholung recht süß schmecken. Aber hinter der ungesunden Ermüdung folgt die Ermattung, die Erschöpfung der Kräfte; da hört der Spaß auf und schlägt in bitteren Ernst um. Wer eine kostspielige Maschine besitzt, hütet sich wohl, sie sich heiß laufen zu lasten; doch ein Vergnügringsjäger läßt seine unersetzliche Leibes­maschine so lange und so schnell laufen, bis die Achsen weich werden und sich biegen; er überhitzt sein Gehirn und sein Herz, bis seine Gedanken und Gefühle in einem wahnsinnigen Wirbel wild umherkreisen und eine Explosion zu befürchten ist.

Die Gesetzgeber bemühen sich fortwährend, ein vernünftiges Maß der Arbeitszeit durchzuführen. Sie wissen, daß bei einer übermäßigen Taner der Arbeit nichts Gutes herauskommt; das Bischen, was in der elften, zwölften rc. Stunde noch geschafft wird, wiegt durchaus nicht den furchtbaren Ver­schleiß an Gesundheit und Lebensdauer auf, der durch die Auspumpung der letzten Kräfte herbei­geführt wird. Das einzig richtige ist, eine wohl- abgemesterre Arbeitszeit recht fleißig anszunutzen und dann wieder in einer angemessenen Ruhepause frische Kräfte zu sammeln. Es lebe also der Nor- malarbeitstag! Ich möchte ihn aber noch ergänzen durch einen Normolvergnügungstog. Wenn sich Zeit und Gelegenheit bieten zu einem anständigen Vergnügen, nun, dann frisch heran und.munter gefeiert, wie man es vor Gott und seinem Ge- wissen verantworten kann! Aber wenn es nach vernünftiger Abmessung genug ist, dann muß man es auch genug sein lasten und Schicht machen, ehe das Vergnügen zu einer aufreibenden, Zerrütten­den Strapaze wird. Tie Feier-chendalocke nicht überhören — weder bei der Arbeit noch beim Ver­gnügen !

Ich lese soeben, daß im Reichslande, der Hei- mat des Karnevals, der Vorschlag wieder ausge- tQUitrr ist, die Vergnügungen zur Fgftnacksts-eit abzukürzen, also die karnevalistische Gesellschaft ans wenige Wochen, das öffentliche Maskentreiben auf höchstens zwei Tage zu beschränken. Das scheint ! mit nicht uneben zu fein. Kurz und gut ist wohl . das Beste.

Als neulich unser Reichskanzler sich herum- , streiten mußte mit französischen Blättern, die alle i Tage von neuem über Nebendinge Silbensteche- reien trieben, ließ er ihnen durch sein Leibblatt ; sagen: Getret'ner Quark wird breit, nicht stark! । Die Franzosen konnten dieses kräftige Deutsch nicht ■ recht verstehen und wurden sehr ärgerlich über die \ „niedrige" Nusdrucksweise. Der Quark-Vers ist aber vom Dichterfürsten Göthe gemacht. Mir kommt mancher Fastnachtsspaß auch wie ein Quark vor: man läßt ihn sich eine Weile gefallen, aber wenn er nun ausgetreten wird mit einer Beharr- lichkeit, die einer besseren Sache würdig wäre, so wird er breit, nicht stark — fade, nicht erfrischend.

Hier am Spreestrand und im märkischen Sande mbt es feinen rechten Karneval, aber leider cmch Äir die meisten Leute feinen Aschermittwoch. Die sogen. Vergnügungen und Festlichfeiten im ersten Vierteljahr zeichnen sich mehr durch Masse als durch Güte aus, und dieser Hebelstand wird noch verschlimmert durch die lange Ausdehnung. Man kann nicht genug friegen und setzt also nach Ascher­mittwoch die Vergnügungsiägerei noch fort. Die

Jluferpte^ung.

Roman von Felix Nabor.

1 •] (Nachdruck verboten.)

Und er zeigte ihm den Weg — es war der Weg des Verderbens. Er führte ihn in die Loge ein% deren Großmeister er war und Gabriel sog tropfenweise das Gift ein, das ihm in goldener Schale, mit lächelnden Lippen in dem Nektar der Freude kredenzt wurde.

