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Derantoortltdxr Schriftleiter: 3- Baum;

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Botatien$bru<t u. Verlag oer <ulbaet Ae» tienbrnaerei in Snlbe.

Sernfpre her Nr. 9.

Fulda, Montag, den 1‘2» Februar 1906.

JV» 34.

33. Jahrgang.

Zweites Mt'crtt.

kl c. Sonnige Tage.

Skizze aus der Jugend Maria Stuarts.

Von Busch.

(Nachdruck nicht gestattet.)

Schloß Haute-Greve ist ein ausgedehntes 6e« festigtes Gebäude auf einer Anhöhe gelegen. Gar­tenartige Anlagen ziehen sich an der Südseite terassenförmig zu demselben hinan, während sie auf der Nordseite sanft hügelig abfallen und in einen Wald endigen. Stolz liegt das Schloß voit der Abendsonne beleuchtet da und erzählt in sei­ner massiven, äußeren Einfachheit von dem Leden des Glanzes der Vorfahren Maria Stuarts, dem bekannten, mächtige» Geschlechte der Guisen.

Wir betreten die moderne Freitreppe und be­finden uns wenige Augenblicke später in der ge­wölbten Halle, durch welche man in das trauliche Gemach der zukünftigen Königin von Schottland gelangt. — Maria, die beim Tode ihres Vaters Jakob V. erst acht Tage zählte, wurde auf Wunsch ihrer Mutter, die dem Hause Guisen entstammte, im Alter von sechs Jahren nach Frankreich ge- bracht und in einem Kloster erzogen. Voll be­zaubernder Schönheit, voll Anmut kehrte sie nun als blühende Jungfrau in das ehrwürdige Stamm­schloß der Guisen zurück, wo sie die einsamen Tage ihrer verwitweten Mutter verschönern sollte. Deutlich prägte sich in dem Wohnraum, den wir soeben betreten, der Geist und Charakter Marias aus, ist ja doch hier der Schauplatz ihrer Hand­lungen und ihres ganzen inneren Lebens. Ein strenger Stil ist vorherrschend in dem Gemach, dessen prunklose Ausstattung sofort auffällt.

Am heutigen Abend saß die Königin des kleinen Reiches in seiner Mitte, das blonde Köpfchen nachdenklich in die Hand gestützt, die unschuldigen Kinderaugen ernst in die Ferne gerichtet. Hatte sie Grund zu ernster Stimmung? War sie nicht 16 Jahre alt und schön. Und doch war sie zu be­dauern, die arme, kleine Maria. Sie sollte mit dem ältesten Sohn König Heinrichs II. von Frank­reich, dem Kronprinzen Franz, vermählt werden. Viel Gutes über den Prinzen ist ihr wohl berichtet worden, doch kannte sie ihn nicht, hatte ihn nie gesehen, und nun sträubte sich das weibliche Ge­fühl, dem ihr aus politischen Rücksichten zügedach- ten Mann Liebe entgegenzubringen.

„Eh bien, meine Kleine, Tränen?" fragt die Mutter und küßt das junge Mädchen zärtlich aus die Stirn.

„Mutter," schluchzt Maria nach echter Kinder- irt, „ich bin so unglücklichI"

„Unglücklich?" lächelte die Fürstin, „mit was könnte ich Dich denn wieder glücklich machen?"

Maria besiitnt sich einige Sekunden, und als­bald weicht der traurige Ausdruck aus ihrem Ge­sichtchen, die Augen leuchten auf, um den kleinen Mund zuckt ein schelmisches Lächeln.

„Lassen Sie mich zu Rose gehen, liebe Mutterl" Diese erwidert mit hochgezogenen Brauen: „Dock nicht gerade jetzt, mein Liebling."

„Bitte gleich morgen früh", so klang es immer dringender von den rosigen Lippen.

„Da cs Dich so glücklich macht, sollst Du hin, mein Kind. Aber nun Kindchen sei wieder fröh­lich, mein Vögelchen darf die Flügel nicht hängen' lassen."

Nach dieser gütigen Zusicherung waren die Schatten von Marias Stirne gewichen. Lächelnd und dankend küßt sie die Hand der Fürstin. Diese aber schien in Gedanken versunken von ihrem ge­liebten Kinde.

„Bon jour, mein Prinzeßchen!" also begrüßt Rosa ganz überglücklich ihren Gast und küßt ehr­furchtsvoll die ihr dargcbotene rechte Hand. Ma­ria aber kann sich vor Freude nicht fasten, sie ist froh, dem Zwang und den Mauern des Schlosses wenigstens für kurze Zeit entronnen zu sein.

