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33. Jahrganq.
Fulda, Mittwoch, den 31. Januar 1906.
M 25.
Zweites Mtatt.
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Arbeiter ak Zchöffen und Geschworene.
In das Kapitel: „Einordnung der Neuzeit- lichen Arbeiterbewegung in die bestehende Ordnung- gehört auch die Heranziehung der Arbeiter zu den Ehrenämtern der Schöffen und Geschworenen, um hierdurch die politische Gleichberechtigung des Arbeiterstandes mit den anderen Ständen darzutun. Gesetzlich sind allerdings die Arbeiter von diesen Aemtern nicht ausgeschloffen. Sie können ebenso tut wie die Angehörigen der anderen Stände als Schöffen und Geschworene bestimmt werden. Allein in der Praxis ist das bisher nur in den seltensten Fällen geschehen. Die mit der Auswahl der Laienrichter betrauten Be- hörd n haben vielfach der Ueberlieferung gemäß es als lelbstverständlich betrachtet, daß man zu diesen Ehrenämtern keine Arbeiter beruft. Und doch ist es eine nicht allein durchaus berechtigte, sondern auch durchaus notwendige Forderung, daß auch aus den Kreisen der Arbeiter Leute zu dem Amte als Schöffen und Geschworene hinzu- gezogen werden. Es ist dies schon um der Rechtsprechung selbst willen eine Notwendigkeit, weil das Vertrauen des Volkes zu den Laiengerichten leiden muß, wenn der eine oder andere Stand bei der Besetzung der Richterstellen ausgeschloffen ist. Eine Reihe von Urteilen gegen Arbeiter, die auf Grund von Vorgängen in der Ar eiterbewe- gung gefällt wurden, die selbst in christlich-national gesinnten Arbeiterkreisen Erstaunen und Befremdung Hervorrufen mußten, hat nicht zuletzt das Mißtrauen gegen die Rechtsprechung verstärkt, damit aber auch zugleich die Frage der Zuziehung von Arbeitern als Laienrichter zu einer brennenden gewacht. Der Einwand etwa, es fehle an geeigneten Beisitzern aus dem Arbeiterstande, ist in keiner Weise stichhaltig, da die Selbstverwaltung in unserer sozialen Gesetzgebung (Versicherung, Gewerbegericht), sowie das Beamtentum unserer Gewerkschaften genügend geschulte Kandidaten für die hier in Rede stehenden Posten bieten. Die Schwierigkeit liegt vielmehr darin, daß die Ausübung des Laienrichter-Amtes ein Ehrenamt ist, für das keinerlei materielle Entschädigung gewährt wird. Hier liegt, ähnlich wie auch bei der Wahl von Arbeitern in den Reichstag, der wundeste Punkt. Einem Arbeiter wird es unter den gegenwärtigen Verhältniffen eben ganz unmöglich sein, eine 8- oder vielleicht 14tägige Schwurgerichts- Verhandlung als Geschworener mitzumachen, wenn er für diese Zeit keine materielle Entichädigung bekommt. Hier ist also zunächst einzusetzen. Bayern darf es sich als Verdienst anrechnen, jetzt nach dieser Richtung hin einen energischen Vorstoß gemacht zu haben. Der bayerische Landtag hat einen Beichlust gefaßt, durch den die bayerische Staats- cegier rng ersucht wird, im Bundesrat die nötigen Schritte zu tun, damit reichsgesetzlich den Einzelstaaten gestattet werde, Tagegeld an Schöffen und Geschworene zu gewähren. Die bayerische Reichs- ralskammer ist dem Beschluß der Abgeordneten lammet beigetreten, ferner bereits die Regierung von Sachsen-Meiningen auf Grund eines die Unterstützung der Forderung der bayerischen Abgeordnetenkammer verlangenden Beschlusses des Meining°r Landtags. Es ist dringens wünschenswert, daß sich auch die anderen Bundesregierungen Bayern anschließen, und der Bundesrat selbst jener Forderung entspricht, durch welche sowohl der Iuuizverwaltung, als der Rechtspflege und demJnleresse dw verschiedenen Gesellschalsschichten ent'prochen wird. In einer Reihe von Städten (Jena, Frankfurt a. M., Bremen, Leipzig, Nürn- berg, Stuttgart,) sind übrigens Arbeiter bereits als Schöffen tätig, und es ist Sache der örtlichen Gewerk^chaltskartelle, Mittel und Wege ausfindig zu machen, wie auch in anderen Städten die Forderung, daß Arbeiter als Schöffen und Geschworene verwendet werden, durchgesetzt werden kann.