Eine tiefe Kluft tat sich auf zwischen dem alten Glauben seiner Jugend und dem neuen seiner Zn- funft. DaS Geheimnisvolle, der Zauber des Un­befangen zog Gabriel an; feine Phantasie fand hier ungeahnten Spielraum 7 die auf dem Humani- tätsprinzipe beruhenden Grundsätze der Loge, mit ihrer Forderung doller Freiheit und Unabhängig­keit in allem, besonders in religiösen Dingen, die Lehre von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit nahm ihn gefangen, und langsam stumpfte sich sein sittliches Gefühl ab; er entfernte sich immer mehr von dem wahren Glauben und von der Kirche, je mehr Grade der Loge er durchlief.

Langsam sog er den Haß und die Abneigung gegen bie katholische Kirche ein, denn von jeher war die Loge der Brennpunkt, in dem sich alle fin­steren Mächte sammelten; sein Glaube brach zu­sammen, als Mitglied der Loge schloß er sich den gegen die Kirche gerichteten Bestrebungen der­selben an, die ihren Gipfelpunkt in der unversöhn­lichen Bekämpfung der übernatürlichen Glaubens­lehren und der kirchlichen Autorität erreichten.

'Gabriel verlor inmitten der glänzenden, auf- Seflärten Welt den letzten religiöfen Halt und trieb cm Unglauben entgegen. Durch das, was er in den Hörsälen der Uniberfität vernahm, wurde auch der letzte Funke von Religiosität und positivem Glauben in seiner Brust ausgelöscht. Von dm

akademischen Lebrstühlen herab wurde von athei­stischen Lehrern das Dasein Gottes offen geleugnet und die göttliche Offenbarung verworfen. Die höchste Offenbarung war den modernen Geistern die Statur, das Endziel aller Wisienschaft die „exakte Forschung". Ter Menschengeist wurde als die höchste Macht gepriesen; er allein sollte die Welt regieren. Das Wirken der göttlichen All­macht in den Gesetzen der Natur, das Walten der göttlichen Vorsehung im Leben des Einzelnen und im Leben der Völker wurde als ein Märchen be­zeichnet und die ganze Schöpfungsgeschichte in daS Reich der Fabel verwiesen.

„Freiheit" war das große Wort, das gleich Feuerslammeii von Mund zu Mund lief — Frei­heit des Geistes, Freiheit und Selbstbestimmung in allen religiösen Fragen und auf allen Gebieten der Wisienschaft.

Mit hochtrabenden Phrasen wurden die Hörer über die Hohlheit dieser Grundsätze hinwegge- täuscht, statt des Brotes gab man der wißbegieri­gen Jugend einen Stein; aber die großen Worte von Freiheit und Selbstbestimmung sanden in den Herzen der Jugend lauten Widerhall, sie schlugen wie Blitze in die jugendlichen Gemüter. Die ganze akademische Jugend wurde planmäßig in der Seele vergiftet und dem Atheismus in die Arme getrieben. Dazu kamen noch politische Wirren, welche die jugendlichen Köpfe erhitzten und die Gemüter erregten; es gärte, brauste und schäumte überall und bei dem geringsten Anlässe konnten die noch im Keime schlummernden revolutionären Ideen zum Ausbruche kommen.

Zu Anfang seiner akademischen Studien hatte Gabriel äußerlich an dem Gebrauch seiner Jugend festgehaften, et hatte am Sonntag den Gottesdienst besucht und wat auch hin und wieder zu den Sakra­menten gegangen. Je mehr er sich aber den Satz­ungen der Loge und den Lehren, die vom Katheder der Hochschule herab verkündet wurden, unterwarf, umso weiter entfernte ec sich von Gott und umso

seltener besuchte er die Kirche. Schon im zweiten Semester ging er nie mehr zu den Sakramenten, llmfo häufiger sah man ibn in der Kneive und auf dem Feckstboden, und man erzählte sich von dem flotten Studenten die gewagtesten Abentener.

Der Spott seiner Freunde und die Furcht, in den Augen der großen Welt als ein „Frommer" zu erscheinen und sich lächerlich zu machen, hielt ibn von der Erfüllung feiner religiösen Pflichten ab. Während er in den Augen der Menschen höher stieg, versank er immer tiefer in Gleichgiltigkeit und in die Finsternis des Huglaubens.