Hat jemand je ein reizenderes Bild gesehen? Rose, die frische, noch jugendliche Bäuerin, in male­rischer Landestracht, verfolgt und umgeben von einem Sonnenstrahl, der sein neckisches Spiel mir den dunklen Haaren treibt. Am darauffolgenden Morgen erblicken wir die schlanke Gestalt Marias in ein ländliches Gewand gehüllt, ein weißes Tuch auf dem Kopfe, Holzschuhe an den zierlichen Fü­ßen. Heiter und schelmisch blickt das süße Gesicht­chen in die morgenfrische Welt hinaus.

„Bin ich hier auf der rechten Fährte nach Cha­teau Haute-Greve, mein schönes Kind?" So fragt ein schmucker Neitersmann das erstaunte Mädchen, dicht vor ihr seinen schäumenden Rappen anhal­tend.

„Ja, Monsieur, noch eine kleine Strecke durch den Wald, und ihr seid an Ort und Stelle."

„Wenn der wüßte, wen er da so ohne weiteres anredct", dachte die Kleine für sich.

„Nimm diese Rose, mein schönes Kind", sprach nun der junge Mann, indem er die Blume aus dem Knopfloch zog, „sie soll Dich an den fremden Reiter erinnern, dem Du so freundlich Auskunft ge­geben."

Wie seltsam sah er sie bei diesen Worten au. Rasch sprengt er von dannen; noch einmal blickt er grüßend um; unter ihren blonden Locken schaut das rote Röschen hervor.

. prächtiger Einfall war über Nacht iit Ma- r,Q§ ^opfcheg gereift. Hatte der fremde Resters- mann von gestern sie für ein Bauernmädchen ge­halten, so^mochte es andern Leuten nicht besser ?rgchn. beschloß denn, in ihrer ländlichen ~romt der Fürstin auf Haute-Greve einen Besuch abzustatten. Gesagt, getan! Rose begleitete die Kleine brs an die Gartenpforte

„Auf Wiedersehen, meine Liebe, hoffentlich ge­lingt mein Scherz!" so rief Prinzessin Maria der Bäuerin, ihrer einstigen Amme, zu und eilte be­hende davon.

Die Waldblumen nickten ihr gar freundlich zu,

a. 8. Das Heiratsgesuch.

H. Becker.

tNachdruck verboten.)

Tante Steinchen saß tiefgekränkt und ange­ärgert in der Sofaecke und biß auf ihre Unter­lippe. Wer hatte ihr auch den dummen Stretch machen heißen, Haus und Hof im kleinen Hei- matsstädtchen zu verkaufen und zu den Verwand­ten in die Residenz zu ziehen?

Daheim war Stein, oder zu hochdeutsch Chri­stine Laymann, eine Persönlichkeit gewesen, des Gastwirts und Schulzen Jüngste, mit feiner Er­ziehung in einem städtischen Pensionat und ein paar tausend Mark in bar; aber da waren die vielen Briefe von Bruder und Schwester, die sich gut eingeheiratet hatten, aus der Großstadt ge­kommen, wie schön und angenehm sichs da wohnen ließe, wie man da sein Leben, ganz anders ge­nießen könne und mit wie feinen Leuten man verkehre.

Laymanns Jüngste war, was ungalante Leute ein „spätes Mädchen" nennen. Für die Freier, denen das frische junge Ding mit dem angenehm vergoldeten Hintergrtmd in die Augen gestochen hatte, war sie zu fein geworden, und sie rümpfte das hübsche Näschen, wenn der Vater ihr zuredete, doch Mallmanns Philipp oder Müllers Fritz mit ihrer Hand zu beglücken. So war Laymanit eine alte Jungfer geworden, aber eilte mit Willen, wie sie in den Kaffeekränzchen zu betonen pflegte.

Das war daheim. Aber seit Stein m dte Stadt gezogen, hatte sich die Sachlage sehr ge­ändert. Mit den Zinsen ihrer rund achtundzwan- zigtausend Mark, die sie zu Hause zu einer Partie gemacht hatten, konnte sie hier knapp leben, wurde von den Schwestern, die sich der ländlichen Schwe­ster schämten, über die Achsel angesehen und lebte in Hader und Zank mit ihiten. Ihre Geschicklich­keit im Haushalt hätten beide Familien gerne ausgenutzt; aber dafür sollte sie sich noch Unhöf­lichkeiten und Zurücksetzungen gefallen lasten und kein Wort über die Unarten der Heranwachsenden Kinder sagen. Das fiel ihr besonders schwer; den Mund hatte sie auf dem rechten Fleck. Das einzige, wieder nach Hause zu ziehen, widerstand ihrem „Stolz". So ärgerte sie sich, daß sie gelb und ihre Haare weiß wurden.

