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Wdaer M Zeitung

Wochenbeilage: „IllustrierteZonntagzzeitung" Monatsbeilage: „Zuldaer Geschichtsblätter".

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JVff 45.

Fulda, SamStag, den 24. Februar 1906.

33, Jahrflang.

Zweites Mtatt.

Wochen-Rundjchau

(Nachdruck verboten.) Fulda, den 24. Februar 1906.

Der Kaiser hat im Laufe dieser Woche an der Beisetzungsfeicrlichkeit für den König Chri­stian von Dänemark in Boskilde teilgenommen. Er war dabei wiederholt Gegenstand lebhafter Ovati­onen seitens der Bevölkerung.

Die Verhandlungen des Reichstags neh­men fortgesetzt einen recht schleppenden Gang. Nach 13tägigen Debatten hat man am Dienstag endlich den Etat des Reichsamts des Innern be­endet und ist zum Etat des Reichsjustizamts über­gegangen. An eine rechtzeitige Fertigstellung des Reichshaushaltsetats ist wohl nicht mehr zu denken. Im preußischen Abgeordneten- Hause trägt die Etatsberatung einen etwas flotteren Charakter^ Die bayerische Abge­ordnetenkammer, die zur Zeit gleichfalls mit der Etatsberatung beschäftigt ist, kam noch­mals auf die früheren Ausführungen des Mi­nisterpräsidenten von Podewils über die Behand­lung der auswärtigen Politik in den Einzelland­tagen zurück.

Die durch die Eewaltmaßregeln des liberalen Blocks in Baden herbeigeführten Nachwahlen sind sämtlich zugunsten des Zentrums ausgefallen. Eine schneidende Desavouierung der Blockpolitik bildere die Nachwahl im Wahlkreise Ettlingen, Wo v „kassierte" Zentrumsabgeordnete mit einer Slii,i>.>enmehrheit wiedergewählt wurde, die die frühere Mehrheit noch um rund 500 Stimmen übertraf. Kein Wunder, daß selbst den national- liberalen Blättern in Baden jetzt Zweifel an der Richtigkeit der Blockpolitik kommen! Eine em­pfindliche Lehre für die Sozialdemokratie enthielt der Ausfall der durch die Mandatsniederlegung des Abgordneten Schippel notwendig gewordenen Reichstags er satzwahl in Chemnitz. Dort haben die Sozialdemokraten über 2600 Stimmen eingebützt, während der gemeinsame Kandidat der bürgerlichen Parteien über 2600 Stimmen gewonnen hat. Man geht jetzt kaum fehl, ir: n darin den Einfluß der letzten

Vorgänge sozialdemokratischen Parteilager erblickt.

Die Marokkokonferenz in Algeciras hatte in dieser Woche eine etwas ernstere Gestalt angenommen. Während in den offiziellen Ver­handlungen die Zollfrage behandelt wurde, über die man in der Hauptsache zu einer Einigung ge­langt ist, trat in der Frage der Organisation der marokkanischen Polizei ein Gegensatz zwischen Frankreich und Deutschland immer schärfer zu­tage. Frankreich verlangt, die Polizei solle in allen »narokranischen Häfen unter die Leitung von Offi- zieren gestellt werden, die ausschließlich französi­scher oder spanischer Nationalität sind. Deutsch­land hat diese Forderung, die im letzten Grunde unzweifelhaft Frankreichs Einfluß in Marokko ein starkes Uebergewicht gewähren würde, abge- letmt und verharrt auf der Forderung der Jnter- u lionftität der marokkanischen Polizei mit ge­wissen Sonderbefugnissen Frankreichs in den ost- lickten Grenzdistrikten. Man spricht bereits von einem Scheitern der Konferenz, doch gibt man auf feiten Deutschlands, wie die offiziösen Preßäuße­rungen dartun, noch nicht die Hoffnung auf Er­zielung eines Verständnisses auf. Die franzö­sische Presse macht inzwischen den Versuch, Deutsch­land für ein eventuelles Scheitern der Konferenz verantwortlich zu machen. Deutscherseits ist dieser Versuch mit Recht scharf zurückgewiesen worden.