In das Elternhaus kam er jahrelang nicht mehr zurück; die großen Ferien verbrachte er in der Familie des Konsuls, in Bädern oder auf Rei­fen; kaum, daß dr hie und da einen kurzen Brief in die Heimat schrieb.

Einmal aber, kurz bevor er fein Staatsexamen ablegte, erhielt er den Besuch seines Vaters; er war erschrocken und beschämt und es bangte ihm davor, über sein Leben Rechenschaft ablegen zu müssen.

Der Müller war schweigsam, aber wenn er Gabriel mit feinen forschenden Augen anblickte, dann war es diesem, als schauten diese Augen in die Tiefen seiner Seele, lind da lagen Dinge ver­borgen, die et dem alten Manne nimmer enthüllen konnte. Er erzählte ihm von dem Leben in der Stadt, von der Güte des Konsuls, von seinen Reifen, von feinen großen Plänen und dem Ruhm, der seiner in der Zukunft wartete.

Der Müller hörte ihm geduldig^ zu, endlich aber sagte er: „Das ist alles recht schon, Gabriel! Aber das Geld und der Ruhm und das Herren- leben machen das Glück nicht aus. Wir sind in Sorge um Dich, Gabriel! Die Mutter ist kränklich, sie hat die weite Reise nicht machen können. Sie schickt Dir tausend Grütze und sie läßt fragen: wie steht es mit meinem Gabriel? Hat er das Beten auch nicht verlernt? Ich sehe kein Kruzifix in Deinem prächtigen Zimmer. Und keinen Weih­

Jagdbeute lohnt aber immer weniger. Die Ein­haltung der Schonzeit würde dagegen sowohl den Jägern gut tun, als auch die Aussichten auf künf­tige Vergnügungen verbessern.

Wenn es am besten schmeckt, soll man aufhören. Ich sehe ganz gerne zu bei einem Tänzchen in Ehren. Warum aber die Tanzbeine bis zum Morgengrauen hin strapaziert werden müssen, sehe ich nicht ein. „Bis früh um fünfe", heißt hier das neueste Schlagwort. Das heißt, den Kelch des Vergnügens bis auf die bittere Hefe leeren! Laß doch die Hefe darin und geht nach Haufe, wenn das Fest noch einen reinen, ungetrübten Nachgeschmack zurückläßt. Dann hat man am andern Tage noch wirkliche Freude an der Erinnerung: „Es war doch schön!" Aber sonst heißt es: „Na ja, es war ja recht nett, nur bin ich sehr müde und habe auch Kopfschmerzen gekriegt, weil die Luft drückend wurde und man das ewige Trinken nicht gewohnt ist, und dann war cs auch ärgerlich, daß schließlich dies passierte oder jenes usw."

Aber warum bleiben denn die Leute so über­mäßig lange, wenn sie doch aus Erfahrung schon wissen sollten, daß es hintennach immer weniger fein und erbaulich wird? Es fehlt ihnen die Wil­lenskraft zum rechtzeitigen Aufhören. Sie wollen immer noch ein bischen warten, weil sie in ihrem Vergnügungshunger sich einbilden, sie würden doch vielleicht noch etwas besonderes erleben. Dieses Hoffen und Harren macht sie zu Narren.

Rechtzeitig aufzuhören ist überhaupt eine Kunst von großer Bedeutung. Der Manu geht z. B. in das Wirtshaus, um ein Gläschen zu trinken und ein Plauderstündchen abzuhalten. Die ersten Schlucke schmecken sehr gut, und die ersten Ge- spräche sind recht lebhaft und mott. Aber nun ist der wirkliche Durst gestillt und das eigentliche Thema des Tages erschöpft; die Stimmung fängt an, flau zu werden. Wer klug ist, geht dann seines Weges. Aber der Kleber will durchaus noch die Geselligkeit wieder in Schwung bringen: er trinkt über den Durst, um wieder Durst zu be­kommen, und redet dummes oder gar schlechtes Zeug, um die Unterhaltung neu zu beleben. Das Ende vom Lied ist das unangerchine Gefühl: da haben wir mal wieder recht blödsinnig gesumpft!