In letzter Zeit wurde es unerträglich. Stein Laymann mußte sich einschränken und konnte keine großen Geschenke machen. Infolgedessen wurden die Geschwister kühler und zurückhaltender; der hl. Abend stand vor der Türe, und niemand hatte sie zu der Feier eingeladen. Da war sie dem Bruder begegnet und hatte einige Anspielungen gemacht. Dieser hatte mit Anzüglichkeiten über alte Jungfern, die ihre Nase in alles stecken müß­ten, geantwortet. Sie solle sich lieber in die Zeitung setzen, um einen Mann zu kriegen.

Stein fühlte sich sehr zu unrecht beschuldigt; denn erstens war sie sich bewußt, mindestens sechs Körbe gegeben zu haben, und dann war sie ihr Leben lang fidel, gemütlich und gutmütig ge­

und rasch wanden die geschickten Finger den herr­lichsten Strauß. Dann gings nach der Mutter Lieblingsplatz unter der alten Eiche. Im Schatten derselben ruhte die Fürstin täglich einige Stunden aus. Dort hoffte Maria die Mutter zu über- raschen. Doch die Rasenbank war leer, und so ließ sie sich auf derselben nieder. Da vernimmt sie Schritte; ist es möglich, oder täuscht sie sich? Nein, er war es wirklich, der schmucke Reiter von gestern, der so plötzlich vor ihr stand. Gar lieblich sah sie aus, die kleine Maria, in holder Verwirrung.

„Wie glücklich bin ich, Dich, mein Kind, hier wiederzufinden. Nun mußt Du mir ein wenig Rede stehen."

„Ach bitte", so klang es von den rosigen Lip­pen, „o lassen Sie mich gehen!"

Nicht, bevor Du mir ein Andenken gegeben hast, meine Kleine," entgegnete der Jüngling in befeh­lendem Tone.

„Bebend vor Erregung drückt sie ihm den so­eben gepflückten duftenden Strauß in die Hand und eilt mit raschem Schritte dem Schlosse zu Die ihr entgegeneilende Fürstin erkennt ihr Kind von weitem und ruft aus:

„Weich' Glück, meine Kleine, daß Du schon hier bist, soeben habe ich Boten fortgeschickt, Dich zu holen, da der Kronprinz Franz inkognito hier­her geritten ist und nichts sehnsüchtiger wünscht, als Dich kennen zu lernen."

Sogleich nach dem Betreten des Gemaches ver­tauschte die Prinzessin die Bauerntracht mit dem schleppenden, schweren Samtgewande, das die da­malige Zeit den Edeldamen vorschrieb. Noch einen prüfenden Blick der zärtlichen Mutter, und Maria läßt sich gesenkten Blickes in die hohe Empfangs- halle geleiten, wo ihr zukünftiger Gemahl, der Prinz von Frankreich, der Tochter des Schotten­königs vorgestellt werden sollte.

Schüchtern blickt sie ihn an und erschrickt, da sie ibn wiedererkennt, während er ihr ermunternd zulächelt.

Marias Verkleidung war ihm nicht entgangen, und er hatte in dem lieblichen Bauernmädch-n gleich seine zukünftige Braut gesehen, während sie ihm ahnungslos den Strauß gereicht hatte.

„Vergebung, mein Prinz," so lautete nun die an ihn gestellte Bitte, „es war nur eine über­mütige Laune, die mich für kurze Zeit die Prin­zessin abstteifen ließ."

Er sinkt vor der schönen Gestalt aufs Knie, zieht ihre Hand an seine Lippen und fein bewun­dernder Blick sichert ihr nicht nur Verzeihung, sondern Verehrung und Liebe.

Leider waren es nur wenige glückliche Tage, die Maria Stuart an der Seite des geliebten Gatten Franz II. von Frankreich zuteil wurden. Mit 19 Jahren ward sie Witwe, und mit dem Tode ihres Gemahls weicht Sonne und Frieden von der Seite der vielgeprüften Königin.

Wesen. Erst die Residenz hatte ihren Charakter verdorben, die Residenz und die teuren Verwand­ten. Stein verzehrte ihr selbst bereitetes Mahl mit Tränen und las nachher zur Stärkung die Tageszeitung. Da wurde ihr Blick von einer Annonce an gezogen:

„Ein Witwer in den besten Jahren, der sich wieder nach einer behaglichen Häuslichkeit sehnt, sucht eine Lebensgefährtin nicht unter 40 Jahren, von angenehmem Aeußern, einfach und häuslich, mit einem kleinen Vermögen (nicht unter 30 000 Jt) zwecks Uebernahme einer Fabrik."