In U n g ar n hat der Konflikt zwischen Krone und Opposition zur Auflösung des Parlaments

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geführt. Dieselbe wurde unter Anwendung von Waffengewalt vollzogen. Die Bevölkerung blieb indeß beruhigt und zu ernstlichen Ausschreitungen ist es nicht gekommen. In dem Auslösungsdekret werden baldige Neuwahlen angekündigt. Im österreichischen Abgeordnetenhause erklärte der Ministerpräsident gelegentlich einer Interpellation über die Vorgänge in Ungarn, die Krone werde unbedingt an einer gemeinsamen Armee mit ein­heitlicher Leitung und einheitlicher Kommando­sprache festhalten. Eine weitere Interpellation über die Marokko-Angelegenheit gab dem Minister­präsidenten Gelegenheit, die Erwartung auszu­sprechen, daß es zu keinen ernsteren Komplikatio­nen kommen werde.

Der Präsidentenwechsel in Frankreich ist nun vollzogen. Falliöres ist in das ElisLe einge­zogen. Eine Botschaft, die er an das Parlament gerichtet hat, erklärt, seine Amtsführung werde dem Fortschritt und dem Frieden gewidmet fern; sie betont aber auch die Aufrechterhaltung der vol­len Wehrkraft des Landes. Inzwischen werden die inneren Wirren in Frankreich durch die Fort­führung der Inventaraufnahme noch verschärft. Papst Pius X. hat in einer Encyklika einen schar­fen Protest gegen die kirchenfeindliche Haltung der französischen Regierung erlassen.

Das englische Parlament tfl am Montag durch König Eduard offiziell eröffnet worden. Die Thronrede kündigt Reformen für Irland und eine sozialpolitische Gesetzgebung an.

In Rußland herrscht jetzt ein scharfes Regi­ment. Es regnet sozusagen Todesurteile gegen gefangene Revolutionäre. Verhaftungen und Haussuchungen sind an der Tagesordnung. Da­bei werden allerdings vielfach Bombenfunde ge­macht. Die Revolutionäre rächen sich durch Ein­zelattentate. In neuester Zeit scheinen sie es auf Beschaffung von Geldmitteln durch Raubanfälle abgesehen zu haben. Tag für Tag werden solche gemeldet. In den Ostseeprovinzen gährt es noch fortgesetzt, und vielfach rechnet man dort mit einem neuen Ausbruch offener Unruhen. Auch in Finn­land besorgt man neue Wirren. Es werden dort bereits umfassende Vorsichtsmaßregeln getroffen.

Griechenland ist von einer Ministerkrisis bedroht. Die Frage des Ausschlusses von Militär­personen aus der Deputiertenkammer führte zu einem Zerwürfnis zwischen dem Ministerprästden- ten Theotokis und einem großen Teile der Kam­mer. Theotokis kündigte an, er werde die Auf­lösung der Kammer fordern und eventuell seine Entlassung nehmen. Die Entscheidung ist bis nach Rückkehr des Königs von Kopenhagen ver­schoben.

Die Kabinettskrisis in S e r b i e n ist noch nicht entschieden. Der bisherige Gesandte in Wien, Wuitsch, zögert mit der Uebernahme der Regie­rung, indem er vorerst aus die Aufänderung des Zollunions-Abkommens mit Bulgarien drängt.

Aus China kommen wieder Meldungen über eine fremdenfeindliche Bewegung. Wenn auch be­stritten wird, daß ernstere Besorgnisse gerechtfer­tigt seien, scheint doch nicht alles zu stimmen. Zwi­schen England und den Vereinigten Staaten hat schon ein Meinungsaustausch über die Angelegen­heit stattgefunden, und in Schanghai sind zwei neue Freiwilligen-Kompagnien in der Bildung be­griffen.

Unpolitische Zeitkäufe.

D Berlin, 22. Februar 1906.

(Nachdruck verboten)

Wenn das höchste Ehepaar des Reiches seine Silberhochzeit feiert, so spreche ich auch meine un­politischen Glückwünsche aus, und zwar nicht bloß in patriotischer Ehrfurcht, sondern auch mit der herzlichen Teilnahme eines christlichen Hausvaters,

der auch noch mal seine silberne Hochzeit begehen möchte. Freilich nur in aller Stille.

Wer selber auf dem Wege zu diesem Lebens­abschnitt ist oder gar schon darüber weg auf die goldene Station hinanpilgert,cher hat eine Ahnung von dem reichen Inhalt eines fünfundzwanzig- jährigen Ehelebens. Eine Fülle von Segen Got­tes, eine Fülle von Arbeit und Sorge, Freud' und Leid der beiden vereinigten Menschenkinder. Sie sind bevorzugt, aber auch geprüft.