() Landwirte, führt Buch!
Alljährlich mit Beginn des neuen Jahres erfolgen die Aufforderungen zur Selbsteinschätzung behufs Veranlagung zur Einkommensteuer. Nach dem preußischen Einkommensteuergesetz vom 24. Juni 1891 ist jeder Steuerpflichtige mit einem Einkommen von über 3000 Mk, verpflichtet, die Höhe semes Einkommens der Steuerbehörde anzugeben. Aber auch jeder Steuerpflichtige mit einem geringeren Einkommen ist berechtigt zur Selbsteinschätzung, und er tut gut, von seinem Rechte Gebrauch zu machen, um nicht später durch Reklamationen sich unnötiger Weise Mühe und Verdruß zu bereiten. Ganz besonders ist es den Landwirten zu empfehlen, sich selbst einzu- s chätzen, um so mehr, weil bei schwankenden Einkommensarten das durchschnittliche Einkommen der letzten drei Jahre für die Besteuerung im Sleuerjahre maßgebend ist. Zur Ermittelung dieses Durchschnittseinkommens sind deshalb auch die notwendigen Unterlagen erforderlich, um dasselbe ui glaubwürdiger Weise Nachweisen zu können.
Leider haperts da in diesem Punkte in recht vielen landwirtschaftlichen Betrieben. Hier und
da gemachte Aufzeichnungen im Nottzbuche oder ?;ar auf losen Blättern genügen nicht und das onst so vielen Landwirten als unfehlbar geltende Gedächtnis versagt erst recht, wenn es nach „bestem Wiffen und Gewiffen" seine Angaben hervorbringen soll. Dabei nützen auch solche Gedächtniswiedergaben sehr wenig; sie können zu jeder Zeit angezweifelt werden, wenn sonstige glaubwürdige Nachweise nicht vorhanden sind. Der Steuerzettel kommt, und der Landwirt hat den vermerkten Satz zu zahlen. Berufungen helfen ihm da oft sehr wenig, weil bestimmte Beweise fehlen. In solchen Fällen schweben ihm die Worte: „Landwirte, führet Buch!" wieder mahnend vor Augen Oft hat er sie gehört in Versammlungen, vielmals hat er sie gelesen in den Vereinsschriften, sein sorgfältiger Nachbar hat ihm oft den Nutzen einer Buchführung klar gelegt. Aber wie so vielen Landwirten, so ist auch ihm dies alles nur eine Mahnung, die vielleicht nur für den Augenblick einen guten Vorsatz faffen läßt, aber dabei bleibt's nur zu oft, ein Durchführen derselben ist nur zu selten. Die Mühe und Zeit, die es kostet, schreckt so viele von Buchführen ab. Aber das sind unnötige Sorgen, Mühe und Zeit sind gering im Verhältnis zu den großen Vorteilen, die eine Buchführung bringt, und zu dem Aerger und Verdruß, den sie jedem Landwirt erspart.