So ein kleiner Skat oder sonst ein Spielchen ohne Habgier kann ja ein harmloser Zeitvertreib in leeren Erholungsstunden fein. Aber das Nus- hören? Wenn da die eine oder andere „Spielrave" dazwischen ist, so können die „letzten Runden" sich ein Dutzend mal wiederholen. Sie können nicht genug kriegen und denken in ihrem erregten Sinn, es ständen ihnen noch herrliche Glücksfälle und Triumphe bevor, wenn sie nur noch ein bischen- das Schicksal versuchen könnten. Wer eine Kleinig­keit verloren hat, will seine Revanche, und wer eine Kleinigkeit gewonnen hat, glaubt sich nicht drücken zu dürfen. So wird die Zeit totgeschlagen, und man steht schließlich auf mit der Erkenntnis: Ein Vergnügen war das nicht! Sie können noch von Glück sagen, wenn es nicht schließlich in der verdrossenen Stimmung noch zum Zank kommt.

Auch dem weiblichen Geschlecht, das angeblich sehr gern am Kaffeetisch oder bei Begegnungen feinen Klatsch hält, könnte ich noch eine kleine Predigt halten über das rechtzeitige Aushören und die weise Parole „kurz und gut". Doch habe ich die bange Ahnung, daß mir eine scharfe Evazunae entgegenrufen könnte, ich möchte selbst das recht­zeitige Aufhören lernen und ein gutes Beispiel geben.

Schön! Machen wir! Ich möchte nur noch zu meinem Tröste feststellen, daß gerade manche Lese­rinnen dem unpolitischen Onkel ihre Anerkennung ausgesprochen haben wegen der Beharrlichkeit, mit der er seine Bettelei für die Zehlendorfer Kirche fortgesetzt hat. Es gibt also anscheinend doch auch gute Bestrebungen, mit denen nmn nicht so schnell aufzuhören braucht. Ja, es gibt auch ein edles Vergnügen, das bei längerer Fortsetzung immer britnnen und keinen Rosenkranz, sondern nur schöne Bücher und allerlei Figuren und Bilder, die ich nicht anschauen mag. Wie also stehts mit dem Beten?" —

Tie Aimen des Müllers blickten so streng und forschend, daß Gabriel jäh errötete. „Ja wißt. Vater", sagte er in größter Verlegenheit, „daS bringt eben das Studium mit sich. Da hat man freilich nickt mehr soviel Zeit -nm Beten." llnb mit ein paar leichten Scherzen suchte er über das Peinliche der Situation hinwegzukowrnen. Aber der Müller ließ sich nicht täuschen. „Wohl, wohl", sagte er, „das kann ich mir denken. Zu den Sakra­menten wirst Du aber doch geben, ja?" Hnd da er wußte, welche Antwort er erhalten würde und seinem großen und gelehrten Sofutc eine neue Beschämung ersparen wollte, so fügte er Hinzu: „Ich meine, Gabriel, wir sollten beute mitunander zur Beicht geben; es ist morgen unserer lieben Frau Himmelfahrt und feit Os-wn ists ein wenig lange. Das meinst, daß die Mutter sich freuen wird, wenn ich ihr jage, wir zwei sind nebenein­ander am Tische des Herrn gekniet."

Gabriel befand sich in einer furchtbaren Sage; seit drei Jahren hatte er seine Ostern nickst mehr gehalten und überdies war er ein Mitglied der Loge. Sollte er seinem Vater das offen gestehen? — Er brachte es nicht übers Herz — der schlichte Mann hätte ihn am Ende für den Antichrist gehal­ten, und der Mutter wollte er das Leid schon gar nicht antun. So beschloß er denn, sich diesmal dem Zwange zu fügen. „Es ist ja doch nur For­melkram", sagte er sich innerlich.

Aber als er in dem Beichtstuhl kniete und das Bekenntnis seiner Sünden begann, da schrie ihm eine-innere Stimme zu: „Du begehst einen furcht- baren Frevel, wenn Du bloß zum Scheine beich­test". Und es überfam ihn eine solche Bangigkeit, daß er zitternd und vollständig fein Bekenntnis ablegte.

(Fortsetzung folgt.)