Bevorzugt schon wegen der Lebensdauer über das Durchschnittsmaß hinaus. Am grünen Hei­ratstag haben sie sich einander verschworen, „bis uns der Tod scheidet". Ach, der Tod hat es mit der Ehescheidung oft sehr eilig. Wie mancher Mann, in dem eine Triebkraft für hundert Jahre zu stecken schien, fällt in der Blüte seines Lebens einer tückischen Krankheit oder einem Unfall zum Opfer! Es gibt mehr als zwei Millionen Wit­wen im Deutschen Reich, und der weitaus größte Teil derselben ist längst vor der Silberhochzeit zur Wallfahrt nach dem Grabe des vorzeitig dahinge- rafften Mannes verurteilt worden. Und wie viele von ihnen führen Halbwaisen anf dem Arm oder an der Hand mit sich, wenn sie das Grab besuchen, in das ihr Ernährer und ihr Glück versenkt ist. Tie Frauen haben im ganzen eine größere Lebens­zähigkeit als der Mann. Aber gerade mit dem Glück der Mutterschaft sind ernste Gefahren ver­knüpft; manche junge Fran verliert das Leben, in­dem sie es gibt, und viele Mütter reiben sich vor­zeitig auf in Mühsal, Sorgen und Kummer, ehe sie die Kinder bis zur Selbständigkeit bringen konnten.

Wenn das Ehepaar im Silbcrkranze auf das vollendete Vierteljahrhundert zurückblickt, so kann es singen: Tausend sind zu unserer Rechten ge­fallen, tausend sind zu unserer Linken dahinge­sunken, uns aber hast du erhalten, 0 Herr, und uns begnadet über Verdienst mit einem gerüttel­ten und gehäuften Maße. Der Segen, den dein Priester vor 25 Jahren über unfern Bund gefpro- eben, ist überreichlich ergossen worden von deiner Güte. Laß ihn weiterfließen über deine dankbaren Diener, die auch in der weiteren Frist, die du uns schenkst, eins bleiben und einträchtig leben und streben wollen in deinem Geist, bis uns der Tod eine Weile scheidet, damit dein Gnadenhimmel uns wieder bereinige dort, wo die ewige Hochzeit für alle ist an dem gemeinsamen Herde des Lammes.

Die Silberhochzeit zu erleben, ist ein Glück; aber wer sie zufrieden und hoffnungsfroh feiern kann, muß auch sein Verdienst daran haben. Er hat den Kampf um das Familiendasein ein Vier- teljahrhundert wacker durchgeführt nach seinen besten Kräften: das ist keine Kleinigkeit. Was auf Erden dir geglückt, das hat dich auch gedrückt. Kein Preis ohne Schweiß. Keine Rose ohne Dor­nen. '‘Sein Segen ohne Sorgen. Keine Wiege ohne Weinen. Keine Kinder ohne Kummer. Je höher die Kinder den Kopf tragen, desto schwerer wird es den Eltern, den Kopf hoch zu halten. Der Ehestand gleicht dem Durchwaten eines Flusses: am feuchten Rande kann man gut scherzen und springen, aber das Wasser der Mühen und Sor­gen wird höher und höher, es steigt bis an die Brust und an den Hals, ja manchmal steigt es über den Scheitel. Wohl dem, der glücklich durch­kommt durch die tiefe Mitte und sich am jenseitigen Abhang in der großelterlichen Ruhe verschnaufen kann!

Bei der Silberhochzeit ist freilich der Höhe­punkt der Anstrengungen und Sorgen längst nicht immer erreicht. Am wenigsten in den mittleren Ständen, denn da sind die Kinder nicht so früh­zeitig versorgt. Die höchsten Schichten und die Arbeiterklasse berühren sich in diesem Punkte: dort ermöglicht das Familiengut unb hier die Zuver­sicht auf den Arbeitsverdienst ein frühes Heiraten, «WUMM I I Bill■Mn'll'lMMMMBWUIM II IHM IIIIWIWLiWTliaaMMI

geläutert hat, liest in einem jungen Menschenher­zen wie in einem offenen Buche, besonders wenn

Q, , yv-v-D lui-uvL s „Jenes Geld kam von ihm, von Deinem Vater,

uuch teilte ich ihm mit, mit Wei-' Felix! Welche eigentümliche Verkettung der Itm-

cher Unruhe Du Dich um den Verbleib Deines Vaters sorgtest. Er bat sich Bedenkzeit aus bis zu meiner Wiederkehr; dann 'wollte er mich als Boten senden, wie er es nun getan. — Der Verkauf von Nueva Germania gab ihm willkommene Ge­legenheit, sich auch gegen Sie, Herr Wildner, dank­bar zu zeigen. Er schloß den Kauf unter für Sie günstigen Bedingungen ab in der Absicht, das Gut. wie er es nun getan, Felix zu schenken, damit es so der Faniilie erhalten bleibe. Dein Herzens­wunsch, Felix, war ihm kein Geheimnis; schon bei unserer ersten Begegnung sprach er in ganz be­stimmter Weife davon, wie er sich freue, daß Tu bei Deiner Verbindung mit Irma nicht mit leeren Händen dastehen werdest."