Nicht allein vor zu hoher Steuereinschätzung schützt eine geordnete Buchführung, sondern sie zeigt auch dem Landwirte an, wie eS mst seinem Vermögen steht. Aus ihr ersieht der Landwirt am Schluffe des Rechnungsjahres, ob er mit Gewinn oder Verlust gearbeitet hat, und in welchen Betriebszweigen sich dieser zeigt. Sie regt ihn dazu an, darüber nachzudenken, wie das Wirtschaftswesen einzurichten ist, um Gewinn zu erzielen und Verluste zu vermeiden, kurzum, sie soll ihm Aufschluß verschaffen über alle in der Wirtschaft vorgekommenen und auf Den Betrieb einflußreichen Ereignisse. Gerade zur Jetztzeit ist es besonders notwendig. Buch zu führen. Die goldenen Jahre sind für die Landwirtschaft längst vorbei. Heute gilt es erst recht, mit jedem Pfennig zu rechnen, über den Verbleib eines jeden Nickels sich Rechenschaft zu geben, wenn die Wirtschaft gewinnbringend fein soll. Der Umschwung im Handel und Verkehr, die Entwickelung der wirtschaftlichen Verhältnisse haben den landwirtschaftlichen Betrieb weit komplizierter und schwieriger gestaltet, das in den Betrieb geneckte Geld und der Umlauf desselben nimmt eine immer mehr hervorragendere Stelle ein; die Möglichkeit des Erwerbes im landwirtschaftlichen Betriebe ist weit zugespitzter und schwieriger, und um deswillen ist ein genaues Berechnen und Beobachten der Wirtschaftsoorgänge doppel! notwendig. Wer heute noch glaub , durch kurze Aufzeichnungen im Notizbuche ober gar durch sein Gedächtnis imstande zu fein, sich über alle Vorgänge im Betriebe zu orientieren, der betrügt sich selbst und er zeigt nur zu deutlich, wie wenig er mit der Zeit vorangeschritten ist und wie wenig er begriffen hat, von welcher großen Bedeutung die in den Wirtschafts»Büchern niedergelegten Tatsachen sind.
Nicht so sehr ist es der Mangel an Zeit, mit welchem das Fehlen einer Buchführung so gern entschuldigt wird, weit mehr ist da zu beklagen das Fehlen von Willenskraft, Pünki'ich- leit, Ordnung und Gewissenhaftigkeit. Jedem Landwirt, der diese Eigenschaften besitzt, wird die Buchführung von größtem Nutzen fein. $euen aber diele unbedingt notwendigen Eigemchaften ab, so bringt selbst dem intelligentesten Landwirte eine Buchführung mehr Schaden als Nutzen. Wer aber einmal damit begonnen hat, seine Einnahmen und Ausgaben einzuschreiben und zwar jedesmal, wenn eingenommen oder ausgegeben wird, dem dürfte eine regelmäßige, gewandte Buchführung selbst zur Freude gereichen.
Gewiß erfordert jede Buchführung eine spezielle Kenntnis. Der größere Teil der Landwirte, insbesondere die jüngere Generation, dürste diese wohl besitzen. Diese Kenntnis zu erweitern und die Landwirte durch praktische Hebungen für eine geordnete Buchführung zu gewinnen, ist eine dankbare Aufgabe der verschiedenen landwirtschaftlichen Organisationen. Gerade in der Winterzeit, in der die Arbeiten im Betriebe nicht gewaltig drängen, bietet sich doch wohl manche freie Stunde, die ein Erlernen und Einarbeiten in dre Buchführung ermöglicht. Ist dieses dem einzelnen nicht möglich, so können sich mehrere Mitglieder eines Vereins zusammenschließen, die bann von sachkundigen Landwirten, Lehrern oder Beamten in der Buchführung unterrichtet werden können.
KL c. Ernst des Lebens.
Von L. Fisch.
(Nachdruck nicht gestattet.)