Alles stimmte; nur die 30 000 <ü nicht, 2000 fehlten. Stein Laymann ging mit sich zu Rat: aber schließlich anfragen konnte man doch, natür­lich Poste restante, seinen Namen wird man doch nicht gleich nennen.

Wer ihr — Stein Laymann — früher gesagt hätte, daß sie einmal auf ein Heiratsgesuch ant­worten würde! Aber Aerger und Vereinsamung sprachen das ausschlaggebende Wort.

Ein lebhafter Verkehr auf dem Postamt ent­spann sich, und am 'Weihnachtsabend, als die Geschwister, doch etwas bedrückt über die Un­freundlichkeit gegen die Schwester, ihren Baum anzllndeten, feierte Tante Steinchen Verlobung. Der Auserkorene war ein hoher Neunundfünf- ziger, Geschäftsführer in einer großen Fabrik, deren beide Besitzer schnell hinter einander ver­storben waren. Die auswärtig wohnenden Erben wollten so schnell wie möglich verkaufen; es hatten sich viele Käufer gemeldet, die ihn, den alten Meyer, unbedingt mit übernehmen mußten, da er alle Fäden in der Hand hatte. Aber auf seine alten Tage einen neuen Herrn — da hatte er gedacht, es sei doch bester, seine ganz ansehnlichen Groschen zusammenzuschrappen; und wenn die Zukünftige — denn heiraten wollte er — auch was mitbrächte, da könnte er ja selbst daS Ge­schäft machen.

Prosper Meyer hatte alle Papiere mitgebracht zum ersten Stelldichein, die seinen Besitz notariell beglaubigten. Stein verstand etwas von Geschäf. ten; sie legte ihm auch ihre Vcr' '^niste klar; er gefiel ihr, sie gefiel ihm; so wäre alles klipp und klar; da rückte sie noch mit einem Geständnis heraus, mit erhöhter Gesichtsfarbe: „Ich habe zwei falsche Zähne."

„Na, ich noch mehr", sagte er.

„Und ich färbe mir die Haare", fügte sie hinzu.

„Dat habe ich all gleich gesehen", meinte et freundlich; „aber ich habe nicht einmal etwas zum Färben; da bist du noch fein heraus."

Die Familie Laymann wollte sich ausschüttcn vor Lachen. Tante Stein mit ihren 45 Jahren verlobt mit „nein Plaatekopp", wie der Neffe Tertianus sich unehrerbiefig ausdrückte: schließ­lich aber wurmte den Bruder doch das Vermöaen Steins, das durch die Heirat verloren ging. Mit einer M-ene wohlwollender Besorgnis riet er ihr von diesem törichten Schritt ab, der in ihren Jahren lächerlich und gewagt fei; denn der Mensch habe es zweifelohne nur auf ihr Vermögen ab­gesehen.

„Du hast mir ja immer klar gemacht, das sei so gut wie nichts."

Na, der Bruder meinte es gut mit ihr. Jeden­falls mäste sie sich das Geld hypothekarisch sicher stellen lasten, und im Falle eines Todes „wir sind ja alle sterblich" zu Gunsten ihrer Familie

testieren. Stein behielt sich ihre Entschließungen vor, infolgedessen schied der Bruder mit wenig schmeichelhaften Bemerkungen über den „schwin­delhaften Werkmeister", und der Versicherung, lieber Gift zu nehmen als je noch einmal ihre Schwelle zu betreten.

Die Vermählung von Prosper Meyer und Christine Laymann vollzog sich m der Stille, selbst ohne besondere Anzeige an die Familienmitglie­der, dafür sandte Stein ihren Lieben eine Nummer der Zeitung, wonach die Ehefrau Christine Meyer Mitbesitzerin der in den Besitz ihres Gatten über­gegangenen van Meerscheu Fabrik geworden fei. Ungläubige Gesichter. Aber es stand doch da, schwarz auf weiß!