.Aber ich habe nie mit ihm darüber gespro­chen. Wie hätte ich dies tun können, da ich daran zweifelte, ob Onkel Ernst je feine Zustimmung geben werde! Meine Neigung zu Irma war >nn Geheimnis für ihn."

,.O Felix, wie leicht mag es ihm geworden sein, dieses Geheimnis zu durchdringen! Ein Mann, der das Leben erfahren hat, wie er, der sich aus tiefer Erniedriaung ans der Schule des Leidens

EiiiMtlkliaustzemWe.

Don H. Catalina.

5u] (Nachdruck verboten.)

. Warum aber gab er sich mir in Nueva Ger­mania nicht zu erkennen? O, mein Vater, wie

io;wtoft du das tun! Fast täglich habe ich mit ihm verkehrt. Er mußte ja suhlen, daß mein H-wz nnch zu ihm hinzog —"

„Unb daß Du Deines Vaters mit keiner Silbe ermähntest in dieser langen Zeit. Er deutete Tein Schweigen auf seine Art; et glaubt, daß Du hart über Temen Vater urteiltest, ihn verachtest. — Ich habe ihm diese Gedanken ansgeredet und ihm ge­sagt, daß Tu ihn nie vergessen hattest, daß ich selbst Dir die Augen Über seine Vergangenheit geöffnet, und daß Du gesucht hast, ihn zu entschuldige.i, ihn zu lieben trotz feiner Schuld. Ist dem nicht so, mein Sohn?" — Felix antwortete nicht; er verbarg sein Gesicht. Konnte er gestehen, daß »rft durch Seefelds Einfluß sein Urteil gemildert, fein Herz wieder dem ferne geglaubten Vater zu- gewendet worden?" gen «vic m einem ui iviien ;ouaje, venuioers ivenn

Der Pater fuhr fort: „Als Dem Vater Dich in , besorgte Vaterliebe die Leucksie hält. — Noch eines Nueva Germania sah, monatelang mit Dir um-; bleibt mir aufzuklären, fast gegen den Wunsch ging m ungestörtem Verkehre, als er Dich näher : Herrn Bertrands, der mir nur ungern feine Ern­ennen lernte, wurde fein Vorsatz, Dir fremd zu willignng hierzu gab. Ich glaube jedoch, daß es bleiben, auf eine harte Probe gestellt, besonders zu Ihrer vollständigen Beruhigung dient, Herr seit icnem Tage, da er Dich vor seinen Augen in Wildner, wenn Sie auch über diesen Punkt fil.it- Todesgefahr sah. Er liebte Dich mit großer Liebe, beit erhalten. Durch Felix hatte Herr Bertrand f.l‘ren vnnigfeit durch die Entsagung zu schnietz- i Ihre bedrängte Geschäftslage frühzeitig erfahren, lichem Leide gesteigert ist: dennoch hielt er sich zu- Da er sich tief in Ihrer Schuld fühlte, stellte er 511.: TT12’cn Verzicht auf Dich betrachtete er zum Ihnen, ohne daß sein Name genannt werden Teil als eine Buße für seine Schuld, da er sich des durfte, durch die englische Bank eine Summe, untoutbig gemacht, indem er Weib , deren Betrag et mir nicht genannt hat, zur 23erfü« ntnb Klnd rn Schande gestürzt. — Ich suchte ihm gung, um Sie vor übereilten Schritten zu be- rorzustellen, daß Gott dies Opfer wohl gnädig ' wahren." ßriüfn.om(nie't ■ a^to^be, es aber gewiß ferner | „Jenes Geld kam von ihm, von Deinem Vater, Aicht verlange, auch teilte ich ihm mit. mit wel-1 Felir! Welche eigentümliche Verkettima der Um­

stände! — Während ich nur zu leichtgläubig den Verdächtigungen, die sich an seinen Namen hefte­ten, mein Ohr lieh, und nicht zögerte, ihn identisch mit einem gemeinen Verbrecher zu halten, war er Weise aus der Not zu helfen. Wie beschämend ist dies für mich!" rief Wildner.