Damals war ich Universitätsstudent, ein keckes, frisches Blut! Das Menschenleben schien mir ein herrliches Los. Gar oft, wenn wir in Mütze und Band die alten winkligen Straßen durchzogen, vorbei an blumigen Erkerfenstern, aus denen uns manch Auge freundlich grüßte, oder wenn wir bei
rauschenden Kommersen saßen, fühlte ich mich aus der Höhe deS Lebens. Dasselbe kam mir vor wie eine lustige Fahrt durch Wald und Au, als eine prächtige Allee, durch die man gemütlich dem Himmel zu spazieren konnte. In der Folge haben Einblicke in die Abgründe des Lebens meine Saufebrausestimmungen gar sehr abgekühlt.
In der großen Stadt N., weit weg von meiner Heimat, weilte als unermüdlicher Seelsorger mein väterlicher Freund. Alle Jahre, da ich noch als zaghaftes Studentlein vom Gymnasium, dann als übermütiger „Bursche" von der Universität in die Ferien zog, verbrachte ich einige Zeit in feiner Nähe. Was soll ich von ihm sagen? Er war eine Figur, aus hartem Holz geschnitzt, von großer körperlicher Widerstandsfähigkeit, ein herbes Aeu- ßeres, aber ein Herz so goldtreu und liebereich.
Jedesmal, wenn ich jährlich von der Schule zu ihm kam, konnte er stundenlang geduldig zuhören, wenn ich ihm erzählte von meinen Schüler- leiden und Freuden, von Notenjagd und Examennot. Wie ich aber letzthin von der Universität heimkam, und einen burschikosen Uebermut zur Schau trug und allerlei Torheiten und Studentenulks voll war, dazu noch einige Lebensauffassungen leichter Art zum Besten gab, da stieg zum erstenmal etwas aus zwischen seinen Augenbrauen und Stirnfalten.
Es war das Fest der Himmelfahrt Christi. Den mich etwas bedenklich machenden Eindruck des vergangenen Abends hatte ich bereits überwunden und es zog wie eine unbändig frohe Lust am Leben durch Sinn und Gemüt, sodaß es mich fast unan» genehm berührte, als der Gastsreund mit ernster Miene mir eröffnete, er werde heute im Gefängnis feine Messe lesen und damit zugleich den gewöhn- ten Besuch der Sträflinge verbinden, wozu ich selbstverständlich eingeladen sei.
Wir sind angelangt in der Strafanstalt. Vor uns liegt festungsartig mit gewaltigen Umfassungsmauern das staatliche Gefängnis. Wir treten ein in den Hof, mein Freund mit alltäglicher Miene, ich mit gespannten Gefühlen. Nach einigen Wanderungen über Stiegen und Gänge blieben wir stehen vor einer Tür, an der auch der Riegel einer Zelle nicht fehlte; nur ein schmuck- loses Kreuz über den Pfosten erinnerte an den Eingang eines Gotteshauses. Und die Kapelle selber? Es ist ein abgestuster, tribünenartiger Raum, durch eine hohe Schranke für die rnänn- lichen und weiblichen Sträflinge geteilt, sodaß jeder ungehindert den Altar,- der in der Tiefe des Sales einfach und schmucklos an die Rückwand sich lehnt, im Auge hat. Kalte, langweilige Gipswände grinsen einander an; dann und wann wirst die Sonne ihre Strahlen durch die stark vergitterten Fenster in diesen düstern Raum, aus dem dem Eintretenden ein fader Moderduft entgegentoeM.
Wir sind bereit zur hl. Messe. Schwere, matte Schritte nahen, manchmal klirrt eine Kette, es sind die Gefangenen. Nun beginnt das Opfer. Wie wehmütig klingt doch heute an solchem Ort der Eingang des Psalmisten: .Ihr Vlöker alle, jubelt dem Herrn entgegen einen Lobgesang Alleluja! — draußen ein festtäalicher Himmel, Vogelsang, Blütenduft und frohe Menschen — hier schaut nur ein kleines Streifchen blauen Himmels durch die Gitter hinein, auf müde, blaffe aber meist verwegene Gesichter. Draußen im Tome der Stadt das Lichtmeer, das sich vom Hochaltar in die weiten Hallen ergießt, das Brausen der Orael, der Gesang der anbetenden Gemeinde, der Wohlgeruch des Weihrauchs — hier zwei ärmlich flackernde Kerzen, dann und wann ein schwerer Seufzer, leises Weinen, das sich sehnsüchtig leit von dem Herzen eines Unglücklichen, der gerade an sein heimatliches Dorfkirchlein, an die Seinen denkt.