Prosper Meyer hatte wenig Haare auf dem Kopf und noch weniger Zähne im Munde; aber das Herz auf dem rechten Fleck, ein seelengutes Herz. Und er war seinem Steinchen unendlich dankbar für die Ruhe und das Behagen, das sie um ihn verbreitete; feine zweite Frau war, die Wahrheit zu sagen, eine rechte Lankippe gewesen — die „erste" war schon lange tot. Und er war der dritten dankbar für die leckeren Gerichte, die jetzt immer auf der hübsch gezierten Tafel standen. Auch Stein blühte auf in dieser Atmosphäre von Frieden und Liebe und stillem Glück; ihre gelbe Gesichtsfarbe wurde wieder rosig, ihre Hagern Wangen füllten sich, die lange Gestalt rundete sich. Das Haarfärben wollte dem jungen Ehemann garnicht behagen, das weiße Haar stand auch so hübsch zu dem frischen Gesicht; da ließ sie es. Sie mußte so viel um ihren Gatten fein, daß sie keine Zeit mehr zum Selbstschneibern fand; es war ja viel besser und bequemer, die Kleider fertig zu kaufen; da kam es Prosper Meyer auf ein paar Mark nicht an. Er sah fein Steinchen gern nett gekleidet.

Auf einmal war die blasse ältliche Jungfrau eine Dar - geworden; sie wunderte sich selbst über die Aenderung. Aber sie frug nicht viel nach der Außenwelt. Nur Sonntaas, wenn die Pferde nicht in der Fabrik beschäftigt waren, und das Ehepaar Meyer im altgekausten Landauer seine Ausfahrt machte, legte sie gerne etwas besonders Elegantes an. Denn wenn sie auf dem Rückweg über die Vereinsstraße oder den Grabenweg fah­ren — und sie fahren immer dort entlang — stehen Schwestern und Schwägerin hinter dem Fenster und ärgern sich über die Sammet-Mantille, den Zobelkragen ober den Federhut. Und Stein schmunzelt ein bischen boshaft; sie hat sich ja auch oft ärgern müssen.

Die Schwester batte das Eis gebrochen, indem sie das Ehepaar Meyer zur Kommunion ihres Jüngsten eingeladen; sie kamen auf ein Stünd­chen und brachten dem Festkinde eine goldene Uhr. Seitdem regnet es Einladungen; aber Stein Meyer bewahrt eine vornehme Zurückhaltung. Nur an ihrem Hochzeitstag bewirtet sie die Ge­schwister mit dem Erlesensten, was Küche und Keller zu bieten vermögen und läßt sie in der eigenen Equipage des „schwindelhaften Werk­meisters" heimfahren.

Gift genommen hat der Bruder nicht; aber er folgt eilfertig jeder Emladuna des Meyerfchen Ehepaars. Niemand ist unsterblich . . . Und bann liest er eifrig die Zeitungen auf der letzten Seite. Seine älteste geht ins 25. Wer weiß? So ein Mädel könnte doch auch Glück haben!

der Jahre.1900

Gestorbene ausschliesslich Totg*eh01*6heb

Im Alter von 0-1J. 1J. und darüber

im ganzen

Von den Todesursachen waren die häufigsten:

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1902 EBB 108 236

1903 KESS 120746

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Sterblichkeit in deutschen Orten . m it 15000 und mehr Einwohnern

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{.ungenschwind akute Erkrankung, akute Darm krank gewaltsamer

Die Einwohner der Städte, welche 187136 v. H. der Gesamtbevölkerung des Deutschen Reiches ausmachten, sind heutzutage auf mehr denn 54 v. H. gestiegen. Di« Entwicklung der Stadtbevölkerung ist daher in jeder Hinsicht von größter Bedeutung für das Deutsche Reich. Da ist cs erfreulich zu konstatieren, daß die Zahl der Lcdendgeborrnen von 1900—1904 stets gestiegen ist, während die Zahl der Totgeborenen sich bis 1903 nicht erheblich ver­mehrt hat. 1904 war allerdings auch hier bedauer­licherweise eine beachtenswerte Steigerung zu kon­statieren. Die Säuglingssterblichkeit war im Jahre 1902 am geringsten. In diesem Jahre waren auch

die afuten Darmkrankheiten erheblich zurückgegaugeu, die sonst die meisten Todesfälle verursachen. 1903 und 1904 hat der Tod leider wieder mehr unter den Säuglingen gewütet. Hoffentlich gelingt es den mobernen Bestrebungen zur Bekämpfung der Säug­lingssterblichkeit, daß in absehbarer Zeit die Todes­fälle hier auf ein Minimum beschränkt werden. Von 1877 bis 1901 hat sich die Sterblichkeit in den Städten von mehr als 15,000 Einwohnncn von 27 auf 20. v. Tausend vermindert. Einen großen An­teil dürsten hieran die außerordentlicheti Fortschritte haben, diedie städtischeGesundheitspflege stetig gemacht hat.