„Felir, erinnerst Du Dich, daß ich Dir sagte, Seefeld könnte der geheimnisvolle Spender feint" jubelte Irma, während Frau Wildner zögernd '^«Jch weiß nicht, woher mir der Gedanke kam; immer war mir, als ob Felix' Vater an jener An­gelegen beit beteiligt sei. Nie werden wir ihm ge­nug dafür danken können."

„Sntschnldigen Sie, wenn ich unterbreche; allein es wird Zeit, uns der Geschäfte zu erinnern", nahm Pater Lichtenbdrg wieder das Wort. „Herr Garcia wird längst ungeduldig geworden fein. Er will mit dem Abendzuge den weiten Rückweg wieder antreten; denn die Stunden sind kost­bar. — Mein lieber Felix, auch diesem Freuden- beeter bleibt die bittere Hefe nicht erspart. Meine Botschaft, vielleicht die beste, die ich in meinem Leben überbringen durfte, hat einen ernsten Schluß. — Dein Vater ist krank, schwer krank. Bei der Nachricht von dem unseligen Ende feines Freundes, das er unvermittelt durch die Zeitung erfuhr, ist ihm das Herz gebrochen. Ein heftiger Anfall seines Leidens warf ibn nieder; jede Hoff­nung aus Wiedergenesung erscheint ausgeschlossen. Was ihn noch am Leben erhält, Felix, »st der Wunsch, Dich noch einmal zu sehen. Seine Stun­den sind gezahlt." _ .

„Ich reife sofort, sofort mit dem Abeudzuge, rief Felix in höchster Aufregung. „Mein Gott, Du hast so vieles gegeben; gib auch das eine noch! Schenke ihm noch Zeit, daß ich ihn sehen und ihm sagen kann, wie sehr ich ihn liebel'

Jetzt erst bemerkte der Geistliche so recht die Verheerungen, welche die schwere Krankheit ange­richtet hatte, unb Wochen der Rekonvaleszenz noch nicht aann zu heben imstande gewesen waren. Un-

die schnelle Gründung eines Filial-Haushalts. Da können die Silberhochzeit und die schwieger- und großelterliche Würde sehr gut Zusammen­fällen. Doch in den Klassen, die zwischen diesen Extremen liegen, pflegt die Versorgung der Kin­der im 26. Jahre noch keineswegs abgeschlossen zu sein. Wenn der älteste Junge auch 24 Jahre alt ist, [0 ist er doch noch lange nicht fertig. Die weibliche Nachkommenschaft ist ja früher heirats­fähig und meistens auch heiratswillig; doch der ersehnte Schwiegersohn läßt oft auf sich warten. Und die Nachgeborenen von einem Dutzend bis anderthalb Dutzend Jahren, nun, die nehmen sich bei der silbernen Hochzeitstafel als blühender Schmuck sehr schön aus; die Ettern aber seufzen während der Trinksprüche und Hochrufe: Wenn wir nur so lange noch gesund und arbeitskräftig bleiben, bis das halbwüchsige Volk allzumal voll­ständig erzogen und versorgt ist! In den jetzigen Zeiten darf ein Ehepaar nicht frühzeitig matt und müde werden. Die Silberhochzeit bedeutet noch keinen Ruheposten, sondern nur eine kleine Fest­pause zum Atemholen. Nachher muß noch weiter geschasst und gesorgt und geschwitzt und gestrebt werden. Wie lange noch? Ach was, wir wollen gerne bis zum Nest der Kraft, bis zum letzten Atemzuge in den Sielen bleiben, wenn nur die Kinder gut geraten.