Noch nie hatte mich eine hl. Mesie so andächtig aestimmt und so tief ergriffen, es war mir, als ob die ganze Poesie der schönen Welt da draußen zu- sammenbrechen wolle.
Tas Opfer für die Sünden der^Welt ist vorbei. Auf Kommando treten die Sträflinge den Rückweg an, ins alte Elend zurück.
Wir machten einen Rundgang. Die Zellen, die wir besuchten, waren bis zu einem gewissen Grade modern eingerichtet: elrEtrif-re Beleuchtung Zentral-Dampsheizung, glatte Fußböden, Wandschrank, Stuhl, Tisch und Bett. — Weit besser, als in tausend Wohnunaen, also weit besser noch als in fdjtefgiebcliaen Strohdachhütten, die versteckt unter dem Laub alter Stämme verstohlen hervorlugen. Was der bescheidenen Wohnung aber Poesie verleiht, ist Sonnenschein und Freiheit.
Da sitzen sie in ihren engen Zellen, den Kovf geschoren, angetan mit braun gestreiften Zwilchanzug. Das trübe Auge erhascht gierig den gebrochenen Sträbl der goldenen Sonne, der sich in die graue Ecke stiehlt, während der Gefangene seinen Gang zwischen Zellentür und Zellenfenstern macht. Sie tragen einen eigentümlichen Typus diese Gefangenen; bei den ältern scharf ausgeprägt, bet den jüngeren schon deutlich sichtbar; das Gesicht spielt ins Aschgraue, der Haut fehlt jeder kräftige Farbenton, ihre Bewegungen sind lässig und gleichgültig: es ist ein Bild grau in grau. Das Auge aber ruht tief in der Höhle, und zeigt den Ausdruck eines durch die Gewalt gebeugten und gebundenen Wesens, mcnschenhas- send, und doch so gierig jede neue Gestalt, die sich unter ihrer Türe zeigt, einsaugend, wortkarg und verschlossen. Ihre Freiheit hat sich zurückgezogen ins Gehermste, Innerste, wohin fein Menschentum je reicht. Aber dort ist der Sträfling wahrhaft frei in feinen Gedanken und Wünschen. Da kann er unbelauscht ließen und hassen, fürchten und rächen, versöhnen und trennen, verzeihen und fluchen, aber nur still in der Seele brtnn, und will der Haß oder Zorn und der übermächtige Drang nach Freiheit und Genuß seine Hand, seinen Fuß in Bewegung setzen: ach, ein Blick um ihn zeigt ihm, daß er sich vergessen hat und ein unsagbares Weh zwingt die Seele wieder zurück. Die seelische Kraft ist wieder für eine Zeitlang gebrochen, bis
sie sich wieder erholt und in die nämliche Ohnmacht zurück sinken wird. Auf diese paßt das Wort Dantes: „Nicht anders machen es die Kü- chenjungen, die mit den Gabeln in die Kessel stoßend, das Fleisch, das schwimmen will, zu Boden zwingen".
Der Sonntag ist für den Sträfling der bitterste Tag der Woche. Warum? Weil er nicht arbeiten kann und müßig und untätig in seiner grauen Zelle verbleiben muß.
Wir scheiden ans dem düstern Haus; mir war die Festtagsstimmung gründlich vergällt. Ich dachte daran, wie ich während des Semesters um diese Zeit zum Frühschoppen ging, um am Fenster lehnend, mit meinen ebenso lustigen Kameraden die Toilette unserer Balldamen, die wir im Münster während des Gottesdienstes zu studieren Ge- legenheit hatten, zu kritisieren, und etwa einem Vorübergehenden, den wir als soliden Manu oder Abstinenten kannten, einen wohlfeilen Witz anzu- hängen. Zum erstenmal empfand ich heute nach dem Besuch des Gefängnisses Ekel vor diesem Treiben. Ich schloß den Tag mit dem Gedanken: Das Menschenleben ist kein Spielzeug, es will ernst geführt und gehandhabt fein.
Mein väterlicher Freund hätte mich an keinen geeigneteren Ort führen können, um mir besser Ernst zu zeigen.
vermischtes.
* Zu Friedrichs Rückerts 40. Todestage. Fried- rich Rückert, der am 31. Januar starb, war am 16. Mai 1789 zu Schweinfurt geboren. Er beiuchte das Gymnasium seiner Vaterstadt und wandte sich dann in Jena dem Studium der Rechte und später der Philologie zu. Bereits im Alter von 22 Jahren ließ er sich in Jena für kurze Zeit als Privatdozent
Fr edrich mit f er
nieder und übernahm nach Beendigung der Freiheitskriege d>e Leitung der Cottaschen Morgenblätter. Im Jahre 1817 trat er eine Studienreise nach Italien an, non wo er eine Fülle von Anregungen mitbrachte. In die nächsten Jahre fällt Rückerts Liebesfrühling, der die zartesten und duftigsten Blüten seiner Lyrik zeitigen 'ollte. Mit der Geliebten seines Herzens, Luise Wieathus-Fischer, gründete er in Koburg eine traute Häuslichkeit. 1826 übernahmereine Professur der orientalischen Sprachen in Erlangen, 1841 berief ihn König Friedrich Wilhelm IV. in gleicher Eigenschaft nach Berlin. Anfang 1X48 zog er sich auf seine ländliche Besitzung Newetz zurück. Hier starb er nach emem glücklichen Lebensabend, den er mit vielseitigem poetischen Schaffen ausfüllte, am 31. Januar 1866.
* M. d. R. Manche deutsche Neichstaqsabge- orbnete haben nach englischer Sitte bie Gewohnheit angenommen, bie Buchstaben M. b. R. (Mitglied des Reichstags) auf Visitenkarten usw. ihren Namen anzuhängen. Während aber in England, dem Lande der „parlamentarischen Erbweisheit", jedes Kind weiß, was M. P. heißen soll, ist dies bei uns noch nicht so in Fleisch und Blut eingedrungen. Als daher, wie wir in der „©trafeb. Post" lesen, um Neuiohr ein bekannter Reichs- taaSabaeorbneter feine Visitenkarte mit den Buchstaben M. d. R. hinter dem Namen Freunden und Bekannten zum Gruße übersandte, da wußte ein Empfänger dieser freundlichen Kundgebung nicht recht, ’ er aus diesen geheimnisvollen Buchstaben mar V sollte. Kurz entschlossen schrieb et endlich auf den Umschlag des Briefes, in den er seine eigene Visitenkarte legte: „An Herrn Soundso, Major der Reserve." Das Mitglied des Reichstages soll über diese ihm plötzlich zuteil ge- wordene militärische Würde um so erstaunter gewesen sein, als er niemals Soldat gewesen war.
* Anzüglich. Junger Ehemann -bet eine Witwe geheiratet bat): „Ich denke zur Nachfeier des Hoch- zeitstages gehen wir heute ins Theater: der ,neue Herr" wird geben!" — Frau: „Ader, Julius, bilde Dir doch keine Schwachheiten ein!"
Reklamen- und Anzeigenteil.
Hohenlohesches afermehl verhütet Erbrechen und Durchfall. Kinder, die
Milch allein nicht vertragen, oder an englischer Krankheit leiden, gedeihen vorzüglich, eebaid der Milch Hohenlohe’sches Hafermehl zugesetzt wird.