Besser, als der 25 jährige Termin, würde sich der 30 jährige zu einem Abschnitt im Familien­leben eignen. Aus dreißig Jahre schätzt man die Generation, die Periode eines Menschengeschlechts. Dreißig Jahre nach dem Eheschluß stellt schon meistens der Uebergang von den elterlichen Mühen und Sorgen zu dem großelterlichen milderen Nach- fpiel sich ein. Aber dreißig Jahre kann man nicht gut zu einem Jubiläum machen. Die Zahl 30 hat einen herben ober gar spöttischen Beiklang bekommen. Schon die unvermeidlichen Witze über den dreißigjährigen Krieg würden die Andacht ver­derben. Es ist ein Glück, daß wir in unserer Weltgeschichte keinen 25 jährigen Krieg haben; sonst würde auch die Silberhochzeit in ihrem Ernst und ihrer Würde gefährdet fein. Wenn man jetzt dabei an den häuslichen Krieg denkt oder gar da­rüber sich was in die Ohren zischelt, so bildet das eine bedauerliche Ausnahme. Bei braven Leuten ist nach 25 Jahren längst alles überwunden und in Wohlgefallen aufgelöst, was man allenfalls als Krieg bespötteln könnte. Nach der grünen Hochzeit müssen die Leute sich erst in einander finden, bte Ecken und Spitzen ihrer Charaktere gegen einander abschleifen. Das gibt wohl eine Reibung, gele­gentlich auch so eine Art von elektrischem Kurz- fchluß. Aber wenn die beiden Herzen gesund sind, so macht das nichts aus. Im Gegenteil: es gibt Salz in die Suppe. Erst wenn böse Fehler oder Laster sich einnisten, wird Salzsäure daraus. Die Jasager am Traualtar glauben meistens, daß sie sich während der Brautzeit schon durch und durch kennen gelernt hätten und schon fix und fertig seien zu einer .vollkommenen ehelichen Einheit. Das ist ein holder Irrtum; sie dürfen froh sein, wenn sie bald und vollkommen fertig werden in gegenseitiger Erziehung, ohne viel Lehrgeld be­zahlen zu müssen. Schiller sagt bekanntlich über diesen kritischen Punkt: Die Leidenschaft flieht, die Liebe muß bleiben! Gewiß, wenn die Liebe nur bleibt, dann wird es immer besser, immer schöner, immer bester und wärmer im Ehestand. Ja, es gibt Silberhochzeiten, an denen viel mehr Beha­gen und herzinnige Glückseligkeit herrscht, als in ast' dem Gepränge und Geräusch der grünen Hoch­zeit. Das Wetten und Wagen bat sich in eine ab­geklärte, ruhige, sichere, selbstbewußte Würde und Wohligkeit aufgelöst. Dor 25 Jahren wurde nut Schecks auf ungewisse Zukunft geprahlt; jetzt liegt Hartgeld auf dem Tische. Und wenn die Summe auch nicht so vielzifferig ist, wie einst die Ziffer auf dem geduldigen Hoffnungspapier — es ist bare, klingende, greifbare Münze, die vor Gott und aller

natürlich groß blickten die dunklen Augen; obge­magert staken die Glieder in den weiten Kleidern; die Hände zitterten bet jeder Bewegung. Frau Wildner blickte besorgt nach ihrem Gatten. Konnte man Felix, den sie nur mit der größten Vorsicht nach dem nahegelegenen Ombn ziehen lasten woll­ten, die weite Reise gestatten? Allein Widerstand wäre vergeblich gewesen.

..Beruhige Dich, Felix, und habe Vertrauen", bat Frau Wildner. „Denkst Du nicht daran, wie Du die Reise aushalten wirst?"

„Die Reise auShalten? DaS ist meine geringste Sorge."

„Marco wird Dich begleiten, mein Sohn", sagte Wildner. Und so geschah c3. Nach dem kurzen Abendessen, an welchem auch Garria teilnahm — Pater Lichtenberg hatte sich verabschiedet — führte Wildnecs Kupee die Reisenden dem Bahnhofe Flo­res zu, als der Zug vom Bahnhofe Once onbrauite, um sie im goldenen Scheine der Abendsonne m die weite Ebene hinauszutragen.

Und als die Sonne sich wieder senkte, da fielen ihre Strahlen in ein stilles Zimmer, auf ein Kran­kenbett, in welchem schwach und nach Atem ringend ein Mann tag, dem der Tod auf der Stirn ge­schrieben stand. Von dec Krankheit gelähmt, ver­mochte er nicht das Haupt zu heben, die Glieder nicht zu bewegen; allein der Geist hatte seine volle Klarheit bewahrt. Alles Leben schien sich in den großen, dunklen Augen zu sammeln, die mit einem fast überirdischen Ausdrucke von Liebe an dem hingen, der sich voll Freude und Wehmut über sein Bett beugte, an seinem Sohne, von dessen Lippen er soeben das Wort gehört, nach dem er sich so lange gesehnt.

„Vater, mein Vater! So muß ich Dich wieoer- finbcnl“ ’

Nur die schweren Atemzüge des Kranken waren hörbar. Endlich brachte er mit schwacher Stimme hervor:

„Felix, kannst Du mir verzeihen?" (Fortsetzung folgt.)